{594}Ins Niemandsland

Das hätte ich nicht denken können. – Das hat man mir erzählen müssen.
Hans Henny Jahnn, FLUSS OHNE UFER

»Siebzehn Stunden saß Leutnant Trotta im Zug. In der achtzehnten tauchte die letzte östliche Bahnstation der Monarchie auf. Hier stieg er aus.« Ein Märchenreich jenseits der Geschichte ist es, das Joseph Roth im RADETZKYMARSCH schildert, Jahre nach dem endgültigen Zerfall des Habsburgerimperiums. Ein Reich, in dem die Uniformknöpfe funkeln, die weißen Backenbärte sorgfältig gebürstet sind und der Kaiser die Schulden seiner Diener bezahlt. Doch Roths Bahnauskunft ist korrekt, er kennt die Strecke, denn an jener Endstation liegt sein Geburtsort.

Für Kafka war es zu spät, einen Ausflug an die Grenze zu machen, denn diese Grenze gab es nicht mehr. Im Sommer 1914 wäre die letzte Gelegenheit gewesen, die alleröstlichsten k. u. k. Wachhäuschen zu besichtigen, von denen viele inmitten von Sümpfen standen, umgeben von Schlamm, Staub und vom unablässigen Konzert tausender Frösche, und an denen ein gemütlicher Verkehr von Schnapsfässern und Deserteuren die einzige Abwechslung bot. Aber wer wollte denn vor dem Großen Krieg nach Galizien? »Ich habe Lemberg und Czernowitz nie gesehen«, schrieb Max Brod im Herbst 1914, »und ich werde vielleicht hundert italienische Städte besuchen, ehe es mir einfallen wird, nach Galizien zu reisen.« So sprach ein Prager Kulturzionist, einer der wenigen Städter, die Gründe gehabt hätten für eine Reise nach Osten, gegen den Strom. »Aber als man mir Lemberg und Czernowitz nehmen wollte«, fuhr er fort, »da fühlte ich an meinem Körper, daß sie Rechtens zu mir gehören und daß ich sie auf keinen Fall vermissen kann.« Da war sie wieder, die Stimme der jüdischen Patrioten. [560]  

Doch diese Stimme war nun sehr viel leiser geworden. An die kaisertreuen Aufmärsche vor dem Altstädter Rathaus, an die blumengeschmückten Haubitzen erinnerte man sich wie an Bilder aus unvordenklichen Zeiten, und es war schwer sich klarzumachen, dass dies alles noch nicht einmal ein Jahr zurücklag. Prag war grau geworden, die Plätze, die Parks, die Bahnhöfe, der gesamte öffentliche Raum begann unübersehbar zu verwahrlosen, und die Menschen in den Warteschlangen diskutierten nicht mehr über Siege und Niederlagen, sondern schimpften über die Preise, die dilettantische Planwirtschaft der Behörden und das unverschämte Prassen der wenigen Kriegsgewinnler, die der hilflosen Erregung ein dankbares Ziel boten. Es war nicht länger zu leugnen: Der Alltag in den Städten des Habsburgerreichs geriet unter das Diktat einer Mangelwirtschaft, und diese wiederum gehorchte nicht den verklausulierten Anordnungen der Amtsblätter, sondern den einfachen Gesetzen des Schwarzmarkts. Es half nichts, Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel auf 100 Prozent zu begrenzen, solange die umlaufende Geldmenge noch größer war als der Hunger. Nach nur einem Kriegsjahr hatten sich die Lebensmittelpreise in Prag verdrei- und vervierfacht, und bereits seit Einbruch des Winters kauten alle das aus gestrecktem Getreide hergestellte ›Kriegsbrot‹.

Im April 1915 kamen die unvermeidlichen Rationierungen, zuerst für Brot und Mehl. Eine Maßnahme, die, wie es in den Meldungen hieß, vor allem der Gerechtigkeit der Verteilung dienen sollte. Das klang gut, sorgte aber für Missverständnisse. Denn die ›Brotkarten‹ (ein neuer Begriff, den man im siegesgewohnten Berlin schon seit Anfang Februar kannte) waren keineswegs, wie man anfangs glaubte, das Äquivalent von Brot. Zwar gaben sie jedem Bürger das Recht zum täglichen Erwerb einer Grundration (140 Gramm, entsprechend etwa 350 Kalorien), doch vor leeren Regalen halfen diese Karten gar nichts. Und in Prag, wo es vor dem Krieg etwa 300 Bäckereien gegeben hatte, standen die Regale in 280 Bäckereien leer, denn sie waren geschlossen.

Welche Auswirkungen dieser Verfall in Kafkas unmittelbarer Umgebung hatte, lässt sich seinen Briefen und Aufzeichnungen nicht entnehmen. Er war anspruchslos, gleichgültig gegenüber Geld und darum gewissermaßen taub gegen die frühesten Signale kommenden Elends. Dennoch gibt es Indizien dafür, dass auch die Kafkas zu {596}kämpfen hatten. Wäre es denn zu besseren Zeiten denkbar gewesen, dass die Tochter den eigenen Eltern Verpflegungskosten erstattet? Tatsächlich lebten Elli und ihre Kinder Felix und Gerti keineswegs als Dauergäste in Franzens Zimmer, sondern als Untermieter, was sich zu aller Leidwesen schnell herumsprach. Dass Kafka sich im Januar 1915 seines letzten Antrags auf Gehaltserhöhung entsann, dem ja nur teilweise entsprochen worden war, ging gewiss auf bohrende Fragen der Familie zurück, die nun häufiger von Geld sprach denn je. Er wiederholte sein Gesuch, verlangte jetzt ein noch höheres Gehalt – schließlich waren weitere zwei Dienstjahre verstrichen –, und staunte darüber, dass er diesmal Erfolg hatte: Bewilligt wurden zusätzliche 1200 Kronen jährlich, ein Betrag, den er, solange es nicht noch schlimmer kam und die Ehe mit Felice ein unbestimmter Traum blieb, für sich allein gar nicht sinnvoll ausgeben konnte. So fiel ihm nichts Besseres ein, als es den Eltern gleichzutun und bei nächster Gelegenheit Kriegsanleihen zu zeichnen. 5½ % Zinsen wurden versprochen, steuerfrei, auf fünfzehn Jahre. Keine Spende, sondern ein Geschäft. Ob es ein gutes Geschäft war, musste sich freilich woanders entscheiden, in Galizien, viele Bahnstunden östlich von Prag.


Die Grenze gab es nicht mehr. Bis zu 250 Kilometer breit war der Streifen Land, der einst zu Habsburg gehörte und jetzt der russischen Armee als ›Bereitstellungsraum‹ diente. Man hatte aufteilen wollen und wurde nun selbst geteilt. Nicht nur Lemberg war verloren, auch die für uneinnehmbar geltende Prestigefestung Przemyśl hatte man sich selbst überlassen müssen. 130 000 Soldaten und 30 000 Zivilisten waren dort eingeschlossen; sie froren, schlachteten ihre Pferde und Hunde, verarbeiteten Birkenrinde zu Ersatzmehl. Die russische Armeeführung, durch Spione über die Vorgänge in Przemyśl genauestens im Bilde, brauchte nur abzuwarten; Hunger und Seuchen erledigten den Rest. Es war schwer, den Abonnenten der liberalen Blätter diese Demütigung zu erklären.

Doch die politische Ehre der Zeitungsleser war im Frühjahr 1915 nicht mehr ganz so empfindlich wie bei Kriegsbeginn. Sie hatten Dinge hören, sehen und lesen müssen, die sie sich nicht hatten träumen lassen. Die österreichische Armee, die doch ursprünglich (längst dachte daran niemand mehr) zu einer Strafexpedition aufgebrochen war, hatte sich von den serbischen ›Mausefallenhändlern‹ förmlich außer {597}Landes prügeln lassen. Hohe Offiziere hatten ihre Mannschaften in den Erschöpfungstod getrieben und wurden dafür nicht vor Kriegsgerichte gestellt, sondern in ehrenvolle Pension entlassen. Und der große Conrad von Hötzendorf ließ sich nur noch hören, um die Schuld anderen zuzuschieben. Im Juni spätestens, so hieß es, würden die Russen vor Budapest stehen.

Die Karpaten bildeten den natürlichen Wall, den es jetzt zu verteidigen galt. Dreimal im Verlauf eines Vierteljahres, und mitten im tiefsten Winter, traten dort österreichisch-ungarische und deutsche Truppen gemeinsam an, um den Gegner zurückzudrängen. Angriffe im Schneesturm, bei minus 25 Grad Celsius, das hatte es in der Kriegsgeschichte noch niemals gegeben. Menschenmassen wurden herangeführt und verbraucht, nicht anders als Munition. Ihre Kleidung verwandelte sich in Eispanzer, die von den starren Körpern wochenlang nicht mehr abzulösen waren. Wer sich dem Schlaf überließ, erfror unweigerlich. Mitte März musste die k. u. k. 2. Armee einräumen, dass sie von 95 000 Mann rund 40 000 verloren hatte, davon aber nur 6000 durch Einwirkung des Gegners, die anderen durch Krankheiten und Erfrierungen.

Solche Meldungen gelangten natürlich nicht in die Nachrichtenbüros, und noch Jahre später erinnerte sich Kafka daran, wie »friedlich« sich der Weltkrieg im Licht der Neuen Freien Presse ausgenommen hatte. [561]  Wer ein realistisches Bild des Krieges wollte, war freilich auf Zeitungen schon längst nicht mehr angewiesen. Jeder hatte irgendwelche ›eingerückten‹ Verwandten oder Bekannten, die Unglaubliches erlebt oder wiederum von anderen erfahren hatten, und auch die Kafkas, die ja eher zur Verdrängung als zur Konfrontation neigten, blieben von physischen Details nicht verschont. Als Josef Pollak, Vallis Ehemann, mit einer Handverletzung für einige Wochen nach Prag zurückkehrte, drängte sich die Rohheit des Krieges mit Macht zwischen das bürgerliche Interieur.

»Pepa zurück. Schreiend, aufgeregt, außer Rand und Band. Geschichte vom Maulwurf, der im Schützengraben unter ihm bohrte und den er für ein gött- liches Zeichen ansah, von dort wegzurücken. Kaum war er fort, traf ein Schuss einen Soldaten, der ihm nachgekrochen war und sich jetzt über dem Maulwurf befand. – Sein Hauptmann. Man sah deutlich, wie er gefangen genommen wurde. Am nächsten Tag fand man ihn aber nackt von Bajonetten durchbohrt im Wald. Wahrscheinlich hatte er Geld bei sich, man hatte ihn {598}durchsuchen und berauben wollen, er aber hatte ›wie die Offiziere sind‹ sich nicht freiwillig anrühren lassen. […] Geschlafen einmal im Schloss des Fürsten Sapieha, einmal knapp vor österr. feuernden Batterien, wo er in der Reserve lag, einmal in einer Bauernstube, wo in den zwei Betten rechts und links an den Wänden je zwei Frauen, hinter dem Ofen ein Mädchen, und auf dem Fussboden acht Soldaten schliefen. – Strafe für Soldaten. Festgebunden an einem Baum stehn bis zum Blauwerden.« [562]  

Nie zuvor hatte ihn das Wände durchdringende Gepolter des Schwagers hinlänglich interessiert, um es zu zitieren; dies jedoch war eine Form volkstümlicher Überlieferung, die Kafka schätzte, weil sie sinnlich und zeichenhaft war (und weil sie die vergoldeten Erinnerungen des Vaters an seine eigene Militärzeit endlich zum Schweigen brachte). Daneben allerdings verfügte er, wie schon während der Balkankriege, noch über andere, verlässlichere Quellen: Augen- und Tatzeugen, die selbst im tiefsten Grauen die reflektierende Distanz der Beobachtung nicht völlig preisgaben. Vor allem Egon Erwin Kisch und Hugo Bergmann, die beide Kriegstagebuch führten und hin und wieder in Prag auftauchten, müssen Kafka sehr wirklichkeitsnahe Vorstellungen vom Krieg vermittelt haben, Bilder, die wenig zu tun hatten mit den haltlosen Phrasen und Schuldzuweisungen aus der Welt der Leitartikel. Er mühte sich, den politischen Vorgängen so weit zu folgen, als die offiziösen Berichte es zuließen. Doch immer wieder resignierte er vor dem alles umhüllenden Begriffsschaum, vor den wie Echos sich vervielfachenden Abstrakta, welche die Zensur umso leichter passierten, je hohler sie klangen: »Drohungen des Dreiverbandes«, »Neutralität«, »zuständige schwedische Stelle«, alles leicht verständlich, und doch nur, so fand er, »in bestimmte Form zusammengeballte Gebilde aus Luft«. [563]  

Hält man sich allein an Kafkas Tagebücher und Briefe, so gewinnt man von der alles imprägnierenden Gegenwart des Krieges keinen rechten Begriff. Er, der Meister der kunstvollen Klage, bleibt stumm, wo es nicht um die Schicksale Einzelner, sondern um strukturelle Ursachen und großflächige Entwicklungen geht. Vor allem im Büro muss jetzt Kafka mehr denn je gelitten haben unter seiner Unfähigkeit, sich mit Bemerkungen von gewünschter Allgemeinheit an politischen Diskussionen zu beteiligen. Die Spannungen zwischen Deutschen und Tschechen hatten seit Kriegsbeginn dramatisch zugenommen, und vor allem, seit die verheerenden militärischen Niederlagen {599}ganz offen mit der Unzuverlässigkeit ›slawischer Elemente‹ begründet wurden, drohten die Feindseligkeiten in manifeste Gewalt umzuschlagen – undenkbar, dass Kafka, der jetzt mehr aufgebrachte ›Parteien‹ anzuhören hatte als je zuvor, sich hier gänzlich hätte heraushalten können.

Die Tschechen waren schuld. Und die treulosesten aller Tschechen – das war lange bekannt – waren diejenigen aus Prag. Wer es noch immer nicht glaubte, dem wurde am 3.April 1915 der letzte Beweis geliefert: An diesem Tag ergab sich bei Zborów (Karpaten) beinahe kampflos das gesamte Infanterieregiment Nr. 28, das Prager Hausregiment. Es waren junge, unerfahrene Soldaten, fast 2000 Reservisten, die in ihren ersten Kampfeinsatz zogen. Sie hatten Befehl, Gräben auszuheben. Doch der Boden war metertief gefroren. Als der russische Angriff kam, standen die Tschechen ohne jede Deckung. Sie erhoben die Hände und sangen ›Hej Slovene!‹, die Hymne der Überläufer.

Ein Exempel wurde statuiert, die Höchststrafe verhängt: Das traditionsreiche Infanterieregiment Nr. 28 wurde aufgelöst. Karel Kramář, maßgeblicher Funktionär der Jungtschechen, wurde in Prag verhaftet, bald darauf auch Josef Schreiner, der Führer der gefürchteten (weil proletarischen) Sokol-Bewegung. Der Versöhnungskurs des böhmischen Statthalters, der sich schon im Monat zuvor unter politischem Druck hatte pensionieren lassen, war gescheitert. Jetzt wehte ein anderer Wind. Und von nun an würde man genauer darauf achten, an welchen Fenstern welche Flaggen hingen.


Nicht alle Prager traf der Krieg mit gleicher Härte. Im Zentrum des Unglücks saßen die Familien, deren Söhne ›im Feld‹ waren. Handelte es sich um einfache Soldaten, so erfuhr man von ihrem Schicksal zumeist nur durch zensierte Postkarten, auf denen noch nicht einmal der Aufenthaltsort des Absenders vermerkt sein durfte (sofern er ihn überhaupt wusste). Angehörige, die an Kampfeinsätzen beteiligt waren, sah man mit hoher Wahrscheinlichkeit erst als Verwundete wieder – oder viele Jahre später, wenn sie aus der Gefangenschaft heimkehrten – oder niemals mehr. Vor allem die Schlachten in den Karpaten Anfang 1915, die an Grausamkeit der ›Blutpumpe‹ von Verdun in nichts nachstanden, ließen dem Einzelnen kaum eine Chance, unversehrt nach Hause zu kommen. »Durchschnittlich leistete ein {600}Mann der Fronttruppen nur fünf bis sechs Wochen Frontdienst, bis er – statistisch – tot oder gefangen war bzw. verwundet oder krank nach hinten transportiert wurde.« [564]  Auch Josef Pollak stand einige Tage an dieser Front, ehe er, vom eigenen Ischiasnerv bewegungsunfähig gemacht, erneut in ein Lazarett transportiert wurde.

Karl Hermann, der Ehemann Ellis, hatte zweifaches Glück. Er war kein einfacher Soldat, sondern hatte, wie Pollak, als Einjährig-Freiwilliger gedient und war daher als Leutnant der Reserve in den Krieg gezogen. Und er gehörte einem Trainregiment an, einer Einheit, die für reibungslosen Nachschub zu sorgen hatte, für den Kampf selbst aber nicht ausgebildet war. ›Etappe‹ hieß das Zauberwort, das über Tod und Leben entschied, und wer die Gräben und Drahtverhaue aus eigener Anschauung kannte, träumte von der Versetzung in die Etappe. Die Versorgungseinheiten, die zu Friedenszeiten vielfach als paramilitärische Handlanger galten (weshalb Juden dort noch am ehesten avancieren konnten), wurden nun allseits beneidet: Sie durften nicht nur, sie mussten außer Reichweite des Feindes bleiben und waren daher ihres Lebens einigermaßen sicher.

Offiziere, die in der Etappe lagen, konnten Besuche von Angehörigen empfangen: zwar nur für kurze Frist und nach Abwicklung umfänglicher bürokratischer Überprüfungen, doch solche Widrigkeiten fielen kaum ins Gewicht gemessen an der psychischen Entlastung, der alle Beteiligten entgegenfieberten. Der gesundheitlich angeschlagene Hugo Bergmann war überglücklich, als im Januar 1915 seine alte Mutter die Strapazen einer mehrtägigen Bahnreise auf sich nahm, um ihn zu besuchen. Vierundzwanzig Stunden durfte sie bleiben.

Auch Elli, die ihren Ehemann seit Monaten nicht mehr gesehen hatte, war entschlossen, die Fahrt zu wagen und die Kinder für einige Tage in der Obhut der Familie zu lassen. Karl Hermann war in Nagy Mihàly stationiert (heute Michalovce/Slowakei), einem kleinen ungarischen Dorf an der Bahnlinie, die von Budapest nach Norden in Richtung Przemyśl führte. Die Front war mehr als 80 Kilometer entfernt, jenseits der Höhenzüge der Beskiden, das Gebiet galt als sicher. Doch wie kam man dorthin, wie sollte man sich verständigen, wo würde man eine Bleibe finden? Man kann sich die lautstarken Debatten am abendlichen Esstisch der Kafkas vorstellen, die nicht das Geringste davon hielten, ihre Tochter allein in dieses Abenteuer zu entlassen. Zumindest für die Anreise musste ein männlicher Begleiter {601}her, und das konnte nach Lage der Dinge nur der große Bruder sein. Er war der einzige nähere Verwandte, der noch Zivil trug.

Wie Kafka es fertig brachte, sich für eine ganze Woche vom Bürodienst zu befreien, wissen wir nicht. Irgendwann Mitte April erhielt er die Nachricht, dass die erforderlichen Legitimationspapiere bei der Prager Militärbehörde bereitlagen. Am Morgen des 22.April bestieg er mit seiner Schwester Elli den Zug nach Wien.


Ein Mädchen aus Žižkov. Ein jüdischer Geschäftsmann aus Wien. Ein polnischer Leutnant mit Begleiterin. Die Ehefrau eines Wiener Zeitungsredakteurs. Zwei jüdische Handelsreisende. Ein ungarischer Leutnant. Eine jüdische Familie aus Bistritz. Ein Husar in Pelzjacke. Ein altes Ehepaar. Ein deutscher Offizier. Eine ungarische Jüdin mit Tochter. Eine Krankenschwester. Ein ungarischer Stationsvorstand und sein kleiner Sohn.

Eine Bahnreise im Kriegsjahr 1915: Das hatte nicht mehr viel zu tun mit den langen, aber doch schon fast routinemäßigen, minutengenauen Fahrten nach Berlin, viel weniger noch mit dem beinahe wollüstigen Gleiten durch fremde Landschaften, wie Kafka es bei seinen Reisen durch die Schweiz, nach Italien und Paris erlebt hatte. Nicht mehr für Stunden, vielmehr tage- und nächtelang war man in Berührung mit fremden Schicksalen, denen man sich schlechterdings nicht entziehen konnte. Eine rollende Bühne, auf der deutsch, tschechisch, ungarisch, polnisch, jiddisch gesprochen wurde, auf der Flüchtende und Heimkehrende, Diensthabende und Beurlaubte kamen und gingen. Jeder breitete aus, was er besaß, jeder wollte erzählen. Ein Schauspiel von unbestimmter Dauer. Denn Fahrpläne waren beinahe nutzlos. Der Zug rollte, hielt endlos an winzigen Stationen, ließ Militärzüge vorbei, rollte weiter.

Kafka, wenig gesprächig, zumeist in die Ecke des Coupés verkrochen, hörte zu und beobachtete. »Eindringen kann ich scheinbar in die Welt nicht«, hatte er vor kurzem notiert, »aber ruhig liegen, empfangen, das Empfangene in mir ausbreiten und dann ruhig vortreten.« [565]  Das war ohne Leidenschaft gesagt. Doch dahinter verbarg sich eine Fähigkeit der Wahrnehmung, die sich mittlerweile zu einem geistigen Potenzial verdichtet hatte, mit dem Kafka wie im Flug hantierte. Er beobachtete Menschen, und was er sah, vermochte er noch Tage später zu reproduzieren, als zöge er ein Album mit Schnappschüssen hervor. {602}Er war Auge, ganz und gar. Aber dieses Auge erblickte nicht Bilder, sondern Zeichen. Und mit einer Sicherheit, die zu Kafkas innersten Geheimnissen zählt, fokussierte dieses Auge stets auf den Punkt der höchsten Signifikanz, der höchsten Dichte an Bedeutung.

Kafkas nachträgliche Aufzeichnungen über seine Reise nach Ungarn lassen erkennen, dass er sich dieser filternden und synthetisierenden Wahrnehmungsweise völlig bewusst ist. Er fixiert ein älteres Ehepaar, das auf dem Perron unter Tränen Abschied voneinander nimmt. Die Überlagerung von Intimität und körperlichem Verfall, die ihn an die eigenen Eltern zwanghaft erinnert, löst zunächst Scham und Abwehr aus: »Familienmässiges Verhalten ohne Rücksicht auf die Umgebung. So geht es in allen Schlafzimmern zu.« Dann aber beobachtet er, dass der Mann seiner Frau »in wehmütigem Scherz« ans Kinn fasst. »Was für eine Zauberei darin liegt, wenn einer alten Frau unter das Kinn gegriffen wird. Schließlich sehen sie einander weinend ins Gesicht. Sie meinen es nicht so, aber man könnte es so deuten: Sogar dieses elende kleine Glück, wie es die Verbindung von uns zwei alten Leuten ist wird durch den Krieg gestört.« [566]  Von Gefühlen spricht Kafka nicht. Gerade darum aber ist die Szene bezwingend, und dass es menschliche Gesten gibt, deren Zeichenhaftigkeit das Bewusstsein der Beteiligten weit überragt, lässt sich eindringlicher nicht zeigen. Sie meinen es nicht so … und doch ist es so.


Ein Tag bis Wien. Ein weiterer Tag über Budapest nach Sátoralja-Ujhely, eine Kleinstadt an der Packeisgrenze des Krieges, einer jener ungastlichen Orte in der Etappe, wo man die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien, kaum hatten sie sich niedergelassen, wieder hinauswarf. Ein Infanterieregiment war hier stationiert, ein großes Militärlazarett war errichtet, welches das erste Zurückfluten massenhaften Unglücks schon hinter sich hatte. Im Wiener Kriegsarchiv sind Fotografien aufbewahrt, auf denen lachende Krankenschwestern zu sehen sind (eine davon saß in Kafkas Coupé), peinlich saubere Laken und eine gemütliche Quarantänestation. Ein einziges Bild zeigt ein Detail der Wahrheit, ein Zeichen, das auch Kafka, hätte er hier Zutritt gehabt, gewiss nicht übersehen hätte: Es sind Schmalspurgeleise, die vom Bahnhof direkt ins Lazarett führten und über die Verwundete auf industriellen Loren bequem transportiert werden konnten.

Sátoralja-Ujhely war Endstation, und wer noch weiter nach Norden {603}wollte, brauchte dafür einen Befehl oder andere sehr gute Gründe. Die Legitimationspapiere aus Prag, die Kafka vorzeigte, genügten jedenfalls nicht, um sich zwischen die Soldaten in irgendeinen Militärzug zu drängen. Schon wieder hatte eine Behörde versagt und verlegte Kafka den Weg. So blieb nichts anderes übrig, als mit der Schwester, die sich in Ungeduld längst verzehrte, in einem schmutzigen Hotel den Postzug abzuwarten, der am Morgen abgehen sollte. Missmutig spazierte er über den Ringplatz, hörte Zigeunermusik in einem Kaffeehaus, schrieb eine traurige Karte an Felice, beobachtete das unverständliche Treiben der Einwohner und traf schließlich sogar einen Bekannten aus Prag. An sein Ziel aber gelangte er doch noch. Am folgenden Tag – wahrscheinlich am 25.April – schloss Elli ihren uniformierten Ehemann in die Arme. Und in Kafkas Tagebuch fällt der Vorhang.


Ein Zeichen war ihm tatsächlich entgangen. Vielmehr: Er hatte es wahrgenommen, aber doch die Bedeutung nicht erfasst. Die reichsdeutschen Militärs waren es, die hier überall umherstolzierten. Schon in Budapest war er förmlich zurückgeprallt vor der kolossalen Erscheinung eines deutschen Offiziers, der erst über den Bahnsteig und dann durch den Zug marschierte, die vielgestaltige Ausrüstung rings um den Körper gehängt. »Vor Strammheit und Grösse ist er steif; dass er sich bewegt ist fast erstaunlich; vor der Festigkeit der Taille, der Breite des Rückens, dem schlanken Bau des Ganzen reisst man die Augen auf, um alles in einem fassen zu können.« Deutsche auch in Sátoralja-Ujhely, wo Kafka einen jungen, Zigarre rauchenden Soldaten mit »strengen, aber jugendlichen Augen« beobachtet. Der Unterton der Bewunderung ist nicht zu überhören, noch immer traut er den Deutschen alles zu, auch die Rettung Österreichs, während er bei den k. u. k. Militärs nichts zu entdecken vermag als die bis zum Überdruss vertraute, von Selbstironie nur schwach verhüllte Indolenz. »Man muss doch den Gehalt verdienen«: Mit diesen Worten erhob sich ein österreichischer Oberstleutnant vom Esstisch, um sich Kafkas Papiere anzusehen. Undenkbar ein solcher Satz aus dem Munde eines deutschen Berufsoffiziers. [567]  

Was aber taten diese Leute hier, mitten in Ungarn? Hätte Kafka sie gefragt, sie hätten es mit Bestimmtheit nicht zu sagen gewusst. Es war ein Geheimnis, aber doch eines, das zwischen den Zeilen der Tagespresse {604}zu erraten war. Denn längst war durchgesickert, mit welcher Hartnäckigkeit die Führung des k. u. k. Heeres nach massiver deutscher Unterstützung rief und dabei auf geradezu erpresserische Weise mit der eigenen Niederlage drohte, die Deutschland mit in den Orkus ziehen würde. Am 13.April gab Wilhelm II. endlich nach: Es wurde beschlossen, im westlichen Galizien, zwischen Tarnów und Gorlice, wo Österreicher und Ungarn mühsam die Stellung hielten, die gesamte deutsche 11. Armee antreten zu lassen und die Russen unter ›Trommelfeuer‹ zu setzen (eine neue, infernalische Erfindung). Schon am 21.April begannen die Züge zu rollen, von Westen und von Süden. Und als Franz und Elli Kafka nur einen Tag später ihre Reise antraten, ahnten sie nicht, dass sie in ein Aufmarschgebiet fuhren, in dem die bis dahin größte und mörderischste Durchbruchsschlacht des Weltkriegs vorbereitet wurde. Und zugleich die erfolgreichste: Denn die Rückeroberung Galiziens, der mit brachialer technischer Gewalt erzwungene Rückzug der Russen sollte den Krieg um Jahre verlängern.


Wo er eigentlich gewesen ist, wie nahe er dem Krieg war: Er wird es aus der Zeitung erfahren, nur wenige Tage später. Auf der Rückreise ahnt er noch nichts. Die Schwester hat er zurückgelassen, sie wird sehr bald nachkommen, ihre Kinder erwarten sie.

Er wählt die schnellste Verbindung, steigt nur aus, um die Züge zu wechseln, er schläft im Coupé. Er hat jetzt nicht das Gefühl, irgend jemandem zuhören, irgendjemandem etwas Bedeutsames mitteilen zu können. In Budapest hat er zwei Stunden Aufenthalt. Es ist Abend, er geht in ein Kaffeehaus. Budapest, ein fremder Ort, doch eine Schwester Felices wohnt hier, eine Frau, die nicht sonderlich glücklich scheint, trotz ihrer kleinen, bezaubernd schönen Tochter. Felice hat sie besucht, damals, unter dem lebendigen Eindruck ihrer neuen, amüsanten und wunderlich provinziellen Prager Bekanntschaften. Sicherlich hat sie in Budapest davon erzählt, damals – war das wirklich schon drei Jahre her? –, und gewiss wurde dabei viel gelacht. Ja, Kafka kann es sich vorstellen, körperhaft wie auf einer Bühne, ein paar Erinnerungsfetzen genügen ihm, Fotografien, Bilder von Bildern, und schon ist die Szene da.

An der Wirklichkeit aber fährt er vorüber. Nicht Erinnerung, nicht Imagination, nicht Traum, vielmehr profane Wirklichkeit ist, dass Felice auch jetzt, in diesem Augenblick, im selben Moment, da Kafka in {605}einem Budapester Café auf die Uhr schaut und den Zahlkellner ruft, dass Felice eben jetzt in dieser Stadt ist, vielleicht nur wenige hundert Meter von ihm entfernt, und dass er, um sie leibhaftig zu sehen und zu berühren, beim ersten Schritt auf die Straße nur eine andere Richtung hätte wählen müssen. Sie hat versäumt, es ihm rechtzeitig mitzuteilen … vielleicht willentlich, vielleicht ging ein Brief verloren … er weiß von nichts. Er weiß nicht, was ist und was wird.

Und darum wählt er die andere, die falsche Richtung. Er geht zum Bahnhof, besteigt seinen Zug, rollt hinaus in die Nacht. Zurück aus dem Niemandsland, zurück nach Prag, allein.

Kafka: Die Jahre der Entscheidungen
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