{335}Der Antrag
Ein neues Blatt darf ich nicht nehmen, sonst ging es ins Unendliche fort …
Goethe an Amalie von Levetzow
Klein, knochig, verschlossen, mit schmalen, verkniffenen Lippen, aufgerichtet wie ein Stock, der Oberkörper geschnürt, die Mitte bewehrt von einer riesigen Gürtelschnalle – als beinahe unglaubhafte Karikatur einer Schwiegermutter erscheint Anna Bauer auf dem einzigen Foto, das sich aus der Vorkriegszeit von ihr erhalten hat. Sie ist die Kleinste der vielköpfigen Familie, die sich zur Gruppenaufnahme an einem Strand versammelt hat, und doch beherrscht sie alle, selbst die neben ihr strahlend lächelnde Felice, die mit ihrem riesigen Modehut sichtlich schon einer anderen Welt zugehört und die dennoch nicht ankommt gegen den streng in die Kamera blickenden Wachtposten an ihrer Seite, auch wenn sie ihn um die Taille fasst.
Diesem ›Drachen‹ – wie man damals unbefangen sagte – stand Kafka erstmals am Pfingstsonntag 1913 gegenüber. Verbeugung war obligatorisch, der Blumenstrauß abgesprochen. Sie blieb steif, beobachtend. Sie wusste genug über ihn, viel mehr als er über sie. Ein mittlerer Beamter, ein Schriftsteller, beides mit mäßigen Aussichten, und überdies meschugge. Warum gerade der? Ein gewiefter Schadchen hätte der tüchtigen Felice ganz andere Chancen eröffnet. Das Mädchen war fünfundzwanzig Jahre alt, vollreif, im besten und begehrtesten Heiratsalter. Sie konnte selbständig wirtschaften und brachte Erspartes mit in die Ehe. Eine Perle auf dem jüdischen Heiratsmarkt. Aber diese Zeiten waren ja wohl vorbei. Felice war eben ein Dickschädel, und einmal sogar hatte sie die widerstrebende Mutter dazu genötigt, dem Prager Bewerber ein Zeichen zu senden. »Gruß Frau A. Bauer« las Kafka am 4.Februar auf einer Postkarte der Geliebten. Das war hart an der Frostgrenze.
Hätte er die Wahl gehabt, er hätte für seinen Antrittsbesuch bei den {336}Bauers sicherlich jedes andere Wochenende vorgezogen. Denn die Familie, und vor allem die rastlose Felice, war mit anderem beschäftigt: Ferdinand, vulgo ›Ferri‹, der verwöhnte Bruder und Sohn des Hauses, verlobte sich mit der Tochter seines Chefs, und aus diesem Anlass fanden in beiden Wohnungen ›Empfangstage‹ statt, an denen das neue Paar den Verwandten und Freunden präsentiert wurde. Hielt sich Kafka von diesen Empfängen fern, so bestand kaum Hoffnung, dass er Felice länger als ein, zwei Stunden zu Gesicht bekam; nahm er daran teil, so musste er Menschen beglückwünschen, die er im selben Augenblick erst kennen lernte, zu schweigen davon, dass es keine Konvention gab, mit der die Bauers seine Anwesenheit hätten erklären können. Doch wieder einmal bewährte sich die soziale Sorglosigkeit Felices, kleine Formfehler schreckten sie nicht im mindesten, und so kam es, dass auch der viel umständlichere Kafka – der allen Ernstes erwog, in Berlin im schwarzen Anzug aufzutreten – seine Bedenklichkeiten schließlich überwand und ihre Einladung annahm.
Die Wohnung in der Emmanuelkirchstraße, Schauplatz so vieler seiner Tagträume, bekam er freilich nicht zu sehen. Es gab sie nicht mehr, denn die Bauers hatten sich ›verbessert‹ und wohnten seit einigen Wochen in der Wilmersdorfer Straße im bürgerlichen Charlottenburg. Kafka konnte das nur recht sein, für ihn zählten jetzt andere Kriterien, allen voran die geringere Entfernung zum ›Askanischen Hof‹, an den er nun einmal gewöhnt war. Die neue Einrichtung der Wohnung, die wahrscheinlich zu Ferris Verlobung erstmals stolz präsentiert wurde, hat er wohl kaum wahrgenommen. Denn er hatte Angst.
Es war sein erster sichtbarer, handgreiflicher Vorstoß in Felices private Welt, sein erster Auftritt, und das Gefühl des Bühnenhaften, der übergestülpten Rolle bedrängte und knebelte ihn. Der Kommentar, den er noch ganz unter dem Bann des Ereignisses liefert, vermittelt gar den Eindruck, als habe er sich in eine expressionistische Kulisse verirrt:
»Wie geht es Deiner Familie? Ich habe einen so verworrenen Eindruck von ihr, es liegt vielleicht daran, dass mir die Familie so sehr den Anblick vollständiger Resignation in Bezug auf mich dargeboten hat. Ich fühlte mich so klein und alle standen so riesengross um mich herum mit so einem fatalistischen Zug im Gesicht (bis auf Deine Schwester Erna, der ich mich gleich näher fühlte). Das entsprach alles den Verhältnissen, sie besassen Dich und waren deshalb gross, ich besass Dich nicht und war deshalb klein, aber so sah ich es doch bloss an, sie doch nicht, wie kamen sie also zu diesem Verhalten, das {337}trotz aller Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft sie beherrschte. Ich muss einen sehr hässlichen Eindruck auf sie gemacht haben, ich will nichts darüber wissen; nur was Deine Schwester Erna gesagt hat, möchte ich wissen, auch wenn es sehr kritisch oder boshaft war. Willst Du mir das sagen?« [297]
Er, der mit seinen 182 Zentimetern alle überragt … »riesengroß« stehen sie um ihn herum: Wieder einmal balanciert Kafka auf dem schmalen Grat zwischen projektiver Halluzination und sozialer Empathie. Dass Erna nicht ganz dazugehört, dass sie weicher ist als die anderen, nachgiebiger, liebebedürftiger, das erkennt er auf den ersten Blick (auch wenn er nicht wissen kann, dass dies alles seine genaue Ursache hat, dass sie erst zwei Wochen zuvor, verborgen vor allen Verwandten, ihre Tochter Eva zur Welt brachte). Geht es hingegen um seine eigene Position, verschattet sich dieser Blick, wendet sich nach innen, und die formelle Verlegenheit, die sich in den Gesichtern spiegelt, empfängt er als gültiges Urteil.
Freilich, die Bauers wussten nicht recht wohin mit dem verlegen lächelnden Mann. Ferri war doch heute der Mittelpunkt, und die allgemeine Erleichterung darüber, dass dieser Filou endlich sichere Gewässer ansteuerte, erzeugte wenig Neigung, sich schon gleich mit dem nächsten, ungleich komplizierteren Fall zu beschäftigen. Peinlich muss es für Kafka gewesen sein – auch wenn er darüber schweigt –, ausgerechnet heute mit einem frisch Verlobten konfrontiert zu sein, der von seinen künftigen Schwiegereltern kaum weniger umschmeichelt wurde als von der eigenen Familie, und diese sonderbare soziale Spiegelung – bei der gleichsam der eine die Sehnsucht des anderen verkörperte – wird wohl auch den Bauers nicht ganz entgangen sein.
Dazu trat noch ein anderes, schwerer einzuschätzendes Moment: Man hatte einen überaus Gebildeten an der Tafel, einen Schriftsteller, der sich nicht ›gewählt‹, aber doch, bei aller Zurückhaltung, originell und feinsinnig ausdrückte, einen Mann, dessen Name auch schon im Berliner Tageblatt zu lesen war, dessen zweites Buch im Druck war und der sich, wie man hörte, mit Leuten duzte, die geradezu in Mode waren. Ganz ohne Eindruck konnte das nicht bleiben in einer Familie, die den Vorbildern des urbanen Bürgertums nacheiferte, die sich jedoch, nach ihrer Übersiedelung aus der schlesischen Provinz, mit allenfalls flickenhafter Bildung kulturell nachsozialisiert hatte. Was Kafka für Fatalismus hielt, war nicht zuletzt das halbbewusste Gefühl eigenen Ungenügens. Sehr wahrscheinlich, dass Felice gerade diesen {338}Vorsprung des Prager Freundes noch eigens herausgestrichen hatte, um die Intensität ihres Briefwechsels zu rechtfertigen, und dabei brauchte sie nicht einmal zu übertreiben.
Denn dass in Kafka »Großes steckte«, wie sie einmal geschrieben hatte, davon war sie nach wie vor überzeugt, und da sie dieses Potenzial viel besser einschätzen konnte als ihre Familie, die ja nur aus zweiter Hand davon wusste, setzte es sie auch in größere Verlegenheit. Für Kafka war es jenseits aller Vorstellungskraft, dass jemand ausgerechnet ihm gegenüber sich klein und unterlegen fühlen könnte; und doch hatte Felice immer wieder solche Anwandlungen, und umso häufiger, je näher die Entscheidung rückte. Sie fürchtete, ihm in einer Ehe nicht zu genügen. Kafka aber griff sich an den Kopf, wenn er dergleichen hörte. »Ich bin ja nichts, gar nichts«, rief er aus [298] – aber was half das, wer wollte denn so etwas wörtlich nehmen, für einen Kretin hätte sie ihn halten müssen, hätte sie all die Selbstverkleinerungen, ja Selbstbeschimpfungen für bare Münze genommen.
So richtete er, ohne es zu bemerken, eine Barriere auf, an der er sich schmerzhaft stieß, sobald er Felice gegenübertrat. Einen gemeinsamen Ausflug nach Nikolassee hatten sie dem Verlobungstrubel abgewinnen können, immerhin. Doch als sie mit ihm allein war, wurde sie still, und wie schon im Grunewald sieben Wochen zuvor ergriff »dieses sonst selbstsichere, raschdenkende, stolze Mädchen eine matte Gleichgültigkeit«. Sie fragte wenig und vermied es, ihm in die Augen zu sehen. [299] Vielleicht bemerkte sie, wie insgeheim auch Kafka, den Mangel an sexueller Attraktion, womöglich spielte Schüchternheit hinein, erotische Unreife, vielleicht auch nur Unerfahrenheit. Wir wissen es nicht. Gewiss aber ist, dass Felice, die zu Hause Kalauer zum Besten gab, die perfekt das Sächseln von Kollegen nachahmte und die im Berliner Witz Entlastung fand, wenn der allseitige Druck gar zu massiv wurde – gewiss ist, das diese »kindische Dame«, wie sie wohl einmal sich selbst charakterisierte [300] , von ihren vitalsten Ausdrucksformen sich abgeschnitten fand. Man alberte nicht herum mit einem fremden Herrn, und schon gar nicht mit einem, der sich auszudrücken verstand wie Kafka und der einen Ernst und eine Dringlichkeit ausstrahlte, die sie niederdrückten. Ja, sie litt unter ihm, da hatte er Recht, aber nicht ein Zuwenig war es, vor dem sie den Blick senkte, sondern ein Zuviel. Kafka war eine Aufgabe, eine Prüfung, aber anders, als er diese Worte verstand. Sie wusste es nicht auszudrücken. Und so verstummte schließlich auch er.
Von Heirat wurde nicht gesprochen. Felices Mutter wunderte sich darüber. Dann habe ja wohl, konstatierte sie, dieser aufwendige Besuch weder Sinn noch Zweck gehabt. Das erfuhr nun wieder Kafka, dem das Schlusswort blieb: »Deiner Mutter sag: Sinn und Zweck hatte die Reise, aber keinen Menschen, der sie ausführte.« [301]
Felix Weltsch, den Kafka jetzt beinahe öfter sah als Brod, hatte einen glänzenden Einfall. »Du brauchst einen Curator«, sagte er, als sie sich am Ufer der Moldau trafen. Einen Vormund also. Ein Gedanke, der Kafka sogleich einleuchtete. Denn alle Entscheidungen zu delegieren, alles los zu sein mit einem Schlag, das war die einzige konkrete Form der Erlösung, die er sich noch vorstellen konnte. Wo aber war der Curator, der diesen Knoten hätte lösen können? Das Büro, das Schreiben, die Ehe. Kündigte er seinen Posten in der Versicherung – eine Versuchung, mit der er jetzt beinahe täglich zu kämpfen hatte –, so war es noch höchst zweifelhaft, ob mit der Freiheit zu schreiben auch die Fähigkeit zurückkehren würde, während alle Träume von Ehe und Familie in unabsehbare Ferne rückten. Auf Felice verzichten? Er wagte nicht, diese Niederlage und die darauf folgende, wahrscheinlich dauernde Einsamkeit sich vor Augen zu stellen. Das Schreiben rationieren, zurückstutzen auf eine Art Hobby, »mit Maß und Ziel«, wie Felice es sich vorstellte? Das war, äußerlich betrachtet, das Naheliegende. Außer Briefen schrieb er doch schon seit Monaten nichts mehr – und lebte dennoch. Doch dieser Durst war unerbittlich, und Kafka wusste, dass er, vor die allerletzte Wahl gestellt, sich eher gegen das Leben als gegen das Schreiben entscheiden würde.
Es ist befremdend – und berührt auch den konzilianten Leser nicht eben angenehm –, wie Kafka in kritischen Situationen sich tatsächlich immer wieder unter Kuratel stellt und damit von eigener Verantwortung zu entlasten sucht. Schon wieder lässt Felice eine volle Woche lang nichts von sich hören – was tut Kafka? Er klagt darüber so lange seinem Freund Max, bis dieser Erbarmen zeigt und in Berlin interveniert, wie nicht zum ersten Mal. Warnungen vor gesundheitlichen Malaisen, selbst Anspielungen auf sexuelle Unzulänglichkeit tut sie leichthin ab, ja, sie scheint nicht einmal zu verstehen, dass sie in einer Ehe von diesen Problemen tangiert wäre – was tut also Kafka? Er beschließt, an ihren Vater zu schreiben, an den gutmütigen Carl Bauer, den er von einem einzigen formellen Zusammentreffen kennt, der sich {340}Kafkas Probleme nicht im Entferntesten ausmalen kann, ausgerechnet ihn will er um Rat bitten und – man glaubt, nicht recht zu lesen – um die Adresse eines vertrauenswürdigen Arztes. Und es kommt noch schlimmer. Dieser Brief, so verspricht Kafka, soll natürlich erst durch die Hand Felices gehen, denn »ich will mich nicht hinter Deinen Vater stecken«. Aber kurz darauf muss er gestehen, dass er noch eine weitere Leserin hinzugezogen hat, nämlich seine Mutter, bei der doch, wie er eben noch versichert hat, »in ihrer nur auf mich und den Augenblick eingeschränkten Kurzsichtigkeit … kein Rat zu holen« ist. [302]
Es ist seine persönlichste Angelegenheit, und dennoch zieht er andere mit hinein, ebenso berechnend wie naiv, als sei der intime Radius, den er auf engstem Raum sich hatte erkämpfen müssen, die spielerische Abgrenzung eines Kindes gewesen, eine Linie im Sand. Man muss darin wohl ein Symptom der Überforderung sehen. Kafka regrediert, er greift nach dem nächstbesten Strohhalm: Max, Ottla, Julie. Er ist umgeben von Menschen, die, wenn nicht fähig, so doch willens sind, ihm zu helfen. Das ist eine Versuchung, unleugbar, und sie ist dort am größten, wo Hilfe ohne jeden reflexiven Vorbehalt, ja beinahe instinktiv geboten wird. Doch an einem Menschen kann man sich nicht aufrichten wie an einer Wand. Der Helfer will handeln, und er folgt dabei seinem eigenen Kopf. Das ist die Lektion, die Kafka jetzt endlich lernen wird, schmerzhaft.
8.Juni 1913: Die Entscheidung ist gefallen. Kein Zweifel, dass die wenigen, die davon wussten, Kafka zugeredet hatten. Er musste aktiver werden, verbindlicher. Man kann einen Menschen nicht hinhalten, bis der Zeiger der inneren Uhr endlich vorrückt; die äußere, die soziale Zeit verrinnt, und sie nagt an allen Beziehungen umso nachhaltiger, je unklarer diese sich selber sind. Es gibt Handlungsmuster, die diesem Verfall vorbeugen und die man nicht straflos außer Kraft setzen kann. Auch für das Werben um eine Frau gibt es solche Muster, ein verborgenes Flussdiagramm gleichsam, an dem Beteiligte und Zuschauer ablesen können, wie weit das Spiel gediehen ist und wer aktuell die Verantwortung dafür trägt, dass es ›weitergeht‹. Mittels Briefen hatte man sich abgetastet und schätzen gelernt; ein Präludium, das schon allzu lange dauerte. Dann das erste Gespräch, der Spaziergang im Grunewald. Dann die Einladung Felices, sich ihrer Familie zu präsentieren. Äußerlich war alles gut verlaufen, die Bahn war frei. Doch die unvermittelt {341}einsetzende Flaute, das befangene Schweigen der Geliebten nebst einigen kleinen, kaum misszuverstehenden Anspielungen ließen keinen Zweifel daran, dass nun ›der Mann‹ am Zug war.
Es schien ihm, als öffnete sich überraschend eine Tür, und dahinter lag undurchdringliches Dunkel. Er zwang sich hinzusehen. Endlich setzte er sich an den Schreibtisch, ergriff die Feder und nahm Anlauf.
»Du erkennst doch schon gewiss meine eigentümliche Lage. Zwischen mir und Dir steht von allem andern abgesehn der Arzt. Was er sagen wird ist zweifelhaft, bei solchen Entscheidungen entscheidet nicht so sehr medicinische Diagnose, wäre es so, dann stünde es nicht dafür sie in Anspruch zu nehmen. Ich war wie gesagt nicht eigentlich krank, bin es aber doch. Es ist möglich, dass andere Lebensverhältnisse mich gesund machen könnten, aber es ist unmöglich diese andern Lebensverhältnisse hervorzurufen. Bei der ärztlichen Entscheidung (die, wie ich schon jetzt sagen kann, nicht unbedingt für mich Entscheidung sein wird) wird nur der Charakter des unbekannten Arztes entscheiden. Mein Hausarzt z.B. würde in seiner stupiden Unverantwortlichkeit nicht das geringste Hindernis sehn, im Gegenteil; ein anderer besserer Arzt wird vielleicht die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Nun bedenke Felice, angesichts dieser Unsicherheit lässt sich schwer das Wort hervorbringen und es muss sich auch sonderbar anhören. Es ist eben zu bald, um es zu sagen. Nachher aber ist es doch auch wieder zu spät, dann ist keine Zeit mehr zur Besprechung solcher Dinge, wie Du sie in Deinem letzten Brief erwähnst. Aber zu langem Zögern ist nicht mehr Zeit, wenigstens fühle ich das so und deshalb frage ich also: Willst Du unter der obigen leider nicht zu beseitigenden Voraussetzung überlegen, ob Du meine Frau werden willst? Willst Du das?« [303]
Angesichts der Unsicherheit zu früh. Zur Besprechung der Dinge zu spät. Unter der obigen Voraussetzung. Das war Krampf, beinahe das Gespenst eines Amtsschreibens. Kafka bemerkte es, stockte, ließ den angefangenen Brief tagelang liegen.
Dann raffte er sich wieder auf. Die Verantwortung war zu groß, um Felice in einem solchen Nebel allein zu lassen, und darum begann er, noch einmal alle Konsequenzen ihr vor Augen zu führen, die sie mit einem ›Ja‹ heraufbeschwören würde: das Zusammenleben mit einem zutiefst unreifen, unzufriedenen, einsamen, selbst gegenüber Freunden befangenen, sozial unfähigen Menschen, der Verlust der vertrauten Umgebung, des Berufs, der Freundinnen – und all dies ohne Aussicht auf die Freuden der Mutterschaft. Daneben der Verzicht auf manche Bequemlichkeit: Kafka beziffert sein Einkommen, erwähnt {342}seinen Pensionsanspruch, von den Eltern hat er wenig Vermögen zu erwarten, »von der Literatur gar nichts«. Alles breitet er noch einmal aus, eindringlich und präzis, selbst Metaphern meidet er diesmal, denn niemand soll sagen können, er habe die geringste Unklarheit gelassen. Schließlich, auf der letzten von achtzehn Seiten, bittet er um ausführliche Antwort, und wenn nicht ausführlich, so wenigstens »klar, wie es Deinem doch im Grunde klaren, nur durch mich ein wenig getrübten Wesen entspricht«.
Kafka setzte seinen Vornamen darunter, grußlos, und schloss den Brief. Länger als eine Woche hatte sein Hirn daran gearbeitet, nun war es genug. Es war der Nachmittag des 16.Juni, ein Montag. Ungewohnt still war es in der Kafkaschen Wohnung; Ottla war im Geschäft, die Eltern erholten sich seit zwei Wochen in Franzensbad. Kafka kleidete sich nochmals an, er hatte versprochen, in der familieneigenen Galanteriewarenhandlung ab und zu nach dem Rechten zu sehen, angeblich war es günstig, wenn das Personal wenigstens den Sohn des Chefs, den Herrn Doktor, zu sehen bekam; weiß Gott, was sich der Vater davon versprach. Den Brief würde er dann später zur Post bringen.
Doch gerade heute gab es etliches zu tun, und als Kafka endlich aus dem Geschäft trat, den schweren Brief in der Hand, waren alle Ämter längst geschlossen. Blieb der Staatsbahnhof: Dort konnte man selbst in letzter Minute noch Post am Gepäckwagen des Berliner Schnellzugs abgeben. Er machte sich auf den Weg, mit gewohnt langem Schritt. Da sprach ihn ein Bekannter an, verwickelte ihn in ein flüchtiges Gespräch. Was denn wohl in dem auffallend dicken Briefumschlag sei, wollte er wissen. »Ein Heiratsantrag«, antwortete Kafka. Und beide lachten.
Die Biographen sind sich einig: »Es ist der sonderbarste aller Heiratsanträge«, schreibt Canetti, und noch deutlicher wird Pawel: »Es fällt schwer, sich einen abschreckenderen Heiratsantrag vorzustellen.« [304] Das ist wahr. Und vergegenwärtigt man sich, dass Kafkas trostlose Bestandsaufnahme dem äußeren Zweck diente, eine Entscheidung herbeizuführen, die das Leben zweier Menschen auf Jahrzehnte hinaus bestimmen sollte, so darf man hinzufügen: eine Zumutung. Hat man denn überhaupt jemals einen ›Antrag‹ gesehen, der sich darin erschöpft, plausible Gründe für seine Ablehnung aufzuzählen?
Wer heute Kafkas »Abhandlung« liest – wie er selbst seinen Brief nennt –, der wird sich kaum des unguten Gefühls erwehren können, Zeuge einer Verirrung zu sein. Woher kommt das? Vor allem daher, dass alles, was Kafka hier vorbringt, so offenkundig gut gemeint ist. Er will nichts falsch machen, will sichergehen, dass die Geliebte nicht eine folgenschwere Entscheidung aufgrund falscher Voraussetzungen trifft. Ihr wohlverstandenes Interesse beschäftigt ihn mehr als sein eigenes, und bedenkt man, was für ihn selbst auf dem Spiel steht, so muss man einräumen, dass er uneigennütziger kaum hätte handeln können. Aus moralischer Sicht ist alles in Ordnung. Doch diese Moral macht sich breit in Gestalt peinigender neurotischer Bedenklichkeiten, deren bloße Zahl den Ernst des ganzen Unternehmens in Frage stellt.
Unleugbar trägt Kafkas Heiratsantrag den Makel einer bizarren Komik, vergleichbar den gewissenhaften Übungen eines Trockenschwimmers. Heillos klaffen Form und Inhalt auseinander. Kafka begreift, dass er sich einer sozialen Schablone anbequemen muss, der Form des Antrags: » … deshalb frage ich also … « Dieser Antrag jedoch enthält ein ›Begehren‹, über das nur im dunkelsten Kern eines Menschen entschieden werden kann. Er wird es wenig später ausdrücklich bekräftigen: »nur um Innerstes kann es sich handeln, wenn wir zusammen leben wollen«, schreibt er. »Die Richtung und das Urteil dafür muss jeder von uns in sich finden.« [305] Erneut bezieht Kafka hier die radikalste Position eines ›romantischen‹ Liebesideals, das die Verbindung von Mann und Frau in reiner Innerlichkeit zu verankern sucht. Welchen Wert hätte dann aber ein ›Antrag‹, in dem dieses Innerste nicht vorkommen darf? Und kann es überhaupt ein ›Formular‹ geben, auf dem Platz wäre für dieses Innerste? Kafka schafft sich diesen Platz. Wie jemand, der in der Rubrik ›geb.‹ nicht bloß sein Geburtsdatum einträgt, sondern darüber hinaus noch den Grund, den Verlauf und die Umstände der Geburt. Ebenso komisch, und ebenso wahrhaftig.
Natürlich ist diese Wahrhaftigkeit bezweifelt worden. Allzu nahe liegt der Einwand, Kafka habe – unbewusst, halbbewusst – eine Ablehnung herbeireden wollen, um den aus eigener Kraft offenbar nicht zu entscheidenden Kampf zwischen Ehe und Literatur durch ein Machtwort von außen endlich zu beenden. Das ist richtig, aber falsch, möchte man antworten. Denn ein formelles Nein, das wohl gleichbedeutend mit dem Abbruch der Beziehung gewesen wäre, hätte ihn in Verzweiflung gestürzt – daran kann es angesichts der libidinösen Abhängigkeit, {344}in die er sich begeben hatte, keinen Zweifel geben. Er wollte angenommen werden, aber als der, der er war, in voller Bewusstheit und aus innerster Notwendigkeit. Was er aber vor allem ersehnte, und was allein ihn glücklich gemacht hätte, war ein Aufschub – freilich nicht, wie schon seit Monaten, als eine unsichtbaren Gesetzen unterworfene Hemmung, die niemand verstand, nicht einmal er selbst, und die infolgedessen auch von Felice bestenfalls mit Achselzucken, wahrscheinlicher aber mit wachsendem Überdruss beobachtet wurde. Nein, einen einvernehmlichen Aufschub wünschte er sich, ein mit Einsicht und daher unter Wahrung seiner Würde gewährtes Moratorium. ›Lass uns mit allem warten, bis Du wieder schreiben kannst – und in der Zwischenzeit machen wir gemeinsam Sommerferien.‹ Warum konnte Felice nicht diesen Satz aussprechen? Weil sie nicht verstand, dass Kafka zugleich noch eine andere Entscheidung erwartete, eine Entscheidung, für die es keine Muster, keine Formulare, keine Anträge gab.
»Die ungeheuere Welt, die ich im Kopfe habe. Aber wie mich befreien und sie befreien ohne zu zerreissen. Und tausendmal lieber zerreissen, als sie in mir zurückhalten oder begraben. Dazu bin ich ja hier, das ist mir ganz klar.«
Dies notiert Kafka im Tagebuch, nur wenige Tage nach seinem Antrag, und es ist ihm so wichtig, dass er es noch am selben Tag öffentlich macht: »dass nämlich das Schreiben mein eigentliches gutes Wesen ist. … Hätte ich dies nicht, diese Welt im Kopf, die befreit sein will, ich hätte mich nie an den Gedanken gewagt, Dich bekommen zu wollen.« [306] Das überraschende und in dieser Eindeutigkeit ganz neue Bekenntnis einer Berufung. Zehn Jahre zuvor hatte er noch beinahe das Gegenteil behauptet, augenzwinkernd in allem Unglück: »Gott will nicht, dass ich schreibe, ich aber, ich muß« [307] . Wahrhaftig, ein weiter Weg war es von dort. Plötzlich war er sicher: Er hatte den Auftrag. Wo aber waren die Kräfte, ihn auszuführen? Wie weit lag sie zurück, die eine durchschriebene Nacht? Kafka horchte nach innen.
Da sagte Felice Ja. Keine zwei Tage hatte sie dazu gebraucht, zwei Tage, in denen unter Kafka der Boden schwankte. Jetzt hörte er dieses Ja wie im Traum. Wusste sie denn, was sie tat? Nein, sie wusste es nicht. Sie verstand den Antrag und überlas die Fußnoten. Freilich, was er über seine Gesundheit schrieb, machte sie nun doch nervös; konnte {345}er denn nicht endlich sagen, worauf das hinaussollte? »Lassen wir das!«, schrieb sie ungeduldig. Und jene Aufzählungen all dessen, was gegen ihn sprach … nun ja, sie glaube ihm, aber seine Selbstbezichtigungen seien eben doch »zu schroff«. So ängstlich sei sie nicht, um sich davon abhalten zu lassen. Und die Opfer, die sie bringen würde, die Verluste, die er ebenso penibel aufgelistet hatte? Dafür bekomme sie ja auch etwas, nämlich – man wagt kaum, sich Kafka vor diesen Zeilen vorzustellen – »einen guten lieben Mann«.
Verblendung, so könnte es scheinen. Doch damit nähme man die konventionelle Bürde derartiger Briefe allzu leicht. Ein ernstzunehmender Bewerber hatte einen Antrag gestellt, an Fräulein Bauer war es nun, den positiven Bescheid auszufertigen – das waren Aufgaben, für die noch eine Generation zuvor (zum Beispiel bei den Kafkas und Löwys) Ratgeber hinzugezogen und vorfabrizierte Textbausteine verwendet wurden. Es ist kein Wunder, dass ihr Floskeln unterlaufen, die Kafkas gebieterischem Anspruch auf authentische Innerlichkeit nicht im Entferntesten genügen. Doch naiv war sie nicht, und sie hätte wohl kaum zugestimmt, wenn sie nicht aus Kafkas unendlichen Selbstzweifeln das Moment der Wahrhaftigkeit und des Verantwortungsbewusstseins herausgespürt hätte. Aber sie sah auch das Fremde, Inkompatible, Verschlossene: Es sei durchaus denkbar, hatte sie ihn gewarnt, dass er ein Zusammenleben mit ihr gar nicht ertragen würde. Und als er ihr noch einmal ausmalte, welche soziale Isolation sie in ihrem neuen Leben in Prag erwartete – eine noch einmal genussvoll verschärfte Version seiner Kellerphantasie –, da spielte sie den Ball unbeeindruckt zurück: Gewiss, ein Leben wie das, womit Kafka drohte, würde ihr »recht schwer werden«. »Aber so zurückgezogen zu leben, ob Du das könntest, weißt Du nicht.« »Ob ich Dir alle Menschen ersetzen könnte, weißt Du nicht.« Das traf ins Zentrum seiner Projektionen und war schon beinahe gewitzt. [308]
Er überforderte sie, er wusste es. Seine eigenen Grenzen waren ihm weniger deutlich. Mit virtuoser Empathie spielte er durch, welche Verluste eine Ehe mit ihm, dem Elenden, für jenes bürgerliche ›Mädchen‹ nach sich ziehen würde. Auf die Überlegung, was eine Heirat für Felice überhaupt bedeutete, verfiel er hingegen nicht. Natürlich würde sie auf sein berufliches Fortkommen drängen, natürlich würde sie Kinder wollen, natürlich würden Eltern, Geschwister, Verwandte ein und aus gehen, wie denn nicht? Es war das Selbstverständliche, und wie {346}rasch und zufrieden man sich in ein solches Leben fand, sah er an Elli und Valli, den verheirateten Schwestern. Doch dieser Schluss war voreilig, und hätte Kafka die in Felices Schilderungen wahrlich nicht zu übersehenden Signale einer längst unterminierten, bröckelnden Normalität ernster genommen, so wäre die große Angst vielleicht ein Stück weit gewichen.
Gerade, was ihn besonders quälte, hätte ein Hinweis sein können: Felices Schweigepausen, die häufig eintraten, wenn sie sich von zu Hause entfernte, zur Ausstellung nach Frankfurt, zur Erholung an die See, zur Schwester Erna nach Dresden und später nach Hannover. Gerade das Neue, das Fremde bringt doch gewöhnlich zum Sprechen; Felice hingegen schickte von unterwegs nichtssagende Postkarten, während ihr der vertraute Anblick der Familie das Bedürfnis nach Briefen, nach täglicher Aussprache einflößte. Das Merkwürdige dieses gleichsam antizyklischen Verhaltens entging offenbar Kafka gänzlich. Man wird hier über Vermutungen nicht hinausgelangen, doch der Gedanke liegt nahe, dass Kafka für Felice Bauer ein psychischer Kanal nach draußen war, der Schlüssel zu einer Tür, ein Gegenpol zu den fortdauernden Spannungen und der bedrängenden Verantwortlichkeit innerhalb des Familienclans. Felice wollte – nicht anders als Kafka – hinaus, und wenn sie schon einmal draußen war, probehalber gewissermaßen, so gedachte sie seiner weniger. Die Aussicht auf eine Ehe mit ihm eröffnete aber die Chance, das eine zu bekommen, ohne das andere zu lassen: in stabilen, gemütlichen und reputierlichen Verhältnissen zu leben und dennoch im Freien zu sein, draußen, wo man sich rühren konnte, wo es interessant war. Und der Preis, von dem Kafka immerzu sprach? Nun, was Anpassung war, das wusste sie zur Genüge, und es schreckte sie nicht. ›Ich werde mich an Dich gewöhnen‹, schrieb sie. [309]
Der Zug war in Bewegung. Kafka versuchte noch, das Tempo zu drosseln – sie habe noch längst nicht alles gründlich durchdacht, solle doch ausführlicher und »haargenau« auf seine Bedenken eingehen –, aber er hatte Realitäten geschaffen, die stärker waren als alle Imagination. Am 1.Juli erkannte er sie an:
»Es gab nur dreierlei Antworten: ›Es ist unmöglich und ich will deshalb nicht‹ oder ›Es ist unmöglich und ich will deshalb vorläufig nicht‹ oder ›Es ist unmöglich, aber ich will doch.‹ Ich nehme Deinen Brief als Antwort im Sinne der dritten Antwort (dass es sich nicht genau deckt, macht mir Sorge genug) und nehme Dich als meine liebe Braut. Und gleich darauf (es will sich nicht halten lassen) aber womöglich zum letztenmal sage ich, dass ich eine unsinnige Angst vor unserer Zukunft habe und vor dem Unglück, das sich durch meine Natur und Schuld aus unserem Zusammenleben entwickeln kann und das zuerst und vollständig Dich treffen muss, denn ich bin im Grunde ein kalter eigennütziger und gefühlloser Mensch trotz aller Schwäche, die das mehr verdeckt als mildert.«
Nein, zum letzten Mal hörte Felice dies nicht. An was sollte sie sich nun halten? Kafka war erregt, noch immer sprach er von Unmöglichkeiten. Doch das gelebte Leben würde ihn widerlegen, und er würde sich beruhigen. Sie war seine Braut.
Kafka aber ging an diesem Abend ins Kino. Er sah sich die Wochenschau an, dann drei Kurzfilme, den üblichen Klamauk. Besonders lustig: ›Nur einen Beamten zum Schwiegersohn‹. Man darf annehmen, dass er mitlachte. Zu Hause dann nahm er noch einmal das Tagebuch vor. »Der Wunsch nach besinnungsloser Einsamkeit«, schrieb er. [310]
Was die Sozial- und Politikwissenschaft als ›normative Kraft des Faktischen‹ seit langem beschäftigt, hat Wurzeln im Psychischen, deren Tiefe noch längst nicht ausgelotet ist. Eine Pflicht erfüllt zu haben beruhigt, und die Erfüllung will nichts wissen vom Was und Warum. Sozialer Druck, äußere Widerstände, Sachzwänge, ja selbst materielle Not wecken eine stumpfe, allem Zweifel und aller Reflexion massiv entgegenwirkende psychische Energie, der gern sich anvertraut, wer nicht mehr nachdenken will. Das ›Gegebene‹, und sei es noch so trostlos, ist von geheimer, schäbiger Attraktivität, weil es von Verantwortung entbindet, von der Last der Freiheit und der Erinnerung; man kennt das aus Nachkriegszeiten. Aber auch die forcierte Umtriebigkeit, mit der etwa Hochzeiten – und gerade die fragwürdigsten – bis in die letzten Einzelheiten besprochen und organisiert werden, offenbart dieses Moment der Abwehr häufig schon dem flüchtigsten Blick. Als käme alles darauf an, den feinen, doch Unheil verheißenden Spalt zwischen dem, was zu tun ist, und dem, was als Nächstes zu tun ist, vollends und endgültig zu schließen.
Vielleicht vertraute auch Felice Bauer darauf, dass Kafka nun etwas zu tun bekäme. Offene Entscheidungen verleiten dazu, in grellen Farben sich auszumalen, was kommt; Entscheidungen hingegen, die {348}schon getroffen sind, zwingen zum Handeln. Das wusste natürlich Kafka, und den fürchterlichen Hürdenlauf, der ihm jetzt bevorstand, hatte er wohl schon oft genug antizipiert – dafür sorgten nicht zuletzt seine ›Curatoren‹ Brod und Weltsch. Auch hier aber gilt es, sehr genau hinzuhören: Allzu leicht vermitteln ja Kafkas Briefe den Eindruck, die buchstäblich bis in den Schlaf ihn verfolgenden selbstquälerischen Phantasien und Zweifel hätten ihn sozial paralysiert und er habe zur Ehe überhaupt kein praktisches Verhältnis gefunden. Man traut ihm schlechtweg nicht mehr zu, dass er etwas in Bewegung setzt. Doch dieser Eindruck täuscht: Nur selten sprach Kafka über das, was ohnehin von ihm erwartet wurde – das war ja die Art von Trotz, die er auch gegenüber dem Büro zeigte –, aber er tat es dann dennoch. So begann er, kaum war Felices Jawort eingetroffen, in Prag ein geeignetes Domizil zu suchen; ohne lange Überlegung wurde er Mitglied einer Baugenossenschaft und nahm auch sogleich sein Recht wahr, sich eine Wohnung zu reservieren – die allerdings erst im kommenden Jahr bezugsfertig sein sollte. Felices Überraschung dürfte nicht geringer gewesen sein als die unsre.
Ungleich schwieriger war allerdings der nächste Schritt: Man musste es den Eltern beibringen, und dafür galt es, eine Form zu finden, die einerseits feierlich genug war, andererseits aber die Peinlichkeit einer ausdrücklichen Bitte um Zustimmung vermied. Denn selbstverständlich konnte Kafka heiraten, wen er wollte, und auch Felice war längst ›großjährig‹; kaum vorstellbar, dass einer von beiden sich durch ein Nein der Eltern wirklich hätte hindern lassen. Doch beide diskutierten ohne jede Ironie darüber, wer welchem Elternteil der Gegenpartei zuerst schreiben sollte und ob es notwendig sei, Hermann Kafka zur offiziellen Kontaktaufnahme nach Berlin reisen zu lassen (Felice war dafür). Viel später, im BRIEF AN DEN VATER, wird Kafka sogar die patriarchale Option des »Verbietens« ausdrücklich erwähnen.
Das befremdet und scheint mit der geistigen Unabhängigkeit, aus der es formuliert ist, gar nicht zu vereinbaren. Doch der heutige Konsens darüber, dass Entscheidungen über Partner, Lebensform und Reproduktion als allerprivateste zu respektieren sind, war für Menschen, die noch tief im 19. Jahrhundert wurzelten, im besten Fall eine Vernunfteinsicht, im schlimmsten und häufigsten Fall jedoch ein Zeichen moralischen Niedergangs. Realität war, dass, wer sich fortpflanzt, damit zugleich den Organismus der Familie erweitert und anreichert. {349}Wer ein fremdes Element an diesen Organismus andockt, ist der Familie Rechenschaft schuldig und räumt ihr das Recht ein, jenes Element nach eigenem Gutdünken aufzunehmen oder abzustoßen – wie auch die Familie die selbstverständliche Pflicht hat, das neue Element, ist es einmal aufgenommen, notfalls aus eigenen Mitteln zu erhalten. Der Kopf dieses Organismus aber ist, solange er lebt, der Vater.
Diese Logik war noch im Bürgertum der Vorkriegszeit derart wirkungsmächtig, dass man nur mit größter Vorsicht von einer ›symbolischen‹ Ordnung sprechen sollte. Es ist dies die psychosoziale Tiefenschicht, von der auch Kafkas Erzählung DAS URTEIL handelt, eine Schicht, die heute verschüttet ist, die damals jedoch von einem nur hauchdünnen Firnis aufgeklärter Rechtspraxis überzogen war. Die wirkliche, lebenspraktische Macht der Eltern auch den erwachsenen Kindern gegenüber reichte weitaus tiefer als die des Bürgerlichen Gesetzbuchs, und das jüdische Clanbewusstsein wirkte hier gleichsam noch als Verstärker.
Natürlich sprach man am sonntäglichen Mittagstisch weder vom Organismus noch von dessen Fortpflanzung, sondern vom ›Namen‹ der Familie, ›unserem guten Namen‹. Dieses schwer zu definierende, gewissermaßen platonische Substrat hatte, wie alle wussten, äußerst vertrackte Eigenschaften und bedurfte fortwährender Pflege. Um einen guten Namen zu erwerben, brauchte es Jahre, und alle mussten zusammenwirken; ruinieren konnte man ihn an einem Tag, und ganz auf eigene Rechnung. Der gute Name ließ sich durch sozialen Aufstieg verbessern, doch gerade diejenigen, die ganz oben waren, bedurften seiner am wenigsten. Arm zu sein verschlechterte den Namen, ein irregulärer Lebenswandel jedoch ebenso, und nicht immer war klar, was schwerer wog. Diese eigentümliche Doppelnatur des guten Namens war schon gleich der erste Fallstrick, über dem Kafka, der Bräutigam, ins Straucheln geriet.
Es war der 3.Juli 1913, Kafkas dreißigster Geburtstag. Ein Bürotag wie jeder andere. Doch als er am frühen Nachmittag nach Hause kam, war es dort stiller als sonst: Der Vater war aufs Land gefahren, und so saß ihm am Esstisch allein die befangen-feierlich gestimmte Mutter gegenüber. Eine gute Gelegenheit, den Spielregeln Genüge zu tun und den großen Entschluss nun endlich zu vermelden. Ja, er habe jetzt eine Braut, sagte er – im klaren Bewusstsein, dass dies eher das Aufziehen {350}einer Fahne als eine wirkliche Neuigkeit war. Gewiss war dieser Tag längst erwartet worden, hatte der Familienrat, sobald er außer Hörweite war, schon mehr als einmal getagt. Doch dort war, wie sich nun herausstellte, keineswegs nur palavert worden. Man hatte Beschlüsse gefasst, und längst waren die Stacheln aufgerichtet. Es war, als habe Kafka einen Nerv berührt, den Nerv jenes Organismus, der ›Familie‹ heißt – und der Reflex kam ohne Verzögerung:
»Die Bitte war, ich möchte ihr erlauben, Erkundigungen über Deine Familie einzuziehn; bis die Nachricht kommt, bleibe mir ja noch immer die Freiheit nach meinem Willen zu handeln, sie würden mich darin nicht hindern und nicht hindern können, aber jedenfalls solle ich mit dem Brief an Deine Eltern bis dahin warten. Ich sagte darauf, wir seien ja schon verbunden, jedenfalls sei der Brief an die Eltern eigentlich kein weiterer Schritt. Die Mutter bestand auf ihrer Bitte. Ich weiss nicht genau warum, vielleicht aus meinem ständigen Schuldbewusstsein gegenüber meinen Eltern gab ich nach und schrieb der Mutter den Namen Deines Vaters auf. Es kam mir ein wenig lächerlich vor, wenn ich daran dachte, dass Deine Eltern, wenn sie ähnliche Wünsche haben sollten, nur gute Auskunft über uns bekämen und dass kein Auskunftsbureau imstande wäre, die Wahrheit über mich zu sagen.« [311]
Das unruhige Gewissen ist unüberhörbar; euphemistisch mindert er das energische Eingreifen der Eltern zur »Bitte« herab. Doch er hatte nachgegeben, das ließ sich nicht leugnen; und gedankenlos, weltfremd war er gewesen, denn er hatte – wieder einmal – vergessen, dass man nicht heiraten kann, ohne ›einzuheiraten‹. An nichts anderes aber dachte der Vater, erst recht nach den Erfahrungen mit Elli und Valli, deren Haushalte noch immer nicht ohne Zuschüsse der Alten auskamen. Und auch Franz hatte ja keinerlei Sinn für Geld, ihm war es zuzutrauen, jenen Bleigewichten noch ein weiteres hinzuzufügen. Jüdische Kleinbürger aus Schlesien: Womöglich waren das Leute, die einem auf der Tasche lagen. Oder deren Name auf den eigenen abfärbte. Nein, das wollte man nun schon genauer wissen.
Derartige Nachforschungen, bei denen es einerseits um Geld, andererseits natürlich auch um den sexuellen Leumund heiratsfähiger Frauen ging, wurden noch bis in die Kriegsjahre gleichsam routinemäßig betrieben. Niemand ließ sie gern über sich ergehen, aber da sie nun einmal zum außenpolitischen Frühwarnsystem der bürgerlichen Ehe gehörten und ebenso wenig ›persönlich gemeint‹ waren wie etwa heutzutage die Forderung nach einem Führungszeugnis, gab es keinen {351}Anlass, beleidigt zu sein. Entsprechend lax war das Auftreten der Detektive und Heiratsvermittler, deren Geschäft ehrenwert war und das Tageslicht nicht zu scheuen brauchte. Denn letztlich unterstrichen ja solche Erkundigungen den Ernst der Bewerbung. All das wusste Kafka, und die entsprechenden Prozeduren waren ihm von den ›Eheanbahnungen‹ der Schwestern in nur allzu guter Erinnerung. Man machte das so, weil es alle so machten. Doch Felice, die Bürgerliche, war nun keineswegs bereit, dies ebenso leicht abzutun. Sie war gekränkt. Tagelang blieb sie stumm. Dann kam ein Brief, in dem von der ›Banalität des Lebens‹ die Rede war.
Kafka war bestürzt. Bestürzt? Jeden anderen Bräutigam hätte Misstrauen beschlichen. War denn nicht gerade Berlin das Eldorado der Vermittler, war nicht in Berlin der Heiratsmarkt rationell und ökonomisch geregelt wie nirgends sonst? Und das musste er auch sein, denn es ging um ungeheuerliche Summen, die verlangt und gezahlt wurden. Ein mittlerer Beamter in vergleichbarer Position (der freilich in Berlin deutlich mehr verdiente als Kafka) durfte dort bis zu 30 000 Mark Mitgift erwarten – da wollte man doch wissen, mit wem man es zu tun hatte. Natürlich, Kafka interessierte das nicht, kein einziges Mal während der Zeit der Werbung nahm er das scheußliche Wort ›Mitgift‹ in den Mund; aber wie es unter Berliner Juden zuging, das wusste er, und dass Felices Vater als Reisender wahrscheinlich nicht einmal 2000 Mark im Jahr verdiente und die Bauers ihren bescheidenen Wohlstand vor allem den arbeitenden Töchtern verdankten, war ihm seit langem klar. Leichtes Spiel für Hermann, der seinem Sohn wortreich das unvermeidliche Debakel ausmalte – freilich ohne ein ausdrückliches ›Nein‹.
Felice aber hütete noch andere Geheimnisse, deren dunkelstes der Fehltritt Ernas war. Nun, zur Schwester und ihrem unehelichen Kind würde wohl kein Auskunftsbüro vordringen, dafür hatte sie gesorgt. Dass aber der Vater die gemeinsame Wohnung verlassen und jahrelang mit einer anderen Frau gelebt hatte, war ein nicht zu tilgendes Minus in der sozialen Akte, hatte doch dieser Skandal die Familie in die öffentliche Schande der ›Kreditunwürdigkeit‹ gestürzt. Wie sollte man den Kafkas in die Augen sehen, wenn sie diese Geschichte nun von dritter Seite erfuhren? Und was würde Franz dazu sagen, von dem Felice seit nun beinahe einem Jahr Offenheit forderte und auch erfuhr?
Kafka wusste die Signale nicht zu deuten, ja, er verstand gar nicht, was denn all diese Bedenklichkeiten und Präliminarien mit dem, was ihn umtrieb, letzten Endes zu tun haben sollten. Oder besser: Er weigerte sich, es zu verstehen. Denn die Naivität reiner Innerlichkeit, auf die er sich jetzt zurückzog und auf die er auch Felice zu verpflichten suchte, wirkt alles andere als überzeugend:
»Meine Eltern sind, wie auch Deine, auf das Äusserliche angewiesen, denn sie stehen im Grunde ausserhalb unserer Angelegenheit. Sie wissen nichts als was sie durch das Bureau erfahren, wir wissen mehr oder glauben mehr zu wissen und jedenfalls wissen wir anderes und wichtigeres – auf uns bezieht sich also das Bureau gar nicht, es ist also eine Angelegenheit unserer Eltern, die man ihnen zum Spiel, um sie zu beschäftigen, gönnen kann.« [312]
Sätze, die ein wenig zu forciert sind, zu sehr auf Beschwichtigung zielend, um ganz wahr zu sein. ›Verloben wir uns also zum Spiel, treten wir zum Spiel vor die Eltern und vor den Standesbeamten‹, hätte Felice antworten können, und es wäre schwer gewesen, dem zu widersprechen. Hatte man die Welt der Schadchen, der Eheverträge und ›guten Partien‹ erst einmal hinter sich gelassen, dann konnte man ebenso gut noch ein wenig Komödie spielen, und sei es um des lieben Friedens willen. Doch Komödie verlangt Distanz und Autonomie. Kafka aber blieb hinter dem Leitbild des autonomen Paares, das er Felice vorhielt, mit seinem eigenen, inkonsistenten Verhalten weit zurück. Erst bedrängte er die Mutter, ihre Nachforschungen nun doch lieber sein zu lassen, um die Braut nicht unnötig zu kränken, dann wieder ließ er sie einen Briefentwurf lesen, mit dem er sich bei den Bauers ganz offiziell um Felice bewarb – für Kafkas Eltern natürlich das Signal, dass nun die allerletzte Gelegenheit war, um des eigenen Namens willen den allzu weltfremden Sohn unter Kuratel zu nehmen. Ohne noch länger zu »bitten«, eilte Julie Kafka am nächsten Tag in eine Prager Auskunftei und bestellte ein Dossier über den Versicherungsvertreter Carl Bauer, Berlin-Charlottenburg, Wilmersdorfer Straße 73.
Peinlich war diese Geschichte, und nur allzu gern hätte jetzt Kafka alles in Stillschweigen erstickt, selbst um den Preis, für feige zu gelten. Doch das ließ Felice nicht zu. In ihrer Umgebung wurde ermittelt, und das ging nicht ohne Geräusche ab, die den Bauers natürlich zu Ohren kamen. Also hatte Franz wieder einmal nachgegeben. Oder respektierten ihn seine Eltern nicht? Gleichviel, die Braut wollte nun wissen, wie es ausgegangen war, denn allzu hoch war der Einsatz.
»Meine liebste Felice, es ist richtig, ich habe jetzt die Auskunft von der Mutter überreicht bekommen. Es ist ein grosses ebenso grausliches wie urkomisches Elaborat. Wir werden noch darüber lachen. […] es ist wie von jemandem geschrieben, der in Dich verliebt ist. Dabei ist es unwahr in jedes Wort hinein. Ganz schematisch, es sind wahrscheinlich wahre Auskünfte überhaupt nicht zu bekommen, selbst wenn das Bureau die Wahrheit überhaupt erfahren könnte. Und trotzdem beruhigt es meine Eltern tausendmal mehr als mein Wort. – Denke nur, der Gewährsmann lügt sogar unverschämt, seiner Meinung nach zu Deinen Gunsten. Was glaubst Du ›hört man von Dir besonders‹? ›Man hört von Dir besonders, dass Du gut kochen kannst.‹ So etwas! Natürlich weiss er nicht, dass Dir das in unserem Haushalt gar nicht nützen wird oder dass Du wenigstens vollständig umlernen müsstest.« [313]
Charmant. Auch diese Tonart also beherrscht er. Freilich, während Kafka die Komik jenes »Elaborats« in den schönsten Farben malt, und so unschuldig, dass man es am Esstisch der Bauers auch ganz gewiss wird vorlesen können, entgeht ihm, dass durch seinen eigenen, verdächtig gut gelaunten Brief eine feinere, soziale Komik perlt. Er möchte nach den Eltern nun auch Felice beruhigen, und er tut es in genau der Weise, wie man damals glaubte, Frauen beruhigen zu müssen: Jawohl, Felice, Dein Ruf ist tadellos. Doch das wusste die Braut auch vorher schon. Über Geld hingegen kein Wort, und wie eigentlich die Eltern jenes Dossier aufgenommen hatten, ob erfreut oder eben nur beruhigt, bleibt unklar.
Kafkas gute Laune war echt: Denn auch er war darüber erleichtert, dass die (offenbar nicht besonders gründlichen) Nachforschungen in Berlin nicht irgendwelche Überraschungen zutage gefördert hatten, die den engstirnigen Pragmatismus der Eltern wieder einmal hätten triumphieren lassen. Es war noch einmal gut gegangen. Dass er es jedoch überhaupt so weit hatte kommen lassen, verzieh er sich nicht, und eine neue Woge von Schuldgefühlen schlug über ihm zusammen und raubte ihm den Schlaf. Er hatte versagt, hatte sich schon bei den ersten selbständigen Schritten in die Ehe wiederum an die Leine legen lassen, und Felice, der Familienmensch, hatte sich unabhängiger gezeigt als er, der doch in jedem zweiten Brief die Fremdheit gegenüber den Eltern herausstrich. Wie tief dieser Stachel tatsächlich saß, sollte sich ein Jahr später erweisen, als Kafka das Schuldkonto des Prokuristen Josef K. eröffnete.
Dass DER PROCESS ausgerechnet am dreißigsten Geburtstag des Angeklagten in Gang kommt, gehört zu jenen zahllosen autobiographischen {354}Rückkopplungen, von denen kein Leser etwas ahnen würde, hätten wir nicht Zugang zu den intimsten Dokumenten von Kafkas Existenz. Sein dreißigster Geburtstag: Das war der Tag, an dem er auf die Probe gestellt wurde, an dem er die Frage nach Felices Leumund sich hätte verbeten müssen. Wo er vertraute, wollten die Eltern Beweise, doch sein Widerstand war halbherzig gewesen, und Kafka musste sich fragen, ob er einer geheimen Neugierde auf jene ›Beweise‹ nicht selbst schon erlegen war. So ist es auch im PROCESS nicht die unbedarfte Vermieterin, sondern Josef K. selbst, der vor die Tür der Zimmernachbarin »F. B.« das Gift des Verdachts streut – um sich dann über dessen Wirkung umso mehr zu entrüsten.
»›Das Fräulein kommt oft spät nachhause‹, sagte K. und sah Frau Grubach an, als trage sie die Verantwortung dafür. ›Wie eben junge Leute sind!‹ sagte Frau Grubach entschuldigend. ›Gewiss, gewiss‹, sagte K., ›es kann aber zu weit gehn.‹ ›Das kann es‹, sagte Frau Grubach, ›wie sehr haben Sie recht Herr K. Vielleicht sogar in diesem Fall. Ich will Fräulein Bürstner gewiss nicht verleumden, sie ist ein gutes liebes Mädchen, freundlich, ordentlich, pünktlich, arbeitsam, ich schätze das alles sehr, aber eines ist wahr, sie sollte stolzer, zurückhaltender sein. Ich habe sie in diesem Monat schon zweimal in entlegenen Strassen immer mit einem andern Herrn gesehn. Es ist mir sehr peinlich, ich erzähle es beim wahrhaftigen Gott nur Ihnen Herr K., aber es wird sich nicht vermeiden lassen, dass ich auch mit dem Fräulein selbst darüber spreche. Es ist übrigens nicht das einzige, das sie mir verdächtig macht.‹ ›Sie sind auf ganz falschem Weg‹, sagte K., wütend und fast unfähig es zu verbergen, ›übrigens haben Sie offenbar auch meine Bemerkung über das Fräulein missverstanden, so war es nicht gemeint. Ich warne Sie sogar aufrichtig, dem Fräulein irgendetwas zu sagen, Sie sind durchaus im Irrtum, ich kenne das Fräulein sehr gut, es ist nichts davon wahr was Sie sagten. Übrigens vielleicht gehe ich zu weit, ich will Sie nicht hindern, sagen Sie ihr, was Sie wollen. Gute Nacht.‹« [314]
Frau Grubach ist beeindruckt. Ein Vorbild für die leichtfertige Jugend, dieser aufrechte Herr K. Wie beeindruckt wäre sie erst, wüsste sie, dass ihr Mieter, in auffallender Sorge um den guten Namen seiner Nachbarin, in diesem Augenblick sogar den verabredeten Besuch bei einer Prostituierten versäumt. Doch so dick hätte Kafka gar nicht auftragen müssen – dass hier eine unreine innere Stimme übertönt werden soll, wird wohl kaum einem Leser entgehen. Selbst der Protagonist vermag seine Rolle nicht zu Ende zu spielen: »›Die Reinheit!‹ rief K. noch durch die Spalte der Tür, ›wenn Sie die Pension rein erhalten {355}wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen!‹ Dann schlug er die Tür zu, ein leises Klopfen beachtete er nicht mehr.«
August 1913, Seebad Westerland auf Sylt, der ›Königin der Nordsee‹. Ein standesgemäßer Ort, um sich zu erholen, gehoben bürgerlich, elegant, ein informeller Heiratsmarkt mit mannigfacher Gelegenheit, auf ›andere Gedanken‹ zu kommen, mit wohlorganisierten und -sortierten Vergnügungen. »Im Norden liegen das Damenbad und das Familienbad Nord«, erklärt akkurat der Reiseführer, »im Süden das Familienbad Süd mit abgetrenntem Herrenbad; dazwischen der breite neutrale Strand, mit Strandburgen und Strandkörben besät, auf dem sich ein munteres Treiben entwickelt.« [315] Munteres Treiben suchte Felice Bauer auch in den Ferien, nicht anders als Fräulein Danziger, ihre Cousine, die als moralischer Schutzschild mitreiste und mit der sie ein Zimmer in der komfortablen Pension ›Sanssouci‹ teilte. Hätte Kafka seine Braut dort überraschen wollen, so hätte er gewusst, in welchem Planquadrat sie zu finden war – gewiss nicht im Damenbad, wo man sich noch immer aus blickdichten Badekarren ins Meerwasser ließ, streng nach Anweisung des Kurarztes, und wo für 30 Pfennig Gebühr auch eine staatlich geprüfte Badewärterin beim Eintauchen stets zur Seite war. Nein, neutral war modern, Baden als Selbstzweck, freies Körperspiel in der Brandung – selbst wenn man, wie Felice, gar nicht schwimmen konnte.
Doch Kafka fuhr nicht nach Sylt, er kam nicht los, und diesmal ganz ohne eigene Schuld. Denn längst war entschieden, dass Abteilungsleiter Pfohl seinen Urlaub im August antreten würde – in dieser Frage hatte er natürlich das Vorrecht –, und für Kafka, den Stellvertreter, bedeutete dies Anwesenheitspflicht: Das Amt war es wieder einmal, das eine Entscheidung seines Lebens vorwegnahm – auch wenn er zunächst so tat, als ginge es um eine Verabredung, die ganz nach Belieben zu vertagen oder zu wiederholen war. » … selbst wenn ich Urlaub hätte«, schrieb er nach Berlin, »ich käme kaum, ich muss meinen ganzen Urlaub darauf verwenden ein wenig hinaufzukommen, schon Dir zu Liebe«. [316] In Wahrheit bedeutete dieses neuerliche Verfehlen ein kaum wiedergutzumachendes Unglück, und spätestens angesichts der von Tag zu Tag trivialer werdenden Ansichtskarten, die aus Westerland bei ihm eintrafen, muss Kafka klar geworden sein, dass er etwas verpasst hatte.
Der Biograph hat keine Ratschläge zu erteilen, und die bedenkenlose Ferndiagnose an menschlichen Beziehungen, die Generationen, ja Epochen zurückliegen, zählt zu den abstoßendsten Begleiterscheinungen jener historischen Nivellierung, die unter der diskursiven Vorherrschaft der Psychologie seit Jahrzehnten zu beobachten ist. Dennoch: Verfolgt man die Kaskade von Ängsten, die Kafka, kaum war das Eheversprechen besiegelt, immer heftiger bedrängte und schließlich mit sich riss, so fällt es schwer, sich jeden Gedanken an ein ›Hätte‹ und ›Wäre‹ zu untersagen. Sie hätten sich treffen sollen, auf neutralem Boden, fernab von Eltern, Vorgesetzten und ›Curatoren‹ aller Art. Denn es war an der Zeit, gemeinsame Erfahrungen zu machen, eine gemeinsame Geschichte zu begründen und durch ein Handeln auf Probe – in welcher Form auch immer – jenen angstvoll erwarteten Realitätsschock der Ehe entweder zu mildern oder durch die Einsicht, dass es ›nicht geht‹, noch rechtzeitig abzuwenden.
Doch die Bedeutung des Augenblicks verfehlten beide, und wie weit sowohl Kafka als auch Felice Bauer von jener Balance zwischen Nähe und Distanz noch entfernt waren, ohne die jedes Zusammenleben unweigerlich zur Qual wird, illustrieren die halbherzigen Versuche einer Verabredung auf drastische Weise. Am 2.August schlägt Kafka vor, Felice solle auf der Rückreise von Sylt »für einige Stunden« nach Prag kommen. Schon am folgenden Tag dreht sich der Wirbel in entgegengesetzter Richtung: »Ich glaube ich werde während unserer Verlobungszeit, selbst wenn wir erst im Mai heiraten sollten, kaum einmal nach Berlin kommen.« Am 4.August widerruft er diesen Gedanken, aus »Angst davor, dass ich zugrunde gehe, wenn wir nicht bald beisammen sind«. »Komm also, Felice«, wiederholt er, »komm, wenn Du nur irgendwie kannst, auf der Rückreise nach Prag.« Doch am 6.August erhält er die – alles andere als überraschende – Nachricht, dass Felice keinesfalls gewillt ist, zum Abschluss ihrer knapp bemessenen Ferien zwei volle Tage im Zug zu verbringen. Am 11.August ein weiterer Schlag; Felice schreibt: »Dass ich jetzt nach Prag komme, ist ganz und gar ausgeschlossen. Wieso glaubst Du aber, dass Du vorerst überhaupt nicht nach Berlin kommen könntest? Wie ist es denn mit den Weihnachtsferien?« Kafka ist entsetzt: Bis Weihnachten sind noch vier Monate! Hat sie denn kein Verlangen, ihn zu sehen, glaubt sie wirklich, die schwache, aus nichts als Briefen errichtete Brücke würde so lange noch standhalten? {357}Keineswegs, denn sogleich folgt die nächste Kehrtwendung: Am 21.August fragt sie, ob er nicht doch noch vor den Sommerferien kommen könne. Nein, das kann er nicht, denn er will seinen Urlaub »zusammenhalten«. Sie fragt noch einmal: Wäre denn nicht wenigstens ein Rendezvous auf halbem Weg denkbar, in Dresden vielleicht? Am 2.September lehnt Kafka auch diesen Vorschlag ab. Er hat jetzt andere Pläne.
Ein verwickeltes, doch nicht sonderlich anmutiges Menuett, das die beiden aufführen. Ein Schritt nach vorn, zwei Schritte zurück, ein Geistertanz ohne Berührung und von eigentümlicher Trägheit. Deutlich wird das mittlerweile erstickende Übergewicht des Imaginären über die Wirklichkeit: Beide wärmen sich an Phantasien, und auch Felice gerät jetzt ins Träumen beim Anblick flanierender glücklicher Paare. Doch die Ernüchterung fürchtet sie ebenso wie Kafka, und die Anstrengung der ersten Wiederbegegnung liegt noch nicht so weit zurück, dass man sie völlig verdrängen könnte. Jeder Knoten ist lösbar – das hat man ihr beigebracht, und daran glaubt sie. Ein Gespinst aber aus so vielen Träumen und so wenig Wirklichkeit?
Doch gerade jetzt entschloss sich die Familie Bauer, dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen. Kafkas offizielles Bewerbungsschreiben, seit langem gefürchtet, war Mitte August bei ihnen eingegangen. Die üblichen Nachforschungen (auf denen vor allem die Mutter mit Macht bestanden haben dürfte) ergaben ein laues Resultat, allenfalls beruhigend, befriedigend keineswegs. Kaum war Felice von Sylt zurück – besonders erholt sah sie nicht aus, was niemanden mehr wunderte –, tagte auch in Berlin der Familienrat. Was sprach denn eigentlich für diesen Bewerber? Seine sonderbaren Briefe gewiss nicht, deren verrückt-zudringliche Anhäufung schon gar nicht, und auch sein Antrag enthielt wieder Formulierungen, die nicht viel Rücksicht nahmen auf das, was ein Brautvater bei solcher Gelegenheit zu hören wünscht. [317] Für den Unterhalt einer Familie war das Einkommen des Doktor Kafka knapp hinreichend, doch er war Beamter, kein Geschäftsmann, und daher würden sich seine ›Verhältnisse‹ wohl niemals grundlegend verbessern. Die Asbestfabrik, an der er beteiligt war, ohne sich weiter darum zu kümmern, war ein dubioses Hinterhof-Unternehmen, das nichts abwarf. Und die Eltern … nun, sie lebten anständig, aber sie mussten rechnen, ja sie hatten sogar, wie Kafka gegenüber Felice einräumte, all ihre materiellen Reserven für die Versorgung {358}der Töchter aufgewendet. Auch von dieser Seite war daher nicht viel zu erhoffen. Alles deutete auf Einschränkungen. Warum also, warum? Doch Felice, die seit nun schon einem Jahr allen Vorhaltungen trotzte, blieb standhaft auch im letzten, entscheidenden Verhör – bis endlich, endlich der Familienrat erlahmte und sein resigniertes Schlusswort sprach: ›Bleibt nur eine Neigungsheirat‹. [318]
Heiraten
Kinder (so Gott will). Ständige Gefährtin (und Freundin im Alter), die sich für einen interessiert. Jedenfalls besser als ein Hund. Eigenes Heim und jemand, der den Haushalt führt. Charme von Musik und weiblichem Geplauder. Diese Dinge gut für die Gesundheit – aber schreckliche Zeitverschwendung.
Mein Gott, es ist unerträglich, sich vorzustellen, dass man sein ganzes Leben lang wie eine geschlechtslose Arbeitsbiene nur schuftet und sonst nichts hat. Nein, nein, das geht nicht. Stell dir vor, den ganzen Tag allein in einem verrauchten, schmutzigen Londoner Haus zu verbringen. Halte das Bild einer lieben, sanften Frau auf einem Sofa am Kaminfeuer mit Büchern und Musik dagegen. Vergleiche diese Vision mit der schäbigen Realität der Great Marlborough Street.
Heiraten – heiraten – heiraten.
Q. E. D.
Nicht heiraten
Freiheit, hinzugehen, wo man will. Wahl der Gesellschaft, und wenig davon. Gespräche mit klugen Männern in Clubs. Nicht gezwungen, Verwandte zu besuchen und sich in jeder Kleinigkeit zu unterwerfen. Kosten für Kinder, Sorgen um sie. Vielleicht Streit. Zeitverlust. Keine Lektüre an den Abenden. Man wird fett und faul. Angst und Verantwortung. Weniger Geld für Bücher usw. Wenn viele Kinder, Notwendigkeit eines Brotberufs (dabei ist es sehr schlecht für die Gesundheit, zuviel zu arbeiten).
Vielleicht mag meine Frau London nicht; dann lautet das Urteil Verbannung und Degradierung zu einem nutzlosen, faulen Narren.
Die Stimme des kahlen hypochondrischen Verstandes; die Feder eines 29-jährigen, umfassend gebildeten und tierlieben englischen Gentleman. Aus dem Jahr 1838 stammen diese Notizen, aus einer Zeit, da noch niemand sich schämte, zu rechnen, ehe er heiratete. Er will ganz sichergehen, darum steht die Ökonomie im Vordergrund, die Analyse von Kosten und Ertrag. Doch während in der rechten Spalte die entscheidenden Fakten versammelt sind, die sämtlich gegen {359}die Ehe sprechen, fallen ihm für die linke Spalte nur Bilder und Visionen ein. Vor allem will er seine Tage nützlich verbringen, und seine größte Angst gilt der Verschwendung von Zeit. Aber wie sähe ein Leben aus – so fragt eine zweite, leisere, doch ebenso eindringliche Stimme –, das nützlich und nichts als nützlich wäre? Es wäre ein leeres, verschwendetes Leben. Das geht nicht. Und darum heiratete der Gentleman noch im selben Jahr, um ein hoch geachtetes, außerordentlich nützliches, von einer sanften Frau, zahlreichen Kindern, Verwandten und Bediensteten bevölkertes Leben zu führen. Charles Darwin war sein Name. [319]
Ein Dreivierteljahrhundert später sind die beiden Stimmen, die im Kopf des bürgerlichen Mannes einander beständig ins Wort fallen, noch immer die gleichen. Doch sie sind unsicherer geworden, brüchiger. Längst kann niemand mehr sagen (und darum sagt jeder etwas anderes), wie ein nützliches, sinnvolles Leben denn eigentlich zu führen sei. Und hinter dem Charme weiblichen Geplauders lauert sexuelles Begehren, Auflösung, Angst. Als Kafka am 21.Juli 1913 sein Tagebuch aufschlägt, um endlich Ordnung zu bringen in das wimmelnde Für und Wider, um endlich fähig zu werden zu der einen Entscheidung, die alle von ihm erwarten und die er am liebsten aus sich herauspeitschen würde – da zeigt sich erneut, dass die Ehe so wenig zu begründen ist wie das Leben selbst. Denn Hoffnungen sind es, nichts als vage Hoffnungen, die dem Bleigewicht der Tatsachen entgegenstehen.
»Zusammenstellung alles dessen, was für und gegen meine Heirat spricht:
1. Unfähigkeit allein das Leben zu ertragen, nicht etwa Unfähigkeit zu leben, ganz im Gegenteil, es ist sogar unwahrscheinlich, dass ich es verstehe, mit jemandem zu leben, aber unfähig bin ich den Ansturm meines eigenen Lebens, die Anforderungen meiner eigenen Person, den Angriff der Zeit und des Alters, den vagen Andrang der Schreiblust, die Schlaflosigkeit, die Nähe des Irreseins – alles dies allein zu ertragen bin ich unfähig. Vielleicht, füge ich natürlich hinzu. Die Verbindung mit F. wird meiner Existenz mehr Widerstandskraft geben.
2. Alles gibt mir gleich zu denken. Jeder Witz im Witzblatt, die Erinnerung an Flaubert und Grillparzer, der Anblick der Nachthemden auf den für die Nacht vorbereiteten Betten meiner Eltern, Maxens Ehe. Gestern sagte meine Schwester: ›Alle Verheirateten (unserer Bekanntschaft) sind glücklich, ich begreife es nicht‹ auch dieser Ausspruch gab mir zu denken, ich bekam wieder Angst.
{360}
3. Ich muss viel allein sein. Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins.
4. Alles was sich nicht auf Litteratur bezieht, hasse ich, es langweilt mich Gespräche zu führen (selbst wenn sie sich auf Litteratur beziehn) es langweilt mich Besuche zu machen, Leiden und Freuden meiner Verwandten langweilen mich in die Seele hinein. Gespräche nehmen allem was ich denke die Wichtigkeit, den Ernst, die Wahrheit.
5. Die Angst vor der Verbindung, dem Hinüberfliessen. Dann bin ich nie mehr allein.
6. Ich bin vor meinen Schwestern, besonders früher war es so, oft ein ganz anderer Mensch gewesen, als vor andern Leuten. Furchtlos, blossgestellt, mächtig, überraschend, ergriffen wie sonst nur beim Schreiben. Wenn ich es durch Vermittlung meiner Frau vor allen sein könnte! Wäre es dann aber nicht dem Schreiben entzogen? Nur das nicht, nur das nicht!
7. Allein könnte ich vielleicht einmal meinen Posten wirklich aufgeben. Verheiratet wird es nie möglich sein.« [320]
Eine Melodie, die man wiedererkennt: die Angst vor der Verantwortung; der Nachhall eines puritanischen Arbeitsethos; der Widerwille gegen den Brotberuf; und schließlich die Gewissheit, dass Bücher wichtiger sind als Verwandte (inklusive der Gewissheit, dass keiner Frau dies jemals einleuchten wird). Doch all das klingt bei Kafka weitaus angestrengter, gleichsam um eine Oktave höher gestimmt: Hier geht es nicht mehr um Bequemlichkeiten, bedrohte Gewohnheiten und unangenehme Pflichten – es geht um die Rettung von Identität und damit um Leben und Tod im buchstäblichen Sinne. Dann bin ich nie mehr allein, lautet der entscheidende Satz, und das bezieht sich längst nicht mehr nur auf Familienbesuche und die Forderungen und ›Rechte‹ von Frau und Kindern. Dann bin ich nie mehr bei mir, sagt jener Satz. Dann bin Ich nie mehr Ich.
Kafkas Erwartung, mit der Ehe breche etwas Ungeheuerliches, ja eigentlich Unmögliches über ihn herein, ist nur zu verstehen, wenn man das Ausmaß der Idealisierungen erfasst, mit denen er das Angsterregende längst umstellt hat. So behauptet er am 16.Juni – im selben Brief, in dem er Felice bittet, seine Frau zu werden –, für eine Ehe sei »Übereinstimmung in Bildung, in Kenntnissen, in höheren Bestrebungen und Auffassungen … fast unmöglich, zweitens nebensächlich und drittens nicht einmal gut und wünschenswert«. Vielmehr: {361}
»Was eine Ehe verlangt, ist menschliche Übereinstimmung, also Übereinstimmung noch tief unter allen Meinungen, also eine Übereinstimmung, die nicht zu überprüfen, sondern nur zu fühlen ist, also eine Notwendigkeit menschlichen Beisammenseins. Dadurch wird aber die Freiheit des einzelnen nicht im Geringsten gestört, die wird eben nur gestört durch das nicht notwendige menschliche Beisammensein, aus dem der grösste Teil unseres Lebens besteht.«
Dieses Ideal höherer Notwendigkeit zerschellt, sobald es den Boden der Wirklichkeit berührt – das heißt, im selben Augenblick, da Felice Ja sagt. Denn das gedachte Ideal wärmt, das gelebte Ideal aber will verdient und bewältigt sein. Was einst Schutz war, ist jetzt Forderung. Und damit tritt die Angst, der an Freiheit wenig gelegen ist, wiederum nackt zutage.
»Ich habe das bestimmte Gefühl, durch die Ehe, durch die Verbindung, durch die Auflösung dieses Nichtigen, das ich bin, zugrundezugehn und nicht allein sondern mit meiner Frau und je mehr ich sie liebe, desto schneller und schrecklicher.« [321]
Kafka organisiert jetzt die Verteidigung, und mit zäher Energie gräbt er sich förmlich ein gegen den drohenden Ansturm. Das Arsenal rhetorischer Waffen, das er auffährt, ist verblüffend; ein erbaulicher Anblick ist es freilich nicht, und angesichts der Quälereien, die im Sommer 1913 einen furchtbaren Höhepunkt erreichen, drängt sich dem Zuschauer das Bild eines in Panik um sich beißenden Tieres auf. Neu ist vor allem, dass Kafka sich nicht mehr nur als nichtigen, sondern als unerträglichen Menschen zeichnet, und dies in umso aggressiverer Form, je tiefer sich Felice imaginativ auf die Ehe einlässt. Weniger ein gemeinsames als vielmehr ein freudloses, einsames Leben werde es sein mit einem Menschen wie ihm. Ob sie sich das alles genau überlegt habe, fragt er wieder und wieder. Ob es nicht nur Mitleid sei, das sie für ihn empfinde. Ob sie begreife, worauf sie sich einlasse.
Auch kleinen tyrannischen Impulsen lässt er jetzt die Zügel schießen. So fordert er sie auf, mit Turnübungen zu beginnen, nach dem beliebten Müllerschen System, dem er selbst seit Jahren die Treue hält. Ihren Einwand, das sei ihr zu langweilig, lässt er nicht gelten: »Auf dem Müllern bestehe ich durchaus, das Buch geht heute ab, wenn es Dir langweilig ist, so machst Du es nicht gut«. Auch über die künftige Ernährung ist längst entschieden: »ich glaube doch, dass unsere Wirtschaft {362}eine vegetarische sein wird, oder nicht?« [322] Vor allem aber die Unpünktlichkeit ihrer Briefe, zunehmend auch deren unpersönliche, flüchtige Diktion, sind Gegenstand fortwährender Klagen, und am 8.August lässt Kafka sich erstmals zu einem Brief hinreißen, der vom ersten bis zum letzten Satz aus Vorwürfen besteht.
Kafka leidet, und es ist durchaus keine Floskel, wenn er versichert, »ich leide noch viel mehr als ich leiden mache« [323] . Er sehnt sich nach der Anwesenheit jener Frau, er sucht ihre Gegenwart in Fotografien, wie schon im Jahr zuvor, und je verschleierter die Erinnerung an die wenigen Begegnungen, desto konkreter der Gedanke, dass hier vielleicht doch noch Erlösung wartet. Aber die ersehnte Geste bleibt aus, die kühle Hand auf die Stirn, das Wort, das die intime, notwendige Zusammengehörigkeit besiegelt und die Angst besiegt. Ein Geschenk wäre diese Geste; darum kann man sie nicht fordern und erst recht nicht erzwingen. Kafka aber drängt, er kann nicht länger warten. Und damit entwertet er alles, was zu schenken Felice vielleicht noch bereit gewesen wäre.
Am 28.August trifft ein freundlicher Brief von Carl Bauer ein. Felices Eltern stimmen der Heirat zu, ohne Vorbehalte, ohne erkennbare Zweifel. Auch sie scheinen das Verhängnis nicht zu begreifen, sie denken an Geld, Mitgift, Versorgung. Wieder liegt die Verantwortung allein bei Kafka, der zur Flucht schon beinahe entschlossen ist. Ihm bleibt ein allerletztes, schon bewährtes, freilich auch verzweifeltes Mittel: die Last abwerfen, die Entscheidung in andere Hände legen, in die Hände eines Curators. Kafka schreibt einen zweiten, persönlicheren Brief an Felices Vater, einen Brief, dessen entscheidende Sätze er sich im Tagebuch schon zurechtgelegt hat. Es ist die Wiederholung seines paradoxen Antrags an Felice, doch diesmal in konzentrierter Form, wie Gift, das, so glaubt er, entweder tödlich wirkt oder das Wunder der Heilung bringt.
»Mein ganzes Wesen ist auf Litteratur gerichtet, diese Richtung habe ich bis zu meinem 30ten Jahr genau festgehalten; wenn ich sie einmal verlasse, lebe ich eben nicht mehr. Alles was ich bin und nicht bin, folgert daraus. Ich bin schweigsam, ungesellig, verdrossen, eigennützig, hypochondrisch und tatsächlich kränklich. Ich beklage im Grunde nichts von alledem, es ist der irdische Widerschein höherer Notwendigkeit. (Was ich wirklich kann, steht hier natürlich nicht in Frage, hat keinen Zusammenhang damit.) Ich lebe in meiner Familie, unter den besten liebevollsten Menschen fremder als ein Fremder. {363}Mit meiner Mutter habe ich in den letzten Jahren durchschnittlich nicht zwanzig Worte täglich gesprochen, mit meinem Vater kaum jemals mehr als Grussworte gewechselt. Mit meinen verheirateten Schwestern und den Schwägern spreche ich gar nicht, ohne etwa mit ihnen böse zu sein. Für die Familie fehlt mir jeder mitlebende Sinn.
Neben einem solchen Menschen soll Ihre Tochter leben können, deren Natur, als die eines gesunden Mädchens, sie zu einem wirklichen Eheglück vorherbestimmt hat? Sie soll es ertragen, ein klösterliches Leben neben einem Mann zu führen, der sie zwar lieb hat, wie er niemals einen andern lieb haben kann, der aber kraft seiner unabänderlichen Bestimmung die meiste Zeit in seinem Zimmer steckt oder gar allein herumwandert? Sie soll es ertragen, gänzlich abgetrennt von ihren Eltern und Verwandten und fast von jedem andern Verkehr hinzuleben, denn anders könnte ich, der ich meine Wohnung selbst vor meinem besten Freunde am liebsten zusperren würde, ein eheliches Zusammenleben mir gar nicht denken. Und das würde sie ertragen? Und wofür? Etwa für meine in ihren und vielleicht selbst in meinen Augen höchst fragwürdige Litteratur? Dafür sollte sie allein in einer fremden Stadt in einer Ehe leben, die vielleicht eher Liebe und Freundschaft als wirkliche Ehe wäre.
Ich habe das Wenigste von dem gesagt, was ich sagen wollte. Vor allem: entschuldigen wollte ich nichts. Zwischen Ihrer Tochter und mir allein war keine Lösung möglich, dazu liebe ich sie zu sehr und sie gibt sich zu wenig Rechenschaft und will vielleicht auch nur aus Mitleid das Unmögliche, so sehr sie es leugnet. Nun sind wir zudritt, urteilen Sie!« [324]
Hatte Kafka es nicht ausdrücklich abgelehnt, sich ›hinter ihren Vater zu stecken‹, hatte er nicht immer darauf gepocht, die Eltern stünden außerhalb solcher Lebensentscheidungen ihrer Kinder? Im Grunde war das auch Felices Meinung, und in diesem entscheidenden Augenblick hielt sie sich daran, konsequenter als ihr Bräutigam: Sie las seinen Brief, doch sie reichte ihn nicht weiter und ersparte dem schwachen Vater die Verlegenheit, einen solchen Ausbruch verlegengütig beantworten zu müssen. Stattdessen versuchte sie, Kafka zu beruhigen, schlug eine Aussprache vor, zu zweit, fern den Eltern. Sie ließ ein Telegramm folgen, in ahnungsvoller Furcht.
Es war zu spät. Am 2.September teilte ihr Kafka mit, er könne sich »nicht frei machen« – weder von seiner Angst, noch von der »Lust, für das Schreiben auf das grösste menschliche Glück zu verzichten«. Und auch sie müsse endlich einmal zur Ruhe kommen. Er werde nach Wien fahren, dort an einem Fachkongress teilnehmen, danach seinen Urlaub antreten und weiter nach Süden reisen. Briefe werde sie vorläufig nicht mehr bekommen, allenfalls ein paar Zettel mit Reisenotizen. {364}Und auch sie solle »nur in einem äußersten Fall« schreiben. Danach werde man sich treffen, wo immer sie wolle.
Und diesmal war es ernst, nichts nahm er zurück. Drei Tage blieb er noch in Prag, schweigend, dann reiste er ab.
Einmal – wir wissen nicht, wann es geschah, es könnte aber sehr wohl im Herbst 1913 gewesen sein – schlug Felice Bauer mit der Stirn auf den Küchentisch. »Was mach’ ich nur mit dem Franz?«, rief sie gequält. [325] Eine Antwort wüsste man auch heute nicht.