Zwölftes Kapitel

 

Nirgends Löser? »Ich glaube dir nicht. Du bist nur ...«

»Vielleicht sollten wir morgen darüber sprechen?«, sagte Jeatar, während Danello meine Schulter drückte - hart.

»Ja«, meinte Danello. »Sie ist erschöpft, wie wir alle. Die letzten Tage waren sehr hart.«

»Mir geht es gut!«

»Nein, geht es dir nicht«, widersprach Danello laut genug, dass ich es hörte.

»Ich glaube nicht, dass es noch mehr zu besprechen gibt«, erklärte Onderaan. »Jeatar, das funktioniert nicht. Ich möchte, dass alle bis morgen Abend das Haus verlassen haben.«

Ich verschränkte die Arme. Je früher ich von hier weg war, desto besser. »Das ist mir sehr recht.«

»Sie hat es nicht so gemeint«, sagte Jeatar und schaute mich ungläubig an. »Sie hat die vorige Woche in einer Kiste zugebracht.«

»Morgen seid ihr weg.«

»Onderaan, sie haben keinen Ort, wohin sie gehen könnten. Sie würden gleich wieder geschnappt.«

»Wir können uns diese Ablenkungen nicht leisten. Alle müssen voll konzentriert sein, und dieses Kind ...«, er deutete auf mich, »ist nicht förderlich.«

»Ich bin kein Kind«, widersprach ich. Was wusste er überhaupt über mich? »Ich bin seit Jahren auf mich allein gestellt und habe für meine Schwester gesorgt, meine einzige Familie.«

»Schaff sie hinaus«, sagte Jeatar zu Danello. Der packte mich am Arm und zerrte mich zur Tür. Jeatar wandte sich an Onderaan. »Wir müssen darüber sprechen.«

»Ich setze nicht alles aufs Spiel, wofür wir gearbeitet haben, weil dir dieses Mädchen leid tut.«

»Darum geht es nicht, sondern ...«

Danello knallte die Tür zu. Die Baseeri verstummten und starrten mich an. Sie waren verblüfft über das Geschrei in Onderaans Arbeitszimmer. Ich starrte zurück.

»Was tust du?«, fragte Danello leise. »Wir brauchen seine Hilfe, um Tali und die Zwillinge herauszuholen.«

»Er hilft uns nicht.«

»Das weißt du doch nicht.«

»Ich weiß, man kann einem Baseeri nicht trauen.«

Danellos Augen wurden groß. Vielleicht hatte ich das ein wenig laut gesagt. Verärgertes Murmeln ertönte im Raum.

»Komm jetzt«, sagte er und zerrte mich in Richtung Gästezimmer. »Vielleicht kann Aylin dich zur Vernunft bringen.«

»Ich muss nicht zur Vernunft gebracht werden.« Ich musste Sinn in Dinge bringen, die keinen Sinn ergaben. Vielleicht war Analov hier ein beliebter Name. Vielleicht hatte Papa eines dieser Gesichter, das wie alle aussah. Viele Menschen hatten ihre Familie im Krieg verloren. Das bedeutete gar nichts.

Danello schloss die Tür hinter uns. Der Gang war voll von Gevegern. Sie umringten mich und warteten auf Antworten, die ich nicht hatte.

»Was geschieht mit uns?«

»Können wir tatsächlich bleiben?«

»Wer war der Mann?«

Verhärmte Gesichter, müde Augen. Verängstigte und hungrige Menschen, die morgen hinausgeworfen würden, weil Onderaan zu egoistisch war, um ...

»Wir können die Nacht hier bleiben, aber morgen müssen wir das Haus verlassen«, sagte Danello, seine Hand immer noch fest auf meinem Arm.

»Er wirft uns hinaus?«, fragte Aylin; wahrscheinlich die einzige, die überrascht war.

»Hätte ich wissen müssen. Einem Baseeri kann man nicht trauen«, zischte Barnikoff.

Danello blickte mich an. Seine Augen forderten mich auf zu sprechen, gleichzeitig besorgt, dass ich den Mund aufmachte. Ich schaute die Menschen an, die sich um uns versammelt hatten. Menschen, die in Sicherheit sein könnten, wenn ich nicht wäre.

O Heilige, was hatte ich getan?

»Geht alle auf die Zimmer und ruht euch aus, solange ihr könnt«, sagte Danello und klang wie der Anführer, für den Onderaan mich hielt. »Wir wollen ihnen zeigen, dass wir keinerlei Ärger machen.«

»Wir und Ärger?«, fragte jemand. Ich konnte nicht feststellen, wer.

»Ich weiß, aber schaut, diese Menschen kämpfen gegen den Herzog. Nach ihrer Meinung sind wir nur ein Haufen Spione. Wärt ihr glücklich, wenn ihr uns sehen würdet, wenn ihr sie wärt?« Gemurmel. »Ruhe bewahren. Tut, was sie sagen, und dann sehen wir, was morgen geschieht. Zumindest geben sie uns etwas zu essen.«

Einige wenige Lacher.

»Na gut, wir segeln erst mal deinen Kurs«, sagte Barnikoff. Er schaute mich an, ehe er ging. Unsicherheit huschte über sein Gesicht. Die anderen schauten mich nicht an, gingen jedoch zurück in ihre Zimmer.

»Wir sind hier drin«, sagte Aylin und öffnete die erste Tür rechts. »Danello, du und Halima seid nebenan.«

»Kannst du noch ein bisschen länger auf sie aufpassen?« Danello schob mich zur offenen Tür. »Ich muss mit dir reden, Nya.«

»Brauchst du mich?«

»Nein, alles in Ordnung. Aber danke.«

Aylin zögerte und musterte mich besorgt. »Ist wirklich alles in Ordnung?«

»Ja, alles bestens.«

Sie zog eine Braue in die Höhe.

»Wir reden später«, sagte ich, schüttelte Danellos Hand ab und betrat das Zimmer. Ich hatte erwartet, dass es einer Zelle gleichen würde, doch es sah eher aus wie in Millies Pension. Einfache Betten, an jeder Seite eines, die Kissen sahen weich aus und die Decken warm. Ein kleiner Tisch mit einer Lampe stand an der Wand dazwischen und darunter ein Korb für Kleidung.

Ich brauchte einen Moment, bis ich merkte, dass Danello mir nicht gefolgt war.

»... stimmt nicht mit ihr?«, fragte Aylin leise und legte dann schnell die Hand über den Mund, als wollte sie ihre Worte verstecken.

»Keine Ahnung. Sie benimmt sich völlig verrückt. Ich habe sie noch nie so gesehen.«

Ich setzte mich aufs Bett, faltete die Hände im Schoß. Meine Finger waren kalt und ich steckte sie zwischen die Knie. Was hatte ich getan?

»Weißt du, was nicht stimmt?«

»Nein, aber es geschah direkt, nachdem dieser Onderaan aufgetaucht ist.«

Vyand würde uns finden und verhaften. Alle würden die Stufen zu den Galgen hinaufgehen und hängen. Das konnte ich nicht geschehen lassen. Ich musste mich bei Onderaan entschuldigen und ihm erklären, warum ich ...

Ich seufzte und legte die Stirn auf die Knie. Weshalb ich überreagiert hatte. Das war alles. Er konnte nicht mit mir verwandt sein. Das ergab keinen Sinn. Ich konnte keine halbe Baseeri sein. Ich sah überhaupt nicht wie diese Leute aus. Dachte nicht wie sie. War nicht grausam, wie sie.

Du hast Menschen verletzt. Hast Menschen umgebracht. Vielleicht war das deine Baseeri-Seite.

Die Tür fiel ins Schloss. Das Bett quietschte, als Danello sich neben mich setzte. Ich richtete mich auf.

»Was ist geschehen?« Er legte den Arm um meine Schultern. Warm. Zuverlässig. Sicher.

»Ich bin verwirrt.«

»Verwirrt? Weshalb?«

»Was würdest du tun, wenn du herausfindest, dass dein Vater nicht der war, für den du ihn gehalten hast?«

Er machte eine Pause. »Du meinst, wenn er mich zum Beispiel angelogen hätte?«

Darüber hatte ich noch nicht nachgedacht. Hatte Papa mich belogen? »Ich weiß nicht.« Ich legte meinen Kopf an seine Schulter. Es war die Sorte Schulter, auf die man sich verlassen konnte, wenn sich die Dinge zum Schlechten entwickelten.

Du konntest auf Papa zählen.

Das war, weil er Geveger war. Er hat gegen die Baseeri gekämpft. Baseeri bekämpften nicht Baseeri - abgesehen davon, dass Onderaan und der Untergrund aber genau das taten.

Papa hatte gegen sie gekämpft. Großpapa auch. Waren sie Baseeri?

Danello nahm meine Hand und strich mit dem Daumen über meine Fingerknöchel. »Warum magst du Onderaan nicht?«

»Er ist ein Techniker.« Das rutschte mir einfach heraus.

»Und das ist schlecht?«»Nein.«

»Du redest Unsinn.«

»Ich weiß. Ich bin nicht sicher, was ich tun soll.« Ich musste das irgendwie in Ordnung bringen. Onderaan überreden, sie bleiben zu lassen, selbst wenn er mich hinauswarf. Ich schloss fest die Augen.

»Na gut«, sagte Danello und schob mir eine Locke hinters Ohr. »Ich glaube, als erstes brauchen wir Schlaf. Danach können wir mit Onderaan sprechen und ihm sagen, dass du manchmal schneller redest als du denkst. Er braucht unbedingt Hilfe hier, und die können wir ihm anbieten. Vielleicht ist das etwas wert.«

»Vielleicht. Niemand in der Armee des Herzogs weiß, wer wir sind. Sie würden uns nicht mit dem Untergrund in Verbindung bringen.«

Er lächelte, aber ich sah auch Sorge. Um seine Brüder, seinen Vater und um mich. »Siehst du? Schon schmiedest du Pläne. Bis morgen früh hast du alles durchdacht.«

Um seinetwillen musste ich beweisen, dass ich es wert war, hierbehalten zu werden, indem ich Onderaan erklärte, wie wir ihm helfen konnten.

»Danke.« Ich umarmte ihn und fühlte mich seit unserer Ankunft zum ersten Mal besser. »Es ist alles in Ordnung mit mir, wirklich. Du hattest vorhin recht. Es war ein langer Tag. Eine lange Woche

»Ich sehe dich morgen früh.«

»So schnell musst du nicht gehen.«

Er grinste. »In Ordnung.«

Ich schmiegte mich wieder an ihn. Warm und sicher. Es war ein gutes Gefühl, einfach zu sein.

Früher als mir lieb war, klopfte jemand leise an die Tür. Danello murrte, stand jedoch auf und öffnete sie.

»Hier alles in Ordnung?«

Aylin. Ich hätte es wissen müssen.

Sie flüsterten eine Minute lang, dann ging Danello, und Aylin kam herein. Offensichtlich hatte er ihr erzählt, was geschehen war. Das war mir recht. Ich war nicht in der Stimmung, erneut darüber nachzudenken.

»Ich weiß nicht, wie es dir geht«, meinte sie und warf sich auf das andere Bett. »Aber ich bin erschöpft. Ich glaube, ich kann nicht einmal mehr gerade denken. Wahrscheinlich rede ich einfach los, ohne zu überlegen.«

Sie war nicht gerade subtil. Aber es war lieb von ihr, mir auf ihre Art zu sagen, dass es in Ordnung war, dass ich den Verstand verloren hatte.

»Ich bin froh, dass du in Sicherheit bist«, sagte ich. »Und es tut mir leid, dass man dich verhaftet hat.«

Sie rollte auf die Seite und schaute mich an. »Es war nicht deine Schuld. Ich wusste, dass man uns erwischen konnte, als ich mich darauf einließ, an deiner Seite etwas leicht Hinterhältiges zu begehen.«

»Trotzdem.«

»Pscht.« Sie winkte ab. »Wozu sind Freunde da? Ich meine ... Wirklich - wenn du nicht damit rechnen kannst, dass deine beste Freundin mit dir ins Gefängnis geht, wozu ist sie dann

da?«

Ich lächelte. »Der Punkt geht an dich.« »Ich bin über meine Jahre hinaus weise.«

»Das stimmt auch.« Ich streifte die Sandalen ab und kroch ins Bett. Als ich die Lampe ausschalten wollte, schlief sie bereits. Ich ließ die Lampe brennen, diesen bleichen, tröstlichen Schein. Ich konnte jeden sehen, der sich vielleicht ins Zimmer schlich. Mir war aufgefallen, dass die Tür kein Schloss hatte. Aber ich hatte die Tür auf dem Hauptkorridor nicht überprüft. Vielleicht waren wir jetzt schon eingeschlossen. Zerbrich dir darüber morgen den Kopf.

Es gab auch so genug, worüber ich mich heute Nacht sorgen konnte.

 

Lärm weckte mich. Ein dumpfer Aufprall, unterdrückte Schreie, besorgte Worte. Ich war auf den Beinen, ehe meine Augen ganz offen waren. Aylin schlief noch. Sie hatte nicht einmal die Schuhe ausgezogen. »Aylin, wach auf!« Ich presste das Ohr gegen die Tür. Stille.

Türen knallten, aber es klang nicht, als käme es vom Korridor. Aylin murmelte etwas und rollte sich auf die andere Seite. Ich verließ die Tür und ging zu ihrem Bett. Dann lauschte ich an der Wand. »Aylin.« »Hmmmm?« »Was?«

»Hol Danello.« Ich schlüpfte zur Tür hinaus und schlich auf Zehenspitzen zum Eingang des Hauptraums. Dann öffnete ich die Tür einen Spalt. »... warten auf uns«, sagte ein Mann. »Ich weiß nicht, wie.«

»Ein Gefängnisausbruch hat die halbe Stadt in Alarm versetzt«, sagte eine Frau wütend. Unser Ausbruch? Sie dachte, wir seien für alles, was geschah, verantwortlich? »Ach, hör mal, Siekte«, sagte Jeatar. »Das Gefängnis ist überhaupt nicht in der Nähe der Gilde.«

»Du glaubst doch nicht, dass sie alarmiert sind, weil politische Gefangene ausgebrochen sind? Es sind nicht alle Soldaten des Herzogs in Alarmbereitschaft.«

»Still, beide«, sagte Onderaan. Er klang sehr müde. »Wie schwer ist sie verletzt?« Verletzt? Ich öffnete die Tür ein wenig mehr und lugte hindurch. Sechs Personen waren im Raum. Drei hatte ich zuvor gesehen. Sie trugen Baseeriuniformen. Wahrscheinlich von denen, die Neeme gestohlen hatte. Eine Frau lag auf dem Sofa, wie es aussah, schwer verletzt. Ein Mann lag auf dem Fußboden, ebenfalls verwundet. Eine Tür öffnete sich, und Danello trat hinter mich. »Was ist los?« fragte er.

»Ich glaube, ein Plan ging schief. Etwas über die Gilde der Heiler.«

Er und Aylin drängten sich hinter mich und blickten durch den Spalt.

Siekte presste ein gefaltetes Tuch gegen den Bauch der verletzten Frau. Das Blut war dunkel. Nicht gut. Sie ignorierte den Mann auf dem Fußboden. Aber Onderaan nicht. Er kniete sich neben ihn und schlug ihn ins Gesicht.

»Woher habt ihr gewusst, dass wir kommen?«

Der Mann stöhnte.

»Antworte mir!«

Aylin entfernte sich von der Tür. »Hm, ich glaube, seine Uniform ist echt.«

Wenn ja, dann konnte dieser Mann mir vielleicht sagen, wo Tali und die anderen waren.

»Verräter«, sagte der Soldat.

»Ihr bringt Unschuldige um, und ich bin ein Verräter?« Wieder schlug Onderaan ihn. »Hat jemand euch gesagt, dass wir kommen?«

»Warum stehen alle auf dem Korridor?«

Wir wirbelten herum. Neeme stand im Nachthemd und mit zerzausten Haaren hinter uns und rieb sich die Augen.

»Jemand ist verletzt worden«, sagte Aylin.

Neeme machte große Augen. Sie schob uns beiseite und rannte hinein. Neben der verletzten Frau kniete sie nieder. Siekte versuchte sie zurückzuhalten, aber ohne Erfolg.

Ich trat vor, aber Danello packte mich am Arm.

»Wir sollen in unseren Zimmern bleiben.«

»Ich muss wissen, was los ist.« Ich wagte mich weiter, Danello und Aylin hinter mir. Wir standen auf einer Seite, aber Jeatar sah uns. Er runzelte die Stirn und gab uns mit dem Kopf das Zeichen, zur Tür zu gehen. Ich schüttelte den Kopf.

Neeme schluchzte. Dann holte sie tief Luft und blickte wild um sich. Zuerst zur Tür, dann in den Raum. Ihr Blick fiel auf mich. Jeatar fluchte.

»Hilf ihr, bitte«, flehte sie mich an. »Heil sie, wie du mich geheilt hast.«