James traf zu Fuß im Hof des Parlamentsgebäudes ein. Barker hatte natürlich keine Ahnung davon; er hatte James vor einer halben Stunde am Eingang abgesetzt und war davongefahren, fest überzeugt, dass sein junger Herr direkt hineingehen würde. Stattdessen hatte James die Gelegenheit ergriffen und war um das Parlamentsgebäude herumspaziert. Er betrachtete den Baufortschritt und nahm die Atmosphäre generell auf. Das war seine letzte Gelegenheit, unerkannt hier herumzustöbern, und er hatte vor, das Beste daraus zu machen.
Schon von der Straße aus konnte James sehen, dass die Baustelle schlampig geführt wurde, wie es überall üblich war, und dass den Sicherheitsvorschriften wenig Genüge getan wurde. Die gesamte Ordnung beziehungsweise ihr Fehlen sagte viel aus über die sorglose Haltung gegenüber dem Wert eines Menschen. Wenn er sich nicht gründlich täuschte, setzte Harkness der Anzahl von Leuten, die sich gleichzeitig in dem Glockenturm aufhalten durften, keine Grenzen; es gab keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen für das Arbeiten auf hohen Gerüsten und keine regelmäßige Wartung der Ausrüstung. Doch das war alles im Bereich des Üblichen. James hatte den Ruf, auf seinen eigenen Baustellen sehr gewissenhaft zu sein, und er wusste, dass viele seiner Kollegen – vor allem ältere wie Harkness – das für übertrieben hielten.
Und doch hatte ihn Harkness aus irgendeinem Grund gebeten, das Gutachten zu übernehmen. Er fragte sich immer noch, warum. Seiner Jugend wegen? Glaubte Harkness, dass das gleichbedeutend war mit Unerfahrenheit oder dass er beeinflussbar war? Dann war da noch die Beziehung zu seiner Familie. Möglicherweise erwartete Harkness deswegen eine gewisse Rücksicht von James. Da würde er aber bald eine ziemliche Überraschung erleben. James vertraute seinen eigenen Fähigkeiten – so sehr, dass er von manchen für arrogant gehalten wurde, das wusste er –, und er war gänzlich unfähig, nachzugeben, wenn er recht hatte.
Aber vielleicht war er auch zu zynisch. Immerhin war er ein Jahr lang in Indien gewesen und hatte keine Kenntnis vom Klatsch im Gewerbe. Ohne Vorurteile auf eine Arbeitsstelle zu kommen, die so von Gerüchten umwoben war, würde von Vorteil sein. Oder Harkness wollte ihm einfach, wie er gesagte hatte, einen Gefallen tun und ihm helfen, Beziehungen zu knüpfen. James unterdrückte sein ungutes Gefühl und trat durch das Eingangstor. Dabei wurde er auf eine Bewegung aufmerksam: derselbe Laufbursche, den er gestern gesehen hatte. Wieder hatte James das seltsame Gefühl des Wiedererkennens. Wo hatte er dieses Kind schon mal gesehen? Auf den zweiten Blick war es klar, dass der Junge Alfred Quigley keineswegs ähnlich sah. Er war mindestens ein bis zwei Jahre älter und ein ganz anderer Typ. Vielleicht war es der Sohn von einem Bekannten – einem Handwerker, den er mal angestellt hatte. Aber würde das das beinahe verstörende Gefühl von Vertrautheit erklären?
Er merkte, dass er ins Leere starrte. Mit einem Kopfschütteln klopfte er an die Bürotür, etwas lauter, als er vorgehabt hatte. »Harkness?«
»Mein lieber Junge! Oder sollte ich lieber sagen, mein lieber Easton. Wir sind ja jetzt Kollegen.«
James’ Mundwinkel zuckte. »Sie müssen ja ziemlichen Einfluss haben beim Beauftragten, Sir; ganz früh heute Morgen hatte ich schon den Brief mit der Berufung.«
»Das würde ich nicht sagen«, erwiderte Harkness und errötete. »Vielmehr ist es ja eine ziemlich drängende Aufgabe, wie ich gestern schon sagte, und der Beauftragte ist sehr energisch …« Er räusperte sich und sprach schnell weiter. »Also, Sie brauchen wohl Hilfe bei Ihrer Aufgabe …«
»Ich bin gut in der Lage, allein klarzukommen«, sagte James schnell. »Ich hätte die Arbeit nicht angenommen, wenn ich nicht völlig wiederhergestellt wäre.«
»Nein, nein«, sagte Harkness lachend, »ich meinte doch nicht Ihre Gesundheit, mein lieber Junge. Ich meinte nur einen Helfer, der Ihnen beim Vermessen zur Hand geht und dergleichen. Ich habe mir erlaubt, jemanden zu bestimmen – ach, lassen Sie mich ihn einfach herbeirufen.« Er trat aus dem Büro, ehe James etwas erwidern konnte, und kam nach einer Minute mit dem dunkelhaarigen Jungen zurück. »Das ist Mr Easton, der Herr, den ich dir vorstellen wollte«, sagte Harkness. »Easton, das hier ist einer der klügsten Jungen, den einzustellen ich die Freude hatte; ich glaube, er wird Ihnen viel helfen können. Sein Name ist Quinn. Mark Quinn.«
James bekam davon fast nichts mit; er starrte den »Jungen« einfach nur an. Der Boden unter seinen Füßen wankte wie bei einem kleinen Erdbeben, das jeden Nerv seines Körpers erzittern ließ. Er war außerstande, etwas anderes anzusehen als diese Augen. Heute waren sie nussbraun, obwohl er wusste, dass sie manchmal grün schimmerten. Sie waren umrandet von dichten schwarzen Wimpern und einem Schopf von unordentlichem dunklen Haar. Auf dem Gesicht zeigte sich ein Ausdruck von Überraschung und Bestürzung, der ihm sofort unmissverständlich vertraut war.
James wurde blass und spürte, wie ihm das Blut in die Füße schoss. Sein Magen hob sich heftig – wenn auch nicht auf unangenehme Weise. Einen Augenblick stand er einfach nur dumm da und glotzte, während der »Junge« zurückstarrte. Eine Reihe von Gefühlen wechselten sich auf ihrem Gesicht ab: Verlegenheit. Panik. Und noch etwas …
»Du!« Er stieß das Wort zusammen mit einem Schwall Luft hervor – wie ein jungenhaftes Erschrecken, das ihn sehr ärgerte. Es löste außerdem einen Hustenanfall aus. Er beugte sich vornüber und verfluchte seine angeschlagene Gesundheit, während er sich gleichzeitig fragte, wie es möglich sein sollte, ruhig und verbindlich zu wirken, wenn man sich die Lunge aus dem Leib hustete. Als er sich wieder aufrichtete, dröhnte es in seinen Ohren, und vor seinen Augen schwammen dunkle Flecken.
»Mein lieber Junge! Ist alles in Ordnung?«
Er nickte, denn er traute sich noch nicht zu, etwas zu sagen. Ein heimlicher Blick in sein Taschentuch zeigte gottlob kein Blut. Die Sekunden vergingen. Er musste etwas sagen, verdammt. Es kostete ihn einige Mühe, doch er unterbrach Harkness’ wohlmeinendes Gefasel, indem er sagte: »Nur ein leichter Husten; hat rein gar nichts mit Malaria zu tun.« Er sah Mary direkt an, während er sprach, doch ihr Ausdruck war inzwischen vollkommen neutral. Verdammt. Er hatte ihr die Gelegenheit gegeben, sich zu fassen.
»Natürlich …« Harkness klang nicht überzeugt. »Wie ich sagte, Quinn wird Ihnen bestimmt gut zuarbeiten. Er ist ein kluger Bursche, der gerne mehr über unser Gewerbe lernen möchte. Stimmt doch, mein Kleiner?«
»Ja, Sir.«
»Also gut, dann ist das abgemacht. Ich nehme an, Sie würden gerne die Baustelle kennenlernen, Easton?«
Er sah so verändert aus, dass sie sich fragte, ob sie ihn überhaupt erkannt hätte. Er war natürlich immer noch hochgewachsen, aber seine Schultern schienen auf einmal zu breit für seine zerbrechliche Figur zu sein. Er war sonnengebräunt, doch statt gesund und entspannt auszusehen, schien er zu beben vor innerer Anspannung. Und sein Gesicht hatte einen scharfen Zug, der ihr neu war. Er hatte immer ernst oder gar streng ausgesehen, aber dieser düstere Ausdruck war neu. Dann hatten sie sich in die Augen geblickt, und sie spürte, wie eine tiefe Wärme sich durch ihren ganzen Körper zog. Natürlich hätte sie ihn erkannt; diese Augen hätte sie überall erkannt. Sie verspürte atemlose Anspannung. Es war auf einmal schwer, den Blick abzuwenden, doch dann gelang es ihr. Hoffentlich hatte das jetzt nicht kokett gewirkt.
Der Rundgang über das Baugelände schien ewig zu dauern. Harkness plapperte nervös, James nickte verständnisvoll, und sie folgte den Männern schweigend. Was für ein absurder, unwahrscheinlicher Streich des Schicksals, dass sie James Easton hier begegnete, als Junge verkleidet. Er hatte einen Gehilfen gefordert oder war das die Idee von Harkness gewesen? Und was verriet das nun wieder darüber, was Harkness mit ihr vorhatte? Er konnte doch unmöglich die Wahrheit über ihre Rolle wissen.
Oder doch?
Und dann waren sie allein. Mary stand bewegungslos da, mit angespannten Nerven, und wartete auf seine Attacke. Ihre Lage war unmöglich und gewissermaßen skandalös, ein perfektes Fressen für die dreisten, unverschämten Feststellungen, die er so gern machte. Zweifellos hatte er sich während der Runde schon ein paar vernichtende, scheinheilige Bemerkungen zurechtgelegt, die er mit seinem üblichen anmaßenden Näseln loswurde. Sie war nur verwundert, dass er sich damit zurückgehalten hatte, solange Harkness anwesend war.
Sie wartete.
Und wartete.
Und wartete immer noch.
Nachdem sie ganze fünf Minuten geschwiegen hatten, sah sie ihn an. Er starrte zu den Handwerkern hinüber, die am Fuß des Turmes arbeiteten, doch als ob er spürte, dass sie ihn ansah, wandte er sich ihr zu.
»Ich finde«, sagte er im Plauderton, »dass wir mit den Steinmetzen anfangen sollten. Äh, Quinn, so ist doch dein Name?«
So ging es den ganzen Nachmittag weiter. Sie beobachteten – oder besser, James beobachtete Handwerker, inspizierte Gerüste, untersuchte Sicherheitsvorrichtungen und notierte sich schwierige oder gefährliche Arbeitsvorgänge. Er arbeitete ohne Hast, erledigte jedoch eine ganze Menge. Und während all dieser Erledigungen behandelte er sie mit distanzierter Höflichkeit, genau wie er es mit jedem jungen Gehilfen getan hätte.
Sie hatte ihn über ein Jahr nicht gesehen. Hatte nicht erwartet, ihn jemals wiederzusehen. Trotzdem konnte sie sich nicht vorstellen, dass er, bei ihrem Nachnamen und bei ihrem Gesicht, ganz vergessen hatte, wer sie war. Sie hätte schwören können, dass er sie in jenen ersten prickelnden Momenten sofort erkannt hatte. Dieses Keuchen – war das nicht Überraschung gewesen? Er hatte es vielleicht mit einem Hustenanfall verbergen wollen, aber das Aufblitzen seiner Augen, als er sie erkannte, war ihr nicht entgangen.
Oder hatte sie sich geirrt? Ihr Verstand sagte ihr, dass sie, wenn er sie tatsächlich nicht erkannt hatte, Grund zum Feiern hatte. Wenn sie allerdings ganz ehrlich war, verletzte diese naheliegendste Vorstellung ihren Stolz. Er – was war er? Ein bisschen zu jung, um schon ein »Mann« zu sein, aber doch wirklich kein »Junge« mehr – verdammt, er, James, hatte sie schließlich geküsst. Klar, er hatte eine Gehirnerschütterung gehabt und war etwas durcheinander und wahrscheinlich auch noch im Delirium gewesen vom Einatmen des Rauches – aber er hatte sie an eine Wand gedrückt und geküsst. Zwei Mal. Sie erschauerte vor Behagen bei der Erinnerung. Es stimmte, ein Teil von ihr hoffte, dass James, trotz der Komplikationen, die daraus entstehen würden, genau wusste, wer »Mark Quinn« war.
Und wenn er sich erinnerte, war es dann nur eine vage, vielleicht ganz verschwommene Erinnerung? Das schmerzte sogar noch mehr. Wie viele Mädchen hatte James schon geküsst? Mehr als nur ein paar, wenn man davon ausging, wie er geküsst hatte. Und woher willst du das wissen?, stichelte ihre innere Stimme. Wer hat dich denn sonst noch geküsst? Es wäre sogar noch schlimmer, wenn ihm ihr Gesicht bekannt vorkam, er aber nicht wusste, woher.
Sei vernünftig, fuhr ihre innere Stimme fort, diesmal kühl und bestimmt. Obwohl er sie bereits in Jungenkleidern gesehen hatte, war die Tatsache, dass er sie nicht erkannte, eigentlich ein Kompliment für ihr Geschick im Verkleiden.
Erst am Ende des Tages deutete sich an, dass er sie als Person und nicht bloß als nützliches Hilfsmittel wahrnahm.
»Quinn.«
Sie blickte auf – und hielt den Atem an. Er sah ihr direkt in die Augen. »J-ja, Sir?«
»Mr Harkness erwähnte, dass du neu im Gewerbe bist.«
Sie nickte langsam.
Sein Blick glitt über ihr unbeholfen geschnittenes Haar, ihr Äußeres eines schmuddeligen Jungen. Ein leichtes Lächeln spielte um seinen Mund. »Wieso bist du hierhergekommen?«
»Sir?«
»Auf diese Baustelle? Es ist ungewöhnlich, dass ein junger Bursche ohne vorherige Erfahrung oder Beziehungen auf einer Baustelle eingestellt wird. Du musst Eindruck gemacht haben auf Mr Harkness.«
»Er hat sich sehr großzügig gezeigt.«
»Verstehe.« Sein Blick blieb irgendwo über ihrer Taille hängen – sie hielt einen aufgerollten Bauplan – und verweilte so lang, dass sie sich vor Unbehagen wand. »Was hast du vorher gemacht?«
Sie zögerte. Ein Teil von ihr wollte schreien: Als ob du das nicht weißt! »Dies und das, Sir, meistens Laufbursche. Aber nichts, was man ein Handwerk nennen könnte.« Das stimmte – und war allgemein genug.
»Nein. Das ist ja offensichtlich.«
Sie wartete, aber er wurde nicht genauer. »Wie kommen Sie darauf, Sir?«, fragte sie schließlich.
Er nickte zu der Papierrolle. »Deine Hände sind weich und blass; keine Arbeiterhände.« Das verhaltene Lächeln erschien wieder und diesmal blitzte es in seinen Augen. »Man könnte sogar sagen, Damenhände.«
Sie erstarrte und war kaum in der Lage zu atmen. Höchste Zeit für eine schlaue, freche Antwort, aber ihr Geist war ebenfalls in Schockstarre. Sie konnte ihn nur anglotzen, immerhin mit geschlossenem und nicht mit offenem Mund. Mehr schaffte sie nicht.
James zuckte die Schultern und sah umständlich auf die Uhr. »Ah – sechs Uhr. Ich sollte dich nicht länger aufhalten, kleiner Quinn.«
Sie brauchte einen Augenblick, um die Worte zu begreifen. Doch dann wurde sie wütend. Allerdings konnte sie es nicht riskieren, etwas anderes zu tun oder zu sagen als: »Ja, Sir.«
Der verdammte Kerl grinste nur. »Dann bis morgen, Junge.«