Siebzehn

Es dauerte nicht lange, bis Tara und Laura den Weg ins Schiffslazarett und zu Janet gefunden hatten. Laura fehlte die Mutter. Außerdem wollte sie wissen, warum sie ihre ganze Zeit hier unten bei den Kranken verbrachte.

Als Janet Laura sah, zog sie sofort ihren blutbefleckten Laborkittel und die Handschuhe aus, nahm die Gesichtsmaske ab, hob Laura auf den Arm und drückte sie an sich.

»Tut mir leid, Schätzchen, aber Mami muss hier unten sein. Es ist wichtig.«

»Du fehlst mir, Mami. Kannst du jetzt nicht mitgehen? Du bist ja immer weg.«

»Ich weiß, Kleines. Mami versucht, eine Möglichkeit zu finden, um die Bösen aufzuhalten. Mami hat genug von den Ungeheuern und möchte, dass sie verschwinden.«

»Ich möchte auch, dass sie verschwinden«, sagte Laura mit gerunzelter Stirn.

Janet ließ das Mädchen mit einem Seufzer (denn es wuchs kräftig) zu Boden sinken und fragte Tara, wie sie es aushielt, da Kil doch auch ständig fort war.

»Es geht schon«, sagte Tara. »Um ganz ehrlich zu sein: Wenn ich mich um Laura kümmere, lenkt es mich vom Nachdenken ab. Ich unterstütze Dean auch beim Unterrichten der Kinder, und das hält mich tagsüber ganz schön auf Trab. Weißt du eigentlich, dass sie inzwischen fast hundert Schüler hat? Sie hat praktisch einen Vollzeitjob.«

»Yeah, und du wirst es nicht glauben, aber sie kam gestern nach dem Unterricht ins Lazarett runter und hat uns geholfen, den Laden auf Vordermann zu bringen. Ich hab keine Ahnung, wo sie die Kraft hernimmt, tagsüber Kinder zu unterrichten und dann auch noch hier Einsatz zu bringen.«

Tara lachte, dann brach sie urplötzlich in Tränen aus.

»Es wird schon gut gehen«, sagte Janet tröstend. »Er kommt heil wieder zurück, ich verspreche es.«

»Daran liegt es nicht, Jan. Es geht um was anderes.«

»Willst du drüber reden, Schätzchen?«

»Ich bin schwanger«, platzte es aus Tara heraus. Erneut liefen dicke Tränen über ihre Wangen.

»Ach du Schreck«, sagte Janet mit großen Augen.

»Hurra!« Laura kam unter dem Labortisch hervor.

Danny konnte Ungeheuer nicht ausstehen. Die Erwachsenen sahen die Sache durch die Bank anders. Die Ungeheuer, so nannte seine Freundin Laura sie, hatten seine Familie – außer Oma – ermordet. Da er etwas älter war als Laura, wusste er natürlich, dass diese schrecklichen Gestalten keine echten Ungeheuer waren. Aber es spielte keine Rolle. Sie benahmen sich wie Ungeheuer, und sie jagten einen wie Ungeheuer. Und sie fraßen einen auch wie Ungeheuer auf. Die Erwachsenen behandelten sie wie Schlangen oder Spinnen – sie gingen ihnen aus dem Weg, schlugen ihnen die Schädel ein und schossen nur dann auf sie, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Danny nahm ihre Existenz persönlicher. Er wusste, dass er ohne Oma Dean nicht mehr am Leben wäre. Sie hatte ihn so weit fortgeflogen, wie es ihr möglich gewesen war.

Als Kil ihn und seine Oma vor Monaten gefunden hatte, hatten sie auf einem Wasserturm festgesessen. Danny hatte den sie belagernden Ungeheuern auf die Köpfe gepinkelt. Bevor sie auf den Wasserturm geflohen waren, hatte es den »Propellerunfall« gegeben. Oma Dean hatte landen müssen, um Sprit für ihr Flugzeug aufzutreiben. Beim Aufsetzen auf die Landebahn war sie praktisch mit dem letzten Tropfen Sprit geflogen. Danny glaubte sich daran zu erinnern, dass der Motor schon gestottert hatte. Die Ungeheuer stürzten sich bereits auf sie, als Oma beschlossen hatte, sie mithilfe des Propellers kleinzuhacken. Sie hat eine ganze Horde kaltgemacht, dachte Danny. Die Ungeheuer hatten die Maschine demoliert, sodass Danny und seine Oma der Sicherheit des Flugzeuges entsagen und sich auf den Wasserturm hatten flüchten müssen.

Dann war Kil zu ihnen gekommen.

Danny war für heute mit dem Unterricht fertig. Da er unter der Bedingung, auf der Ebene O3 zu bleiben und niemanden zu nerven, bis zum Abendessen herumstrolchen durfte, versteckte er sich schon mal und belauschte die Menschen, die an ihm vorbeikamen. Seiner Meinung nach brauchte er diese Übung. Bevor seine Eltern Ungeheuer geworden waren, hatte er nie Erwachsene belauscht. Es störte ihn auch nur dann, wenn er zu lange darüber nachdachte. Außer ihm wusste niemand, was für ein zäher Knochen seine Oma war. Sie hatte ihn gerettet und das Dreckspack zerschmettert. Da Oma nie darüber sprach, tat Danny es auch nicht. Sie war wirklich hart im Nehmen. Vielleicht, dachte er, ist sie sogar härter als Kil.

Danny hielt sich in einem der weniger dicht bevölkerten Teile der Ebene O3 auf. Er registrierte eine an die Wand gemalte Zahl: 250. Als er vor sich jemanden über die eigenen Beine stolpern hörte, versteckte er sich neben einem Feuerwehrschrank und hinter einer offenen Luke.

Die Geräusche wurden lauter, und dann hörte er einen Mann sagen: »Wie lange behalten wir die Dinger denn noch an Bord? Wenn ich nur an sie denke, kriege ich Pickel.«

»Ganz meine Meinung. Ich möchte sie auch so schnell wie möglich über Bord werfen. Die sagen uns rein gar nichts. Uns fehlen einfach die entsprechenden Geräte. Der Admiral möchte sie so lange behalten, bis …«

Als die Stimmen Dannys Versteck passiert hatten, verblassten sie schnell. Danny fragte sich kurz, ob er ihnen folgen sollte, doch dann entschied er sich dagegen und betrat den Gang, aus dem die Männer gekommen waren.

Klein zu sein hatte auch Vorteile. Man konnte sich leichter verstecken. Danny hatte Laura in alle Geheimnisse eingeweiht, wie ein Junge sich versteckte. Nachdem er sie mehrere Dutzend Mal aufgestöbert hatte, hatte sie einige seiner Jungstricks übernommen.

»Du darfst nicht das erstbeste Versteck nehmen«, sagte Danny immer. »Ich finde dich ja immer schon nach zwei Sekunden.«

Dann zog Laura eine Schnute, stampfte mit dem Fuß auf und zählte etwas schneller als normal bis dreißig. Sie war es leid, immer nur die zweite Geige zu spielen. Danny versteckte sich wie ein Ninja und war nur selten auffindbar, es sei denn, er ließ sich finden, damit Laura ein Erfolgserlebnis hatte.

Danny hatte gerade das eigenartige Gespräch zwischen den Männern gehört, die er, da er den Unterschied zwischen Seeleuten und Soldaten nicht kannte, für Letztere hielt. Sie hatten über Dinger geredet, die sich an Bord befanden. Seine Lauschaktion wurde jäh abgebrochen, als die Männer den Gang durchquerten. Danny war noch nie so nah am Heck des Schiffes gewesen wie in seinem jetzigen Versteck.

»Dinger an Bord … kriege Pickel … über Bord werfen …« Das Gespräch der Männer wollte nicht aus seinem Gedächtnis verschwinden. Danny wusste auch nicht genau, was über Bord werfen bedeutete, weil ihm der Begriff Bord nicht ganz klar war. Er nahm an, dass die Männer etwas wegwerfen wollten oder so. In der nächsten Unterrichtsstunde wollte er sich nach dem Wort Bord erkundigen. Eine Lehrerin weiß das bestimmt, dachte er. Er ging weiter, dem Schiffsheck entgegen, hielt nach Verstecken Ausschau und schrak jedes Mal zusammen, wenn er Schritte hörte.

Er war schon ziemlich weit hinten, als es Zeit wurde, eine Entscheidung zu fällen. Sollte er die Leiter da runtergehen oder zu seinem Zimmer zurückkehren? Danny dachte gar nicht darüber nach. Er eilte flugs die Leiter hinab. Es war finster da unten, ganz anders als oben, und es roch auch komisch. Auf der letzten Leitersprosse wurde der sterile Geruch noch intensiver. Seine Augen passten sich langsam an, und er erkannte die roten Nachtleuchten, die manchmal in den Schlafbereichen des Schiffes brannten.

Ein Stück voraus war ein Lüftungsraum. Seine scharfen jungen Augen konnten das Schild auf der Luke deutlich erkennen. Neben dem Ventilatorraum war eine Tür, auf der Unbefugten ist der Zutritt verboten stand. Neben der Tür befand sich so ein Kästchen, in das er Soldaten schon mal Zahlen hatte eingeben sehen – nicht hier, aber dort, wo John arbeitete: in der Funkbude. Da niemand in Sicht war, eilte Danny zum Lüftungsraum. Sein Herz pochte heftig, als er die Strecke hinter sich brachte … Jetzt nur noch ein Stück, dann war er an der Tür.

Mitten im Sprung hörte er das metallische Geräusch der heruntergedrückten Klinke der anderen Tür. Schnell riss er die Luke zum Lüftungsraum auf und huschte unter die Luftumwälzanlage. Er hatte jedoch keine Zeit mehr, die Tür hinter sich zu schließen.

Unter der Umwälzanlage lag mehrere Millimeter dicker Moder. Der rasche Wechsel von der sterilen Krankenhausluft in den muffigen Mief drehte ihm fast den Magen um. Das Licht aus dem Korridor fiel zwar in den Lüftungsraum hinein, wurde aber von den Umrissen eines Beinpaars unterbrochen. Von seinem Aussichtspunkt aus konnte Danny die Umrisse von Stiefeln erkennen.

»War der Wartungsdienst heute hier?«

»Nein, aber wir hatten in den letzten Stunden mehrmals schwere See. Vielleicht ist die Tür aufgesprungen.«

Die Luke wurde zugeschlagen. Danny saß im Dunkeln. Wie zuvor entfernten sich langsam die Stimmen. In der Schwärze des ihn umgebenden kalten Stahls wanderte Dannys Erinnerung zu den ebenso dunklen Stellen seiner Fantasie. Er dachte an die Ungeheuer und malte sich kurz aus, dass sie sich vielleicht mit ihm zusammen an diesem dunklen Ort aufhielten. Er rollte sich wie ein Fötus ein und schüttelte sich vor Furcht auf dem feuchten und schimmeligen Boden, bis er sicher war, dass ihn keines dieser Dinger bedrohte.

Als seine Sinne ihm verdeutlicht hatten, dass er nicht in unmittelbarer Gefahr schwebte, ließ seine Furcht nach. Er lag da und lauschte den Geräuschen des Schiffes – Klängen, die er, seit er hier war, zu unterscheiden gelernt hatte. Über ihm schleifte jemand Ketten übers Deck. Dann öffnete sich irgendwo in der Ferne eine Ventilklappe, und das Geräusch entweichenden Dampfes übertönte das Kettengeklirr. Das Geräuschduell dauerte eine Weile an und hypnotisierte Danny fast … dann brach Stille aus. Die Furcht, die er abgeschüttelt hatte, strömte zurück, als etwas Vertrautes deutlich und schrecklich durch die Ventilklappe über ihm kam.

Danny blickte hinauf und folgte der Entlüftungsöffnung. Sein Blick passte sich der Finsternis an. Die Lüftung war mit der Wand verbunden und führte in den Nebenraum. In den Raum, den Unbefugte nicht betreten durften. Obwohl Danny ein Junge mit lebhafter Fantasie war, hatte er das Geräusch ganz deutlich gehört. Seine zu Berge stehenden Nackenhaare bestätigten es.