Zwanzigstes Kapitel
Gesichter voller Panik wandten sich mir zu.
»Zurück ins Bett«, flüsterte ich. »Lasst es so aussehen, als hättet ihr noch die Handschellen um. Ceun, unters Bett, versteck dich.«
»Was ist mit uns?«, fragte Danello.
»Wir sind Soldaten. Wir sind hier, um den Raum zu bewachen. Aylin, dreh die Lampen höher.«
Ich verstaute das Pynvium und die Rucksäcke unter Enzies Bett und zückte mein Schwert.
Danello stellte sich neben mich. »Bist du dir sicher?«
»Wir können aus dem Fenster springen, wenn du willst.«
Die Tür wurde aufgerissen, und zwei Soldaten stürzten mit Schwertern in den Händen herein. Ich kämpfte gegen jeden Impuls in mir, seufzte erleichtert und senkte mein Schwert. Nach einem Moment folgten Danello und Aylin meinem Beispiel.
»Gut, ihr seid es«, sagte ich gespielt fröhlich. »Wir hatten mit viel Schlimmerem gerechnet. Was ist denn draußen los?«
Die Soldatin blickte mich verwirrt an. Ihr Kamerad schaute misstrauisch drein.
»Nun?«, fragte ich und legte etwas besorgte Verärgerung dazu.
»Habt ihr jemanden auf dem Gang gesehen?«, fragte die Soldatin.
»Nur euch. Die ganze Nacht war Ruhe.«
»Ihr seid die ganze Nacht hier?«
Ich nickte. »Keine Ahnung, weshalb wir einen Haufen kranker Leute bewachen müssen, aber ich wollte nicht mit der Greiferin streiten.« Vyand hatte bestimmt einen tiefen Eindruck hinterlassen, während sie hier war.
»Oh. Na ja, vielleicht eine gute Idee.« Sie schaute ihren Partner an, der leicht mit den Schultern zuckte.
»Sie glaubt wohl, jemand könnte sie stehlen.« Ich lachte kurz. Nicht zu weit gehen. »Was ist draußen los? Wir haben etwas über ein Seil gehört.«
Die Soldaten steckten die Schwerter in die Scheide. »Die Patrouille hat ein Seil gefunden, das von einem Baum an einen Lagerraum im zweiten Stock gebunden ist. Es könnte jemand eingedrungen sein.«
»Glaubt ihr, dass sie hinter diesen Leuten hier her sind?«
»Die?«, meinte sie verächtlich. »Das bezweifle ich. Eher nach dem Pynvium.«
»Oder was immer sie im ersten Stock versteckt haben«, meinte der Soldat.
Die Frau warf ihm einen strengen Blick zu, worauf er schwieg. »Wir sehen nach. Bleibt aber wachsam.«
»Werden wir. Hier kommen sie nicht rein.«
»Braucht ihr bei der Suche Hilfe?«, fragte Danello.
Die Frau zögerte, schaute ihren Partner an und schüttelte den Kopf. »Nein. Wenn Vyand euch hier haben will, dann bleibt! Wir wollen nicht, dass Vinnot wütend auf uns wird. Haltet die Tür verschlossen.«
»Machen wir«, sagte ich und zwang mich, ruhig zu sprechen. Vinnot war hier! Hier war nicht nur eine Gießerei, sondern auch der Ort, wo er seine grauenvollen Experimente durchführte. Kein Wunder, dass es so gut bewacht war und dass die Schmerzlöser hier waren. Arbeitete Vyand für ihn? Hatte sie deshalb Unsterbliche bei sich?
Die Soldaten verließen den Raum und ich verschloss die Tür mit hörbarem Klicken.
»Quenji wird wütend sein, dass er das verpasst hat«, sagte Ceun unter dem Bett. Er klang, als habe er Spaß.
»Sie verstecken also etwas im ersten Stock«, sagte Aylin.
»Klingt so. Ich wette, es ist etwas, an dem Vinnot arbeitet.«
Es ist anders. Es hält uns fest. Tut uns weh ...
»Erzählt mir mehr über diesen seltsamen Block. Verstecken sie ihn? Bringen sie euch alle zu ihm, wenn sie euch wehtun?«
Enzie nickte. »Sie tragen uns nach unten. Und legen uns hinein. Das drückt die Schmerzen in dich.«
»So, wie ich es kann?«
»Ja, aber der Block nimmt sie nicht wieder heraus.«
Jovan schüttelte den Kopf.«Er nimmt sie heraus. Ich habe gesehen, wie Vinnot das mit sechs Schmerzlösern gemacht hat, als er uns zu ihm gebracht hat. Ich glaube, er hat die Schmerzen aus ihnen herausgenommen, damit er sie uns einflößen konnte.«
»Es sind Handschellen daran«, sagte Winvik. »So wie die am Bett. Aber nicht an Ketten. Sie wachsen aus ihm heraus.«
Saea habe Mitleid! War der Block dazu da, um die Löser zu testen, oder war er eine Art Waffe? Vielleicht beides. Aber wozu brauchte der Herzog mich, wenn er bereits eine Waffe besaß, welche Schmerzen in die Menschen drückte?
Weil du nicht wie eine Waffe aussiehst.
Vergiss das Risiko. Ich konnte nicht fortgehen, ohne die Pynviumschmieden zu zerstören, ganz gleich, wie viele Soldaten dort unten waren. Ohne diese Schmieden konnte Vinnot nichts anderes bauen. Und ich musste in den ersten Stock und sein schmerzschiftendes Gerät vernichten. Aber zuerst -
»Nya, du hast wieder diesen Ausdruck«, sagte Aylin. »Du willst etwas tun, das uns ganz und gar nicht gefällt, richtig?«
»Wir müssen alle fortschaffen, damit ich diesen Ort zerstören kann.«
Sie schaute mich mit offenem Mund an. Danello ebenso. »Es ist eine Gießerei«, sagte er. »Geschmolzenes Metall, jede Menge Gestein und Ziegel. Die brechen nicht.«
»Er hat recht. Außerdem sind die Wachen bereits alarmiert«, erklärte Aylin. »Wir hatten Glück, Enzie und die Zwillinge zu finden. Deshalb sollten wir mit ihnen und dem Pynvium schleunigst von hier rausgehen, solange wir noch können.«
»Ich kann nicht. Du hast gesehen, was die Unsterblichen dieser Familie angetan haben. Wie lang noch, bis die Unsterblichen die Türen in Geveg eintreten und gevegische Familien ermorden? Und jetzt hat der Herzog diese schmerzschiftende Waffe. Überlegt mal, was er noch hier hat. Nein, ich muss ihn aufhalten.«
»Wie?«
Ich holte meinen Rucksack unter dem Bett hervor. »Damit.« Ich holte einen der vier Kästen heraus, die Ceun mir besorgt hatte.
Danello schaute bedenklich drein. »Kästen?«
»Diese sind wasserdicht«, erklärte ich und hielt einen hoch. Er war nicht groß, etwa sechs Zoll lang, vier breit und hoch. »Fischer benutzen sie, um darin ihre Rettungsfackeln und Zunderbüchsen aufzubewahren. Auf den Booten bleibt alles darin trocken. Als mein Vater ein Technikerlehrling war, warf ein anderer Lehrling aus Versehen einen Kasten wie diesen in die Schmiede. Er erhitzte sich und explodierte. Ziegel barsten zu kleinen Stücken. Die gesamte Schmiede war ruiniert. Ich schätze, dass diese Kästen bei den Schmelzöfen genauso gut funktionieren wie bei den Schmieden.«
Danello schien immer noch nicht überzeugt. »Kann der Herzog dann nicht einfach eine andere Gießerei benutzen?«
»Nicht, um Pynvium zu schmelzen. Man braucht viel mehr Hitze als bei Eisen, um Pynvium zu schmelzen. Man braucht Zauberziegel, und die sind nicht leicht zu bekommen. Ich werde die gesamte Waffen- und Rüstungsproduktion zerstören. Dann ist der Untergrund vielleicht imstande, ihn vom Thron zu stoßen.«
»Falls du überhaupt bis unten durchkommst.« Aylin verzog das Gesicht. Sie stand an der Tür, draußen schrillten immer noch die Alarmglocken.
Ich tippte auf meine Uniform. »Ich mische mich einfach unter die anderen.«
»Wir mischen uns unter die anderen«, erklärte Danello. »Ich komme mit.«
»Gut«, meine Aylin. »Sonst hätte ich das gemusst.«
»Aber ...«
»Keine Diskussion.« Danello legte mir einen Finger auf die Lippen. »Wir machen es gemeinsam oder überhaupt nicht.«
Ich nickte. »In Ordnung.«
»So, und wie schaffen wir alle hier raus?«, fragte Aylin.
»Durch das Eingangstor, schätze ich.« Ich ging zum Fenster. Die Gießerei war eine große L-förmige Anlage, und wir befanden uns an ihrem hinteren Ende. Die Eingangstore mussten rechts von mir liegen. Der Baum war als Fluchtweg nutzlos geworden, da sie das Seil gefunden hatten. Also führte der einzige Weg hinaus durch die Eingangstore.
Ich blickte in den Hof der Gießerei. Keine Büsche zwischen Gebäude und Mauer. Alle zehn Fuß eine Lampe, alle angezündet. Ich sah keine Soldaten, aber sie waren dort draußen.
»Zieht die Laken von den Betten und knüpft sie zu einer Strickleiter zusammen.« Ich wandte mich vom Fenster ab.
»Wir klettern aus dem Fenster?«, fragte Enzie. »Wie du bei der Gilde?«»Genau. Wenn ihr alle unten seid, rennt ihr zum Haupttor. Ich hoffe, ihr könnte es von innen öffnen. Wenn nicht, kann Ceun das Schloss knacken.« Ich schaute ihn an, er nickte.
Inzwischen mussten Quenji und Zee die Alarmglocken gehört und die Patrouille und das Seil gesehen haben. Wenn sie klug waren, würden sie auf dem Aquädukt so schnell wie möglich fliehen, ehe man sie entdeckte.
»Was ist mit den Wachen?«, fragte Jovan, als er Laken zusammenknüpfte. »Sie werden uns verfolgen, sobald sie uns sehen.«
Aylin kicherte. »Nicht, wenn Nya anfängt, die Schmieden in die Luft zu jagen. Dann bestimmt nicht.«
»Dann werden sie in die andere Richtung schauen«, meinte Ceun mit breitem Grinsen.
Ich grinste zurück. »Wartet hier, bis ihr lauten Krach hört. Dann nichts wie weg!«
Danello und ich schlüpften aus der Tür. Die Lampen auf dem Gang waren heller, die Schatten tiefer. Er zückte sein Schwert.
»Man sucht nicht nach Eindringlingen, ohne eine Waffe zu ziehen«, sagte er.
»Richtig.« Ich zückte mein Schwert.
Wir gingen in Richtung der Treppe am Ende des Gangs. Das Öffnen und Schließen von Türen hallte im Treppenhaus. Männer brüllten Befehle. Danello übernahm die Führung und marschierte so schnell, als müsse er dringend irgendwohin. Auf dem Absatz im ersten Stock blieben wir stehen.
»Nicht gut«, flüsterte Danello.
Soldaten durchsuchten die Räume im ersten Stock, am anderen Ende standen einige vor einer Tür. Wenn der Raum so streng bewacht wurde, musste das schmerzschiftende Gerät dort drinnen sein.
»Wir kommen nie da rein.« Ich hasste es, das zu sagen, aber wenn wir versuchten, mit den Wachen zu reden, würden sie misstrauisch werden.
»Vielleicht können wir zurückkommen, nachdem wir die Kästen in die Schmieden geworfen haben.«
Ich zögerte, aber Danello hatte recht. »Wir haben keine andere Wahl.«
Danello drückte die schwere Tür auf. Hitze schlug uns entgegen. Es wurde noch viel lauter. Hammerschläge, Feuersbrunst aus den Öfen, Männer brüllten. Es war eine richtige Gießerei. In der unteren Hälfte standen die Schmieden mit den Metallarbeitern und ihren Hämmern, in der oberen Hälfte wurde geschmolzen. Zwei Reihen Steinstufen verbanden die beiden Ebenen. Lange Kanäle leiteten das Erz von den Schmelzöfen zum Gießen zu den Schmieden.
Es gab vier Schmieden, eine in jeder Ecke des unteren Raums. Kohlen brannten leuchtend orangefarben in den Feuertöpfen, ihre Spitzen so weiß wie die Sonne. Die Zauberzeichen in den Ziegeln leuchteten blau. Sie erhitzten die Kohlen heißer als ein normales Feuer es vermochte. In der Mitte des Raums standen zwei Tröge, beide waren mit flüssigem Pynvium gefüllt, das durch die Kanäle vom Schmelzraum herabfloss.
Techniker arbeiteten an jeder Schmiede, schöpften Pynvium heraus und füllten es in die Formen auf einer Seite, wo es zu Barren erstarrte. Auf der anderen Seite wurden Waffen aus diesen Barren geschmiedet.
Mein Herz flatterte. Ich hatte so viele Stunden in der Schmiede verbracht und Papa geholfen. Er ließ das rohe Pynvium in den Schmelztiegel rinnen, wo es blau brannte, wie flammendes Mondlicht. Dann reichte ich ihm Zangen, Schüreisen und Krüge mit Wasser. Die Lederanzüge waren heiß und schwer, aber mir war das gleichgültig gewesen. Ich liebte es, dort zu sein.
Zwei Soldaten marschierten im Raum umher, jeder mit einem Pynviumstab und einem Schwert bewaffnet. Sie beobachteten die Techniker und Waffenschmiede mit harten Augen, als würden sie sie bewachen, nicht schützen. Wahrscheinlich sorgten sie dafür, dass die Techniker kein Pynvium stahlen. Es gab hier so viel, dass selbst die treuesten Anhänger in Versuchung geführt wurden: Ablagegestelle für fertige Waffen, Heilziegel. Aber nichts war so groß, dass es ein Block hätte sein können. Hier wurde alles Nötige für einen Krieg hergestellt.
Danello tippte auf meine Hand, blickte zu den Schmieden hinüber und zuckte mit den Schultern. Ich zuckte ebenfalls. Ich hatte keine Ahnung, wie wir die Kästen hineinbringen konnten.
Ich ging zu den Treppen zum Schmelzraum am anderen Ende. Einer der Soldaten nickte uns zu, als wir ihn passierten. Ich nickte zurück und machte ein ebenso grimmiges Gesicht wie er. Er musste über den Alarm Bescheid wissen und nahm deshalb wohl an, dass wir auf der Suche nach den Eindringlingen waren.
Oben am Ende der Treppe wurde es noch heißer. Blauweiße Flammen brannten in den Schmelzgruben zu beiden Seiten. Riesige Blasebälge pressten die Luft in die Öfen, um sie zu erhitzen. In den Kesseln brodelte das flüssige Pynvium, und Unreinheiten schwammen auf der Oberfläche und warteten darauf, abgeschöpft zu werden. Dicke Ketten führten von den Kesseln zu den großen Kränen darüber. Zwei Männer lenkten vorsichtig einen Kessel auf den Kranschienen hinüber zu den Kanälen zum Schmiederaum. Der Kessel legte sich auf die Seite, und schimmerndes, blaues Pynvium ergoss sich daraus.
Danello betrachtete alles mit großen Augen, bis ich ihn anstieß und fast unmerklich den Kopf schüttelte. Wenn er daran gewöhnt war, hier Wache zu gehen, durfte er vom Arbeitsvorgang nicht so überwältigt sein.
Neben dem rechten Ofen standen fünf große Karren mit rohem, unbearbeitetem Pynvium offen da. Die blauen Klumpen glänzten im Feuerschein. Fünf! Der Herzog hatte offenbar Dutzende von Bergbaustädten ausgeraubt, um so viel zusammentragen zu können. Es wäre ausreichend, um Geveg auf Jahre mit Heilblöcken zu versorgen.
Am anderen Ofen lagerten drei Paletten mit glatten Blöcken, die mit Schmerzen gefüllt waren, dazu Ziegelsteine, die darauf warteten, dass sie geschmolzen und zu Waffen geschmiedet wurden. Auch dies genügend, um mehr Soldaten, als der Herzog wahrscheinlich hatte, mit Rüstungen und Waffen zu versehen.
Ein Techniker und zwei Lehrlinge arbeiteten an jeder Schmelze. Sie drehten uns die Rücken zu, wenn die Lehrlinge nicht gerade losliefen, um mehr Erz zu holen oder die Kessel zu den Kanälen zu schwingen.
Ich beugte mich zu Danello und flüsterte ihm ins Ohr: »Wir müssen diesen Soldaten aus dem Weg schaffen.«
Danello nickte, ging zu den Ziegelsteinen aus Pynvium und nahm einen, als der Soldat nicht hinschaute. Dann trat er zu dem Soldaten und schlug ihm mit dem Ziegel auf den Hinterkopf. Der Soldat brach auf dem Boden zusammen.
Ein Techniker blickte erstaunt auf ihn.
»Ich glaube, die Hitze war zu viel für ihn«, erklärte Danello.
»Ich glaube, der Ziegel auf den Kopf war zu viel«, meinte der Techniker.
Ich lief hinüber und griff nach dem Pynviumstab, den ich unter meinem Hemd verborgen hatte. »Wir wollen hier doch keinen Ärger.«
Er zuckte mit den Schultern. »Schlagt euch doch gegenseitig tot, wenn ihr wollt. Ich kann sowieso nichts dagegen tun.« Er schüttelte den Fuß. Eine Kette lief von der Schmelze zu seinem Fußgelenk. Auch die beiden Lehrlinge, die mit ihm zusammenarbeiteten, waren derart gefesselt.
Verblüfft schaute ich ihn an. »Ihr seid Gefangene?«
»Alle, abgesehen von den Soldaten.« Er musterte mich scharf. »Etwas verrät mir, dass du keine echte Soldatin bist.«
»Wir wollen die Gießerei zerstören.«
Jetzt schauten der Techniker und die Lehrlinge mich verblüfft an. »Gießereien kann man nicht so leicht zerstören.«
»Das sagen mir die Leute ständig.« Ich holte einen Kasten hervor.
Er betrachtete ihn und lächelte. »Du bist ein ganz schlimmes Mädchen.«
»Meinst du, dass es gelingt?«
»O ja. Aber man hängt uns, wenn wir erwischt werden.«
»Dann dürfen wir uns nicht erwischen lassen.«
Er lachte und nickte. »Abgemacht. Ich bin Sorg.«
»Nya. Das ist Danello.«
Ich behielt die Soldaten im Auge, die unten patrouillierten, während Danello mit den Schmelzzangen Sorg, einem weiteren Techniker und den Lehrlingen die Ketten durchschnitt. Wir mussten beide Wachen überwältigen und die anderen befreien, ehe wir mehr tun konnten.
»Was jetzt?«, fragte Danello.
Ich zeigte auf den bewusstlosen Soldaten. »Nimm seinen Pynviumstab. Ich laufe nach unten zu den anderen, mache sie aufmerksam und hole sie herauf. Sobald sie in Reichweite sind, blitzt du sie.«
»Verstanden.«
Ich wartete, bis er hinter den Pynviumkisten in Stellung gegangen war. Dann rannte ich die Treppe nach unten, schwenkte die Arme und rief.
»Sie sind entkommen. Sie sind entkommen!«
Die Soldaten schauten sich an und liefen dann zu mir.
»Hier hinauf, schnell!« Ich machte auf dem Absatz kehrt und lief die Treppen hinauf. Oben bog ich schnell ab, als wollte ich durch die offenen Türen hinausrennen.
Peng!
Die Soldaten gingen lautlos zu Boden. Meine Haut brannte schmerzhaft - kein Stab in Geveg hatte je so stark geblitzt.
»Hat es dir wehgetan?«, fragte Sorg.
»Ich war außer Reichweite.«
»Aha.« Er schürzte die Lippen und nickte langsam, als wüsste er, dass ich log.
»Lasst uns die anderen befreien.«
Wir nahmen Zangen und gingen in die Schmiedeabteilung. Einige Metallschmiede wollten sogleich weglaufen, nachdem wir sie befreit hatten, aber Sorg beruhigte sie. Als wir zum Schmelzraum marschierten, hatten sie sich um Sorg geschart.
»Jetzt«, sagte ich und öffnete meinen Rucksack. »Wir müssen diese Kästen in jede Schmiede werfen.« Ich hatte nicht genug für die Öfen, daher mussten wir improvisieren.
»Hier hast du einen.« Sorg nahm einen Kasten und reichte einem Lehrling den anderen. Danello nahm den dritten.
»Einfach hineinwerfen?«, fragte er.
»Zielt auf die hintere Ecke, wo man sie nicht so leicht sieht.«
Sorg lachte kurz. »Wenn sie sehen, dass wir weg sind, werden sie sich wegen der Öfen keine Sorgen machen.« Er schleuderte einen Kasten in die Flammen.
»Was ist mit den Schmelzen?«, fragte Danello, nachdem er seinen geworfen hatte. »Und mit dem Pynvium?«
So viele Menschen brauchten es, aber wir konnten unmöglich alles mitnehmen. Aber wir konnten es auch nicht für den Herzog zurücklassen. »Wir nehmen möglichst viel rohes Pynvium und lassen den Rest da. Sorg, was würde geschehen, wenn wir diese Kessel herüberziehen und alles hier hineinlaufen lassen?« Ich deutete auf die Kanäle, die nach unten in die Schmiede führten.
»Das gibt eine Riesensauerei. Es wird Monate dauern, bis es abkühlt und eine Bergbaumannschaft es zerhacken kann.«
»Dann machen wir das.«
Lehrlinge packten die dicken Ketten, welche die Schmelzkessel mit den Kränen verbanden, und führten sie über die Kanäle.
»Zieht!«
Die Kessel neigten sich und das heiße, blaue Pynvium schoss heraus. Die Tröge unten füllten sich, dann schwappte das geschmolzene Metall über und ergoss sich auf den Ziegelboden. Es floss immer weiter, um die Schmieden, Tische und Gestelle.
»Gießt die andere Hälfte in den anderen Kanal.«
Sie schoben den Kessel hinüber und gossen das rohe, unbearbeitete Pynvium in den Kanal, der mit geschmolzenen Schmerzen gefüllt war. Beides vermischte sich, floss in den Trog und lief in die andere Seite der Schmiede.
»Holt den nächsten!«
Uns lief die Zeit davon. Die Patrouille würde gleich kommen und das ausgegossene Pynvium in Richtung Hof fließen sehen. Ich packte Sorg am Arm.
»Holt euch die Pynviumstäbe der Soldaten und alle Siegel fürs Tor, die ihr finden könnt!«
Er nickte.
»Wechselt den Kanal.«
Das Pynvium bedeckte jetzt den Boden der Schmiede. Die Holzgestelle gingen in Flammen auf, Schwerter und Stäbe fielen ins glühende Pynvium. Ein Säule aus flüssigem Metall explodierte in der Luft, prallte gegen das Dach. Blauheiße Tropfen rieselten herab.
»Heilige, habt Erbarmen!«, schrie Sorg und wich zurück.
Weitere Säulen aus glühend heißem Metall schossen nach oben. Das Pynvium brodelte wie eine kochende Soße und spritzte immer höher. Die Dachbalken und die Tür fingen Feuer, ebenso die Blasebälge und liegengelassene Kleidung und Handschuhe.
»Wir sollten machen, dass wir hier rauskommen!«, sagte Sorg und winkte seinen Lehrlingen, zum Pynviumerz zu kommen. »Jeder greift sich einen Karren.«
»Warte, die Soldaten«, sagte ich. »Packt die auch.«
»Lasst sie doch hier«, meinte ein anderer.
»Nein.«
Sorg blickte ein wenig beschämt drein und befahl den Technikern, uns zu helfen. Wir schleppten die Soldaten hinaus auf den Hof und legten sie an der Mauer ab, in ausreichender Entfernung von der Gießerei.
»Du bist zu weichherzig«, sagte er zu mir.
»Ich habe genug getötet.«
Er schaute mich mit hochgezogener Braue an. Dann fiel sein Blick über meine Schulter. »Die Patrouille hat uns soeben entdeckt.«
»Schnell, hier entlang!« Ich rannte um die brennende Gießerei zum Vordereingang. Mit Glück würde die Patrouille die anderen Soldaten alarmieren, und wir würden die meisten von ihnen als Verfolger haben. Es war sehr viel leichter, eine Gruppe zu blitzen als einen oder zwei. Selbst mit den Pynviumstäben war ich nicht sicher, wie viele Blitze wir noch hatten.
Noch mehr Glocken schrillten, und überall war Gebrüll zu hören. Der Gestank von Rauch füllte die Luft. Die Patrouille war immer noch hinter uns, vor uns warteten drei weitere Soldaten.
»Feuer!«, schrie jemand, gerade als die zusammengeknüpften Laken aus dem Fenster flogen. Ceun kletterte als erster heraus und glitt herunter, als seien die Laken eingeölt.
»Halt!«, brüllte ein Soldat. Bis jetzt hatte niemand die Lakenleiter gesehen.
Ich drehte mich um und holte die Pynviumarmschiene hervor. Fünf Soldaten rannten auf uns zu, Schwerter und Pynviumstäbe in den Händen. Vor meinem inneren Auge tauchte Löwenzahn auf und ...
Peng!
... ertönte es neben mir. Die Soldaten stürzten zu Boden und wühlten das Gras auf. Sorg schwenkte den Pynviumstab und lachte.
»Gerechtigkeit, genau das ist es. Gefällt von denselben Waffen, die wir, von euch gezwungen, herstellen mussten.«
Das vordere Tor öffnete sich. Wir bereiteten uns auf weitere Soldaten vor. Aber Quenji erschien, gefolgt von Zee. Ich sah Beine in Stiefeln direkt vor dem Tor auf der Straße liegen.
»Braucht ihr Hilfe?«, fragte er.
»Ich dachte, du wärst weg!«
»Und lasse Ceun zurück?« Ihm stand der Mund offen, als wir die Karren mit dem Pynvium durchs Tor schoben. »Ist das ...?«
»Ja, und wir müssen es schnell hinausschaffen.« Ich holte das letzte Stück der Pynviumrüstung heraus, in welches wir zuvor die Schmerzen Enzies und der Zwillinge gedrückt hatten. Dann sah ich, wie Aylin und die anderen uns entgegenrannten, fünf Soldaten dicht hinter ihnen. Der Abstand zu den Verfolgern verringerte sich viel zu schnell. »Schneller, beeilt euch!«, rief sie den Lösern zu, die sie vor sich hertrieb. Alle rannten wie verängstigte Hasen auf uns zu. Ceun führte die Gruppe, aber sie würden nicht vor den Soldaten davonlaufen können, die sie verfolgten.
Ich lief vorwärts, durch sie hindurch.
Peng!
Ein bisschen hatte ich mich verschätzt und traf nur die drei Soldaten ganz vorn. Die schrien, stürzten zu Boden und pressten die Hände auf den Bauch, den Kopf, die Beine. Quenji raste an mir vorbei, sprang einen Soldaten an und schlug ihm einen Stein auf den Kopf. Danello erschien und ging auf den anderen los, dabei parierte er einen Hieb mit dem Schwert.
Quenji schrie auf und taumelte. Blut rann an seinem Bein herab. Ich lief los und packte den Arm des Soldaten, als dieser zu einem neuen Hieb ausholte. Er zuckte zusammen, schlug zu weit und verfehlte Quinji. Ich wirbelte herum, duckte mich unter den Arm des Soldaten und packte Quenjis Hand. Nochmals wirbelnd tauchte ich wieder unter dem Soldaten durch und ergriff sein Handgelenk. Dann drückte ich Quenjis Wunde fort und schiftete sie in den Soldaten. Dieser taumelte. Quenji versetzte ihm einen Tritt gegen die Brust, und er fiel nieder.
»Danke«, sagte Quenji und schaute mich erstaunt an.
Zu spät erkannte ich meinen Fehler. Ich hatte geschiftet. Der Herzog würde wissen, dass ich hier war, dass ich ihm das angetan hatte. Was, wenn er seine Wut darüber an Tali ausließ?
»Folgt Ceun«, sagte Quenji, als wir bei der Gruppe waren. »Bleibt bei ihm.«
Ein lauter Knall erschütterte den Boden, und blaue Flammen schossen in die Nacht. Sie schlugen aus den Türen der Gießerei und fraßen sich das Dach hinauf. Schwarzer Rauch stieg zum Himmel empor. Die Erde schimmerte, als Pynvium den Hügel hinabfloss und das Fundament der Gießerei blass leuchten ließ. Noch ein Knall, dann noch einer, glänzende Metalltropfen und Ziegelbrocken flogen durch die Luft.
Was war mit diesem Ding im ersten Stock? Brannte es auch? Waren die Soldaten, die es bewachten, lebend herausgekommen?
Bitte, heilige Saea, lass es verbrennen!
»Nya, komm schon!«
Ich lief in die Dunkelheit, als der letzte Kasten explodierte.