{395}Drei Kongresse in Wien
Ich wollte nie an den Haupttisch, dort kann man nicht beobachten – dort wird man beobachtet.
Robert Gernhardt
Im Mai fuhr Kafka zu seiner Braut nach Berlin. Im Eisenbahncoupé ihm gegenüber saß Otto Pick. Im Café Josty trafen sie Carl und Albert Ehrenstein.
Nun war Anfang September. Kafka floh vor seiner Braut nach Wien. Im Eisenbahncoupé ihm gegenüber saß Otto Pick. In Wien-Ottakring besuchten sie Albert Ehrenstein.
Eine groteske Spiegelung war es, die gleichsam seitenverkehrte Wiederholung einer Situation, von der sich Kafka einst ein neues Leben erhofft hatte. Bewusst geworden ist ihm das offenbar nicht – kein Wunder, hatte sich doch die ängstliche Erwartung mittlerweile zu einem bleiernen, Tag für Tag wiederkehrenden Angsttraum verdichtet, der ihm nicht nur die Luft zum Atmen, sondern auch die freie Sicht auf die eigene Existenz nahm.
Kafka reiste zunächst als Beamter, denn er war auf dem Weg zur ersten (und einzigen) Großveranstaltung, an der er als offizieller Delegierter der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt teilnehmen sollte. Dieser ›II. Internationale Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung‹, der am 9.September 1913 im Sitzungssaal des Wiener Abgeordnetenhauses eröffnet wurde, lag Kafka schon seit langem auf der Seele. Denn seine Vorgesetzten Pfohl und Marschner hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, zur Ausarbeitung auch für die Öffentlichkeit bestimmter Schriftstücke den ebenso kompetenten wie stilsicheren Dr.Kafka heranzuziehen, und so war ihm die Aufgabe ›zugefallen‹, die Vorträge zu verfassen, mit denen der Abteilungsleiter und der Direktor in Wien zu glänzen gedachten. Da diese Vorträge natürlich auch im Druck erschienen, waren sie schon Monate vor der Veranstaltung {396}abzuliefern – mit der Folge, dass Kafka bereits im April Statistiken wälzte und Fachpublikationen exzerpierte. Es war derselbe ereignisreiche Monat, in dem er in der Gärtnerei Dvorský wütend den Spaten in die Erde stieß, während Felice in Frankfurt wie verschollen war; derselbe Monat, in dem er, wenige Tage vor Abgabe der Vortragsmanuskripte, in der Nacht auch noch die Druckfahnen des HEIZERS Korrektur zu lesen hatte. Offenbar beendete Kafka sein ghostwriting erst im letztmöglichen Augenblick, und es ist unwahrscheinlich, dass seinen Vorgesetzten Zeit blieb, in ihren Redetexten noch ein paar eigene Gedanken unterzubringen.
Nun war freilich ein Fachkongress mit mehr als 3000 Delegierten, Funktionären und Zuhörern das Letzte, woran sich Kafka im Herbst 1913 hätte begeistern können – tatsächlich interessierte ihn die ganze Veranstaltung so wenig, dass er noch wenige Tage vor Eröffnung nicht einmal deren Titel korrekt wiedergeben konnte. [366] Vermutlich war seine Teilnahme als eine Art von Belohnung gedacht, an Ablehnung daher gar nicht zu denken. Immerhin gelang es ihm, die gemeinsame Zugreise mit den beiden Vorgesetzten zu vermeiden; stattdessen schloss er sich schon einige Tage zuvor Otto Pick an, der wieder einmal im Dienst literarischer Kontakte unterwegs war. Das brachte – auf Kosten nur eines Urlaubstages – ein freies Wochenende in Wien ein. Danach plante Kafka, einen Zug nach Italien zu besteigen, um seinen jährlichen Urlaub anzutreten, und vielleicht würde Pick ihn begleiten. Nun, darüber konnte man später sprechen. Nur weg von Prag jetzt.
Doch besser wäre er allein gereist. Denn die neuesten Nachrichten aus der Szene, mit denen Pick ihn auch damals während der Fahrt nach Berlin präpariert hatte und die Kafka wie einen verheißungsvollen, warmen Regen über sich hatte ergehen lassen, erschienen ihm jetzt seicht wie eine Pfütze. »Dummes Litteraturgeschwätz mit Pick«, notierte er. »Ziemlicher Widerwillen. So (wie P.) hängt man an der Kugel der Litteratur und kann nicht los, weil man die Fingernägel hineingebohrt hat, im übrigen aber ist man ein freier Mann und zappelt mit den Beinen zum Erbarmen.« [367] Pick hatte, mit anderen Worten, literarische Interessen, sein Gerede evozierte genau jenes Bild des Hobbyliteraten und Literaturvertreters, das Kafka erst wenige Tage zuvor gegenüber Felice entrüstet zurückgewiesen hatte. Ich bin Literatur. Pick hingegen hätte sich, um seinem Leben Halt zu geben, ebenso gut {397}woanders ›einbohren‹ können. Stellt man in Rechnung, dass diese abfälligen Bemerkungen zu ebenjenen Notizen gehörten, die er Felice von der Reise ab und an zu senden versprochen hatte – anstelle von Briefen –, so wird begreiflich, woher die Schärfe rührt.
Doch Kafka stand jetzt nicht der Sinn nach Gerechtigkeit, und Pick, der sich auf die ausgeprägten Gewohnheiten, Idiosynkrasien und Launen seines Begleiters erst einmal einzustellen hatte, wurde nichts geschenkt. »Er tyrannisiert mich, indem er behauptet, ich tyrannisiere ihn«, notierte Kafka vielsagend. Am Abend des 6.September etablierten sich die beiden in einem Zwei-Zimmer-Appartement des zentral gelegenen Wiener Hotels ›Matschakerhof‹. Kafka wollte endlich Ruhe, Pick nötigte ihn zu einem ersten Rundgang. Auf der Straße verfiel Kafka in seinen gewohnten Eilschritt. Pick, einen Kopf kleiner, protestierte. Da wurde Kafka noch ein klein wenig schneller.
Nichts wäre ihm jetzt lieber gewesen, als in den wenigen freien Stunden, die noch verblieben, seiner eigenen Wege zu gehen – inkognito, unter weiträumiger Vermeidung der einschlägigen Kaffeehäuser. Doch daran war nicht zu denken. Wie etwa hätte er es rechtfertigen sollen, dem von Berlin nach Wien zurückgekehrten Albert Ehrenstein, einem seiner ersten und wichtigsten Rezensenten, einen kurzen Besuch zu verweigern? Also machte er sich mit Pick gleich am ersten Tag – es war ein außerordentlich klarer, sonniger Sonntagvormittag – auf den Weg in den XVI. Bezirk, um dort in einer armselig kleinbürgerlichen Behausung lustlos in den Manuskriptseiten von Ehrensteins erstem Lyrikband zu blättern. [368] Danach fuhr man zu dritt zurück in die Innenstadt, und Kafka dirigierte die (vermutlich mäßig begeisterte) Gruppe ins vegetarische Speisehaus ›Thalysia‹ am Hofburgtheater.
Zweifellos hatte Pick, ein ähnlich schwärmerischer Mediator wie Brod, den Ehrgeiz, seinen Begleiter, dessen übler Laune zum Trotz, in die heiße Zone der Wiener Literatur einzuführen. Zwei Kaffeehäuser erwähnt Kafka, das ›Beethoven‹ und das berühmtere, von Loos gestaltete Künstlercafé ›Museum‹, wo er Gelegenheit hatte, wenigstens eine atmosphärische Witterung dessen aufzunehmen, was er bisher fast ausschließlich in gedruckter Form kannte. Besonders ertragreich können die Anstrengungen Otto Picks jedoch nicht gewesen sein. Denn wenn es auch eine der Depression geschuldete Übertreibung sein dürfte, wenn Kafka versichert, er »sitze dort als das Gespenst {398}bei Tisch«, so war er gewiss nicht sonderlich gesprächig und folgte Einladungen ins Kaffeehaus nur äußerst widerwillig – insgesamt nur zweimal innerhalb einer Woche, wie er gegenüber Brod behauptet. [369]
Ungünstig auch, dass Pick kaum Gelegenheit hatte, ihm wirkliche Prominenz vorzuführen und seine Neugier auf diese Weise zu wecken. Gewiss, Kafka freute sich – und es war einer der wenigen Lichtblicke in Wien –, Ernst Weiß wiederzubegegnen, dem gegenüber er zunehmende Nähe fühlte. Die Sehenswürdigkeiten Musil, Kokoschka und Alma Mahler hingegen befanden sich allesamt auf Ferienreise. Der mit Ehrenstein befreundete Georg Trakl, dessen opake, verschattete GEDICHTE soeben in der Reihe ›Der jüngste Tag‹ erschienen waren, hielt sich in Tirol auf. Auch Peter Altenberg blieb unsichtbar; erst im Mai war er aus der Irrenanstalt ›Am Steinhof‹ entlassen worden und lebte seither am Lido von Venedig. Allenfalls eine Begegnung mit Karl Kraus wäre denkbar gewesen – denkbar, jedoch nicht machbar. Zwar gab es niemanden innerhalb der weitläufigen Fackel-Gemeinde, der nicht gewusst hätte, wo Kraus zu besichtigen war: beispielsweise am Kärtner Ring, Café Imperial, keine zehn Minuten vom ›Museum‹ entfernt. Doch Ehrenstein, der von Kraus gefördert wurde, vermied es wohlweislich, sich dort mit Leuten aus der Provinz sehen zu lassen. (Wodurch ein literarhistorisch bemerkenswertes Zusammentreffen nicht stattfand, denn am 9.September hätte Kafka im Café Imperial beobachten können, wie Kraus der Liebe seines Lebens vorgestellt wurde: Sidonie Nádherný.)
Es hatte seine guten, Kafka sehr wohl bekannten Gründe, warum Kraus auf alles, was aus Prag kam, gerade jetzt besonders schlecht zu sprechen war. Der Schuldige hieß: Brod, jener »Polemiker wider Willen«, von dem Kraus seit dem Schlagabtausch von 1911 nichts mehr gehört hatte und der sich auch bei seinen Prager Lesungen schon lange nicht mehr blicken ließ. Brod litt Qualen, wenn er an jene Blamage dachte. Er hatte einen Gegner attackiert, der ihm sprachlich und intellektuell überlegen war, und er war öffentlich vorgeführt worden, ohne dass sich in Prag auch nur eine Hand für ihn gerührt hatte. Werfel, den er für seinen Schüler gehalten hatte, war übergelaufen, ebenso Haas; und Kafka, uneindeutig wie immer, lächelte und bot Vermittlung an. Brod aber wollte nicht Harmonie, er wollte Revanche. Und so stieß eines Tages Karl Kraus, als er die von Brod herausgegebene Anthologie {399}ARKADIA öffnete, gleich auf der ersten Seite auf einige erstaunliche Sätze:
»Mit diesen tragischen und idyllischen Szenen kann eine gewisse giftige Polemik in unseren Tagen nicht verwechselt werden. Spricht sich in jenen die Verlassenheit des edlen Gemüts aus, das an seine unsterbliche Quelle zurückstrebt: so hat hingegen in dieser ein Übermaß von Verwicklung und Eifer das Wort, die Gereiztheit einer Seele, die sich in kleinen Gegenständen zu verlieren, immer tiefer zu verketten sucht, die endlich auf ihre ganz persönlichen Angelegenheiten herabgedrückt wird, wobei sie dem Ärger und der satirischen Betätigung immer sicherer verfällt. Das Jahrbuch ›Arkadia‹ will sich von dieser gehässigen Stellung gegen die Welt abgrenzen.«
Das saß. Und wer Augen hatte zu lesen, wusste, welch finstere Macht es war, auf die hier der ausgestreckte Finger wies.
Brod aber, blind vor Ungeduld, hätte wohl besser auf seinen friedliebenden Berater gehört. Denn das Vorwort zu einem Sammelband, der nicht Polemik, sondern »ausschließlich und in Reinheit die dichterisch-gestaltenden Kräfte der Zeit« präsentieren sollte, war der denkbar ungeeignetste Ort für eine derartige Attacke. Dass Brod hier gleichsam mit der linken Hand durchstrich, was er mit der rechten dekretierte, wäre wohl keinem seiner Beiträger entgangen – wäre er denn informiert gewesen. Doch Brod selbst fährt fort: »eine persönliche Übereinstimmung der Dichter untereinander und mit den hier vorgetragenen Richtlinien wurde weder vermutet, noch angestrebt« – was doch wohl nur bedeuten konnte, dass die Autoren gar keine Gelegenheit hatten, mäßigend einzugreifen. [370]
Auch im Verlag hatte man offenbar tief geschlafen. Das war peinlich insofern, als eben jetzt Kurt Wolff, nach heftigem Drängen Werfels, in Verhandlungen mit Karl Kraus getreten war, dessen Vertrauen gewonnen hatte und daher hoffen durfte, einen ersten wirklichen Star zu verpflichten. Nun fühlte sich aber Kraus »von einem der unglücklichsten Hysteriker, die sich je in Liebe und Haß um mich herumgeschmiert haben, von dem bekannten Brod, beschimpft« [371] , und Wolff blieb nichts übrig, als sich zu entschuldigen und sich von Brods Ausfällen unmissverständlich zu distanzieren. Immerhin ließ der empfindliche Kraus sich so weit beschwichtigen, dass er bereit war, auf ein wiederholtes Angebot einzugehen. Als er jedoch in einer weiteren Neuerscheinung aus dem Kurt Wolff Verlag, nämlich in Hillers WEISHEIT DER LANGENWEILE, den diesmal explizit gegen ihn gerichteten {400}Vorwurf der »Unaufrichtigkeit« entdeckte, war das Maß voll, und in einem langen Brief, in dem Kraus gleichwohl seine Sympathie für den jungen Verleger beteuerte, trat er von zwei bereits unterzeichneten Verlagsverträgen zurück.
Auch Brod selbst sollte keineswegs ungeschoren davonkommen. Das Imperium schlug zurück: ›Max Brod. Eine technische Kritik mit psychologischen Ausblicken‹ lautete der Titel eines Essays, der am 15.Juli 1913 in der Zeitschrift Der Brenner erschien. Verfasser war der Wiener Literaturliebhaber und Kraus-Verehrer Leopold Liegler, der mit Rücksicht auf seinen Beruf als Buchhalter unter dem (freilich leicht zu verifizierenden) Pseudonym »Ulrik Brendel« publizierte. Liegler zeichnet Brod als einen Autor, der ausschließlich von der Routine lebt und dem die trivialsten Stoffe gerade recht sind. Es sei reiner Snobismus – erhoffter Distinktionsgewinn, wie man heute sagen würde –, der Brod ins Vulgäre, ja bis an den Rand der Pornographie treibe. Und das bei mangelhaft ausgeprägtem Sprachgefühl, das ihn nicht einmal vor grammatischen Schnitzern bewahre (wobei es vor allem Pragismen sind, die Liegler als Exempel anführt).
Hätte Brod kühlen Kopf bewahrt, es wäre nicht schwer gewesen, diesen Hieb elegant zu parieren. Denn allzu offensichtlich legte Liegler hier die Elle eines epigonalen Klassizismus an, der sich in Phrasen wie »innere Gesichte«, »Quell des Lebens« und »Wesenheit der Welt und der Gottheit« erging, ohne jeden Sinn für die Wahrheitsfunktion ästhetischer Schockwirkungen. Brods Liebesgedichte, moniert Liegler allen Ernstes, »wurden immer im Bett konzipiert«. »Ja, wo denn sonst?«, hätte hier Werfel ausgerufen, aber von dessen unschuldigem Vitalismus hatte sich eben Brod schon allzu weit entfernt, und von den eigenen erotischen Frechheiten ebenfalls.
Brod begriff nicht, dass seine Neigung, alles, was er früher gedacht, gesagt, geschrieben hatte, stets nur als Vorstufen dessen zu betrachten, wovon er im Augenblick überzeugt war, ihn zu einer unbeweglichen Zielscheibe machte. Er sah keine Notwendigkeit, post festum zu rechtfertigen, was er selbst schon »kämpfend überwunden« glaubte. Da es ihm aber noch viel mehr widerstrebte, eine derart massive Attacke schweigend hinzunehmen, blieb ihm nichts als gereiztes Gefuchtel: Die angeblichen Entgleisungen, die Liegler zitierte, seien aus dem Zusammenhang gerissen, der Angreifer verstecke sich hinter einem Pseudonym und sei im Übrigen nicht von »rechtlichem Schönheitstrieb« {401}(sic!), sondern »von der Inspiration eines gewissen Wiener Kaffeehaustisches beflügelt«. So zu lesen am 9.August in der Berliner Aktion.
Dieser Schlagabtausch war natürlich das Tagesgespräch im Café Museum. Jeder hier wusste, dass zwischen jenem »gewissen Kaffeehaustisch« (warum nur nannte Brod den Gegner nicht beim Namen?) und der Zeitschrift Der Brenner das beste Einvernehmen herrschte. Irgendeine Absprache, dem Provinzfürsten Brod wieder einmal heimzuleuchten, musste es da wohl gegeben haben, auch wenn Liegler und Kraus sich nicht persönlich kannten.
Kafka hörte aufmerksam zu. Er wusste, wie sehr Brod die Vorstellung quälte, irgendwelche neuerlichen ›Missverständnisse‹ könnten sich unkontrolliert fortpflanzen, und wie begierig er darauf war, zu erfahren, wer nun zu wem hielt und wo genau die Front verlief. Doch solche allgemeinen Stimmungsberichte waren Kafkas Sache nicht, und es dauerte einige Tage, ehe er ein diplomatisches, für Brod einigermaßen erträgliches Kommuniqué zu formulieren vermochte:
»Von Dir wurde viel gesprochen und während Du Dir vielleicht Tychonische Vorstellungen von diesen Leuten machst, sassen hier um den Tisch zufällig zusammengekommene Leute, die sämtlich Deine guten Freunde waren und immer wieder mit Bewunderung irgendeines Buches von Dir hervorbrachen. Ich sage nicht, dass es den geringsten Wert hat, ich sage nur, dass es so war. Davon kann ich Dir ja im Einzelnen noch erzählen. Wenn einer aber Einwände hatte, dann kam er gewiss nur aus der allzugrossen Sichtbarkeit an der Du für diese stumpfen Augen leidest.« [372]
»Tychonische Vorstellungen«: eine Anspielung auf Brods großen, im Entstehen begriffenen Roman TYCHO BRAHES WEG ZU GOTT, dessen Protagonist sich von Undankbarkeit und Verrat umgeben glaubt. So also war es nicht. Doch Einzelheiten meidet Kafka. Ihm war wohl klar, dass manches Urteil der »guten Freunde« sich unter vier Augen anders anhören würde. Immerhin, es waren Einwände laut geworden, und das war nach Lage der Dinge kein Wunder. Und die »allzugrosse Sichtbarkeit« ging keineswegs auf die Stumpfheit des Publikums zurück – war dies doch wortwörtlich Kafkas eigener Vorwurf, den Brod erst zwei Wochen zuvor in seinem Tagebuch festgehalten hatte.
Zu seinem Glück hatte Kafka Wien bereits verlassen, als die Polemik in die nächste Runde ging und beide Seiten noch einmal kräftig nachlegten. Den kaum verhüllten Vorwurf, er sei von Karl Kraus ferngesteuert, {402}konnte natürlich Liegler nicht auf sich sitzen lassen; er bezeichnete seinen Kontrahenten als »Verleumder« und zitierte nochmals aus dessen lyrischen Erzeugnissen, um vor aller Augen zu führen, wie unfähig Brod sei, ein »individuelles Erlebnis« »in ewige Formen« zu schmieden. »Bedauernswürdig arme, gehässige Schreiberseele«, konterte Brod; allmählich verließ ihn die Lust, »diesem Hass in das schwierige Gebiet künstlerischer göttlicher Dinge zu folgen«. Das letzte Wort aber hatte eine dritte Stimme, der Herausgeber des Brenner, Ludwig von Ficker, der, auf anderem Niveau und mit kritischer Autorität, bei Brod trocken ein »Mißverhältnis« konstatierte »zwischen einem künstlerischen Anspruch und der Fähigkeit, ihn zu erfüllen«. [373] Das war ein Schlag, der schmerzte – denn damit war ausgesprochen, dass Der Brenner, die einzige ernstzunehmende kulturkritische Zeitschrift, die das deutschsprachige Österreich zu bieten hatte (neben der Fackel, aber Die Fackel war das Böse), Brod auch künftig verschlossen bleiben würde.
An der bissigen, doch argumentativ ausgesprochen dürftigen Vorstellung, mit der Brod sich neuerlich in eine Sackgasse manövrierte, kann Kafka nicht viel Freude gehabt haben. In jedem Satz rumorte persönliches Ressentiment, und dass Brod zu seiner Rechtfertigung Metaphysik ins Spiel brachte, in Sperrdruck, wirkte im Kontext dieser gewöhnlichen literarischen Rauferei nicht sonderlich souverän. Doch es hatte seine Gründe – die Kafka durchaus bekannt waren –, dass Brod gerade in dieser Angelegenheit keinen guten Rat annahm und jeden Selbstzweifel verweigerte. Was Kraus und seine Adepten antrieb, schien ihm reine Destruktivität, ›Gehässigkeit‹, wie seine Lieblingsvokabel lautete; sie liebten die Zerstörung um ihrer selbst willen, und es war, so glaubte er, nicht nur unmöglich, sondern auch zutiefst überflüssig, sich mit jemandem sachlich auseinander zu setzen, dem es gar nicht um die Sache, sondern um narzisstischen Triumph ging, um den Triumph des Heckenschützen.
Dass Brod hier womöglich Ursache und Wirkung vertauschte, kam ihm keinen Augenblick in den Sinn. Denn in Wahrheit – und die Tiraden gegen Kraus, die sich Brod noch Jahrzehnte später in seiner Autobiographie leistete, machen das viel sinnfälliger, als es den Zeitgenossen je sein konnte – in Wahrheit hasste er Kraus nicht, weil ihn dessen destruktive Kritik empörte, sondern er hasste Kritik, weil Kraus ihn getroffen hatte. »Wozu Kritik?«, hatte er bereits zwei Jahre {403}zuvor gefragt, damals noch ausdrücklich an die Adresse des Unerbittlichen. »Es sollte Dichtung geben und theoretische, ins feinste ausgearbeitete Ästhetik. Zwischenstufen sind tückisch, schädlich, häßlich, nutzlos.« [374] Ein Gedanke, in dem es sich Brod mittlerweile bequem machte und der sich zu einem Habitus verfestigt hatte, zu einem bedingungslosen Willen zum Positiven. Kritisches Bewusstsein, kritisches Handwerkszeug schienen ihm nicht mehr nur hässlich, sondern schlechterdings unethisch. Brod konnte sehr nervös werden, wenn auch nur der Gedanke aufkam, der harmlose Humor in seinem eigenen Werk – etwa im chaotischen Idyll der WEIBERWIRTSCHAFT – habe etwas mit Menschenkritik oder gar Ironie zu tun. So belehrte er den Schriftsteller und Journalisten Karl Hans Strobl, der ihn zur Mitarbeit an einer neuen Zeitschrift eingeladen hatte:
»Ich glaube aber auch, daß ich die Punkte Ihres Programms, die Sie in Ihrer Privatzuschrift für mich auslassen, nämlich ›Freudigkeit, aufbauende Kraft‹, sehr froh akzeptieren kann; denn gerade das Positive an meinen Arbeiten ist mir das Wesentlichste und nicht, wie Sie vielleicht glauben, eine gewisse Ironie. Im Grunde hasse ich nichts so sehr als Ironie, unbegründete Skepsis, Nörgelei.« [375]
Für Freudigkeit und aufbauende Kraft begeisterte sich Brod freilich erst, seit Bubers Auftritte in Prag ihn davon überzeugt hatten, dass literarische Intelligenz sich nicht unbedingt über Distanz, Beobachtung und Kritik zu definieren brauchte. ›Avantgarde‹ konnte auch heißen: die Fundamente legen zu einem gemeinschaftlichen Werk, Neues schaffen, mitmachen. Die kollektiven Energien, mit denen Buber die deutschen Juden aus einem kulturellen Niemandsland zu erlösen hoffte, bedeuteten ja nicht zuletzt die Verheißung, dass man überhaupt einmal irgendwo mittun durfte, ohne Vorbehalte, ohne schlechtes Gewissen, und gerade auf den leicht entflammbaren, in tausend Interessen und Projekten sich verzettelnden Brod wirkte diese Verheißung unwiderstehlich. Er liebte das Pathos, das romantizistisch aufgesteilte Vokabular, das die Prager Kulturzionisten von Buber gelernt hatten. Und er liebte es nicht zuletzt deshalb, weil es stark machte gegen Kränkungen: Karl Kraus, das war nun kein persönlicher Gegner mehr, er war ein Verirrter, der wurzellose Westjude par excellence, ein bedauernswerter Fall. Kein Feind, nur mehr ein Feindbild. Gewiss, als Verführer war er gefährlich genug, er unterhielt die Leute, und alle seine Lesungen waren ausverkauft. Doch das Gift, das er {404}streute, lähmte nicht mehr, und der seelenzerrüttende Solipsismus, den er repräsentierte, war zum Untergang verurteilt.
»Was habe ich mit Juden gemeinsam?«, fragte sich Kafka wenig später. »Ich habe kaum etwas mit mir gemeinsam«. [376] Brods wiederholte Predigten über ›Gemeinschaft‹ und ›jüdische Nation‹ machten ihn nervös, und nachdem er ihn im Herbst 1913 beschieden hatte, für Gemeinschaftsgefühle habe er keinerlei Ressourcen, machte sich eine schleichende Entfremdung bemerkbar, über die auch Brod nicht gänzlich hinwegsehen konnte. Freilich kannte er Kafka gut genug, um zu wissen, dass hier wieder einmal Trotz im Spiel war. Kafka übertrieb. War es denn nicht die Sehnsucht nach Gemeinschaft gewesen, die ihn – es war ja nicht einmal zwei Jahre her – immer wieder in die Vorstellungen jener dubiosen jüdischen Theatertruppe aus Lemberg trieb, hatte er nicht geschwärmt von diesen kindlichen Menschen, die sich zwischen ihren schäbigen Requisiten aufführten, als spielten sie vor lauter Verwandten? Und hatte Kafka in seinem Vortrag über die jiddische Sprache seine Zuhörer nicht geradezu verführt, sich auf die organische Gemeinschaft ostjüdischer Kultur einzulassen, selbst auf die Gefahr hin, dass ihnen angst wurde vor ihrer eigenen atomisierten Existenz?
So war es. Doch die zionistische Bewegung hantierte mit Dimensionen, die Kafka abstrakt und unwirklich schienen. Ganz gleich, ob es um die ›jüdische Renaissance‹ Martin Bubers ging oder um ein jüdisches Bodybuilding à la Max Nordau, stets war von ›Volk‹ und ›Nation‹ die Rede, und das war etwas völlig anderes als das unschuldige, seinen Schwerpunkt unbewusst in sich selbst tragende Leben, das Kafka vor Augen hatte. ›Volk‹ und ›Nation‹, das waren autonome, sich selbst konstituierende, sich selbst verwaltende Massen. Aber wie hatte man sich das vorzustellen, eine jüdische Masse?
In Wien sah er sie zum ersten Mal. Juden aus Russland, aus Kanada, aus England, Frankreich, Deutschland, Polen, Palästina, Südafrika. In großen Gruppen durch die Stadt schlendernd, in Kreisen beieinander stehend, gestikulierend. Alle trugen das gleiche blauweiße Abzeichen. Es waren die Delegierten und Besucher des XI. Internationalen Zionistenkongresses, der am 2.September, wenige Tage vor Kafkas Ankunft, eröffnet worden war. Eine Monstre-Veranstaltung: alle großen Säle der Stadt Wien belegt, die Meetings überfüllt. Fast 10 000 Juden waren gekommen.
Natürlich wusste Kafka seit langem davon. Es nahmen ja auch etliche Prager Zionisten teil, mit denen er bekannt oder befreundet war – vor allem der Rechtsanwalt Theodor Weltsch und seine Tochter Lise, daneben Else Bergmann, deren Bruder Otto Fanta und nicht zuletzt Klara Thein, eine knapp 30-jährige Schönheit, die Kafka im Hause Fanta kennen gelernt hatte. [377] Auch der Studentenverein Bar-Kochba war mit einer eigenen Abordnung vertreten. Es ist durchaus wahrscheinlich – wenngleich Kafka gegenüber Felice kein Wort darüber verliert –, dass es auch die Neugier auf dieses Schauspiel war, die ihn veranlasste, die Dienstreise nach Wien ein wenig früher anzutreten, und die Freunde werden ihn darin bestärkt haben. Themen und Tagesordnung konnte er am 29.August in der Selbstwehr studieren, und die Eintrittskarten bestellte er schon von Prag aus.
Nun zählen freilich Großkongresse von Parteien und Verbänden gewöhnlich nicht zu den Veranstaltungen, die man aus Neugier besucht. Es sind Ereignisse, aber keine events, und das geistige Vakuum, das sie erzeugen, ist nicht nur strukturell bedingt, sondern auch gewollt. Niemand, der zur Führungsgruppe derartiger Organisationen gehört – bei den Zionisten repräsentierten die fünf Mitglieder des ›Engeren Actions-Comités‹ die oberste Exekutive –, verspürt ein Interesse daran, sich von Menschen ins Tagesgeschäft hineinreden zu lassen, die er nur alle ein oder zwei Jahre sieht und denen er den nötigen Überblick erst mühsam vermitteln muss. Notorisch daher die Neigung aller Funktionäre, Grundsätzliches in kleinerem, informellem Kreis vorzuentscheiden, Rückschläge und Konflikte herunterzuspielen und sich im Notfall hinter Formalien zu verschanzen – was umso leichter fällt, je vielgliedriger und unübersichtlicher der Verband und demzufolge auch seine Hauptversammlungen sind.
Durchblättert man die umfänglichen Rechenschaftsberichte des Actions-Comités, die den Zionistischen Kongressen vor dem Ersten Weltkrieg vorgelegt wurden, so gewinnt man das Bild einer immens verzweigten, weltweit operierenden Organisation mit Landesverbänden, Bezirksgruppen, Kommissionen, Sammelstellen, Zeitschriften, eigenem Verlag und eigener Bank. Vor allem, seit die Führungspositionen im deutsch-jüdischen Bürgertum konzentriert waren, wurde größter Wert auf eine Selbstdarstellung gelegt, die den Eindruck der Geschlossenheit, der Integration, der politischen und sozialen Berechenbarkeit vermittelte. Und am ehesten erweckte diesen Eindruck {406}eine straffe bürokratische Hierarchie – die deutschen Sozialdemokraten hatten bereits gezeigt, wie man das macht.
Nun stand diesem Willen zur Seriosität freilich die Tatsache entgegen, dass der Zionismus noch immer eine Bewegung war und dass von einheitlichen, der Tagespolitik entrückten Zielen daher keine Rede sein konnte. Seit dem Tod Herzls im Jahr 1904 war es über die künftigen Aufgaben der zionistischen Organisation zu heftigen, auch persönlichen Auseinandersetzungen gekommen, von denen die Rechenschaftsberichte nicht entfernt ein realistisches Bild vermitteln. Überdies waren die Zionisten mit politischen Veränderungen konfrontiert, auf die sie keinerlei Einfluss hatten und die ihre Ziele dennoch unmittelbar tangierten. Die russischen und polnischen Juden, die weiterhin vor Pogromen und Boykotten außer Landes flüchteten – darunter viele mit eher sozialistischen als zionistischen Vorstellungen –, dachten gar nicht daran, abzuwarten, bis sich die zionistischen Würdenträger in Wien, Köln oder Berlin über die künftige Siedlungspolitik in Palästina geeinigt hatten. Herzl hatte es ausdrücklich abgelehnt, bereits existierende Siedlungen zu unterstützen, solange das Osmanische Reich den jüdischen Kolonisten keinerlei politische Garantien zu geben bereit war. Herzl wollte Autonomie, mittelfristig den jüdischen Nationalstaat. Andernfalls, so argumentierte er, seien die Juden wiederum nur Gäste und damit jedem Stimmungsumschwung der Bevölkerung und jedem politischen Machtwechsel schutzlos ausgeliefert. Was die Juden heute in Palästina aufbauten – mit Spenden aus der ganzen Welt –, konnte ihnen morgen schon wieder genommen werden.
Nun ging indessen die unkontrollierte jüdische ›Infiltration‹ Palästinas weiter, und die Zionisten begannen, der Entwicklung hinterherzulaufen. Dem ›politischen Zionismus‹ Herzls, der erfolglos auf die Karte der Geheimdiplomatie gesetzt hatte, stellte sich ein höchst ungeduldiger ›praktischer Zionismus‹ entgegen. Nicht mehr verhandeln, sondern endlich handeln, lautete die Devise. Man müsse Fakten schaffen, denn dies allein werde die Machthaber in Konstantinopel, aber auch die westlichen Kolonialmächte von den friedlichen, zivilisatorischen Bestrebungen der Zionisten überzeugen. Hatten die Türken erst einmal verstanden, dass die jüdischen Siedler in Palästina gute Steuerzahler waren und dass ihre Arbeit den Lebensstandard der gesamten, auch der arabischen Bevölkerung steigerte – ganz zu schweigen davon, {407}dass sie die Siedlungsflächen ja nicht einfach besetzten, sondern kauften, wodurch sehr viel Geld ins Land floss –, dann war es nur noch eine Frage der Zeit, ehe diese ökonomischen Vorleistungen auch politisch honoriert würden.
Diese neue Strategie, sämtliche verfügbaren Finanzmittel für die ›Palästinaarbeit‹ aufzuwenden und dadurch die Kolonisation des Landes unumkehrbar zu machen, hatte sich zwei Jahre zuvor, beim X. Zionistenkongress in Basel, nach heftigen Wortgefechten durchgesetzt. Der politische Zionist David Wolffsohn, als Präsident der unmittelbare Nachfolger Herzls, war aus dem Amt gedrängt worden, und seinen Platz übernahm der Pragmatiker Otto Warburg, ein Botanik- und Kolonisationsexperte aus Berlin. Danach wurde der Basler Kongress von den siegreichen praktischen Zionisten zum ›Friedenskongress‹ erklärt – geschickt, wenngleich ein wenig voreilig.
Allein vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzungen wird verständlich, warum die Wiener Veranstaltung, so imposant sie den Beobachtern schien, im Ganzen unpolitisch blieb und keinerlei neue Perspektiven eröffnete. Konsequent verdrängt wurde vor allem das Problem, dass man es nach der verheerenden militärischen Niederlage des Osmanischen Reichs, die erst wenige Monate zuvor besiegelt worden war, mit einer völlig veränderten politischen Lage zu tun hatte. Das nationalistische jungtürkische Regime, das soeben den Verlust praktisch sämtlicher europäischer Besitzungen hatte quittieren müssen, würde wohl kaum geneigt sein, nun auch noch in Palästina irgendwelchen Autonomiebestrebungen freundlich entgegenzukommen; tatsächlich war es den Zionisten bislang nicht gelungen, hier erfolgversprechende Kontakte aufzunehmen. Der Kongress indessen schwieg dazu: alles, nur keine neuerlichen Debatten über die Fernziele der Bewegung – selbst um den Preis, dass einflussreiche Zionisten aus England, Frankreich und sogar aus Österreich verärgert fernblieben. Fragen der jüdischen Identität – und damit der gesamte Komplex des Kulturzionismus – blieben ebenfalls ausgeklammert: Damit war auch der größte Teil der Prager zionistischen Szene, die ohnehin in keinem bedeutsamen Gremium der Organisation vertreten war, zum bloßen Zuhören verurteilt. Allein um praktische Arbeit in Palästina sollte es diesmal gehen, und die Entscheidungen, die zu treffen waren, bezogen sich nahezu ausschließlich auf die Verteilung der im ›Jüdischen Nationalfonds‹ verfügbaren Mittel: auf die Frage vor allem, ob {408}man sich ganz auf Landerwerb und landwirtschaftliche Besiedelung konzentrieren solle, oder ob daneben auch eine kulturelle Infrastruktur realisierbar und förderungswürdig sei, beispielsweise eine eigene Universität.
Warburg freilich täuschte sich, wenn er glaubte, ausgerechnet in Wien, der ›Herzlstadt‹, den Weltkongress der Zionisten wie eine preußische Vereinssitzung abspulen zu können. Schon am Tag nach seiner staatsmännisch ausgewogenen Eröffnungsrede kam es zum ersten Zwischenfall: Ein Grußtelegramm des nach wie vor populären, doch demonstrativ abwesenden Max Nordau wurde verlesen, in dem er sich mit herzlichen Worten an die Delegierten wandte, dem Actions-Comité jedoch vorwarf, sich von den Ideen Herzls immer weiter zu entfernen. Die darauf folgenden tumultartigen Szenen, die in vielstimmigen Hochrufen auf Nordau gipfelten, machten deutlich, dass von einer Befriedung der politischen Fraktion, die nach wie vor den jüdischen Staat wollte und die man darum jetzt ›Idealisten‹ nannte, noch längst keine Rede sein konnte. Da half es auch nichts, dass man einträchtig und in stundenlanger Prozession am Grab Herzls vorbeidefilierte.
Für andauernde Unruhe sorgte auch das Sprachproblem, hinter dem sich, wie alle wussten, ideologischer Sprengstoff verbarg. Die Kongresssprache war Deutsch. Doch selbstverständlich bedienten sich alle, die es konnten, des Hebräischen, und darüber hinaus auch einige, die es nicht konnten. Wer vom Hebräischen ins Deutsche wechselte, wurde von Zwischenrufern ermahnt. Anträge wurden zur Abstimmung gestellt, die niemand recht verstanden hatte. Einige Redner bestanden auf dem Jiddischen. Wer übersetzen konnte, hatte alle Hände voll zu tun, und bereits nach wenigen Tagen war man gegenüber dem allzu optimistischen Zeitplan derart in Verzug geraten, dass eine Nachtsitzung eingeschoben werden musste.
Als Kafka am Vormittag des 8.September den zentralen Tagungsort betrat, das Musikvereinsgebäude am Karlsplatz, machte sich bereits Erschöpfung bemerkbar. Die Rednerliste war lang, erneut war eine zwölfstündige Sitzung anberaumt, und die fortdauernden Machtkämpfe, vor allem um die Kontrolle der zionistischen Finanzinstitute, hatten sich hinter die Kulissen verlagert. Vorne hingegen, auf offener Bühne, zeigte sich jenes Konglomerat aus Verbandsrhetorik, Pioniergeist und gestikulierender Emphase, das so charakteristisch ist für die {409}Frühphase politischer Bewegungen und das jeden ernüchtern muss, der sich vom gemeinsamen Ziel den Wärmestrom der Gemeinschaft erhofft. Selbst noch Kafkas spärliche Notizen spiegeln dieses Moment einer gleichsam gegen die eigene Einsicht arbeitenden Enttäuschung:
»Der Typus kleiner runder Köpfe, fester Wangen. Der Arbeiterdelegierte aus Palästina, ewiges Geschrei. Tochter Herzls. Der frühere Gymnasialdirektor von Jaffa. Aufrecht auf einer Treppenstufe, verwischter Bart, bewegter Rock. Ergebnislose deutsche Reden, viel hebräisch, Hauptarbeit in den kleinen Sitzungen. Lise W[eltsch] lässt sich vom Ganzen nur mitschleppen, ohne dabei zu sein, wirft Papierkügelchen in den Saal, trostlos.« [378]
Kafka beobachtet Typen: Welch ein Unterschied zu den seitenlangen, liebevollen Schilderungen, mit denen er die ewig zerstrittenen, immer aufs Neue sich zusammenraufenden ostjüdischen Schauspieler bedacht hatte. Hier dagegen saß er »wie bei einer gänzlich fremden Veranstaltung«. Er langweilte sich. Und offenbar nicht er allein. Selbst der anonyme Korrespondent der Selbstwehr, der in Wien das erhabene Erlebnis einer »sehnsüchtigen, gequälten und von der Begeisterung eines großen Wollens durchglühten Masse« suchte und fand – das war wieder der Buber-Sound –, musste zugeben, dass dort Reden gehalten wurden, die so öde waren, dass man sich besser an das optische Schauspiel des Kongresses hielt. [379] Kafka indessen scheint sich nicht einmal für das umfängliche Begleitprogramm erwärmt zu haben. Lichtbilder aus Palästina hätte er sehen können und jüdische Turner in Aktion. Stattdessen spazierte er im Park von Schönbrunn umher. Hätte er ahnen können, dass dies für ganze acht Jahre die letzte Gelegenheit war, eine Vollversammlung des Zionismus zu erleben? Niemand konnte das ahnen. Und niemand konnte noch wissen, dass von der gesamten Epoche der türkischen Herrschaft über Palästina – genau vier Jahrhunderte sollte sie schließlich dauern – bereits 99 Prozent vergangen waren.
Kafka nahm das zionistische Abzeichen vom Revers. Dann steckte er sich eine andere Medaille an, die den Transport eines Verwundeten zeigte. Es war die Erkennungsmarke der Teilnehmer am ›II. Internationalen Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung‹, die am Abend im Wiener Rathaus offiziell begrüßt werden sollten. An Fernbleiben war nicht zu denken; Direktor Marschner und Oberinspektor {410}Pfohl hatten sich, wie alle Vortragenden, persönlich vorzustellen, der Präsident der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt, Dr.Otto Přibram, war ebenfalls anwesend; wie also hätte es ausgesehen, wenn bei diesem Anlass ausgerechnet der stellvertretende Abteilungsleiter, dem man für seine treuen Dienste einen Ausflug nach Wien spendiert hatte, sich nicht hätte blicken lassen. Zum zweiten Mal an diesem Tag suchte also Kafka seinen Platz inmitten von tausend Menschen. Ein halbes Dutzend Begrüßungsreden gab es und ein kaltes Büfett. Auf dem Tisch, dem er zugeteilt war, stand ein böhmisches Fähnchen. Ein Stoßtrupp junger Pfadfinder füllte die Gläser nach.
Kafka hatte Kopfschmerzen. Nachts wartete er auf den Schlaf, vergeblich, Stunde um Stunde. Noch niemals war es ihm auf einer Reise so schlecht ergangen, und während ihm sonst das bescheidenste Hotelzimmer (wenn es nur sauber war) das Aroma einer unbekannten Freiheit schenkte, wälzte er sich diesmal im Bett, wechselte die kalten Umschläge auf der Stirn und horchte auf Otto Pick, der, um in sein eigenes Bett zu gelangen, durch Kafkas Zimmer musste.
Noch wenige Tage zuvor war ihm ein ebenso schlichter wie phantastischer Einfall gekommen: die Angst endlich gelten lassen, nur dem eigenen Bedürfnis folgen, mit Felice »beisammen leben, jeder frei, jeder für sich, weder äußerlich noch wirklich verheiratet sein, nur beisammen sein und damit den letzten möglichen Schritt über Männerfreundschaft hinaus getan haben, ganz knapp an die mir gesetzte Grenze, wo sich schon der Fuss aufrichtet«. War das ein menschenmögliches Leben? Kafka glaubte es für einige Stunden. Dann fiel ihm Heinrich Laubes Biographie über Grillparzer in die Hand, den »Blutsverwandten«. Er begann zu blättern. Was Kafka träumte, hatte Grillparzer wahrhaftig versucht. »Er hat das getan, gerade das […] Aber wie unerträglich, sündhaft, widerlich war dieses Leben und doch gerade noch so, wie ich es vielleicht unter grössern Leiden, als er, denn ich bin viel schwächer in manchem, zustandebrächte.« [380] Damit verlosch das Traumbild, doch noch ehe die Ernüchterung überwog, schrieb er es auf, fügte es den Notizen bei, die er an Felice sandte. Es kam nicht mehr darauf an. Er hatte, mit seiner Abreise aus Prag, den intimen Lichtkreis des Paares verlassen. Darum durften solche Dinge jetzt ausgesprochen werden. Er schlug ihr – recht besehen – ein gemeinsames Leben ohne Sexualität vor. Niemals mehr würde er sich weiter vorwagen.
Kafka hat sich, dies ist gewiss, in den schlaflosen, kopfschmerzzerrissenen Nächten, die er im Hotel Matschakerhof verbrachte, weder mit dem literarischen Dauerkongress der Wiener Kaffeehäuser beschäftigt, noch mit dem Zionistenkongress, noch mit dem Kongress der Retter und Unfallverhüter. Er dachte an Grillparzer, an den ARMEN SPIELMANN, den er beinahe auswendig kannte. Er dachte daran, dass im selben Gebäude, ein paar Treppen tiefer, Grillparzer regelmäßig zu Mittag gegessen hatte. Er dachte an die beschwerliche Reise über Triest nach Venedig, die Grillparzer gelehrt hatte, was Seekrankheit heißt (ahnte er, dass ihm eine Woche später genau das Gleiche bevorstand?). Er dachte an das plötzliche, scheinbar grundlose, doch dauerhafte Erlöschen des sexuellen Verlangens, das Grillparzer, zu seinem eigenen Entsetzen, immer wieder erleben musste, selbst gegenüber Kathi Fröhlich, seiner ›ewigen Braut‹. Und vielleicht dachte er an jenes innerste Unglück, das Grillparzer einst seinem Vertrauten Georg Altmütter eröffnete:
»Wollte Gott, mein Wesen wäre fähig dieses rücksichtslosen Hingebens, dieses Selbstvergessens, dieses Anschließens, dieses Untergehens in einem geliebten Gegenstand! Aber – ich weiß nicht, soll ich es höchste Selbstheit nennen, wenn nicht noch schlimmer, oder ist es bloß die Folge eines unbegrenzten Strebens nach Kunst und was zu Kunst gehört, was mir alle anderen Dinge aus dem Auge rückt, daß ich sie wohl auf Augenblicke ergreifen, nie aber lang festhalten kann. – Mit einem Worte: ich bin der Liebe nicht fähig. So sehr mich ein wertes Wesen anziehen mag, so steht doch immer noch etwas höher […] Ich glaube bemerkt zu haben, daß ich in der Geliebten nur das Bild liebe, das sich meine Phantasie von ihr gemacht hat, so daß mir das Wirkliche zu einem Kunstgebilde wird, das mich durch seine Übereinstimmung mit meinen Gedanken entzückt, bei der kleinsten Abweichung aber nur um so heftiger zurückstößt.« [381]
Durch den Filter dieser Lektüre erlebte Kafka Wien, dieses »absterbende Riesendorf«, und wenn er in den folgenden Monaten auf die Stadt zu sprechen kam – vor allem in den Briefen an Grete Bloch –, so klang es beinahe, als sei er Grillparzers wegen dort gewesen. Auch die Verbitterung darüber, in einem so entscheidenden Augenblick seines Lebens von zahllosen Menschen und Verpflichtungen bedrängt zu werden, war grundiert von der ausweglos zwischen Beruf und Berufung mäandernden Existenz des Hofrats Grillparzer, und schließlich fühlte er ihn als wahrhaft personifiziertes Unglück. »Dass sich in {412}Wien ordentlich leiden lässt, das hat Grillparzer bewiesen.« Indessen hütete er sich, die Identifikation bis zum Äußersten zu treiben. Genügte es denn nicht, wenn einer diese Route gegangen war? Die Versuchung freilich blieb virulent, und noch Jahre später musste Kafka sich selbst ermahnen: »Grillparzer scheint Dir doch nicht nachahmenswert, ein unglückseliges Beispiel, dem die Künftigen danken sollen, weil er für sie gelitten hat.« Ein Nachfahre wollte er sein, kein Nachfolger. War der Absturz unausweichlich, dann vom eigenen Pfad, vom eigenen Gipfel. [382]
›Sicherheitseinrichtungen an Bord moderner Handelsschiffe‹ … ›Das technische Versuchswesen im Dienste der Unfallverhütung‹ … ›Zur Frage der Verhütung von Einstürzen bei Betonbauten‹ … Es gab kein Entrinnen. Stunde um Stunde saß Kafka im Wiener Parlament, fünf lange Tage. Keine Notizen mehr, keine Einzelheiten in Briefen – er schloss die Vorhänge, wie stets, wenn er eintauchte in die Halbwelt der Beamten und Angestellten.
Mehr als 200 Referenten hatten sich angemeldet zum ›II. Internationalen Kongreß für Rettungswesen und Unfallverhütung‹. Allein schon dieser Zustrom begeisterte die Veranstalter, und noch im unvermeidlichen, nahezu 1600 Seiten starken Kongressband, der einige Monate später erschien, ist die zeittypische kindliche Freude zu spüren an allem, was riesenhaft ist. Man war noch weit entfernt vom heutigen Ethos der Spezialisierung, und so war alles eingeladen worden, was irgendwie mit Unfällen und deren Bewältigung zu tun hatte: Ärzte, Sanitäter, Feuerwehrleute, Bergführer, Ingenieure, Eisenbahner. Zu verkraften war ein derartiger Auftrieb natürlich nur durch straffe Organisation, und während ein 86-köpfiges ›Damenkomitee‹ die mitgereisten Ehefrauen pausenlos in Bewegung hielt, wurden die Herren auf thematisch eingegrenzte Arbeitsgruppen verteilt, wo sie ihre teils schon vervielfältigt vorliegenden Referate vorlesen (Maximum: fünfzehn Minuten) und diskutieren durften. Am Ende wurden empfehlende Resolutionen gefasst, dem Plenum des Kongresses zur Bestätigung eingereicht und von dort an die Regierungen aller Staaten übersandt, die auf dem Kongress vertreten waren.
Kafka und seine Vorgesetzten waren der ›Abteilung X: Unfallverhütung‹ zugeteilt (man denkt hier unwillkürlich an die doppelsinnige ›X. Kanzlei‹ im SCHLOSS), einer Arbeitsgruppe, die, wie den Pragern {413}wohl kaum entgangen ist, eine Art Außenposten des Kongressbetriebs war. Denn die weit überwiegende Mehrzahl aller Vortragenden beschäftigte sich mit praktischen Rettungsmaßnahmen, und wenn man sich auch in der Abteilung IV an einem Referat über die ›Verhütung von Unfällen im Eisenbahnwagen durch herabfallendes Gepäck‹ erheitern konnte und in Abteilung III über ›Den Selbstmord und die Bekämpfung desselben‹ nachgedacht wurde, so war doch das Selbstverständnis des Kongresses – und kein Festredner versäumte es, den Begriff in den Raum zu stellen – das eines Samaritertreffens. Profaner ausgedrückt: Hier trafen sich Fachleute für Katastrophen, die bereits passiert waren, und die Organisation trug dem Rechnung, indem sie für Erste Hilfe, Sportunfälle, alpine Unfälle und Rettung zur See eigene Abteilungen einrichtete. Dass auch die Unfallverhütung hierher gehörte, also die Beschäftigung mit Katastrophen, die noch nicht passiert sind, wird im Kongressband ausdrücklich als Neuerung und als »glücklicher Gedanke« hervorgehoben. »Möge diese angebahnte Verbrüderung zwischen Technikern und Samaritern sich zu einer bleibenden gestalten!« [383]
Kafka war weder Samariter noch Techniker. Was war er also, was hatte er hier zu suchen? Er kannte sich aus im Unfallschutz, hatte auch selbst schon Aufsätze verfasst über konkrete technische Verbesserungen. Doch das lag einige Jahre zurück, und sein täglich Brot waren nicht Maschinen, sondern Versicherungsakten. Zwei Referaten durfte er lauschen, die er selbst verfasst hatte: Pfohl sprach über ›Die Organisation der Unfallverhütung in Österreich‹, Direktor Marschner über ›Die Unfallverhütung im Rahmen der Unfallversicherung, mit besonderer Berücksichtigung der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt‹. Kein Zweifel, dass auch Kafka höflich applaudierte. Doch ihm, der sich in die Rolle des neutralen Beobachters bisweilen besser zu versetzen wusste als in die eigene, müssen diese Sitzungen die gespenstische Immaterialität des eigenen Berufs quälend vor Augen geführt haben. Unfallverhütung ist Prophylaxe, mithin etwas Abstraktes, dessen soziale Ethik man den anwesenden Samaritern erst einmal erklären musste. Kafka aber befasste sich mit der versicherungsrechtlichen Fundierung des Unfallschutzes, mit der ›Bedingung der Möglichkeit‹ gleichsam, mit einer Prophylaxe zweiten Grades, die sich ausschließlich in Korrespondenzen und Aktenordnern vollzog. Er wusste sehr genau – auch wenn er in Briefen und Tagebüchern kein {414}Wort über diese Dinge verlauten lässt –, dass eine versicherungsrechtliche Verordnung, deren Sinn kaum eine Hand voll Experten wirklich erfasst, der Beginn einer Kausalkette sein kann, an deren Ende mehr oder weniger vergossenes Blut, mehr oder weniger zerrissene Glieder beweint werden. Doch diese Kausalkette ist lang und dünn, und ein Beamter in Ärmelschonern, der die soziale Funktion seiner Tätigkeit erst wortreich begründen muss, macht neben einem erprobten Rettungsarzt keine gute Figur.
So war es wohl nicht nur der anonyme Großbetrieb der Veranstaltung, sondern auch die spürbare Deplatziertheit von Kafkas Berufsgruppe, die dafür sorgte, dass er keinen Funken von Interesse empfand. Am Ende hob er noch ein paar Mal pflichtgetreu die Hand; auf acht Resolutionen brachte es die Abteilung X, darunter die Empfehlung von Sehtests für Führerscheinanwärter sowie die Forderung, »gewisse Teile des Meeres ausschließlich zur Schwammfischerei mit unbekleidetem Körper und mit dem Dreizack zu reservieren«. Was mit diesen Resolutionen geschehen würde, konnte der Beamte Kafka sich ausmalen. » … etwas Nutzloseres als ein solcher Kongress lässt sich schwer ausdenken«, klagte er, als er es endlich hinter sich hatte. [384]
Wie schwach der Gedanke der Prophylaxe tatsächlich im Bewusstsein der professionellen Helfer verankert war, lässt sich selbst noch der affirmativen und bemüht optimistischen Berichterstattung der Presse entnehmen. Am Abend des 13.September fand im Rathaus ein abschließender Empfang zu Ehren der Kongressteilnehmer statt – kein Zweifel, dass Kafka auch hier noch einmal antreten musste –, mit teils pathetischen, teils ›launigen‹ Reden und ungezählten Toasts auf die Gäste, die Organisatoren, den Bürgermeister, die Regierung und den Kaiser. Ein ritueller Akt mit streng definierten Rollen. Einigen politischen Zündstoff brachte allerdings die Rede des Innenministers von Heinold ins Spiel, der die soziale Gesetzgebung, das Samaritertum und die Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen als notwendige Gegengewichte zum europaweit herrschenden Nationalismus bezeichnete – eine Manifestation, deren überraschende Menschenliebe man besser versteht, wenn man an die inneren Nationalismen denkt, die das Habsburgerreich nur noch mühsam unter Kontrolle hielt.
Derartige Probleme hatten die anwesenden Reichsdeutschen nicht. Der Berliner Bürgermeister Georg Reicke, der als Nächster das Podium {415}bestieg, schwadronierte unbefangen über die Attraktionen der österreichischen Hauptstadt, nannte in einem Atemzug den Wiener Walzer, die »lieben Wiener Frauen« und die »schönen, weichen Verse von Grillparzer« (hier durchzuckte es einen der Zuhörer), um dann an die soeben überstandene Kriegsgefahr zu erinnern: »Seien Sie überzeugt, die treue Waffenbrüderschaft der Männer dauert fort im Deutschen Reiche!« Lang anhaltender Beifall, vermerkt die Neue Freie Presse. Beifall von Fachleuten, die in den Tagen zuvor Referaten über Kriegschirurgie und über den Einsatz von Sanitätern im Balkankrieg applaudiert hatten. Das Rettungswesen lag ihnen näher, zweifellos. Die Unfallverhütung mussten sie noch erlernen.
Kafka sagte ab, wo immer es anging, selbst die Festvorstellungen der Hoftheater, zu denen er freien Eintritt hatte. Doch wohin konnte man flüchten, wo sich ausruhen? Ja, vielleicht hätte er, ein einziges Mal in all den Tagen, in den Reiseführer schauen sollen. Dann hätte er erfahren, dass ausgerechnet im Wiener Rathaus, wo die weichen Verse Grillparzers besungen wurden, das Historische Museum untergebracht war und in diesem wiederum das ›Grillparzerzimmer‹. Als er davon hörte, war es zu spät, und noch Monate später sprach er von der versäumten Gelegenheit.
Es hatte begonnen zu regnen, der Regen wurde heftiger, stundenlang, tagelang goss es in Strömen. Ausflüge der Kongressteilnehmer fielen aus, und spektakuläre Rettungsübungen, mit denen die Samariter hofften, in die Wochenschauprogramme der Kinos zu kommen, versanken buchstäblich im Schmutz. Am Donaukanal wurde einer staunenden Menge demonstriert, wie man verzweifelte Nichtschwimmer fachmännisch aus dem Wasser holt. Am Ende waren die ›Geretteten‹ von den triefenden Zuschauern kaum zu unterscheiden. Doch auch bei diesem Spaß war Kafka wohl schwerlich zu finden. Er hatte jetzt ganz andere Rettung im Sinn. Die unumgänglichen Verpflichtungen, Vorträge, Empfänge, informellen Treffen mit Berufskollegen absolvierte er, danach tauchte er unter. Wohin, wissen wir nicht.
Drei Kongresse tanzten in seinem Kopf, kein Wunder, dass der Schmerz nicht weichen wollte. Drei Reiche riefen nach ihm, jedes in seiner Sprache. Pässe hatte er zu allen dreien. Doch anstrengend war es, immerzu Grenzen zu überschreiten, immerzu in neue Gesichter zu blicken. Ein Telegramm aus Berlin traf ein. Ihm war, als würde dort {416}eine fahle Sonne untergehen, deren letzter Strahl ihn noch soeben erreichte.
Einmal zumindest hat es doch eine Berührung gegeben, überschnitten sich die fremden Linien. Wir wissen es, nicht, weil Kafka davon erzählt hätte, sondern weil eine Kamera den denkwürdigen Augenblick festhielt. Das Foto entstand im Wurstelprater. Es zeigt eine Atelierleinwand, auf die ein Flugzeug gemalt ist. Eine Öffnung ist darin gelassen, sodass, wer dahinter sich aufstellt, scheinbar im Cockpit des Flugzeugs sitzt. Das Ulkfoto zeigt vier Passagiere: Lise Weltsch (Zionismus), Otto Pick (Literatur), Albert Ehrenstein (Literatur), Franz Kafka (Literatur, Zionismus, Unfallverhütung). Letzterer ist ganz links platziert, etwa dort, wo in einem wirklichen Flugzeug der Pilot säße. Freilich wendet er der Flugrichtung den Rücken zu. Er ist der Einzige, der lächelt.