Siebenunddreißig

Hotel 23 Südost-Texas

Das Vier-Mann-Team war seit Docs und Billys Begegnung mit dem Untoten-Strom zweimal draußen gewesen. Beim ersten Ausflug hatten sie Glück gehabt; ihnen war nur ein Dutzend Kreaturen begegnet. Zwei Männer hatten im Schutz der Dunkelheit leicht mit ihnen fertigwerden können. Die Sonne hatte das Team seit den Tagen vor dem Fallschirmabsprung über dem texanischen Ödland nicht mehr gesehen. Obwohl Remote Six sich bisher nirgendwo zeigte, blieb der kaputte Bienenstachel von Projekt Hurrikan weiterhin dort, wo er eingeschlagen und von Warthog-GAU-8-Geschützen teilweise zerstört worden war. Das Ding war eine tägliche Mahnung an das Team; ein Obelisk, der sie warnte, dass sie nicht allein waren.

Hawse und Disco wurden zunehmend ruheloser und drangsalierten Doc, sie ein weiteres Mal vor die Tür zu lassen. Sie folgten der gleichen Prozedur – keine Funksprüche, und stets beinhart auf der geplanten Route bleiben.

Die Koordinaten stimmten nicht, und der Abwurf war weg oder nie angekommen. Hawse und Disco beschlossen, auf dem Rückweg in der Gegend alles einzusammeln, was sie fanden, damit der Marsch nicht völlig umsonst gewesen war. Sie bargen ein Zwölf-Volt-Batterieladegerät, eine Zwölf-Volt-Luftpumpe, ein paar Schmerztabletten und eine Armbrust mit zehn Bolzen. Das war alles.

Während einer Pause luden sie sich Ärger auf den Hals, was sie zwang, den Einsatz etwas länger auszudehnen als geplant. Hawse überzeugte Disco, ein Haus auszuräumen, das etwa dreihundert Meter von der Hauptstraße entfernt stand. Es war beschädigt, aber mit weithin sichtbaren Solarzellen versehen. Davor standen teure Geländewagen. Hier hatten sicher neureiche Rotzlöffel gewohnt. Durch die Zielfernrohre sahen sie, dass ein Trakt des Gebäudes verbrannt war, was darauf hindeutete, dass es verlassen war oder möglicherweise belagert wurde. Sie sprangen über den Zaun und näherten sich dem Haus vorsichtig in der Absicht, erst festzustellen, ob es wirklich verlassen war, bevor sie es durch den beschädigten Trakt betraten. Beide Männer hofften, dass ihr Vorgehen eher ein Rettungsunternehmen statt gerechtfertigte Dieberei war.

Als sie den Trakt erreichten, sahen sie überall verkohlte Skelette herumliegen. Der dem Haus am nächsten befindliche Leichnam war ebenfalls verbrannt, hatte aber noch etwas Fleisch auf den Knochen. Er lag mit dem Gesicht nach unten und klammerte sich an einen ausgemusterten Militärflammenwerfer. Der Brennstofftank auf seinem Rücken war beschädigt; gezackte Teile des Tanks deuteten nach außen. Sie näherten sich der Leiche.

Plötzlich bewegte sie sich.

Der Kopf der Kreatur schaute die beiden Soldaten schräg an. Ihre Augen waren ausgebrannt, aber irgendetwas an ihr spürte, dass jemand anwesend war. Sie versuchte zu kriechen, doch das, was von ihrem Unterleib noch übrig war, war unter Trümmern und Asche begraben. Hawse ging so nahe heran, dass er das Ding mit dem Messer töten konnte. Er sah, dass es einen Ledergürtel voller Munition über dem Brustkorb trug.

»Ein Plünderer?«, fragte er.

»Keine Ahnung, kann schon sein«, sagte Disco. »Bringen wir’s hinter uns.«

»Die Mauern sind nicht so kaputt, wie ich dachte«, sagte Hawse. »Wir müssen irgendwo anders reingehen.«

Sie gingen zur Vorderseite des Hauses. Es war viel größer, als es von der Landstraße her wirkte. Hier und da, meist an den Fensterrahmen, waren Einschusslöcher zu sehen. Auf der vorderen Veranda wimmelte es von Patronenhülsen, die meisten waren vom Typ 7.62x39. Hawse nahm an, dass sie von einem AK-47 oder einem SKS verschossen worden waren. Die verschmutzte Fliegengittertür war aus den Scharnieren gerissen und stand neben der Tür. An der Haustür hing ein Schild.

Versichert seit 1911

»Sieht aus, als bräuchten sie ’ne bessere Versicherung«, sagte Hawse.

»So ungefähr.«

Hawse griff nach dem Türknauf und drehte ihn ein Stück. Die Tür war nicht verschlossen. Er hielt inne und lauschte.

Nichts.

Hawse drehte den Knauf und schob die Tür nach innen. Als die Tür aufging, erhaschte sein Blick irgendetwas. Einen dünnen Draht.

Ping.

Ein vertrauter Laut. Die beiden Männer warfen sich instinktiv von der Veranda auf den Boden und hielten sich vor der Explosion die Ohren zu.

Eine versteckte Sprengladung.

Der Boden befand sich siebzig Zentimeter unterhalb der Ebene, auf der die Granate detonierte. Disco erlitt nur eine kleine Splitterwunde von der beschädigten Veranda. Beide Männer hörten Gestöhn, als das Klingeln in ihren Ohren erstarb. Es kam von der Rückseite des Hauses. Da hinten mussten Dutzende, wenn nicht gar Hunderte gewesen sein.

Hawse und Disco rannten, von einer beachtlichen Untotenhorde verfolgt, zum Hotel 23 zurück. Sie entkamen ihnen und der Sonne gerade so eben.

Der dritte Ausflug erfolgte nach einem Einsatzbefehl des Flugzeugträgers und erforderte Fahrzeugtransport. Doc und Disco sollten ein Gefährt organisieren und sich mit einem anderen Team zwecks Übernahme von Material und Informationen treffen. Das andere Team war auf Galveston Island stationiert, also etwa hundertfünfzig Kilometer östlich von Hotel 23. Beide Teams sollten die Hälfte der Strecke zurücklegen und sich um Mitternacht an einer Brücke treffen, die an einer Landstraße über den Brazos River führte. Beide sollten zur Vorsicht Handgranaten mitnehmen, damit sie sich, wenn sie einer großen Untotenschar begegneten, wehren konnten. Falls ein Schwarm ein Team verfolgte, sollte es vor der Brücke etwas in die Wege leiten und sich auf die andere Seite retten.

Am Abend des Unternehmens prüften Doc und Disco mehrfach ihre Ausrüstung. Sie verfügten über eine volle Autobatterie – schwer, aber notwendig für den Start eines längst verstorbenen Fahrzeugs. Außerdem besaßen sie siebeneinhalb Liter guten stabilisierten Treibstoff, den Hawse beim vorherigen Einsatz hatte mitgehen lassen.

Fünfundsiebzig Kilometer zu Fuß kamen der Todesstrafe gleich. Niemand zweifelte daran, dass ein Fahrzeug ein absolutes Muss war. Es gab nur einen Typ, der ihnen die Geschwindigkeit und Stärke verlieh, die sie bei nicht mal acht Litern Sprit benötigten: ein Motorrad.

Die beiden Männer verabschiedeten sich von Billy und Hawse und machten die Luke hinter sich zu. Sie gingen nach Osten, der nächsten Straße entgegen, und hielten die Augen auf, denn sie brauchten einen geeigneten Untersatz. Das Gewicht der Autobatterie und des Treibstoffs zog heftig an ihren Rücken, als sie sich bemühten, einen ordentlichen Schritt vorzulegen. Ihre Nachtsichtgeräte waren mit frischen Batterien versehen, und die Sterne erhellten den kühlen Dezemberabend ziemlich gut.

Ihre erste Perspektive war vielversprechend. Eine schwarze Kawasaki KLR 650 stand zwischen zwei Autos auf ihren Seitenstützen. Da sich in der unmittelbaren Umgebung nichts Untotes rührte, beschlossen die beiden, sich das Motorrad zu krallen. Doc ging, das Gewehr schussbereit, vornweg und justierte die optische Helligkeit seines NSG. Die Reifen der Maschine waren platt. Die Männer modifizierten die Zwölf-Volt-Luftpumpe mit Krokodilklemmen, damit man sie direkt mit der mitgeführten Autobatterie verbinden konnte. Die Schattenseite des Unternehmens war, dass die modifizierte batteriebetriebene Luftpumpe teuflischen Lärm erzeugte.

Reifen aufzupumpen, wenn der Motor nicht ansprang, war sinnlos. Sie prüften den Ölstand durch das Sichtfenster an der rechten Motorseite. Es war vermutlich alt, würde aber funktionieren. Der Zündschlüssel fehlte, aber Motorräder dieser Art verfügten nicht gerade über hochkomplizierte Zündanlagen. Es gelang Disco, die Zündung und den Tankdeckel mit seinem Multifunktionswerkzeug und etwas Raffinesse zu überlisten. Die Motorradbatterie erwies sich als tot, was Doc nicht überraschte. Er war Motorradfahrer, und jedes Mal wenn er von einem dienstlichen Einsatz zurückkehrte, musste er die verdammte Batterie aufladen, auch dann, wenn er nur kurz, etwa neunzig Tage oder so, weggewesen war.

Disco griff unter den Scheinwerfer und zerschnitt die Drähte, damit niemand sie aus Versehen einschaltete. Das Gleiche machte er bei den Bremsleuchten und Blinkern, da sie oftmals während der Fahrt zufällig aktiviert wurden. Sie kippten einen Liter Sprit in den Tank und schüttelten die Karre, um das, was vielleicht noch in ihr drin war, mit dem neuen Sprit zu vermischen. Als Disco hineinschaute, stellte er fest, dass er ungefähr halb voll war. Irgendwann in der Nacht mussten sie nachfüllen. Disco prüfte den Tankschalter und vergewisserte sich, dass er eingeschaltet war.

Sie rissen die seitliche Kunststoffbedeckung ab und enthüllten die tote Motorradbatterie, damit sie die Krokodilklemmen der geladenen schnell anbringen konnten. Das Motorrad hatte einen Choke, also zog Doc in weiser Voraussicht den Hebel; das war wohl nötig, nachdem es so lange im Freien den Elementen ausgesetzt gewesen war. Sie beschlossen, die Reifen aufzupumpen und gleichzeitig den Motor anzulassen. Beides erzeugte Lärm, also konnten sie auch gleich Zeit sparen. Bevor sie jedoch anfingen, nahm Disco Position ein und übernahm die Wache. Von nun an zogen sie Dinge an, die sie nicht brauchten. Die Reifen waren zwar nicht völlig platt, aber sie benötigten eine Menge Luft, um das Gewicht beider Männer zu tragen und das Motorrad standfest zu machen.

»Okay, Disco, auf geht’s«, sagte Doc leise und befestigte die Klemmen der geladenen Batterie an der leeren des Motorrads. Ist nichts passiert, dachte er. Dann fiel ihm etwas ein. Ich muss den Startknopf drücken. Er drückte ihn, und der Motor hustete, sprang aber nicht an. Doc wiederholte den Versuch ein, zwei Minuten lang und verstellte den Chokehebel. Zwischen den Versuchen gelang es ihm auch, die beiden Reifen aufzupumpen.

Der Motor zeigte nun Fortschritte. Doc war nicht überrascht, urplötzlich Discos schallgedämpfte Knarre zu hören. Die Toten waren ihnen nah. Schließlich sprang der Motor ordentlich an, was Doc dazu brachte, die Klemmen zu lösen und die Autobatterie im Seitengepäckabteil des Motorrades zu verstauen. Die Toten waren im Dunkeln zwar nach wie vor blind, reagierten jedoch auf Discos Waffe. Was hätte Doc nicht alles für eine Kiste Silvesterknaller gegeben, um sie auf den Highway zu werfen! Er justierte den Chokehebel, und die Karre begann zu spucken. Bald passte sie sich aber an die neuen Gegebenheiten an und ratterte flott vor sich hin.

»Geh bloß nicht aus, du Luder«, sagte Doc.

Disco war die Ruhe selbst. Er schien sich eher Sorgen bezüglich des näher kommenden Mobs zu machen. Je dichter die Straße sich bevölkerte, umso weiter schoben sich die Gestalten nach vorne. Doc rief Disco zu, sich die eingeprägten Richtungen erneut vorzunehmen. Sie mussten siebzig Kilometer Highway hinter sich bringen und zwischendurch auch mal rasten, um zu tanken.

Die Straße war wie erwartet mit Müll, verlassenen Fahrzeugen und Untoten gepflastert. Sie mussten pro Stunde mindestens fünfzig Kilometer schaffen, sonst zog das Motorengeräusch die Untoten vor ihnen zur Straße. Auf dem ganzen Weg erblickten sie Details der Hoffnungslosigkeit. Geländewagen, die versucht hatten, den Verkehrsstau zu umfahren, und auf der Mittellinie festsaßen. Umgekippte Autos, ausgebrannt und mit Untoten gefüllt. Stehen gebliebene Ambulanzen mit offenen Hecktüren und an Tragen festgeschnallten Untoten. Riesige Schlaglöcher waren für Motorradfahrer eine ständige zusätzliche Gefahr. Wären sie mit einer Rennmaschine unterwegs gewesen, hätten sie sich aufgrund der tiefen Löcher in der Straße längst den Hals gebrochen.

Auf einer Hügelkuppe sahen sie einen Tankwagen mit so gut wie platten Reifen, der um neunzig Grad quer stand. Das Fahrerhaus war mit Einschusslöchern übersät, doch der Tankwagen schien unversehrt zu sein.

Doc blieb auf der Maschine sitzen, ohne sie auszuschalten. Hätte er sie aufgebockt, wäre der Motor ausgegangen, aber er traute der Batterie nicht. Das Risiko war die Sache nicht wert.

»Disco, klopf mal an den Tank und schau nach, ob da noch Saft drin ist. Ich gebe dir Deckung.«

Doc schaltete die Karre in den Leerlauf, was bei laufendem Motor nicht ganz einfach war. Dann schaltete er das hellgrüne Licht auf der Displayscheibe ein. Das Licht setzte sein NSG für einen Moment außer Kraft. Während Disco den Tankwagen untersuchte, bedeckte Doc das Licht mit dem Handschuh.

»Ist Sprit drin, Mann!«

»Okay, und worauf wartest du noch?«

Disco leitete den Transferprozess ein. Hoffentlich war der Sprit in dem Tankwagen noch zu gebrauchen. Das Motorrad hatte keine Anzeige, also mussten sie schätzen. Doc griff zum Reservehebel, um sich zu versichern, dass er nicht in Betrieb war. Er wollte es narrensicher haben.

Mit einem Stück Schlauch, das er vom Hänger abschnitt, konnte Disco über den Tankzugang Benzin entnehmen. Er füllte den Treibstoffkanister, dann die Maschine und schließlich den Kanister ein weiteres Mal. Die Beschriftungen des Tankwagens besagten nichts darüber, ob der Sprit mit Äthanolzusätzen gemischt und somit lange haltbar war. Disco schloss den Tankdeckel und schlug Doc vor, den Standort des Wagens auf der Karte zu markieren. Ziemlich erleichtert über das gelöste Treibstoffproblem stellten sie den Kilometerzähler auf Null und fuhren zu der Brücke, die sie von Galveston Island trennte.