Zwei
Ein Flugzeugträger der Vereinigten Staaten, eines der letzten verblassenden Symbole der einstigen militärischen Stärke des Landes. Es gab zwar noch andere, aber die hatten schon vor Monaten an Küsten Anker geworfen und waren nun sich selbst überlassen. Ein Flugzeugträger wurde sogar als Reserve-Atomkraftwerk betrieben und versorgte die schrumpfenden, auf Inseln liegenden militärischen Außenstationen und einige abgelegene Küstenstreifen mit Gigawatt. Der Träger, dem sie sich näherten, war früher unter dem Namen USS Enterprise bekannt gewesen. Nun hieß er jedoch Marinereaktorstandort III. Ein kleines Kontingent von Kraftwerksingenieuren war alles, was von der ehemals fünftausend Mann starken Besatzung zurückgeblieben war. Doch nicht alle diese Kolosse lagen hier. Eine Handvoll stählerner Riesen hatte, als der Alarm ertönt war und die Zivilisation zusammenbrach, in Übersee festgesessen. Die USS Ronald Reagan lag auf dem Grund des Gelben Meeres. Der Hauptteil der Mannschaft war untot und trieb nach wie vor durch die finsteren Zonen ihres nassen Grabes. Am Anfang hatte man noch Schuld zuweisen und mit Ambossen um sich werfen können – wenigstens so lange noch Menschen dagewesen waren, die werfen konnten. In vertraulichen Mitteilungen tratschte man darüber, die USS Ronald Reagan sei wenige Tage nach dem Auftreten der Anomalie aufgrund simultaner Angriffe mehrerer dieselbetriebener nordkoreanischer U-Boote versenkt worden. Genaues wusste freilich niemand. Die USS George HW Bush war zuletzt verendet in hawaiianischen Gewässern gesichtet worden. Beobachter eines in der Nähe befindlichen amerikanischen Zerstörers hatten gemeldet, dass es an Deck nur so von Untoten wimmelte. Nun war das Schiff ein treibendes Mausoleum und würde es auch bleiben, bis eine brutale Welle oder ein Supertaifun es ebenfalls zu Poseidon hinabschickte.
Einige überlebende Seeleute der restlichen Flugzeugträger waren gerettet und auf der USS George Washington konzentriert worden, die im Golf von Mexiko weiter aktiven Dienst tat. Die amerikanische Militärdiaspora existierte noch.
Die zwanzigtausend Tonnen schwere USS George Washington durchpflügte den Golf und hielt zehn Meilen vor der verseuchten Küste Panamas ihren Patrouillenkurs bei. Die Regierung bestand weiterhin fort. Ihre Primärbefehle waren klar und präzise: Patient Null um jeden Preis bergen.
Admiral Goettleman, Kommandant der Kampfgruppe Sanduhr und amtierender Chef der Marine, saß beim Frühstück in seiner Kabine und schaute sich das bordeigene Kabelfernsehen an. Der letzte Countdown lief seit einer guten Woche pausenlos. Er musste wohl mal mit jemandem darüber reden. Oder sollte er es einfach laufen lassen? Vielleicht gefällt es der Mannschaft, sich einen Flugzeugträger anzuschauen, der in die Vergangenheit geschleudert wird und so die Chance erhält, den Geschichtsverlauf zu verändern.
Ein lautes Klopfen an der Tür kündete ihm den CIA-Mann Joe Maurer an, der seit dem Beginn dieses Schlamassels seine rechte Hand war.
»Guten Morgen, Admiral«, sagte Joe gut gelaunt, wenn auch leicht zynisch.
»Morgen, Joe«, sagte der Admiral. »Sind unsere Jungs schon auf der Virginia?« Er verzehrte den letzten Bissen seines Eipulvers.
»Sie werden in Kürze dort sein, Sir. Der Funker meldet, dass sie sich über dem Pazifik befinden und nun auf das Signal der Virginia konzentrieren.«
»Ich wäre kein Admiral, wenn ich mir keine Sorgen übers Wetter machen würde. Hat der Kopter irgendwelchen üblen Mist gemeldet?«
»Nein, Sir. Ruhige See, klare Sicht. Ich nehme an, dass die heute Glück haben.«
»Einiges von diesem Glück müssten wir uns aufsparen können. Die Kampfgruppe Sanduhr hat noch einen verdammt weiten Weg vor sich. Ich habe ein verdammt ungutes Gefühl, wenn ich daran denke, wie das alles enden könnte. Ich habe Sie zwar schon hundertmal gefragt, aber ich tu’s noch mal: Was glauben Sie? Erzählen Sie mir aber keinen Scheiß. Sagen Sie die Wahrheit.«
»Zuerst müssen sie dort überhaupt ankommen, Admiral. Angenommen, sie überleben die Fahrt nach Pearl, den Kunia-Auftrag auf Hawaii und die lange Fahrt zum Gelben Meer … dann steht ihnen das Schlimmste noch bevor. Auf der ganzen Welt sind die Lichter ausgegangen, und seit dem letzten Winter haben wir keinen Pieps mehr aus irgendeiner militärischen Region Chinas aufgefangen. Das Land liegt in völliger Finsternis. Wir haben keine HF-Funker, um den Frequenzbereich zu überwachen. Wir können ihre Funksprüche aber auch überhört haben und wissen deshalb nichts. Wir sind außerdem knapp an Leuten, die Chinesisch sprechen. Wenn unsere Jungs was empfangen haben, haben wir vielleicht fünf Mann an Bord, die es übersetzen können. Gehen wir mal davon aus, dass die Kampfgruppe es über den Pazifik und zum Bohai-Meer schafft und den Fluss rauffahren kann. Was passiert dann? Sie wissen doch, wie übel es auf dem amerikanischen Festland aussieht. Vor einem Jahr hatten wir etwa dreihundertzwanzig Millionen Einwohner. Kinetische Unternehmen haben zwar einige Kreaturen ausgeschaltet, aber weitergeholfen haben uns die Raketen auch nicht gerade.«
Während Admiral Goettleman Joes Kommentar lauschte, wanderten seine Gedanken kurz in die Vergangenheit zurück – und zu dem Beschluss, die Ballungsgebiete mit Raketen zu beschießen. Damals war sogar er damit einverstanden gewesen. Er hatte auf der Brücke seines Schiffes das Jubeln seiner Mannschaft gehört, als die nächtlichen Feuerbälle den Himmel erhellten und die ins Ziel genommenen Küstenstädte hatten erbeben lassen. Teufel auch, selbst er hatte in die Hände geklatscht und gejubelt. Die riesigen Atompilze hatten sich sehr stark von denen unterschieden, die er aus den Archivaufnahmen kannte. Alle Farben des Spektrums hatten sich in dem Stängel unter der riesigen Pilzkappe gezeigt. Große blaue Blitze hatten wild in der senkrechten Mauer aus städtischen Trümmern, Staub und menschlichen Überresten gezuckt.
»Macht die Untersuchung der New-Orleans-Exemplare irgendwelche Fortschritte?«, fragte Goettleman.
»Tja, Sir, Sie haben ja gelesen, was auf dem Kutter Reliance passiert ist. Wir haben Luftaufnahmen der Funkaufklärung mit guten Geolocs von vielen Hundert Funksprüchen aus New Orleans und anderen beschossenen Städten, über die ich Sie ins Bild setzen kann. Zu den Funksprüchen kam es nach den Detonationen. Sämtliche Informanten weisen darauf hin, dass diese Scheißkerle auch in gemäßigter Anzahl kaum aufzuhalten sind. Sie haben mehr geistige Funktionen und sind beweglicher und schneller. Nicht nur Bisse oder Kratzer von denen können jemanden töten, sondern ebenso die hohe radioaktive Strahlung, die sie abgeben. Dies trifft auch auf die Dammweg- und Innenstadt-Exemplare zu.«
»Und ich hatte auf etwas Positives gehofft«, sagte Goettleman ziemlich traurig.
»Wir haben noch Antrieb, Frischwasser und ein wenig Nahrung, Sir.«
Der Admiral zwang sich zu einem Lächeln. »Na, das ist ja auch was.«
Joe trank etwas und hustete. Dann sagte er: »Die Männer in dem Kopter da, die gleich in den Teich springen, wissen nicht mal, auf was wir sie ansetzen.«
»Sie werden’s bald erfahren. Darum kümmert sich der Nachrichtenoffizier der Virginia.«
»Wir haben zwar schon darüber gesprochen, Sir, aber mein Standpunkt hat sich nicht geändert. Hätten wir den Männern etwas erzählt, könnte es da und dort zu Komplikationen führen. Patient Null könnte ihnen, vorausgesetzt sie finden ihn überhaupt, vielleicht gar nicht als bergungswürdig erscheinen. Vielleicht betrachten sie ihn nur als Zeit- und Materialverschwendung.«
»Patient Null ist vielleicht der einzige Schlüssel, den wir haben, um diesen Schlamassel zu entwirren, Joe. Ich bin bereit, ein Multi-Milliarden-Dollar-Unterseeboot und jeden Mann an Bord für diese Möglichkeit zu opfern … und dann ist da noch die Technik.«
Joe trat an die Bar und schenkte sich einen weiteren Fingerbreit ein. »Hinter uns liegen siebzig Jahre Technik ohne große Sprünge, wenn man mal von Stabilität, geringfügiger Beobachtbarkeit, einfachen Magnetschwebebahnen und Lasern absieht. Es hat Jahrzehnte gedauert, unsere lachhaften und klobigen Improvisationen umzubauen. Außerdem … Was bringt die Technik gegen sieben Milliarden aufrecht gehende Raubtiere?«
»Das sind triftige Argumente, aber was gibt’s sonst noch?«
»Wir könnten Überlebende einsammeln und zu einer Insel fahren, Admiral. Wir können die Insel befestigen und den Rest unseres Lebens etwas sicherer verbringen als hier.«
»Wir sollen unser Land aufgeben? Es den Zombies überlassen?«
»Bei allem gebührenden Respekt, Sir, aber auf dem Kontinent ist außer Millionen dieser Dinger nichts mehr. Viele von denen sind so verstrahlt, dass sie nicht mehr verfaulen. Selbst wenn keiner von ihnen der Strahlung ausgesetzt gewesen wäre … Die Analytiker prophezeien, dass sie noch locker zehn Jahre auf den Beinen bleiben werden und auch danach noch eine Gefahr sind. Man kann überhaupt nicht einschätzen, wie lange sie noch herumlaufen. Manche Experten gehen von dreißig Jahren und mehr aus.«
Der Admiral blickte durch Joe hindurch auf die Wand hinter ihm. Er wirkte wie in Trance, als er es wiederholte.
»Dreißig Jahre. Dreißig Jahre. Mein Gott.«
»Solange wir keinen koordinierten Zangenangriff an beiden Küsten fahren und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind ausrotten, werden wir den amerikanischen Kontinent in absehbarer Zeit nicht zurückerobern. Falls überhaupt. So sieht die Lage aus. Wir haben es mit etwas zu tun, das nicht nur Tote infiziert, sondern auch Lebende. Wir haben es alle. Die einzigen Menschen, die keine Überträger der Anomalie sind, sind die armen Hunde in der Internationalen Raumstation. Von denen haben wir seit Wochen keine Nachricht mehr erhalten.«
Der Blick des Admirals wanderte von Joe fort zu einem hellen Eckchen seiner Kabine, in der ein sehr altes Gemälde gut sichtbar an der Wand hing. Es zeigte General Washington. »Was würde General Washington wohl jetzt tun?«
»Er würde den Mount Vernon vermutlich mit dem Säbel in der einen und der Knarre in der anderen Hand verteidigen und dabei ordentlich fluchen. Und wenn es ganz schlimm kommt, würde er am Ende sicher auch noch handgreiflich werden.«
»Genau, mein Sohn. Genau.«