Jemand starrte sie an. Mary konnte es spüren wie einen warmen Sonnenfleck im Nacken. Aber als sie sich umdrehte, war da niemand; nur ein großer dünner Mann, der das Gelände verließ. Stirnrunzelnd sah sie ihm nach. Seinen Bewegungen nach war er älter oder gebrechlich oder so was. Abgesehen davon unterschied ihn nichts von den Dutzenden anzugtragender Herren mit Hut rund um das Parlament.
Und dennoch.
Immer noch mit gerunzelter Stirn beobachtete sie, wie er in eine Kutsche stieg. Irgendetwas daran kam ihr vertraut vor. Der Kutscher war ein durchschnittlicher Mann mittleren Alters. Den hatte sie schon mal gesehen. Sie versuchte sich zu erinnern, wo und wann, da verschwand die Kutsche schon im Verkehrsstrom. Sie starrte hinterher.
»’n Geist gesehen, oder was?«, meldete sich hinter ihr eine Stimme.
Erschrocken drehte sie sich um und sah Jenkins, der sie spöttisch angrinste. »Ja, den Geist vom Uhrenturm.«
Er schnaubte. »Ein Geist hilft dir auch nicht beim Ziegeltragen.«
Sie seufzte. »Ja. Ganz schön schwere Arbeit.«
»Ziegeltragen? Das ist doch kinderleicht. Wie viele nimmst du auf einmal?«
»Drei.«
»Drei! Bist wohl ein zimperliches Mädchen!«
»Du würdest doch auch nicht mehr schaffen.« Sie sah sich um, aber es war kein Maurer zu sehen. Gut. Ein bisschen Plaudern mit Jenkins, vielleicht konnte sie ihn ja zurück zum Thema Wick locken.
»Dann schau mal zu!« Er lehnte die Tragmulde an eine Wand und belud sie sorgfältig. Er legte die Backsteine so hinein, dass das Gewicht gut verteilt war. »Bist du bereit?«, rief er, als die Trage voll war.
»Sechs Backsteine, das ist wahnsinnig schwer«, sagte sie.
»Mit dieser Methode ist das gar nichts«, behauptete er großspurig. »Kinderleicht, wie ich gesagt hab.«
»Wie du meinst.«
Jenkins stemmte sich unter die Trage und hob sie mit enormer Kraftaufwendung über die Schulter. Theoretisch hätte es klappen können. Praktisch war er jedoch viel zu klein und schwach dafür: Der lange Stab der Mulde, der eigentlich für einen ausgewachsenen Mann gedacht war, ließ die Ladung von sechs Backsteinen gefährlich über seinem Kopf wanken.
Mary streckte die Hand aus, um das Gerät im Gleichgewicht zu halten.
»Das schaff ich schon allein!«, beharrte Jenkins. Sein Gesicht war vor Anstrengung schon rot angelaufen.
»Lass mich doch helfen!«
»Lass mich in Ruhe!« Er schlug nach ihrer ausgestreckten Hand und verlor damit das letzte bisschen Kontrolle über die Tragmulde. Mary hatte gerade noch genug Zeit, aus dem Weg zu springen, bevor die Ziegelsteine zu Boden krachten.
»Was zum Teufel ist denn hier los?« Das Gebrüll kam von einem Mann in fünfzig Metern Entfernung, der vor Wut kochte.
Sie erstarrte schuldbewusst.
Jenkins befreite sich aus dem Backsteinhaufen und wollte gerade davonlaufen, aber Keenan war schon fast bei ihnen. Einen Augenblick später hatte er beide am Ohr gepackt.
Jenkins jaulte auf.
Mary zog scharf die Luft ein, gab aber sonst keinen Mucks von sich.
»Halt diesen Bengel mal«, knurrte Keenan und schubste Jenkins zu einem anderen Mann. Mary hatte keine Möglichkeit zu sehen, wer es war. Dann wandte er ihr seine volle Aufmerksamkeit zu und schüttelte sie wie ein nasses und zerknülltes Wäschestück. Ihr Kopf flog hin und her und Tränen schossen ihr in die Augen. »Was glaubst du eigentlich, wo zum Teufel du hier bist? In der Kinderschule vom kleinen Lord Fauntleroy?«, knurrte Keenan. »Das hier ist eine Baustelle, du elender Rotzbengel!« Er schien keine Antwort zu erwarten und hörte auch nicht lange genug auf, sie zu schütteln, um ihr die Möglichkeit dazu zu geben. »So was Blödes und Bescheuertes zu machen! Warum ist dieser Balg von Jenkins überhaupt bei dir? Warum schleppst du keine Ziegel? Was zum Teufel spielst du da eigentlich, Quinn?«
Er hätte sie womöglich weitergeschüttelt, bis sie ohnmächtig wurde, aber irgendwo in dem Ausbruch von Wut und trotz ihres Anfalls von Schwindel hörte Mary ganz schwach eine beruhigende Stimme. »Komm schon, Keenan, er ist doch noch ein Kind. Verhau ihn, wenn du meinst, aber schüttel ihn nicht zu Tode.«
Ein paar schreckliche Sekunden ging es unvermindert weiter. Dann ließ das Schütteln nach und hörte schließlich ganz auf. Langsam kam die Erde wieder vom Kopf auf die Füße. Die Sternchen vor ihren Augen verflogen. Sie konnte wieder Gesichter erkennen, vor allem Keenans wutentbrannte Fratze dicht vor ihrem Gesicht.
Statt erleichtert zu sein, wurde Mary von kochender Wut erfüllt. Sie hatte gute Lust, auf Keenan loszugehen, in zu treten und zu boxen und zu beißen, bis er wusste, was sie gerade fühlte. Aber trotz des impulsiven Anfalls von Zorn überwog doch ein Rest von Vernunft: Keenan könnte sie zu Brei schlagen. Er war ein großer, kräftiger Mann und sie ein zierliches Mädchen. Mit ihm konnte sie sich nicht messen.
Sie stand so still, wie sie konnte, schnappte immer wieder nach Luft und funkelte ihn durch ihre zerzausten Haare an. Mehrere Minuten standen sie da, Maurer und Hilfskraft, und starrten sich voller Hass an. Auch Keenan keuchte. Mühsam wandte er den Blick von ihr dem Backsteinhaufen zu: drei waren angeschlagen, einer entzwei. Nur gut, dass Jenkins so klein war; wenn die Steine von weiter oben gefallen wären, hätten sie alle zerbrechen können.
»Die angeschlagenen können wir noch verwenden«, sagte Stubbs einlenkend und hob sie mit den zwei unbeschädigten Ziegeln auf. »Wir drehen sie einfach um.«
Keenan grunzte. »Hast du ja noch mal Glück gehabt«, murmelte er. »Gehen nur vier Pence von deinem Lohn ab, für den kaputten.«
Sie zwang sich zu einem Nicken.
»Aber eine Lektion kriegst du trotzdem ab«, fuhr er mit grimmiger Genugtuung fort. »Dann wirst du klüger sein, als auf einer Baustelle Unsinn zu treiben. Und das gilt auch für dich.« Er fuhr herum und deutete mit dem Finger auf Jenkins, der schlaff in Smith’ Griff hing. »Hier, halt den mal fest!«, knurrte Keenan und schubste Mary in Reids Richtung.
Sie stolperte, wurde dann jedoch von einer festen, aber gleichgültigen Hand gepackt. Reids Hände lagen auf ihren Schultern, und sie war froh, dass er sie dort gepackt hatte. Ihre Brust war zwar fest umwickelt, aber die Bandagen konnten auffallen, wenn er sie um den Oberkörper gefasst hätte. Bei dem Gedanken legte ihr Puls, der sowieso schon raste, noch ein bisschen zu. Neben ihrer Wut verspürte sie auf einmal einen Stich ganz anderer Art: Angst.
Sie war zu klug, um sich herauszureden – oder noch schlimmer, um um Nachsicht zu betteln. Stattdessen starrte sie Keenan trotzig an, der seinen Gürtel löste. Stand ganz still, während er ihn einmal um die Hand legte und die Dicke des Leders und das Gewicht der Schnalle prüfte.
»So«, sagte er mit ungewohnt leiser Stimme. »Wer zuerst?« Er sah von Mary zu Jenkins und ein unangenehmes Lächeln umspielte seine Lippen.
Schweigen. Mary sah nicht zu Jenkins; sah keinen an außer Keenan. Sie hasste ihn mit jeder Faser und machte sich nicht die Mühe, das zu verheimlichen. All ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft. Sie hörte Verkehrsgeräusche, sowohl vom Fluss als auch von der Straße hinter der Baustelle, sie spürte die Schwüle der Luft auf der Stirn, den rauen Hemdkragen an ihrem Hals und schmeckte den bitteren Hass in ihrem Mund; und neben den klebrigen, unterschiedlichen Gerüchen der Stadt konnte sie plötzlich etwas Neues und Beißendes und Warmes riechen. Wie Ammoniak …
Jenkins, der neben ihr stand, wimmerte leise, und sie begriff plötzlich, was passiert war. Ein rascher Blick bestätigte es: Seine Hose klebte mit einem dunklen Fleck an seinem Bein und eine kleine Pfütze bildete sich neben seinem rechten Fuß.
Keenan war es auch nicht entgangen. Ein sadistisches Grinsen verzerrte seinen Mund, und er starrte Jenkins mit einem Blick an, als sei er ein kaputtes Stück Werkzeug. »Kleiner Dreckskerl. Das darfst du wohl zu Hause bei deiner Mami, was?«
Jenkins gab einen erstickten, rasselnden Laut von sich.
»Wie bitte?«
Mary starrte Jenkins an und flehte ihn stumm an, sich zu wehren. Je mehr Angst er zeigte, je weniger Kontrolle er über seinen Körper und seine Stimme hatte, desto mehr würde Keenan die Situation genießen und voll ausnutzen. Aber Jenkins war von Sinnen vor Angst. Er konnte seine Blase und seine Stimme so wenig kontrollieren wie Mary das Wetter.
»Keine Antwort?« Keenan Stimme war immer noch gefährlich sanft.
Jenkins zitterte jetzt so heftig, dass seine Zähne klapperten.
»Ekelhaft«, sagte Keenan. »Her mit ihm, Smith.«
Mit einer raschen Bewegung griff Keenan nach Jenkins und zog ihm die nasse Hose herunter. Jegliches Mitleid, das Mary für den Jungen gefühlt hatte, wurde von zunehmender Panik verdrängt. Das war’s dann wohl. In ein paar Minuten würde sie ganz wörtlich öffentlich bloßgestellt. Ein leises Zittern durchlief ihren Hals und breitete sich in die Gliedmaßen aus. Verzweifelt kämpfte sie dagegen an, aber vergeblich. Ihr Lungen verkrampften sich, sie bekam nicht genug Luft.
»Ruhig«, murmelte Reid leise und drückte ihr fest die Schultern. »Ganz ruhig, Junge.«
Er klingt, als ob er ein Pferd beruhigt, dachte sie hysterisch.
Der Gürtel pfiff tatsächlich etwas, als er durch die Luft sauste; das war nicht nur ein Klischee. Als er auf Jenkins’ blassen, dünnen Hintern traf, machte er ein sattes, lautes Zack, das deutlich auf der inzwischen vollkommen stillen Baustelle zu hören war. Alle hatten ihr Werkzeug beiseitegelegt; alle sahen zu. Abgesehen von dem Rhythmus des Gürtels – pfiiiie-zack, pfiiiie-zack – waren nur Jenkins’ halb unterdrückte Schreie und Keenans angestrengtes Grunzen zu vernehmen.
Zwei Schläge.
Drei.
Nach dem vierten Schlag zeigte sich ein leuchtend roter Blutstriemen. Mary zwang sich hinzusehen, sich die Details zu merken: die absolute Stille um sie herum, die Männer, die praktisch den Atem anhielten, statt Keenan an seiner Vorführung zu hindern. Keiner schritt ein; keiner protestierte. Sie hatten Spaß an der Sache, die dreckigen Schweine.
Fünf.
Kleine Blutrinnsale liefen die Beine des Jungen entlang, tropften auf seine Hose und den staubigen Boden.
Sechs.
Jenkins hörte zu schreien auf und weinte nur noch, ein klagendes, kindliches Geräusch, das sogar Marys anhaltende Panik durchdrang: Was für Folgen würde so ein brutales Auspeitschen bei so einem zarten, unterernährten Jungen haben? Würde Keenan klug genug sein, aufzuhören, ehe er ihn zum Krüppel schlug, oder war ihm das egal?
Sieben.
Gab es nichts, was sie tun konnte? Gar nichts?
Acht.
Sie schmeckte Blut. Warum? Sie musste sich auf die Lippe gebissen haben.
»Keenan.« Die Stimme kam von über ihrem Kopf.
Pfiiiie-ZACK.
Pfiiiie-ZACK.
»Keenan!« Etwas lauter diesmal. »Genug, Mann!«
Eine Unterbrechung des Rhythmusses. »Halt’s Maul, Reid.«
Es ging weiter. Elf?
Schweiß tropfte ihr in die Augen. Das Brennen war eine willkommene Ablenkung von ihren zitternden Gliedmaßen und ihrer blockierten Lunge. Die Schmerzen waren ihr egal. Sie wollte nur, dass sie ihre Bloßstellung schon hinter sich hatte.
Und dann ein Schrei, schrill, aber gebieterisch. »Was zum Kuckuck macht ihr da?«
Wie sieht es denn aus? Zum Glück kroch das hysterische Kichern in ihrem Hals nicht hoch genug, um gehört zu werden.
Keenan holte ein letztes Mal mit dem Gürtel aus, aber schon halbherziger, als wisse er, dass das Spiel vorüber war.
»Und was steht ihr alle rum? Zurück an die Arbeit, alle zusammen! Außer dir, Keenan. Was hat das zu bedeuten?« Mr Harkness stand vor ihnen. Langsam verzogen sich die anderen Handwerker zu ihrer Arbeit.
Keenans Blick war rebellisch. Er starrte Harkness eine Weile an. Seine Brust hob und senkte sich rasch. »Ach, Mr Harkness, Sir«, sagte er schließlich, und seine Stimme klang samtig und gefährlich, »wie nett von Ihnen, dass Sie sich um die Disziplin auf der Baustelle kümmern.«
Leuchtend rote Flecken erschienen auf Harkness’ Wangen und seiner Glatze. »Ich fragte, was das alles zu bedeuten hat?!« Seine Stimme war schrill und sein Auge zuckte wie wild.
Wieder Schweigen. Das einzige Geräusch war Jenkins’ Schluchzen. Schließlich sagte Keenan: »Die Jungen haben eine Strafe verdient.«
»Wofür?«
»Unsinn treiben. Baumaterial kaputt machen.«
Harkness holte tief Luft und sah Mary an. »Stimmt das?«
Aus dem Augenwinkel sah sie, wie sich Keenans Gesicht vor Wut verzog. »Ja, Sir.«
Harkness machte ein überraschtes Gesicht. »Ihr habt Keenans Material mit Absicht beschädigt?«
»Nicht mit Absicht, Sir. Aber Jenkins und ich haben einen Backstein zerbrochen.«
»Einen Backstein!« Harkness fuhr zu Keenan herum. »Du schlägst zwei Kinder halb tot wegen einem geborstenen Backstein?«
»Ich hab sie bestraft, weil sie Unsinn gemacht haben, sie dürfen nicht mit dem Werkzeug rumspielen. Der Schaden hätte viel größer sein können.«
Harkness’ Gesicht wurde kreidebleich. Durch zusammengebissene Zähne sagte er: »Wenn du nicht willst, dass deine gesamte Kolonne entlassen wird, dann denk gefälligst daran, wer auf dieser Baustelle das Sagen hat, Keenan. Quinn wird von euch abgezogen. Ihr müsst eben in Unterzahl arbeiten, bis du einen neuen Maurer gefunden hast, und ich erwarte die gleiche Arbeitsleistung wie immer.«
Keenans roter Kopf wurde noch dunkler, aber er erwiderte nichts.
»Hast du gehört und verstanden?«, brüllte Harkness.
»Ja. Sir.« Er spuckte die Worte förmlich aus, als würden sie bitter schmecken. »Und ich merke mir den Vorfall, Sir.«
Falls Harkness die Drohung zu schaffen machte, ließ er sich nichts anmerken. »Kommt mit, Kinder«, sagte er und winkte Mary und Jenkins zu, und Mary merkte plötzlich, dass sie die Luft angehalten hatte. Obwohl die anderen Arbeiter so taten, als würden sie zu ihrer Arbeit zurückkehren, starrten sie ungeniert herüber, als sie vorbeigingen: Harkness vorneweg, Jenkins humpelnd, Mary ungeschoren.
Sie konnte Keenans Blick in ihrem Rücken spüren. Es war keineswegs wie ein warmer Sonnenfleck; eher wie ein eiskalter Bohrer durch den Schädel. Sie war völlig durcheinander und ihre Beine waren weich wie Gummi. Sie zitterte immer noch, obwohl es jetzt die Erleichterung war. Doch während sie Harkness und Jenkins folgte, fragte sie sich bereits, was Harkness’ Einschreiten bedeutete. Er hatte nicht rechtzeitig eingegriffen, um Jenkins vor dem schlimmen Auspeitschen zu retten. Aber indem er sie vor einem ähnlichen Schicksal bewahrt hatte, hatte Harkness ihre Rolle gerettet und damit den gesamten Einsatz. Sie musste sich fragen, ob er die Wahrheit kannte, zumindest teilweise. Und wenn ja, was er nun erwartete.