{257}Neunzehnhundertdreizehn
Es ist eine unglückliche Neigung vieler Frauen, alles, was gesagt wird, wörtlich zu nehmen.
Herbert Eulenberg
Kafka war allein, schlecht gelaunt, wütend. Er hatte einen Fehler begangen, und er wusste es, kaum waren die nutzlos in Prag verbrachten Feiertage verstrichen. DER VERSCHOLLENE wollte nicht weiter. Und wenig half es diesmal, den Umweg einer neuen Erzählung einzuschlagen, um wenigstens die notwendige innere Beweglichkeit zu erhalten. DIE VERWANDLUNG hatte ihm diesen Dienst erwiesen, der neue Anlauf hingegen erlahmte schon nach wenigen Seiten. Mit gleich vier neuen Figuren hatte er jonglieren wollen, das war wohl doch etwas zuviel verlangt.
Felice schrieb jetzt zweimal täglich, ihre Briefe waren wieder zärtlicher, offener, vielleicht spielte ein unruhiges Gewissen hinein, weil sie ihn nicht eingeladen hatte. Sogar mit einigen kleinen Geständnissen rückte sie heraus über die Spannungen zwischen den Eltern, und Kafka antwortete ebenso vorsichtig; wer wusste, in wessen Hände das einmal geraten würde. Wirklich glücklich wurde er über ihren vielen und langen Briefen dennoch nicht; es wimmelte darin von Namen, die ihn nichts angingen, ungebrochen war sein Verlangen nach Ausschließlichkeit, nach Intimität. Vor allem die Erwähnung anderer Schriftsteller machte ihn »eifersüchtig«, war ihm peinlich bis zur Qual. Denn Felice las so viel, so scheinbar wahllos, war bereit, allen möglichen Tagesgrößen Anerkennung, ja sogar Begeisterung entgegenzubringen, dass Kafka sich kaum mehr hervorwagte mit seinen Klagen über die eigene, abnehmende Produktivität. Vor allem aber: Wenn sie Zeit, Kraft und Lust hatte, mittelmäßige Romane zu lesen und ›populäre‹ Theaterstücke zu sehen – ganz zu schweigen von den zahlreichen Zeitschriften, die sie hielt –, warum las sie dann nicht endlich auch das Buch, das ihr allein gehörte?
Dass Felice Bauer das Widmungsexemplar von BETRACHTUNG, Kafkas noch immer einziger öffentlicher Legitimation als Autor, so zögernd zur Hand nahm, ja, sich offenbar sogar zwingen musste, etwas möglichst wenig Verletzendes dazu zu äußern, hat Canetti als die tiefste und alles verändernde Enttäuschung charakterisiert, die Kafka von dieser Frau erfahren habe. Da es von entscheidender Bedeutung für ihn gewesen sei, dass sie etwas von ihm erwarte und ihm nicht etwa »blind« die Kraft zum Schreiben spende, sei mit ihrem langen Schweigen über Kafkas erstes Buch ihr Segen für ihn zu Ende, das Gleichgewicht, das sie ihm gegeben, zerstört gewesen. [215]
Mit den uneindeutigen Gesten, hinter denen sich Kafka immer dann verschanzte, wenn es um seine Texte ging, ist eine derart rigide Auslegung kaum zu vereinbaren. Felice kannte ja noch nicht einmal DAS URTEIL, das doch angeblich »ihre Geschichte« war, und als sie darum bat, DIE VERWANDLUNG lesen zu dürfen, lehnte Kafka sogar ausdrücklich ab: Das wolle er ihr lieber vorlesen. [216] Aber dann ist auch vom Vorlesen nicht mehr die Rede, und mit dem Anfertigen einer Abschrift, die es ihm ermöglicht hätte, die Erzählung gefahrlos aus der Hand zu geben, beeilte sich Kafka erst recht nicht. Hoffte er etwa darauf, sie werde insistieren? Nichts deutet darauf hin. Ein Autor, der um Lob und Verständnis feilscht, zeigt ein anderes Gesicht.
Wahr ist immerhin, dass Kafka, der ja Felices Zurückweichen vor ernsten Fragen schon mehrfach zart moniert hatte, anlässlich der BETRACHTUNG wirklich der Geduldsfaden zu reißen schien. Zum ersten Mal überhaupt – nach mehr als einhundert Briefen – fand er den Mut zu Vorhaltungen, die nicht auf das bloße Quantum der von der Geliebten empfangenen »Nahrung« abzielten, sondern auf deren Verhalten. Seit zweieinhalb Wochen liegt BETRACHTUNG auf ihrem Nachttisch; was aber liest sie? Huch, Lagerlöf, Eulenberg, Jacobsen.
»Dir gefällt mein Buch ebensowenig wie Dir damals mein Bild gefallen hat. Das wäre ja nicht so arg, denn was dort steht, sind zum grössten Teil alte Sachen, aber immerhin doch noch immer ein Stück von mir und also ein Dir fremdes Stück von mir. Aber das wäre gar nicht arg, ich fühle Deine Nähe so stark in allem übrigen, dass ich gern bereit bin, wenn ich Dich eng neben mir habe, das kleine Buch zuerst mit meinem Fusse wegzustossen. Wenn Du mich in der Gegenwart lieb hast, mag die Vergangenheit bleiben, wo sie will, und wenn es sein muss, so ferne wie die Angst um die Zukunft. Aber dass Du es mir nicht sagst, dass Du mir nicht mit zwei Worten sagst, dass es Dir nicht {259}gefällt. – Du müsstest ja nicht sagen, dass es Dir nicht gefällt (das wäre ja wahrscheinlich auch nicht die Wahrheit) sondern dass Du Dich bloss darin nicht zurechtfindest. Es ist ja wirklich eine heillose Unordnung darin oder vielmehr: es sind Lichtblicke in eine unendliche Verwirrung hinein und man muss schon sehr nahe herantreten, um etwas zu sehn. Es wäre also nur sehr begreiflich, wenn Du mit dem Buch nichts anzufangen wüsstest und die Hoffnung bliebe ja, dass es Dich in einer guten und schwachen Stunde doch noch verlockt. Es wird ja niemand etwas damit anzufangen wissen, das ist und war mir klar, – das Opfer an Mühe und Geld, das mir der verschwenderische Verleger gebracht hat und das ganz und gar verloren ist, quält mich ja auch, – die Herausgabe ergab sich ganz zufällig, vielleicht erzähle ich Dir das einmal bei Gelegenheit, mit Absicht hätte ich nie daran gedacht. Aber das alles sage ich nur, um Dir klar zu machen, wie selbstverständlich mir eine unsichere Beurteilung von Deiner Seite erschienen wäre. Aber Du sagtest nichts, kündigtest zwar einmal an, etwas zu sagen, sagtest es aber nicht. […] Liebste, schau, ich will Dich doch mit allem mir zugewendet wissen, nichts, nicht das geringste soll beiseite gesprochen werden, wir gehören doch – dächte ich – zusammen, eine Dir liebe Bluse wird mir vielleicht an sich nicht gefallen, aber da Du sie trägst, wird sie mir gefallen, mein Buch gefällt Dir an sich nicht, aber insoferne, als es von mir ist, hast Du es sicher gerne – nun dann sagt man es aber doch, undzwar Beides.« [217]
Kafka fühlt sich – selten genug – im Recht; er denkt gar nicht daran, die eigene Leistung herabzusetzen, nur um ihr entgegenzukommen; dass sein erstes Buch schwierig und verwirrend ist, kann er zugestehen, nicht aber, dass es schlecht ist. Diesen Ton hat Felice noch nicht vernommen. Sie entschuldigt sich, sie habe bisher die notwendige Ruhe nicht gefunden. Worauf Kafka – nicht ganz ehrlich – alle seine Vorwürfe für »Gerede« erklärt. Als sie aber, endlich, endlich, Mitte Januar einige Fragen zu BETRACHTUNG stellt, hat er die Lust verloren. Diesmal ist sie es, die auf Antwort vergeblich wartet. Und als sie mehr als zwei Jahre später das Bändchen noch einmal zur Hand nimmt – vielleicht ihm zu Gefallen –, wird sie von ihrem veränderten, verschlossener gewordenen Freund beinahe grob zurechtgewiesen: »Warum liest Du so alte und nicht gute Bücher wie Betrachtung?« [218]
Es war, versteht sich, nicht ästhetische Kritik, die Kafka von Felice Bauer erwartete. Hätte sie sich tatsächlich vermessen, ein dezidiert literarisches Urteil abzugeben, so hätte Kafka dies hocherfreut als gesteigerte Nähe gedeutet, als Vergrößerung der gemeinsamen Berührungsfläche. Sein eigenes Urteil und die Richtung seiner künftigen Arbeit hätte es wohl kaum beeinflusst. Er war ja überhaupt noch niemals {260}einer Frau begegnet, der er diese Kompetenz zutrauen konnte, und wenn er Frauen vorlas – den Schwestern, Hedwig Weiler, später auch Felice –, dann interessierte ihn vor allem die unmittelbare Wirkung, der gelingende oder scheiternde Zugriff der Sprache auf ein offenes Ohr. Die Zeugnisse hingegen, die über die eigenen literarischen Versuche letztlich entschieden, wurden anderswo ausgestellt. Kafka verhielt sich in dieser Hinsicht nicht viel anders als Brod, der zwar häufig seinen Geliebten vorlas, im Tagebuch jedoch immer nur Augenblicksreaktionen festhielt, scheinbar ohne das Bedürfnis nach intellektueller Klärung. Es war eben etwas grundsätzlich anderes, ob das, worauf man stolz war, der eigenen Freundin gefiel – auch wenn sie eine so aufmerksame Leserin war wie Elsa Taussig – oder einem maßgeblichen Literaturkritiker. Dass der ›Multiplikator‹ den eigenen Vorlieben und Vorurteilen kaum weniger ausgeliefert ist als die Amateurin, änderte daran nicht das Geringste. Daher Kafkas geradezu hilfloses Erstaunen, als der von ihm verehrte Schriftsteller Otto Stoessl nach Lektüre der BETRACHTUNG allen Ernstes die »leichte, innerste Heiterkeit« und des Autors »Humor der eigenen guten Verfassung« lobte. [219] Das wäre Felice nicht passiert.
Da sie häufig und sogar schon in den allerersten Briefen von ihren Leseerfahrungen sprach, hatte Kafka von Felices Besitztümern eine recht genaue Vorstellung (die ihm natürlich nicht genügte, aber zur Anfertigung des bibliographischen Verzeichnisses, das er verlangte, hatte sie nun wirklich keine Zeit). Soweit man aus den im Nachlass erhaltenen Bänden auf die Vorkriegszeit schließen darf, hatte Felice eine Vorliebe für Autoren, die zwar der Gegenwart zugehörten, jedoch bereits als maßgeblich anerkannt waren: darunter Gerhart Hauptmann und Arthur Schnitzler und vor allem Skandinavier wie Ibsen, Björnson, Hamsun, Strindberg. Literatur aus dem Norden war schon seit den neunziger Jahren en vogue, selbst drittrangige Autoren fanden im Schlepptau der Großen ihr Publikum, und da sich Felice Bauer, wie alle berufstätigen bürgerlichen Leser, im Wesentlichen über Zeitschriften, Anzeigen und Schaufensterauslagen auf dem Laufenden hielt, folgte sie, ohne viel darüber nachzudenken, der breitesten Strömung – mit einer offenkundigen Abneigung gegen alles Dunkle und Deutungsbedürftige und einer kaum überraschenden Sympathie für Knappheit und Klarheit (Begriffe, mit denen natürlich Kafka etwas ganz anderes verband [220] . Auffallend ist allerdings ihre gründliche Beschäftigung {261}mit Strindberg, dessen WERKE in siebenundzwanzig Bänden auf ihrem Bücherbord versammelt waren. Aufmerksam las sie selbst die schwächeren Arbeiten – wie etwa DIE GOTISCHEN ZIMMER, unmittelbar vor ihrer Begegnung mit Kafka –, sie notierte Sätze, die sie bewegten, bat den Prager Freund um Kommentare dazu, und noch Ende 1916 besuchte sie eine Vortragsreihe über Strindberg.
Dass Felice weder systematisch noch aufgrund ausgeprägter, zielstrebiger Bedürfnisse las, nahm Kafka anfangs als etwas Selbstverständliches hin, und nur ganz selten versuchte er, dem durch eigene Vorschläge entgegenzuwirken – seine erzieherischen Impulse lernte sie erst viel später kennen. Dass sie freilich die Lektüre auch seiner Werke auf eine irgendwann sich bietende Gelegenheit verschob, damit konnte er sich nicht abfinden. Ja, hatte sie denn noch immer nicht verstanden, dass diese gedruckten Lettern sein eigentliches und einziges Leben repräsentierten? Nein, sie hatte es nicht verstanden. Denn seine völlig ernst gemeinte Beschwerde über die vielen Schriftstellernamen in ihren Briefen beantwortete sie ironisch und reklamierte nun ihrerseits ein Recht auf Eifersucht – auf seine nächtlichen Ausflüge nach Amerika nämlich, auf den VERSCHOLLENEN. Kafka verzog keine Miene: »Der Roman bin ich, meine Geschichten sind ich, wo wäre da ich bitte Dich der geringste Platz für Eifersucht.« [221]
Neunzehnhundertdreizehn. Ein neues Jahr. Glockenklang erfüllte das Dunkel über der Stadt, vom Hradschin drang der große Kanonenschuss herüber, aus offenen Fenstern vernahm man das Knallen der Korken, und in den Gassen hallten Hochrufe, deutsche und tschechische. Wo aber war Kafka? Er blieb unsichtbar, tauchte weder bei Weltsch auf, der ihn eingeladen hatte, noch im Kaffeehaus, noch bei Brod, der diesmal wohl mit der Braut und den künftigen Schwiegereltern das Glas erhob.
Kafka war zum Feiern nicht zumute, er hatte sich verkrochen, stand, wie so oft in den vergangenen Monaten, allein am Fenster seines Zimmers. Er schaute hinüber zur Brücke, dann setzte er sich an den Schreibtisch, und die Feder eilte übers Papier, wie aufgezogen. Zwangsgedanken beherrschten ihn, fremde Erscheinungen, Felice zerschlägt ihren Schirm an ihm, ein Ehepaar wird, aneinander gefesselt, aufs Schafott geführt, er muss diese Bilder loswerden, und es wird ein fürchterlicher Brief. 1913, das ist die Wasserscheide. 1913 würde der {262}Roman vollendet, oder alles war vergeblich. 1913 würde er Felice sehen, oder er würde sie niemals mehr sehen.
Kafka hatte Angst. Aber nicht, weil er, wie es ihm jetzt vorkam, »verlassen wie ein Hund« war [222] – er war ja nicht verlassen, Freunde erwarteten ihn, und Felice hielt zu ihm, trotz allem –, sondern weil er fühlte, dass ausgerechnet jetzt, am Beginn eines alles entscheidenden Jahres, seine Kräfte abnahmen, das Reservoir der Bilder versiegte, die Figuren, in denen er lebte, sich von ihm abwandten. Er fühlte es seit Wochen, hatte versucht, sich mehr Ruhe zu verschaffen, hatte auf die Berlinfahrt verzichtet, hatte selbst von Brod sich mehr und mehr zurückgezogen. Es half alles nichts. Ja, er schrieb. Aber die nächtlichen Sitzungen wurden kürzer, die Unterbrechungen häufiger. Und jede Unterbrechung war das Ende. Denn wenn das geschriebene Wort »Ich« ist, wenn nicht der schmalste Spalt bleibt zwischen Sprache und Leben, dann ist die Missachtung des Wortes durch die liebste Leserin eine Art Todesurteil, das gänzliche Ausbleiben des Wortes aber gleichbedeutend mit dem Tod selbst.
Kafka hatte beileibe genügend Biographien studiert, um zu wissen, dass literarische Texte bisweilen der schwersten psychischen Qual entspringen, ja selbst akuter Depression. Kleist hatte das durchgemacht, Dostojewski. Doch was er nun erlebte, war etwas bedrohlich anderes, eine Entleerung, eine Art von steriler Depressivität, die kein reinigendes Feuer entfachte, sondern bloß Kopfschmerzen machte und den Schlaf raubte. Als »ausgetrockneten, kopfhängerischen Zustand« erlebte er das, und alles, selbst das sengende Unglück, schien ihm jetzt erträglicher als diese Langeweile. [223]
Auf Trost durfte er nicht rechnen. Brod, Weltsch, Felice – alle hatten jetzt ihre eigenen Sorgen. Was auch hätten sie ihm sagen können? Dass wieder andere Zeiten kommen? Sie hatten ja von den Belastungen, denen Kafka in den vergangenen Monaten ausgesetzt gewesen war, trotz seiner fortwährenden Klagen gar keine rechte Vorstellung. Der Lärm in der Wohnung, die ›Hochzeitsvorbereitungen‹, die Gewissensqualen um die Asbestfabrik, der flache und immerzu gestörte Schlaf, der beständige innere Aufruhr um Felices Briefe, dazu noch Dienstreisen (nicht einmal DIE VERWANDLUNG blieb davon unbehelligt), Angst vor beruflichem Versagen, Kriegsgespräche, Sorgen um die Schwestern; zu schweigen von der gar nicht zu bemessenden psychischen Energie, die das nächtliche Schreiben ihm abverlangte. ›Kein {263}Wunder‹, hätten die Freunde ihm allenfalls entgegnen können. Denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass Kafka Anfang 1913 schlechthin erschöpft war, auch wenn er selbst diese Erklärung wohl kaum hätte gelten lassen.
Seine Gedanken drängten in andere Richtung, folgten erneut einer fatalen Logik der Selbstbezichtigung. Er hatte sein nächtliches, sein eigentliches Leben nicht hinreichend geschützt, das war es. Er hatte sich ablenken lassen. Und schlimmer noch, er war dabei, diesen Zustand einer lauen, unfruchtbaren Zerstreuung sehenden Auges zu verewigen. Denn was anderes bedeutete die Werbung um Felice? Ein Unternehmen, das entweder in eine schreckliche Niederlage oder in eine Ehe münden würde. Seit Jahren beherrschte ihn der horror vacui des Junggesellentums, jetzt hingegen traf ihn wie ein Schlag die Erkenntnis, dass es auch ein Grauen vor der Überfülle gab und dass er keineswegs immun war gegen den Sog eines nahen Menschen und gegen die Macht einer zersetzenden Alltäglichkeit. ›Was würde in einer Ehe aus mir werden?‹ Noch niemals hatte sich Kafka diese Frage ernsthaft gestellt. Jetzt, am Anfang des neuen Jahres, bekam er sie nicht mehr aus dem Kopf.
Wie rasch sich Kafkas innere Kompassnadel gedreht hatte, bekam zuerst Brod zu spüren, der unvermittelt einen fremden, prüfenden Blick auf sich gerichtet sah. Kafka verstand nicht, warum der Freund sein bisheriges, auf Produktivität angelegtes Leben nicht energischer verteidigte. »Wir opfern uns gerne«, hatte Brod noch wenige Wochen zuvor nonchalant versichert – der Literatur nämlich. »Als ob sie nicht unser Herz auffressen würde.« Leicht gesagt, wenn das Aufgebot schon bestellt ist. In Wahrheit dachte Brod gar nicht daran, sich zu opfern, sondern begann, sich behaglich einzurichten. »Er hat etwas Ehemännisches«, ließ sich Kafka entschlüpfen, »von Launen Unabhängiges, trotz Leiden und Unruhe oberflächlich Fröhliches.« [224]
Es war nicht das erste, eindeutig gegen die Ehe gerichtete Signal, das Felice empfing. » … dem Wagnis Vater zu sein, würde ich mich niemals aussetzen dürfen«, hieß es schon Ende Dezember [225] , aber das nahm sie noch nicht allzu ernst, ein wenig kannte sie ja schon seinen Trotz gegenüber Verlobungen, Hochzeiten und Geburten, bei denen er den hocherfreuten Gratulanten spielen musste. Sie selbst, entgegnete sie, habe eine Wette um eine Flasche besten Champagners laufen: {264}die werde fällig, sobald sie heirate. Das hatte er nun nicht erwartet. Aber sich überbieten zu lassen ausgerechnet dort, wo er anders zu sein glaubte als alle anderen, brauchte er dennoch nicht. Denn auch er hatte, vor Jahren schon, mit irgendeinem Bekannten gewettet, aber um zehn Flaschen. Wieder ein Punkt für ihn, Felice kapitulierte, und wahrscheinlich lachte sie noch darüber. Doch sie täuschte sich, wenn sie das für ein heiteres Spiel zwischen Verliebten hielt. Denn Kafka hatte die Spielregeln verändert, und in welch rigider Weise, das konnte sie sich, wenn sie ihre Briefschaften durchging, an einem einzigen Beispiel schlagend vor Augen führen.
In tiefer Nacht
In der kalten Nacht habe ich über meinem Buch die Stunde des Zubettgehens vergessen.
Die Parfüms meiner goldgestickten Bettdecke sind schon verflogen, der Kamin brennt nicht mehr.
Meine schöne Freundin, die mit Mühe bis dahin ihren Zorn beherrschte, reißt mir die Lampe weg.
Und fragt mich: Weißt Du, wie spät es ist?
Ein chinesisches Gedicht aus dem 18. Jahrhundert. Kafka entnahm es einem seiner liebsten Bücher und schrieb es für Felice ab. Sie solle nachts schlafen und das Schreiben ihm überlassen, denn das Gedicht beweise doch wohl, »dass die Nachtarbeit überall, auch in China den Männern gehört«. [226] Wahrscheinlich machte es ihm Freude, eine ganz und gar unwahrscheinliche, doch umso erotischere Phantasie zu evozieren: er am Schreibtisch, Felice neben ihm im Bett; und dass auch sie dieses Bild noch lange beschäftigte, lässt sich seinen Briefen unmittelbar entnehmen.
Nun aber, zwei Monate später, stellt sich Kafka unvermittelt die Frage, was geschähe, würde diese Szene jemals Wirklichkeit.
»Diese Freundin in dem Gedicht ist nicht schlimm daran, diesmal verlöscht die Lampe wirklich, die Plage war nicht so gross, es steckt auch noch genug Lustigkeit in ihr. Wie aber, wenn es nun die Ehefrau gewesen wäre und jene Nacht nicht eine zufällige Nacht, sondern ein Beispiel aller Nächte und dann natürlich nicht nur der Nächte sondern des ganzen gemeinschaftlichen Lebens, dieses Lebens, das ein Kampf um die Lampe wäre. Welcher Leser könnte noch lächeln? Die Freundin im Gedicht hat deshalb Unrecht, weil sie diesmal siegt und nichts will, als einmal siegen; weil sie aber schön ist und nur {265}einmal siegen will und ein Gelehrter niemals mit einem Male überzeugen kann, verzeiht ihr selbst der strengste Leser. Eine Ehefrau dagegen hätte immer Recht, es wäre ja nicht ein Sieg, sondern ihr Dasein, das sie verlangte und das der Mann über seinen Büchern ihr nicht geben kann, wenn er auch vielleicht nur zum Schein in seine Bücher schaut und Tage und Nächtelang an nichts anderes denkt, als an die Frau, die er über alles liebt, aber eben mit seiner ihm angeborenen Unfähigkeit liebt. […] Liebste, was ist das doch für ein schreckliches Gedicht, ich hätte es nie gedacht.« [227]
Erneut wird jene häusliche Szene zum Nukleus einer Phantasie, doch diesmal keiner erotischen, sondern einer juridischen: Das unwiderlegliche, absolute, ewige Recht der Ehefrau, das vor Kafka sich plötzlich wie ein entsetzliches Verhängnis auftürmt und das ›Unglück des Junggesellen‹ überstrahlt – hier wird es zum ersten Mal beim Namen genannt. Es ist das Recht, das Kafka noch häufig beschwören wird in den kommenden Jahren, eine Vorstellung, in die er sich förmlich festkrallt, mit der er sich geißeln wird bis aufs Blut. Doch man täusche sich nicht: Je mehr er jenes ihm feindliche Prinzip verabsolutiert, jenes Lebensrecht, das der Literatur den Tod bringt, desto weiter rückt er körperlich davon ab. Felice wird es gespürt haben: Es ist keine Freude, auf diese Weise Recht zu bekommen, und man erweckt keine Sympathie, geschweige denn Liebe dadurch, dass man im Recht ist. Und was wäre dies auch für ein fragwürdiges, brüchiges Dasein, das die Ehefrau nicht hat, sondern von einem anderen Menschen erst verlangen muss?
Kafkas scheinbar so radikale, gegen die eigene Existenz gerichtete Konzession ist in Wahrheit eine raffinierte und höchst ambivalente Geste der Selbstverteidigung und keineswegs unter dem psychologischen Klischee einer ›masochistischen‹ Konstitution zu verbuchen. Denn wenn der Mensch, mit dem ich mich auseinander setze, per se im Recht ist – das heißt, im Recht nicht durch das, was er sagt oder tut, sondern allein schon durch seine Position in der Welt –, dann bin ich per se im Unrecht, ganz gleich, wie ich entscheide, und ich kann daher – es kommt ja nicht mehr darauf an – in neuer, gleichsam durch die Hintertür gewonnener Freiheit wieder das tun, was mir richtig scheint. Mit anderen Worten: Kafka stellt die künftige Ehefrau auf ein Podest, um ruhig seiner Wege zu gehen. Der Sinn seiner Geste ist nicht Unterwerfung, sondern Abgrenzung. Nur so ist zu erklären, dass er fast gleichzeitig mit seiner Verbeugung vor dem Lebensrecht {266}der Ehefrau eine beispiellos radikale Wunschphantasie entwirft, die jenes absolute Recht zur absoluten Ohnmacht verdammt:
»Einmal schriebst Du, Du wolltest bei mir sitzen, während ich schreibe; denke nur, da könnte ich nicht schreiben (ich kann auch sonst nicht viel) aber da könnte ich gar nicht schreiben. Schreiben heisst ja, sich öffnen bis zum Übermass; die äusserste Offenherzigkeit und Hingabe, in der sich ein Mensch im menschlichen Verkehr schon zu verlieren glaubt und vor der er also solange er bei Sinnen ist, immer zurückscheuen wird – denn leben will jeder, solange er lebt – diese Offenherzigkeit und Hingabe genügt zum Schreiben bei weitem nicht. Was von dieser Oberfläche ins Schreiben hinübergenommen wird – wenn es nicht anders geht und die tiefern Quellen schweigen – ist nichts und fällt in dem Augenblick zusammen, in dem ein wahreres Gefühl diesen obern Boden zum Schwanken bringt. Deshalb kann man nicht genug allein sein, wenn man schreibt, deshalb kann es nicht genug still um einen sein, wenn man schreibt, die Nacht ist noch zu wenig Nacht. Deshalb kann nicht genug Zeit einem zur Verfügung stehn, denn die Wege sind lang und man irrt leicht ab, man bekommt sogar manchmal Angst und hat schon ohne Zwang und Lockung Lust zurückzulaufen (eine später immer schwer bestrafte Lust), wie erst wenn man unversehens einen Kuss vom liebsten Mund bekäme! Oft dachte ich schon daran, dass es die beste Lebensweise für mich wäre, mit Schreibzeug und einer Lampe im innersten Raume eines ausgedehnten abgesperrten Kellers zu sein. Das Essen brächte man mir stellte es immer weit von meinem Raum entfernt hinter der äussersten Tür des Kellers nieder. Der Weg um das Essen, im Schlafrock, durch alle Kellergewölbe hindurch wäre mein einziger Spaziergang. Dann kehrte ich zu meinem Tisch zurück, würde langsam und mit Bedacht essen und wieder gleich zu schreiben anfangen. Was ich dann schreiben würde! Aus welchen Tiefen ich es hervorreissen würde! Ohne Anstrengung! Denn äusserste Koncentration kennt keine Anstrengung.« [228]
Hier bleibt der Ehefrau nur noch die Rolle der Wärterin, und wie Hohn muss es in Felices Ohren geklungen haben, als Kafka ihr zum Trost versicherte, auch dieser Keller gehöre »bedingungslos« ihr. Nein, das war nicht sein Ernst, das konnte doch nur die Laune einer Stunde sein. Und genau das sagte sie ihm, dem Unnachgiebigen.
Er wagte sich jetzt ein wenig häufiger aus der Wohnung, riss sich los vom Schreibtisch, sah Menschen. Seit einem Jahr war er nicht mehr im Theater gewesen, doch das Russische Ballett mit dem berühmten Nijinski belebte ihn, das hatte er schon einmal gesehen, da brauchte man Langeweile und Trauer nicht zu fürchten. Dann Besuche bei Weltsch, stundenlanges Cafégeplauder mit Werfel, der für ein paar {267}Wochen nach Prag zurückgekehrt war, ein Streitgespräch mit Martin Buber in größerer Runde. Kafka wurde wieder sichtbar. Und auch die seit langem gefürchtete Hochzeit Vallis brachte er endlich hinter sich, in Lackstiefeln, Frack und Zylinder, er zog als »Kranzelherr« in die Synagoge ein, quälte sich sogar eine kleine Begrüßungsrede an die Gäste ab, auch wenn er – was wahrscheinlich kaum noch jemanden verwunderte – von der Feier gleich ins Kaffeehaus eilte, um sich wieder zu sammeln. Wie ein Unglück, ein ganz persönlich auf ihn abzielendes Unglück empfand er solche Festlichkeiten, abgemildert allein durch die laue Befriedigung darüber, dass es immer einen Kehraus gab, dass es immer einmal zu Ende war. Jetzt würden diese beständigen weiblichen Aufgeregtheiten, diese zahllosen Verwandtenbesuche, dieses immer neue Verlegenheiten und Lügen hervorrufende Eindringen wildfremder Menschen (›Und das ist unser Franz!‹) doch wohl endlich aufhören und der gewöhnlichen, der regelmäßigen, der berechenbaren Unruhe weichen. Die Klage freilich über die unglaubliche Summe, die auch diese Hochzeit wieder verschlungen hatte, würde noch wochenlang an seine Tür schlagen. Es müsste eben die Asbestfabrik endlich einmal etwas abwerfen …
Doch trotz aller Qual, die Kafka solches unfreiwillige und förmlich von einem Augenblick zum nächsten sich selbst abgerungene Mitmachen bereitete – dass er den Türspalt jetzt ein wenig verbreiterte, tat ihm gut, wirkte wie die momentane Lösung eines Krampfes, und auch Brods beharrliche Aufmunterungen blieben nicht ohne Wirkung. Liest man Kafkas Briefe vom Januar 1913 im Zusammenhang, dann drängt sich sogar der Eindruck auf, dass die Klagen um das Stocken des Romans nicht mehr ›aus vollem Herzen‹ kommen. Ein deutlicher Anflug von Resignation spielt hinein, aber auch das unausgesprochene und möglicherweise sogar unbewusste Bedürfnis, den Druck zu mindern, die steif gewordenen Glieder unter dem Schreibtisch hervorzuziehen und das selbst auferlegte Joch für eine Zeitlang loszuwerden. Auch Felice hörte genau den veränderten Ton, spürte die neu gewonnene Beweglichkeit des Freundes, aber dass er keine wirkliche Freude daran hatte, war nicht zu übersehen. Von einer möglichen Vollendung des Romans sprach er immer seltener, noch seltener aber von einem Rendezvous in Berlin. Selbst mit ihren Briefen erklärte er sich jetzt für vollständig zufrieden, denn »da die andern Wünsche augenblicklich oder für immer unerfüllbar sind, so ist ja alles in Ordnung, {268}wenn auch nicht in bester« [229] . Sie weinte, wenn sie solche Sätze las. Er, den sie gar nicht anders kannte als im beständigen Kampf um die nächste ruhige Stunde, um die nächste, »aus der Tiefe« geschöpfte Seite, er lächelte nun plötzlich wie ein folgsamer Patient zu den Anordnungen des Arztes.
»Mein Roman! Ich erklärte mich vorgestern abend vollständig von ihm besiegt. Er läuft mir auseinander, ich kann ihn nicht mehr umfassen, ich schreibe wohl nichts, was ganz ausser Zusammenhang mit mir wäre, es hat sich aber in der letzten Zeit doch allzusehr gelockert, Falschheiten erscheinen und wollen nicht verschwinden, die Sache kommt in grössere Gefahr, wenn ich an ihr weiterarbeite, als wenn ich sie vorläufig lasse. Ausserdem schlafe ich seit einer Woche, wie wenn ich auf Wachposten wäre, alle Augenblicke schreckt es mich auf. Die Kopfschmerzen sind zu einer regelmässigen Einrichtung geworden und kleinere wechselnde Nervositäten hören auch nicht auf an mir zu arbeiten: Kurz ich höre gänzlich mit dem Schreiben auf und werde vorläufig nur eine Woche, tatsächlich vielleicht viel länger, nichts als ruhn. Gestern abend habe ich nicht mehr geschrieben und schon habe ich unvergleichlich gut geschlafen. Wüsste ich dass auch Du Dich ausruhst, würde mir die Ruhe noch viel lieber sein.« [230]
Sehr vernünftig. Klänge sie nur nicht so fremd, diese Stimme.