Palasthof, Westminster
Es war ein seltsamer, drückender, irgendwie unentschlossener Morgen mit schwülem Wetter und wenig Aussicht auf ein erlösendes Gewitter. Keenan tauchte überhaupt nicht zur Arbeit auf, was alle verwunderte und worüber Reid erleichtert schien, was er kaum verbergen konnte. Weniger sicher war, wie Harkness Keenans Abwesenheit beurteilte. Er hätte vor Wut kochen, eine Erklärung fordern und einen so nachlässigen Vorarbeiter bestrafen müssen. Aber so, wie Harkness Keenan bisher behandelt hatte, war das unwahrscheinlich. Um genau zu sein, Harkness schien es zu vermeiden, in die Richtung der Maurer zu blicken, um nicht bemerken zu müssen, dass Keenan fehlte.
Der Bauingenieur hatte wohl eine schlimme Nacht hinter sich: Seine Haut wirkte wächsern und die halbmondförmigen Ringe unter seinen Augen waren bläulich rot. Er hatte die Angewohnheit, sich mit den Fingern durch den Bart zu fahren, wenn er nervös war, und an diesem Tag gab es Augenblicke, in denen er sich wie ein Affe zu lausen schien. Und dann das nervöse Zucken. Es war offensichtlich, Harkness litt. Doch der vorzeitige Tod eines unbeliebten Handwerkers konnte das Ausmaß seiner Nervosität nicht erklären. Nein: Er hatte mit Sicherheit größere Sorgen als Kleinkriminalität oder mangelnde Disziplin auf der Baustelle.
Das neue Parlamentsgebäude war vom Unglück verfolgt. Einer der Architekten, der geniale A. W.N. Pugin, war einige Jahre zuvor gestorben, und der derzeitige Architekt, Sir Charles Barry, war aufgrund der Arbeitsbelastung angeblich nicht mehr ganz gesund. Jetzt, nachdem die Schuld dem Bauunternehmer zugeschoben wurde, hatte Harkness wirklich allen Grund, sich unwohl zu fühlen und auch so auszusehen. Ein Gebäude, dessen Fertigstellung sich um fünfundzwanzig Jahre verzögert hatte; Baukosten, die auf das Vielfache des ursprünglich geplanten Budgets angeschwollen waren; ein verunfallter Maurer und ein Sicherheitsgutachten, das ihn möglicherweise als Verantwortlichen für die Probleme hinstellte. Wenn man all diese Schwierigkeiten von Harkness bedachte, dann kam einem die Legende vom »Fluch des Uhrenturms« fast glaubhaft vor.
Mary gehörte zu den letzten Arbeitern, die um die Mittagszeit den Bauhof verließen. Sie hatte eifrig mit James zusammengearbeitet, Notizen gemacht und sich wie ein braver Lehrjunge verhalten. Als sie sich jetzt den Männern anschloss, die auf den Ausgang zuströmten, wurde ihre Aufmerksamkeit durch Reids plötzlich verändertes Verhalten geweckt. Am Morgen war er angespannt und zurückhaltend gewesen. Als Keenan nicht aufgetaucht war, wirkte er aufmerksam und abwartend. Jetzt auf einmal war er munter und entschlossen und bewegte sich leichtfüßig auf den Ausgang zu. Und seinem Ausdruck nach dachte er nicht ans Essen.
Er war so in Gedanken, dass er fortging, ohne sich die Hände gewaschen zu haben. Reids sorgfältiges Händewaschen war immer Anlass für Spott, es war etwas, womit er es ganz genau nahm. Jeden Tag vor dem Mittagessen und vor dem Nachhausegehen wusch er sich Unterarme und Hände gründlich in einer Regentonne und trocknete sie sorgfältig an einem dünnen Handtuch, das an einem rostigen Nagel hing. Doch heute verschwendete er keinen Blick auf die Regentonne oder die Maurergehilfen, mit denen er gewöhnlich zu Mittag aß.
Mary folgte ihm zu einer belebten Kaffeestube auf der anderen Seite des Parliament Square, aus der es intensiv nach Backwerk und heißen Pasteten roch. Drinnen drängten sich fünfundzwanzig bis dreißig Männer in einem Raum, der eigentlich nur für die Hälfte gedacht war. Sie schienen sich jedoch nicht daran zu stören und vertilgten riesige Portionen: Pastete mit Erbsen, Pastete mit Kartoffeln, Pastete mit Pastete … Marys Magen knurrte laut.
Reid bahnte sich entschlossen einen Weg durch das Gedränge und verschwand alsbald in der Menge.
Mary machte sich auf Warten gefasst. Sie ging auf die andere Straßenseite und kaufte sich an einem Stand, der verhältnismäßig sauber wirkte, etwas zu essen: eine heiße Ofenkartoffel. Sitzen konnte man hier natürlich nirgends, aber das machte ihr nichts aus. Sie fand es ganz nett, sich an einen Laternenpfahl zu lehnen oder an einer Hauswand herumzuhängen – etwas, das jungen Damen streng untersagt war, was aber gut zu einem Gassenjungen passte.
Sie verzehrte ihre Kartoffel und überlegte, sich einen Nachschlag zu besorgen. Doch die Mittagspause verging schnell und die Kunden aus der Kaffeestube gegenüber machten sich zum Aufbruch bereit. Sie traten gemächlich an die Tür, diese Männer, schläfrig und satt, und kamen heraus, als würden sie aus einem angenehmen Traum erwachen. Es war an der Zeit, wieder Posten zu beziehen.
Der erste Mann, den Mary drinnen erkannte, war Octavius Jones. Er saß an einem Ecktisch, ein geöffnetes Notizbuch vor sich. Dies musste wohl sein Lieblingscafé sein, in dem es vor Klatsch summte wie in einem Bienenkorb, wie er im Eye erwähnt hatte. Jones gegenüber, mit dem Rücken zum Fenster, saß Reid. Mary blieb stehen und erlaubte sich einen langen Blick hinein. Reid hatte sich zu Jones gebeugt; was er berichtete, war eindeutig wichtig; der Mann vibrierte geradezu auf seinem Stuhl. Jones’ Haltung hingegen war lässig. Er hatte einen Stift in der Hand, schrieb jedoch nicht mit, sondern stellte nur gelegentlich Fragen. Keiner der beiden sah den anderen an, beide waren ganz auf die Geschichte konzentriert.
Mary hätte viel gegeben, wenn sie gewusst hätte, worum es da ging. Es würde zwar wahrscheinlich in der morgigen Ausgabe des Eye nachzulesen sein, aber das war vielleicht zu spät. Heute war bereits Freitag, Wick war beigesetzt, und für die gerichtliche Untersuchung wartete man nur noch auf das Gutachten von James, ehe das Urteil gesprochen wurde. Ohne konkretere Informationen würde die Agentur nicht in der Lage sein, den Beschluss anzufechten, falls nötig. Für den Augenblick hatte sie jedoch so viel mitbekommen, wie es möglich war.
Als sie sich davonmachen wollte, erregte irgendwas an ihrer Bewegung, so geringfügig es auch gewesen sein mochte, die Aufmerksamkeit von Jones. Er blickte auf, bekam große Augen und erstarrte für einen winzigen Moment. Dann schien er sie zu erkennen und grinste ihr durch die Scheibe zu, kein bisschen verärgert darüber, dass er sie beim Spionieren erwischt hatte. Er hob sogar seinen Krug und prostete ihr spöttisch zu. Reid fuhr nervös herum. Sein Blick war erregt und argwöhnisch – und als er Mary sah, fassungslos.
Sie stand wie paralysiert da. Das Beste, was sie tun konnte, war, weiterzugehen und zu hoffen, dass Reid nur einen neugierigen Jungen gesehen hatte. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, dass in seinem Blick ein erschrockenes Erkennen gelegen hatte, dass er noch etwas anderes in ihr gesehen hatte. Jemand anderen. Nicht unbedingt Mrs Fordham; es musste nicht so konkret sein. Aber Reid hatte sie soeben mit anderen Augen angesehen, und sie machte sich Sorgen, was das bedeuten mochte.