KAPITEL 19


Wir stiegen in den Chevy, und sie schaltete das Licht an. Zog das Foto aus ihrer Tasche. Lehnte sich herüber und hielt das Bild so, daß die glänzende Oberfläche im Licht lag. Überprüfte es sorgfältig. Gab es mir.

»Sieh auf den Rand«, sagte sie. »Auf der linken Seite.«

Das Bild zeigte Sherman Stoller, der vor einem gelben Lieferwagen stand. Paul Hubble stand abgewandt im Hintergrund. Die beiden Gestalten und der Wagen füllten das gesamte Bild, abgesehen von einem Keil Asphalt am unteren Rand. Und einem dünnen Rand im linken Hintergrund. Dieser Ausschnitt war sogar noch verschwommener als Hubble, aber ich konnte den Rand eines modernen Metallgebäudes mit einer silberfarbenen Verkleidung sehen. Einen großen Baum dahinter. Den Rahmen einer Tür. Es war ein großes Rolltor, hochgezogen. Der Rahmen war dunkelrot. Irgendein Industrieanstrich. Teils dekorativ, teils Rostschutz. Eine Art Schuppentür. Im Innern des Gebäudes war es dunkel.

»Das ist Kliners Lagerhaus«, sagte sie. »Am Ende der Landstraße.«

»Bist du sicher?«

»Ich erkenne den Baum wieder«, antwortete sie.

Ich sah noch einmal hin. Es war ein charakteristischer Baum. Auf der einen Seite völlig abgestorben. Vielleicht von einem Blitz gespalten.

»Das ist Kliners Lagerhaus«, sagte sie noch einmal. »Kein Zweifel.«

Dann schaltete sie ihr Autotelefon ein und nahm das Foto zurück. Wählte die Zulassungsstelle in Atlanta an und gab die Nummer von Stollers Lieferwagen durch. Wartete und klopfte mit ihrem Zeigefinger auf das Lenkrad. Ich hörte, wie die Antwort durch den Hörer kam. Dann schaltete sie das Telefon aus und wandte sich zu mir um.

»Der Wagen ist auf Kliner Industries zugelassen«, sagte sie. »Und die Adresse ist Zacarias Perez, Rechtsanwälte, Jacksonville, Florida.«

Ich nickte. Sie nickte zurück. Sherman Stollers Helfer. Die ihn vor zwei Jahren nach genau fünfundfünfzig Minuten aus dem Revier in Jacksonville herausgeholt hatten.

»Okay«, sagte sie. »Bringen wir alles auf den Punkt. Hubble. Stoller. Joes Untersuchung. Sie drucken Falschgeld in Kliners Lagerhaus, richtig?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Falsch«, sagte ich. »Es wird kein Falschgeld innerhalb der Staaten gedruckt. Das passiert nur im Ausland. Molly Beth Gordon hat mir das erzählt, und sie muß wissen, was sie sagt. Sie behauptet, Joe hätte so was unmöglich gemacht. Und was immer auch Stoller getan hat, Judy sagt, daß er damit vor einem Jahr aufgehört hat. Und Finlay sagt, daß Joe das Ganze erst vor einem Jahr begonnen hat. Ungefähr zur selben Zeit, als Hubble Stoller feuerte.«

Roscoe nickte. Zuckte die Achseln.

»Wir brauchen Mollys Hilfe«, sagte sie. »Wir brauchen eine Kopie von Joes Unterlagen.«

»Oder Picards Hilfe. Vielleicht finden wir Joes Hotelzimmer und bekommen die Originalunterlagen in die Hände. Schauen wir mal, wer schneller ist und uns anruft, Molly oder Picard.«

Roscoe schaltete das Licht aus. Startete den Wagen für die Rückfahrt zum Flughafenhotel. Ich streckte mich gähnend neben ihr aus. Ich konnte spüren, daß sie nervös wurde. Sie hatte jetzt nichts mehr zu tun. Keine Ablenkung mehr. Jetzt hatte sie sich den stillen, gefährlichen Nachtstunden zu stellen. Der ersten Nacht nach der letzten. Die Aussicht beunruhigte sie.

»Hast du die Waffe, Reacher?«

Ich drehte mich auf dem Sitz herum, um ihr Gesicht zu sehen.

»Sie ist im Kofferraum«, sagte ich. »In der Schachtel. Du hast sie da reingetan, erinnerst du dich?«

»Nimm sie mit aufs Zimmer, okay? Dann fühle ich mich besser.«

Ich grinste schläfrig in die Dunkelheit. Gähnte.

»Ich fühle mich dann auch besser«, sagte ich. »Es ist eine höllische Waffe.«

Dann verfielen wir wieder in Schweigen. Roscoe fand den Hotelparkplatz. Wir stiegen aus dem Wagen und streckten uns in der Dunkelheit. Ich öffnete den Kofferraum. Nahm die Schachtel heraus und schlug den Kofferraumdeckel zu. Wir gingen ins Hotel, durch die Lobby und fuhren mit dem Aufzug hinauf.

Im Zimmer angekommen, wollten wir nur noch schlafen. Roscoe legte ihre glänzende 38er neben ihr Bett auf den Teppich. Ich lud meine riesige 44er und legte sie auf meine Seite. Durchgeladen und gesichert. Wir klemmten einen Stuhl unter den Türknauf. Roscoe fühlte sich sicherer so.


Ich wachte früh auf, lag im Bett und dachte an Joe. Mittwoch morgen. Nun war er schon fünf volle Tage tot. Roscoe war bereits auf. Sie stand mitten im Zimmer und streckte sich. Eine Art Yoga-Übung. Sie hatte geduscht und war nur halb angezogen. Sie hatte keine Unterhose an. Nur ein Hemd. Ihr Rücken war mir zugewandt. Als sie sich streckte, glitt das Hemd nach oben. Plötzlich dachte ich nicht mehr an Joe.

»Roscoe?«

»Was?«

»Du hast den wunderbarsten Hintern auf dem ganzen Planeten.«

Sie kicherte. Ich warf mich auf sie. Konnte nicht anders. Sie machte mich verrückt. Es war dieses Kichern, das es mir angetan hatte. Es machte mich wirklich verrückt. Ich trug sie zurück in das große Hotelbett. Das Gebäude hätte einstürzen können, wir hätten es nicht bemerkt. Wir endeten erschöpft in einem Knäuel. Blieben eine Weile liegen. Dann stand Roscoe noch einmal auf und duschte sich zum zweiten Mal an diesem Morgen. Zog sich wieder an. Mit Unterhose und allem Drum und Dran. Grinste zu mir herüber, als wollte sie sagen, daß sie mich damit vor weiterer Versuchung bewahrte.

»Du meinst das wirklich?«

»Was meine ich?« fragte ich lächelnd.

»Du weißt schon«, lächelte sie zurück. »Daß ich einen hübschen Hintern habe.«

»Ich habe nicht gesagt, daß du einen hübschen Hintern hast«, erwiderte ich. »Ich habe viele hübsche Hintern gesehen. Ich sagte, deiner sei der wunderbarste Hintern auf dem ganzen Planeten.«

»Und du meinst das wirklich?«

»Darauf kannst du wetten«, sagte ich. »Unterschätze nicht die Anziehungskraft deines Hinterns, Roscoe, was auch immer du tust.«

Ich bestellte beim Zimmerservice Frühstück. Entfernte den Stuhl vom Türknauf, damit der kleine Wagen durchkonnte. Zog die schweren Vorhänge auf. Es war ein herrlicher Morgen. Ein leuchtendblauer Himmel, nicht die kleinste Wolke, strahlende Herbstsonne. Das Zimmer war lichtdurchflutet. Wir öffneten das Fenster und ließen Luft und die Gerüche und Geräusche des Tages herein. Die Aussicht war überwältigend. Ging geradewegs über den Flughafen und die Innenstadt dahinter. Die Autos auf den Parkplätzen spiegelten das Sonnenlicht und sahen aus wie Juwelen auf beigefarbenem Samt. Die Flugzeuge bahnten sich ihren Weg in die Höhe und schwenkten langsam wie dicke, gewichtige Vögel außer Sicht. Die Gebäude in der Stadt ragten aufrecht und hoch in den Himmel. Ein herrlicher Morgen. Aber es war der sechste Morgen, den mein Bruder nicht mehr erlebte.

Roscoe rief vom Hotelzimmer aus Finlay in Margrave an. Sie erzählte ihm von dem Foto, auf dem Hubble und Stoller in der Sonne auf dem Vorhof des Lagerhauses standen. Dann gab sie ihm unsere Zimmernummer und bat ihn, uns anzurufen, wenn sich Molly aus Washington melden sollte. Oder wenn Picard irgendwelche Informationen der Mietwagenleute über den ausgebrannten Pontiac hätte. Ich fand es besser, in Atlanta zu bleiben, falls Picard Molly schlug und wir eine Spur von Joes Hotel hätten. Es war ziemlich wahrscheinlich, daß er in der Innenstadt, vielleicht in der Nähe des Flughafens, gewohnt hatte. Sinnlos, nach Margrave zu fahren und dann wieder nach Atlanta zurück zu müssen. Also warteten wir. Ich fummelte am Radio herum, das in den Nachttisch eingebaut war. Fand einen Sender, der was halbwegs Anständiges spielte. Hörte sich an wie ein frühes Album von Canned Heat. Ein munterer, fröhlicher Sound, gerade richtig an einem strahlenden, freien Morgen.

Das Frühstück kam, und wir aßen. Die ganze Palette. Pfannkuchen, Sirup, Schinken. Viel Kaffee in einer großen Porzellankanne. Danach legte ich mich wieder aufs Bett. Schon sehr bald stellte sich bei mir Unruhe ein. Ich bekam das Gefühl, als wäre es ein Fehler, zu warten. Ich hatte das Gefühl, nichts zu tun. Ich konnte sehen, daß es Roscoe ebenso ging. Sie hatte das Foto von Hubble, Stoller und dem gelben Lieferwagen auf den Nachttisch gelegt und starrte darauf. Ich starrte aufs Telefon. Es klingelte nicht. Wir liefen wartend im Zimmer herum. Dann bückte ich mich, um die Desert Eagle vom Boden zu nehmen. Wog sie in meiner Hand. Folgte mit einem Finger dem eingravierten Namen auf dem Griff. Sah zu Roscoe hinüber. Ich wollte etwas über den Mann wissen, der diese schwere Automatik gekauft hatte.

»Was war Gray für ein Mann?«

»Gray?« fragte sie. »Er war äußerst gründlich. Du willst Joes Unterlagen? Du solltest mal Grays Unterlagen sehen. Es gibt Akten über fünfundzwanzig Jahre im Revier, alle von ihm. Alle peinlich genau und umfassend. Gray war ein guter Detective.«

»Warum hat er sich dann aufgehängt?«

»Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Ich habe es nie verstanden.«

»War er depressiv?«

»Nicht wirklich«, sagte sie. »Ich meine, er war immer irgendwie deprimiert. Trübsinnig, verstehst du? Ein sehr düsterer Mann. Und gelangweilt. Er war ein guter Detective, und an Margrave war er verschwendet. Aber im Februar war es nicht schlimmer als sonst. Es kam total überraschend für mich. Ich war ziemlich bestürzt.«

»Habt ihr euch nahegestanden?«

Sie zuckte die Schultern.

»Ja, irgendwie. Auf eine gewisse Weise standen wir uns sehr nahe. Er war ein düsterer Mensch, der niemandem wirklich nahestand. Nie verheiratet, immer allein gelebt, keine Verwandten. Er war Abstinenzler, also ging er nie mit jemandem ein Bier trinken. Er war still, schmuddelig und ein bißchen übergewichtig. Kahlköpfig, mit einem langen, ungepflegten Bart. Ein sehr selbstgenügsamer Mann. Ein echter Einzelgänger. Aber er stand mir so nahe, wie es für ihn überhaupt möglich war. Auf eine bestimmte Art mochten wir uns.«

»Und er hat nie etwas gesagt?« fragte ich sie. »Hat sich eines Tages einfach aufgehängt?«

»Genauso war es. Ein totaler Schock. Ich habe es nie verstanden.«

»Und wieso hast du seine Waffe in deinem Schreibtisch versteckt?«

»Er fragte mich, ob ich sie für ihn aufbewahren könne«, erwiderte sie. »Er hatte keinen Platz in seinem eigenen Schreibtisch. Er hat eine Menge Papierkram produziert. Er fragte mich einfach, ob ich eine Schachtel mit einer Waffe für ihn aufbewahren könne. Es war seine Privatwaffe. Er sagte, die bekäme er niemals vom Department genehmigt, weil das Kaliber zu groß sei. Er machte daraus ein großes Geheimnis.«

Ich legte die geheime Waffe des toten Mannes zurück auf den Teppich, dann wurde die Stille vom Klingeln des Telefons beendet. Ich rannte zum Nachttisch und nahm den Hörer ab. Hörte Finlays Stimme. Ich umklammerte den Hörer und hielt die Luft an.

»Reacher? Picard hat, was wir brauchen. Er hat die Spur des Wagens zurückverfolgt.«

Ich atmete aus und nickte Roscoe zu.

»Großartig Finlay«, sagte ich. »Wie komme ich an die Information?«

»Gehen Sie in sein Büro. Er wird Ihnen dort alles selbst ausführlich erzählen. Ich will hier nicht soviel übers Telefon laufen lassen.«

Ich schloß eine Sekunde lang meine Augen und fühlte, wie mich eine Woge der Energie durchströmte.

»Danke, Finlay. Wir sprechen uns später.«

»Okay, aber seien Sie vorsichtig, klar?«

Dann legte er auf und ließ mich mit meinem Telefon sitzen. Ich lächelte.

»Ich dachte schon, er würde nie anrufen«, lachte Roscoe. »Aber ich schätze, achtzehn Stunden sind gar nicht so schlecht, selbst für das FBI, oder?«


Das FBI war in Atlanta in einem neuen Bundesgebäude in der Innenstadt untergebracht. Roscoe parkte direkt davor. Die Empfangsdame rief oben an und teilte uns mit, daß Special Agent Picard sofort herunterkommen werde, um mit uns zu sprechen. Wir warteten in der Lobby auf ihn. Es war eine große Halle, der man den tapferen Versuch ansah, freundlich zu wirken, doch besaß sie immer noch die düstere Atmosphäre, die für Regierungsgebäude typisch ist. Picard stieg nach drei Minuten aus einem Aufzug. Mit großen Schritten kam er zu uns herüber. Er schien die gesamte Halle auszufüllen. Er nickte mir zu und nahm Roscoes Hand.

»Habe von Finlay viel über Sie gehört«, sagte er.

Seine Bärenstimme grollte. Roscoe nickte und lächelte.

»Der Wagen, den Finlay gefunden hat, war ein gemieteter Pontiac. Wurde an Joe Reacher verliehen. Im Flughafen von Atlanta. Donnerstag abend um acht.«

»Großartig, Picard«, sagte ich. »Haben Sie eine Ahnung, wo er sich verkrochen hatte?«

»Mehr als eine Ahnung, mein Freund. Die Firma hatte die exakte Adresse. Der Wagen war vorbestellt. Er wurde direkt zu seinem Hotel gebracht.«

Er nannte ein Hotel, das eine Meile von unserem entfernt lag.

»Danke, Picard. Ich schulde Ihnen was.«

»Kein Problem, mein Freund. Sie sind jetzt aber bitte vorsichtig, okay?«

Er ging zurück zum Aufzug, und wir fuhren zurück zum Flughafen. Roscoe bog auf die Umgehungsstraße ein und beschleunigte im Strom der Wagen. Hinter einer Leitplanke tauchte ein schwarzer Pick-up auf. Nagelneu. Ich drehte mich um und konnte noch einen Blick darauf werfen, als er hinter einer Ansammlung von Lkws verschwand. Schwarz. Nagelneu. Wahrscheinlich hatte das nichts zu sagen. Hier unten wurden viele Pick-ups verkauft.

Roscoe zückte ihre Dienstmarke an der Rezeption des Hotels, in dem Joe laut Picard am Donnerstag eingecheckt hatte. Die Angestellte sah in ihrem Computer nach und teilte uns mit, daß Joe in Zimmer 621 gewohnt hatte, sechster Stock, am hinteren Ende des Gangs. Sie sagte, ein Manager würde sich oben mit uns treffen. Also fuhren wir mit dem Aufzug hinauf und gingen einen dunklen Gang entlang. Warteten vor Joes Zimmertür.

Der Manager kam sofort und öffnete das Zimmer mit seinem Generalschlüssel. Wir gingen hinein. Das Zimmer war leer. Es war aufgeräumt und gesäubert worden. Es sah aus, als sei es für neue Gäste bereit.

»Was ist mit seinen Sachen?« sagte ich. »Wo sind die?«

»Wir haben das Zimmer am Samstag ausgeräumt«, sagte der Manager. »Der Gast hat Donnerstag abend eingecheckt und sollte Freitag morgen um elf Uhr das Zimmer räumen. Wir gaben ihm, wie das üblich ist, noch einen Tag, und als er dann nicht auftauchte, haben wir seine Sachen ausgeräumt und zur Hauswirtschaft gebracht.«

»Also sind seine Sachen irgendwo in einem Schrank?« fragte ich.

»Unten«, sagte der Manager. »Sie sollten sehen, was wir da alles haben. Die Leute vergessen ständig irgendwas.«

»Also können wir einen Blick darauf werfen?«

»Im Keller«, sagte er. »Nehmen Sie die Treppe von der Lobby aus. Sie werden es schon finden.«

Der Manager spazierte davon. Roscoe und ich gingen den langen Korridor zurück und fuhren mit dem Aufzug nach unten. Wir fanden die Personaltreppe und gingen hinunter in den Keller. Die Hauswirtschaft war eine riesige, mit Bettwäsche und Handtüchern vollgestopfte Halle. Dort gab es alle möglichen Körbe mit Seifen und Shampoos, wie man sie in der Dusche findet. Zimmermädchen kamen mit ihren Servicewagen herein und gingen hinaus. In der vorderen Ecke war ein Büro durch Glaswände abgetrennt, darin saß eine Frau an einem kleinen Schreibtisch. Wir gingen hinüber und klopften an das Glas. Sie blickte auf. Roscoe zeigte ihre Dienstmarke.

»Kann ich helfen?« fragte die Frau.

»Zimmer sechs-zwei-eins«, sagte Roscoe. »Sie haben ein paar persönliche Sachen ausgeräumt, Samstag morgen. Haben Sie die hier unten?«

Ich hielt wieder den Atem an.

»Sechs-zwei-eins?« wiederholte die Frau. »Er hat sie schon abgeholt. Sie sind weg.«

Ich atmete aus. Wir waren zu spät gekommen. Vor Enttäuschung erstarrte ich.

»Wer hat sie abgeholt?« fragte ich. »Und wann?«

»Der Gast«, sagte die Frau. »Heute morgen, vielleicht um neun, halb zehn.«

»Und wie hieß er?« fragte ich sie.

Die Frau zog ein kleines Buch aus einem Regal und öffnete es. Befeuchtete einen dicklichen Finger und zeigte auf eine Linie.

»Joe Reacher. Er hat hier unterschrieben und dann seine Sachen genommen.«

Sie drehte das Buch um und schob es zu uns herüber. Auf der Linie sah man eine hingekritzelte Unterschrift.

»Wie sah dieser Reacher aus?«

Sie zuckte die Schultern.

»Fremdländisch«, sagte sie. »Wie ein Latino. Vielleicht aus Kuba? Kleiner, dunkler Bursche, schlank, nettes Lächeln. Ein sehr höflicher Mann, soweit ich mich erinnere.«

»Haben Sie eine Liste von den Sachen?«

Sie fuhr mit dem dicklichen Finger an der Linie entlang. Bis zu einer schmalen Spalte. Verzeichnet waren eine Reisetasche, acht Kleidungsstücke, ein Kulturbeutel, zwei Paar Schuhe. Der letzte Punkt auf der Liste war eine Aktentasche.

Wir gingen und fanden die Treppe zurück in die Lobby. Liefen hinaus in die Morgensonne. Ich fand plötzlich nicht mehr, daß es ein großartiger Tag sei. Wir kamen beim Wagen an. Lehnten uns nebeneinander an den vorderen Kotflügel. Ich überlegte, ob Joe wohl klug und vorsichtig genug gewesen war, das zu tun, was ich getan hätte. Ich konnte mir das durchaus vorstellen. Er hatte eine lange Zeit mit klugen und vorsichtigen Leuten verbracht.

»Roscoe, wenn du dieser Typ wärst und mit Joes Sachen hier herauskämst, was würdest du tun?«

Sie ging langsam zur Wagentür. Dachte über meine Frage nach.

»Ich würde die Aktentasche behalten«, sagte sie. »Sie dorthin bringen, wohin ich sie bringen soll. Den Rest der Sachen würde ich loswerden wollen.«

»Das würde ich auch tun«, erwiderte ich. »Wo würdest du versuchen, sie loszuwerden?«

»Ich schätze, bei der ersten Gelegenheit.«

Es gab eine Zufahrt für Lieferanten zwischen Joes Hotel und dem nächsten. Sie führte im Bogen um die Hotels herum und dann auf die Umgehungsstraße. Auf einer Strecke von zwanzig Metern stand eine Reihe Müllcontainer. Ich zeigte darauf.

»Angenommen, er ist da hinausgefahren?« sagte ich. »Angenommen, er ist kurz stehengeblieben und hat die Reisetasche sofort in einen der Müllcontainer geworfen?«

»Aber er hat die Aktentasche behalten, richtig?« fragte Roscoe.

»Vielleicht suchen wir gar nicht die Aktentasche«, erwiderte ich. »Gestern bin ich meilenweit zu diesem Wäldchen gefahren, habe mich aber im Feld versteckt. Ein Ablenkungsmanöver, verstehst du? Das ist eine Angewohnheit von mir. Vielleicht hatte Joe dieselbe Angewohnheit. Vielleicht hat er die Aktentasche mitgebracht, aber seine wichtigen Sachen in der Reisetasche verstaut.«

Roscoe zuckte die Schultern. War nicht überzeugt. Wir gingen langsam die Lieferantenzufahrt hinunter. Von nahem waren die Müllcontainer riesig. Ich mußte mich auf ihren Rand hieven, um hineinsehen zu können. Der erste war leer. Außer dem festgeklebten Küchenabfall von Jahren war nichts darin. Der zweite war voll. Ich fand eine lange Holzlatte und stocherte damit in den Abfällen herum. Konnte nichts entdecken. Ich ließ mich wieder herunter und ging zur nächsten.

Ich fand eine Reisetasche. Sie lag kopfüber auf ein paar alten Kartons. Ich fischte mit der Latte nach ihr. Hob sie heraus. Warf sie vor Roscoes Füße, Sprang daneben. Es war eine vielbenutzte, ramponierte Reisetasche. Verkratzt und verschrammt. Zahlreiche Abzeichen von Fluggesellschaften daran. Ein kleines Namensschild in Form einer winzigen Goldcard war am Griff befestigt. Darauf stand eingraviert: Reacher.

»Okay, Joe«, sagte ich zu mir selbst. »Schauen wir mal, ob du ein schlauer Bursche warst.«

Ich sah nach den Schuhen. Sie waren in einer Außentasche. Zwei Paar. Genau wie es auf der Liste der Hauswirtschafterin gestanden hatte. Ich zog nacheinander die Innensohlen heraus. Unter der dritten fand ich einen winzigen Beutel mit Reißverschluß. Darin einen gefalteten Computerausdruck.

»Schlau wie ein Fuchs, Joe«, sagte ich leise und lachte.