{365}Literatur, nichts anderes

Ich habe schon vor vielen Jahren gewußt, daß der schwierigere und längere Teil dieses Berufes das Nicht-Schreiben ist.
Ilse Aichinger, EISKRISTALLE

›Überaus bestimmt in seiner Handlungsweise, überaus sinnlich, gutherzig, sparsam – wenngleich nur aus Zwang –, ansonsten freigebig und mit künstlerischem Interesse.‹ So in Kürze das mündliche Gutachten eines Amateurgraphologen, dem Felice die Handschrift ihres Verlobten vorgelegt hatte. Jeder, wirklich jeder Schuss daneben. Ein herrlicher Spaß.

Kafka liebte es, derartige Missverständnisse weiterzuerzählen, und er war keineswegs immun gegen das eitle Bewusstsein, andere Menschen vor Rätsel zu stellen. Nicht schwer, sich das Gelächter von Ottla, Brod und Weltsch vorzustellen, sollten sie von jenem ahnungslosen Befund tatsächlich erfahren haben. Kafka selbst konnte diesmal nicht recht mitlachen, er war verschnupft. »Der Mann in Euerer Pension soll die Graphologie lassen«, beschied er Felice beinahe barsch. Warum? Natürlich des gutmütig konzedierten ›künstlerischen Interesses‹ wegen – eine Floskel, die ihn allzu sehr an die verständnislosen Blicke der Eltern erinnerte, die sein unentwegtes Gekritzel für gesundheitsschädigenden »Zeitvertreib« hielten. »Maß und Ziel« hatte auch Felice angemahnt. Das waren Worte, die dem Höllenorchester, das er einmal zu dirigieren hoffte, nicht mehr Bedeutung beimaßen als den Zinnsoldaten, die gelangweilte Gymnasiasten auf ihren Schreibtischen hin- und herschoben – traumverlorene Spielereien, die das wirkliche Leben irgendwann hinwegspült. Doch nirgends war jetzt Kafka empfindlicher, trotziger als an diesem Punkt.

»Nicht einmal das ›künstlerische Interesse‹ ist wahr, es ist sogar die falscheste Aussage unter allen Falschheiten. Ich habe kein litterarisches Interesse, sondern bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.«

Und dann vergleicht er sich mit einem Lebendtoten, einem Zombie, aus dem die verführerische Stimme des Teufels erklingt und der als tote Hülle in sich zusammensinkt, sobald jener Dämon einmal ausgetrieben ist. »Ähnlich, ganz ähnlich ist das Verhältnis zwischen mir und der Litteratur ...« [326]  


Noch keine zwei Jahre war es her, da Kafka erstmals Bilanz gezogen und alle verfügbaren Energien in die Waagschale der Literatur geworfen hatte. »In mir kann ganz gut eine Koncentration auf das Schreiben hin erkannt werden«, hatte er ein wenig ungelenk begonnen, beinahe, als spreche er von einem Podium herab, um dann aber kühl und mit paradoxem Selbstbewusstsein aufzuzählen, was alles er schon dem Schreiben geopfert habe – nämlich so gut wie jeden leiblichen und geistigen Genuss und jede lebenspraktische Fähigkeit, mit Ausnahme noch derjenigen, einen Brotberuf zu ertragen und für den eigenen Unterhalt zu sorgen. »Ich habe also nur die Bureauarbeit aus dieser Gemeinschaft hinauszuwerfen, um, da meine Entwicklung nun vollzogen ist und ich soweit ich sehen kann, nichts mehr aufzuopfern habe, mein wirkliches Leben anzufangen ...« [327]  

Die Tür zu diesem wirklichen Leben hatte sich dann tatsächlich geöffnet, im selben Jahr noch, und aufgewühlt stand Kafka im Morgengrauen des 23.September 1912 in seinem kargen Zimmer, in den Händen ein unscheinbares braunes Heft, darin das soeben vollendete URTEIL. Es war, als sei er in einen Rausch der Konzentration und der Nüchternheit verfallen, und dieser Rausch dauerte an, monatelang. Nur zu einer Lebensform verdichten wollte er sich nicht, und für den einen großen Sprung, der alles zurückließ – Büro, Eltern, Prag –, fand Kafka nicht die Kraft. Alles gleichzeitig hielt er fest, alles hielt ihn. Und da schloss sich die Tür wieder.

Menschen, denen alles genommen wird, suchen die Nähe großer Ideen, und unfehlbar greifen sie zum Mittel der Identifikation – ein Reaktionsmuster, das freilich im Medium der geschichtlichen Überlieferung einfacher zu beobachten ist als dort, wo es seinen kompensatorischen Zweck erfüllt: in der Psyche des Einzelnen. Das historisch beeindruckendste {367}Beispiel lag Kafka nahe genug: Noch die am meisten gequälten, beraubten und entrechteten Juden, selbst diejenigen, die zur Konversion gezwungen wurden, fanden zu allen Zeiten Trost in ihrer privilegierten ethnisch-religiösen Identität: Sie blieben Juden, ganz gleich, wie entsetzlich die ›äußeren‹ Verluste waren. War nicht ebendies das vitale Geheimnis der ostjüdischen Schauspieler, die den Hunger und die Verachtung ertrugen und doch an ihrem Auftrag festhielten? Sie wussten, wer sie waren. Aber auch die deutschen Auswanderer, die es im gelobten fernen Westen zu nichts gebracht hatten, denen die eigenen Kinder entfremdeten und denen die hinderlich gewordene Muttersprache immer schwerer von der Zunge ging, trösteten sich damit, dass sie ›eigentlich‹ und ›trotz allem‹ Deutsche waren, ›im Herzen deutsch‹. Vor allem in großen, traditionsverhafteten Kollektiven, sogenannten ›Erinnerungsgemeinschaften‹, zeigt sich dieses Beharren auf einem unveränderlichen Kern als letztmöglicher bewusster Akt der Verteidigung, wenn die Realität übermächtig wird und die tiefsten Verankerungen zu zersetzen droht. ›Wir sind und bleiben … ‹: Nirgendwo hört man diese beschwörende Formel häufiger als dort, wo längst alles in Scherben fällt. Es ist ein Akt der Kompensation, doch um den Preis radikaler Verinnerlichung, in schon bedrohlicher Nähe zum Wahn, ein Verrammeln der Tore, ein Verdunkeln aller Fenster. Ich bin und bleibe Ich.

Dass auch er diesen defensiven Mechanismus nutzte, um das Versiegen seiner literarischen Produktivität Anfang 1913 psychisch aufzufangen und erträglich zu machen, ist Kafka wohl kaum bewusst geworden. Dennoch vollzog sich die Wandlung, die ihn vom literarischen Begehren zur totalen Identifikation führte, erstaunlich rasch: Eine vertraute Person, etwa der Madrider Onkel Alfred Löwy, hätte nach einjähriger Abwesenheit eine deutliche Veränderung in Kafkas Habitus unbedingt bemerkt, und nur der sehr dichten autobiographischen Überlieferung der entscheidenden Monate – letztlich also den Briefen an Felice – ist es zu danken, dass wir die Bewegung des inneren Räderwerks selbst vernehmen.

Und zwar erstmals zu Jahresbeginn, nicht zufällig im selben Augenblick, da Kafka mit der Vollendung des VERSCHOLLENEN kaum mehr ernstlich rechnet. … »der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich«, schreibt er an Felice. Ein nie gehörtes Pathos, halsbrecherisch beinahe. Denn muss er nicht, wenn er identisch ist mit seinem {368}Werk, mit diesem auch zur Hölle fahren? Freilich, doch nur, um mit dem nächsten Werk wieder aufzuerstehen. Denn dass er schreiben könnte, steht nicht mehr in Frage, ganz gleich, wie lange äußere und innere Umstände ihn davon abhalten:

»Das einzige was ich habe, sind irgendwelche Kräfte, die sich in einer im normalen Zustand gar nicht erkennbaren Tiefe zur Litteratur koncentrieren, denen ich mich aber bei meinen gegenwärtigen beruflichen und körperlichen Verhältnissen gar nicht anzuvertrauen wage, denn allen innern Mahnungen dieser Kräfte stehen zumindest ebensoviel innere Warnungen gegenüber. Dürfte ich mich ihnen anvertrauen, so würden sie mich freilich, das glaube ich bestimmt, mit einemmal aus allem diesem innern Jammer heraustragen.« [328]  

In einem Atemzug definiert hier Kafka das Wesen des Schriftstellers und sich selbst als Schriftsteller. Er ist Schriftsteller nicht deshalb, weil ihm dieses oder jenes mehr oder weniger gut gelungen ist, auch nicht deshalb nur, weil ihn ein Verlangen oder gar ein Zwang zu Papier und Feder treibt; vielmehr, weil die entscheidenden ›Kräfte‹ nicht mehr gerufen werden müssen: Sie stehen außer Zweifel, sie sind fühlbar, sie sind da. Und der literarische Text, der scheitert, ist kein Zeichen schwindender Kräfte, sondern bedeutet nichts anderes mehr, als dass der Schriftsteller sich von jenen Kräften hat abwerfen lassen – wie der Reiter von seinem Pferd, das dennoch und immer ihm gehört. Auch, wenn er niemals mehr wagt, es zu besteigen? Auch dann. Ausdrücklich hat Kafka in seinen späten Jahren die Möglichkeit konzediert, Schriftsteller zu sein und doch zu schweigen – unter dem Vorbehalt freilich, dass »ein nicht schreibender Schriftsteller … ein den Irrsinn herausforderndes Unding« ist. [329]  

Es war eine prekäre Definition, auf die er sich einließ, und er wusste es sehr genau. Wer, außer dem Schriftsteller selbst, kann denn überblicken, ob jene Kräfte bereitstehen oder nicht? Gewiss, der Leser, der Kritiker, manchmal. Doch diese sind angewiesen auf das gedruckte Werk und auf die Bereitschaft des Autors, sich dem Urteil eines anonymen und verwöhnten Publikums zu stellen. Fehlt es daran, sind der Selbsttäuschung keine Grenzen gesetzt; gerade im kulturell aufgeheizten Prag war das zu beobachten, wo man an keiner Straßenecke, ja nicht einmal in der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt davor sicher war, dass irgend jemand, dem man es nicht im mindesten zugetraut hätte, plötzlich selbst fabrizierte Gedichte aus der Tasche zog – {369}es war durchaus etwas daran an Karl Kraus’ bösem Wort, in dieser Provinzstadt vermehrten sich die Lyriker »wie die Bisamratten« [330]  . Kafka selbst hat wohl kaum erwartet, dass irgend jemand DAS URTEIL und den HEIZER schon als hinlängliche Nachweise einer literarischen, jedes andere Ziel ausschließenden ›Berufung‹ akzeptieren würde. Doch gerade diese Texte waren es, paradoxerweise, die ihm Selbstbewusstsein genug einflößten, um sich auf eine derart emphatische und letztlich gar nicht mehr vom wirklichen Gelingen abhängige Identität einzulassen. Nicht mehr: ich kann, sondern: ich bin.

Freilich, ›Identität‹ streift man nicht über wie ein Hemd; man muss sie formen, aufrichten, abstützen. Kafka tat alles dazu, schreckte vor keinem Mittel der rhetorischen Stilisierung und Selbstüberredung zurück. Im Herbst 1913, zu jener Zeit also, da alles, was er auf der Seite des Lebens, der Liebe, der künftigen Ehe schon erreicht zu haben glaubte, in sich zusammenfiel, da mit der Angst vor einer Verbindung der noch schlimmere, weil unaussprechliche Verdacht in ihm aufkeimte, allein schon der Briefverkehr schöpfe die Energien ab, die für das nächtliche Schreiben bestimmt waren – gerade jetzt trieb er die Identifikation mit der Schrift in ein Extrem, das in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur wohl ohne Beispiel ist. Ganz ausgeschlossen erscheint, dass Felice, selbst mit bestem Willen, in diese dünne Luft ihm hätte folgen können. Er bestehe aus Literatur und könne nichts anderes sein, schrieb er – war das nicht, wortwörtlich genommen, schon der Abschied?

Er wiederholte den Satz. Zunächst eine Woche später im Entwurf jenes Briefs, mit dem er Felices Vater endlich aufzurütteln gedachte: »Da ich nichts anderes bin als Litteratur und nichts anderes sein kann und will … «, heißt es hier. Noch immer zu schwach, noch immer nicht schmerzhaft genug. »Mein ganzes Wesen ist auf Litteratur gerichtet«, präzisiert er einige Tage später, »diese Richtung habe ich bis zu meinem 30ten Jahr genau festgehalten; wenn ich sie einmal verlasse, lebe ich eben nicht mehr.« Literatur oder gar nichts, Literatur oder Tod. So sendet er es ab. Und auch Felice, die noch immer an Kafkas Veränderbarkeit zu glauben scheint, empfängt eine letzte Zurechtweisung: »Nicht ein Hang zum Schreiben, Du liebste Felice, kein Hang, sondern durchaus ich selbst. Ein Hang ist auszureissen oder niederzudrücken. Aber dieses bin ich selbst … « [331]  


Auch Max Brod spürte, wie der Freund sich verhärtete und allmählich taub wurde gegen jeden Einspruch. Sie badeten gemeinsam in der Moldau, wie in früheren Sommern, drüben auf der Kleinseite, wo an der Civilschwimmschule Kafkas Ruderboot lag. Fuhr Kafka am Sonntag hinaus nach Radeschowitz, in die kleine Sommerwohnung, die der Clan dort gemietet hatte – meist machte er sich erst am Mittag auf den Weg, um keinen Brief Felices zu versäumen –, dann besuchte Brod ihn bisweilen auch dort. Und sogar zu einem Abend im Kabarett ›Chat noir‹ ließ Kafka sich hin und wieder überreden, wo Negerinnen tanzten und optimistische Couplets zu hören waren, wie etwa ›Ich bin ja nicht tot, bin ja nur so blass‹. Alle waren gerührt, Brod, seine Frau Elsa, Felix Weltsch.

Nur Kafka wurde nicht leichter zumute, er wollte jetzt keine Ablenkung. Es scheint, dass er nicht einmal mehr ins Prager Tagblatt schaute: Weder von den Balkankriegen – der zweite endete erst im August 1913 – noch von den neuerlichen tschechischen Tumulten gegen das habsburgische Regime (mit der üblichen antisemitischen Begleitmusik), noch von dem im Juni über Prag verhängten Kriegsrecht findet sich in seinen überlieferten Äußerungen die unscheinbarste Spur. Auch mit Brod, der mittlerweile auf dem besten Wege zum zionistischen Agitator war, ließ sich Kafka auf keine Erörterung mehr ein, die von der Literatur wegführte, nicht einmal über das von Brod jetzt häufiger beschworene ›Gemeinschaftsgefühl‹: Er habe keines, beschied ihn der Freund lakonisch, denn seine Kraft reiche knapp für ihn allein. Und wie ein Anwalt seiner selbst zeigte er ihm entsprechende Stellen in den Tagebüchern Kierkegaards: Hier hatte es schon einmal einen ähnlichen Fall gegeben …

Brod war bewegt; doch Kafkas Weigerung, sich mit Tatsachen und Argumenten abzugeben, lähmte ihn. »Sein Unglück, alles oder nichts«, heißt es in Brods Tagebuch. »Seine Begründung durch das bloße Gefühl, ohne Zergliederung ohne Möglichkeit und Bedürfnis einer Zergliederung.« Noch ein Jahr zuvor war er geradezu stolz gewesen auf Kafkas Kompromisslosigkeit: »in den idealen Dingen versteht er keinen Spaß«, hatte er Felice Bauer versichert, und er wusste, wovon er sprach; so lange lagen die gemeinsamen, mit RICHARD UND SAMUEL beinahe fruchtlos verbrachten Nachmittage noch nicht zurück. Wenn nun aber die idealen Dinge, und mit ihnen ein radikaler, schrankenloser Purismus, sich des ganzen Lebens bemächtigten?

Man ahnt hier, warum die Freunde sich vorläufig nicht mehr so nahe kamen wie in früheren Zeiten. Es waren keineswegs nur die kleinbürgerlichen Züge Brods, die seit seiner Heirat mit Elsa Taussig (im Februar 1913) auffälliger geworden waren und die Kafka mit zunehmender Skepsis beobachtete. Es war vor allem Brods Faible für die analytische, an Begriffen sich entlangbewegende, an Begriffen sich festbeißende Gedankenarbeit, für die Kafka jetzt weniger Sinn hatte denn je. Nicht einmal über ANSCHAUUNG UND BEGRIFF, das endlich erschienene philosophische Gemeinschaftswerk von Brod und Weltsch [332]  , war mit ihm zu reden, und dass er sich zur Lektüre zwingen musste, vermochte er den ehrgeizigen Autoren wohl kaum zu verheimlichen. Er, der alle Kräfte mobilisierte, um den fürchterlichen Stimmungsschwankungen, hypochondrischen Ängsten, Kopfschmerzattacken und selbstquälerischen Phantasien Einhalt zu gebieten, indem er alldem eine Deutung und eine neue, noch äußerst fragile Identität unterlegte – er hatte nun, was Wunder, tatsächlich kein »Bedürfnis einer Zergliederung«. Und noch weniger lag ihm daran, mit dem verheirateten Freund und angesehenen Schriftsteller über die Unvereinbarkeit von Literatur und Ehe zu diskutieren. Brod wiederum muss diese Verweigerung der Analyse geradezu als Hybris erschienen sein; noch niemals hatte sich der Freund in einer derart humorlos-fundamentalistischen Position verschanzt. Doch es waren keine bloßen Gefühle, auf die Kafka sich berief; denn alles war durchdacht in zahllosen schlaflosen Nächten, es war Erkenntnis, Selbsterkenntnis im emphatischsten Sinne. »Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe«, hatte er geschrieben. »Und tausendmal lieber zerreissen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar.« [333]  

Mit aller Macht versuchte Kafka, die neue Identität zu verankern, auf einem Grund, der verlässlich war, weil er außerhalb seiner selbst lag. Wiederum sind es die für Carl Bauer bestimmten legitimatorischen Sätze, die das innere Szenario wie Blitze ausleuchten. So heißt es im Briefentwurf vom 21.August, er sei zwar ein gänzlich ungeselliger Mensch, »ohne dies aber für mich als ein Unglück bezeichnen zu können, denn es ist nur der Widerschein meines Zieles«. Das war zu schwach, wie Kafka sogleich erkannte: Wäre irgendein willkürlich gewähltes Ziel schon Rechtfertigung genug, so könnte sich jeder Hochstapler ebenso gut darauf berufen. Kafka suchte eine neue Formulierung und verfiel schließlich auf einen – gemessen an seiner sonstigen {372}Vorsicht – geradezu metaphysischen Gewaltakt. Nachdem er die schonungslose Selbstcharakteristik gegenüber dem Entwurf im Tagebuch noch verschärft hat, fährt er fort: »Ich beklage im Grunde nichts von alledem, es ist der irdische Widerschein höherer Notwendigkeit.« [334]  

Man begreift, warum Felice dies lieber in ihrer Schublade verschloss und dem eigentlichen Adressaten vorenthielt. Höhere Notwendigkeit? Dazu hatte sich nicht einmal der genialische Strindberg verstiegen, dessen Riesenœuvre sie besaß und bewunderte. Doch auffallend war, dass Kafka Begriffe wie ›Dichter‹ und ›Schriftsteller‹ vermied. Wo zuvor scheinbar verharmlosend, ja abwertend von seinem ›Schreiben‹ die Rede gewesen war, trat jetzt übergangslos und mit Wucht die ›Literatur‹ auf den Plan, die höchste Instanz, die hier überhaupt in Betracht kam. Ich bin Literatur. Und aus überirdischer Notwendigkeit. ›Geht’s nicht ’ne Nummer kleiner?‹, hätten wohl ihre Berliner Freundinnen gefragt, denen jedoch Felice aus Kafkas Briefen schon lange nichts mehr vorlesen konnte.

Kafka selbst muss gespürt haben, dass dieser Sprung aus der Intimität des Schreibakts in den Sternenhimmel der Schrift nur schwer nachzuvollziehen war und womöglich als bloß rhetorischer Kraftakt erschien. Er hatte etwas zu erklären, er musste ein wenig mehr preisgeben von den Quellen, aus denen diese neue, rigide Selbstauslegung sich speiste. Und so öffnete er dem Blick der Geliebten noch eine weitere Kammer, im Bewusstsein, dass es am 2.September, kurz vor der Abreise und in einem Brief, der vielleicht für lange oder für immer der letzte sein würde, nicht richtig und nicht aufrichtig war, sich als ein Nichts zu verabschieden:

»Liebste, was Du mir sagst, sage ich fast ununterbrochen, die geringste Loslösung von Dir brennt mich, was zwischen uns zwei vorgeht wiederholt sich in mir viel ärger, vor Deinen Briefen, vor Deinen Bildern erliege ich. Und doch – Sieh, von den vier Menschen, die ich (ohne an Kraft und Umfassung mich ihnen nahe zu stellen) als meine eigentlichen Blutsverwandten fühle, von Grillparzer, Dostojewski, Kleist und Flaubert, hat nur Dostojewski geheiratet und vielleicht nur Kleist, als er sich im Gedränge äusserer und innerer Not am Wannsee erschoss, den richtigen Ausweg gefunden.« [335]  

Erneut beruft sich Kafka auf Präzedenzfälle, nicht anders als gegenüber den Vorhaltungen Brods. Jahre später hat er diese Strategie ausdrücklich verurteilt: Es sei »durchaus Knabenart«, derartige Vergleiche {373}anzustellen. [336]  Doch hier ist Kafka nicht auf der Höhe seiner selbst. Denn dies sind keine bloßen Vergleiche, und wenn er auch immer wieder der Gewohnheit erliegt, sich in fremden Lebensläufen Ratschläge für den eigenen zu holen – seine Gier nach Biographien ist notorisch –, so geht es doch bei der Auswahl gerade dieser Namen um etwas Grundlegenderes. Denn hier sucht Kafka Anschluss, er stellt sich in einen Kontext, einen Diskurs, er tut genau das, was große Gemeinschaften tun, die um ihre Identität kämpfen: Er schafft sich eine Tradition, eine Abstammungslinie, er koppelt die eigene, einzigartige Existenz an den Blutkreislauf der Historie. Kleist, Grillparzer, Kierkegaard, Flaubert und Dostojewski: sämtlich unglückliche Menschen, die wie er zerrissen waren zwischen Leben und Schreiben, Männer, die tatsächlich dort ausgeharrt hatten, wo Kafka erst hinwollte, »in der ewigen Hölle der wirklichen Schriftsteller« [337]  ; doch eben darum nicht Vorbilder, sondern Verwandte; und Kafka kein Nachahmer, sondern Nachfahre. Um Identität ging es, nichts weniger.


Leser kaufen Bücher, und Bücher sind es, die sie unterhalten. Was den Autor eigentlich bewegt, womit er sich identifiziert und mit welchen inneren und äußeren Mitteln er sich seinen Weg bahnt, tritt dahinter zurück und ist durchaus sekundär. Das alles will man erst wissen, wenn das Werk beeindruckt hat oder wenn der Autor avanciert ist. Berichte aus der Werkstatt eines ›unverkäuflichen‹ Schriftstellers interessieren niemanden.

Auch für Felice Bauer war Literatur zunächst einmal das, was sie auf der Theaterbühne oder in den Auslagen der Buchhandlungen erblickte. Sie war keine Kennerin, und vom Literaturbetrieb verstand sie wohl ebenso wenig wie von den formalen Problemen, deren Widerstand das Schreiben erst zum Handwerk macht. Sie wäre überfordert gewesen, hätte Kafka sie in diesen Dingen je um Rat gefragt, und sein absolutes literarisches Gehör war ihr gänzlich unerreichbar. Sie spürte diese Kluft, und einen Teil jener Verlegenheit, die sie vor seinen Texten empfand, übertrug sie auf ihn selbst. Wochen dauerte es, ehe sie sich mit BETRACHTUNG und mit dem URTEIL beschäftigte, und ihre Kommentare erschöpften sich dann überwiegend in Fragen. Zum HEIZER schließlich äußerte sie sich überhaupt nicht; jedenfalls findet sich weder in Kafkas Antwortbriefen noch in seinem Tagebuch irgendeine Spur davon.

Verständlicher wird diese Zurückhaltung, beobachtet man, wie empfindlich, ja ausgesprochen eifersüchtig Kafka reagierte, wenn sie die Namen zeitgenössischer Schriftsteller ins Spiel brachte. Binding, Eulenberg, Lasker-Schüler, Schnitzler: Es waren immer andere, doch gut begründete Aversionen, die Kafka hegte, und alles deutet darauf hin, dass er Felice nicht nur das Zusammentreffen mit Else Lasker-Schüler in Berlin verschwieg, sondern noch eine weitere Begegnung in Prag – nur, um weiteren neugierigen Fragen vorzubeugen. [338]  Die aggressive Energie, mit der er gerade die erfolgreichsten Autoren anging – im Hinblick auf das Werk Schnitzlers spricht er gar von »einer geradezu schwankenden Masse widerlichster Schreiberei« [339]  –, war ganz atypisch und für Felice Bauer eine Warnung, vorsichtig umzugehen mit literarischen Wertungen, vor allem mit solchen, die Kafkas eigene Kompetenz in Frage stellten.

Für ihn war der Schreibakt selbst der Fokus, um den das gesamte Planetensystem der Literatur sich wälzte, für sie hingegen zählte das Endprodukt, das man kaufen, in die Hand nehmen, durchblättern konnte. Sie hatte kein begründetes Urteil darüber, wie literarisch bedeutsam Kafkas Texte waren; doch sie wusste, dass ein Schriftsteller es nicht dabei belassen kann, am Schreibtisch einsame Orgien zu feiern; er muss publizieren, muss wahrnehmbar sein. War aber dieser Erwartungshorizont des ›Publikums‹ tatsächlich der ihre – und nichts deutet darauf hin, dass Felice von der intimen Not des Schreibens je eine realistische Vorstellung gewonnen hat –, dann zwingt sich förmlich die Frage auf, warum sie in einem Augenblick, da Kafka erstmals bereit schien, alles, selbst seine »Braut«, der Literatur zu opfern, nicht zumindest eine äußere Bilanz einforderte. Ich bin Literatur, hatte er geschrieben. Gut, hätte sie antworten können, wo sind Deine Werke?

»Franz Kafka ist denen, die die Entwicklung unserer besten jungen Dichter verfolgen, längst bekannt durch Novellen und Skizzen, die im ›Hyperion‹ und anderen Zeitschriften erschienen. Seine Eigenart, die ihn dichterische Arbeiten immer und immer wieder durchzufeilen zwingt, hielt ihn bisher von der Herausgabe von Büchern ab. Wir freuen uns das Erscheinen des ersten Werkes dieses feinen, kultivierten Geistes in unserem Verlage anzeigen zu können. Die Art der formal feingeschliffenen, inhaltlich tief empfundenen und durchdachten Betrachtungen, die dieser Band vereinigt, stellt Kafka vielleicht neben Robert Walser, von dem ihn doch wiederum in der dichterischen {375}Umgestaltung seelischer Erlebnisse tiefe Wesensunterschiede trennen. Ein Autor und ein Buch, dem allseitig größtes Interesse entgegengebracht wird.«

Dieser Text prangte am 18.November 1912 ganzseitig im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, eine Anzeige des Ernst Rowohlt Verlags, wenige Tage vor Auslieferung von BETRACHTUNG. Unüberhörbar die konventionelle, branchenübliche Beteuerung, der neue Autor sei durchaus kein Anfänger; und dass auf eine persönliche »Eigenart« ausdrücklich verwiesen wird, lässt vermuten, dass Brod auch hier wieder ein wenig mitformuliert hat.

Doch von einem »allseitig größten Interesse« konnte keine Rede sein. 800 Exemplare hatte Kurt Wolff drucken und von Hand nummerieren lassen, weniger als die Hälfte war nach einem Jahr verkauft. Sicher spielte hier auch die aufwendige Ausstattung eine unglückliche Rolle, denn der Preis von 4,50 Mark (und wem das noch zu wenig war, konnte 6,50 Mark für ›Halbleder‹ ausgeben) für ein Bändchen von 99 Seiten, mit mehr weißem als bedrucktem Papier, provozierte die Vorstellung eines poetischen Geschenkartikels, der nicht allseitige, sondern sehr spezielle Interessen bedient.

Es scheint, als habe Kurt Wolff erst unter dem Einfluss seiner Ratgeber Franz Werfel, Kurt Pinthus und Walter Hasenclever gelernt, zwischen Bibliophilie und Publikationsstrategie klar zu unterscheiden. So ging auch jene legendäre Buchreihe ›Der jüngste Tag‹, die sich als Plattform der neuesten Literatur schon bald etablieren sollte, keineswegs auf eine einsame Entscheidung des Verlegers zurück, sondern auf eine der zahllosen nächtlichen Lektoratskonferenzen in der Leipziger Centraltheater-Bar.

Natürlich war die Idee, preiswerte Bücher in Serie und unter einem gemeinsamen Obertitel herauszugeben, alles andere als originell. Reclams Universal-Bibliothek hatte die Rentabilität der billigen Serie längst erwiesen (erst recht, seit man sie aus Bahnhofsautomaten ziehen konnte), und der ungeheure Erfolg der im Jahr zuvor begründeten und in Leipzig neidvoll beäugten Insel-Bücherei zeigte, dass man mit ansprechender Ausstattung auch den ›Ullstein-Büchern‹ mit ihrem Ramsch- und Dumping-Image durchaus Paroli bieten konnte. Mehr als 400 Buchreihen existierten auf dem deutschsprachigen Markt, und deren verkaufsstrategische Absicht lag auf der Hand: Hatte der Leser erst einmal an einigen Bänden Gefallen gefunden, dann {376}ließ er sich über die assoziative Schiene des Reihentitels auch zu Autoren führen, deren Namen ihm noch gar nichts sagten, und im günstigsten Fall fing er an, die Reihe zu sammeln (vor allem, wenn er die Möglichkeit zum Abonnement hatte). Die Kritiker wiederum sahen sich genötigt, das Gesamtprojekt zu würdigen, wodurch auch schwächere Titel gute Aussichten hatten, ›durchgewinkt‹ zu werden.

Noch kein Verlag freilich hatte es gewagt, eine derartige Reihe ausschließlich auf Originalausgaben neuester Literatur zu gründen, unter bewusstem Verzicht auf die Zugkraft prominenter Namen. Denn damit war ja die Verkaufslogik durchkreuzt, die darauf baute, dass das Neue, Unbekannte seine Chancen vervielfacht, wenn es unter dem Schutzschirm einer wiedererkennbaren Größe auftritt. Doch Wolffs Lektoren verfielen auf eine andere Idee: Die Neuheit selbst, das Neueste und Jüngste als das unbedingt Bessere, sollte als zentrales Argument herausgestellt werden. Und schon der Titel der Reihe sollte wie der Fanfarenstoß einer neuen Epoche wirken, oder einer Revolution, zumindest.

Heute erscheint jener Coup im Licht einer gewissen historischen Ironie. Denn er bedeutete zunächst einmal einen Akt vorauseilender Modernisierung. Den Begriff ›neu‹ umgab ja zu Beginn des Jahrhunderts eine Aura von Assoziationen, die keineswegs nur gute Gefühle weckten, und noch fern waren die Zeiten, da jeder Hersteller von Waschpulver, dem nichts Neues mehr einfällt, seinen Produkten das Etikett ›NEU!‹ aufklebt. Damals dominierte, ganz im Gegenteil, auf allen Inseratseiten das ›millionenfach Bewährte‹, und von einem wirklich neuen Produkt verlangte man (pseudo)wissenschaftliche Referenzen, ehe man überzeugt war, dass es zum unvermeidlichen Fortschritt gehöre. Neuheit um ihrer selbst willen – und ausgerechnet bei Kulturgütern – war eine noch gewissermaßen freche, unverbrauchte Verkaufsidee, die Kurt Wolff, nachdem ihre Durchschlagskraft erst einmal erwiesen war, noch jahrelang forcierte: ›Der Neue Roman‹, ›Neue Geschichtenbücher‹, ›Der Jüngste Tag (Sammlung neuer Dichtungen)‹, ›Die neue Lyrik‹, ›Neue Dramen‹ – so lauteten die Rubriken im Verlagsverzeichnis des Jahres 1917; und als Wolff bald darauf auch noch einen Verlag für Sachbücher gründete, war das zugehörige Label rasch gefunden: ›Der Neue Geist‹. Selbst das Ende seiner verlegerischen Laufbahn in Deutschland sah Wolff noch unter demselben Motto wie deren Beginn, nur dass er 1930 sich genötigt fand, ein Minuszeichen {377}zu setzen: »Warum aufgehört: da war nix mehr Neues sichtbar«, lautet eine Notiz, die sich in seinem Nachlass fand.

Die wahre Ironie aber bestand darin, dass das Wolffsche Lektorat (Durchschnittsalter: 23 Jahre) tatsächlich an die Überlegenheit einer absolut neuen Literatur glaubte – ohne einen Gedanken daran, dass damit alles Neue verurteilt war, schon morgen vom Neuesten überholt zu werden. Sie wollten Avantgarde sein, doch ohne den Zwang zur fortwährenden Selbstüberbietung, den dieser Begriff unweigerlich mit sich führt. Literatur als entfesselte Expression, lautete stattdessen die Devise; Poesie als permanente, absichtslose, gleichsam unschuldigsomatische Lebensäußerung. Vor allem Werfel mit seiner noch beinahe kindlichen Lust am Hervorbringen projizierte umstandslos die eigene Exaltation in den Himmel einer künftigen Dichtung. Ohne jede taktische Zurückhaltung verfasste er unter der Überschrift ›Der Jüngste Tag. Neue Dichtungen‹ einen geradezu dröhnenden Verlagsprospekt, bei dessen Lektüre sich die Buchhändler die Augen rieben: »Der neue Dichter« wurde hier proklamiert, einer, der »von vorn anfangen« werde. Für ihn gebe es »keine Reminiszenz, denn er, wie kein anderer, wird fühlen, wie wesenlos die Retrospektive auf die Literatur ist«. Und der Text schließt mit der Forderung: »Die Welt fängt in jeder Sekunde neu an – laßt uns die Literatur vergessen!!« [340]  

Derartige Saltos und Visionen zu tolerieren dürfte Wolff, der von einer eher ästhetizistischen, von Stefan George getönten Liebe zur Literatur bewegt war, nicht leicht gefallen sein. Er war klug genug, sich die letzte Entscheidung über jedes einzelne Manuskript vorzubehalten; aber er war auch stark genug, dem Experiment seinen Lauf zu lassen – wenngleich er sich natürlich fragen musste, wo denn all die neuen Dichter eigentlich herkommen sollten. Den ewig sorglosen Werfel drückte das nicht; er verließ sich auf seine Freunde in den literarischen Milieus von Prag und Berlin, und er verließ sich darauf, dass man im wuchernden Dschungel deutschsprachiger Literaturblätter schon fündig werden würde. Darauf warten freilich wollte er nicht: Es sollte losgehen, jetzt, sofort.


Kafka schätzte das aus Freundlichkeit und höflicher Distanz wohlkomponierte Auftreten Wolffs, und um Felice zu demonstrieren, einen wie »liebenswürdigen Verleger« er habe (und wohl auch, dass er überhaupt einen Verleger hatte), zeigte er ihr einen seiner Briefe. »Er {378}ist ein wunderschöner etwa 25 jähriger Mensch, dem Gott eine schöne Frau, einige Millionen Mark, Lust zum Verlagsgeschäft und wenig Verlegersinn gegeben hat.« [341]  

›Der jüngste Tag‹ gefiel Kafka offenbar weniger. Schon den Titel fand er komisch in seiner Überlagerung von Reklame und Metaphysik, und dass hier von jedem Autor nur eine schmale Kostprobe geboten werden sollte – ähnlich einer Serie von Flugschriften –, machte das Unternehmen weniger repräsentativ, als er es sich für die eigenen Werke gewünscht hätte. Er war wohl einer der Ersten, die die Neuigkeit erfahren hatten, spätestens im März, bei seinem kurzen Zwischenhalt in Leipzig. Ja, DER HEIZER, das erste Kapitel seines gescheiterten Romans, sei für eine separate Veröffentlichung vielleicht geeignet, hatte er gegenüber dem Verleger eingeräumt. Und Wolff hatte, nach der Lektüre des Manuskripts wenige Tage später, sofort zugegriffen: Er bot Kafka eine Veröffentlichung im ›Jüngsten Tag‹ an, gegen ein bescheidenes Honorar von 100 Kronen, und versprach, der Satz könne sofort beginnen.

Wolff hatte Glück, dass der sonst so bedenkenschwere Kafka, dem auch Brod wegen des HEIZERS seit langem in den Ohren lag, offenbar seinen Entschluss schon gefasst hatte. Allerdings stellte er, mit ungewohnter Bestimmtheit, eine Bedingung:

»›Der Heizer‹, ›die Verwandlung‹ (die 1½ mal so gross wie der Heizer ist) und das ›Urteil‹ gehören äusserlich und innerlich zusammen, es besteht zwischen ihnen eine offenbare und noch mehr eine geheime Verbindung, auf deren Darstellung durch Zusammenfassung in einem etwa ›Die Söhne‹ betite ten Buch ich nicht verzichten möchte. Wäre es nun möglich, dass ›der Heizer‹ abgesehen von der Veröffentlichung im ›Jüngsten Tag‹ später in einer beliebigen, ganz in Ihr Gutdünken gestellten, aber absehbaren Zeit mit den andern zwei Geschichten verbunden in ein eigenes Buch aufgenommen wird und wäre es möglich eine Formulierung dieses Versprechens in den jetzigen Vertrag über den ›Heizer‹ aufzunehmen? Mir liegt eben an der Einheit der drei Geschichten nicht weniger als an der Einheit einer von ihnen.« [342]  

Das war nicht eben wenig verlangt. Denn gerade die umfangreichste Erzählung, DIE VERWANDLUNG, war ja für Wolff noch immer ein bloßes Gerücht, und obwohl er Kafka schon zu verstehen gegeben hatte, dass er bereit war, das Werk notfalls auch in der Handschrift zu lesen, ging dieser mit keinem Wort darauf ein, wann mit dem Text endlich zu rechnen sei. Dennoch, Wolff kaufte, ›ohne Ansicht der {379}Ware‹. Und er hatte kaum eine andere Wahl. Denn die Dringlichkeit der vertraglichen Angebote und das Eiltempo, das der Verlag jetzt vorlegte, hatten durchaus profane Gründe: Nur noch Wochen waren es bis zum geplanten Start der Reihe, und noch immer war man auf der Suche nach Manuskripten und ›neuen Dichtern‹. Kafka wusste von diesem Dilemma – kein Wunder, dass ihm das Unternehmen einen eher windigen Eindruck machte. [343]  

Tatsächlich hatte sich der Optimismus Werfels als voreilig erwiesen, und als Ende Mai 1913 die ersten sechs Bände des ›Jüngsten Tages‹ endlich erschienen – zu je 80 Pfennig, dem vierfachen Preis eines Reclamhefts –, da zeigte sich, dass Wolff nicht gerade aus dem Vollen schöpfte, vorläufig. Der Beraterstab hatte sogar, um das Programm zu füllen, mit Eigenproduktionen aushelfen müssen: Ein alles andere als poetischer Dialog Werfels, DIE VERSUCHUNG, erhielt die Bandnummer eins, und in einem oratorienartigen Text Hasenclevers (DAS UNENDLICHE GESPRÄCH, zehn Druckseiten lang) treten gar die Lektoren selbst auf, überraschenderweise in einer Leipziger Nachtbar. Das war wohl eher ein Spaß für Insider. Emmy Hennings, die Gefährtin Hugo Balls, hatte einige Gedichte eingesandt, die zusammen ein Heftchen von sechzehn Seiten ergaben. Georg Trakl hingegen war entrüstet, als er hörte, dass aus seinem ersten, vertraglich bereits vereinbarten Gedichtband zunächst eine Auswahl im ›Jüngsten Tag‹ erscheinen sollte, und drohte mit Kündigung. Und so blieb Wolff tatsächlich nichts anderes übrig, als neben Kafkas HEIZER – der dieses fragwürdige Umfeld nun wirklich turmhoch überragte – auch noch zwei schwächere Arbeiten von Ferdinand Hardekopf und Carl Ehrenstein zu stellen.

Der frohgemute Werfel hingegen sollte doch noch Recht bekommen – ein wenig anders allerdings, als er es sich gedacht hatte. Denn kaum hatte sich herumgesprochen, dass der Kurt Wolff Verlag berufenen, jedoch bislang unveröffentlichten Dichtern die Tore öffnete, wurde er heimgesucht von einer Flut von Manuskripten. Die durfte nun Werfel, als Richter des ›Jüngsten Tages‹, schwitzend abarbeiten. Während Kurt Wolff mit seiner schönen Frau für einige Wochen nach Paris fuhr, zur Erholung.


Kafka wollte jetzt publizieren, und es war hohe Zeit. Oft genug, und seit Jahren schon, hatte Brod ihm Vorhaltungen darüber gemacht, dass er seine Manuskripte verstecke und den Ruhm, der zum Greifen nahe {380}war, als Chance gar nicht wahrnehme. Und er hatte Recht: Die Literatur war der Königsweg, der aus dem quälenden Angestelltendasein vielleicht hinausführte. Brod vergaß nur, dass er selbst nicht eben das überzeugendste Vorbild lieferte. Er, der mittlerweile fünfzehn Bücher und mehr als 500 kleinere Texte, Gedichte, Rezensionen veröffentlicht hatte – er verbrachte nach wie vor sechs Stunden täglich als Konceptsbeamter in der Prager Hauptpost und musste dabei noch hinnehmen, dass in seinem neu gegründeten Ehehaushalt unentwegt von Geld gesprochen wurde. Ja, Brod sah sich gar genötigt, den Ehestand als Argument anzuführen, wenn er um besonders üppige Honorare bat. [344]  Dabei mangelte es ihm keineswegs an Beziehungen, längst war er – anders als der von ihm verehrte Hugo Salus – über den Rang einer Prager Lokalgröße hinausgelangt und genoss beträchtliches Ansehen in der fortgeschrittensten Literaturszene Berlins. Die Aktion druckte, was Brod einreichte, und selbst noch Ende 1914, als die frühexpressionistische Begeisterung an SCHLOSS NORNEPYGGE längst abgeklungen war und man Brods gänzlich apolitische Haltung nur noch mit Kopfschütteln registrierte, hieß es in einer Liste von Buchempfehlungen lakonisch: »alles von Brod«. [345]  Während Kafka überhaupt nicht erwähnt wurde.

Doch Brod war als Autor in einen eigentümlichen Schwebezustand geraten. Er war ehrgeizig, korrespondierte mit aller Welt, berieselte förmlich die Literaturredaktionen mit Manuskripten, doch vergebens streckte er sich nach jenem Grad an öffentlicher Aufmerksamkeit, der den Absprung in eine ganztägig literarische Existenz (nebst einer weichen Landung) ermöglicht hätte. Fuhr er in eine deutsche Stadt, so konnte er sicher sein, dort seinen ARNOLD BEER im Schaufenster irgendeiner Buchhandlung zu finden. Doch mit der Schubkraft eines großen, etablierten Verlags wie etwa S. Fischer an die Seite Thomas Manns und Gerhart Hauptmanns gestellt zu werden, daran war nicht zu denken. Nicht einmal ein Literaturpreis war in Sicht, obwohl er keine Skrupel hatte, sich als Anwärter selbst vorzuschlagen – etwa gegenüber Richard Dehmel, dem Initiator des Kleist-Preises. Es fehle ihm »weniger an Anerkennung als an Wirkung«, klagte Brod. »Obwohl mein erstes Buch vor sieben Jahren erschien, bin ich durchaus in der Lage des Anfängers.« [346]  Aber auch dieser Notruf blieb ohne Wirkung.

Für Kafka, der Brods verbissene Anläufe aus unmittelbarer Nähe {381}verfolgte, war hier nicht viel Hoffnung zu gewinnen: Wenn schon Max nicht wagte, dem verhassten Büro endlich zu kündigen … Zu schweigen von Oskar Baum, dem wohl Klavierstunden bis ans Ende seines Lebens bevorstanden. Da war keine Hilfe, am allerwenigsten in Österreich, wo Autorenrechte herrenloses Treibgut waren, während der reichsdeutsche Literaturbetrieb samt seinen Revierkämpfen, Kritikereitelkeiten und kurzlebigen Hysterien vom Gesetz des survival of the fittest beherrscht war. Bislang hatte Kafka, anders als Brod, jenen Betrieb mit eher amüsiertem als gespanntem Interesse beobachtet; ihm genügte es, einen beiläufigen Überblick zu behalten, und dafür war ja gesorgt. Immerhin aber wusste er, dass materieller Erfolg entweder auf den großen Theaterbühnen zu holen war oder aber mittels eines Coups, wie ihn die BUDDENBROOKS vorexerziert hatten und wie ihn eben jetzt Bernhard Kellermann mit seinem Science-fiction-Roman DER TUNNEL zu wiederholen schien. Der große Roman war es, auf den alle warteten, der große Roman allein war der Schlüssel, der ins Freie führte. Kafka aber hatte seinen großen Roman verworfen, da half alles Zureden der Freunde nichts. Brod nötigte ihn zum Vorlesen, riss ihm endlich das Manuskript des VERSCHOLLENEN aus der Hand, las selbst mit Begeisterung – doch Kafka schimpfte nur, schimpfte auf die eigene Unfähigkeit, wie man es noch nie von ihm gehört hatte.

Was war zu tun? Die zweitbeste Lösung war, wie jeder ›aufstrebende‹ Autor wusste, ein Band mit Erzählungen. Kafka tat das strategisch Richtige, den Augenblick zu nutzen und diesen Band von Wolff einzufordern. Und er wird froh gewesen sein, die Rolle des selbstbewussten Dichters wenigstens dieses eine Mal überzeugend gespielt zu haben. Denn spätestens, als er Ende Mai den gedruckten HEIZER in Händen hielt, wurde ihm klar, dass auch dieses Bändchen über einen Kreis von Literaturbeflissenen kaum hinausgelangen würde. Er fand den Einband hässlich und die von Werfel eigenmächtig eingefügte Illustration gänzlich unpassend. Dennoch empfand er Stolz, als das erste Exemplar seiner zweiten Buchveröffentlichung eintraf, und noch am selben Abend las er den HEIZER sogar den Eltern vor, ohne sich um die finstere Miene des Vaters weiter zu kümmern.

Nun aber hieß es, sich in Geduld zu fassen. Wolff hatte eiligst zugesagt, den Band DIE SÖHNE irgendwann zu verwirklichen, doch er hatte vermieden, sich auf einen Zeitpunkt festzulegen, und diese Vorsicht {382}war nicht unbegründet. Denn auch die zweite der von Kafka vorgeschlagenen Erzählungen, DAS URTEIL, war ja seit langem für eine andere Publikation bestimmt, nämlich für den von Brod herausgegebenen Sammelband ARKADIA. Dieses ›Jahrbuch für Dichtkunst‹ ging auf einen der zahllosen Vorschläge zurück, mit denen Brod im Sommer 1912 Rowohlt und Wolff bestürmt hatte, und die noch wenig erfahrenen Verleger waren darauf eingegangen, wohl in der Hoffnung, damit eine Art noblen Verlagsalmanach zu begründen. Sie ließen Brod freie Hand, der ging mit Elan ans Werk und hatte nicht nur das Programm, sondern auch die Zusagen der Beiträger in kürzester Frist beisammen. Schon die Einladung zum ›Prager Autorenabend‹ im Dezember war formuliert, als würde dort aus dem fertigen Jahrbuch vorgelesen, und tatsächlich wäre die Publikation schon Ende 1912, kurz nach dem Erscheinen von Kafkas BETRACHTUNG, praktisch durchaus möglich gewesen. Doch Wolff, der sich mittlerweile von Rowohlt getrennt hatte, schien es wenig opportun, gleich den ersten Almanach unter ›falschem‹ Impressum erscheinen zu lassen; lieber wollte er abwarten, bis die Umbenennung in ›Kurt Wolff Verlag‹ offiziell vollzogen war. Und so kam es, dass ARKADIA – und damit auch Kafkas URTEIL – erst im Mai 1913 erschien, fast gleichzeitig mit den ersten Bänden des ›Jüngsten Tages‹.

Brods ARKADIA, heute eine bibliophile Seltenheit, ist eines der sonderbarsten Erzeugnisse des beginnenden ›expressionistischen‹ Jahrzehnts. Durchläuft man das Inhaltsverzeichnis, so gewinnt man den Eindruck, dass der Herausgeber einen Blick gehabt haben muss für die formalen Facetten einer sich formierenden Moderne, die sich der eigenen Maßstäbe noch keineswegs sicher war: Werfel, Blei, Kafka, Stoessl, Heimann, Wolfenstein, Tucholsky, die Brüder Janowitz; und mit gleich drei Beiträgen der noch beinahe unbekannte Robert Walser. Liest man hingegen das Vorwort, so stößt man auf Vokabeln, die eher ein neues literarisches Biedermeier annoncieren: »Unser Jahrbuch ist ein Versuch, ausschließlich und in Reinheit die dichterisch-gestaltenden Kräfte der Zeit … wirken zu lassen«, heißt es. In Reinheit, das hieß für Brod ausdrücklich: keine Satire, keine Literaturkritik, keine Politik, nichts Essayistisches. Vielmehr: hohe ästhetische »Gestaltungen«, welche die beteiligten Autoren zu einer »unsichtbaren Kirche« zusammenschließen sollten. Und gegenüber Dehmel wurde Brod noch deutlicher: »Das Maßvolle, Feste, Nichtvordringliche und im {383}verborgenen Kern Ruhend-Kunstvoll-Selige sollte meiner Ansicht [nach] im Jahrbuch ›Arkadia‹ versammelt werden.«

Dass hier etwas nicht stimmte, vermerkte schon die zeitgenössische Kritik. Eine unsichtbare Kirche? Schon die äußere Gestaltung des Bandes legte Assoziationen nahe, die mit Aufbruch und Erhebung einer vorgeblich jüngsten Dichtung nichts gemein hatten: eine nackte, schlafende Frau, daneben ein mit Künstlerschleife und ausgestrecktem Arm deklamierender Dichter – reinster Kitsch, den der in Schreibschrift sich darüber schwingende Titel Arkadia noch wirkungsvoll verdoppelte: »so wurden bisher nur Weinstuben genannt«, kommentierte Kafka. [347]  Der wieder einmal missverstandene Brod verteidigte sich: »Das Arkadien der Dichter ist nicht von der Ruhe menschlichen Behagens erfüllt, sondern von einer überirdischen Ruhe, vor der die lautesten Menschenschreie verstummen, von der Ruhe des ewig Einen und Richtigen.« [348]  Doch spätestens mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das ewig Richtige obsolet, und Jahrzehnte später, in seinen Erinnerungen, musste Brod einräumen, dass Anspruch, Form und Inhalt seines Sammelbandes geradezu grotesk auseinander fielen: »Die Zahl der Morde, Selbstmorde und Wahnsinnsszenen, die sich in meinem Arkadien zusammenfanden (meine eigene Erzählung ›Notwehr‹ miteingeschlossen), war erstaunlich. Ich mußte mich über das, was einlief, recht sehr wundern. Es war wie Wetterleuchten.« [349]  

Ein Leuchten im Verborgenen freilich, denn das neue Jahrbuch blieb erfolglos. Niemand kaufte ARKADIA. Und was für Brod noch schlimmer war: Sein Verleger verabschiedete sich von diesem Projekt offenbar leichtesten Herzens. Er hatte bald begriffen, dass ein beinahe klassizistisch sich gebendes Luxusprodukt nicht ein Unternehmen repräsentieren konnte, das seine Schätze zur selben Zeit als Heftchen des ›Jüngsten Tages‹ ausbreitete. Vom Almanach eines so jugendlich auftretenden Verlags wurde anderes erwartet – wie sich schon ein halbes Jahr später erweisen sollte, als das aus Verlagsverzeichnis, Erstdrucken, Kritikerstimmen und Abbildungen zusammengestellte und für nur 60 Pfennig offerierte BUNTE BUCH ein beinahe sensationeller Erfolg wurde und den Namen Kurt Wolff erstmals flächendeckend popularisierte.


»Heute mittag«, klagte Kafka, »hätte ich ein Loch gebraucht, um mich darin zu verstecken«. [350]  Es hätte wenig geholfen. Denn eine Lobeshymne {384}klang ihm schrill in den Ohren, abgedruckt in der kulturellen Wochenschrift März, verfasst von seinem Freund Max Brod. Der wusste wohl, warum er Kafka damit lieber überraschen wollte, und er war, ohne ihm einen Blick in das Manuskript zu gönnen, abgereist in die Flitterwochen. Eine wahrlich gelungene Überraschung.

»Ich könnte mir sehr gut einen denken, dem dieses Buch in die Hand fällt (›Betrachtung‹ von Franz Kafka, Verlag Ernst Rowohlt) und der von Stund an sein ganzes Leben ändert, ein neuer Mensch wird. Eine solche Unbedingtheit und süße Kraft dringt aus diesen wenigen kurzen Prosastücken. […] alle, die Franz Kafka persönlich kennen, den zurückhaltenden, ins Allerfeinste durchgearbeiteten Menschen, werden bestätigen, was ich hier schreibe: Sein Charakteristikum ist, daß er lieber gar nichts will als das Bedingte oder Mangelhafte. Dieser äußerste herzerhebende ungewollte Rigorosismus beeinflußt jede seiner Lebenstätigkeiten. Wo er nicht die Vollkommenheit, das ekstatischeste Glück erreichen kann, verzichtet er ganz. So hat er sich eine Lebensweise und Denkart gebildet, die, ganz geoffenbart, den Ungläubigsten erschüttern muß. In unserer Zeit der Kompromisse wirkt da im stillen, im tiefen eine Macht von mittelalterlicher Innigkeit, von einer neuen Moral und Religiosität […] Es ist die Liebe zum Göttlichen, zum Absoluten, die aus jeder Zeile spricht. Und mit einer solchen Selbstverständlichkeit, daß an diese grundlegende Moral gar kein Wort mehr verschwendet wird: worin sich dieses Buch mit bedeutsamem Ernst von der Masse essayistischer oder erbaulicher Marktschriften abhebt. Nein, hier ist die mystische Versunkenheit in das Ideal endlich einmal erlebt, daher unausgesprochen, und auf ihrer Hochfläche baut sich nun mit scheinbar spielender Leichtigkeit ein neues Pathos, ein neuer Humor, eine neue Melancholie auf.« [351]  

Hätte es irgend in Kafkas Macht gestanden, diesen Unfug zu unterdrücken: Er hätte alles darangesetzt. Und Brod wusste das, zweifellos. Längst waren ihm Kafkas Widerstände so geläufig, dass er gleichsam routinemäßig dagegenhielt: Wäre denn BETRACHTUNG je erschienen, wenn er, Max Brod, sich über die chronischen Bedenklichkeiten und den »Rigorosismus« des Freundes nicht hinweggesetzt hätte? Gewiss nicht. Selbst die Liste möglicher Rezensenten hatte Brod eigenhändig zusammengestellt. Doch es war zweierlei, ein Buch öffentlich zu einem Neuesten Testament zu erklären oder dem Verfasser selbst die Kutte des Propheten überzustreifen. Brod hatte eine Spielregel der Kritik verletzt, und zu Recht fühlte Kafka sich bloßgestellt: »Er lobt ja nicht eigentlich mein Buch, dieses Buch liegt ja vor, das Urteil wäre nachzuprüfen, wenn einer Lust dazu haben sollte; {385}aber er lobt vor allem mich und das ist das Lächerlichste von allem. Wo bin ich denn? Wer kann mich nachprüfen?« [352]  

Und wer ist dazu autorisiert? – hätte er hinzufügen können. Eine Geste der Abwehr, die so ›typisch‹ für Kafka anmutet, dass die falschen Schlussfolgerungen sich gleichsam von selbst einstellen. Denn dass ihm an öffentlicher Resonanz nicht gelegen war, dass er unempfindlich war gegen Lob wie Kritik, ist bloßes Ondit. Seit die Tagebücher und Briefe vorliegen, seit Jahrzehnten also, wissen wir es besser: Nicht nur war er meist auf dem Laufenden darüber, wo seine Veröffentlichungen besprochen wurden, er bat auch wiederholt darum – sei es Felice, sei es den Verlag –, ihm die entsprechenden Artikel, von denen er gehört hatte, im Original zu verschaffen. Und eine Sammlung von Rezensionen, die sich in Kafkas Nachlass fand, lässt gar vermuten, dass er während des Krieges einen Sammeldienst für Zeitungsausschnitte beauftragte, damit ihm nur ja nichts entging.

Bezeichnenderweise aber interessierten ihn vor allem die Reaktionen von Lesern, die ihm persönlich fern standen, auf die allein der literarische Text wirkte. Darum auch traf ihn das makabre Fehlurteil Otto Stoessls, der aus BETRACHTUNG einen »Humor der eigenen guten Verfassung« herauszulesen meinte, am härtesten. Da hatte der Berliner Kritiker Paul Friedrich, der über die Lebensumstände Kafkas wohl ebenso wenig unterrichtet war, einen schon viel genaueren Blick: Er sprach von »Junggesellenkunst«, ein Begriff, der Kafka förmlich auf der Zunge zerging. Und als sich der junge Literat Heinrich Eduard Jacob von der Prosa des HEIZERS »wie von einem Wunder getroffen« fand und Kafkas Namen gar über den von Thomas Mann stellte, da gönnte sich der Bescheidene einen Augenblick der Genugtuung: »Es kitzelt einen von oben bis unten«, gestand er Felice. [353]  

Alle Kritiken waren wohlwollend, einige begeistert, an Ermutigung fehlte es Kafka nicht, die Namen Kleist, Dickens und Walser leuchteten neben dem seinen. Freilich hatte er sich damit abzufinden, dass es in der Mehrzahl nähere oder entferntere Bekannte waren, die sich um sein Werk bemühten, neben Brod vor allem Otto Pick, der Lyriker Camill Hoffmann und der erst 22-jährige, aber erstaunlich objektive und hellsichtige Prager Zionist Hans Kohn. Das war nichts Ungewöhnliches zu einer Zeit ausgeprägter literarischer Gruppierungen, auf deren strategische Solidarität die ›jüngste‹ Dichtung angewiesen war – entgegen allen Beteuerungen, mit denen sich gerade der Kurt {386}Wolff Verlag von etablierten Gruppen fernzuhalten gedachte. Kafka immerhin konnte sicher sein, dass es sich nicht um bloße Gefälligkeitsgutachten handelte, und so war er dankbar für jede freundliche Empfehlung, ohne deren Einfluss im Geringsten zu überschätzen. Die Entgleisung Brods jedoch zwang ihn zum ersten Mal, die unheilvolle Überlagerung von menschlicher Nähe und literarischem Urteil zu überdenken, und das hieß: an eine sehr empfindliche Stelle zu rühren.

»Weil eben die Freundschaft die er für mich fühlt im Menschlichsten, noch weit unter dem Beginn der Litteratur, ihre Wurzel hat und daher schon mächtig ist, ehe die Litteratur nur zu Athem kommt, überschätzt er mich in einer solchen Weise, die mich beschämt und eitel und hochmütig macht, während er natürlich bei seiner Kunsterfahrung und eigenen Kraft das wahre Urteil, das nichts als Urteil ist, geradezu um sich gelagert hat. Trotzdem schreibt er so. Wenn ich selbst arbeiten würde, im Fluss der Arbeit wäre und von ihr getragen, ich müsste mir über die Besprechung keine Gedanken machen, ich könnte Max in Gedanken für seine Liebe küssen und die Besprechung selbst würde mich gar nicht berühren! So aber – Und das Schreckliche ist, dass ich mir sagen muss, dass ich zu Maxens Arbeiten nicht anders stehe als er zu den meinen, nur dass ich mir dessen manchmal bewusst bin, er dagegen nie.« [354]  

Nicht einmal im Tagebuch, nicht einmal nach der gescheiterten Zusammenarbeit an RICHARD UND SAMUEL hatte Kafka sich so weit vorgewagt: Gerade hier, wo eine Leben spendende Freundschaft auf dem Spiel stand, verspürte er nur selten ein ›Bedürfnis nach Zergliederung‹. Es ist ein Gradmesser des Schocks, unter dem er stand, dass Kafka ausgerechnet in einem Brief an Felice (wo er mit Missverständnissen und Indiskretionen rechnen musste) sich eingestand, dass es ›wahre‹ Urteile über Brods literarische Werke gab, die er ›besaß‹, aber nicht aussprechen, ja vielleicht nicht einmal sich bewusst machen konnte.

Auch Brod selbst bekam nach seiner Rückkehr offenbar Worte von ungewohnter Deutlichkeit zu hören. Denn in einer weiteren Rezension von BETRACHTUNG, die er einige Monate später in der Neuen Rundschau veröffentlichte, verzichtete er auf jegliches Argument ad hominem, ja, er mied sogar die pseudoreligiösen Vokabeln, mit denen er seinen Enthusiasmus sonst so gern kolorierte. Stattdessen konzentrierte er sich ganz auf Kafkas »Geschlossenheit des Stils«, die er der »Leichtigkeit« des scheinbar so nah verwandten Robert Walser gegenüberstellte. [355]  Das muss Kafka gefallen haben, und es bedurfte wohl keiner Diskussion darüber, dass allein diese Besprechung Brods in {387}Frage kam, um im BUNTEN BUCH des Kurt Wolff Verlags für Werbung zu sorgen. So hatte er die Legende vom Heiligen Franz noch einmal ersticken können. Leider nicht für immer.


»Elf Bücher wurden bei André abgesetzt«, verriet Kafka lächelnd. »Zehn habe ich selbst gekauft. Ich möchte nur wissen, wer das elfte hat.« Er liebte solche Übertreibungen, und schon Rudolf Fuchs, der den Ausspruch festhielt, wusste nicht, was er davon halten sollte. [356]  

Es ist nicht eben leicht, ein zutreffendes Bild von der frühen Rezeption Kafkas zu gewinnen, und die Frage nach seiner objektiven Situation als Schriftsteller hat niemals entfernt dasselbe Interesse erweckt wie die Psychologie seines Schreibens. Keinesfalls genügt der bloße Verweis auf magere Verkaufsziffern. Denn jener innere Kreis literarisch urteilsfähiger Leser, die bereit waren, sich auch auf Unbekanntes, Unausgewiesenes einzulassen, umfasste selbst in der kulturell aufgeheizten Vorkriegsepoche Deutschlands und Österreichs keine 10 000 Menschen – nicht entscheidend mehr als heute. Dazu kommt, dass sich in den Erinnerungen der Zeitzeugen die Zurückgezogenheit Kafkas und seine völlige literarisch-journalistische Abstinenz überlagert hat mit der Vorstellung eines ›unsichtbaren‹ Autors, eines ›Geheimtipps‹. Selbst Kurt Wolff dürfte dieser Verkennung zum Opfer gefallen sein, als er rückblickend versicherte, »daß alles, was von Kafka zu Lebzeiten überhaupt veröffentlicht wurde, unter Ausschluß der Öffentlichkeit erschien«. [357]  Das ist richtig allenfalls vor dem Hintergrund jener blendenden Helligkeit, in welche die Figur Kafkas nach seinem Tod getaucht wurde. Schon DER HEIZER aber brachte es auf immerhin drei Auflagen, eine Zahl, die von keinem anderen Autor des ›Jüngsten Tages‹ übertroffen wurde, obwohl diese Reihe sich nach dem überstürzten Beginn tatsächlich zu einem erstaunlichen Panorama expressiver Dichtung entwickelte: Georg Trakl, Carl Sternheim, René Schickele, Gottfried Benn, Oskar Kokoschka – nicht die schlechteste Empfehlung für einen Autor, der so wenig Aufhebens von sich selbst machte.

Nein, Kafka war keineswegs unsichtbar. Aber man riss sich auch nicht um ihn. Dass seine Texte eigentümlich stille, opake Gebilde waren und wenig zu tun hatten mit dem Lärm, den die ›jüngste Dichtung‹ um sich verbreitete, entging schon 1913 keinem aufmerksamen Leser; aber noch längst waren diese Texte nicht sakrosankt, und Kafka {388}hatte keineswegs die Gewissheit, dass für alles, was er vollendete, ein angemessener Ort der Publikation sich finden werde. Selbst Kurt Wolff (der sich freilich später nicht mehr daran erinnerte) verzichtete auf einen frühen Text Kafkas: DIE AEROPLANE IN BRESCIA. Diese Reportage – so war verabredet worden – sollte in Max Brods Essayband ÜBER DIE SCHÖNHEIT HÄSSLICHER BILDER als Gastbeitrag erscheinen. Die Aufsätze waren gesetzt, der Druck der Korrekturbögen hatte bereits begonnen, da entschloss sich Wolff, dem der Umfang des Buchs missfiel, Kafkas Beitrag wieder herauszunehmen. Danach verschwanden DIE AEROPLANE in Brods Schublade.

Zu Recht hat Wolff die eigentümliche double-bind-Situation hervorgehoben, in die Kafka jeden versetzte, der sich um seine Texte bemühte. Er wollte publizieren, aber nicht hervortreten. Die Texte sollten ins Licht, ihr Schöpfer hingegen liebte das Dunkel. »Du bist zu sichtbar«, warf er Brod einmal vor – eine bezeichnende Projektion seines eigenen Zwiespalts, der jedoch, im Gegensatz zu dem äußeren Eindruck, den Kafka hinterließ, keineswegs in bloßer Schüchternheit gründete. Es waren seine Texte selbst, die jenes double bind unvermeidlich aus sich hervortrieben. Denn einerseits folgte Kafka einem immer stärker sich ausprägenden Formbewusstsein, das nur das Notwendige, das Unbedingte, das In-sich-Geschlossene gelten ließ und alle behelfsmäßigen Tricks und ›Konstruktionen‹ ebenso ablehnte wie den Sprachrausch der Expressionisten. Andererseits aber waren seine Texte ›Intimitäten‹, sie wurzelten im psychisch Innersten, spiegelten Erfahrungen wider, die er nicht in Briefen, nicht im Gespräch, ja vielleicht nicht einmal im Selbstgespräch mit ebensolcher Konsequenz und Radikalität hätte formulieren können. Die Form war nach außen gewandt, der Stoff nach innen. Im Grunde war es ein und dieselbe Hemmung, die ihm das Absenden eines Heiratsantrags ebenso schwer machte wie das Feilbieten einer literarischen Schöpfung: Ihm war, als trete er vor eine Versammlung fremder Menschen, um dort, nach formvollendeter Verbeugung, seine Träume zu offenbaren.

Was wir heute als seine spezifische Leistung wahrnehmen – die erschütternde wechselseitige Durchdringung von Intimität und strengster Form –, war für Kafka ein Kraftakt, vor dem er selbst erliegen musste: Das Erlebte und das Erdachte stürzten ineinander, verschmolzen tagträumerisch, zersetzten das Realitätsprinzip, trafen sich in einem einzigen Punkt des Schreckens. Es scheint, als habe er in Gedanken {389}an sein Werk regelrechte Absencen durchlebt, und jenes überlieferte Gespräch mit Friedrich Thieberger, bei dem Kafka DIE VERWANDLUNG als »furchtbare Sache« bezeichnete – kopfschüttelnd und mit einem Ernst, als rede er von einer wirklichen Begebenheit –, hätte Max Brod durch ähnliche Anekdoten gewiss bestätigen können.

Ob auch Kurt Wolff Derartiges mit Kafka erlebt hat – es ist kaum wahrscheinlich. Durchaus glaubhaft und begreiflich jedoch, dass der Verleger sich »gehemmt« fühlte angesichts der widersprüchlichen Signale, die Kafka aussandte: Beinahe war es, als verlangte man Anstößiges von diesem Autor, wenn man ihn um Manuskripte anging. Wolff lernte es bald, dieser ›Gegenübertragung‹ auszuweichen und den zutraulicheren – und im Verlag auch häufiger anwesenden – Max Brod als Mittler einzusetzen, was Kafka nur recht war.

Damit freilich blieben auch die ermutigenden Briefe aus, ebenso mancher pragmatische Ratschlag des Verlegers, der möglicherweise dazu beigetragen hätte, Kafka seinem Traum einer ›reinen‹ Schriftstellerexistenz einige entscheidende Schritte näher zu bringen. Stattdessen verlor Wolff seinen Autor aus den Augen, ja, er vergaß sogar sein Versprechen, DAS URTEIL, den HEIZER und DIE VERWANDLUNG in einem eigenständigen Band zu vereinen. Kafka wiederum blieb passiv, wartete ein volles Jahr, ohne zu protestieren, sandte auch das Manuskript der VERWANDLUNG nicht ein. Hoffte er, das Ende der Erzählung, das ihm missfiel, noch verbessern zu können? Fürchtete er, von Wolff auf seine erloschene Produktivität angesprochen zu werden? Hatte er womöglich eine Vereinbarung unterzeichnet, die seine nächsten Werke dem Kurt Wolff Verlag zusprach [358]  – eine Verpflichtung, die ihm umso peinlicher sein musste, je kläglicher die selten gewordenen Schreibversuche im Tagebuch scheiterten? Wir wissen es nicht. Dass aber der bedeutendste Verleger ›neuer‹ Literatur mit deren bedeutendstem Repräsentanten allein aus unüberwindlicher Scheu nicht kommunizierte, oder gar deshalb nur, weil beide glaubten, der andere sei am Zug – schwer, sich damit abzufinden, dass dies schon die ganze Wahrheit sein soll.


Doch eine weitere denkwürdige Figur erschien jetzt in Kafkas Gesichtsfeld, ein wirklicher Gefährte, ein Leidensgenosse, ein »Jude von der Art, die dem Typus des westeuropäischen Juden am nächsten ist und dem man sich deshalb gleich nahe fühlt« [359]  . So sah er Ernst Weiß, {390}einen Arzt, einen Schriftsteller, einen jener in Sprechstunden und Operationssälen Desillusionierten, die so charakteristisch werden sollten für die deutschsprachige Moderne. Ein Jahr älter als Kafka, klein, lebhaft, mit Schnauzbart und leicht hervortretenden Augäpfeln, ein guter Schwimmer, Tänzer, Reiter und Fechter, ein begabter Pianist und Amateurfotograf.

Ernst Weiß stammte aus der Industriestadt Brünn in Mähren, wo er überwiegend auch seine Kindheit und Jugend verbrachte. Wären er und Kafka in derselben Schule aufeinander getroffen – was durchaus hätte geschehen können, denn Weiß musste zeitweilig das Brünner Gymnasium verlassen und seine Ausbildung in Böhmen fortsetzen –, es wäre zu einer Annäherung wohl kaum gekommen. Denn schärfere Gegensätze waren vor dem gemeinsamen Hintergrund eines bürgerlichen, halbwegs akkulturierten Judentums kaum denkbar: Den ohne Vater aufwachsenden, unsteten, hypermotorischen, lernfaulen und frechen Schüler Weiß, auf den die Tadel und ›blauen Briefe‹ nur so herabregneten, hätte der überangepasste Kafka bestenfalls von fern bewundert. Noch viel mehr aber hätte er den plötzlichen Fleiß bestaunt, zu dem Weiß sich vor der Matura dann doch noch aufraffte, nachdem er den Entschluss gefasst hatte, Mediziner und Nobelpreisträger zu werden.

Weiß studierte in Wien und Prag, spezialisierte sich auf Chirurgie, arbeitete unter der Anleitung prominenter Chirurgen in Bern, Berlin und Wien. Er hat nur wenige Spuren hinterlassen in jenen frühen Jahren, seine Tagebücher sind verschollen, und die autobiographischen Bemerkungen, die Weiß später publizierte, sind keineswegs verlässlich. Gewiss jedoch ist, dass der ärztliche Beruf ihm wenig Befriedigung gab, denn niemals gelang es ihm, mit seinem hier fordernden, dort misstrauischen, einmal charmanten, humorvollen, dann wieder ganz verschlossenen, schroffen Wesen das Vertrauen seiner Patienten zu gewinnen: eine wie aus Splittern zusammengesetzte Persönlichkeit, bei der niemand wusste, woran er war. Wo Weiß Sympathie empfand, zeigte er ganz andere Seiten als gegenüber gleichgültigen Bekanntschaften, und wo er zu lieben glaubte, war er aggressiv besitzergreifend und zugleich verschwenderisch. Für Eigentum hatte er wenig Sinn, vieles verschenkte er, um beweglich zu bleiben, immerzu war er auf dem Sprung, wechselte Wohnungen, Orte, Geliebte – und Verleger. Erst in seinen späten Jahren traten resignative, melancholische {391}Züge so stark hervor, dass sie alle Gesprächspartner gleichermaßen berührten.

Wann und warum Ernst Weiß zum Schriftsteller wurde, lässt sich aus der spärlichen Überlieferung nicht herauslesen. Während einiger in Prag verbrachter Semester soll er schon als 21-Jähriger in der literarischen Sektion der ›Lese- und Redehalle‹ hervorgetreten sein (und das hieße: vor den Augen und Ohren Kafkas) [360]  , doch verifizieren lässt sich auch das nicht. Gesichert hingegen ist, dass Weiß bereits als Medizinstudent mit Literaten befreundet war – vor allem mit Leo Perutz und Richard A. Bermann –, und dass er seit seinen Schultagen auch eigene Texte verfasste, freilich ohne jede Ambition auf Publizität. Literarischen Ehrgeiz scheint Weiß erst während seiner Assistenzzeit in der Schweiz entwickelt zu haben, denn plötzlich – ohne je eine Zeile veröffentlicht zu haben – traute er sich den ›großen Roman‹ zu: DIE GALEERE, wie er seinen Erstling plakativ-symbolisch betitelte. Ein Versuch mit der linken Hand gleichsam, ein Nebenprodukt untätiger Stunden an Café-Tischchen in Bern und Berlin.

Weiß hat später behauptet, sein erstes Romanmanuskript sei von dreiundzwanzig Verlagen abgelehnt worden. Auch er liebte Übertreibungen und Mystifikationen. Wahr ist, dass es ihm jahrelang nicht gelingen wollte, den Roman unterzubringen; erst Ende 1912, möglicherweise aufgrund prominenter Empfehlungen [361]  , fanden einige Lektorate zu einem günstigeren Urteil, und unversehens hatte Weiß die freie Wahl. Er hätte sich den in Leipzig versammelten ›neuen Dichtern‹ anschließen können, denn anders als Kafkas bedächtig erzählter HEIZER hätte sich das Psychodrama der GALEERE in die geistige Physiognomie des Kurt Wolff Verlags wohl passgenau eingefügt. Doch Weiß entschied sich für den ›seriösesten‹ Verlag, und das war S. Fischer in Berlin.

Zum Feiern freilich war ihm nun keinesfalls zumute. Denn Weiß hatte sich im Wiener Allgemeinen Krankenhaus eine tuberkulöse Infektion zugezogen, einen ›Lungenspitzenkatarrh‹, wie die Standarddiagnose damals lautete, und als Arzt war er sich darüber im Klaren, dass er in den verrußten Metropolen auf Heilung nicht hoffen konnte, am wenigsten in Berlin, sosehr der dortige Literaturbetrieb ihn lockte. Da er über keinerlei Ersparnisse verfügte und ein Sanatorium daher außer Reichweite war, verfiel er auf die List, sich die dringend notwendige Kur honorieren zu lassen: Er heuerte bei der österreichischen {392}Lloyd als Schiffsarzt an und nahm an einer mehrmonatigen Seereise teil, die ihn nach Indien, China und Japan führte. Als er im Juni 1913, leidlich wiederhergestellt, nach Europa zurückkehrte, warteten dort eintausend Exemplare der GALEERE auf Käufer und Leser. Und wenige Tage später lernte er in Prag – wahrscheinlich in einem Kaffeehaus – einen schlanken, knabenhaft aussehenden, undurchsichtig lächelnden Mann kennen.

Kafkas Neugier war sofort geweckt, und wieder einmal erlag er der Versuchung, ein fremdes Leben auf mögliche Schlussfolgerungen für seinen eigenen ›Fall‹ abzutasten. Waren die Parallelen nicht wahrhaft frappierend? Schließlich stand doch Weiß im Begriff, ebendas zu tun, was er, Kafka, seit Monaten nur tagträumte: kündigen, nach Berlin gehen, schreiben. Zwar hatte der agile Chirurg, so viel war auf den ersten Blick zu erkennen, mit nicht annähernd so tiefen Lähmungen zu kämpfen, wie sie Kafka im beständigen Umgang mit Versicherungsakten befielen: Es war eben alles andere als eine »gespensterhafte Tätigkeit«, die ein Kliniksarzt zu leisten hatte, und nicht zuletzt die Asienfahrt hatte bewiesen, dass Weiß über einen spontanen Willen verfügte, der nicht unbedingt ›westjüdisch‹ war. Doch der Abbruch der beruflichen Laufbahn bedeutete auch für ihn einen Sprung ins Dunkle, und so fest er jetzt entschlossen war, nach Berlin zu übersiedeln, so wenig konnte er sich noch vorstellen, ohne ärztliche Anstellung zu überleben. So schrieb er am 3.Juli an Stefan Zweig: »ich … will jetzt in Berlin versuchen, mir als Arzt in irgendeiner untergeordneten Stellung das zum Leben Allernötigste zu erwerben, nachdem mein Jugendplan, ein ›großer Chirurg‹ zu werden, sich als unausführbar erwiesen hat.« Und noch in einem Brief aus dem Jahr 1914 kündigt er an, »nunmehr neben meiner künstlerischen auch meine medizinische Tätigkeit wieder aufzunehmen«. [362]  Doch ernsthaft scheint sich Weiß nicht mehr um einen entsprechenden Posten bemüht zu haben.

Dieses Kreiseln des inneren Kompasses muss Kafka sehr bekannt vorgekommen sein, und mit umso mehr Anteilnahme beobachtete er die von Weiß unternommenen Anstrengungen, in Berlin Fuß zu fassen. Er kann ihm in den folgenden Monaten nicht allzu häufig begegnet sein – auch wenn er ihn bereits im November 1913 als »guten Bekannten« bezeichnet [363]  –, doch entging ihm sicherlich nicht, dass Weiß innerhalb kürzester Frist viermal die Adresse wechselte und wirkliche Not litt.

DIE GALEERE erregte weder Kritiker noch Publikum. Das war enttäuschend, bewies aber noch gar nichts; schließlich war es einigen der Größten nicht anders ergangen, und den Verlag würde es, aller Erfahrung nach, von einem zweiten Versuch nicht abhalten. Aber die Hoffnung, von Honorarvorschüssen des vorsichtigen Samuel Fischer zu leben, musste Weiß vorläufig aufgeben. Blieb das Rezensionsgewerbe, die literarische Fußtruppe. Doch die geringe Zahl von Buchbesprechungen, die aus dieser Phase von Weiß’ schriftstellerischer Laufbahn bekannt geworden sind – die früheste stammt vom Januar 1914 und bezieht sich ausgerechnet auf Kafkas HEIZER [364]  –, lässt vermuten, dass es Weiß ungleich schwerer fiel als etwa Brod, sich die lebensnotwendigen Beziehungen ›warm zu halten‹. Selbst mit seinem gutmütigen Förderer Bermann überwarf er sich. Kafka muss in Gedanken an die Verteilungskämpfe des literarischen Berlin recht flau zumute gewesen sein, wenn er sich die 37 Pfennig vor Augen hielt, die er selbst an einem verkauften Exemplar von BETRACHTUNG verdiente.

Dabei schien gerade DIE GALEERE dazu geschaffen, zu einem weniger kunstsinnigen, dafür weit zahlreicheren Publikum durchzudringen: Denn in seiner Geschichte vom seelischen und physischen Untergang eines Röntgenologen hatte Weiß wahrlich alle Register gezogen und keine kolportagehafte Wendung gescheut, um seine Leser in Bann zu halten: expressionistische Zuckungen und das Parfüm des Wiener Fin de siècle, Leidenschaft und Drogensucht, Sex und kalte Wissenschaft, Elternhass und tödliche Krankheit. Selbst der liebevoll ausgemalte hysterische Anfall fehlte nicht. Alles vergeblich. Lag es womöglich daran, dass hier die Zutaten, die Nahtstellen, die ›Mache‹ allzu offensichtlich waren? So sah es Kafka, und wohl zu Recht. Was ihn keineswegs daran hinderte, sich an der Lektüre zu begeistern: »Man muss durch das Konstruktive, welches den Roman wie ein Gitter, überall, rundherum umgibt […] den Kopf einmal durchgesteckt haben, dann aber sieht man das Lebendige wirklich bis zum Geblendetwerden.« [365]  


Weg von Prag. Nach Norden? Nach Süden? Im Norden lag Berlin, acht Bahnstunden entfernt. Doch das innere Bild Berlins hatte sich auf eigentümliche Weise verwischt, wie eine verwirrende Doppelbelichtung erschien es ihm jetzt. Es gab die siedende Metropole mit Kinos, Theatern, Künstlercafés, Amüsierlokalen, ruhmvollen Zeitungen, {394}Zeitschriften, Verlagen, mit dem Stimmengewirr der Reklamewände, der literarischen Szenen und politischen Fraktionen, mit dem Rauschen der Pneus, der Gier der Kauflustigen, den gesenkten Blicken der Vorbeihastenden. Und es gab den nächtlichen Bahnsteig im Anhalter Bahnhof, wo nur fremde Gesichter ihm entgegenblickten, das kalte Zimmer im Askanischen Hof, wo niemals eine Nachricht wartete, die traurigen Wälder, wo man schweigend auf die Uhr sah. Nein, dort war jetzt keine Rettung, die gab es nur im Innersten, wo »das Lebendige« sich drängte, in der Literatur also, nirgendwo sonst. Und darum war es an der Zeit, ein provisorisches Schlusswort zu sprechen. »Die Lust, für das Schreiben auf das grösste menschliche Glück zu verzichten, durchschneidet mir unaufhaltsam alle Muskeln. Ich kann mich nicht frei machen.« Dies schrieb Kafka am 2.September 1913 an seine Braut Felice Bauer.

Am selben Tag aber nahm in Berlin, inmitten jenes ersten und eigentlichen Berlin, ein anderer Desillusionierter die Feder zur Hand und sprach ein Machtwort, das, wäre es Kafka je vor Augen gekommen, ihm nicht in die Muskeln, sondern in die Seele gefahren wäre wie ein Messer: »Kunst ist eine Sache von 50 Leuten, davon noch 30 nicht normal sind.« Dies schrieb Gottfried Benn am 2.September 1913 an Paul Zech. Bald darauf bewarb er sich um eine Anstellung als Schiffsarzt.

Kafka: Die Jahre der Entscheidungen
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