Palasthof, Westminster
Wo wollen Sie denn hin?« Es war erstaunlich, welche Wirkung James auf ihren Puls hatte. »Äh – nach Hause?« Ein Blick in die Runde zeigte ihr, dass sie fast die Letzten auf der Baustelle waren.
»Falsch. Sie essen mit mir zu Abend.«
»In dem Aufzug?« Sie sah an ihren verdreckten Sachen hinunter, an den schlammverkrusteten Schuhen und auf ihre schmutzigen Hände.
»Na ja, Sie können ja mit zu mir kommen und zuerst ein Bad nehmen.« Seine Stimme hatte etwas leicht Anzügliches.
Sie wurde von den Zehen bis zum Haaransatz rot. »Ihr Bruder würde ausrasten.«
»Stimmt«, gab er zu. »Daher gehen wir doch besser woandershin.«
»Wohin?«
»Gucken Sie nicht so erschrocken.« Er grinste. »Ich dachte an mein Büro.«
»Aber Ihr Bruder –«
»Ist nicht mehr dort; sein Arbeitstag endet um fünf, wie es bei einem Gentleman üblich ist. Und selbst wenn er dort wäre, würde ihm ein schmutziger Gassenjunge nicht weiter auffallen.«
Das war eine Einladung, wie sie sie sich gewünscht hatte … also warum zögerte sie?
»Das ist jetzt wirklich nicht die Zeit für damenhaftes Getue …«
»Seien Sie doch nicht albern«, fuhr sie ihn an, und ihre Füße begannen wie von selbst loszugehen. »Was gibt’s zum Abendessen?«
Er grinste zufrieden. »Keine Ahnung. Aber was Gutes.«
Es war ein lächerlich kurzer Weg vom Palast zu den Büros des Bauunternehmens Easton in der Great George Street – nur rund dreihundert Meter. Und eine der Freiheiten, die die Rolle von Mark mit sich brachte, war, dass sie ungehindert neben James durch die schwülen Straßen gehen konnte, verstaubt und erschöpft am Ende eines Tagewerks, ohne auch nur einen fragenden Blick zu ernten. Wie er vorausgesagt hatte, war die Firma verlassen, mit Ausnahme zweier Büroangestellter, die gerade gehen wollten. James nickte ihnen beiläufig zu. Sie erwiderten den Gruß und waren eindeutig daran gewöhnt, dass er zu ungewöhnlichen Zeiten aufkreuzte. Keiner von beiden warf ihr mehr als einen kurzen Blick zu.
Als sie in James’ Privatbüro waren, zog er einen Stuhl für sie heran, und sie setzte sich.
»Essen kommt gleich«, sagte er. »Aus einem Pub um die Ecke.«
»Essen Sie immer im Büro?«
Er zuckte die Schultern. »Ich arbeite gerne abends.«
Sie sah sich im Raum um. Er war ordentlich, um nicht zu sagen pingelig aufgeräumt. Ganz anders als bei ihrem letzten Besuch. »An was arbeiten Sie denn zurzeit, abgesehen von dem Sicherheitsgutachten?«
»Ach – ich sehe gerade alte Aufträge durch und bereite mich auf meine nächste Aufgabe vor.« War er etwa rot geworden? »Mal was anderes, Zeit für so was zu haben.«
Er war also unterbeschäftigt. Ob das wohl an seinem Gesundheitszustand lag – oder hatte die Firma wenig Aufträge?
»Also –«
»Ich nehme an –«
Sie hatten gleichzeitig gesprochen.
»Entschuldigung, was wollten Sie sagen?«
»Bitte – fahren Sie doch fort.«
Er grinste. »Damen haben den Vortritt.«
»Sogar so eine wie ich?«
»Sie sind schließlich die interessanteste Variante, die es gibt.«
Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Wie ich sehe, haben Sie in der Zwischenzeit gelernt, vornehm klingenden Unsinn von sich zu geben.«
»Ach, das konnte ich schon immer.«
Die Zeit verging wie im Flug. Das Lächeln hing noch um ihre Lippen und in seinen Augen. Es schien zu genügen – sogar mehr als das –, einfach dazusitzen und zu schweigen.
Schließlich beugte er sich jedoch vor. »Mary.«
»Ja?« Obwohl sie ziemlich erschöpft war, fühlte sie sich so wach wie seit Tagen nicht. Seit Wochen. Monaten.
»Sind Sie …« Er zögerte und versuchte, den Satz so korrekt wie möglich zu formulieren.
Ein zweifaches Klopfen ließ beide zusammenfahren.
»Herein«, sagt James und setzte sich schnell wieder zurück.
»’n Abend, Sir.« Eine junge Bedienung aus dem Pub, die kupferrotes Haar hatte, kam mit zwei übereinandergestapelten Tabletts herein. Sie trat selbstbewusst näher und stellte die Tabletts auf dem Schreibtisch ab. »Als die Bestellung für zwei Abendessen reingekommen ist, hab ich gedacht, dass es ein Irrtum ist.« Sie kicherte und streifte Mary kurz mit einem Blick aus ihren grünen Augen, dann sah sie James an. »Hab schon überlegt, ob eine Portion von Mr Higgs vielleicht nicht groß genug ist für den Herrn!«
James’ Lächeln war ziemlich belämmert. »Guten Abend, Nancy.«
Nancy?
»Und heut auch noch so früh«, sagte sie vorwurfsvoll und deckte vor James ein. »Hab eigentlich erwartet, erst in zwei Stunden kommen zu müssen.« Mary hatte den Eindruck, dass sie sich weit mehr als nötig vorbeugte, um ihre volle Oberweite in ihrem ausgeschnittenen Mieder gut in Szene zu setzen.
»Äh –« James räusperte sich. »Nancy, das ist mein junger Partner, Mark Quinn. Mark, das ist Nancy vom Bull’s Head.«
»Sehr erfreut«, gurrte Nancy und zeigte Mary strahlend ihre Grübchen. Ehe Mary antworten konnte, wandte sie sich jedoch wieder James zu. »Extra dicke Hammelkoteletts, so wie Sie sie mögen, mit grünen Bohnen und Kartoffeln und so weiter. Und von einem Nachtisch hat Ihr Mr Barker nichts gesagt, aber ich weiß ja, dass Sie einen süßen Auflauf mögen, deshalb hab ich davon auch was mitgebracht, zusammen mit einem Krug Sahne.«
»Es riecht köstlich. Danke.«
Mit raschen Bewegungen stellte Nancy das Geschirr hin. Als sie das Essen und die Getränke serviert hatte, trat sie zurück und betrachtete den Schreibtisch zufrieden. »Na gut, wo Sie heute ja Ihren Jungen hierhaben, brauchen Sie wohl keine Gesellschaft, was?«
»Äh – nein, danke.«
Sie zog eine wohlwollende Schnute. »Dann komm ich in ’ner Stunde zum Abräumen, Sir.«
»Sehr gut.«
Sie zwinkerte beiden zu, klemmte die Tabletts unter ihren kräftigen Arm und tänzelte mit ihrem weiten Rock, der wie in einem Windstoß raschelte, zur Tür. Nachdem sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, herrschte eine ganze Minute lang absolutes Schweigen. Mary blickte starr auf das Mahl vor ihr. Es sah lecker und nahrhaft und überaus üppig aus, aber auf einmal wollte sie nichts davon essen.
James räusperte sich etwas verlegen. »So. Riecht ja gut«, sagte er.
»Das sagten Sie bereits«, erwiderte sie beißend. Aber sie wusste sofort, dass sie sich kindisch verhielt. Was ging es sie an, was James mit hübschen Barmädchen trieb? Dennoch konnte sie nicht dagegen an. »Kein Wunder, dass Sie die Küche von Mr Higgs schätzen.«
James betrachtete sie mit einem Ausdruck, der ihr gar nicht gefiel. Er sah verdächtig nach Genugtuung aus. »Unter anderem auch die Küche, stimmt«, sagte er obenhin. »Ich gehe oft mal rüber und trinke im Nebenzimmer ein Glas Bier.«
Sie weigerte sich, den Köder zu schlucken. »Glaub ich gerne«, hörte sie sich sagen.
»Es ist ein freundliches Pub«, sagte er gedehnt und nahm Messer und Gabel zur Hand. »Ruhig. Eins der besseren. Und überaus freundlich. Oder sagte ich das auch bereits?«
Sie stieß mit mehr Vehemenz als nötig in eine Bohne. Sie war perfekt gegart, was sie erst recht ärgerte. »Bestimmt sehr nett.«
»Genau.«
»Gut.«
»Sehr einladend.«
»Hab schon begriffen.«
Einige Minuten aßen sie schweigend, und trotz ihres Unwillen merkte Mary, dass sie heißhungrig war. Tischmanieren, entschied sie, waren eine affektierte Angewohnheit, die Leute erfunden hatten, die niemals Hunger leiden mussten.
James brauchte lange, um seinen Teller leer zu essen. Es war auch keine Kleinigkeit, denn die Portionen von Mr Higgs waren wirklich riesig. Als er schließlich fertig war, setzte er sich aufseufzend zurück – ein selbstzufriedenes Seufzen, fand Mary – und nahm einen großen Schluck Bier. »Sind Sie nicht froh, dass Sie mitgekommen sind?«, fragte er. Sein Augen über dem Rand des Bierkrugs schimmerten.
Sie schob ihren Unwillen beiseite. Es war nicht der Moment, sich kindisch zu verhalten. »Kommt drauf an«, sagte sie, »was wir besprechen und wie wir uns entscheiden, weiter vorzugehen.«
Er sah interessiert in seinen Bierkrug, und seine Stimme war sorgsam neutral, als er sagte: »Verraten Sie mir, was Sie denken.«
Darauf war sie zumindest vorbereitet. »Mir scheint, wir würden gut daran tun, unsere Informationen auszutauschen. Was Sie über die Sicherheit auf der Baustelle herausgefunden haben, würde mir helfen, das Leben eines Lehrjungen zu verstehen. Und in meiner Rolle als Mark habe ich einige Dinge bemerkt und gehört, die für Sie nützlich sein können.«
»Zum Beispiel?«
»Nachdem Harkness Keenan daran gehindert hat, mich am Montag zu verdreschen, hat Keenan ihm praktisch gedroht. Gesagt, dass er sich den Vorfall merken würde, so, als ob er irgendeine Art von Rache geplant hätte.«
»Hm.« James ließ sich das kurz durch den Kopf gehen, dann beugte er sich vor und sah sie mit solch eindringlichem Blick an, dass sie rot wurde. »Und was ist mit Ihnen?«
»W-was meinen Sie?«
»Nun, Sie scheinen ja diesmal ziemlich an einer Partnerschaft interessiert zu sein. Das ist neu. Und verzeihen Sie mir, wenn ich das sage, Sie arbeiten nicht gut mit anderen zusammen. Soviel ich weiß, mussten wir das das letztes Mal feststellen, als wir versucht haben, zusammenzuarbeiten.«
Mary schluckte heftig. »Sie haben recht. Ich habe einige meiner Entscheidungen in dem Fall Thorold nicht sorfältig durchdacht und ich hätte mehr Informationen an Sie weiterleiten sollen.«
Er tat überrascht. »Sie geben zu, nicht vollkommen zu sein? Wie untypisch für Sie, Miss Quinn.«
»Wir nehmen uns da nichts, wie Sie vor ein paar Tagen bereits sagten.«
»Nur zu wahr, und das wäre ein weiterer Grund, warum Sie sich gegen eine Partnerschaft sträuben sollten, statt sie zu fördern.«
Er hatte recht: Sie brauchte seine Hilfe diesmal mehr als er ihre. Einen Moment saß sie stumm da und bereitete sich auf dieses Eingeständnis vor, dann seufzte sie. »Also gut, wollen Sie den wahren, demütigenden Grund wissen, warum wir wieder zusammenarbeiten müssen?«
»Auf Schmeicheleien verstehen Sie sich aber auch furchtbar schlecht – wussten Sie das?«
Sie überging die Bemerkung. »Die Männer trauen ›Mark‹ nicht. Seine Sprache ist zu gebildet, er ist zu unerfahren und zu – na ja, zu sehr keiner von ihnen. Sie halten sich sehr bedeckt, wenn ich in der Nähe bin, und obwohl ich schon dies und das aufgeschnappt habe, ist es viel weniger, als ich gehofft habe.«
»Ah. Da kommt die hässliche Wahrheit endlich ans Licht: Sie brauchen mich.«
»Wir müssen Informationen austauschen. Ich muss von Ihnen was über Baustellen lernen. Sie müssen es nicht gleich klingen lassen wie …«
»Ach, geben Sie es doch einfach zu: Sie brauchen mich. Sie können ohne mich nicht überleben. Ich bin Ihre beste – nein, Ihre einzige – Chance auf Erfolg und wahres Glück.«
Sie schnaubte verächtlich. »Wenn Sie es so ausdrücken wollen …«
Sein Grinsen war strahlend, irritierend und liebenswert zugleich. »Sie werden es bald genug zugeben.«
»Dann kommen wir also überein?«, wollte sie ungeduldig wissen.
»Aber sicher«, sagte er ruhig. »Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass es dazu kommen würde. Ich freue mich sogar darauf.«
»Aber Sie – Sie haben mich trotzdem dazu gebracht – das Eingeständnis –« Sie stöhnte frustriert auf. »Manchmal glaube ich, dass ich Sie hasse.«
»Tun Sie nicht«, versicherte er ihr.
Sie schwieg. Auch da hatte er mal wieder recht.
»Also … Sie haben gesagt, dass Keenan gedroht hat?«
»Ganz eindeutig. Und Harkness ist nicht darauf eingegangen.«
»Das war vielleicht die klügste Reaktion; der Kerl ist ja äußerst widerlich.«
»Wie sein früherer Partner Wick?«
»Es stimmt, keiner scheint ihn sonderlich zu vermissen.«
»Wenn man alles zusammennimmt, Mrs Wicks demoliertes Gesicht, ihre Auskunft, dass Wick immer so spät nach Hause kam und dass er und Keenan gute Kumpel waren …«
»Dann hat man einen ziemlichen Lump vor sich. Es gibt nicht nur einen kleinen Kreis Verdächtiger, er war so einer, den am liebsten jeder von einem Turm gestoßen hätte.«
»Was ist mit Reid?«
»Was soll mit ihm sein?«
»Ach so – der war ja schon weg, als Sie aufgekreuzt sind.« Sie erzählte ihm, dass Reid an dem Abend, als sie beide Mrs Wick besuchten, ebenfalls da war. »Und er hat auch ein blaues Auge gehabt am letzten Montag, als ob er sich geprügelt hätte.«
»Inzwischen hat er mehr als ein blaues Auge. Vielleicht prügelt er sich gerne mal.«
Sie schüttelte den Kopf. »Glaub ich nicht. Er ist ein vorsichtiger Mann, mit Verantwortungsgefühl. Die Tatsache, dass er sich in einer Woche mit zwei Männern geprügelt hat – der zweite war Keenan, gestern Abend –, hat in seinem Fall etwas zu bedeuten.«
»Sie glauben also, die erste Schlägerei war mit Wick, wegen seiner Frau? Im Glockenturm?«
»Schon möglich. Vielleicht hat die Schlägerei direkt zu Wicks Sturz geführt.«
James schwieg eine Weile. »Das ist auf jeden Fall die naheliegendste Theorie. Ich werde den Untersuchungsrichter zu Prellungen an Wicks Körper befragen. Ist Ihnen sonst noch was aufgefallen?«
»Das ist zwar nicht so bedeutend, aber es gibt ziemlich viel Unmut auf der Baustelle.«
»Ja. Die Schreiner und die Zimmerleute machen sich Sorgen um gelegentliche Diebstähle. Zuerst wohl nur in kleinerem Umfang – eine Handvoll Nägel hier, eine kleiner Ladung Steine da –, aber die Beschwerden mehren sich. Das Verschwinden von Baumaterial ist ernst zu nehmen.«
»Wird nicht überall geklaut?«
»Das ist von Baustelle zu Baustelle und von Arbeitern zu Arbeitern unterschiedlich. Und es hat auch was mit der Führung einer Baustelle zu tun. Eine gut geführte Baustelle mit einem Bauingenieur, der respektiert wird, macht weniger Verluste.«
»Wenn sie untereinander reden, zeigen die Leute kaum Respekt vor Harkness. Ich habe noch keinen etwas Positives über ihn sagen hören.«
James zog bekümmert die Brauen zusammen. »Ich weiß. Mir haben sie das auch angedeutet.« Es entstand eine Pause, dann sagte er langsam: »Übermäßig viele Diebstähle könnten die Sicherheit einer Baustelle gefährden …«
»Inwiefern?«
»Nun, wenn so viel gestohlen wird, wie die Vorarbeiter andeuten, belastet das ja den Etat für Baumaterial. Vielleicht spart Harkness das an anderer Stelle wieder ein.«
Mary konnte praktisch sehen, wie er sich diesen Punkt merkte: Etat überprüfen. »Handelt es sich um raffinierte Diebstähle?«
Er überlegte. »Also, es sind ja verhältnismäßig kleine Mengen. Man könnte das darauf zurückführen, dass viele Leute unabhängig voneinander klauen.«
»Aber Sie sind anderer Ansicht.«
»Die Diebstähle ähneln sich. Nicht nur, wenn sich die Gelegenheit ergibt; es ist eher so …« Er überlegte einen Augenblick. »Es ist, als ob jemand sorgfältig einen geringen Prozentsatz des gesamten Materials abschöpft, wie eine Art Abgabe.«
»Das Wort Abgabe deutet an, dass sich jemand einbildet, einen berechtigten Anspruch zu haben …«
»Dabei ist es natürlich noch viel zu früh, um ein Motiv zu unterstellen. Aber es stimmt. Es ist, als ob jemand sämtliche Materialien vorsichtig besteuert.«
»Jeder Vorarbeiter ist doch aber verantwortlich, das Entladen der Materialien für sein Gewerk zu überwachen.«
»Ja. Das macht die Sache so schwer durchschaubar. Auf der Ebene kann es nicht stattfinden.«
Mary beugte sich vor. »Keenan und Wick sind bekannt dafür, sich ›gerne schmieren zu lassen‹. Womöglich stecken sie hinter den ganzen Diebstählen und vertuschen es nur geschickt?«
James schwieg und schüttelte dann den Kopf. »Möglich. Haben Sie dafür Beweise?«
»Nein, aber wenn das der Fall ist, dann muss es Beweise geben.«
Er nickte und merkte es sich. »Aber all das hat nichts mit den Sicherheitsvorkehrungen zu tun. Oder mit dem Leben eines Lehrlings. Wie empfinden Sie das alles?«
So aufgeregt sie war – über das, was James berichtet hatte, über ihre neue Partnerschaft, über seine Nähe –, fand Mary es schwierig, ein Gähnen zu unterdrücken. »Als strapaziös«, gab sie zu.
Er nickte. »Kann ich mir vorstellen. Vor allem, da es Ihre erste Kostprobe dieser Art von Leben ist.«
Sie hätte ihn jetzt korrigieren können. Aber das hätte einer sorgsam ausgeklügelten Menge von Halbwahrheiten bedurft. »Es tut mir leid, aber ich muss gehen. Ich bin schrecklich müde.«
»Darf ich Sie wenigstens nach Hause bringen?«
Sie musste fast lachen. »Das ist sehr nett von Ihnen, aber das würde sich ja wohl kaum gehören.«
»Zu so später Stunde werden Sie sich doch keine Gedanken um Anstand machen.«
»Nicht um Anstand; es geht um Fakten. Ich kann in meiner Pension ja wohl kaum in einer feinen Kutsche ankommen, oder?«
Er sah sie erschrocken an. »Sie sind also nicht mehr in der Mädchenschule?«
»Was – bei Miss Scrimshaw? Nein, nein, nein; das würde alles gefährden. Ich wohne in einer billigen Pension in Lambeth.« Sie lachte herzlich über sein Gesicht. »Sie sehen ja völlig entsetzt aus.«
Er antwortete immer noch nicht, obwohl sein Blick Bände sprach.
Mary beschloss, ihren neuen Bettgenossen mit den übel riechenden Socken nicht zu erwähnen; der arme James würde nach so einem Schock vielleicht nie mehr mit ihr reden. »Die Wirtin ist ganz in Ordnung. Bisschen knickrig, aber es ist da ziemlich sicher. Kein Gegröle und so.« Sie erhob sich und setzte sich die abgewetzte Mütze von Mark auf. »Außerdem haben Sie mir schon einen unverdienten Vorteil zukommen lassen mit so einem guten Essen. Ich hätte sonst ein Butterbrot gehabt und mich dabei noch glücklich schätzen können.«
Er schüttelte den Kopf. »Sie – sind – außergewöhnlich.«
Inzwischen hatte sie die Hand schon auf dem Türknopf; sie drehte sich um und grinste. »Das sollte wohl schmeichelhafter klingen, als es tat.« Sie tippte sich an die Mütze und freute sich über ein schwaches Lächeln. »Bis morgen, Sir.«