KAPITEL 17


Die Strecke nach Atlanta war fast fünfzig Meilen lang. Dauerte fast eine Stunde. Der Highway katapultierte mich direkt in die Innenstadt. Ich steuerte die höchsten Gebäude an. Sobald ich die ersten Marmorfoyers sah, parkte ich den Wagen, ging zur nächsten Ecke und fragte einen Cop nach dem Geschäftsbezirk.

Er schickte mich eine halbe Meile weiter, wo ich eine Bank nach der anderen fand. Sunrise International besaß ein eigenes Gebäude. Es war ein großer Glasturm, der etwas zurückgesetzt auf einem kleinen Platz mit Brunnen stand. Fast sah es aus wie in Mailand, aber die Eingangshalle am Fuß des Turms war mit massivem Stein verkleidet und sollte wie eine Bank in Frankfurt oder London wirken. Wie eine seriöse Großbank. Im Foyer überall dunkler Teppich und Leder. Empfangsdame hinter einer Mahagonitheke. Hätte auch ein ruhiges Hotel sein können.

Ich fragte nach Paul Hubbles Büro, und die Empfangsdame sah ein Namensverzeichnis durch. Sie sagte, es täte ihr leid, aber sie sei neu in dem Job und würde mich nicht kennen, daher solle ich so freundlich sein und warten, bis sie die Genehmigung bekäme, mich durchzulassen. Sie wählte eine Nummer und begann mit leiser Stimme ein Gespräch. Dann bedeckte sie mit einer Hand den Hörer.

»Darf ich erfahren, in welcher Eigenschaft Sie hier sind?«

»Ich bin ein Freund«, antwortete ich.

Sie setzte den Anruf fort und zeigte mir dann den Weg zu einem Aufzug. Ich solle zum Empfang in der siebzehnten Etage gehen. Ich stieg in den Lift und drückte den entsprechenden Knopf.

Die siebzehnte Etage sah noch mehr nach gediegenem Club aus als die Eingangshalle. Teppichboden, Wandvertäfelung und gedämpftes Licht. Vollgestellt mit auf Hochglanz polierten Antiquitäten und alten Bildern. Als ich durch den dicken, samtigen Teppich watete, öffnete sich eine Tür, und ein Anzugträger trat heraus, um mich in Empfang zu nehmen. Schüttelte mir die Hand und brachte mich mit großem Trara in ein kleines Vorzimmer. Er stellte sich selbst als eine Art Manager vor, und wir setzten uns.

»Also wie kann ich Ihnen helfen?« fragte er.

»Ich suche nach Paul Hubble«, sagte ich.

»Darf ich wissen, warum?«

»Er ist ein alter Freund. Ich habe mich daran erinnert, daß er sagte, er arbeite hier, und so dachte ich, ich schau mal vorbei, während ich hier bin.«

Der Typ im Anzug nickte. Senkte seinen Blick.

»Die Sache ist die«, sagte er. »Mr. Hubble arbeitet hier nicht mehr. Wir mußten ihn leider gehen lassen, vor etwa achtzehn Monaten.«

Ich nickte nur verblüfft. Dann saß ich in diesem exklusiven, kleinen Büro einfach da, sah den Mann im Anzug an und wartete. Ein bißchen Schweigen würde ihn vielleicht zum Sprechen bringen. Wenn ich ihm direkt Fragen stellte, würde er möglicherweise nicht den Mund aufmachen. Würde verschlossen sein wie ein Anwalt. Aber ich konnte sehen, daß er einer von der redseligen Sorte war. Viele dieser Manager sind das. Sie lieben es, jemandem zu imponieren, wenn sie die Chance dazu haben. Also blieb ich geduldig sitzen und wartete. Dann fing der Typ an, sich bei mir zu entschuldigen, weil ich doch Hubbles Freund war.

»Es war nicht sein Fehler, verstehen Sie mich recht«, sagte er. »Er hat ausgezeichnet gearbeitet, aber es war ein Bereich, den wir abgestoßen haben. Es war eine strategische Entscheidung, hatte geschäftliche Gründe, sehr unangenehm für diejenigen, die es betraf, aber so ist das eben.«

Ich nickte ihm zu, als verstünde ich.

»Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Das wußte ich nicht. Ich wußte ja nicht mal, was er hier eigentlich genau gemacht hat.«

Ich lächelte ihn an. Versuchte, freundlich und unwissend auszusehen. Das kostete mich nicht viel Mühe, in einer Bank.

Ich versuchte mein Bestes, um aufgeschlossen zu wirken. Was einen redseligen Typen garantiert zum Sprechen bringt. Es hatte schon etliche Male vorher funktioniert.

»Er gehörte zu unserer Privatkundenabteilung. Wir haben sie geschlossen.«

Ich sah ihn fragend an.

»Privatkunden? «

»Die Geschäfte am Schalter. Sie wissen schon: Bargeld, Schecks, Kredite für Privatkunden.«

»Und Sie haben sie geschlossen? Warum?«

»Zu teuer. Hohe Kosten, niedrige Gewinnspanne. Die Abteilung mußte weg.«

»Und Hubble gehörte dazu?«

Er nickte.

»Mr. Hubble war unser Manager für Zahlungsmittel«, erklärte er. »Das war ein wichtiger Posten. Er war sehr gut.«

»Und was genau war seine Aufgabe?« fragte ich ihn.

Der Typ wußte nicht, wie er das erklären sollte. Wußte nicht, wo er anfangen sollte. Er setzte ein paarmal dazu an und gab es dann auf.

»Wissen Sie, was Bargeld ist?« fragte er schließlich.

»Ich habe etwas«, sagte ich. »Ich weiß nicht genau, ob ich weiß, was Sie meinen.«

Er stand auf und winkte mir exaltiert zu. Wollte, daß ich ihn ans Fenster begleitete. Wir sahen uns zusammen die Leute auf der Straße an, siebzehn Etagen weiter unten. Er zeigte auf einen Mann im Anzug, der den Bürgersteig entlangeilte.

»Nehmen wir diesen Gentleman«, begann er. »Stellen wir ein paar Vermutungen an, ja? Er lebt wahrscheinlich in einem Vorort, hat vielleicht ein Ferienhaus irgendwo, zwei große Hypotheken, zwei Autos, ein halbes Dutzend Anteile von Investmentfonds, eine private Lebensversicherung, ein paar Aktien, Sparpläne für die Ausbildung der Kinder, fünf oder sechs Kreditkarten bei Banken, Geschäften und so weiter. Sollen wir sagen: Nettowert etwa eine halbe Million?«

»Okay«, sagte ich.

»Aber wieviel Bargeld hat er?« fragte mich der Mann.

»Keine Ahnung.«

»Wahrscheinlich etwa fünfzig Dollar. Fünfzig Dollar in einer Lederbrieftasche für hundertfünfzig Dollar.«

Ich sah ihn an. Wußte nicht, worauf er hinauswollte. Der Mann wechselte seine Taktik. Schlug einen geduldigen Ton an.

»Die Wirtschaft der USA ist riesig«, begann er von neuem. »Netto Vermögenswerte und Nettoverbindlichkeiten sind unermeßlich groß. Billionen von Dollars. Aber fast nichts davon erscheint wirklich in Form von Bargeld. Dieser Gentleman hat einen Nettowert von einer halben Million Dollar, aber nur fünfzig davon sind wirklich Bargeld. Der gesamte Rest findet sich auf Papier oder in Computern. Tatsache ist, daß nicht viel Bargeld im Umlauf ist. Es gibt nur ungefähr hundertdreißig Milliarden Dollar Bargeld in den gesamten Vereinigten Staaten.«

Ich blickte ihn wieder achselzuckend an.

»Klingt für mich, als wäre das genug«, sagte ich.

Der Mann sah mich streng an.

»Aber wie viele Einwohner gibt es?« fragte er mich. »Fast dreihundert Millionen. Das sind nur etwa vierhundertfünfzig Dollar Bargeld pro Kopf. Und mit diesem Problem muß sich eine Bank Tag für Tag auseinandersetzen. Würde man vierhundertfünfzig Dollar abheben, wäre das eine sehr bescheidene Summe, aber wenn sich jeder dazu entschlösse, dann hätten die hiesigen Banken im Handumdrehen kein Bargeld mehr.«

Er hielt inne und sah mich an. Ich nickte.

»Okay«, sagte ich. »Das verstehe ich.«

»Und das meiste Bargeld befindet sich nicht in Banken, sondern in Las Vegas oder auf der Rennbahn. Es ist in den sogenannten bargeldintensiven Bereichen der Wirtschaft konzentriert. Also muß ein guter Manager für Zahlungsmittel, und Mr. Hubble war einer der besten, ständig mit allen Mitteln kämpfen, um nur genug Papiergeld in unserem Teil des Systems vorrätig zu haben. Er muß seine Fühler ausstrecken und danach suchen. Er muß wissen, wo man es orten kann. Er muß es aufspüren. Das ist nicht leicht. Letzten Endes war dies einer der Faktoren, die die Privatkundenabteilung so teuer für uns machten. Einer der Gründe, warum wir sie herausgenommen haben. Wir hielten sie, solange es ging, aber am Ende mußten wir die Abteilung schließen. Wir mußten Mr. Hubble gehen lassen. Und wir bedauern das sehr.«

»Irgendeine Ahnung, wo er jetzt arbeitet?«

Er schüttelte den Kopf.

»Ich fürchte, nein.«

»Er muß doch irgendwo arbeiten, oder?«

Der Mann schüttelte erneut den Kopf.

»In unserer Berufssparte ist er aus dem Blickfeld verschwunden«, sagte er. »Er arbeitet nicht mehr im Bankwesen, da bin ich sicher. Seine Mitgliedschaft im Berufsverband wurde unmittelbar nach der Entlassung ungültig, und wir wurden nie um eine Empfehlung gebeten. Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen nicht helfen. Wenn er irgendwo im Bankwesen arbeiten würde, dann wüßte ich es, das versichere ich Ihnen. Er muß jetzt in einer anderen Branche sein.«

Ich zuckte die Achseln. Hubbles Spur war eiskalt. Und das Gespräch mit dem Typen war beendet. Seine Körpersprache verriet das. Er hatte sich vorgebeugt, bereit, aufzustehen und weiterzuarbeiten. Ich stand mit ihm auf. Dankte ihm, daß er mir seine kostbare Zeit geopfert hatte. Schüttelte ihm die Hand. Ging durch den antiken Glanz zum Aufzug. Drückte den Knopf zum Erdgeschoß und ging hinaus in die trübe, graue Luft.

Meine Annahmen waren alle falsch gewesen. Ich hatte Hubble als Banker in einem ordentlichen Beruf gesehen. Der vielleicht mal bei einem nebensächlichen Schwindel ein Auge zudrückte, der vielleicht mal seine Finger in einer nicht ganz sauberen Sache stecken hatte. Der vielleicht mal ein paar gefälschte Zahlen abzeichnete. Weil er dazu gezwungen wurde. Eine nützliche Nebenfigur, die sich die Hände schmutzig gemacht hatte, aber irgendwie nicht von zentraler Bedeutung. Aber er war kein Banker mehr. Seit eineinhalb Jahren nicht mehr. Er war ein Krimineller. Hauptberuflich. Er steckte mittendrin. War von zentraler Bedeutung. Und keineswegs eine Nebenfigur.

Ich fuhr direkt nach Margrave zum Revier zurück. Parkte und ging Roscoe suchen. Teale stolzierte im Großraumbüro herum, aber der Typ an der Theke zwinkerte mir zu und wies mich zu einem Aktenraum. Roscoe war dort. Sie sah müde aus. Sie hatte einen ganzen Arm voll alter Akten. Sie lächelte.

»Hallo, Reacher«, sagte sie. »Bist du gekommen, um mich von alldem hier zu befreien?«

»Was gibt's Neues?« fragte ich.

Sie legte den Stapel Unterlagen auf einen Schrank. Klopfte sich den Staub ab und warf die Haare zurück. Blickte zur Tür.

»Einiges. Teale hat in zehn Minuten ein Treffen mit der Stiftungskommission. Ich bekomme das Fax, sobald er hier raus ist. Und wir erwarten einen Anruf der Staatspolizei über herrenlose Wagen.«

»Wo ist die Waffe, die du mir besorgen wolltest?«

Sie schwieg. Biß sich auf die Lippe. Sie erinnerte sich daran, warum ich eine brauchte.

»Sie ist in einer Schachtel. In meinem Schreibtisch. Wir müssen warten, bis Teale weg ist. Und öffne die Schachtel nicht hier, okay? Niemand weiß etwas darüber.«

Wir verließen den Aktenraum und gingen hinüber zum Rosenholzbüro. Der Mannschaftsraum war ruhig. Die beiden von der Verstärkung am Freitag sahen Computerausdrucke durch. Überall stapelten sich Akten. Die falsche Jagd nach dem Mörder des Chefs war voll im Gange. Ich sah eine große, neue Tafel an der Wand. Auf ihr stand: Morrison. Sie war leer. Große Fortschritte waren bis jetzt nicht gemacht worden.

Wir warteten mit Finlay im Rosenholzbüro. Fünf Minuten. Zehn. Dann hörten wir ein Klopfen, und Baker steckte seinen Kopf durch die Tür. Er grinste uns an. Ich sah wieder seinen Goldzahn.

»Teale ist weg.«

Wir gingen hinaus in das Mannschaftsbüro. Roscoe stellte das Faxgerät an und griff zum Hörer, um Florida anzurufen. Finlay wählte die Staatspolizei an, um Neuigkeiten über herrenlose Mietwagen zu bekommen. Ich setzte mich an den Schreibtisch neben dem von Roscoe und rief Charlie Hubble an. Ich wählte die Nummer des Mobiltelefons, die Joe ausgedruckt und in seinem Schuh versteckt hatte. Ich bekam keine Antwort. Nur ein elektronisches Signal und eine Ansage, die mir mitteilte, daß das betreffende Telefon ausgeschaltet war.

Ich sah zu Roscoe hinüber.

»Sie hat das verdammte Telefon ausgeschaltet.«

Roscoe zuckte die Achseln und ging zum Faxgerät. Finlay sprach immer noch mit der Staatspolizei. Ich sah, daß Baker am Rand des Dreiecks herumlungerte, das wir drei bildeten. Ich stand auf und ging zu Roscoe hinüber.

»Will Baker mitmachen?« fragte ich sie.

»Scheint so. Finlay setzt ihn als eine Art Wachtposten ein. Sollen wir ihn mitmachen lassen?«

Ich dachte eine Sekunde darüber nach, schüttelte aber dann den Kopf.

»Nein, je weniger wir bei einer solchen Sache sind, desto besser, oder?«

Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch, den ich mir ausgewählt hatte, und versuchte es noch mal mit der Telefonnummer. Dasselbe Ergebnis. Dieselbe geduldige Stimme, die mir mitteilte, daß das Telefon ausgeschaltet war.

»Verdammt«, sagte ich zu mir selbst. »Ist das zu glauben?«

Ich mußte wissen, wo Hubble die letzten anderthalb Jahre verbracht hatte. Charlie konnte mir vielleicht einen Hinweis geben. Um welche Zeit er morgens das Haus verlassen hatte, wann er abends wiedergekommen war, Quittungen über Straßengebühren, Restaurantrechnungen, so was. Und ihr war womöglich doch etwas im Zusammenhang mit Sonntag oder mit Pluribus eingefallen. Es war möglich, daß sie etwas Brauchbares sagte. Und ich brauchte etwas Derartiges. Ich brauchte es ziemlich dringend. Und sie hatte das verdammte Telefon ausgeschaltet.

»Reacher?« rief Roscoe. »Ich habe die Sachen über Sherman Stoller.«

Sie hielt ein paar Faxseiten in der Hand. Dicht bedruckt.

»Großartig«, sagte ich. »Werfen wir mal einen Blick drauf.«

Finlay kam von seinem Apparat zu uns herüber.

»Die Jungs von der Staatspolizei rufen zurück. Vielleicht haben sie was für uns.«

»Großartig«, sagte ich noch einmal. »Vielleicht bringt uns das weiter.«

Wir gingen zurück ins Rosenholzbüro. Breiteten das Zeug über Sherman Stoller auf dem Schreibtisch aus und beugten uns darüber. Es war ein Verhaftungsprotokoll aus einem Police Department in Jacksonville, Florida.

»Blind Blake wurde in Jacksonville geboren«, sagte ich. »Wußtet ihr das?«

»Wer ist Blind Blake?« fragte Roscoe.

»Ein Sänger«, sagte Finlay.

»Ein Gitarrenspieler, Finlay«, ergänzte ich.

Sherman Stoller war wegen Geschwindigkeitsübertretung von einem Radarwagen auf einer Brücke zwischen Jacksonville und Jacksonville Beach in einer Septembernacht vor zwei Jahren um Viertel vor zwölf angehalten worden. Er war in einem kleinen Lieferwagen fünfzehn Meilen zu schnell gefahren. Er wurde extrem nervös und ausfallend gegenüber der Crew des Radarwagens. Deshalb wurde er wegen des Verdachts auf Fahren unter Alkoholeinfluß festgenommen. Im Hauptrevier von Jacksonville wurden Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen, und er und sein Wagen wurden durchsucht. Er nannte eine Adresse in Atlanta und gab als Beruf Lkw-Fahrer an.

Die Durchsuchung seiner Person brachte kein Ergebnis. Sein Lieferwagen wurde mit Hunden durchsucht, ebenfalls ohne Ergebnis. Der Wagen enthielt nur eine Ladung mit zwanzig neuen Klimaanlagen, die für den Export von Jacksonville Beach aus verpackt worden waren. Die Kartons waren versiegelt und mit dem Logo des Herstellers versehen, und jeder Karton war mit einer Seriennummer beschriftet.

Nachdem Stoller seine Rechte erklärt worden waren, hatte er einen Anruf gemacht. Zwanzig Minuten nach dem Anruf war ein Anwalt namens Perez von der angesehenen Kanzlei Zacarias Perez in Jacksonville da, und nach weiteren zehn Minuten war Stoller frei. Von dem Zeitpunkt, als er herausgewinkt worden war, bis zu dem, als er mit seinem Anwalt verschwand, waren fünfundfünfzig Minuten vergangen.

»Interessant«, sagte Finlay. »Der Mann ist dreihundert Meilen von seiner Heimatstadt entfernt, es ist Mitternacht, und er kommt innerhalb von zwanzig Minuten mit Hilfe eines Anwalts raus. Aus einer angesehenen Kanzlei. Stoller muß ein ganz besonderer Lkw-Fahrer gewesen sein, soviel ist sicher.«

»Kennst du seine Adresse?« fragte ich Roscoe.

Sie schüttelte den Kopf.

»Noch nicht. Aber ich kann sie herausfinden.«

Die Tür ging auf, und Baker steckte wieder seinen Kopf herein.

»Die Staatspolizei ist am Telefon«, sagte er. »Hört sich an, als hätten sie einen Wagen für Sie.«

Finlay sah auf die Uhr. Entschied, daß noch Zeit war, bevor Teale zurückkam.

»Okay, stellen Sie durch, Baker.«

Finlay nahm den Hörer vom Telefon des großen Schreibtischs, machte sich ein paar Notizen und grunzte ein Danke. Hängte ein und stand auf.

»Okay«, sagte er. »Sehen wir uns die Sache mal an.«

Wir gingen rasch miteinander hinaus. Wir mußten die Sache klären, bevor Teale zurückkam und anfing, Fragen zu stellen. Baker sah uns gehen. Rief hinter uns her.

»Was soll ich Teale sagen?« fragte er.

»Sagen Sie ihm, wir haben den Wagen gefunden«, sagte Finlay. »Der, mit dem der verrückte Exsträfling zu Morrisons Haus gefahren ist. Sagen Sie ihm, wir machen wirklich Fortschritte, okay?«

Dieses Mal fuhr Finlay. Er hatte einen Chevy, das gleiche Modell wie Roscoe. Er fuhr damit holpernd vom Parkplatz und bog nach Süden. Beschleunigte auf seiner Fahrt durch die kleine Stadt. Die ersten paar Meilen waren die Strecke runter nach Yellow Springs, aber dann bogen wir auf einen Weg ab, der direkt nach Osten verlief. Er führte hinaus zum Highway und endete auf einer Art Wartungsplatz direkt unter der Fahrbahn. Dort stapelten sich Asphaltplatten, und Teerfässer lagen herum. Und ein Wagen. Er war vom Highway heruntergestürzt worden und lag auf dem Dach. Und er war ausgebrannt.

»Sie haben ihn Freitag morgen entdeckt«, sagte Finlay. »Donnerstag war er noch nicht hier, da sind sie sich sicher. Es könnte der Wagen von Joe gewesen sein.«

Wir sahen ihn uns äußerst vorsichtig an. Viel war nicht zu sehen. Er war total ausgebrannt. Alles, was nicht aus Stahl war, war verschwunden. Wir konnten noch nicht mal sehen, welche Marke es war. Wegen seiner Form hielt Finlay ihn für ein Modell von General Motors, aber wir konnten nicht genau sagen, ob das stimmte. Es war eine mittelgroße Limousine gewesen, und wenn erst mal die Plastikverkleidung weg ist, kann man einen Buick, einen Chevy und einen Pontiac nicht mehr voneinander unterscheiden.

Ich bat Finlay, die vordere Stoßstange abzustützen, und dann kroch ich unter die umgedrehte Motorhaube. Sah nach der Nummer, die zwischen Motorhaube und Windschutzscheibe eingestanzt ist. Ich mußte ein bißchen verbrannten Lack abkratzen, aber dann fand ich den schmalen Aluminiumstreifen und konnte den größten Teil der Nummer erkennen. Kroch wieder zurück und teilte sie Roscoe mit. Sie schrieb sie auf.

»Was meinen Sie?« fragte Finlay.

»Er könnte es gewesen sein«, sagte ich. »Sagen wir, er hat ihn am Donnerstag abend am Flughafen in Atlanta gemietet, mit vollem Tank. Ist zum Lagerhaus an der Abfahrt nach Margrave gefahren, dann hat ihn hinterher jemand hierhergefahren. Da waren erst ein paar Liter verbraucht. Noch genug übrig zum Abfackeln.«

Finlay nickte.

»Das ergibt Sinn«, sagte er. »Aber es müssen Typen aus der Gegend gewesen sein. Dies ist ein großartiger Platz, um einen Wagen loszuwerden, richtig? Man zieht ihn oben auf den Randstreifen, die Räder in den Staub, schiebt den Wagen über den Rand, klettert runter und zündet ihn an, dann springt man zurück zu seinem Kumpel, der schon mit dem eigenen Wagen auf einen wartet, und weg ist man. Aber man muß dafür über diesen kleinen besonderen Platz Bescheid wissen. Und nur einer von hier kann darüber Bescheid wissen, oder?«

Wir ließen das Wrack, wo es war. Fuhren zurück zum Revier. Der Wachhabende hatte auf Finlay gewartet.

»Teale will Sie im Büro sehen«, sagte er.

Finlay stöhnte und setzte sich in Bewegung, aber ich hielt ihn am Arm fest.

»Lassen Sie ihn reden«, sagte ich. »Damit Roscoe die Möglichkeit hat, die Nummer des Wagens durchzugeben.«

Er nickte und ging weiter. Roscoe und ich steuerten ihren Schreibtisch an. Sie nahm den Hörer, aber ich hielt sie zurück.

»Gib mir die Waffe«, flüsterte ich. »Bevor Teale mit Finlay fertig ist.«

Sie nickte und sah sich um. Setzte sich und nahm ihre Schlüssel vom Gürtel. Schloß den Schreibtisch auf und zog eine der unteren Schubladen heraus. Wies nickend auf eine flache Pappschachtel. Ich nahm sie heraus. Es war eine ungefähr fünf Zentimeter hohe Schachtel zum Aufbewahren von Papieren. Die Pappe war künstlich auf Holz getrimmt. Jemand hatte einen Namen obendrauf geschrieben. Gray. Ich steckte sie mir unter den Arm und nickte Roscoe zu. Sie schob die Schublade zu und verschloß sie wieder.

»Danke«, sagte ich. »Jetzt ruf an, okay?«

Ich ging hinüber zum Eingang und stieß die schwere Glastür mit meinem Rücken auf. Trug die Schachtel zum Bentley. Legte sie auf das Wagendach und schloß die Tür auf. Stellte die Schachtel auf dem Beifahrersitz ab und stieg in den Wagen. Legte die Schachtel auf meinen Schoß. Sah, wie eine braune Limousine ungefähr hundert Meter weiter nördlich ihre Geschwindigkeit verringerte.

Zwei Latinos saßen drin. Es war derselbe Wagen, den ich einen Tag vorher vor Charlie Hubbles Haus gesehen hatte. Dieselben Männer. Kein Zweifel. Ihr Wagen hielt etwa fünfundsiebzig Meter vom Polizeirevier entfernt. Ich sah, wie er ruhig ausrollte, als wäre der Motor ausgeschaltet worden. Keiner der Männer stieg aus. Sie saßen einfach nur da, fünfundsiebzig Meter entfernt und beobachteten den Revierparkplatz. Es schien mir, als würden sie direkt auf den Bentley blicken. Als hätten meine neuen Freunde mich gefunden. Sie hatten den ganzen Morgen nach mir gesucht. Jetzt brauchten sie nicht mehr weiterzusuchen. Sie bewegten sich nicht. Saßen einfach nur da und beobachteten mich. Ich beobachtete sie meinerseits, länger als fünf Minuten. Sie würden nicht aussteigen. Das konnte ich sehen. Sie blieben, wo sie waren. Also wandte ich meine Aufmerksamkeit wieder der Schachtel zu.

Sie enthielt eine Patronenschachtel und die Waffe. Eine höllische Waffe. Es war eine Desert Eagle Automatic. Ich hatte schon mal eine benutzt. Sie kommen aus Israel. Wir bekamen sie früher im Austausch gegen allen möglichen Kram, den wir rüberschickten. Ich nahm sie heraus. Sehr schwer, ein Vierzehn-Inch-Lauf, länger als fünfundvierzig Zentimeter insgesamt. Ich ließ das Magazin herausspringen. Dies war die 44er-Version mit acht Schüssen. Dazu brauchte man acht 44er- Magnumgeschosse. Nicht gerade eine subtile Waffe. Die Geschosse wiegen ungefähr zweimal soviel wie die 38er in einem Polizeirevolver. Sie verlassen den Lauf schneller als der Schall, Sie treffen mit fast soviel Wucht auf das Ziel, als würden zwei Züge aufeinanderprallen. Subtil ist das nicht. Die Munition ist ein Problem. Man hat die Wahl. Wenn man sie mit einem Hartmantelgeschoß lädt, dann geht die Kugel glatt durch den Typen, auf den man schießt, und wahrscheinlich glatt durch den einen oder anderen Typen in hundert Meter Entfernung. Wenn man aber ein Teilmantelgeschoß benutzt, dann schlägt es ein Loch von der Größe einer Mülltonne in den Gegner. Man hat die Wahl.

Die Patronen in der Schachtel waren alle Teilmantelgeschosse. Das war in Ordnung. Ich überprüfte die Waffe. Brutal, aber in gutem Zustand. Alles funktionierte. Im Griff war ein Name eingraviert, Gray. Der tote Detective, der Vorgänger von Finlay. Hatte sich letzten Februar aufgehängt. Mußte ein Waffennarr gewesen sein. Dies war ganz bestimmt nicht seine Dienstwaffe. Kein Police Department der Welt würde zulassen, daß eine solche Kanone im Dienst benutzt wurde. Sie war viel zu schwer und unberechenbar.

Ich lud die große Waffe des toten Detectives mit acht seiner Patronen. Steckte die restlichen zurück in die Schachtel und deponierte sie auf dem Boden des Wagens. Lud durch und sicherte. Durchladen und sichern hieß früher die Parole. Spart einem eine halbe Sekunde vor dem ersten Schuß. Rettet einem vielleicht das Leben. Ich legte die Waffe in das Handschuhfach des Bentley. Sie paßte gerade so hinein.

Dann blieb ich einen Moment lang sitzen und beobachtete die beiden Männer in ihrem Wagen. Sie hatten mich immer noch im Visier. Wir blickten uns aus einer Entfernung von fünfundsiebzig Metern an. Sie wirkten entspannt und ganz so, als würden sie sich wohl fühlen. Aber sie beobachteten mich. Ich stieg aus dem Bentley und schloß ihn wieder ab. Ging zurück zum Eingang und zog die Tür auf. Blickte noch einmal zur braunen Limousine hinüber. Sie waren immer noch da.

Roscoe saß an ihrem Schreibtisch und telefonierte. Sie winkte. Sah aufgeregt aus. Hob ihre Hand, damit ich wartete. Ich beobachtete die Tür zum Rosenholzbüro. Hoffte, daß Teale nicht rauskam, bevor sie ihren Anruf beendet hatte.

Er kam in dem Moment heraus, als sie auflegte. Er war hochrot im Gesicht. Sah wütend aus. Stampfte durch den Mannschaftsraum und stieß seinen schweren Stock auf den Boden. Starrte zu der großen, leeren Tafel. Finlay steckte den Kopf durch die Tür seines Büros und winkte mich hinein. Ich sah Roscoe achselzuckend an und ging, um zu hören, was Finlay zu sagen hatte.

»Was war los?« fragte ich ihn.

Er lachte.

»Ich habe ihn auf die Palme gebracht. Er fragte, was das solle, daß wir nach einem Wagen suchten. Ich sagte, das hätten wir gar nicht. Sagte, wir hätten Baker erklärt, wir würden was für unseren Magen suchen, aber er hätte verstanden, wir suchten einen Wagen.«

»Seien Sie vorsichtig, Finlay«, sagte ich. »Das sind Killer. Und das ist ein großer Deal.«

Er zuckte die Achseln.

»Es macht mich aber ganz verrückt. Ich brauche ein bißchen Spaß, klar?«

Er hatte zwanzig Jahre in Boston überlebt. Vielleicht würde er auch dies überleben.

»Was ist mit Picard?« fragte ich ihn, »Haben Sie etwas von ihm gehört?«

»Nichts, nur, daß er sich bereithält.«

»Besteht die Möglichkeit, daß er ein paar Männer abgestellt hat, um uns zu überwachen?«

Finlay schüttelte den Kopf. Sah aus, als sei er sich sicher,

»Unmöglich«, sagte er. »Nicht, ohne es mir vorher zu sagen. Warum?«

»Da beobachten ein paar Typen dieses Gebäude«, erwiderte ich. »Seit zehn Minuten. In einer unauffälligen, braunen Limousine. Sie waren gestern bei Hubbles Haus, und heute morgen haben sie in der ganzen Stadt nach mir gefragt.«

Er schüttelte wieder den Kopf.

»Das sind nicht Picards Leute«, versicherte er mir. »Er hätte es mir gesagt.«

Roscoe kam herein und schloß die Tür. Hielt ihre Hand dagegen, als könnte Teale hinter ihr hereinplatzen.

»Ich habe in Detroit angerufen. Es war ein Pontiac. Vor vier Monaten ausgeliefert. Er gehörte zu einer großen Bestellung für den Wagenpark einer Mietwagenfirma. Die DMV kümmert sich um die Registrierung. Ich habe gesagt, sie sollen Picard in Atlanta anrufen. Die Leute von der Mietwagenfirma können ihm vielleicht erzählen, an wen der Wagen verliehen wurde. Das könnte uns weiterbringen.«

Ich fühlte, daß ich Joe näher kam. Als hörte ich ein schwaches Echo.

»Großartig«, sagte ich zu ihr. »Gute Arbeit, Roscoe. Ich bin weg. Hole dich um sechs hier ab. Ihr zwei bleibt zusammen, klar? Haltet euch den Rücken frei.«

»Wo gehen Sie hin?« fragte Finlay.

»Ich mache eine Fahrt aufs Land.«

Ich ließ sie im Büro zurück und ging zum Eingang. Stieß die Tür auf und trat hinaus. Sah nach Norden. Die Limousine stand immer noch da, fünfundsiebzig Meter entfernt. Die beiden Typen saßen immer noch drin. Immer noch auf Beobachtungsposten. Ich ging zum Bentley. Schloß die Tür auf und stieg ein. Fuhr vom Parkplatz herunter auf die Landstraße. In einem langsamen, weiten Bogen. Fuhr langsam an den beiden Typen vorbei und weiter in Richtung Norden. Im Spiegel sah ich, daß die Limousine startete. Sah, wie sie auf die Straße zog. Sie beschleunigte in Richtung Norden und setzte sich hinter mich. Als würde ich an einem langen, unsichtbaren Seil ziehen. Wenn ich langsamer wurde, wurde sie langsamer. Wenn ich schneller wurde, wurde auch sie schneller. Wie bei einem Spiel.