Achtzehntes Kapitel

 

Die Gegend, in der die Herbergen standen, war dunkel, nur die Hälfte der Straßenlampen brannten. Ein paar weniger wären schön gewesen, weil es dann schwieriger gewesen wäre, uns zu entdecken. Ein Halbmond warf genügend Licht um zu sehen, erleichterte aber unser Vorhaben nicht.

Wir schlichen uns einzeln aus der Villa. Obgleich die Wachen im Haupthaus uns sahen, waren sie offenbar inzwischen daran gewöhnt, dass wir fortgingen. Niemand versuchte, uns aufzuhalten. Ob sie Onderaan meldeten, dass wir fort waren, oder nicht, war etwas, mit dem ich mich nach unserer Rückkehr befassen musste.

Falls wir zurückkamen.

Ceun erschien mit Quenji, dem neuen Führer der Bande, und einem anderen Jungen, Zee. Es hatten noch mehr helfen wollen, aber wir waren der Ansicht, dass die Chancen, uns zu erwischen, größer wurden, je mehr an dem Beutezug teilnähmen. Wir trugen leere Säcke an den Gürteln und Rucksäcke mit Hilfsmitteln.

Wir standen auf dem obersten Treppenabsatz der Herberge, die dem Aquädukt am nächsten war. Das Fenster war schon offen und gerade groß genug, dass wir hindurchkriechen und draußen aufs Dach klettern konnten.

»Letzte Gelegenheit, die Meinung zu ändern«, sagte ich.

Ceun lächelte. »Wir gehen alle.«

Quenji fuhr sich durchs Haar. »Da drinnen gibt es eine Menge Zeug zu stehlen. Wir werden ein Jahr lang essen.« Er lachte. »Allein aufgrund der Geschichten können wir monatelang essen. Die Leuten reden über dich, Schifterin, aber wir müssen die Wahrheit sagen, keinen Klatsch.«

Ich war verblüfft. »Du weißt, wer ich bin?«

Wieder lachte er. »Du bist bei den Banden eine Legende. Du hast die Unsterblichen verletzt. Gefangene von den Soldaten gestohlen. Die inneren Tore überwunden, nur um Eintopf auszuspionieren. Wenn wir dir helfen, werden wir auch Legenden.«

Ceun und Zee grinsten beide über das ganze Gesicht.

Aylin verbarg ihr Lachen hinter der Hand, während Danello strahlte. Ich? Eine Baseerilegende? O Heilige, wie traurig muss ihr Leben sein, wenn ich das Beste war, worüber sie reden konnten.

»Nun denn. Zeit zu klettern.«

Quenji stieg als erster aus dem Fenster. Er hatte Seilschlingen diagonal über die Brust gelegt wie eine Schärpe. Er kletterte einer Eidechse gleich die Ziegel empor. Eine Minute später fiel ein Seil herab. Danello zog mehrmals daran, dann band er es unter den Armen um die Brust. Mühelos kletterte auch er nach oben.

Das Seil fiel wieder herab.

»Du bist die Nächste«, sagte ich zu Aylin. Sie rückte den Rucksack zurecht und griff nach dem Seil.

»Vielleicht solltest du versuchen, aufs Dach zu fliegen«, stichelte sie. »Wo du doch jetzt eine Legende bist.«

»Ich könnte versuchen, dich aus dem Fenster zu stoßen.«

Sie kicherte und kletterte hinaus und nach oben.

»Wir wissen, dass du nicht fliegen kannst«, sagte Ceun voller Ernst. »Aber wir sind überzeugt, dass du die Unsterblichen aufhalten kannst.«

Meine fröhliche Stimmung war wie verflogen. »Das hoffe ich.«

Wieder fiel das Seil, und ich befestigte es unter meinen Armen. Das Fensterbrett war breit genug, um darauf zu stehen, und die schrillbunten Fensterläden, die zu beiden Seiten an die Ziegel genagelt waren, boten guten Halt für die Hände. Außerdem half es, dass die Herberge nicht besonders sorgfältig errichtet worden war. Ziegelecken ragten hervor, zwischen Ziegeln war Mörtel weggebrochen - genügend Halt für Hände und Füße.

Ich musste nicht weit klettern. Nach wenigen Schritten wurde das Seil gestrafft, und Danello und Quenji zogen mich hinauf. Ceun war auf dem Dach, ehe sie mir das Seil abgenommen hatten.

»Wie nah sind wir dem Aquädukt?«, fragte ich und trat an den Rand des Daches. Von der Straße aus hatte es nicht weit ausgesehen, aber wie Jeatar gesagt hatte: Von unten war es schwierig, die Entfernung abzuschätzen.

»Ein guter Sprung«, meinte Danello.

Quenji schüttelte den Kopf. »Ein schlimmer Sprung.«

Schlimm in der Tat. Der Aquädukt befand sich zwar auf derselben Höhe wie das Dach - mehr noch als es von unten ausgesehen hatte -, aber nicht so nahe wie gedacht. Wir mussten über drei Fuß freien Raum springen und auf dem Aquädukt landen, der nur etwa vier Fuß breit war. In der Dunkelheit.

Aylin beugte sich zu mir. »Vielleicht wäre es leichter, noch ein paar Torausweise zu stehlen.«

»Das bringt uns aber nicht in die Gießerei. Wir müssen von oben eindringen.« Ich schaute mich auf dem Dach um. Wir hatten Eisenhaken mitgebracht, um das Seil im Aquädukt zu sichern, aber hier würden sie sofort aus dem hölzernen Dach gerissen werden. Der einzig sinnvolle Ort, sie anzubringen, waren die Zinnen an der Vorder- und Seitenwand des Gebäudes. Aber die sahen mehr dekorativ als solide aus.

Danello folgte meinem Blick. »Es muss reichen.«

»Sie sehen aus, als brechen sie ab, wenn wir kräftig dagegen treten.«

»Wir haben Leute, die zusätzlich die Seile halten.«

Diesmal meldete sich niemand freiwillig, als erster zu gehen. Seufzend trat ich vor. »Ich gehe.«

»Nein, ich«, widersprach Danello und grinste. »Ich hatte nur gehofft, ich müsste nicht.«

Quenji band das Seil um eine Zinne, Danello das andere Ende um sich. Wir übrigen stellten uns in einer Reihe auf und hielten das Seil fest.

»Los geht's!« Danello nahm ein paar Schritte Anlauf, schoss vorwärts und sprang in die Nacht. Er landete auf dem Aquädukt, stolperte und fiel auf den Bauch.

Wir hielten den Atem an, aber Danello stand einen Moment später auf.

»Alles in Ordnung. Ich bin hier.« Er löste das Seil und warf es zurück.

Aylin sprang und landete locker auf den Füßen. Bei ihr sah es tatsächlich so aus, als würde sie fliegen. Ich packte das Seil.

Heilige Saea, ich könnte ein bisschen von Aylins Anmut gebrauchen.

Ich sprang. Dunkelheit wirbelte um mich, als ich den leeren Raum zwischen Herberge und Aquädukt überwand. Dann fanden meine Füße wieder festen Boden. Starke Arme fingen mich ab und hielten meinen Schwung auf.

»Danke«, murmelte ich an Danellos Brust. Ich wollte ihn nicht gleich loslassen.

»Keine Angst, ich lasse dich nicht fallen.«

Ceun kletterte hinauf, stand am Dachrand und machte Arme und Schultern geschmeidig. Wir warteten auf dem Aquädukt, bereit ihn aufzufangen. Ceun nahm Anlauf und sprang.

Seine Füße berührten die Steine, und Hände kamen von überall, um ihn zu packen. Er beruhigte sich und plumpste zu Boden.

»Das hat mir ehrlich Angst gemacht«, gestand er.

»Uns auch.«

Er grinste.

»Wie kommt jetzt Quenji rüber?«, fragte Aylin. »Niemand kann das Seil halten, falls er fällt.«

»Er hat gesagt, wir sollen es festmachen, dann klettert er daran herüber«, sagte Ceun und winkte Quenji bereits.

Dieser warf uns das Seil zu. Wir legten es um den Aquädukt und verknoteten es. Quenji band das andere Ende nochmals fest, wobei er es stramm zurrte. Dann hing er sich daran, um zu erproben, ob es sein Gewicht hielt. Es hing etwas durch, aber nicht zu weit.

Er wickelte Hände und Knie um das Seil und arbeitete sich so Handbreit um Handbreit vorwärts.

Peng!

Das Seil löste sich vom Dach der Herberge. Quenji hielt sich krampfhaft fest, als er unter den Aquädukt stürzte. Er pendelte hin und her, ließ aber das Seil nicht los.

Auf dem Balkon öffnete sich eine Tür, und ein Mann trat heraus. Seine Silhouette zeichnete sich deutlich gegen das Licht im Innern ab. Er schaute umher, dann über die Brüstung nach unten.

»Was ist da unten los?«

Kurze Pause, dann drehte sich der Mann um und ging wieder hinein. Die Tür schloss sich.

Wir zogen am Seil und brachten Quenji langsam nach oben. Keuchend lag er auf dem Rücken.

»Alles in Ordnung mit dir?«, fragte ich.

Er grinste. »Das wird eine Riesengeschichte. Was steht als Nächstes an, Schifterin?«

»Ein langer, gruseliger Marsch.«

Wir folgten dem Aquädukt. Danello führte, Quenji besetzte die Nachhut. Ich glaube, die Jungen wollten schneller gehen als das Tempo, das Danello angab, aber es war zu dunkel und zu windig, um das Risiko einzugehen, schneller zu werden. Eine starke Bö konnte uns glatt wegblasen.

Auf halbem Weg ertönten Turmglocken; zwei tiefe, traurige Töne, die über die Stadt glitten. Die spärlichen Lampen unten schwankten ab und zu. Wahrscheinlich machten Patrouillen die Runde. Je näher wir den inneren Mauern kamen, desto mehr Lichter sahen wir, sowohl bewegliche, als auch in gerader Linie entlang der Straße. Hier gab es keine Lampen.

Wir überquerten die innere Mauer. Danello hielt an und ging in die Hocke. Wir folgten nacheinander seinem Beispiel.

»Das ist es«, sagte ich. Die Gießerei lag unten, aus diesem Winkel war sie sehr viel deutlicher zu erkennen. Sie stand L-förmig auf einem Hügel. Der höhere Abschnitt mochte vielleicht Unterkünfte oder Geschäftsräume enthalten und sah wie jedes andere Ziegelgebäude aus. In den Gießereien, in denen Papa gearbeitet hatte, war der Schmelzraum oben auf einem Hügel angelegt, die Schmiede am Fuß der Erhebung. Diese Gießerei sah ebenso aus. Lang und breit, mit Doppeltüren an beiden Enden, damit die Luft hindurchfließen konnte. Sie standen jetzt offen, obwohl es spät war. Dunkelorangefarbenes Licht fiel auf das Gras, und an den Wänden flackerte blaues Licht. Rhythmische Schläge klangen in der stillen Nacht unnatürlich laut.

»Um diese Zeit arbeiten sie noch?«, sagte Aylin, die hinter mir hockte.

»Ich schätze, der Herzog duldet keine Verzögerung bei seinen Waffen.«

»Das macht es noch schwieriger, oder?«

Ich nickte. Mir drehte sich schon der Magen um. Ich hatte angenommen, dass die Techniker nachts fort seien, aber wenn sie die ganze Zeit Pynvium schmolzen, konnte man nicht wissen, wie viele drinnen waren. Es war nahezu unmöglich, jetzt zu den Schmieden zu kommen. Ich rückte meinen Rucksack zurecht. Die Kisten, die Ceun mir besorgt hatte, klirrten leise. Sie waren schwer und machten mich langsamer. Außerdem würden sie mir das Klettern erschweren. Aber wenn ich sie zurückließ, hatten wir überhaupt keine Chance, die Pynviumschmieden zu zerstören.

»Da ist die Patrouille«, sagte Danello. Zwei Soldaten gingen unten Wache. Drinnen mussten mehr Soldaten sein, aber wie viele?

Ich musste es riskieren. Vyand wäre nicht fortgegangen, wenn sie nicht geglaubt hätte, ich hielte mich fern oder sei im Begriff, das Land zu verlassen. Demnach standen die Chancen gut, dass die Wachen nicht mit Ärger rechneten.

Es sei denn, das alles gehörte zu der Falle.

Ich hatte das niemandem gegenüber erwähnt, aber es war eine Möglichkeit. Vyand konnte zum Schein abgefahren sein, um mich herauszulocken; gerade so, wie ich es mit ihr versucht hatte.

»Quenji«, sagte ich. »Du und Zee, ihr wartet hier.«

Er nickte. »Wir holen dich rauf, keine Angst. Ceun ist unser bester Dieb, deshalb geht er mit dir.«

Ceun lächelte. Er hatte eine Menge leerer Säcke an seinen Gürtel gebunden.

»Dann wollen wir mal die Seile verankern.«

Wir wählten eine Stelle direkt über dem großen Baum, der fast perfekt im Zentrum unter dem Aquädukt stand. Unglücklicherweise schauten auch die offenen Türen genau darauf. Wenn jemand heraustrat, würde er uns sehen. Wir mussten im Baum bleiben und durften nicht zu tief gehen. Danello holte die Eisenhaken heraus, und Aylin hatte den Hammer. Sie reichte ihn Danello.

»Stimm es mit den Hammerschlägen ab«, sagte ich. Ich hatte mir Sorgen wegen des Lärms gemacht, den die Schläge auf die Haken machen würden, aber bei den offenen Türen würde uns niemand hören. Das war das einzig Gute daran, dass sie so spät noch arbeiteten.

Peng!

Danello schwang den Hammer.

Peng!

Wieder holte er aus. Er schlug kräftig zu, immer im Gleichklang mit den Schmieden, bis beide Haken tief in den Steinen steckten. Quenji und Aylin banden die Seile darum und ließen die Enden langsam in den Baum darunter.

Schrecklich tief hinunter.

»Schau nicht nach unten«, sagte Danello und legte seine Hand auf meine.

»Zu spät.« Ich lächelte.

»Diesmal gehe ich zuerst«, sagte er und schlang das Seil um den Arm. Wir hatten alle dicke Handschuhe für das Klettern angezogen. »Ich binde die Enden um den Stamm, dann kannst du leichter hinunterklettern. Du kannst die Beine um das Seil schlingen, wie Quenji vorhin.«

»Sei vorsichtig.«

Er lachte. »Wenn ich das wäre, wäre ich nicht hier.«

Ich lächelte zurück, aber mein Herz war nicht dabei. Es saß in meiner Kehle und erschwerte mir das Sprechen. Aber ich konnte beten.

Heilige Saea, Schwester voller Mitgefühl, erhöre mein Gebet. Lass Danello sicher den Baum erreichen. Lass uns alle finden, was wir suchen, und es herausbringen, ohne zu sterben.

Er kletterte, Hand über Hand, das Seil hinunter, das so dünn aussah. Ich schwankte zwischen den Blicken in Danellos Richtung und der bangen Beobachtung des Hofs und der Fenster, aber niemand kam heraus oder schaute hinaus. Die Turmuhr schlug wieder, drei Schläge.

Blätter verschlangen ihn in der Dunkelheit. Dann wurde das Seil schlaff. Ich hörte keinen Aufprall, also war er nicht gefallen, sondern saß im Baum. Ein Seil schwänzelte, dann wurde es straff. Sekunden später schwänzelte das andere Seil. Dann waren beide straff, offenbar gesichert und in leichtem Winkel zum Aquädukt gespannt.

»Ich nehme das linke Seil«, sagte ich, und Aylin ging zum rechten.

Quenji und Zee halfen uns, vom Aquädukt zu gleiten, bis wir einen festen Griff am Seil hatten. Meine Arme spannten, aber ich hielt mich fest und bewegte mich Hand über Hand vorwärts, wie Danello es getan hatte. Beine und Füße waren unter mir um das Seil gewickelt. Nach gut drei Metern brannten meine Arme und ich zitterte bei der kleinsten Bewegung. Dem Stöhnen neben mir zufolge hatte Aylin die gleichen Probleme.

»Ah!«, schrie sie.

Ich konnte sie nicht sehen, aber ich hörte von unten ein grauenvolles Geräusch - als würde jemand das Seil viel zu schnell hinabgleiten.