Siebtes Kapitel

 

Heilige und Sünder, ein Heilersoldat in Pynviumrüstung! Das machte der Herzog mit seinen Heilern? Er bildete sie zum Töten aus?

Er hatte Heiler in Waffen verwandelt.

Das war schrecklich. Es war ... Mich schauderte. Grauenvoll. Wie konnte man einen Soldaten töten, der seine eigenen Wunden heilen und in die Rüstung schiften konnte? Diese Soldaten waren durch nichts aufzuhalten.

Fjeso und der Fahrer waren eindeutig die besseren Kämpfer, aber das schien keine Rolle zu spielen. Fjesos Messer glitt durch die Harnischplättchen. Blut trat aus und die Organe mussten durchbohrt sein, aber die Soldatenheiler schifteten die Schmerzen ins Pynvium und kämpften weiter. Sie wichen weder aus noch tänzelten sie. Sie waren nicht so leichtfüßig wie Fjeso. Das mussten sie auch nicht sein.

Die anderen Männer halfen Vyand auf die Beine. Sie war blass, aber standfest. Alle drei standen weiter zurück und beobachteten die Soldatenheiler, ebenso einige der Torwachen. Warum kämpften sie für Vyand? Sie konnte sie nicht angeheuert haben, oder? Der Herzog hätte nie jemandem anders solche Waffen gegeben. Half er Vyand? Aber warum? Zahlte er ihr nicht genug?

Wussten sie, was sie waren? Die anderen Soldaten erzielten nicht die gleiche Reaktion.

Der Fahrer schrie und stürzte zu Boden. Der Soldatenheiler durchbohrte ihn und lächelte danach, er würde er diese Tat genießen.

Niemand konnte dem Herzog mit einer derartigen Armee Widerstand leisten. Niemand.

Ich zerrte noch mehr an meinen Handfesseln und wollte herauskommen, ehe die Soldatenheiler Fjeso töteten. Haut platzte, aber die Seile hielten. Ich rieb sie gegen den Steinboden, die Kante meiner Sandale, gegen alles, was so aussah, als würde es schneiden.

Fjeso kämpfte hervorragend, aber er würde nicht gewinnen. Er wollte fliehen, aber die Soldaten erwischten ihn und warfen ihn zu Boden. Vyand lächelte. Sie schien beeindruckt und flüsterte dem Mann neben ihr etwas zu. Dieser schrieb etwas in ein kleines Buch, das ich bisher nicht gesehen hatte.

Ich rang nach Luft. War das ein Versuch? Verlieh der Herzog die Soldaten an Vyand, um zu sehen, was diese in einem echten Kampf leisten könnten? Über welche Macht verfügte sie wirklich?

Die Soldatenheiler rückten vor und gaben Fjeso den Todesstoß. Er schrie nicht, sondern stöhnte nur vor Schmerzen, dann brach er zusammen. Vyand nickte und schien mit der Leistung der Soldaten sehr zufrieden zu sein.

Das war schlimmer als die Reihen der mit Schmerz vollgestopften Löser in der Heilergilde. Schlimmer als die Aufstände, die Kämpfe, sogar noch schlimmer als die willkürlichen Prügel. Wenn der Herzog diese Soldaten auf Geveg losließ, würden wir nicht überleben. Es würde nicht wie Sorille sein. Wir würden nicht im Feuer umkommen, sondern von den Händen derer ermordet werden, welche uns angeblich am Leben halten sollten.

Vyand schnippte mit den Fingern, und ihre Männer schleppten die Leichen hinter die Kutschen, wo ich sie nicht mehr sehen konnte. Dann kam sie zu mir und zupfte an ihrer blutigen Uniform.

»Sieh dir das an. Ruiniert. Blut geht nie raus.« Sie klang nicht so oberflächlich, wie sie wohl beabsichtigte. Ich hörte die Anspannung in ihrer Stimme. Wenn man einen so tiefen Stich empfangen hat, braucht das Zeit, ihn zu überwinden, selbst wenn man sofort geheilt wird.

»Ich schätze, du musst sie verbrennen.«

»Wahrscheinlich hast du recht.« Sie runzelte die Stirn und wischte sich die Finger an der Hose ab. »Nun denn. Sollen wir da weitermachen, wo wir aufgehört haben?«

»Wo ist meine Schwester?«

»Sie denkt über die wichtigste Entscheidung ihres Lebens nach. Reine Zeitverschwendung, wenn sie dir auch nur im geringsten ähnlich ist.«

»Wo ist sie?«

»Erwartest du wirklich, dass ich dir das sage?« Sie seufzte. »Ich habe dich für klüger gehalten.«

»Gut. Was ist mit meinen Freunden? Hast du sie gefangen? Kannst du mir wenigstens das

sagen?«

Sie strich sich ihr glänzendes Haar glatt. »Ich habe wirklich keine Idee, bei wem deine Freunde sind. Falls sie ein Teil dieses schlampigen Befreiungsversuchs waren, dann allerdings.«

»Sind sie hier?«

»Genug der Fragerei. Komm jetzt raus!« Vyand gab der Wache ein Zeichen, und die Soldatin schloss den Käfig auf. Die Soldatenheiler folgten und behielten mich auf eine Weise im Auge, als würden sie einen weiteren Kampf begrüßen. Mit Saeas Hilfe wären sie wie alle anderen Baseerisoldaten, denen ich bisher begegnet war. Sie wollten mich einschüchtern, ein bisschen herumschubsen und würden mir mit ihrer schönen blauen Rüstung dabei so nahe kommen, dass ich sie berühren konnte.

Wie viel Schmerz hielten die jetzt wohl? Fjeso hatte hart gekämpft und eine Menge Treffer gelandet. Die Rüstung des größeren Soldaten enthielt auch Vyands Bauchwunde, und die schmerzte furchtbar. Ich kam auf die Beine, schwankte aber, als der Boden unter mir wegglitt. Ich knallte gegen die Stangen, blieb jedoch auf den Füßen.

»Ich sehe, das Abendessen ist in Ordnung«, meinte Vyand. »Hat man dir überhaupt etwas zu essen gegeben?«

»Nein. Sie haben mich in eine Truhe gesperrt.« Ich rang höchst dramatisch nach Luft und schätzte dabei die Entfernung zwischen mir und dem großen Soldatenheiler ab. Wahrscheinlich konnte ich ihn und Vyand erwischen, vielleicht auch ihre Fahrer und die Wächterin am Tor - alles in einem Streich.

»Amateure!«, meinte Vyand abfällig.

Ich tat einen zögernden Schritt, dann knickten meine Knie ein. Ich taumelte nach vorn, die Hände ausgestreckt, als wollte ich den Fall abfangen. Ich klatschte gegen die Pynviumrüstung. Ich stellte mir vor, wie Löwenzahn im Wind wehte.

Peng!

Schmerzensstöße. Schreien. Vyand schrie aus Schmerzen und Frustration auf, als die Männer um sie herum zusammenbrachen. Sie ging einen Atemzug später zu Boden. Ich rannte in die Menge. Meine Beine waren noch wacklig, aber sie trugen mich. Noch. Ich brauchte ein Versteck - schnell.

Noch hörte ich keine Soldaten, die mich verfolgten, aber sie würden kommen. Ebenso Vyand, sobald die Schmerzen nachließen und sie sich wieder bewegen konnte.

Ich hatte keine Ahnung, wohin ich laufen sollte. Die Straße war schmal. Verkaufskarren standen dicht an dicht vor hohen Gebäuden, die aus demselben goldenen Stein erbaut waren wie die Stadtmauern. Glasierte Kacheln in allen Farben und Mustern waren in den Stein eingelassen und machten es unmöglich zu sagen, wo ein Gebäude aufhörte und das nächste begann. Fenstersimse und Fensterläden waren ebenfalls grellbunt bemalt, nicht zwei Farbschattierungen in einer Reihe, schmerzlich für die Augen. Mit der Hoffnung hineinzuschlüpfen zog ich an einem, aber das Fenster war nur Dekoration, kein richtiges Fenster. Nur an die Wand genageltes Holz.

Ich ging tiefer hinein in den Lärm und in den Unrat. Die Gebäude waren fünf, nein sechs Geschosse hoch. Auf den oberen Etagen gab es kurze Balkone, nicht aber an den unteren - außerdem besaß ich gar nicht die Kraft, auf einen zu klettern. Ich sah keine Seitengassen. Die Häuser standen eng beieinander, und die Straße schien sich noch meilenweit hinzuziehen.

Ich hatte das Gefühl, als stürze die gesamte Stadt über mir zusammen.

Schnelle Atemzüge und plötzliche Bewegungen kamen aus der Menge hinter mir - vertraute Warnungen, dass Soldaten anmarschierten.

Ein Junge rannte vorbei, direkt in die dichte Menschenmenge. Drei andere Jungen verfolgten ihn. Innerhalb eines Herzschlags waren alle von der Menge verschlungen.

Straßenkinder. Sie wussten immer, wo sie sich verstecken konnten.

Ich folgte ihnen und wand mich zwischen, in buntgemusterten Gewändern verhüllten Frauen, und Männer, die mit Perlen bestickte Westen trugen, aber keine Hemden. Vorbei an Kindern mit geflochtenen Bändern um die Köpfe. Ein Mann hatte eine Schlange, so dick wie mein Bein, über die Schultern gelegt. Menschen stießen mich und ich schubste zurück. Niemand entschuldigte sich, aber sie schrien mich auch nicht an. Keiner schien sich um die Seile um meine Handgelenke zu kümmern.

Die Straßenjungen wetzten zwischen grell dekorierten Verkaufsständen hin und her und schlüpften unter aufgehängte Teppiche mit fantastischen Mustern. Auch ich schob einen Teppich beiseite und kroch darunter hindurch.

Es war eine Art verlassener Schafstall oder ein Schmuggellager, dunkel, erfüllt vom Duft nach Zimt. Der winzige Raum war gegen ein Gebäude gemauert und fiel wahrscheinlich von außen gar nicht auf. Ich bemerkte weiter vorn ein kindergroßes Loch in der Wand. Meine Angst trieb mich, in den Tunnel zu kriechen, aber wer wusste, was ich an der anderen Seite finden würde.

Von der Straße kamen Geschrei und Befehle. Schwere Stiefel auf Stein.

»Mir egal - findet sie! Jetzt!«, rief Vyand, wütend wie eine Wespe. »Bestecht die Wachen, damit sie die Tore versiegeln. Heuert mehr Männer an und durchsucht jede Straße im Viertel - alles. Ihr müsst sie herschaffen!«

Ich drückte mich gegen die Mauer. Dann drehte ich mich um und tastete mit den Fingern über die zerbrochenen Ziegelsteine des Tunnels. Nicht so gut wie ein Messer, aber besser als nichts. Ich rieb mit den Seilen an den Kanten hin und her und durchtrennte die Fasern, bis meine Arme schmerzten. Ich hatte die erste Schlinge zur Hälfte geschafft, als ich im Tunnel etwas krabbeln hörte. Ich erstarrte einen Moment lang, dann rannte ich von dem Loch weg. In der Enge gab es kein Versteck, aber wenn ich mucksmäuschenstill war und er es sehr eilig hatte, kroch wer immer dort kam vielleicht vorbei.

Das Krabbeln kam näher, und ich überdachte meinen Plan. Er konnte mich nicht verfehlen. Eine blinde Katze würde mich hier kauern sehen. Ich packte ein Stück Ziegel und hob die Hände.

Ein dunkler Kopf tauchte auf. »Ahhhh!« Er zuckte zurück.

»Tut mir leid«, sagte ich. »Ich will dir nichts tun.«

Er bewegte sich nicht, lag nur da, hielt eine Hand schützend vors Gesicht und keuchte.

»Ich brauchte ein Versteck. Ich geh gleich wieder. Versprochen.«

Die Hand sank herab. »Du hast mir Angst gemacht.«

»Tut mir leid, aber du mir auch.«

»Ehrlich?« Er grinste. »Vor mir hat noch nie jemand Angst gehabt.«

»Na, ich auf alle Fälle und nicht zu knapp.«

Er nickte und schien mit sich zufrieden zu sein. Es war nicht der Straßenjunge, dem ich gefolgt war - der hier war viel jünger, vielleicht acht oder neun. »Wer hat dich gefesselt?«

Ich zögerte. »Soldaten.«

»Ja, das machen sie. Hast du geklaut?«

»Nein, ich bin gestohlen worden.«

Er lachte. »Noch nie habe ich jemand getroffen, der gestohlen worden ist. Aufschneiden?« Ein Messer erschien und glitzerte im Schatten.

Ich streckte die Hände aus. »Ja, danke.«

»Du redest komisch«, sagte er, als er die Seile durchschnitt.

»Du auch.«

Darüber musste er kichern. Die Seile fielen ab.

»Dank-«

»Pscht!« Er legte einen Finger gegen meine Lippen und beugte sich mit schief gelegtem Kopf in Richtung des Teppichs vor dem Eingang. Schwere gleichmäßige Schritte. Holz knarrte. Ein Mann fluchte, dann begann er zu schreien.

»Du kannst nicht meine Waren durchsuchen!«

»Wir können durchsuchen, was wir wollen. Zurück!«

»Leg das hin!«

Metall schlug gegen Metall. »Wir können morgen immer noch einen mehr aufhängen.«

Stille. Dann wieder Geräusche des Durchsuchens.

»Das sind die Unsterblichen«, flüsterte der Junge.

»Die Soldaten in der Pynviumrüstung?«

Er nickte. »Komm mit. Hier lang.« Lautlos wie Nebel bewegte er sich im Tunnel weiter. Ich folgte.

Schwärze verschluckte uns wenige Fuß weiter. Nur der Atem des Jungen verriet, dass er vor mir war. Nach einer Zeitlang schimmerte Licht voraus, und schließlich endete der Tunnel in einer Art Vorratsraum, der alt und vergessen aussah. Schimmel wuchs an den Wänden.

»Besser, wenn wir von hier abhauen«, sagte er und holte einen Schlüssel an einer Schnur vom Hals und schloss auf der anderen Seite eine Tür auf. »Für dich besonders.«

»Wohin führt das?«

»Brunnenplaza. Ist hinter den Eket-Straßen-Toren. Die Verfolger finden dich dort nicht.« Er öffnete die Tür einen Spalt und lugte hinaus. »Los, lauf, ehe es dunkel ist.«

»Ich habe aber keinen Ort, wohin ich laufen könnte.«

Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Bei uns kannst du nicht bleiben. Iesta würde das nicht gefallen. Die Moraat-Straße hat die meisten unverschlossenen Fenster. Sobald es dunkel ist, sind die Arbeiter weg.«

Ich trat in den Sonnenuntergang. »Welche Richtung?«

»Da runter. Dritter Block rechts.« Er deutete auf eine breite Straße, die von Lagerhäusern gesäumt war. Die Straße, welche diese kreuzte, sah genauso aus wie die, welche wir soeben verlassen hatten. Krämerkarren, zu viele Menschen und kein richtiges Versteck.

»Danke.«

»Mögen die Heiligen dich schützen.« Er schloss die Tür und lief weg. Mit wenigen Schritten war er in der Menge verschwunden. Ich hatte Angst mich zu rühren.

Noch nie im Leben hatte ich so viele Menschen gesehen! Es war, als sei ganz Baseer auf dieser einzigen Straße unterwegs. Und es waren nicht nur Menschen. Körbe mit Hühnern, Perlhühnern und Marschenten gackerten, krähten und quakten neben Käfigen mit anderen Tieren. Käfige mit bunten Vögeln hingen über solchen mit farbenprächtigen Eidechsen. Frauen gingen mit Hunden an der Leine, trugen Katzen in mit Perlen bestickten Taschen. Sogar Affen saßen auf einigen Schultern.

Ich sah keine Patrouillen. Aber nur die Heiligen wussten, wie sie sich durch so viele Menschen drückten. Vielleicht waren alle auf der anderen Seite des Tors, von dem der Junge gesprochen hatte. Das Haupttor konnte er nicht gemeint haben, aber hatte Vyand nicht etwas von Vierteln gesagt? Vielleicht wurde die Stadt durch Tore so in Sektoren geordnet, wie Geveg durch Kanäle aufgeteilt war.

Mein Magen flatterte, und das nicht nur vor Hunger. Wenn es hier Tore gab, dann kontrollierten Soldaten wahrscheinlich, wer hindurchging. Vielleicht saß ich hier in der Falle.

Gefangen in Baseer.

Trotz der Wärme schlug ich die Arme um mich. Etliche Menschen schauten in meine Richtung, und je länger ich hier stand, desto mehr gafften. Ich ging los. Ich nehme an, hier bemerkten die Menschen einen nur, wenn man sich nicht bewegte.

Ein großer Mann, dessen Arme mit Bildern geschmückt waren, stieß mich im Vorbeigehen mit dem Ellbogen an. Ich wich aus und stieß gegen eine Frau, die auf der Schulter einen Korb balancierte. Der Deckel öffnete sich und ein paar Birnen fielen heraus. Ich sammelte sie schnell ein und versteckte sie hinter dem Rücken, aber die Frau drehte sich nicht um.

Ich wand mich durch die Menge zu einem leuchtend roten Gebäude und setzte mich hinter ein paar Kisten. Ich aß die Birnen, die frisch und saftig schmeckten. Ein braungoldener Kater beobachtete mich unter einem Karren heraus und peitschte mit dem gestreiften Schwanz. Er schien der einzige zu sein, der sich für mich interessierte. Ich biss ein Stückchen ab und warf es ihm zu. Er schnupperte daran, packte es mit den Zähnen und schleppte es unter den Karren.

Nachdem ich etwas gegessen hatte, fühlte ich mich sofort besser, aber noch nicht stark genug für weitere Fluchtversuche. Ich brauchte mehr zu essen, etwas zu trinken und einen Schlafplatz, bis ich wieder bei Kräften war. Sobald es dunkel war, wollte ich die Lagerhäuser versuchen. Der Brunnen bot Wasser, aber Essen musste ich stehlen.

Jede Menge Verkäufer ringsum, und keiner schenkte seinen Waren besondere Aufmerksamkeit. Alle waren darauf bedacht, Kunden herbeizurufen. Ich ging über die Straße und lungerte bei einem Verkäufer von Rauchfleisch herum, der versprach, sein Hase würde jeden jünger machen. Als er sich umdrehte, um einer alten Frau einen Korb mit Räucherware zu geben, stibitzte ich eine Hand voll Fleischstreifen und verdrückte mich schnell in der Menge. Das Gleiche tat ich beim Brotverkäufer und nahm mir drei Brötchen vom Ende seines Karrens.

In Geveg war kein Händler so unvorsichtig.

Beim Gehen verzehrte ich die Brötchen. Ich war entzückt, dass diese mit Frucht und Käse gefüllt waren. Nach drei weiteren Blocks erreichte ich den Brunnen, der der Plaza ihren Namen gab. Eine steinerne Bank führte um den Brunnen herum, aber die Plaza war still. Ein paar Menschen saßen auf der Straßenseite, deshalb ließ ich mich auf der anderen Seite nieder. Meine Beine und Füße waren für die Rast dankbar.

Ich schöpfte mit der hohlen Hand Wasser und trank es gierig. Pfui! Aber es war nass. Ich trank mich satt und aß den Rest des Brots. Die Fleischstreifen hob ich mir fürs Frühstück auf. Meine Knie zitterten immer noch, aber ich würde nicht hinfallen, wenn ich rennen musste.

Als die letzte Sonne unterging, fielen lange Schatten über die Straße. Die Menschen eilten dahin und pressten Päckchen an die Brust. Ich hielt nach Soldaten Ausschau, sah jedoch nur einen Laternenanzünder, der seine Runde begann. Er war der einzige, der es nicht eilig hatte, und als sich die Nacht herniedersenkte, erleuchteten in sanftem Orange glühende Kugeln die Straße wie eine Perlenkette. Endlich war ich allein.

Aber es gefiel mir nicht. Ich hatte mich daran gewöhnt, Tali und Aylin um mich zu haben, ein Stadthaus mit vielen anderen zu teilen und mit Danello an den Kanälen zu spazieren. Ich hob das Kinn und schaute auf die leere Straße und die hohen Gebäude, die sie säumten. Tali war irgendwo da draußen, ebenso Aylin und Danello. Jemand musste wissen, wo der Herzog seine Schmerzlöser versteckte - und wohin seine Greifer ihre Gefangenen brachten.

Moment mal, vielleicht wusste der Junge das. Wenn ich meinen Weg zurück zu der Tür zum Vorratsraum fand, konnte ich dort auf ihn warten. Falls er nichts wusste, dann vielleicht seine Straßenmeute. Ich kannte solche Banden aus Geveg. Tali und ich waren für kurze Zeit bei einer gewesen, als ich zehn gewesen war; gleich nachdem die Baseeri-Soldaten uns aus unserem Haus geworfen hatten.

Ich verließ den Brunnen. Meine Schritte hallten laut auf dem Steinpflaster der Straße. Alles war so still. Keine Wellen, keine Seevögel, keine Musik aus der Schaubude. Es war einfach ... gruselig. Jeder Schritt hallte, als ginge jemand neben mir.

Ich beugte mich nach unten und zog die Sandalen aus. Ich hörte immer noch laute Schritte hinter mir.

Mein Herz hämmerte. Ich konnte nirgendwohin. Hier gab es nichts außer Häusern mit Wänden und falschen Fensterläden, wo Fenster sein sollten. Die nächsten Büsche waren zu niedrig und zu dünn, um sich dahinter zu verstecken. Ich rannte zum Brunnen und legte mich schnell unter die Steinbank auf der anderen Seite.

Jemand rannte in meine Richtung und atmete schnell. Vielleicht mehr als einer. Das Echo machte es unmöglich festzustellen, wie viele es waren. Schwere Schritte auf den Steinen direkt neben mir, dann Geplätscher und schallendes Gelächter.

»Du hättest nicht weglaufen sollen, Mädchen!«