Neuntes Kapitel

 

Ich wehrte mich und trat in der Hoffnung um mich, ein Schienbein oder Knie zu treffen. Meine Finger krallten sich in einen Arm, aber der war von dickem Leder bedeckt, genauso wie der Handschuh über meinem Mund. Ich kämpfte dennoch weiter, den gesamten Gang des Gefängnisses entlang, sogar als er mich um die Ecke in Richtung der Galgen schleppte.

Meine Füße berührten Ziegelsteine. Ich warf mich so kräftig ich konnte nach hinten in die Person, die mich hielt, und riss uns beide hinterrücks zu Boden. Wir fielen übereinander, und die Arme lösten sich. In dem Moment, als ich den Boden berührte, rollte ich weg und ...

Das Gesicht kannte ich! Ich hielt inne, aber mein Herz hörte nicht auf, wie wild zu schlagen.

»Jeatar?«

Ich hatte ihn nicht gesehen, seit er Geveg verlassen hatte; einige Tage, nachdem er mich aus der zerstörten Gilde fortgetragen und in Zertaniks Stadthaus versteckt hatte. Er sagte, er würde weiter gegen den Herzog arbeiten, aber ich hatte nicht gewusst, dass er nach Baseer gegangen war.

Er setzte sich auf, die Arme über den Knien. »Du bist es wirklich.«

»Was? Wie?« Ich holte tief Luft, um einen klaren Kopf zu bekommen und ruhiger zu werden. Mein Instinkt riet mir zwar immer noch zur Flucht und dazu, mich zu verstecken, aber Jeatar zu sehen, tat gut. Es bedeutete, dass ich nicht länger allein war.

»Neeme hat uns gesagt, was mit der Straßenbande geschehen ist«, sagte er und stand auf. »Als sie erzählte, ein Mädchen habe sie geheilt und die Schmerzen geschiftet, wusste ich, dass du das sein musstest. Als wir dann feststellten, dass eine Uniform fehlte und Neeme sagte, dass du dich nach diesem Gefängnis erkundigt hattest - na ja, ich kenne nur eine Schmerzenslöserin, die so dumm ist, sich so in Gefahr zu begeben. Ich bin so schnell wie möglich gekommen, um dich aufzuhalten.«

Worin war Jeatar diesmal verstrickt? Wieder eine Geheimmission für das Pynvium-Konsortium? »Was tust du hier?«

»Ich lebe hier, schon vergessen?«

»Das hast du mir nie erzählt.«

»Nun, es stimmt. Und jetzt sag du mir, was du hier tust.« Er verschränkte die Arme, die bis zu den Ellbogen in ledernen Hufschmiedhandschuhen steckten. Der Rest von ihm war auch bedeckt. Hoher Kragen, lange Ärmel, sehr wenig nackte Haut.

Ich grinste. »Du hast gedacht, ich würde Schmerzen in dich schiften?«

»Ich wusste, du würdest kämpfen, wenn ich keine Zeit hätte, dich zu warnen, dass ich hier bin. Antworte mir.«

»Ich bin ziemlich sicher, dass Aylin und Danello im Gefängnis sind. Sie wurden von einem Greifer gefangen, während sie versuchten, mich zu befreien.« Ich schilderte ihm die Entführung und das Blitzen der Rüstung des Unsterblichen. Resik oder den Onkel erwähnte ich nicht.

»Davon habe ich heute Nachmittag gehört. Wir haben Leute, die beobachten, was die Unsterblichen tun.« Er runzelte die Stirn. »Da habe ich angefangen, mir Sorgen zu machen, dass du hier sein könntest.«

»Tali auch.«

»Wurde sie gefangen oder ist sie dir hierher gefolgt?«, fragte er. Mit gefiel der Ausdruck seiner Augen nicht.

»Gefangen. Der Greifer hat gesagt, sie würde irgendeine Entscheidung fällen.«

Er schloss einen Moment lang die Augen, dann öffnete er sie wieder. »Dann sind wir vielleicht imstande, sie zu retten.«

»Du weißt, wo sie ist?«

»Möglich. Man gibt gefangenen Schmerzlösern ein paar Tage, eine Wahl zu treffen. Ausbildung in Lagern oder für Vinnot zu arbeiten.« Er verzog das Gesicht. Offenbar war er unsicher.

Ich hatte wieder Luft und meine Beine waren bereit, wieder zu rennen. »Er macht immer noch diese Experimente?«

»Wir glauben, dass er noch mehr macht.«

»Wir müssen sie hier rausholen. Wo hält man sie fest?«

»Höchstwahrscheinlich in einem der Sicherheitsgebäude in der Nähe der Haupttore. Es wird nicht leicht sein hineinzukommen, aber wenn wir gleich gehen, bekommen wir sie vielleicht, ehe man sie verlegt. Wenn nicht, wird sie wohl morgen früh nicht mehr da sein. Völlig unmöglich, sie aus einem Lager zu holen. Wir haben mehr Glück, wenn sie sich für Vinnot entschieden hat.«

Ich schüttelte den Kopf. »Sie wird sich nie für ihn entscheiden.« Nicht nach dem, was Vinnot ihr angetan hatte.

»Wenn sie entscheiden, dass sie zu jung ist, um zu kämpfen, hat sie keine Wahl.«

Darüber wollte ich nicht nachdenken. »Das Lager. Ist es das, was ich auf dem Weg hierher gesehen habe?«

Er nickte. »Der Hauptteil der Armee des Herzogs ist dort stationiert. Die Stadtverteidigung ist in der Zitadelle innerhalb der inneren Wälle, in der Nähe seines Palastes, untergebracht.«

Dort würde ich nie hineinkommen, wenn ich nicht in seine Armee eintrat. Ich blickte zu den Galgen hinüber. »Was ist mit Aylin und Danello?«

Er zögerte. »Die Gefangenen in diesem Gefängnis sollen laut Plan morgen gehenkt werden.«

»Gehenkt! Dann müssen wir sie heute Nacht befreien.«

»Tut mir leid, aber es wird schwierig genug werden, die anderen zu überreden, Tali zu helfen. Beides machen sie nicht.«

Wieder die anderen. Mir war ganz schwindlig vor lauter Fragen und Ängsten. Ich konnte Aylin und Danello nicht hier lassen, nicht wenn sie morgen hingerichtet würden.

»Wenn Tali ins Lager kommt«, fing ich an. Die Worte kamen mir kaum über die Lippen. »Geht es ihr dann einigermaßen gut?«

Jeatar schaute mich an, als hätte ich soeben vorgeschlagen, sie persönlich dem Herzog zu übergeben. »Wir können sie nicht aus dem Lager holen. Es ist innerhalb des Forts und schwer bewacht, um die einen Leute drin und die anderen draußen zu halten.«

»Aber man wird sie nicht verletzen oder töten?« Mir brach das Herz, als ich das sagte.

»Du hast die Unsterblichen gesehen. Du weißt, was sie machen.« Er schaute mich traurig an. »Wenige wollen all die Schmerzen erleiden oder sie anderen zufügen. Aber die Kommandanten zwingen sie dazu. Sie benutzen Gehirnwäsche und brechen ihren Willen, um die Waffen zu schaffen, die der Herzog haben will. Wie lang kann Tali deiner Meinung dort drinnen durchhalten?«

Ich hatte keine Idee. Sie konnte stur sein, wenn sie sich etwas in den Kopf setzte. Und sie wusste das zu bekommen, was sie wollte. Sie würde versuchen, tapfer zu sein, aber ich hatte sie die meiste Zeit ihres Lebens beschützt, und sie hatte nicht halb so viel durchgemacht wie ich. O Heilige, dachte ich tatsächlich darüber nach?

»Nya, wenn du sie retten willst, müssen wir jetzt gehen.«

Tali retten, bedeutete Aylin und Danello sterben zu lassen. Die beiden zu retten, riskierte Talis Verstand. Ihren Geist als Heilerin. Fünf Jahre Besetzung durch die Baseeri hatten diesen Geist nicht brechen können. Auch Vinnot vermochte das nicht. Sie würde länger durchhalten als Aylin und Danello.

»Nein«, sagte ich und konnte es kaum selbst glauben. »Ich muss zuerst meine Freunde retten. Morgen sind sie tot, aber Tali wird noch leben. Aylin und Danello brauchen mich jetzt. Ich kann nicht fortgehen und sie hier lassen.«

Eine Weile sagte Jeatar nichts.

»Du kannst aber nicht einfach eine Uniform anziehen und reingehen. Diese Uniform ist doppelt so groß wie du.«

Ich betrachtete ihn. Groß, breite Schultern, doppelt so viel wie ich. »Dir passt sie.«

»Absolut nein.«

»Du kannst so tun, als wärst du ein Greifer, der mich verhaftet hat. Wir könnten hineingehen und direkt in die Zellen marschieren.«

»Nein.«

Ich zog die viel zu große Uniform aus und zupfte meine eigene Kleidung darunter zurecht. »Hier, zieh das an.«

»Du hörst mir nicht zu.«

Ich stemmte die Hände in die Hüften und blickte ihn so streng wie möglich an. »Jeatar, du kennst mich. Wie kommst du auf die Idee, dass ich mir das von dir ausreden lasse?«

Er schaute zurück, viel strenger als ich. Ich hielt ihm die Uniform hin. Er starrte sie noch eine Sekunde an, fluchte und nahm sie mir aus der Hand.

»Wenn wir wegen dir erwischt werden, übergebe ich dich persönlich dem Herzog.« Er zog das Hemd über den Kopf.

»Nein, das wirst du nicht tun.«

Ich verstand seine gemurmelte Antwort durch den Stoff nicht, aber ich wollte sie wahrscheinlich sowieso nicht hören.

»Alles wird gut«, versicherte ich ihm. »Du schleppst mich rein, als hättest du mich gerade verhaftet. Wir gehen in die Zellen und suchen nach Aylin und Danello.«

»Du glaubst wirklich, dass es so leicht ist?«

»Ja.« Es musste so sein. War es schwieriger, hatten wir wohl kaum eine Chance.

»Ach ja«, meinte er und deutete auf meine Handgelenke. »Ich habe dich verhaftet, und du bist nicht einmal gefesselt.«

Hmmmm. »Ich könnte die Hände so halten.« Ich ballte die Fäuste und presste meine Handgelenke zusammen.

Er seufzte und schüttelte den Kopf.

»Warte!« Ich schaute zu den Seilen, die von den Galgen hingen. »Hast du ein Messer?«

Er holte es heraus und reichte es mir.

Ich rannte los. Ich bekam eine Gänsehaut, als ich die Stufen zu den Galgen hinauflief. Ich bemühte mich, mir nicht vorzustellen, wie Aylin und Danello da baumelten, während die Baseeri jubelten, aber das Bild ging mir nicht aus dem Kopf. Ich schnitt eine Schlinge ab und rannte zurück. »Das funktioniert.«

»Ja, ich nehme an, das geht.« Aber er klang nicht glücklich. Er legte das Seil um meine Handgelenke und verknüpfte es durch einen Knoten, den er mit einem Ruck auflösen konnte. »Bist du sicher, dass du das machen willst?«

»Jetzt verhafte mich schon.«

Er packte meinen Oberarm und zog mich zum Eingang des Gefängnisses. Ich stolperte neben ihm dahin, etwas aus dem Gleichgewicht, weil er meinen Arm so hoch hielt. So realistisch musste er es auch nicht machen.

Wir betraten das Gefängnis. Helle Lampen erleuchteten den Raum. Ich zwinkerte, bis sich meine Augen an das grelle Licht gewöhnt hatten. Inzwischen waren vier Wachen auf den Beinen und starrten uns an. Ich nehme an, die hellen Lampen waren nicht nur deshalb angebracht, weil sie die Dunkelheit nicht mochten.

»Noch eine für die Lager. Hab ich den Abtransport verpasst?«, sagte Jeatar, als sagte er das jede Woche. Er schenkte den Männern mit den Händen an den Schwertern keine Beachtung, auch nicht den gefährlichen Blicken, mit denen sie uns musterten.

Ich schaute mich im Gefängnis um und bemühte mich, wie das verängstigte Mädchen zu wirken, das nach einer Fluchtmöglichkeit suchte. Eine lange Theke trennte den vorderen Teil des Raumes ab. An einem Ende war eine hüfthohe Schranke. In der Mitte stand ein Käfig vor einer schweren Tür, die wahrscheinlich in den Zellentrakt führte. Wir brauchten für beide Türen Schlüssel.

»Identifiziere dich!«, sagte einer der Wächter. Aufgrund der Rangabzeichen auf dem Kragen ein Unteroffizier.

»Geheim, Ostviertel. Kann ich die einfach bei euch lassen? Ich bin mit Freunden im Alehaus verabredet und schon spät dran.«

Ich staunte über Jeatar. Ich hätte es nie geschafft, so locker zu lügen.

Der Unteroffizier verzog das Gesicht, die anderen schnaubten. »Ich weiß nicht, wie sie das im Ostviertel machen, aber hier beenden wir die Arbeit, die uns zugeteilt worden ist. Yosel, führ ihn nach hinten.«

»Glaub ja nicht, dass ich dir später ein Ale spendiere«, murmelte Jeatar, als Yosel hinüberging und die Tür im Käfig aufschloss. Mir fiel der Pynviumstab auf, der an seinem Gürtel hing, als er vorbeiging. Auch die anderen drei Wachen hatten Stäbe.

Yosel wich beiseite und ließ uns eintreten. Dann folgte er uns und verschloss die Tür hinter sich. Ich blickte verstohlen zu Jeatar. Obwohl er nicht zurückschaute oder auch nur zuckte, war ich ziemlich sicher, dass er wusste, was ich meinte. Wir brauchten den Schlüssel, um wieder hinauszugelangen. Und dem Unteroffizier Mach-alles-selbst würde bestimmt auffallen, wenn wir ohne Yosel herauskämen.

Dann schwang die schwere innere Tür auf und wir betraten das eigentliche Gefängnis. Gestank und Hitze schlugen uns entgegen. Ich rümpfte die Nase. Wir gingen in einen engen Vorraum mit Ziegelmauern an beiden Seiten, der vorne noch ein vergittertes Tor aufwies.

»Zelle fünf ist leer«, sagte Yosel und verschloss die schwere Tür wieder. Soweit ich sehen konnte, war der Zellentrakt T-förmig, mit dem Eingang in der Mitte. »Die ist rechts.« Er öffnete die letzte Tür und marschierte den Gang hinunter. Zu beiden Seiten lagen Zellen, vielleicht sieben oder acht Fuß im Quadrat. Gerade genug für zwei schmale Feldbetten.

Ich zählte, während wir gingen. Zwölf Zellen lang, sechs auf beiden Seiten der Tür. Die meisten waren besetzt. Mein Magen verkrampfte sich, als wir uns dem Ende der rechten Seite näherten. Dort waren Danello und Aylin! Aber ...

»O nein!«

Jeatar schaute hinunter, Yosel nicht. Halima war auch da. Und Barnikoff und ein Dutzend weiterer Menschen aus Geveg. Sie starrten mich mit traurigen, hoffnungslosen Augen an. Vyand hatte offenbar alle gefangen, die versucht hatten, uns zu retten.

Hatte sie auch Danellos Brüder? Und Soek, Enzie, Winvik?

»Zelle fünf.« Yosel steckte den Schlüssel ins Schloss.

Jeatar stürzte sich auf ihn und rammte den Ellbogen in Yosels Nacken, der lautlos zusammenbrach. Menschen sprangen auf.

»Pscht!«, sagte ich schnell und zog an dem Seil um meine Handgelenke. Der Knoten löste sich und ich warf es weg. Dann lief ich zu Aylins und Danellos Zelle. Sie streckten die Hände durch die Gitterstäbe, und ich ergriff sie.

»Ich bin so glücklich, dich zu sehen«, flüsterte Danello. Aylin nickte sofort zustimmend.

»Ich auch. Wir holen euch hier raus.«

Jeatar schloss die Zellen auf, auch derjenigen, die wir nicht kannten. Ich wette, dass die meisten dieser Menschen überhaupt nichts verbrochen hatten.

»Hier«, sagte Jeatar und warf Danello die Schlüssel zu. »Schließ ihn ein.«

Danello schleifte Yosel in eine Zelle und schloss ab. Jeatar hatte bereits Yosels Schwert und Pynviumstab an sich genommen. Letzteren reichte er Danello. »Du weißt, wie man damit umgeht?«

»Ja, drück auf das Ende und dann ein Ruck mit dem Handgelenk, richtig?« »Richtig.«

»Und wie lautet jetzt der Plan?«, fragte Aylin.

»Da vorn sind noch drei Wachen. Wir müssen sie -«

Die schwere Tür öffnete sich. »Yosel? Alles in Ordnung da drinnen?«