Drittes Kapitel
Der Flohmarkt war keineswegs einer meiner Lieblingsplätze. Nicht nur, weil ich zuvor nie etwas besessen hatte, das ich hätte verkaufen können. Dort waren alle Diebe - gestohlene Ware wurde gekauft und verkauft. Außerdem suchte man dort nach gestohlenen Sachen. Man musste die Taschen und die Zunge hüten. Machte man einen Fehler, wurde man unweigerlich beklaut.
Wir entschieden, dass sechs von uns gehen sollten: Ich, Danello, Aylin, Tali, Soek und Jovan. Mehr würden wahrscheinlich Aufmerksamkeit erregen, weniger konnten nicht genug tragen oder verkaufen, um uns ein Weilchen über Wasser zu halten. Wir wollten paarweise verkaufen, um Rückendeckung zu haben.
»Weiß jeder, wie viel er herausschlagen soll?«, fragte ich einen Blick vom Markt entfernt. Aylin hatte gute Arbeit geleistet, als sie den Wert unserer Bündel eingeschätzt hatte. Wahrscheinlich würden wir nicht die gesamte Summe bekommen, aber je näher wir drankämen, desto besser wäre es.
»Ich weiß es genau.« Jovan machte schon sein Pokergesicht. Gestern Abend hatte er uns alle überrascht, als wir ausprobierten, wer am besten lügen konnte. Tali war längst nicht so gut, aber sie hatte eine listige Art, einen dazu zu bringen, ihr zu geben, worum sie bat. Sie nannte es ihr »Hungriges-Welpen-Gesicht« und meinte, sie habe damit viele zusätzliche Nachtische in der Gilde ergattert.
Das glaubte ich ihr. Und ich musste mich daran erinnern, wenn sie mir nächstes Mal irgendetwas aufschwatzen oder ausreden wollte.
»Wir gehen getrennt. Schaut euch nicht an, und sobald ihr die Sachen verkauft habt, treffen wir uns hier wieder.«
Aylin runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Nicht hier. Sollte uns nach dem Verkauf irgendwer folgen, könnte er uns hier erwischen.« Sie blickte umher und deutete auf die Bäckerei. »Das ist besser. Kauft etwas und trödelt ein bisschen rum.«
»Und wenn ihr Soldaten seht«, fügte ich hinzu, »dann macht euch aus dem Staub; aber gehen, nicht rennen!«
»Kapiert! Los, gehen wir!«, sagte Soek. Er und Tali sollten Danello und mir folgen, Aylin und Jovan als letzte.
Danello nahm meine Hand und wir marschierten den letzten Block zum Flohmarkt, ständig nach Soldaten und Dieben Ausschau haltend. Der Markt wechselte den Ort, aber man fand ihn immer im ärmsten Teil von Geveg. Er unterschied sich nicht sehr von den regulären Märkten, aber hier bot niemand seine Waren zur Schau, und alle wickelten die Geschäfte flüsternd ab. Heute fand er gleich in der Nähe der Docks statt.
Unser Bündel war voll Silberzeug und Metallarbeiten. Deshalb gingen wir zu einer Bude, an der ein Schild mit Hammer und Esse hing.
»Was kann ich für euch tun?«, fragte die Händlerin. Sie lächelte, aber ihr Blick wog das Bündel, als könne sie den Wert durch Augenschein bestimmen.
»Meine Tante hat mir Silber vererbt, und es ist so hässlich.« Ich zog einige Stücke heraus. »Ich möchte das verkaufen und mir selbst was Hübsches kaufen.«
Die Händlerin nahm einen Kerzenhalter und drehte ihn hin und her. Dabei runzelte sie die Stirn, als sei der Halter nicht aus reinem Silber, was er war, wie wir wussten. »Der ist wirklich scheußlich!«
»Da solltest du erst die Gabeln sehen.«
»Ihr habt ein vollständiges Besteck? Ich kenne eine Frau, die ihrer Schwiegermutter ein scheußliches Geschenk machen will.«
Ich holte den Teakholzkasten aus Verlatta heraus. Ihre Augen weiteten sich geringfügig.
»Das Kästchen ist nicht übel.«
Es war alles andere als nicht übel. Das Holz glänzte, die Maserung war dunkel und wunderschön.
Aylin und Jovan gingen an uns vorbei zu einem Juwelier. Aylin hatte uns gestern Abend verblüfft, als sie uns die tieftraurige Geschichte erzählte, wie ihr Geliebter bei einem Fährunglück ums Leben gekommen war und sie mutterseelenallein zurückgelassen hatte. Deshalb müsse sie jetzt alle seine Geschenke verkaufen. Und wie ihre Herrin ihr ein paar Kleinigkeiten geschenkt hätte, um ihr durch diese Tragödie zu helfen. Sie klang genau wie eine Zofe, die ein paar Stücke aus dem Schmuckkasten ihrer Herrin stibitzt hatte.
Die Händlerin fuhr mit den Fingern über den Holzdeckel und öffnete den Kasten. Das Silber glänzte in ordentlichen Reihen. »Ich gebe euch zweihundert für alles.«
»Allein die Kerzenleuchter sind so viel wert.«
Einen Herzschlag lang verzog sie die Mundwinkel. »Ich würde sagen, eher einhundert.«
Ich zuckte mit den Schultern und tat uninteressiert. Es war schwierig, innen ruhig zu bleiben. Zweihundert Oppa war mehr Geld, als ich je auf einem Haufen gesehen hatte.
»Sagt dein Junge auch mal ein Wort?«
»Nur wenn jemand versucht, Fische aus unserem Netz zu stehlen.« Danello verschränkte die muskulösen Arme und warf ihr einen finsteren Blick zu.
Einen Moment lang glaubte ich, ein Lächeln zu sehen. »Was für ein Glück für dich, Mädel. Mal sehen, wahrscheinlich kann ich ...« Sie musterte die Stücke langsam. Kein Zweifel. Sie überlegte krampfhaft, wie sie uns ungestraft übers Ohr hauen könnte.
»Aber das ist Goldstein!« ertönte eine vertraute Stimme. »Das muss doch viel mehr wert sein.«
Ich warf einen verstohlenen Blick auf die nächsten Buden. Mir blieb fast die Luft weg. Das Weib, das die Miete kassierte, stritt mit einem Händler und schwenkte eine Statue vor seinem Gesicht. Ich zwang mich wegzuschauen und hoffte, sie sei zu beschäftigt, um uns zu bemerken.
»Dreihundert«, erklärte die Händlerin schließlich.
»Sie sind wenigstens sechs wert.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ihr könnt sie ja jederzeit dem Silberschmied verkaufen.« Aber sie nahm die Hände nicht von dem Kasten.
»Dieser Baseeri-Ratte das Silber meiner Tante geben?« Ich spuckte auf den Boden. »Nie und nimmer.«
Die Frau, die die Miete kassierte, blickte in meine Richtung und dann auf das Silber auf dem Tisch. Ihre Augen verengten sich, als würde ich ihr Eigentum verkaufen.
Hinter ihr verließen Tali und Soek den Kunsthändler. Tali grinste, sobald sie dem Mann den Rücken zudrehte. Demnach hatten sie gut abgeschnitten. Aylin und Jovan waren noch beim Juwelier, aber die Edelsteine wurden wieder eingepackt. Offenbar waren sie kurz vor dem Abschluss des Handels.
»Wie wär's mit fünf?«, fragte ich.
»Bei dem Preis raubt ihr mich glatt aus.«
Jetzt stapfte die Frau herüber, die unsere Miete kassierte. Danello versperrte ihr den Weg und hielt sie auf einen Schritt Abstand.
»Was machst du?«, fragte sie und deutete auf mich. »Was verkaufst du? Sind deine kleinen Freunde auch hier?« Sie wirbelte herum. »Da ist einer! Wo sind die anderen?«
Unsere Händlerin runzelte die Stirn und nahm die Hände vom Besteckkasten. »Vielleicht ist jetzt nicht die beste Zeit.«
»Jetzt ist hervorragend«, widersprach ich schnell. »Kein Grund, sich Sorge zu machen.«
Danello hielt die Frau an den Armen, aber sie hielt nicht den Mund. »Ich hätte euch melden können, aber ich habe es nicht getan. Ihr schuldet mir etwas!«
Mein Magen verkrampfte sich. »Sollen wir die Differenz teilen und vier sagen?«
Jetzt schenkte die Händlerin unserer Frau ihre Aufmerksamkeit, die Stirn gerunzelt, als dächte sie angestrengt nach. Dann schaute sie mich an.
Bitte, heilige Saea, lass, dass sie mich nicht erkennt!
Aylin hatte meine Locken aufgeplustert, sodass mein Kopf größer als auf dem Steckbrief aussah. Außerdem hatte sie meine Augen schwarz umrandet und die Wangen gepudert, damit ich älter wirkte.
»Kenn ich dich nicht?«
»Nein.«
»Das gehört alles mir!« Die Mietenkassiererin stürzte an Danello vorbei und griff nach dem Silber.
»Nein, stimmt nicht!« Ich entriss ihr den Kasten noch rechtzeitig, aber die Händlerin machte einen Rückzieher. Auf ihrem rundlichen Gesicht sah ich Angst. Inzwischen hatte sich eine Menge um uns geschart. Etliche schauten gelangweilt zu, andere warteten wohl darauf, dass wir uns prügelten und dabei etwas fallen ließen.
»Versuch nicht mich zu bescheißen, Schifterin, sonst wird dir das leid tun.«
Ich schluckte. Die Händlerin stand mit offenem Mund da.
»Du bist das Mädchen vom Steckbrief!«
»Das Geschäft ist geplatzt!« Ich warf den Besteckkasten in die Luft. Danello stieß das Weib, das unsere Miete kassierte, in die Menge. Sie stürzte und riss dabei ein paar Leute mit. Geld und Silber fielen auf die Straße. Freuden- und Schmerzensschreie ertönten. Um mich schien sich niemand mehr zu kümmern.
Ich ging in Richtung Bäckerei, langsam. Ich rannte nicht. Soldaten patrouillierten auf diesen Straßen. Die Händler bezahlten sie, damit sie am Flohmarkt vorbeigingen, aber sie konnten ohne weiteres jeden aufhalten, der fortrannte. »Werden wir verfolgt?«
»Ich glaube nicht. Die Händlerin würde ihre Bude nicht ohne Aufsicht lassen, und ich glaube, die anderen haben nicht gehört, wie das widerliche Weib dich eine Schifterin nannte.«
Ich konnte nur hoffen.
Wir erreichten eine Veranda und hockten uns hinters Geländer. Die Bäckerei lag gegenüber, aber ich wagte nicht hineinzugehen, falls man uns doch verfolgte.
»Warte. Jemand ist gerade aus der Gasse vom Markt gekommen«, sagte Danello. »Ein Junge; neunzehn, vielleicht zwanzig. Ich glaube, er sucht nach etwas.«
Ich wagte einen Blick übers Geländer. Danello hatte recht, aber der Junge suchte nicht nur nach etwas, er hielt gezielt nach etwas Ausschau.
Vom Markt hörte man wütende Schreie. Eine Patrouille kam die Straße herunter. Ihre Schritte waren verhalten, als sei sie nicht sicher, ob sie sich einmischen wollte. Der Junge bückte sich und schnürte seine Sandalen fester, obwohl er keine Sandalen trug, die er hätte schnüren können.
»Er versteckt sich vor den Soldaten«, flüsterte ich. »Wenn er mich verfolgte, täte er das nicht.«
»Aber was sucht er dann?«
Ich hielt den Atem an, als die Soldaten sich dem knienden Jungen näherten. Ich spürte seine Anspannung, seine Angst, sein verzweifeltes Beten, dass sie ihn nicht beachten sollten.
Eine Frau kreischte, und die Soldaten rannten zum Markt, einige Fuß an dem Jungen vorbei. Er blieb noch eine Sekunde unten, dann sprang er auf. Er stand auf der Straße und drehte sich langsam. Sein Gesicht war leichenblass.
»Schifterin?«, rief er leise. »Bist du irgendwo in der Nähe? Ich brauche deine Hilfe. Bitte, wir sind in Schwierigkeiten.«
Ich wollte aufstehen, doch Danello zog mich schnell nach unten. »Das kannst du nicht riskieren.«
»Was ist, wenn es ein Schmerzlöser ist?«
»Was ist, wenn es eine Falle ist?«
Ich betrachtete den Jungen noch mal. »Er ist zu verängstigt, um eine Falle zu sein.«
»Dann lass mich hingehen. Du bleibst hier.« Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern sprang auf und ging hinüber. Der Junge erschrak und wich zurück. Doch dann fasste er sich, als erwarte er, von Danello angegriffen zu werden. Sie unterhielten sich eine Minute lang. Dann blickte Danello prüfend die Straße auf und ab.
»Alles in Ordnung«, rief er.
Ich kam aus dem Versteck.
»Du hattest recht«, sagte Danello. »Seine Schwester sitzt in den Docks in der Falle. Die Greifer sind hinter ihr her.«
»Du musst sie retten, bitte«, flehte der Junge. »Ich war auf dem Markt, um eine Waffe zu kaufen, damit ich gegen die Greifer kämpfen könnte. Und dann habe ich gehört, wie die Frau dich Schifterin genannt hat. Die Löser, die sich mit uns verstecken, reden dauernd über dich. Einige meinen, du kannst uns helfen.«
Ich war noch nie zuvor einem Greifer begegnet. Wachen und Soldaten waren eine Sache, aber Greifer waren ausgebildet, die Schmerzlöser aufzuspüren. Bis jetzt hatten wir Glück gehabt und ihnen entgehen können. Ich hätte wissen müssen, dass dies Glück nicht ewig dauerte.
»Wo ist sie?«, fragte ich entgegen meinem besseren Wissen. Aber wenn man Schwierigkeiten den Rücken zuwendete, fielen sie einen von hinten an.
»Beim Liegeplatz Drei. Bei den Fallen.«
Am Liegeplatz Drei gab es reihenweise Fallen: Fischfallen, Krabbenfallen, Entenfallen, wahrscheinlich auch Maus- und Rattenfallen. Der ganze Liegeplatz war ein stinkendes Labyrinth.
»Was für Fallen?«
Er fuhr sich mit beiden Händen durchs braune Haar. »Ich ... äh ... bin nicht sicher. Als wir sie gesehen haben, sind wir einfach losgelaufen.«
Laufen! Kein Wunder, dass die Schwester die Aufmerksamkeit der Greifer auf sich gezogen hatte.
»Ich glaube, es waren mindestens vier«, sagte er. »Vielleicht mehr.«
Vier Greifer! Saea sei gnädig!
»Wir brauchen Hilfe, um sie herauszuholen«, sagte ich. Danello hatte nichts geredet, aber er schaute keineswegs glücklicher drein als ich. »Folge uns.«
Ich ging zur Bäckerei. Die anderen waren alle drin und schauten besorgt drein. Tali hatte Mangocremefüllung um den Mund herum, schien sie aber nicht zu genießen. Aylin warf mir einen O-Nya-was-hast-du-gemacht-Blick zu. »Was ist passiert?«
»Das Weib, das die Miete kassiert, hat mich gesehen und einen Wirbel gemacht, aber wir sind entkommen. Die Schwester dieses Jungen sitzt auf den Docks in der Falle. Greifer sind hinter ihr her.«
»Wie lautet der Plan?«, fragte Aylin.
»Sie ist am Liegeplatz Drei. Wir teilen uns auf und suchen sie«, sagte ich.
»Wir geben ein Signal, wenn wir sie finden«, schlug Danello vor. »Drei Möwenschreie, dann zwei; wie wir es geübt haben.«
»Kapiert.« Tali nickte.
»Nein«, sagte ich. »Du gehst mit Soek und Jovan ins Stadthaus.« Die drei wollten protestieren, aber ich winkte ab. »Hört zu. Das Weib erzählt bestimmt den Soldaten von mir. Das Stadthaus ist nicht mehr sicher. Ihr drei müsst alle marschbereit machen und zu Barnikoff führen.« Er würde überrascht sein, wenn sie plötzlich auftauchten, aber uns blieb keine Wahl. »Entweder sofort abhauen oder erwischt werden.«
Tali verschränkte die Arme. »Ich verlasse dich nicht.« Tränen stiegen ihr in die Augen und sie beugte sich zu mir. »Wenn sie dich erwischen, sind wir wieder getrennt. Lieber lasse ich mich mit dir fangen, als allein zu sein.«
Ich stellte mir vor, wie Tali allein etwas zu essen suchte und versuchte den Soldaten zu entgehen. Am Leben zu bleiben. »Na gut, aber du tust genau, was ich sage, und bleibst dicht bei mir.«
»Das werde ich.«
Ich wandte mich an die anderen. »Dann los!«
Wir verließen die Bäckerei und gingen so schnell wie möglich zu den Docks. Die Sonne brannte uns schon auf die Köpfe. Aylin und ich liefen direkt ins Labyrinth, während Danello und der Junge die Wege nahmen, die außen herumführten. Kurz vor uns schrie eine Seemöwe und flog davon. Ihre weißen Federn zeichneten sich stark von dem Braun und Grün der Krabbenfallen ab, die wie Klippen um uns herum emporragten. Seemöwen erschreckten sich für gewöhnlich vor Dingen, von denen sie glaubten, sie könnten sie fressen - und in diesen Tagen waren das Menschen ebenso oft wie Krokodile. Ich ging in die Hocke, Aylin und Tali mit mir. Dann suchten wir Deckung hinter einem Trockengestell.
Etwa dreißig Fuß hinter uns schlurften Schritte. Langsam, gleichmäßig, vorsichtig. Zu schwer für ein verängstigtes Mädchen, aber nicht schwer genug für einen Dockarbeiter. Dann noch ein paar Fußschritte. Vielleicht arbeiteten die Greifer paarweise - einer stöberte die Beute auf, und der andere fing sie ein.
Ich gab Aylin ein Zeichen herumzuschleichen und herauszufinden, von wem diese Schritte kamen. Sie nickte und kroch an den Gestellen entlang.
Wieder Schritte, dann ...
Polierte Stiefel und dunkle Hosen kamen in Sicht. Ein Greifer! Ich hörte ein schürfendes Geräusch, als würde eine Waffe gezogen.
»Kommt raus! Kommt raus! Wir wissen, dass ihr da drin seid«, rief eine Frau. Ihre Stimme war kalt, aber einladend.
Mein Herz schlug wie verrückt. Ich suchte Aylin, aber sie war nicht mehr in dem engen Gang zu sehen. Talis Augen waren groß, aber sie blieb unten und sagte nichts.
Ich spähte zwischen den Fallen hindurch, um die Frau deutlicher zu sehen. Sie drehte einen langsamen Kreis, die Hand nach vorn ausgestreckt. Auf Zehenspitzen schlich ich von der Greiferin fort, bis ich ans Ende der Reihe kam, und versteckte mich hinter einer Hütte auf dem Dock. Wenn die Greifer weitergingen, konnte ich ...
Ein Schluchzen!
Ich drehte mich in Richtung des Geräusches. Meine Füße waren bereit, jederzeit loszuwetzen. Die Schwester des Jungen! Sie war ungefähr so alt wie ich, aber so klein wie Tali. Sie hatte sich unter einem Tisch verkrochen, auf dem die Fische ausgenommen wurden; am Ende des Docks, ungefähr fünfzig Fuß entfernt.
Wellen schlugen gegen die Kanalwände und zischten durch das Schilf, das entlang der Rampen wuchs, von denen aus die Boote ins Wasser gelassen oder an Land gezogen wurden. Die Greiferin stand bei der nächsten Rampe und hielt einen blauschwarzen Pynviumstab in der Hand. Viel besser als ein Schwert. Solange sie diesen gegen niemanden außer mir einsetzte.
Ich blickte zu Tali zurück und deutete auf ein Dinghi, das an einem Pfosten lehnte.
Sie nickte.
Ein unechter Möwenschrei - drei Mal, ganz in der Nähe. Aylin war wahrscheinlich auf der anderen Seite der Schwester des Jungen. Ich schrie zwei Mal zurück. Die Greiferin drehte sich um, und ich rannte über den Gang zu dem Dinghi und schlüpfte darunter. Tali zwängte sich einen Atemzug später auch zu mir.
Die Greiferin ging von der Rampe weg und verkürzte die Entfernung zwischen ihr und dem Mädchen. Hinter der Greiferin rannte Danello vorbei. Der Bruder des Mädchens musste auch da sein, obwohl ich ihn nicht sah. Ich hoffte, er würde nichts Unüberlegtes tun, um seiner Schwester zu helfen.
Die Greiferin erstarrte, als hätte sie uns gehört.
Ich verließ Tali und näherte mich ihr. Ich erprobte jeden Schritt, ehe ich mein Gewicht auf die ausgebleichten Planken des Docks setzte.
Eine Bewegung unter dem Tisch fiel mir ins Auge. Die Schwester beugte sich vor, als wolle sie losrennen. Blankes Entsetzen in ihrem Gesicht. Ich schüttelte den Kopf, und sie setzte sich wieder.
Knarz.
Ich erstarrte. Die Greiferin wirbelte herum und hob ihre Pynviumwaffe. Sie warf einen prüfenden Blick auf die Fallen und zog auch noch ein Messer aus ihrem Stiefel.
Knarz.
Mit schiefgelegtem Kopf folgte die Greiferin dem Geräusch, die Waffen in Bereitschaft.
Die Schwester rang nach Luft, leise wie ein Plätschern. Ich hob die Hände und befahl ihr tonlos: Bleib! Sie nickte.
Die Greiferin befand sich mir unmittelbar gegenüber, auf der anderen Seite der Fallen. Sie machte mit ihren glänzenden schwarzen Stiefeln einen vorsichtigen Schritt und blieb dann stehen.
Ihre Augen verengten sich. Wieder legte sie den Kopf schief und trat näher an die Wand aus Krabbenfallen, die uns trennte.
Hatte sie mich gespürt?
Jeatar hatte mich davor gewarnt, ehe er Geveg verließ. »Der Herzog wird die besten Greifer einstellen, um dich aufzuspüren. Diejenigen, die einen Schmerzlöser so fühlen können, wie Löser Pynvium spüren. Die Guten können einen Löser im Vorbeigehen spüren.«
Wenn sie uns aus dieser Entfernung gespürt hatte, dann war sie wirklich gut.
»Komm raus! Komm raus, kleines Mädchen«, rief sie.
Ich hielt den Atem an. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn und Oberlippe. Hatte sie Angst? Wenn ja, dann konnte ich sie vielleicht überrumpeln und den anderen Zeit verschaffen herzukommen, um der Schwester Zeit zu geben, wegzulaufen.
»Ich weiß, dass du da drin bist«, rief die Greiferin. Sie hielt eine Hand hoch, nur wenige Zoll von den Fallen entfernt, hinter denen ich mich versteckte, als könne sie mich hinter dem Holz fühlen. »Bist du das, Schifterin?«
Ich schluckte krampfhaft. Nein, sie musste geraten haben. Sie konnte unmöglich wissen, dass ich es war.
»Ich lasse das Mädchen in Ruhe, wenn du dich zeigst. Du bist für den Herzog ein weitaus besserer Preis als sie.«
Wieder knarzte das Dock. Aylin oder Danello?
»Lange kannst du mir nicht entkommen, Schifterin«, sagte die Greiferin mit ihrer irritierenden Singsangstimme.
Vielleicht nicht, aber das bedeutete nicht, dass ich es nicht versuchen würde. »Du kannst nicht weglaufen«, fuhr sie fort. »Wir haben Wachen auf jeder Brücke jeder Insel. Soldaten sind an allen Dalben, wo Boote anlegen können. Wenn ich dich nicht bekomme, dann einer meiner Männer.« Männer? Seit wann heuerten Greifer andere an, um ihnen zu helfen?
Durch die Löcher in den Fallen erhaschte ich noch einen Blick auf die Greiferin. Dann war sie verschwunden. »Jetzt hab ich dich.«