{141}Das Mädchen, die Dame und die Frau
Hätte ich nicht geredet, um Gottes willen, wem hätte ich zuhören müssen?
Botho Strauß, DAS PARTIKULAR
»Wie wenig nützt die Begegnung im Brief, es ist wie ein Plätschern am Ufer zweier durch einen See getrennter.« Nicht an Felice Bauer, sondern – als 24-Jähriger – an Hedwig Weiler hat Kafka diesen verliebten Satz gerichtet, noch ganz unter dem Einfluss eines sinnlichen Sommers auf dem Land. Ein trauriges, doch allzu süß-poetisches Bild, das die Schrecken unaufhebbarer Fremdheit nicht enthüllt, sondern bloß illuminiert. Vielleicht darum musste er das Moment von Wahrheit, welches das Bild dennoch enthält, ein zweites Mal erfahren, nun aber in wahrhaft katastrophischer Weise.
Fünfzehn Jahre später, lange nach der Trennung von Felice, ist die Erkenntnis ausgekühlt, versteinert: »Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe mit einander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft.« So Kafka an Milena Jesenská im März 1922. Das trockene Resümee eines fünf Jahre währenden, bald verzweifelten, bald glücklichen, in letzter Konsequenz aber selbstzerstörerischen Versuchs, dem Medium Brief die Intimität einer lebendigen Beziehung abzupressen – und mehr als das, mehr als die gewöhnliche Intimität, die sich doch meist als Folge erotischer Nähe einstellt und darin auch ihre Schranke hat, vielmehr absolutes Verstehen, Vertrauen ohne den Schatten eines Vorbehalts, Exklusivität, Symbiose.
Kafka wollte das Unmögliche, und es ist nur schwer vorstellbar, dass er dies nicht immer gewusst hat. Als habe er sich im September 1912 entschlossen, mit nichts als den eigenen Händen einen unterirdischen Gang von Prag nach Berlin zu graben. Während alle anderen {142}oben im hellen Tageslicht reisten, wollte er eine verborgene, nur ihm und Felice zugehörige, gleichsam von Zimmer zu Zimmer führende Verbindung. Das ging nicht nur über seine Kräfte, sondern, tatsächlich, »über Menschenkraft«. Er wurde müde, musste seinen Tunnel aufgeben, ein lächerliches Fragment angesichts der unermesslichen, noch zu bewältigenden Strecke. Der Schacht stürzte endlich ein, nichts blieb davon übrig. Doch was er in fünfjähriger ›Beziehungsarbeit‹ zutage gefördert hatte, blieb liegen, wurde konserviert, ausgestellt, veröffentlicht. Eine Halde von Zeichen, insgesamt 511 Briefe, Postkarten und Brieffragmente, die zusammen nahezu 700 Druckseiten füllen.
Kafkas BRIEFE AN FELICE gehören zu den ungeheuerlichsten Dokumenten der Weltliteratur; weder in ihrer sprachlichen Dichte noch in ihrer selbstreflexiven Intensität sind sie mit irgendeiner erhaltenen Korrespondenz vergleichbar. Ihre exhibitionistischen Züge haben nichts gemein mit dem schon zu Kafkas Lebzeiten grassierenden Geständniszwang einer zunehmend psychologisierten Gesellschaft und noch viel weniger mit den heutigen, scheinbar radikaleren, in Wahrheit medial dirigierten Selbstentblößungen. Umso erschütternder ist die Lektüre, und nicht wenige Leser verspüren eine schmerzliche Scham, ein Widerstreben, das die Frage unabweisbar macht, ob die Veröffentlichung dieser Dokumente überhaupt zu rechtfertigen ist. Der Germanist Erich Heller, einer der Herausgeber der Briefe, hegte daran Zweifel noch in seinem letzten Lebensjahr. Demgegenüber hat Canetti sich und den Leser mit dem Gedanken trösten wollen, dass ja auch Kafka, »dessen oberste Eigenschaft Ehrfurcht war«, sich nicht scheute, die Briefe Kleists, Flauberts und Hebbels zu lesen. [109] Ein zweischneidiges Argument, das letztlich auf die moralisch ungeschlachte Frage hinausläuft, ob man die private Bühne eines Menschen ausleuchten darf, der seinerseits in die Privatsphäre anderer starrt. Dass Kafka die Publikation seiner Briefe mit Entsetzen zurückgewiesen hätte, ist selbstverständlich; allein die lebenslange Verkennung des eigenen Werks scheint ihn davor bewahrt zu haben, ein mögliches öffentliches Interesse zu antizipieren. Ebenso wenig denkbar ist aber, dass er in einem vergleichbaren Fall – etwa den biographischen Zeugnissen um Flauberts Beziehung zu Louise Colet, die damals noch nicht publiziert waren – sich bereit gefunden hätte, als Herausgeber und damit als Agent eines ›interessierten Publikums‹ zu handeln.
Die BRIEFE AN FELICE wurden relativ spät bekannt; in den von Max Brod besorgten Gesamtausgaben waren sie noch nicht enthalten. Lange Zeit konnte sich Felice Bauer nicht dazu entschließen, die Briefe für Forschungszwecke zugänglich zu machen, geschweige denn, sie zu veräußern. Im Jahr ihrer Emigration – sie lebte bereits in Los Angeles, das Briefkonvolut lagerte jedoch noch auf einem Dachboden in Genf – beantwortete sie eine entsprechende Anfrage ausweichend:
»Ich kann nicht sagen, ob und wann ich je wieder in den Besitz dieser Sachen [d. h. der zurückgelassenen Habe] gelangen werde, andererseits weiß ich auch noch nicht einmal, ob ich mich irgendwie von diesen Briefen, die für mich natürlich eine große Periode meines Lebens bedeuten, trennen würde. Sei es auch nur für eine gewisse Zeit. Diese Briefe sind ja aber auch ganz persönlich und stammen aus einer Zeit des schwersten Kampfes, dem leider durch körperliches Leid ein Ende gesetzt wurde und sozusagen seinem Streben nach Verzicht die Krone aufgesetzt wurde [sic]. Er, der das Leben so geliebt hatte, mußte darauf verzichten, es zu Ende zu leben und sein Werk zu vollenden.« [110]
Erst 1955, als sie schwer erkrankte und dadurch in eine finanzielle Notlage geriet, gab sie dem Drängen der Familie widerstrebend nach (»Die Briefe sind das einzige, was ich noch habe.«) und verkaufte die Briefe für den heute marginalen Betrag von 8000 Dollar an den Schocken Verlag in New York. Vor der Übergabe jedoch las sie nächtelang in den alten Blättern und stieß dabei auf einige Briefe aus allerdunkelsten Tagen, deren Preisgabe an eine anonyme Leserschaft sie nicht über sich brachte. Diese Briefe hat sie vernichtet.
1967, sieben Jahre nach Felice Bauers Tod, erschien dann die erste Ausgabe, die als äußerst bedeutsames Korrektiv auch Kafkas Briefe an Felices Freundin Grete Bloch enthielt. Plötzlich erweiterte sich das Wissen über Kafkas Lebensumstände um ein Vielfaches. Denn im Gegensatz zu den Tagebüchern oder den Briefen an Brod, die das Selbstverständliche stillschweigend voraussetzen, hatte ja Kafka gegenüber Felice Bauer zunächst einmal ein Bild seines Alltags zu entwerfen. So groß sein Widerwille gegen den bloßen Treibsand des Faktischen auch war, wenn es um das Mitteilen des eigenen Lebens ging – hier war es unumgänglich, zu erzählen und dabei genau zu sein: Ess- und Schlafgewohnheiten, Kleidung, Krankheiten, Familienleben, Freunde, Büroarbeit, Reisen. Allein die BRIEFE AN FELICE bieten ein zusammenhängendes Bild von Kafkas Mikrowelt, und zwar keineswegs nur für die Jahre zwischen 1912 und 1917, sondern weit in die Vergangenheit {144}zurückreichend; ein Bild, das so reich an Einzelheiten ist, dass selbst die bewussten Auslassungen plastisch hervortreten. Es gibt Tage in Kafkas Leben, die sich allein aufgrund dieser Quelle Stunde für Stunde rekonstruieren lassen.
Allerdings, es fehlt die zweite Stimme. Die mehr als 400 Briefe, die Kafka von Felice Bauer erhalten haben muss, verbrannte er, nachdem die fortschreitende Entfremdung zu einer definitiven Trennung geführt hatte. [111] Das verleiht dem gesamten Briefkorpus den Charakter eines monströsen Monologs, und zwar auch dort, wo Kafka Fragen stellt oder beantwortet, wo er Ratschläge gibt oder von Felice mitgeteilte Ereignisse kommentiert. Es ist, als belauschte man jemanden beim Telefonieren: Mit fortschreitender Dauer entsteht unweigerlich der Eindruck einer gewissen selbstbezüglichen Redseligkeit und Redundanz, da ja der Anteil des fernen Gesprächspartners an den Wiederholungen, Nuancierungen, Andeutungen und privatsprachlichen Kürzeln verborgen bleibt.
Die landläufige These, Felice Bauer sei für Kafka eine Art leere Leinwand gewesen, die er nach Belieben mit Projektionen füllte, verdankt sich nicht zum Geringsten dieser notwendig verzerrten Lektüre. Wahr ist, dass Felice, solange sie für Kafka ein ›unbeschriebenes Blatt‹ war, zum Objekt heftiger und hitziger Phantasien wurde. Das ist ein alltägliches Phänomen, sobald Menschen mit starker Einbildungskraft Liebesbeziehungen eingehen. Man träumt, wo man nicht weiß. Die Frage ist allein, ob man, bei zunehmender Vertrautheit, lieber weiterträumt oder dann doch wissen will, wen man begehrt. Kein Zweifel, dass zahlreiche Kafka-Exegeten hier in eine hermeneutische Falle gelaufen sind: Weil für sie die Berliner Adressatin eine leere Projektionsfläche bleibt (so leer, dass der Einband von Canettis Monographie eine Felice ohne Gesicht zeigt), nehmen sie in dem halben Briefwechsel, der erhalten blieb, ausschließlich das Moment der Projektion wahr und übersehen, dass Kafka selbst diesem Mechanismus entgegengearbeitet hat, und keineswegs erfolglos.
Kafka hat im Verlauf einer fünfjährigen Freundschaft sehr viel über Felice Bauer erfahren – teils aufgrund ihres Entgegenkommens, teils durch beharrliches Nachfragen. Der heutige Leser weiß über sie fast nichts. Es ist sonderbar, wie spärlich die bisherigen Versuche ausgefallen sind, diese Lücke wenigstens teilweise zu schließen. Offenbar waren die schemenhaften Umrisse der Berliner Angestellten nicht geeignet, {145}intellektuelle Neugier zu wecken. Das wird besonders deutlich, wenn man die seit Ende der achtziger Jahre erfolgreich intensivierten Bemühungen dagegenhält, ein realistisches Bild von Milena Jesenská zu gewinnen. Milena gilt als die weitaus ›interessantere‹ Figur – zum einen, weil sie über beträchtliche sprachliche Ausdruckskraft verfügte, vor allem aber, weil sich ihr Leben in bewusster Distanz zu jeglicher Spielart bürgerlicher Normalität vollzog. Als einzige Person in Kafkas gesamtem biographischem Umfeld ist sie dessen ungeheurem Schatten entronnen, und nachdem man sie einige Jahrzehnte lang nur als ›Kafkas Geliebte‹ kannte, hat sie im kulturellen Gedächtnis ihr Eigenleben mittlerweile zurückgewonnen.
Dass sich die Aufmerksamkeit auf zwei so völlig konträre Frauenfiguren sehr ungleich verteilen musste, ist nur zu begreiflich: Die Ausnahme ist immer das Erregende, und Menschen, die sich eindrucksvoll artikulieren, wecken das Einfühlungsvermögen und das Verlangen nach Identifikation. Ein Erkenntnisinteresse, das sich allein von derartigen Impulsen leiten lässt, muss jedoch versagen, wo es um die Abgründe des Gewöhnlichen geht. Der ethnologisch verfremdete Blick, der auf scheinbar vertraute soziale Zusammenhänge gerichtet wird, vermag Schichten freizulegen, die der puren Identifikation verschlossen bleiben. Karl Kraus hat in der Fackel Heiratsannoncen von trostloser Sprachlosigkeit abgedruckt, deren Erkenntniswert sich nur erschließt, wenn man sie aus größtmöglicher Distanz, das heißt als Symptome liest. Dass dieser Blick zwangsläufig mitleidlos sei, ist ein Vorurteil. Kafka selbst weinte einmal über dem Prozessbericht einer Kindesmörderin und stellte im selben Augenblick fest: »Ganz schematische Geschichte.« [112]
Dass die Figur Felice Bauer weit besser als Milena geeignet ist, die Wonnen bürgerlicher Normalität zu illustrieren, ist unbestreitbar. Doch es war ihr nicht vergönnt, diese Normalität zu leben, ohne einen beträchtlichen Preis dafür zu erlegen. In ihrer Existenz durchkreuzten einander bürgerlicher Familiensinn, die Ansprüche eines fast schon anachronistischen Bildungskanons, weibliches Rollenspiel und der zunehmende Sog der Abstraktion eines arbeitsteilig organisierten Büroalltags. Der psychische Kraftakt, dessen es bedurfte, um in einem solchen sozialen Minenfeld fröhlich überleben zu können, bleibt selbst durch den Filter von Kafkas Idealisierung spürbar. Insofern bietet Felice Bauer das Bild einer vielleicht symptomatischen, aber alles {146}andere als ungebrochenen weiblichen Biographie, die sich – würde man sie zum Gegenstand einer sozialhistorischen Fallstudie machen – wahrscheinlich als hochsignifikant und ›interessant‹ erweisen würde.
Der Biograph, der sich solchem Realismus verschlösse, wäre schlecht beraten. Denn der tatsächliche Anteil an Projektionen, Selbsttäuschungen und Verdrängungen, der es Kafka ermöglichte, fünf Jahre lang an einem illusorischen Lebensplan festzuhalten, ist schlechterdings nicht abzuschätzen, solange der ›Realanteil‹ dieser Liebesgeschichte völlig im Dunkeln bleibt. Es ist wahr, dass dieser Anteil wiederum fast ausschließlich durch das Medium von Kafkas Sprache zu uns gelangt. Doch er selbst ist es, der schließlich über dieses Dilemma hinweghilft. Denn seine Gier nach lebendigen Details aus Felices Alltag, die er schon früh mit seiner Bitte um ein »Tagebuch« anmeldete, blieb unersättlich über Monate; um ihretwillen inhalierte er förmlich die Briefe, die ihm niemals präzis genug, niemals bildhaft genug und darum auch niemals wirklich abgeschlossen erschienen. (Ein Videofilm, der das Leben Felices im Verhältnis eins zu eins abbildet und darüber hinaus das beliebig lange Betrachten einzelner Augenblicke erlaubt: Das erst wäre die Erfüllung gewesen.) Gerade seine ständigen Bitten um weitere Einzelheiten und genauere Erklärungen nötigten ihn jedoch, sich auf die bereits eingesammelten Mosaiksteinchen aus Felices Leben in vielfacher Weise zu beziehen und sie dadurch zu überliefern – zum Beispiel durch sinngemäßes oder wörtliches Zitieren ihrer Briefe, auf die er sich mit einem Ernst und mit einer Genauigkeit beruft, als komme noch den flüchtigsten, mit Bleistift hingeworfenen Grüßen die Dignität amtlicher Entscheidungen zu. (»Halte Dich doch nicht an jedes Wort!«, wird sie ihn einmal in Berlin anfahren.) Auf diesem Umweg haben sich zahllose empirische Splitter in dem gewaltigen Briefwerk abgelagert, die sich durch eine strikt auf ›Berlin‹ ausgerichtete Lektüre herauslösen und zusammenfügen lassen. Das ergibt kaum mehr als ein grob gerastertes Porträt; doch es treten menschliche, weibliche Züge hervor, die unverwechselbar sind und die das Gespenst ›Felice Bauer‹, das bisher durch die Literatur geisterte, vergessen lassen.
Wie schnell, ja geradezu abrupt sich die wechselseitigen Sehnsüchte und Projektionen ineinander verhakten, ist unter den Überraschungen, die diese Korrespondenz bietet, vielleicht die am schwersten zu {147}deutende. Drei Wochen lang schwieg Felice Bauer, ehe sie sich (nach einer dezenten Ermahnung von Seiten der Friedmanns) entschloss, dem Drängen des Doktor Kafka nachzugeben und dem bisher flüchtigen Kontakt einen Ort in ihrem Leben zuzuweisen. Ein bedeutsamer Schritt. Denn bereits als Form der Verständigung hatten Briefe zwischen Mann und Frau zu jener Zeit ein hohes Maß an Verbindlichkeit. Ehen wurden häufig über Korrespondenzen angebahnt, und gegenüber dem Telefon galt der Brief noch immer als das adäquate Medium, wenn es um substanzielle persönliche Beziehungen ging. Felice war keineswegs so naiv, sich von Kafkas spielerischer Einleitung täuschen zu lassen: Briefe einer Frau im heiratsfähigen Alter beinhalteten das Versprechen von Nähe, ganz gleich, was sonst darin stand, und wenn Kafka sich des Postboten bediente, um eine Frau zu gewinnen (niemals vergaß er, durch wie viele Hände seine Briefe gingen), so entsprach das zunächst der sozial anerkannten Funktion, die solche ›Brieffreundschaften‹ damals noch hatten.
Umso verblüffender, wie rasch Felice Bauer jene Verbindlichkeit nicht nur zuließ, sondern geradezu forcierte. In ihrem ersten ausführlichen Brief an Kafka, der am 23.Oktober bei ihm eintrifft, entwirft sie bereits ein Bild ihres Alltags, das ihm vielfache Anknüpfungspunkte bietet: die Theaterbesuche; die Bücher, Süßigkeiten und Blumen, die sie von Kollegen geschenkt bekommt; die vielen Zeitschriften, die sie liest. Und – man staune – sie legt diesem Brief eine Blume bei.
Nur vier Tage später – mittlerweile hat sie erfahren, dass Kafka ihr DAS URTEIL gewidmet hat – lässt sie sich zu einer ersten Vertraulichkeit hinreißen: Sie gesteht ihm, dass sein Freund Max ihr damals in Prag doch recht auf die Nerven gegangen ist. Falsche Ehrfurcht vor ihrem berühmten Verwandten hat sie nicht, das gefällt Kafka. Schon am folgenden Tag öffnet sie die Tür ein weiteres Stück und versichert ihm, er dürfe ihr schreiben, wann und sooft er will. Wiederum zwei Tage später fragt sie, ob es ihm nicht unangenehm sei, jeden Tag einen Brief ins Büro zu bekommen – eine durchaus berechtigte Sorge, denn nun hat sie innerhalb einer einzigen Woche mindestens fünfmal, wahrscheinlich sogar sechsmal geschrieben und somit mehr Briefe abgeschickt als empfangen. Sie verwöhnt Kafka, schon jetzt irritiert es ihn, einmal vergeblich auf einen Brief warten zu müssen. Sie spürt zweifellos, dass sein Drängen auf einen wie immer begrenzten (»fünf Zeilen«), aber doch niemals abreißenden Briefstrom nicht ganz so {148}witzig gemeint ist, wie seine raffiniert-hilflose Diktion glauben macht – und doch verspricht sie ihm schon am 3. oder 4.November, von nun an täglich zu schreiben. Es ist, als sei eine papierne Lawine losgetreten.
Kafka ist glücklich, und er hält Schritt – obgleich er anfangs Mühe hat, die im nächtlichen Dämmer phantasierten uferlosen Briefe von den tatsächlich geschriebenen zu unterscheiden. Doch nicht nach einem Briefquiz hatte es ihn verlangt, nicht nach Fragen und Antworten, die wie am Schnürchen aufgereiht waren – solche Briefe hatten beide den ganzen Tag über zu diktieren, und die Frage ›wer ist dran mit Schreiben?‹ ist folgerichtig weder ihm noch Felice je in den Sinn gekommen. Kafka wollte einen Energiestrom, der ihn an ein Lebendiges ankoppelte, genauer: einen Energiekreislauf, und seine beständige Sorge um verlorene oder nicht ausgehändigte Briefe, die er vom ersten Tag an durch Einschreib- und Expressporto zu beruhigen suchte, gründete in der Angst, das gesteigerte Selbstgefühl, das jene Energie ihm vermittelte, wieder zusammenbrechen zu sehen. Was in Felices Leben wie ein immer dringlicheres, in immer kürzeren Intervallen vernehmbares Pochen drang, war von seiner Seite ein völlig entgrenztes, durch keine soziale Anforderung, ja nicht einmal durch Schlaf wirklich unterbrochenes Sprechen. Nicht anders als bei der nächtlichen Arbeit am VERSCHOLLENEN wollte Kafka auch in seinen Briefen Kontinuität um jeden Preis, und seine beständige Bitte, den Funken des Vertrauens – und später der Liebe – auch über gänzlich leere, das heißt brieflose Tage hinwegspringen zu lassen, ist verständlich nur als Ausdruck seiner Furcht, dieser Funke könne verlöschen, sobald nur einer von beiden den Blick abwende.
An die Tatsache, dass Briefe auch kommunikative Anforderungen stellen und nach konkreten Antworten verlangen, musste Kafka zumindest in den ersten Wochen immer wieder erinnert werden. Schon in ihren ersten Briefen hatte Felice ihn darum gebeten, seine »Lebensweise« und vor allem seine Bürotätigkeit zu schildern, die sie sich als interessant und verantwortungsvoll vorstellte. Doch Kafka überhörte diese Stimme, und als er endlich auf sein Beamtendasein zu sprechen kam, spielte er eine groteske Büropantomime à la Dostojewski:
»Wenn ein Brief endlich da ist, nachdem die Türe meines Zimmers tausendmal aufgegangen ist, um statt des Dieners mit dem Brief eine Unzahl von Leuten einzulassen, die mit einem in dieser Hinsicht mich quälenden ruhigen {149}Gesichtsausdruck sich hier am richtigen Platze fühlen, wo doch nur der Diener mit dem Brief und kein anderer ein Anrecht hat, aufzutreten – wenn dann also dieser Brief da ist, dann glaube ich ein Weilchen lang, dass ich jetzt ruhig sein kann, dass ich mich an ihm sättigen werde und dass der Tag gut vorübergehen wird. Aber dann habe ich ihn gelesen, es ist mehr darin, als ich je erfahren zu können verlangen darf, Sie haben für den Brief Ihren Abend verwendet und es bleibt vielleicht kaum Zeit mehr zu dem Spaziergang durch die Leipziger Strasse, ich lese den Brief einmal, lege ihn weg und lese ihn wieder, nehme einen Akt in die Hand und lese doch eigentlich nur Ihren Brief, stehe beim Schreibmaschinisten, dem ich diktieren soll, und wieder geht mir Ihr Brief langsam durch die Hand und ich habe ihn kaum hervorgezogen, Leute fragen mich um irgendetwas und ich weiss ganz genau, dass ich jetzt nicht an Ihren Brief denken sollte, aber es ist auch das einzige, was mir einfällt – aber nach alledem bin ich hungrig wie früher, unruhig wie früher und schon wieder fängt die Tür sich lustig zu bewegen an, wie wenn der Diener mit dem Brief schon wieder kommen sollte. Das ist die ›kleine Freude‹, die mir Ihrem Ausdrucke nach Ihre Briefe machen.« [113]
Man spürt hier vor allem Kafkas Freude an der szenischen und gestischen Gestalt, die den Eindruck einer geistesabwesenden Gier so weit mildert, dass Felices Befremden wohl doch noch in amüsierte Faszination überging. Zumal Kafka nun endlich zu erwachen und sich zu erinnern schien, wozu Briefe eigentlich da sind:
»Aber ich antworte gar nicht und frage kaum und alles nur deshalb, weil die Freude Ihnen zu schreiben, ohne dass ich mir dessen gleich bewusst werde, alle Briefe an Sie gleich für das Endlose anlegt und da muss natürlich auf den ersten Bogen nichts eigentliches gesagt werden.«
Ein treffliches Argument. Glücklicherweise besann sich Kafka rechtzeitig darauf, dass ein unendlicher Anlauf nicht zu einem unendlich weiten Sprung führt und dass die Quantität noch so vieler ›uneigentlicher‹ Worte niemals in die Qualität einer einzigen ›eigentlichen‹ Silbe umschlagen würde. Er musste sich endlich vorstellen, musste hervortreten aus der Deckung eines mäandernden Schreibens, das wirkliche Nähe nicht zuließ, solange es sich aus bloßer Imagination nährte.
Doch die Felice, die ihm nun entgegentrat, wollte mit den Erinnerungen an den Abend bei Brod und mit dem Gespinst von Phantasien, das sie umhüllte, nicht recht zusammenstimmen. Das genussvolle Rekapitulieren der ersten Begegnung, das schon bald nach Felices Antwort zu einem Brief im Format einer Abhandlung ausuferte, diente {150}ihm keinesfalls nur – wie so vielen Paaren – der lebensgeschichtlichen Verankerung eines noch unsicheren Wir. Deutlich vernehmbar klang darin auch eine Frage an: ›Sind Sie es noch?‹ Kafka stand das Bild einer lebenstüchtigen, umsichtigen, gelassenen, wahrhaft souveränen jungen Frau vor Augen, ein Bild, das an tiefste Wünsche nach Geborgenheit rührte. Was er aus Berlin zu hören bekam, war die Wirklichkeit einer zwar unbegreiflich leistungsfähigen, aber doch von deutlichen Symptomen der Überforderung geplagten Angestellten.
Felice Bauer arbeitete seit August 1909 bei der Carl Lindström A. G., einer der bedeutendsten deutschen Produktionsstätten für Grammophone und bürotechnische Geräte. Zunächst als Stenotypistin eingestellt, wurde sie später zuständig für den Vertrieb von ›Parlographen‹, der damals technisch avanciertesten Diktiergeräte. [114] Das war eine Tätigkeit, die ihrer sozialen Extrovertiertheit und ›Geselligkeit‹ sehr entgegenkam, die ihr aber auch ermüdende Auftritte auf Verkaufsmessen, Repräsentationspflichten und täglich Dutzende von Gesprächen und Diktaten auferlegte. Gewöhnlich endete ihr Arbeitstag erst um 19 Uhr; bisweilen aber blieb sie noch lange allein im Büro, bis die Mutter rigoros zum Telefonhörer griff und sie nach Hause rief (die Bauers waren up to date und hatten seit kurzem einen eigenen Anschluss). Dennoch hatte sie noch die Kraft zu Nebenjobs, Schreibarbeiten, die sie stundenweise erledigte und bei denen sie die Geschwindigkeit ihrer Finger geltend machen konnte (freilich nur im Zwei-Finger-System, dem damals noch geduldeten ›Tippen‹). Zweimal wöchentlich nahm sie an einer Turngruppe teil, am Wochenende erledigte sie Handarbeiten, zu denen die Mutter sie anhielt, daneben kümmerte sie sich intensiv um die Geschwister. Zum Lesen und Briefeschreiben kam sie überhaupt nur im Bett – den Schreibtisch in ihrem Zimmer mied sie –, und wenn sie Entspannung suchte, blieben kurze Spaziergänge oder gelegentliche Theaterbesuche. Ein Leben, das psychosomatische Reaktionen geradezu herausforderte: Mit Schrecken las Kafka von Felices ständigen Kopfschmerzen, die sie mit Pyramidon und Aspirin bekämpfte, von Übermüdung und schmerzenden Augen, von Albträumen und Weinkrämpfen, die sie scheinbar grundlos überfielen.
Das war nicht die »grosse Ruhe«, von der er geträumt hatte. Und jetzt erfuhr er überdies – es erschien ihm so unglaublich, dass er es nochmals bestätigt sehen wollte –, dass sie Angst vorm dunklen Treppenhaus {151}hatte und abends vom Haustor bis zur Wohnungstür begleitet werden wollte. »Sie, die so ruhig und zuversichtlich scheinen«, schrieb er kopfschüttelnd. Und hatte sie nicht an jenem Abend bei Brod erzählt, wie unangenehm es ihr sei, einsam im Hotel zu wohnen? Kafka verstand nicht – oder verstand vielleicht nur allzu gut –, wie er ausgerechnet dieses Detail hatte vergessen können. Das war nicht mehr die starke Felice, das war ein verängstigtes Mädchen, dem man die Tablettenschachtel wegnehmen und das man an der Hand fassen musste.
Projektionen, gewiss. Doch lässt sich in Kafkas Briefen sehr genau verfolgen, dass Imagination und Wirklichkeit auf weitaus raffiniertere Weise ineinander griffen, als das psychologische Klischee der ›leeren Leinwand‹ suggeriert. Was konnte er tun, da die Berliner Realität sich so rasch und so nachhaltig Geltung verschaffte? Das liebgewonnene Bild von Felice als einer in sich ruhenden Kraftquelle aufgeben? Dieses Bild war ja keine bloße fixe Idee; mit wahrhaft furchterregender Entschlossenheit ertrug sie mehr als er zu seinen schlimmsten Zeiten in der Assicurazioni Generali. Über die profane Kehrseite dieses Lebens hinwegsehen? Das hätte sein Begehren nach lebendiger Nähe geradezu konterkariert. Denn Kafka selbst war es ja, der Fakten und immer wieder Fakten verlangte und damit eine Art Selbstaufklärung betrieb, die jeden Rückzug in allzu regressive Wunschvorstellungen versperrte.
Wie Kafka diesen Konflikt letztlich löste, ist nur zu verstehen, wenn man den Spuren der für ihn charakteristischen bildhaften Logik folgt. Die Fragmente der Wirklichkeit, die er in sich aufnahm, ordneten sich ihm nicht in den übersichtlichen Mustern sozialer oder gar weltanschaulicher Denkformen. Es ist kein Zufall, dass in seinen Tagebüchern, in denen sich ein ganzes Arsenal menschlicher Gesten präzis beschrieben findet, das Wort »typisch« nur ein einziges Mal vorkommt. Kafka typisierte nicht, sondern verdichtete die erfahrene Wirklichkeit in Gestalt signifikanter Bewegungen, Bilder und Szenen. So vergegenwärtigte er sich immer wieder bestimmte Gesten und Blicke, die er an Felice beobachtet hatte, machte gleichsam die Geste zum Substrat der Person. Daher sein süchtiges Interesse an Fotografien, auf denen er die ›starke Felice‹ wiederzuerkennen hoffte. Traten zu seinen Erinnerungen neue Erfahrungen hinzu, so versuchte er, sie in die bereits eingebrannten Bilder zu integrieren, sodass sich nach {152}und nach eine stumme szenische Sequenz herauskristallisierte – etwa so, wie man sich an eine vor langer Zeit verstorbene Person erinnert und dabei fortwährend dieselben wenigen Sekunden vor Augen hat, einen Kurzfilm, der vielleicht aus der Überlagerung ganz verschiedener Augenblicke hervorging.
Kafka hat sich mit Vorliebe der Eigendynamik solcher szenischer Konstruktionen überlassen, und was man häufig die Traumlogik seiner Werke genannt hat, beruht wesentlich auf der unbewussten Wirkung bildhafter Verdichtungen. Diesem Spiel waren jedoch im wirklichen Leben enge Grenzen gezogen. Die Vorstellung einer weinenden Felice war beim besten Willen nicht mit der szenischen Imagination zu vereinbaren, die Kafka aus der Erinnerung eines einzigen Abends herausgesponnen hatte. Das beschäftigte und irritierte ihn so, dass er einmal gar das Weinen als ihren »einzigen Fehler« bezeichnete. Doch was hinderte ihn, diese Schwäche zum Kern einer neuen szenischen Gestalt zu machen?
Genau so kam es, und bereits in den ersten Wochen der Korrespondenz begann unter dem Druck der Wirklichkeit ein ganz anderes Abbild Felices sich herauszukristallisieren, eine, wenn man so will, zweite Projektion, an die sich dann eigene szenische Phantasien anlagerten. »Liebes Fräulein Felice!«, schreibt er Anfang November. »Aber man zerreisst Sie ja vor meinen Augen! Geben Sie sich nicht mit zuviel Menschen ab, mit unnötig vielen?« »Ich bin da ein wenig lehrhaft, ohne von der Sache viel zu wissen und zu verstehn, aber Ihr letzter Brief ist so nervös, dass man das Verlangen bekommt, Ihre Hand einen Augenblick lang festzuhalten.« Eine ›schwache Felice‹ betritt hier die Bühne, der Kafka nur eine Woche später schon sehr nahe gerückt ist: »Merke, Du musst mehr schlafen als andere Menschen, denn ich schlafe ein wenig, nicht viel weniger als der Durchschnitt. Und ich weiss mir keinen bessern Ort, um meinen ungenützten Anteil am allgemeinen Schlaf aufzubewahren, als Deine lieben Augen. Und bitte keine wüsten Träume! Ich mache in Gedanken einen Rundgang um Dein Bett und befehle Stille.« [115]
Auch der Schlaf ist eine Geste. An ihr entzündeten sich Phantasien des Behütens und Bemutterns, die am Bild des selbstbewusst reisenden Fräuleins keinen Halt fanden. Kafka erschrak, als die Schwächen Felices offenbar wurden. Doch anstatt ihre idealisierte Gestalt zu revidieren, verfiel er schließlich auf eine zweite, parallele Imagination, {153}in der sich alles, was schwach an ihr war, bildhaft verdichtete: das schlafende Mädchen.
» … ich könnte nicht ruhig arbeiten, wenn ich weiss, dass Du noch wachst und gar meinetwegen. Weiss ich aber dass Du schläfst, dann arbeite ich desto mutiger, denn dann scheint es mir als seiest Du ganz meiner Sorge übergeben, hilflos und hilfebedürftig im gesunden Schlaf, und als arbeite ich für Dich und für Dein Wohl. Wie sollte bei solchen Gedanken die Arbeit stocken! Schlaf also, schlaf, um wie viel mehr arbeitest Du doch auch während des Tages als ich. Schlaf unbedingt schon morgen schreib mir keinen Brief mehr im Bett, schon heute womöglich nicht, wenn mein Wunsch Kraft genug hat. Dafür darfst Du vor dem Schlafengehn Deinen Vorrat an Aspirintabletten aus dem Fenster werfen.« [116]
Zwei Imaginationen, zwei Bilder des Weiblichen, die Behütende und die Behütete. Ein Widerspruch, eine Ambivalenz, unaufhebbar, solange Kafkas Verschmelzungswunsch sich auf beide Figuren richtete. Er spürte die Spannung, wandte sich mal der einen, mal der anderen zu, je nachdem, in welche Richtung die Fieberkurve ihrer Beziehung zeigte. Und vielleicht war es diese leichte Möglichkeit des Ausweichens, des Übergangs von einer Imago zur anderen, die ihn zu lange daran hinderte, das Versprechen von Nähe, das er fortwährend bekräftigte, auch einzulösen.
Einmal sind sich die starke und die schwache Felice begegnet. Sie schickte ihm ein Kinderbild, auf dem sie als etwa zehnjähriges Mädchen zu sehen war. Kafka war fast zu Tränen gerührt – »Die schmalen Schultern! So schwach und leicht zu fassen ist sie!« –, und sogleich erkannte er, dass dieses Mädchen es war, das, »ohne es bisher erklärt zu haben, sich in Hotelzimmern zu ängstigen pflegt«. Sofort schickte Felice ihm ein weiteres Foto – in kleiner, paradoxer Eifersucht, wer weiß –, das sie als erwachsene Frau in ungezwungener Haltung zeigte. Und plötzlich war sich Kafka nicht mehr sicher:
»Mit der neuen Photographie geht es mir sonderbar. Dem kleinen Mädchen fühle ich mich näher, dem könnte ich alles sagen, vor der Dame habe ich zuviel Respekt; ich denke, wenn es auch Felice ist, so ist sie doch ein grosses Fräulein, und Fräulein ist sie doch keineswegs nur nebenbei. Sie ist lustig, das kleine Mädchen war nicht traurig, aber doch schrecklich ernsthaft; sie sieht vollwangig aus (das ist vielleicht bloss die Wirkung der wahrscheinlichen Abendbeleuchtung) das kleine Mädchen war bleich. Wenn ich zwischen beiden {154}im Leben zu wählen hätte, so würde ich keineswegs ohne Überlegung auf das kleine Mädchen zulaufen, das will ich nicht sagen, aber ich würde doch, wenn auch sehr langsam, nur zum kleinen Mädchen hingehn, allerdings immerfort nach dem grossen Fräulein mich umsehn und es nicht aus den Augen lassen. Das Beste wäre freilich, wenn das kleine Mädchen dann mich zu dem grossen Fräulein hinführen und mich ihm anempfehlen würde.« [117]
Zwei Fotografien in seinen Händen, das Mädchen und das Fräulein. Beide schauten ihn an. Sein Blick wanderte von einer zur anderen, er versuchte, die Bilder zu überblenden. Es gelang nicht, irgendwann würde er wählen müssen.