Vierundzwanzigstes Kapitel
Was ist mit den anderen?«, fragte einer ihrer Männer.
»Lasst sie hier. Wenn ich ihre Freunde erneut gefangen nehme, arbeitet sie nur noch härter an ihrer Flucht.« Vyand kam zu mir und hob den falschen Zopf hoch. »Interessant. Schwarz steht dir.«
»Die gleiche Farbe wie dein Herz.«
Sie lachte und ließ den Zopf fallen. »Bringt die Pferde!«, befahl sie einem der Männer. Er nickte und rannte die Treppe hinauf. Vyand winkte zwei anderen, die mich hochhoben und ihr folgten. Alle anderen blieben zurück. Stewwig hielt sich weiter zwischen ihr und mir.
»Du lässt sie wirklich hier zurück?«
Sie ignorierte mich.
Meinte sie es ernst oder würde sie zurückkommen und die anderen holen, nachdem ich weg war?
Wir gingen durch die zerschlagene Bücherregaltür in die Bibliothek. Dann über den Gang in die Eingangshalle. Licht fiel durch das zarte Gitter über der Tür. Pferde wieherten. Vyand öffnete die Tür, und kühle Luft und Regen wehten herein und nässten den Boden. Ich roch auch Rauch.
Sie schleppten mich nach draußen. Regenschleier und leichter Nebel tanzten im blassen Morgenlicht. Es war bei dem Regen nicht leicht, die Zeit festzustellen, aber es sah so aus, als sei es ein paar Stunden nach Sonnenaufgang, spätestens aber vormittags. Ich hatte das Gefühl, als seien Tage verronnen, seit wir die Gießerei zerstört hatten, nicht nur Stunden.
Eine Pferdekutsche wartete in der Einfahrt. Ein kleiner Junge öffnete die Tür. Vyand stieg ein, dann Stewwig. Die Männer hoben mich hoch und setzten mich wie eine Puppe auf den Sitz ihr gegenüber. Dann nahmen sie rechts und links von mir Platz.
»Wohin bringst du mich?«
»Würdest du den Mund halten, wenn ich es dir sage?«
Ich dachte nach. »Wahrscheinlich nicht.«
Sie lachte kurz und strich sich wieder über die Haare. Höchstens ein einzelnes Haar war nicht an seinem Platz. »Du hast Eisen in dir, Mädchen. In einem anderen Leben hätten wir Freundinnen sein können.«
»Wahrscheinlich nicht.«
Sie lachte, und die Männer ebenso. »Ich bringe dich zum Herzog. Sobald ich dich ihm übergeben habe, bist du sein Problem.« Sie beugte sich zum Fenster. Wo die Gießerei lag, stieg immer noch Rauch zum Himmel empor. »Und wie es aussieht, nicht sein einziges.«
Der Herzog. Ich musste fliehen, aber Vyand war nicht wie die anderen. Sie sah mich nicht an und hielt mich für ein schwaches Mädchen. Die Zahl der Wachen und die vielen Seile bewiesen das.
Wir fuhren durch die Straßen, die immer belebter wurden, je näher wir der inneren Mauer kamen. Soldaten, Aufrührer, Menschen, die vor beiden Gruppen flohen. Die Gießerei war nicht das einzige Gebäude, das in Flammen stand.
»Was ist geschehen?« Hatte Siekte trotz allem versucht, den Herzog zu ermorden? Hatte sie den Rest des Untergrunds dazu gebracht loszuschlagen?
»Die Menschen werden in der Regel sehr unglücklich, wenn Soldaten ihnen die Türen eintreten und ihre Sachen durchsuchen.«
»Sie rebellieren?«
Sie schüttelte den Kopf. »Das würde Voraussicht erfordern. Nein, diese Menschen sind nur wütend. Allerdings vermute ich, dass einige das Chaos ausnutzen. Ich schätze, bei Sonnenuntergang dürften wir eine ausgewachsene Rebellion haben.«
Die Kutsche wurde langsamer, und ein Mann schwang sich zum Fenster herab. »Das Gedränge hier ist zu groß, um durchzukommen. Wir müssen einen anderen Weg nehmen.«
»Versucht, durch die Stallungen zu fahren. Und bringt jeden um, der nur so aussieht, als wolle er die Kutsche überfallen.« Sie lächelte mich an. »Dieser Trick zieht nicht noch einmal.«
Dieser Trick kam nicht von mir. Das hieß aber nicht, dass ich keine Tricks im Sinn hatte, alte oder neue.
»Was geschieht mit den anderen, wenn die Unsterblichen vor ihnen aufwachen?« Sie würden hilflos sein.
Vyand zuckte mit den Schultern. »Was immer Vinnots Ungeheuer beschließen.«
Nicht gut. Er würde Sorg und die anderen Techniker wieder verhaften und Tussen und Enzie und die anderen zwingen ...
Enzie!
Sie versteckte sich immer noch mit Jovan, Bahari, Halima und Winvik im Zimmer. Sie mussten den Kampf gehört haben, mussten auch Vyands Worte verstanden haben und wussten, dass ich fort war. Nie im Leben würde Jovan nichts unternehmen. Enzie konnte vielleicht sogar Tussen heilen und den Rest auf die Beine bekommen, ehe die Unsterblichen aufwachten.
Bitte, heilige Saea, lass sie die anderen retten!
Vyand legte den Kopf schief und betrachtete mich mit forschenden Augen. »Du bist wieder voller Hoffnung«, sagte sie. »Welcher Gedanke ist dir gerade gekommen?«
»Glaubst du wirklich, ich bin so dumm und sage es dir?«
»Nein, gewiss nicht.« Sie lachte und lehnte sich zurück. »Aber du hast meine Neugier geweckt.«
»Du weißt ja, was man über Neugier sagt. Sie kostet viele Katzen das Leben.«
»Zum Glück bin ich keine Katze.«
Die Kutsche bog oftmals ab und lavierte so durch die ständig wachsende Menschenmenge. Schließlich rollten wir in einen Stall, in dem sich mehr Soldaten als Pferde aufhielten. Die Soldaten standen Wache, weit aufmerksamer als man von jemandem erwarten würde, der nur einen Stall bewacht. Vielleicht wurde der Aufstand schlimmer.
Vyand stieg als erste aus und verschwand mit wenigen schnellen Schritten hinter einer leuchtend grünen Plane. Ihre Männer holten mich wie einen Sack Kaffee heraus und stellten mich auf einem Innenhof ab. Ich hing zwischen ihnen. Nach einer Minute kam Vyand aus einem anderen Teil der Stallungen und winkte uns zu sich.
Pferde wieherten und hoben die Köpfe, als ich vorbeigetragen wurde. Auch dieser Stall sah sehr gepflegt aus, aber nicht elegant genug, um die Pferde des Herzogs zu beherbergen. Wir kamen zum Ende, und ein junger Soldat öffnete eine Stalltür. Wir gingen hinein, und Vyand nahm eine dunkelblaue Kapuze aus einer Kiste an der Wand.
»Ehe du fragst«, sagte sie und schwenkte die Kapuze. »Das dient dazu, dass du nichts siehst.«
Was sehen? Einen Stall mit zu vielen Soldaten?
Sie zog mir die Kapuze über den Kopf, doch zuvor sah ich noch, wie der junge Soldat einen Leuchter an die Wand steckte und die hinterste Stalltür öffnete. Aus dem Dunkel schlug mir abgestandene Luft entgegen. Wahrscheinlich ein Geheimgang in - oder aus - dem Palast. Ich konnte mir vorstellen, wie sich der Herzog mitten in der Nacht herausschlich und vielleicht Vinnot in der Gießerei besuchte, um die Experimente und Waffen zu überprüfen.
Vyand band die Kapuze um meinen Hals zu, als würden mir die wenigen Lichtpunkte auf dem Boden genug Hinweise liefern, um meinen Weg zurückzufinden, sollte ich fliehen können. Dass sie glaubte, dies sei mir möglich, erheiterte mich ein wenig.
Ihre Männer trugen mich in den Geheimgang. Es klang wie harter Stein unter ihren Stiefeln, dann leises Plätschern, als schritten sie durch Pfützen. Sie marschierten ziemlich lange, und obgleich ich mich bemühte, die Biegungen zu zählen, war dies unmöglich, ohne selbst die Füße auf dem Boden zu haben. Schließlich hielten wir an. Metall klirrte. Ein Klicken wie das eines Türschlosses, dann marschierten wir weiter.
Das Geplätscher auf Stein wurde zu schweren Schritten auf Stein, dann leiser, wie auf Watte - wahrscheinlich weicher Teppich -, dann wieder Stein. Wir gingen Treppen hinauf und hinunter. Türen öffneten und schlossen sich, und immer noch sagte niemand ein Wort. Inzwischen mussten wir im Palast sein. Es roch sauber, längst nicht mehr so abgestanden wie in dem Geheimgang. Ich fragte mich, ob sie im Kreis herumliefen, um mich zu verwirren.
Leises Klopfen, dann murmelnde Stimmen.
»Herr, ich habe die Schifterin«, sagte Vyand und nahm mir die Kapuze ab.
»Wurde auch Zeit«, meinte ein Mann mürrisch.
Ich blinzelte im Licht eines schmucklosen, runden Raums mit ein paar Bänken und einem kleinen Schreibtisch. Ein Raum, durch den man ging oder in dem man wartete, aber kein Ort, wo man viel Zeit verbrachte. Es sei denn, man war Soldat. Ein halbes Dutzend Männer in Kettenrüstungen stand entlang den Wänden und beobachtete mich und alles, was sich bewegte, genau.
Vyands selbstgefälliges Lächeln verschwand. »Sie war ausgesprochen schwierig zu fangen.«
»Das hast du mir ständig erzählt«, sagte der Mann vor mir. Mitte fünfzig. Schütteres, schwarzes Haar, glatt zurückgekämmt. Graublaue Augen. Teure Kleidung. Ein ozeanblauer Pynviumreif mit einem Saphir saß auf seinem Kopf.
Der Herzog.
Wut loderte in mir. Das war der Mann, der uns so wehgetan hatte, so viele ermordet und so viel gestohlen hatte? Sein Körper war zu schmächtig, um eine Rüstung zu tragen, seine Schultern für ein Schwert nicht breit genug. Seine Wangen waren eingefallen, dunkle Augenringe vor Schlafmangel. Kein Wunder, dass er alles, was er hatte, stehlen musste. In einem fairen Kampf konnte er unmöglich siegen.
Ich hob das Kinn. »Ihr seid ein mordender Dieb, der Leben ruiniert und Städte zerstört hat, und Ihr solltet Euch am eigenen Galgen aufhängen, während die Menschen jubeln.«
Vyand warf mir einen belustigten Blick zu. Wahrscheinlich würde sie mich anfeuern, wenn ich diesmal versuchte zu fliehen.
Der Herzog funkelte mich an, die Augen zu Schlitzen verengt. »Kein Zweifel, dass sie es ist?«, fragte er Vyand. Ich wurde zornig. Das war mein Feind und er wollte mich nicht einmal anerkennen.
»Keiner, Herr. Wie Ihr selbst sehen könnt, ist sie ... unverkennbar ... sobald Ihr sie kennenlernt.«
»Gut. Lass sie hier.« Er deutete auf eine Holzbank an der Wand. »Dein Lohn liegt dort.«
»Danke, Herr.«
Die Soldaten setzten mich auf eine Bank. »Wie kannst du für ihn arbeiten?«, fragte ich sie. »Er hat eine gesamte Stadt niedergebrannt, nur damit er den Thron stehlen konnte.«
Sie ignorierten mich, aber die Röte stieg dem Herzog ins Gesicht. Gut.
»Welcher Eurer Brüder sollte herrschen? Hat es eine Rolle gespielt oder habt Ihr Euch nur sicher gefühlt, wenn Ihr beide umbringt?«
»Nehmt ihr die Seile ab!«, sagte er unwirsch. »Ich verschwende keine guten Männer, sie herumzutragen und mir ihren Unsinn anzuhören.«
Vyand hob eine Braue. »Das ist nicht rats-«
»Tut es!«
»Sehr wohl, Herr.«
Einer der Soldaten durchschnitt die Seile, die meine Füße und Arme gefesselt hatten. Nur die um die Handgelenke blieben. Vyand trat vor und zog den Stoff von meinen Händen, dabei schaute sie mich an und zwinkerte.
»Entlassen«, sagte der Herzog.
Vyand neigte den Kopf und verließ den Raum. Ich hätte schwören können, dass ich sie kichern hörte, als sie die Tür schloss.
Der Herzog trat zu mir. Seine Augen leuchteten vor Aufregung.
»So - du bist die Schifterin.«
Offensichtlich wollte er keine Antwort. »Und Ihr seid etwas, das eine Sumpfratte ausgekotzt hat.«
Er schlug mich. Ich grinste, obwohl meine Wange brannte.
»Das hat nicht wehgetan.«
»Aufmüpfig ist sie, richtig?«, sagte ein anderer sehr gut gekleideter Mann beim Fenster. Er war älter als der Herzog, aber nicht viel. Graues Haar, aber die gleichen Augen. Ein Familienmitglied? Er musterte mich so, wie ich Bauern Vieh hatte mustern sehen.
»Zu aufmüpfig«, stimmte ihm der Herzog zu. Ich streckte ihm die Zunge heraus, und er ballte die Fäuste.
»Schlagt mich doch noch mal. Ich fordere Euch heraus.« Stechen wäre noch besser. Mehr Schmerzen zu schiften. Ich wettete, ich konnte ihn erreichen, ehe die Wachen mich aufhielten.
Der gut gekleidete Mann legte ihm die Hand auf die Schulter. »Sie wirft Euch Köder hin.«
»Das weiß ich!«
»Viel Hoffnung, die Ihr in ein kleines Mädchen steckt, selbst wenn es aufmüpfig ist.«
»Siehst du das Blut an ihr? Diese Schnitte und Risse in ihrer Kleidung? Vyands Männer haben das getan, aber jetzt sind sie diejenigen, die Schmerzen erleiden.«
Vyands Männer? Vielleicht wusste er nichts von dem Angriff der Unsterblichen auf den Untergrund. Dann hatte er nicht gewusst, wo ich war! Vielleicht gelang es Aylin und den anderen doch noch zu entkommen und sich zu Jeatars Bauernhof zu retten.
Und Tali?
Vielleicht musste ich mich doch nicht ins Lager der Löser schleichen.
»Glaub mir, sie trägt jetzt keine Wunde mehr.«
Abgesehen von meinen frischen Narben. Ich hätte gerne noch ein paar auf mich genommen, wenn ich dadurch genügend Schmerzen auf mich lud, um sie in den Herzog zu drücken. Dann wäre ich vielleicht imstande, diesen Krieg gleich hier zu beenden. Ich hatte viel darüber gelernt, wie man Leute entführte, und wenn ich den Herzog fing, konnte ich ihn Jeatar übergeben und die Soldaten in den Lagern der Löser zwingen, alle gehen zu lassen - Tali eingeschlossen.
»Die Unsterblichen können sich auch selbst heilen«, sagte der Mann.
»Das können sie nicht.« Der Herzog zog etwas aus seiner Tasche. Pynvium.
Peng!
Ich funkelte ihn nur an, als die Schmerzen auf meiner Haut brannten. Eine ganz schöne Menge für einen so kleinen Pynviumstab, aber er war ozeanblau, wahrscheinlich rein. Enthielt er nur einen Blitz?
»Das hat gekitzelt«, sagte ich. Er hob den Stab erneut. Ich nahm die Hände hoch und brachte die Seile vor den Blitz. Wahrscheinlich würde es nicht viel bewirken, aber vielleicht schwächte es die Seile ein wenig.
Peng!
»Es hat immer noch nur gekitzelt«, sagte ich.
Der Herzog lief wieder rot an und legte den Stab weg. »Hast du je so etwas gesehen, Erken?«
»Nein, eine derartige Immunität ist äußerst bemerkenswert.«
»Niemand wird es mehr wagen, mich zu bedrohen.«
»Zählt nicht darauf«, höhnte ich.
Erken sah nicht überzeugt aus, obwohl er sichtlich von mir beeindruckt war. »Wenn es funktioniert.«
»Es wird funktionieren.« Der Herzog verschränkte die Arme vor der Brust, die Hände immer noch geballt. »Weise Vinnot an, alles vorzubereiten. Ich möchte so bald wie möglich eine Probe.«
»Jawohl, Herr.« Einer seiner Garde nickte und verschwand durch eine andere Tür.
Wenn was funktionierte?
Das Gerät, das Enzie und den anderen wehgetan hatte? Das konnte nicht sein, denn das war im Feuer der Gießerei vernichtet worden. Oder nicht?
»Nichts, was Ihr tut, spielt eine Rolle«, sagte ich. »Alle hassen Euch. Jeden Tag haben weniger Menschen Angst vor Euch. Ihr könnt nicht viel länger verbergen, was Ihr seid.«
Der Herzog lächelte zynisch. Nicht die Reaktion, die ich hervorzurufen gehofft hatte. »Jetzt, wo ich dich habe, muss ich mich überhaupt nicht mehr verstecken.«
Eine Frau in der blausilbernen Uniform einer Verwaltungsangestellten des Herzogs trat zu ihm. »Herr? Vinnot ist bereit.«
»Hervorragend. Feldwebel, bringt ihm die Schifterin.«
Der Soldat links von mir riss mich hoch und führte mich zu einer Tür auf der anderen Seite des Raums. Erst dann bemerkte ich die schwachen Vibrationen unter meinen Füßen und das Summen in der Luft.
»Wohin bringt Ihr mich?«
»Jetzt ist sie nicht mehr so aufmüpfig, richtig?«, meinte der Herzog. »Seid vorsichtig mit ihr. Sie ist nicht ersetzbar wie die anderen.«
»Was wollt Ihr mit mir machen?« Ich wehrte mich gegen den Soldaten, aber es war, als würde ich mit einem Baum ringen. Er schleppte mich durch die Tür in den anderen Raum. »Sagt es mir!«
»Du bist besser dran, wenn du es nicht weißt«, sagte ein Mann. Ich brauchte einen Moment, bis ich sein Gesicht einordnen konnte. Als ich ihn beim letzten Mal gesehen hatte, hatte er auf dem Boden vor dem Turmzimmer in der Gilde der Heiler in Geveg gelegen.
»Vinnot«, sagte ich. Dann blickte ich voll Hass auf den Mann, der Tali so mit Schmerzen gefüllt hatte, dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Der an Schmerzlösern experimentiert und sie verletzt hatte, um zu sehen, ob sie spezielle Fähigkeiten entwickelten, wie die meinen. Der die Unsterblichen geschaffen und ausgeschickt hatte, um zu töten. Mir drehte sich der Magen um, schlug Saltos, je näher ich ihm kam.
»Ich sehe, mein Ruf eilt mir voraus.« Er grinste, dann machte er weiter Notizen auf einem Block. Hinter ihm war ...
Etwas.
Gewiss Pynvium, aber eine missgestaltete Mischung, von reinem Ozeanblau zu einem fast nutzlosen Blaugrau changierend, dazu ein eigenartiges silberblaues Metall, das ich noch nie zuvor gesehen hatte. Das ganze Ding war riesig, eine Scheibe, vielleicht sechs Fuß im Durchmesser und ein Fuß dick. Es ruhte auf einer Art Podest aus Stein, hüfthoch über dem Boden. Aus dem Zentrum wuchs eine Spitze, wie geschmolzenes Wachs bei einer Kerze, die sowohl aus dem silberblauen Metall als auch aus Pynvium mit wechselnder Reinheit gearbeitet war. In gleichmäßigem Abstand wies die Scheibe bogenförmige Kanäle auf, ungefähr armdick, mit dünneren Bändern, die sich fast wie Handschellen darüber wölbten. Viele davon.
Es hält uns, tut uns weh ...
Ich zählte. Zwölf Kanäle. In der Gießerei waren sechs Schmerzlöser gewesen. Heilige, es waren Handschellen. Vor meinem geistigen Auge sah ich sechs Löser mit den Armen in diesen Kanälen; an die Scheibe gefesselt, die sie hielt und ihnen Schmerzen zufügte.
Und der Herzog nannte mich eine Scheußlichkeit. Dieses Ding sollte überhaupt nicht existieren. Ich wusste zwar nicht einmal, was genau es war, aber das wusste ich: Es war nicht richtig, ebenso wenig wie das mit Zauberzeichen versehene Pynvium in Zertaniks Arbeitszimmer.
Ich holte langsam Luft. Mein Magen zitterte, genauso wie dort und noch schlimmer als neulich, als Onderaan mir sein Heilgerät gezeigt hatte. Ich konnte keine Zauberzeichen erkennen, aber sie mussten sich unter diesem schrecklichen zusammengeschweißten Metall befinden.
»Wie bald ist es betriebsbereit?«, fragte der Herzog Vinnot.
»Das hängt von der Schifterin ab. Wir haben keine anderen wie sie für einen Test gefunden, aber ich vermute, es wird eine Zeitlang dauern, mit ihr die gewünschte Biegsamkeit zu erreichen. Starke Talente brauchen immer länger.«
Ich zwang mich wegzuschauen. Biegsamkeit klang mit Sicherheit nicht danach, dass ich ein Teil davon sein wollte.
»Was ist das Ding?«, fragte ich.
»Ein Lebenswerk«, antwortete Vinnot und seufzte.
Nicht das eines Lebens, das lebenswert war.
»Steck sie jetzt hinein«, befahl der Herzog.
Vinnot lächelte tatsächlich und rieb sich begierig die Hände. »Das dürfte interessant werden.«
Soldaten brachten die Schmerzlöser aus einem hinteren Zimmer, jung wie Enzie und die anderen, der älteste nicht älter als zwölf oder dreizehn. Zu jung, um zu kämpfen. Mir schnürte es die Kehle zusammen. Ich hatte Angst, Tali zu sehen, und doch die Hoffnung, sie wäre hier. Doch eigentlich wünschte ich, dass sie sich so weit wie möglich von diesem Ort entfernt aufhielt, denn plötzlich hatte ich das Gefühl, dass es nicht mehr ausreichte, den Herzog einfach nur gefangen zu nehmen.
»Lasst mich los!«, sagte der erste Löser und wehrte sich. Ein dunkelhaariger Junge mit dunklen Augenringen. Er trug eine lange, ärmellose Tunika und ausgebeulte Hosen.
Vielleicht nicht zu jung um zu kämpfen, aber zu jung für die Unsterblichen. Jetzt kämpfte er, trat um sich, biss und wand sich wie eine gefangene Katze. Es bedurfte zweier Soldaten und eines Dieners, um seine Arme in die Kanäle zu schieben und die Handschellen um die Handgelenke zu schließen.
»Gib nach«, sagte der Diener.
Der Junge schrie auf und sank mit glasigen, offenen Augen in sich zusammen. Danach stöhnte er leise. Rhythmisch.
Ich hatte den Wunsch, mich ebenfalls zu wehren. Und zu schreien. Worauf sollten die Zauberzeichen dieser Vorrichtung bewirken? Wussten sie das überhaupt? Hatten sie eine Ahnung, was sich unter all dem zusammengemischten Pynvium befand?
»Eindrucksvoll«, meinte Erken. »Es besänftigt sie in der Tat.«
»Das habe ich dir doch gesagt«, erklärte der Herzog mit großem Stolz. »Es ist die außergewöhnlichste Mischung. Ich habe noch keine alleinige Nutzung des Kragsteins gefunden, aber mit der richtigen Mischung Pynvium kombiniert, macht er den Verstand extrem offen für Vorschläge.«
»Das Ding beeinflusst den Verstand?«
»Das gesamte Nervensystem. Ein paar Worte, und sie tun, was immer ich verlange.«
Das war grauenvoll. Menschen wehzutun, war schlimm, aber ihren Verstand zu beeinflussen ... Jeatars Worte hallten mir in den Ohren. Sie biegen den Verstand und brechen den Willen und schaffen so die Waffen, die der Herzog haben will. Wie lang kann Tali das deiner Meinung nach dort drinnen ertragen? War das die Methode, mit der er die Unsterblichen dazu brachte, ihm zu folgen? Würde er etwas wie dieses Ding bei Tali anwenden, damit sie für ihn kämpfte?
Sie befestigten den nächsten Schmerzlöser und den nächsten. Die letzte, die aus dem Zimmer kam, war älter als die anderen. Jemand, den ich kannte, aber nicht Tali.
Lanelle.
Ein Gefühl der Genugtuung durchrann mich, gefolgt von einem schlechten Gewissen. Niemand verdiente das, auch nicht, wenn ich daran dachte, was sie Tali und den anderen angetan hatte: Vinnot bei seinen Experimenten zu helfen, die Symptome aufzuzeichnen und uns an den Erhabenen zu verraten.
Ohne einen Laut glitt sie in die Kanäle. Alle stöhnten, einer nach dem anderen, ihre Finger zuckten gegen die Scheibe, als würden sie Schmerzen hineindrücken. Wie Jovan gesagt hatte: Dieser seltsame Block flößte ihnen Schmerzen ein.
Heilige, was war ...? Der Raum bebte ein wenig. Ließ der Block die Schmerzen durch sie hindurchfließen? Testete er so ihre Fähigkeiten? Hatte Vinnot einen Weg gefunden, sie am Leben zu erhalten, obwohl sie mit Schmerzen angefüllt waren? Brachte das Pynvium mit den Zauberzeichen diese Fähigkeiten ans Licht, wenn man sie tatsächlich besaß?
Das ergab keinen Sinn. Wenn ja, warum mich testen? Ich verfügte über Fähigkeiten.
Ich zitterte. Der Herzog wusste das. Wenn er hier über etwas verfügte, das Schmerzen in Menschen schiftete, war ihm das wahrscheinlich höchst gleichgültig. Er wollte mich wegen meiner Immunität, wie er Erken vorgeführt hatte, als er mich geblitzt hatte.
Er wollte, dass ich das Ding blitzte.
Wenn er mich in diese Kanäle steckte und zwang, mich wie die anderen zu ergeben, würde ich es wahrscheinlich auch tun. Wieviel Schmerz war da drinnen? Würde es mit echten Schmerzen blitzen, wenn es Schmerzen in Menschen schiften konnte? Nicht nur oberflächliche Schmerzen, die einen bewusstlos machten, wie die Pynviumwaffen jetzt, sondern Schmerzen, die töteten?
Ich dachte an Geveg, Verlatta und all die anderen Städte entlang des Flusses. An Sorille, welches bereits durch die Hand des Herzogs zerstört worden war. An all die Schmerzlöser, die sich versteckt hatten und beteten, dass kein Greifer sie finden möge. Ich erinnerte mich daran, wie hart Großmama gekämpft hatte, wie viele sie geheilt hatte, damit sie weiterkämpfen konnten. An all die Menschen, die gestorben waren bei dem Versuch, den Herzog von unserem Heim fernzuhalten, fern von unserer Familie.
Wie Mama und Papa. Und Großpapa.
Diese Wunderwaffe war voller Schmerzen. Wahrscheinlich noch mehr als der Block der Gilde enthalten hatte. Sobald ich an das Ding gefesselt war, würde ich wahrscheinlich auf jede Weise und an jedem Ort blitzen, die der Herzog befahl. Ich wäre ein Pynviumauslöser auf Beinen. Aber wenn ich jetzt gleich blitzte, ehe er mich dort einschloss ...
Siekte hatte recht. Der einzige Weg, uns alle zu befreien, war, den Herzog zu töten.
Ich stürzte mich auf das Pynvium.