{182}Die Familie Bauer

Die Menschen sind nicht schlecht, wenn sie viel Raum haben.
Joseph Roth, HOTEL SAVOY

Felice Leonie Bauer, genannt »Fe«, wurde am 18.November 1887 im oberschlesischen Neustadt geboren. Ihr Vater Carl Bauer, der aus Wien stammte, hatte die Tochter eines in Neustadt ansässigen Färbers namens Danziger geheiratet. Die Danzigers waren, wie unter Juden dieser Generation noch weithin üblich, eine kinderreiche Familie mit fünf Söhnen und vier Töchtern. Es ist daher nicht sehr wahrscheinlich, dass Anna Danziger, die bei der Heirat schon über dreißig Jahre alt war, eine nennenswerte Mitgift in die Ehe einbringen konnte. Für die Gründung einer eigenen Unternehmung reichte es jedenfalls nicht: Carl Bauer blieb in abhängiger Stellung, er arbeitete als Vertreter und war häufig auf Reisen, die ihn bis nach Holland und Skandinavien führten. Was er damals verkaufte, ist nicht überliefert; nach der Jahrhundertwende waren es Versicherungen der ›Iduna‹.

Felice war das vierte von fünf Kindern: 1883 kam ihre Schwester Else zur Welt, 1884 der einzige Bruder Ferdinand (›Ferri‹), 1886 wurde Erna geboren, und 1892 – da war die Mutter bereits 42 Jahre alt – folgte noch die jüngste Schwester Toni. Dieser Haushalt muss sehr stark von Frauen geprägt gewesen sein – nicht nur wegen der ständigen, oft viele Wochen dauernden Abwesenheit des Vaters, sondern auch wegen dessen nur schwach ausgeprägtem patriarchalischen Familiensinn. Carl Bauer war ein gutmütiger, aber wenig profilierter Charakter, leicht beeinflussbar, allen Verführungen des Lebens aufgeschlossen, immer zu Späßen aufgelegt, ein Vater, der die Schulaufgaben der Kinder erledigte und ihnen von unterwegs launige Briefe schickte, der bei der Lektüre eines Romans weinen konnte, der aber auch die Freiheiten des ›Außendienstes‹ durchaus zu schätzen wusste. {183}Zweifellos wurde dieser wenig erfolgreiche, aber milde Vater von seinen Kindern nachhaltig idealisiert, denn er bildete den Gegenpol zu einer strengen und dominanten Mutter und hatte immer aufregende Dinge zu erzählen, während Anna die Zwänge des Alltags verkörperte. Diese Mutter verfocht äußerst konservative Vorstellungen über die Rolle der Frau in der Familie, und diese Ideologie hielt sie auch unter völlig veränderten Lebensbedingungen aufrecht und versuchte, sie an ihre Töchter weiterzugeben. Man muss sie sich wohl als typische Vertreterin einer jüdischen Generation des Übergangs vorstellen, die noch in der Orthodoxie wurzelte und einen Restbestand jüdischer Kultur und Familienmoral zu bewahren suchte, während sie gleichzeitig die Normen einer ›christlich‹-bürgerlichen Reputation schon weitgehend verinnerlicht hatte. Rigoros verteidigte sie die Familie als identitätsstiftende Gruppe, Alleingänge versuchte sie zu unterbinden, und die obligatorischen Familienbesuche bei Onkeln und Tanten, die den Zusammenhalt des Clans rituell bekräftigten, waren allemal wichtiger als jegliche Form von ›Selbstverwirklichung‹. Die Lebenstüchtigkeit und Belastbarkeit Felices dürfte ihrem Erziehungsideal genau entsprochen haben – aber sie war unfähig zu der Einsicht, dass die verantwortliche Tätigkeit einer Prokuristin nicht zu vereinbaren ist mit der matriarchalen Tyrannei, der die ewig strickenden und häkelnden Töchter ihrer eigenen Generation ausgesetzt waren. Felice, die während ihres langen Arbeitstags fortwährend mit Männern zu verhandeln hatte, konnte beim Familienurlaub am Strand keinen unbeobachteten und unkommentierten Blick mit prospektiven Verehrern wechseln. Selbst Kafka fragte einmal verwundert, ob denn in der Familie Bauer die wirtschaftliche Selbständigkeit der erfolgreichsten Tochter gar nicht respektiert werde. [147]  

Die Fliehkräfte zwischen traditionell jüdischer Häuslichkeit, bürgerlichen Sozialnormen und der Rationalität der modernen Berufswelt müssen spätestens mit der Übersiedelung der Familie nach Berlin im Jahr 1899 schmerzhaft spürbar geworden sein. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung betrug damals in Groß-Berlin etwa 5 Prozent, in dem Bezirk, in dem sich die Bauers niederließen (der spätere Prenzlauer Berg), mehr als 6 Prozent. Von diesen waren aber nur etwa ein Drittel in Berlin geboren, die Übrigen waren Zuwanderer. Von der aus der schlesischen Kleinstadt gewohnten Homogenität jüdischer Lebens- und Verhaltensweisen konnte hier also keine Rede mehr sein, {184}und in der Synagoge wurden Dialekte gesprochen, die man nie zuvor vernommen hatte. Es ist ein historisch vertrautes Phänomen, dass sich unter Zuwanderern in einer solchen Situation Generationenkonflikte entwickeln, die nicht selten in wechselseitige Entfremdung und Sprachlosigkeit münden: Während die Jüngeren die schockhafte kulturelle Vielgestaltigkeit der Umgebung und die damit verbundenen Freiheiten genießen, klammern sich die Älteren an den Clan und an kultische Traditionen – ein Verhalten, das besonders unter Juden nahe liegt, da ja hier der Kultus wesentlich ist für den Zusammenhalt und die Selbstvergewisserung der Familie. Es ist unwahrscheinlich, dass bei den Bauers in Berlin noch koscher gekocht wurde, doch gehörten sie keinesfalls zu den ›Dreitagejuden‹, die sich nur noch an den höchsten Festtagen im Tempel blicken ließen. Im Bücherschrank standen Schillers Werke einträchtig neben Heinrich Graetz’ VOLKSTÜMLICHER GESCHICHTE DER JUDEN und dem hebräischen Gebetbuch. Noch in den zwanziger Jahren hatte Anna Bauer Funktionen in der jüdischen Gemeinde inne, und dass Kafka keine Glückwünsche zum jüdischen Neujahrsfest übersandte, galt ihr als Affront.

Die wachsende Spannung zwischen Tradition und urbanem Umfeld hätte die Familie Bauer wohl noch stärker belastet, hätten sich den Töchtern bessere Bildungschancen eröffnet. Doch dieser Horizont war institutionell noch eng umgrenzt. Else, Erna, Felice und Toni kamen um eine halbe Generation zu früh, keine von ihnen hatte die Möglichkeit, ein Gymnasium zu besuchen. Erst 1893 – damals war Felice sechs Jahre alt, Else schon zehn – wurde im Deutschen Reich der erste Gymnasialkurs für Mädchen eingerichtet (freilich weder in Breslau noch in Berlin, sondern in Karlsruhe). Zwei Jahre später wurden die ersten Frauen als Gasthörer an Universitäten zugelassen, Frauen zumeist, die mit immens teurem Privatunterricht zum externen Abitur gelangt waren (ein prominentes Beispiel ist Katia Pringsheim, die spätere Ehefrau Thomas Manns). Eine flächendeckende Versorgung mit Bildungseinrichtungen, die Mädchen zur Universitätsreife führten, gab es jedoch erst in den Vorkriegsjahren – zu spät für die Geschwister Bauer, die über Realschule und (vermutlich) Kurse an einer Handelsschule nicht hinauskamen. Sie alle wurden in relativ frühen Jahren berufstätig: Else arbeitete für einen Hungerlohn im Geschäft ihres Onkel Louis, von Erna und Toni wissen wir, dass sie zeitweilig Büroberufe ausübten, wahrscheinlich als Sekretärinnen {185}oder Buchhalterinnen. Ein von Klavierspiel und Tennis ausgefülltes Moratorium zwischen Schule und Ehe, wie in gutbürgerlichen Kreisen üblich, konnten sich die Bauers nicht leisten.

Freilich hätte Ferri, der einzige Sohn, den Weg zum Universitätsstudium einschlagen können. Dieser Hahn im Korb scheint jedoch Freiheiten genossen zu haben, die mit der an höheren Schulen damals geforderten Disziplin nicht zu vereinbaren waren. Verwöhnt und umsorgt, verdichteten sich in ihm die Schwächen des Vaters zu manifest antisozialen Eigenschaften: ein charmanter, gut aussehender Hochstapler, von Felice und wahrscheinlich auch von den anderen Schwestern bedingungslos geliebt, dabei unzuverlässig und die Solidarität der Familie ohne Bedenken ausnutzend. Ferri Bauer reiste als Korsettvertreter durchs Land, ewig knapp bei Kasse, immer wieder angewiesen auf Zuschüsse der Mutter. Es hat sich ein außerordentlich charakteristischer Brief des Siebenundzwanzigjährigen erhalten, in dem er den Eltern gesteht, sich an Kundengeldern vergriffen zu haben und nicht zu wissen, wie er den Tag der Abrechnung bestehen solle (was ihn freilich nicht daran hinderte, kurz zuvor noch einen Erholungsurlaub auf Rügen einzuschalten, ebenfalls auf Kosten der Mutter). Nachdem er beteuert hat, dies sei nun wirklich das letzte Mal, dass er ihre Hilfe in Anspruch nehme, droht er unverblümt mit Selbstmord für den Fall der Ablehnung, um dann der Mutter treuherzig zu versichern: »ich werde es Dir zurückgeben in Bar u. mit dem Herzen«. [148]  Daraus ist wohl nichts geworden, denn dies war noch keineswegs das letzte Mal, vielmehr ein Vorspiel kommender Turbulenzen, deren Ausläufer selbst der weit entfernte Kafka noch zu spüren bekommen sollte.

Fünf moralische Katastrophen bedrohten die bürgerliche Familie der wilhelminischen Ära: offene eheliche Untreue, voreheliche Schwangerschaft einer Tochter, Konflikte mit dem Strafrecht, gelebte Homosexualität und Selbstmord. Jedes dieser Ereignisse konnte für sich die Reputation einer Familie zerstören und sie in der sozialen Hierarchie absinken lassen. Es ist aufschlussreich, dass gerade in jüdischen Familien derartige soziale Debakel weniger häufig vorkamen als in nichtjüdischen – jedenfalls, soweit sich das aus statistischem Material erschließen lässt. Nachweisbar seltener waren Selbstmorde, Ehescheidungen und uneheliche Geburten – zweifellos eine Folge der dichten und weit ausgreifenden Vernetzung jüdischer Familien, die {186}nicht nur für soziale Kontrolle sorgte, sondern auch Möglichkeiten der Entlastung bot. Wer innerhalb der jüdischen Familie Regeln verletzte oder in moralische Konflikte geriet, hatte keineswegs nur die üblichen Verbote, Sprachregelungen und Verdrängungen gegen sich, er musste sich auch einer weitläufigen Verwandtschaft stellen. Andererseits gab es hier auch immer Onkel und Cousinen, denen man sich rechtzeitig anvertrauen konnte, die jedoch weit genug entfernt waren, um nicht unmittelbar eingreifen zu können (man denke an Kafkas ›Madrider Onkel‹). Diese Dynamik von Druck und Entlastung dürfte seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als der Antisemitismus in Deutschland und in Österreich-Ungarn wieder spürbarer wurde, an Bedeutung eher noch gewonnen haben. Denn bürgerliche Juden, die ihrer latent feindseligen Umgebung keine Angriffsflächen bieten wollten, mussten mehr als alle anderen darauf achten, die Spielregeln strikt einzuhalten. »Adoptivkinder müssen doppelt brav sein«, war noch die harmloseste Umschreibung dieses Zwangs zur Konformität, der sich innerhalb der Familien als eine beständige nervöse Sorge fortpflanzte und als gesteigerter Ehrgeiz wieder nach außen abstrahlte. Wenn es um das soziale Ansehen ging, war mit jüdischen Eltern nicht zu spaßen, und jede entspannte Nonchalance war hier fehl am Platz. Das war bei den Kafkas nicht anders als bei den Bauers. Und doch konnte Felices Familie nicht verhindern, dass vier der fünf bürgerlichen Katastrophen sie innerhalb von nur zwei Jahrzehnten tatsächlich trafen.

Kaum zwei Jahre waren verstrichen, seit die Familie Bauer in die Großstadt übersiedelt war, als Felices Vater einen überraschenden Versuch unternahm, seinem vorgezeichneten Lebensabend an der Seite Annas zu entrinnen: Er mietete eine eigene Wohnung im Westen Berlins und richtete sich dort mit einer anderen Frau ein. Zur damaligen Zeit ein unerhörter Coup, der nicht nur den ›Namen‹, sondern auch die ökonomische Existenz der Familie schwer bedrohte. Die tüchtige Felice war zu diesem Zeitpunkt erst vierzehn, und von Ferri, der jetzt zum Sprecher der Familie aufrückte, waren Zuschüsse keineswegs zu erwarten. Ein erhaltener Brief lässt vermuten, dass die Mutter Schulden machte und dass schon nach kurzer Frist die Pfändung der Wohnungseinrichtung drohte. [149]  Glücklicherweise zeigte sich Carl Bauer bereit, Unterhalt zu zahlen; ihn plagte ein schlechtes Gewissen der Kinder wegen, die er bisweilen in seinem Domizil empfing oder bei {187}Aschinger am Alexanderplatz bewirtete. Regelmäßig musste Felice quer durch die Stadt fahren, um beim Vater einige Geldscheine abzuholen, und damit übernahm sie schon früh eine heikle Mittlerrolle zwischen den ungleichen Eltern, eine Funktion, die sie quälte, die ihr aber auch Selbständigkeit gab und abverlangte.

Dieser Schwebezustand endete abrupt nach etwa drei Jahren, als Carl Bauers Geliebte starb. Trauer und Einsamkeit konnte dieser leutselige Mann am allerwenigsten ertragen; hilfesuchend wandte er sich an seine in Wien lebende Schwester Emilie, von der er sich Rat und Trost erhoffte. Ihre Antwort ist überliefert und bietet einen der seltenen Einblicke in intimes jüdisches Krisenmanagement:

»Lieber Bruder!
Ich wundere mich auf daß höchste über deine Mitteilung von dem Ableben deiner Haushälterin, wo ich durchaus gar keinen Anteil nehme, es ist ein Fingerzeig Gottes, das es so gekommen ist eine Person die mit einem verheirateten Manne der fünf Kinder zu ernähren, gar nicht von der Frau zu reden hat gemeinschaftlich gelebt, hat es mit dem Leben gebüßt.
und jetzt eine ernste Aussprache mit dir. du klagst, u jammerst als wenn du eines dieser Familienglieder zu beweinen hättest, u. sagst du weist nicht zu was du dich ferner entschließen wirst, du stehst allein auf der Welt, dem ist nicht so, was ist natürlicher als daß du zu deiner Familie zurückkehrst, die Kinder haben dich alle lieb, u. werden dich mit offenen Armen aufnehmen u. sich freuen den Vater bei sich zu haben. es hängt nur von dir ganz ab. Du brauchst keine zwei Haushaltungen, die viel Geld kosten u. fremde Menschen füttern.« [150]  

Was uns heute als seelische Grausamkeit erscheint, war damals der lebenspraktische Rat einer »dir gutmeinenden Schwester«, die sich um Carls Schicksal aufrichtig sorgte (später übersiedelte sie sogar seinetwegen nach Berlin). Sie tat nichts, als ihn guten Gewissens an den Vorrang sozialer Pflichten gegenüber privaten Gefühlen zu erinnern: Jene waren gottgegeben und unveränderlich, diese flüchtig, ohne Legitimität und außerdem kostspielig. Das Glück der Familie war Maß und Garant für das Glück des Einzelnen: kein Zweifel, dass auch im verwandtschaftlichen Umfeld Anna Bauers und der jungen Felice genau dieser Refrain angestimmt wurde [151]  , und es ist nicht schwer sich vorzustellen, was der resignierte Ehemann zu hören bekam, als er endlich klein beigab und in den Hafen der Familie zurückkehrte.

Ob Kafka jemals vom Sündenfall seines Schwiegervaters in spe erfahren hat? Es ist wahrscheinlich, wenngleich nichts in seinen Briefen {188}darauf hindeutet. Doch liefern der Verlauf dieser Geschichte und die wenigen erhaltenen Zeugnisse aus der Familie einen wichtigen Schlüssel für Felices eigentümlich zwiespältiges, später geradezu inkonsistent erscheinendes Verhalten. Die Imperative einer Familienmoral, für die vor allem die Mutter einstand, hatte sie frühzeitig verinnerlicht; später imponierten ihr aber auch die unbürgerlichen Züge des geliebten Vaters, und die offenen, ›modernen‹ Umgangsformen in der Welt der Angestellten ermöglichten ihr eine gewisse ironische Distanz zu den kleinlichen Bedenken der Familie. Sie genoss es, in der Korrespondenz mit Kafka einen Schonraum der Innerlichkeit zu finden, in dem sie sich frei und ohne Scheu vor Vertraulichkeit äußern konnte: Gefühle, Träume und Erinnerungen versprachen offenbar schon in ihren ersten Briefen jenes Fluidum einer warmen Offenheit, das Kafka für Nähe hielt.

Diese Vertraulichkeit bezog sie jedoch niemals auf den von Grund auf akzeptierten Status des Familienverbands, im Gegenteil: Sobald es ›ums Ganze‹ ging – und bei den Bauers sollte es noch mehr als einmal ums Ganze gehen –, traten die ältesten, am tiefsten verankerten Bindungen wiederum hervor, und Felice konnte sich unvermittelt und gleichsam bewusstlos in den Dienst einer stockbürgerlichen Diskretion stellen. Die Schweigemauern, die Anna Bauer errichtet hatte, traten dann auch Kafka entgegen, vor dem sich plötzlich alle Türen schlossen. Diese Abwendung, die gar nicht ›persönlich gemeint‹ war, sondern lediglich einem übergeordneten ›Gesetz‹ folgte, hat Kafka nicht nur schwer getroffen, er hielt sie auch für so signifikant, dass er sie zu einem zentralen Motiv seines Werks erhob. Die Frauen im PROCESS und im SCHLOSS, die sich dem hilfesuchenden Protagonisten immer nur so lange zuwenden, bis das ›Gesetz‹ sie ruft, sind nicht zuletzt Reflexe dieser Erfahrung.

Wiederholte sich zwischen Kafka und Felice Bauer eine Konstellation, die sie bereits in ihrer eigenen Familie durchlitten hatte? Der Gedanke ist verführerisch, denn zweifellos repräsentierte Felice in dieser Beziehung den mütterlichen Pragmatismus, der auf soziale Sicherheit und Verantwortlichkeit pocht, während Kafka das Projekt der einsamen, asozialen Selbstverwirklichung verfolgte, jene Fluchtlinie, auf der zehn Jahre zuvor Carl Bauer einige Schritte gewagt hatte. Musste sie ihn dafür nicht lieben – entgegen dem eigenen Gesetz?

Die überkommenen Nachrichten aus dem Innern ihrer Familie sind {189}zu spärlich, um mehr als eine Hypothese zu formulieren. Und Kafka hütete sich, die tiefen familiären Bindungen Felices anzutasten. So erfuhr er vielleicht allzu wenig, und ihm entging Wesentliches, das man nicht aus Briefen erfährt. Doch er spürte den Widerstand. Gut gesichert war die Tür zur Wohnung der Geliebten.

Kafka: Die Jahre der Entscheidungen
titlepage.xhtml
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_000.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_001.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_002.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_003.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_004.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_005.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_006.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_007.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_008.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_009.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_010.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_011.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_012.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_013.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_014.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_015.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_016.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_017.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_018.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_019.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_020.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_021.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_022.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_023.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_024.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_025.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_026.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_027.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_028.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_029.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_030.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_031.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_032.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_033.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_034.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_035.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_036.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_037.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_038.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_039.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_040.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_041.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_042.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_043.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_044.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_045.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_046.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_047.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_048.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_049.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_050.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_051.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_052.html
CR!G8B4F2ZC453NX11Q5MZNBQYGN0JT_split_053.html