{92}Ein Fräulein aus Berlin

Es giebt aber einseitige und wechselseitige Berührungen. Jene begründen diese.
Novalis, BLÜTHENSTAUB

Kafkas Widerstände gegen die Buchpublikation erlahmten, seine Skrupel freilich nicht. Man spürt förmlich die üble Laune, in die ihn die Rückkehr in die ewig palavernde Familie und in das Schreibmaschinengehämmer des Büros versetzten; zu schweigen von den lästigen Anforderungen der Fabrik, wo wieder einmal die Reparatur des Motors zu überwachen war, dessen Abgase ihm, der nutzlos dabeistand, stundenlang die Luft zum Atmen nahm. Das war schwer zu ertragen für jemanden, der eben noch in gänzlicher Verantwortungslosigkeit an den Hängen des Harz umhergestreift war und sich volle drei Wochen lang nackt wie ein kleines Kind im Gras hatte wälzen dürfen.

Der altbewährte Fluchtweg zum Kanapee war diesmal versperrt. Denn Kafka hatte die Lieferung eines Buchmanuskripts versprochen, und Brod, der überdies behauptete, Rowohlt habe sich bereits danach erkundigt, drängte auf den Entscheid über die endgültige Auswahl der Texte. Nur noch um die Auswahl konnte es sich doch handeln – hatte nicht Kafka die Schubladen voll von unveröffentlichten Manuskripten? Brod vermerkt es säuerlich in seinem Tagebuch. Für Kafka hingegen ging es darum, eine neue Arbeitsweise, eine neue Art des Umgangs mit den eigenen Texten zu erlernen. Das ›Fertigmachen für den Druck‹ bedeutete für ihn einen aufgezwungenen Perspektivwechsel: Gewohnt, die innere Stimmigkeit und Geschlossenheit – die »Zweifellosigkeit«, wie er es wenig später anlässlich des URTEILS nennt – als einziges Kriterium literarischen Gelingens anzuerkennen, sollte er nun die mögliche Wirkung seiner Texte auf eine gänzlich anonyme Leserschaft ins Auge fassen. Diese Fernwirkung aber ist nicht nur unkontrollierbar, sie ist vor allem irreversibel. Was gedruckt ist, bleibt {93}jedem noch so starken Willen zur Vervollkommnung für alle Ewigkeit entzogen. Daher Kafkas ängstliche und Brod zunehmend auf die Nerven gehende Besorgtheit um die Feinheiten von Orthographie und Interpunktion.

Diese Unsicherheit wird verständlicher, wenn man bedenkt, dass Kafka keine neuen, noch lebendig in seinem Gefühl fortwirkenden Texte anzubieten hatte. Es war vereinbart worden, dass in den Band BETRACHTUNG neben den bereits in Zeitschriften veröffentlichten eine nicht näher bestimmte Zahl weiterer Prosastücke aufgenommen werden sollte, wobei Brod sich (und vermutlich auch Rowohlt und Wolff) über die aktuellen Möglichkeiten Kafkas täuschte – selbst dessen besten Publikationswillen vorausgesetzt. Kafka sah sich genötigt, aus der alten und längst gescheiterten BESCHREIBUNG EINES KAMPFES Stücke zum Druck herauszulösen, und im Tagebuch fanden sich dann nur noch weitere sieben Skizzen, die präsentabel waren oder wenigstens weitere Anstrengung lohnten. Mit diesem wenigen Material, mit dem er sich überwiegend gar nicht mehr identifizieren konnte, plagte sich Kafka mehrere Abende lang; am 7.August schließlich verlor er die Lust und schrieb Brod eine – hörbar dem schlechten Gewissen abgerungene – Absage:

»Ich bin ausser Stande und werde kaum in nächster Zeit im Stande sein, die noch erübrigenden Stückchen zu vervollkommnen. Da ich es nun nicht kann, es aber zweifellos in guter Stunde einmal können werde, willst Du mir wirklich raten – und mit welcher Begründung, ich bitte Dich – bei hellem Bewusstsein etwas Schlechtes drucken zu lassen, das mich dann anwidern würde […] Gib mir recht! Dieses künstliche Arbeiten und Nachdenken stört mich auch schon die ganze Zeit und macht mir unnötigen Jammer. Schlechte Sachen endgiltig schlecht sein lassen darf man nur auf dem Sterbebett. Sag mir dass ich recht habe oder wenigstens dass Du es mir nicht übel nimmst; dann werde ich wieder mit gutem Gewissen und auch über Dich beruhigt etwas anderes anfangen können.« [80]  

Brod begriff, dass hier trotz des apodiktischen Tons durchaus noch ein Hintertürchen offen war – das implizite Versprechen, später »etwas anderes« zu liefern, wenn man ihn nur für diesmal in Ruhe lasse, klang ja geradezu wie die hilflose Ausrede eines Schülers, der seine Hausaufgaben versäumt hat. Und doch war es Kafka damit völlig ernst. Obgleich er auch im Sanatorium Jungborn, unter weit besseren äußeren Bedingungen, mit seinem Romanmanuskript nur zeilenweise {94}vorangekommen war, glaubte er, es sei nun gerade das nutzlose Flickwerk der BETRACHTUNG, das ihm kostbare Zeit für befriedigende literarische Produktion stehle. Ja, selbst das »lächerliche Selbstbewusstsein beim Lesen alter Dinge im Hinblick auf das Veröffentlichen« führt er im Tagebuch als Hinderungsgrund an.

Im Licht der Ereignisse, die nur wenige Tage später eine völlig veränderte Szenerie schaffen sollten, ist es freilich leicht zu konstatieren, dass Kafka sich hier etwas vormachte: Nicht Zeitmangel und schon gar nicht Selbstgefälligkeit waren es, die ihn an konzentrierter literarischer Arbeit hinderten. Doch immer stärker drängte sich ihm das Gefühl auf, dass unvergleichlich bessere Texte, die selbst seinem skrupulösen Begehren nach menschenmöglicher Vollkommenheit genügen würden, bereits in Reichweite seiner Kräfte waren, und dieses Gefühl täuschte ihn nicht. Was fehlte, war eine initiale Erschütterung, über deren Natur er sich zu diesem Zeitpunkt jedoch unmöglich im Klaren sein konnte. Brod wiederum verstand nicht, worauf Kafka noch wartete. Ihm, dem bereits die Prosa der BETRACHTUNG »göttlich« schien, wie er anlässlich der Manuskriptübergabe im Tagebuch notierte, lag der Gedanke völlig fern, Kafka könne den entscheidenden schöpferischen Durchbruch noch vor sich haben. Was er zweifellos wünschte, war, dass Kafka zur größeren Form fand, dass ihm ein Roman gelingen werde, und er hoffte, der Erfolg – und durchaus auch der Stolz – einer ersten Buchveröffentlichung werde die dafür erforderliche psychische Schubkraft liefern. Dass so etwas vorkam, hatte Brod nicht nur bei sich selbst, sondern auch in dem verzweigten literarischen Betrieb, den er überblickte, mehr als einmal beobachtet. Zu seinem Leidwesen stellte sich jedoch heraus – und in dieser Hinsicht war das Tauziehen um die BETRACHTUNG nur ein mattes Vorspiel –, dass Kafkas schöpferische Gezeiten ganz anderen Einflüssen gehorchten.

Im Augenblick wollte Kafka nicht mehr, und es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie Brod reagierte. Seine Vorhaltungen müssen recht massiv gewesen sein; immerhin hatte der Freund unter Zeugen ein Versprechen gegeben, das man nicht unter Berufung auf irgendeinen allgemeinen »Jammer« wieder zurücknehmen konnte. Kafka war in der Lage, die Miniaturen in eine Form zu bringen, zu der er auch später noch würde stehen können, daran bestand für Brod nicht der geringste Zweifel, und wie jede bedingungslose Überzeugung scheint auch diese eine beträchtliche Suggestivkraft entfaltet zu haben. Denn {95}schon einen Tag nach jenem Brief heißt es lakonisch in Kafkas Tagebuch: »›Bauernfänger‹ zur beiläufigen Zufriedenheit fertiggemacht. Mit der letzten Kraft eines normalen Geisteszustands.« Diese letzte Kraft hielt dann doch noch einige Tage vor, sodass man sich für den Abend des 13.August in der Wohnung von Brods Familie verabreden konnte, um die Reihenfolge der Texte festzulegen und das weitere Vorgehen gegenüber dem Verlag zu besprechen. Einunddreißig Manuskriptseiten lagen bereit.


Wie die Realgeschichte kennt auch die Geistes- und Literaturgeschichte herausgehobene Daten, die sich in den Bildungsfundus der Nachgeborenen, bisweilen aber auch in die Erinnerung der unmittelbar Beteiligten als ›schicksalhafte‹ Augenblicke der Entscheidung eingraben. Häufig handelt es sich um Momente, in denen seit langem vorbereitete, aber unbewusst aufgestaute Impulse und Vorstellungen unter der Wirkung eines äußeren, zufälligen Ereignisses ins Denken einbrechen und es schockhaft überfluten: die Erweckung des Universaldilettanten Jean-Jacques Rousseau zum Zivilisationskritiker an einem Oktobernachmittag des Jahres 1749 auf der Landstraße von Paris nach Vincennes; die erste Begegnung Hölderlins mit Susette Gontard, der späteren ›Diotima‹, am 31.Dezember 1795 zu Frankfurt am Main; das Aufdämmern der Idee einer »ewigen Wiederkunft des Gleichen« im Gehirn Nietzsches während einer Wanderung am See von Silvaplana Anfang August 1881; Valérys Abschied von der Literatur in der Genueser Gewitternacht vom 4.Oktober 1892. Nicht selten werden derartige Erlebnisse zu ›Sternstunden‹ stilisiert: Die Betroffenen haben das Gefühl, ganz ohne ihren Willen auf einer Woge emporgetragen zu werden, sie erleben eine bis dahin nicht gekannte Intensität des Empfindens und Denkens, Dunkelheiten lichten sich, und der lang gesuchte rechte Weg liegt plötzlich im vollen Glanz. Von solchen Augenblicken können lebenslang fortlaufende Wellen der Produktivität ausgehen, die dann ihrerseits die profanen Umstände, unter denen der initiale, schmerzhafte Stoß erfolgte, überdecken.

In die Reihe derartiger Augenblicke gehört auch der Abend des 13.August 1912, der das Gesicht der deutschsprachigen, vielleicht der Weltliteratur merklich verändert hat. Im Unterschied zu anderen prominenten Beispielen eignet ihm jedoch ein Moment des Tragikomischen. Denn dieser Augenblick war planvoll herbeigeführt – von Brod {96}nämlich, für den der Tag der Manuskriptübergabe von Kafkas erstem Buch ein Schicksalstag der Literatur war, den die gebildete Welt würde zur Kenntnis nehmen müssen und dessen Folgen für den Autor selbst noch gar nicht abzusehen waren. Diese Erwartung hat sich erfüllt, mehr als erfüllt, und in einer Weise, die alles um Dimensionen überbot, was der um keinen Superlativ verlegene Brod sich hätte erträumen können; in einer Weise aber auch, die sein publikationsstrategisches Vorgehen grotesk ins Leere laufen ließ. Während er angestrengt Weichen stellte, um Kafka auf die Geleise des literarischen Erfolgs zu lenken, verfiel dieser in eine Trance, aus der er als ein anderer erwachte. Und ein glücklicher Zufall will, dass wir fast von Augenblick zu Augenblick, gleichsam in historischer Zeitlupe, nachvollziehen können, wie es geschah.


Kafka kam, wie gewohnt, eine volle Stunde zu spät. Man kann sich die Nervosität Brods vorstellen, der auf diesen Tag schon zu lange gewartet hatte, um noch ruhigen Bluts Kafkas Unberechenbarkeit zu ertragen. Was hatte ihn aufgehalten? Das scheußliche Wetter? Hatte er noch letzte Hand an die BETRACHTUNG gelegt? Keineswegs. Wie sich zeigen sollte, hatte er noch nicht einmal über die Hauptsache nachgedacht, um die es doch heute gehen sollte, die wirkungsvollste Anordnung der Prosastücke. Die war ihm gewiss nicht gleichgültig, aber Brod hatte in diesen Dingen doch viel mehr Erfahrung, Kafka war gewohnt, sich ihm anzuvertrauen, man würde es sich, wie an zahllosen Abenden zuvor, bequem machen und in Ruhe darüber sprechen.

Nun wartete aber auf Kafka eine Überraschung (»es gibt keine guten Überraschungen«, schrieb er im folgenden Monat an Brods Schwester): Am Tisch des Esszimmers saß neben Brods Familie ein weiterer Gast, eine junge Frau, die er hier noch niemals gesehen hatte. Das war ärgerlich. Zwar fühlte sich Kafka im Allgemeinen belebt, wenn in vertrautem Kreis eine (aber nur eine) fremde Person dem Gespräch ein neues Ferment zuführte; gerade heute aber, da es um Dinge gehen sollte, von deren Qual allein Brod wusste, wäre ihm ungezwungene Häuslichkeit lieber gewesen. Leicht irritiert reichte er ihr über den großen runden Tisch hinweg die Hand – ein kleiner faux pas, denn man hatte ihn noch gar nicht vorgestellt – und setzte sich ihr gegenüber.

Es handelte sich, wie er nun erfuhr, um eine entfernte Verwandte, {97}eine Cousine von Brods Schwager Max Friedmann. Sie hieß Felice Bauer und war eine Jüdin aus Berlin, die in einem Prager Hotel Station machte und morgen zu einer verheirateten Schwester nach Budapest weiterreisen würde. Eben wurden gemeinsam Urlaubsfotos betrachtet, und Kafka beteiligte sich, indem er sie einzeln über den Tisch reichte. Felice Bauer betrachtete die Bilder ernst und genau, schaute nur auf, um die zugehörigen Erklärungen aufzunehmen, und vernachlässigte dafür sogar das mittlerweile aufgetragene Essen. Als Brod eine diesbezügliche Bemerkung machte, erwiderte sie, nichts sei ihr abscheulicher als Menschen, die immerfort essen. Kafka horchte auf.

Obwohl die üblichen literarischen Insider-Gespräche heute eigentlich nicht recht am Platz waren, verbreitete sich Brod weitläufig über die von ihm geplante Aufführung einer Operette. [81]  Felice wiederum nahm das Klingeln des Telefons zum Anlass, eine alberne Telefonszene zu schildern, die sie im Berliner Residenztheater gesehen hatte. (Kafka lernte die Szene auswendig.) Auch das Jargontheater wurde durchgenommen, von dem Kafka offenbar lachend erzählte, was Felice, wie sich später herausstellen sollte, als Ironie völlig missverstand. Als man höflichkeitshalber auf die entfernten familiären Beziehungen zwischen Prag und Berlin zu sprechen kam, erinnerte sich Fräulein Bauer unhöflicherweise daran, in ihrer Kindheit viel vom Bruder und von diversen Vettern geprügelt worden zu sein – also doch wohl auch von Brods Schwager –, sodass ihr Arm voller blauer Flecke gewesen sei. Auch ihr Beruf wurde erwähnt: Sie war drei Jahre zuvor als Stenotypistin in die Carl Lindström A. G. eingetreten, die unter anderem Grammophone und Diktiergeräte herstellte, und war in kürzester Frist in eine verantwortliche Position aufgerückt. Dennoch betrachtete sie das Maschineschreiben, das nun überwiegend andere Frauen für sie erledigten, keineswegs als verächtliche Tätigkeit – wie sich herausstellte, machte es ihr sogar »Vergnügen«, Manuskripte abzutippen, und sie forderte Brod auf, ihr seine Arbeiten nach Berlin zu schicken. Kafka schlug vor Erstaunen mit der Hand auf den Tisch.

Auf den Gedanken, das Schreibmaschinenfräulein nach ihrer Haltung zum Zionismus zu befragen, war offenbar noch keiner der Anwesenden verfallen, als sie ganz beiläufig erwähnte, sich zumindest mit der hebräischen Sprache schon intensiv beschäftigt zu haben. Kafka, der erneut seinen Ohren nicht traute, zog nun ein Exemplar der Monatsschrift Palästina hervor, das er »zufällig« bei sich hatte. Sollte {98}man es nicht endlich einmal den vielen in Prag angestaunten Palästinatouristen gleichtun und selbst die Reise wagen? Nicht einmal Brod hatte ja bislang ernsthaft daran gedacht, sich von der Existenz des Gelobten Landes mit eigenen Augen zu überzeugen. Warum also nicht? Der sonst von tausend Bedenken geplagte Kafka war plötzlich zu allem bereit, war sogar bereit, im folgenden Jahr seinen gesamten Urlaub für Palästina zu opfern. Und das Wunder geschah: Fräulein Bauer erklärte sich einverstanden, mit diesen Herren, die sie eben erst kennen gelernt hatte, eine Reise zu unternehmen, die damals durchaus noch den Charakter einer Expedition hatte und Unbequemlichkeiten aller Art versprach – zu schweigen davon, dass allein die Schiffspassagen zwei kostbare Urlaubswochen beanspruchen würden. Meinte sie das wirklich ernst? Sie sei keineswegs wankelmütig, erklärte sie, und streckte die Hand aus. Kafka schlug ein.

Dann verfügte man sich hinüber ins Klavierzimmer – da ihre Stiefel durchnässt waren, schlurfte Fräulein Felice in Pantoffeln von Brods Mutter, was ihr ein wenig peinlich war –, und dort konnte Kafka nun endlich seine Manuskripte ausbreiten. Brod dürfte über die wenigen Blätter ziemlich erschrocken gewesen sein – wie sollte daraus ein Buch werden? Da war die Frage der Anordnung leichter zu beantworten: Die acht Stücke, die bereits in Hyperion erschienen waren, wurden im Wesentlichen in ihrer Reihenfolge belassen, die sommerhelle Idylle KINDER AUF DER LANDSTRASSE würde den Band eröffnen, das schwärzeste und buchstäblich gespenstische Stück UNGLÜCKLICHSEIN ihn beschließen. An den Anfang stellte Kafka noch handschriftlich die Widmung »Für M. B.« – später wunderte er sich selbst darüber, warum er den Namen nicht ausgeschrieben hatte, seine Freundschaft mit Max Brod war doch kein Geheimnis –, und damit war die Arbeit getan. Das Ganze hatte sich natürlich unter fortdauerndem Plaudern der übrigen Anwesenden abgespielt, die zwar nicht für »würdig« befunden wurden, die Textchen zu lesen (was Felice Bauer als unfreundliche Geste in Erinnerung behielt), die sich aber nun schadlos hielten, indem sie sich mit witzigen Vorschlägen über die sicherste Art der Versendung überboten. Der in solchen Dingen ängstliche Kafka wurde von allen Seiten gefoppt, für Brod aber war klar, dass er das so schwer erkämpfte Manuskript keineswegs mehr herausrücken würde; er als Postbeamter würde sich wohl am besten selbst um den Versand kümmern. Liest man Kafkas bohrend-unglückliche Notate der folgenden {99}Tage, so muss man in der Tat bezweifeln, ob BETRACHTUNG jemals bis in die Auslagen der Buchhandlungen gelangt wäre, hätte Brod nicht bis zum letzten Augenblick die Hand darüber gehalten.

Für die musikalische Unterhaltung der Gesellschaft hatte wieder einmal Brods Bruder Otto zu sorgen, es gab eine kleine Darbietung am Flügel, dann schlich sich Müdigkeit ein und mit ihr Ungezwungenheit, Brods Mutter döste auf dem Sofa, Otto hantierte am Ofen, der Vater am Bücherregal, die Übrigen unterhielten sich noch ein wenig über Literatur. Felice Bauer erwies sich als wohlinformiert (vielleicht auch nur als wohl vorbereitet), hatte Brods ARNOLD BEER gelesen und sich sogar an SCHLOSS NORNEPYGGE versucht, das sie jedoch nicht habe zu Ende lesen können – hier stockte Kafka wiederum der Atem, war das nicht eine Beleidigung der Gastgeber? –, worüber sie sich aber doch selbst wundern müsse, weshalb sie das Buch demnächst erneut vornehmen werde. (Was durchaus keine Höflichkeitsfloskel war, denn einige Wochen später erkundigte sie sich tatsächlich bei Brod, doch der hatte keine Lust mehr, dieses unzionistischste seiner Bücher zu kommentieren.) Der Abend wurde beschlossen mit einem dummen Witz des Herrn Direktor, der einen Bildband aus dem Regal zog, um Fräulein Bauer »Goethe in Unterhosen« zu zeigen. »Er bleibt ein König auch in Unterhosen«, zog diese sich aus der Affäre, was Kafka einen »Druck in der Kehle« verursachte. Sie beeilte sich, in ihre Stiefel zu kommen, während Kafka, an den Tisch gelehnt, den Umstehenden halblaut versicherte, die Berlinerin gefalle ihm »zum Seufzen« – eine wahrhaft »blödsinnige Bemerkung«, wie er später zugab.

Nun musste die Dame noch zum Hotel ›Blauer Stern‹ begleitet werden, wofür sich Brods Vater sowie Kafka anboten, der den Nachhauseweg ohnehin gern verlängerte. Kafka war um diese späte Stunde zumeist lebhaft und hellwach, und lange Spaziergänge durch das nächtliche Prag (das man sich weit dunkler vorzustellen hat als eine Großstadt der Gegenwart) gehörten zu seinen ältesten Gewohnheiten. Heute allerdings hatte sich mit ihm eine merkwürdige Verwandlung vollzogen; wortkarg lief er neben den beiden her, nahm zwar noch allerlei erstaunliche Einzelheiten aus Felice Bauers Dasein in sich auf – bis vier Uhr früh hatte sie vorige Nacht im Bett gelesen, und zur Weiterreise gepackt hatte sie auch noch nicht –, doch schien er abwesend, stolperte mehrmals vom Trottoir hinab auf die Fahrbahn und drängte sich gar, als sie am Hotel angelangt waren, mit Fräulein Bauer {100}in dieselbe Abteilung der Drehtür. Als sie ihn fragte, wo er wohne – nichts als eine höfliche Erkundigung, ob er nicht einen allzu weiten Umweg in Kauf nehme –, glaubte er, sie verlange seine Postanschrift, um sofort nach ihrer Heimkehr eine Korrespondenz über die geplante Palästinareise eröffnen zu können. Auf diese Reise hatte Kafka im Verlauf des Abends immer wieder angespielt, da er den Verdacht hatte, niemand nehme sie ernst; jetzt, da es ans Abschiednehmen ging, raffte er die letzte Geistesgegenwart zusammen und erinnerte nochmals an das durch Handschlag besiegelte Versprechen. Dann schloss sich die Tür des Hotelaufzugs, und die leibliche, die wirkliche Felice Bauer verschwand für ganze sieben Monate.

So weit die Außenansicht jenes denkwürdigen Abends, über die wir deshalb so gut im Bilde sind, weil Kafka selbst in einem Brief an Felice Bauer eine genaue Schilderung gegeben hat [82]  – stolz und auch ein wenig eitel mit seinem Gedächtnis paradierend, das jene Stunden mit der Präzision einer Kamera aufgezeichnet hatte. (Nicht ganz: Die Farbe ihres großen Hutes erinnerte er falsch, worüber er sich nur schwer beruhigte.) Und die Innenansichten? Brod hat leider nicht überliefert, wie er den Abend erlebte, für ihn stand gewiss die BETRACHTUNG ganz im Vordergrund, die er denn auch, kaum waren die Besucher verabschiedet, noch einmal genussvoll vornahm. Felice Bauer fühlte sich, wie sie später gestand, ausgesprochen »unbehaglich«, da sie den Eindruck hatte, man nehme kaum Notiz von ihr. Es war eben anstrengend, Konversation zu machen, wenn man – wie anlässlich Brods Operette und Kafkas BETRACHTUNG – nicht mitreden konnte. Auf Kafka selbst hatte sie nicht besonders Acht gegeben; er war niemand, den man kennen musste – als Schriftsteller war ja Kafka kaum mehr als ein Prager Gerücht –, aber auch seine äußere Erscheinung hat sie offenbar wenig beeindruckt. Ein starkes Indiz dessen hielt Kafka vier Jahre später in Händen: Wohl erinnerte sie ihn pünktlich an den Jahrestag der ersten Begegnung (während er angeblich nicht einmal wusste, wie viele Jahre es waren), doch dass er damals bis zum Hotel mitgegangen, mitgestolpert war, hatte sie längst vergessen. [83]  

Ganz anders Kafkas Erleben: vom ersten Augenblick an ein gieriges Aufnehmen lebendiger Details, ein wie hypnotisiertes, selbstvergessenes Eindringen in ein fremdes weibliches Leben, eine wahre Hölle an Präzision: {101}

»Frl. Felice Bauer. Als ich am 13. VIII zu Brod kam, sass sie bei Tisch und kam mir doch wie ein Dienstmädchen vor. Ich war auch gar nicht neugierig darauf, wer sie war, sondern fand mich sofort mit ihr ab. Knochiges leeres Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht war. (Ich entfremde ihr ein wenig dadurch, dass ich ihr so nah an den Leib gehe. Allerdings in was für einem Zustand bin ich jetzt, allem Guten in der Gesamtheit entfremdet und glaube es überdies noch nicht. […]) Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas steifes reizloses Haar, starkes Kinn. Während ich mich setzte, sah ich sie zum erstenmal genauer an, als ich sass, hatte ich schon ein unerschütterliches Urteil.« [84]  

So steht es eine Woche später im Tagebuch. Eine Beschreibung wie ein Fausthieb (der Felice Bauer, verwitwete Marasse, mit jahrzehntelanger Verspätung dann auch sicher getroffen hat, als ihr die Tagebücher gedruckt vorlagen). Fast scheint es, als wisse sich Kafka der fortdauernden Irritation nicht mehr anders zu erwehren als durch die klassische männliche Waffe der angestrengt kalten Beobachtung – fiele er sich nicht selbst ins Wort und beklagte die »Entfremdung«, die ihm hier widerfährt. Jetzt ist es am Leser, irritiert zu sein. Wie, so ist zu fragen, kann man einem fast gänzlich fremden Menschen »entfremden«? Und kann denn Kafka im Ernst hoffen, dass die Schilderung eines weiblichen Gesichts, die alles ausklammert, was an ihm Ausdruck ist, ebenderselben Frau näher bringt, die kein anderes Gesicht hat, sich auszudrücken?

Auch in früheren Jahren schon hatte Kafka eine ganze Reihe von Frauenporträts gezeichnet, die sich durch eine gleichsam hyperrealistische Präzision auszeichnen. Sein Blick wirkt hier saugend, süchtig, als wollte er sich mit dem bloßen Eindruck nicht begnügen, sondern das Gesehene aus eigener Kraft nachmodellieren. Auch die Fremdheit, die dieses Fixieren des Nichtfixierbaren erzeugt, war ihm anlässlich eines solchen Versuchs bereits bewusst geworden:

»Als ich beim Doktor wartete sah ich das eine Schreibfräulein an und dachte darüber nach, wie schwer ihr Gesicht selbst während des Anblicks festzustellen sei. Besonders die Beziehung zwischen einer auseinandergezogenen ringsherum fast in gleicher Breite über den Kopf vorragenden Frisur zu der meist zu lang erscheinenden geraden Nase verwirrte. Bei einer auffallenderen Wendung des gerade ein Aktenstück lesenden Mädchens wurde ich durch die Beobachtung fast betroffen, dass ich durch mein Nachdenken dem Mädchen fremder geblieben war, als wenn ich mit dem kleinen Finger ihren Rock gestreift hätte.« [85]  
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Der kleine Finger am Rock wäre Erleben, stattdessen bleibt ihm nur das Bild. Es zeigt sich, dass Kafkas befremdlich unerotisches Registrieren alles andere als eine Abwehrgeste ist. Sein Blick ist nicht emotionslos genau, er ist verzweifelt genau: der Versuch, das Sehen (und in dessen Gefolge die Reflexion des Gesehenen) zu solcher Intensität zu steigern, dass es in Erleben umschlägt. Doch die Beziehung, die der Gedanke erzeugt, kann niemals mehr sein als eine erdachte Beziehung. Die Erfahrung weiblicher Nähe, nach der Kafka sich sehnt, ist auf körperlose Weise nicht zu erzwingen, die ausgestreckte Hand durch kein Medium zu ersetzen. Das bereits fünf Jahre alte und schon zweimal veröffentlichte Prosastück DER FAHRGAST, das Kafka in den Band BETRACHTUNG aufnahm, ist gleichsam die Versuchsanordnung, welche die endgültige Falsifikation liefert:

»Ich stehe auf der Plattform des elektrischen Wagens und bin vollständig unsicher in Rücksicht meiner Stellung in dieser Welt, in dieser Stadt, in meiner Familie. Auch nicht beiläufig könnte ich angeben, welche Ansprüche ich in irgendeiner Richtung mit Recht vorbringen könnte. Ich kann es gar nicht verteidigen, daß ich auf dieser Plattform stehe, mich an dieser Schlinge halte, von diesem Wagen mich tragen lasse, daß Leute dem Wagen ausweichen oder still gehn oder vor den Schaufenstern ruhn. – Niemand verlangt es ja von mir, aber das ist gleichgültig.
Der Wagen nähert sich einer Haltestelle, ein Mädchen stellt sich nahe den Stufen, zum Aussteigen bereit. Sie erscheint mir so deutlich, als ob ich sie betastet hätte. Sie ist schwarz gekleidet, die Rockfalten bewegen sich fast nicht, die Bluse ist knapp und hat einen Kragen aus weißer kleinmaschiger Spitze, die linke Hand hält sie flach an die Wand, der Schirm in ihrer Rechten steht auf der zweitobersten Stufe. Ihr Gesicht ist braun, die Nase, an den Seiten schwach gepreßt, schließt rund und breit ab. Sie hat viel braunes Haar und verwehte Härchen an der rechten Schläfe. Ihr kleines Ohr liegt eng an, doch sehe ich, da ich nahe stehe, den ganzen Rücken der rechten Ohrmuschel und den Schatten an der Wurzel.
Ich fragte mich damals: Wieso kommt es, daß sie nicht über sich verwundert ist, daß sie den Mund geschlossen hält und nichts dergleichen sagt?«

Dieser »Fahrgast«, dessen Pupillen sich zur Lupe weiten, hat noch nicht begriffen, dass er tötet, was er lebendig in sich aufzunehmen vermeint. Sein Blick friert den ›Gegenstand‹ nicht nur ein, er zerlegt ihn. Hätte er das Mädchen wirklich »betastet«, dann wäre sie ihm nicht nur »deutlich«, sondern mehr und anderes. Was ihm stattdessen in Händen bleibt, ist nicht die Wirklichkeit, sondern eine Art Trockenpulver, {103}das mit der Realität, geschweige mit realem Erleben, nur noch der Idee nach etwas gemeinsam hat. Die Komik dieser Verfehlung entsteht in DER FAHRGAST durch die Fallhöhe zwischen dem ersten und dem zweiten Absatz: Wenn dieses körperlose »Ich« keinerlei Boden unter den Füßen hat, nicht weiß, warum und wozu es lebt, also eigentlich als Chimäre durch die Welt spaziert, dann kann ihm auch die genaue Zählung der Härchen eines fremden Mädchens nicht zu wahrhaftem Leben verhelfen.

Noch etwas wirkt befremdlich in Kafkas Beschreibung Felice Bauers: der Begriff »unerschütterliches Urteil«. Einige Interpreten haben dies so verstanden, als sei Kafka schon im ersten Augenblick entschlossen gewesen, sich über diese Frau sein eigenes Bild zu machen, sie als Bühne seiner einsamen Projektionen zu missbrauchen. Wahr ist das Gegenteil. Kafka erinnert sich an diesen Bewusstseinsakt deshalb, weil sein Urteil – »Dienstmädchen«, »leer« usw. – an jenem Abend geradezu umgestülpt wurde und nicht nur dieses Urteil, sondern er selbst sich als in höchstem Maß »erschütterbar« erwies. Schließlich dachte er nun schon seit Tagen über die Fremde nach, der gegenüber er sich mit seinem vorschnellen »Abfinden« geradezu blamiert hatte.

War Kafka verliebt? Unter dem Eindruck des ersten Augenblicks nicht, unter dem Eindruck des ersten Abends zweifellos, und beide Eindrücke bewahrte er lange in sich auf. Kafka agierte wie ein verliebter Schuljunge, er kannte sich selbst nicht wieder. Schon während jenes Gangs zum Hotel, bei dem er in einen seiner »nicht gerade seltenen Dämmerzustände« verfiel, »in denen ich nichts anderes klar erkenne ausser meine eigene Nichtsnutzigkeit« [86]  , spielte er Möglichkeiten durch, eine Beziehung anzuknüpfen: Er dachte an Briefwechsel – daher das Missverständnis um seine Adresse –, zugleich aber schwebte ihm »in unsicheren Entschlüssen« vor, sich am nächsten Morgen mit Blumen am Bahnhof zu postieren, was nur dadurch vereitelt wurde, dass sich ihm schon bei diesem allerersten Schritt ein Nebenbuhler in den Weg stellte, der Leiter der Prager Lindström-Filiale [87]  , mit dem Fräulein Bauer tags zuvor auf dem Hradschin gewesen war und der womöglich ebenfalls am Bahnhof auftauchen würde. Und woher sollte man so früh am Morgen Blumen beschaffen? Das sah wirklich sehr nach den Sorgen einer Schülerliebe aus.

Anderntags, kaum im Büro angelangt, schickte Kafka per Boten {104}eine dringliche Bitte an Brod: Dieser solle doch die Reihenfolge der Prosastücke noch einmal überprüfen, denn er selbst habe »beim Ordnen der Stückchen unter dem Einfluss des Fräuleins« gestanden. (In Wahrheit hatte er gar nicht zugehört: Das Manuskript war noch nicht gesetzt, da hatte er die Reihenfolge schon wieder vergessen. [88]  Einen wiederum verwandelten Autor zeigt dann das am selben Tag formulierte Begleitschreiben an Rowohlt. Das gewitzte Selbstbewusstsein, das hier aufblitzt, hätte man Kafka nach der Selbstquälerei der vergangenen Wochen keinesfalls mehr zugetraut:

»Hier lege ich Ihnen die kleine Prosa vor, die Sie zu sehen wünschten; sie ergibt wohl schon ein kleines Buch. Während ich sie für diesen Zweck zusammenstellte, hatte ich manchmal die Wahl zwischen der Beruhigung meines Verantwortungsgefühls und der Gier, unter Ihren schönen Büchern auch ein Buch zu haben. Gewiss habe ich mich nicht immer ganz rein entschieden. Jetzt aber wäre ich natürlich glücklich, wenn Ihnen die Sachen auch nur soweit gefielen, dass Sie sie druckten. Schliesslich ist auch bei grösster Übung und grösstem Verständnis das Schlechte in den Sachen nicht auf den ersten Blick zu sehen. Die verbreitetste Individualität der Schriftsteller besteht ja darin, dass jeder auf ganz besondere Weise sein Schlechtes verdeckt.« [89]  

Doch wenige Tage später erfolgte bereits der psychische Rückstoß:

»Wenn Rohwolt [!] es zurückschickte und ich alles wieder einsperren und ungeschehen machen könnte, so dass ich bloss so unglücklich wäre, wie früher.« [90]  

Kafka war gänzlich aus dem Gleichgewicht. Er verbrachte wieder viel Zeit im Bett, laborierte an Abszessen, blätterte in den eigenen Tagebüchern, was ihm nicht gut bekam, und grübelte weiter über das Berliner Fräulein. Die Idee mit den Blumen war noch nicht ad acta gelegt. Denn Felice Bauer würde auf der Rückreise von Budapest Station in Breslau machen, und Kafka wusste den ungefähren Termin. Konnte man nicht den Gefährten aus dem ›Jungborn‹, den in Breslau lebenden Dr.Schiller, darum bitten, Felice Blumen zu überreichen? Dass Kafka diesmal und vielleicht überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben keine Furcht vor unkonventionellen Maßnahmen hatte, ja sogar bereit war, alles auf eine Karte zu setzen, sollte bald deutlich werden.

Noch behielt seine habituelle Vorsicht die Oberhand. Ein falscher Schritt konnte alles verderben. Doch es war, als neigte sich ausgerechnet {105}jetzt – und ganz ohne sein Zutun – die schmale Fläche, auf der er seine losgelöste Existenz von Tag zu Tag verteidigte. Denn in dichter zeitlicher Folge sorgten nun äußere Ereignisse dafür, dass er die seit Felice Bauers Auftauchen erneut um Ehe, Familie und Vaterproblem wild kreisenden Gedanken nicht mehr beschwichtigen konnte.

Es begann damit, dass Ende August der »Madrider Onkel« Alfred Löwy für einige Tage zu Besuch kam – eine für Kafka mehr denn je paradigmatische Figur. Denn Löwy hatte zwar Karriere gemacht, kannte die Welt und hatte sogar schon den Händedruck des amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt empfangen, was ihm bei den Prager Kafkas, auch bei Franz, beträchtlichen Respekt eintrug; andererseits aber war Alfred Löwy Junggeselle geblieben und hatte damit auf die Wärme und die sinnstiftende Funktion der Familie verzichtet. Für Kafka warf diese Biographie die grundlegende Frage auf, ob irgendeine Form von Erfolg oder Selbstbestätigung – in diesem Falle beruflicher Art – das gefürchtete Unglück eines lebenslänglichen Junggesellendaseins ausgleichen konnte. Anders gefragt: War ein zufriedener Junggeselle überhaupt denkbar? Nach einigen Tagen des Zögerns scheint er den Onkel in diesem Punkt sehr direkt angegangen zu haben, und da die Antwort seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte, protokollierte er sie ausführlich im Tagebuch. Zur Illustration nämlich erzählte der Onkel von einer teuren Pension, in der er zwischen den immer gleichen vornehmen Gästen öfters zu Abend esse:

»Ich kenne schon alle gut, setze mich auf meinen Platz mit Gruss nach allen Seiten, rede weil ich in eigener Laune bin, sonst kein Wort, bis auf den Gruss, mit dem ich mich wieder verabschiede. Dann bin ich allein auf der Gasse und kann wirklich nicht einsehn, wozu dieser Abend gedient haben soll. Ich gehe nachhause und bedauere nicht geheiratet zu haben. Natürlich verwischt sich das wieder, sei es, dass ich es zuende denke, sei es dass sich die Gedanken verlaufen. Aber bei Gelegenheit kommt es wieder.« [91]  

Zwei Wochen später, am 14.September, feierte Hermann Kafka seinen sechzigsten Geburtstag, und man kann sich vorstellen, wie an diesem Tag die Familie trabantengleich ihrem Zentrum huldigte und mit welchen Gefühlen sich der Sohn in den Chor der Gratulanten fügte. Seine eben aufkeimenden, ihn dunkel umtreibenden Ehegedanken müssen ihm geradezu nichtig erschienen sein angesichts der dröhnenden, {106}patriarchalen Präsenz des Vaters, dem er an diesem Tag schlechterdings nicht aus dem Weg gehen konnte. Um aber das Unglück voll zu machen, gab es schon am folgenden Tag eine weitere Familienfeier: die Verlobung der Schwester Valli, vorläufiger Höhepunkt einer seit Monaten sich hinziehenden Eheanbahnung nach bewährtem Muster. Angesichts dieses Treibens muss sich in Kafkas Kopf das Problem der familialen Existenz zu einem geradezu feindseligen Knäuel verdichtet haben. Er notiert Inzestgedanken – eine Seltenheit – sowie ein titelloses Gedicht, das deutlich belegt, dass die Initialzündung zu der Erzählung DAS URTEIL, die am folgenden Wochenende entstehen wird, insgeheim bereits erfolgt war:

Aus dem Grunde
der Ermattung
steigen wir
mit neuen Kräften
Dunkle Herren
welche warten
bis die Kinder
sich entkräften [92]  

Am folgenden Abend flüchtet sich Kafka in die Wohnung der Familie Brod, obgleich Max gemeinsam mit Felix Weltsch verreist ist. Offenbar ist er enttäuscht, auch den Herrn Direktor nicht anzutreffen, aber lieber langweilt er sich mit Brods Mutter, als zu Hause die festlich gestimmte Familie zu ertragen. Er findet keine Ruhe mehr, es ist, als dringe ein stetig anschwellender Lärm aus seinem Innern, seit Tagen schon bilden sich in ihm, kaum dass er sich zu Bett gelegt hat, Sätze eines imaginären Briefs, in immer neuen Anläufen, eines Briefs, der dieses elende Leben endlich von Grund auf verändern soll. Schließlich, am Freitag, dem 20.September 1912 – wenige Stunden vor Beginn des jüdischen Versöhnungstages Jom Kippur –, ist die Spannung nicht mehr zu ertragen, und das Imaginäre verdichtet sich wie traumwandlerisch zur Wirklichkeit, zum konkreten Entschluss. Nach den üblichen sechs Stunden Büroarbeit geht Kafka nicht nach Hause, sondern setzt sich an eine Schreibmaschine, legt ein Blatt Papier mit dem Briefkopf der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt ein (und zu diesem besonderen Anlass auch ein Blatt Durchschlagpapier) {107}und beginnt – die Maschine ist ihm ungewohnt – langsam zu tippen: »Sehr geehrtes Fräulein! Für den leicht möglichen Fall, dass Sie sich meiner auch im geringsten nicht mehr erinnern können, stelle ich mich noch einmal vor: Ich heisse Franz Kafka … «

Kafka: Die Jahre der Entscheidungen
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