{123}Beinahe ein Fenstersturz
Die Plagen sind wohl gestaffelt, und im Grunde hat Hiob recht und nicht der Herr. Das geht bei Kleinigkeiten los.
Thomas Kapielski, DAVOR KOMMT NOCH
Auch Felice Bauer holte der Alltag ein. Die Einblicke in das Familienleben eines berühmten Prager Schriftstellers; die Hotelzimmer und Eisenbahncoupés; die Sorgen der Schwester Else und ihres ungarischjüdischen Ehemannes in Budapest; die Begegnung mit einem Freund, wahrscheinlich einem Jugendfreund, auf der Rückreise in Breslau – es gab viel zu erzählen in Berlin, und die an Felices Selbständigkeit seit langem gewöhnte Familie konnte wieder einmal mit Behagen konstatieren, dass auf dieses »Mädchen« Verlass war: Felice wusste sich in der Welt zu bewegen und fand dennoch pünktlich und unversehrt nach Hause zurück.
Freilich, die versprochene Palästinareise … Ein solches Abenteuer war mit Tüchtigkeit allein nicht zu bewältigen, hier waren ganz andere Misshelligkeiten zu erwarten als ein im Schnellzug nach Prag vergessener Regenschirm. Hatte Felice das wirklich bedacht bei ihrer allzu spontanen Verabredung? Und wer war überhaupt dieser Kafka, dieser unter Brods Fittichen schriftstellernde Jüngling (sie hielt ihn für etwa gleichaltrig), von dem in Berlin noch kein Mensch gehört hatte? Im Grunde doch nicht mehr als eine flüchtige Reisebekanntschaft, über deren Reputation Felice nur vage Auskünfte zu geben vermochte. Die Eltern waren alles andere als erbaut, und auch in Felice – so darf man vermuten – werden Zweifel erwacht sein, nachdem sich die schwungvolle Unbedenklichkeit ihrer Reise unter dem Eindruck sachlich nur allzu berechtigter Fragen verflüchtigt hatte.
Doch ihr Wort galt. Auch wenn Kafka vielleicht allzu viel Aufhebens um Felices Handschlag machte und die Erinnerung daran hütete, als handele es sich um einen beglaubigten Wechsel, so tat er doch recht {124}daran, diese männliche Geste nicht als konventionellen Scherz abzutun: »Wenn Sie nun«, so hatte er diplomatisch, doch unverkennbar appellativ formuliert, »diese Reise noch immer machen wollen – Sie sagten damals, Sie wären nicht wankelmüthig, und ich bemerkte auch an Ihnen nichts dergleichen … « [101] Das wirkte – umso mehr, als diese dezente Mahnung mit sechswöchiger Verzögerung eintraf und von Felice insgeheim eher befürchtet als tatsächlich noch erwartet worden sein dürfte. Einige Tage Bedenkzeit benötigte sie, um eine zwischen Offenheit und Vorsicht ausbalancierte Antwort zu finden, und auch die Mahnungen der Mutter durften nicht übergangen werden, doch antworten musste sie schließlich, das gebot allein die Höflichkeit gegenüber den Brodschen Gastgebern. Was jener junge Mann eigentlich bezweckte, inwieweit man ihn überhaupt ernst nehmen durfte, davon hatte Felice Bauer keinerlei Vorstellung, und noch weniger konnte sie erraten, dass jedes noch so harmlose Wort, mit dem sie Kafkas gespielt-schwungvolles Anklopfen beantwortete, wie ein Funke auf eine Lunte fallen konnte.
Am Samstag, dem 28.September 1912, einem warmen, sonnigen Herbsttag, ging Kafka leise singend durch die menschenleeren Korridore der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt. Es war Feiertag, der böhmische ›Wenzelstag‹, und nichts hätte ihn dazu veranlassen können, heute Vormittag den Posteingang zu kontrollieren, wäre ihm nicht das Schweigen des Fräulein Bauer mittlerweile schon als gar zu beharrlich erschienen. Eine begreifliche Täuschung, folgte doch Kafkas Leben jetzt einem anderen, gleichsam inwendigen Kalender. Innerhalb der kurzen Zeitspanne, da man in Berlin noch über die Palästinafahrt beratschlagte – mehr als sechs Tage können es nicht gewesen sein –, hatte er die nächtliche Geburt seiner ersten »zweifellosen« Geschichte erlebt, er war damit zu Freunden gelaufen, hatte vorgelesen, war wie unter einer inneren Peitsche zurück an den Schreibtisch geeilt, überschwemmt von Bildern, deren beängstigende Präzision er festzuhalten suchte. Kafka schlief kaum mehr, er war überwach, ganz und gar auf sich fokussiert; und während er noch auf Antwort wartete, die stündlich eintreffen konnte, eintreffen musste, saß er schon über den ersten Seiten des HEIZERS, eingehüllt in die nächtliche Phantasmagorie eines erträumten Amerika.
Doch nun, inmitten der fremden Stille des Büros, war die Antwort da, tatsächlich, ein Brief in großer, klarer, fast kindlich-runder Schrift, {125}wohl überlegte Sätze, in denen vom Widerstand der Eltern die Rede war, ohne jedoch daraus ein klares Ja oder Nein abzuleiten. Ansonsten freundlich-unverbindliche Erkundigungen nach Brods Operettenaufführung und nach Kafkas Manuskriptblättern, Grüße an alle, und als einziger Reflex einer geheimen Verwunderung die Frage, woher er denn eigentlich ihre Adresse habe.
Kafka konnte seine Erregung nicht mehr bezähmen. Dies war nicht mehr Traum, Reflexion, Beobachtung, dies war Wirklichkeit, eine wirkliche Berührung, eine Berührung durch Worte nur, aber doch Wirklichkeit. Konnte man jetzt noch von ihm verlangen, sich an die fein abgestuften Konventionen bürgerlichen Postverkehrs zu halten? Unmöglich, für Diplomatie war keine Zeit mehr, und hatte er an seinem ersten Brief noch tage- und nächtelang förmlich gearbeitet, so griff er diesmal, kaum hatte er Felice Bauers erste Zeilen gierig in sich aufgenommen, zu Papier, Tintenfass und Feder:
»Verehrtes Fräulein, entschuldigen Sie, dass ich nicht auf der Schreibmaschine schreibe, aber ich habe Ihnen so entsetzlich viel zu schreiben, die Schreibmaschine steht drüben im Korridor, ausserdem scheint mir dieser Brief so dringend […]
[…] was hat mein Jammerbrief alles leiden müssen, ehe er geschrieben wurde. Jetzt da die Tür zwischen uns sich zu rühren anfängt oder wir wenigstens die Klinke in der Hand halten, kann ich es doch sagen, wenn ich es nicht sogar sagen muss. Was für Launen halten mich, Fräulein! Ein Regen von Nervositäten geht ununterbrochen auf mich herunter. Was ich jetzt will, will ich nächstens nicht. Wenn ich auf der Stiege oben bin, weiss ich noch immer nicht in welchem Zustand ich sein werde, wenn ich in die Wohnung trete. Ich muss Unsicherheiten in mir aufhäufen, ehe sie eine kleine Sicherheit oder ein Brief werden. Wie oft!, – um nicht zu übertreiben, sage ich an 10 Abenden – habe ich mir vor dem Einschlafen, jenen ersten Brief zusammengestellt. Nun ist es eines meiner Leiden, dass ich nichts, was ich vorher ordentlich zusammengestellt habe, später in einem Flusse niederschreiben kann. Mein Gedächtnis ist ja sehr schlecht, aber selbst das beste Gedächtnis könnte mir nicht zum genauen Niederschreiben eines auch nur kleinen vorher ausgedachten und bloss gemerkten Abschnittes helfen, denn innerhalb jedes Satzes gibt es Übergänge, die vor der Niederschrift in Schwebe bleiben müssen. Setze ich mich dann um den gemerkten Satz zu schreiben, sehe ich nur Brocken, die da liegen, sehe weder zwischen ihnen durch, noch über sie hinweg und hätte nur die Feder wegzuwerfen, wenn das meiner Lauheit entsprechen würde. Trotzdem aber überlegte ich jenen Brief, denn ich war ja gar nicht entschlossen, ihn zu schreiben und solche Überlegungen sind eben auch das beste Mittel, mich vom Schreiben abzuhalten […] {126}Aber auf solchem Wege komme ich zu keinem Ende. Ich schwätze über meinen vorigen Brief, statt Ihnen das Viele zu schreiben, das ich Ihnen zu schreiben habe. Merken Sie, bitte, woher die Wichtigkeit stammt, die jener Brief für mich bekommen hat. Sie stammt daher, dass Sie mir auf ihn mit diesem Brief geantwortet haben, der da neben mir liegt, der mir eine lächerliche Freude macht und auf den ich jetzt die Hand lege, um seinen Besitz zu fühlen. Schreiben Sie mir doch bald wieder einen! Nehmen Sie sich keine Mühe, ein Brief macht Mühe, wie man es auch anschaut; schreiben Sie mir doch ein kleines Tagebuch, das ist weniger verlangt und mehr gegeben. Natürlich müssen Sie mehr hinein schreiben, als für Sie allein nötig wäre, denn ich kenne Sie doch gar nicht. Sie müssen also einmal auch eintragen, wann Sie ins Bureau kommen, was Sie gefrühstückt haben, wohin die Aussicht aus Ihrem Bureaufenster geht, was das dort für eine Arbeit ist, wie Ihre Freunde und Freundinnen heissen … « [102]
Das war kein Brief, vielmehr die Karikatur eines Briefs, ein »Ausbruch«, wie er wenig später einräumte, und streng genommen eine Zumutung noch für die gutwilligste Empfängerin. Was sollte jenes ferne, fremde Fräulein damit eigentlich anfangen? Die zahllosen Negationen und Einschränkungen, die Klagen über die eigenen »Nervositäten« konnte man noch als selbstironische Spielerei übergehen – es sollte noch vieler Wiederholungen bedürfen, ehe Felice den Ernst dieser Klagen erkannte. Und die ein wenig übertriebene Freude über ihren Brief war natürlich Schmeichelei. Doch was war von den unterschwellig intimen Signalen zu halten, der fordernden Dringlichkeit, dem »wir« und der »Tür zwischen uns«? Und vor allem: Hatten diese saugenden Sätze nicht den unheimlichen Unterton des Manischen? Auch wenn Felice Bauer diesen Brief nicht mit sprachkritischem Blick gelesen hat, so dürfte ihr dessen extreme Selbstbezüglichkeit wohl kaum entgangen sein: ein Brief, der fast ausschließlich von Briefen handelte, ein Schreiben über das Schreiben.
Doch Kafka wusste sehr genau, was er tat, und als der Verdacht in ihm aufkeimte, man habe den Ton, den er hier anschlug, womöglich als exzentrische Pose missverstanden, geriet er fast in Empörung. Vor wenigen Tagen hatte sich sein Leben auf schwindelerregende Weise intensiviert, seit wenigen Tagen erst begriff er, dass die so lange ersehnte Intensität nun Wirklichkeit war und dass man sie festhalten konnte. Und darum sprach er von nichts anderem als von der Intensität des Schreibens, und darum konnte er nicht anders schreiben als mit der Intensität eines Ausbruchs, der sich – von innen betrachtet – gar {127}nicht abhob von der entfesselten Dynamik, sie vielmehr wahrheitsgetreu abbildete. Kafka wusste, dass er damit gemäß den Spielregeln, die für jede Form sozialer Verständigung gelten, den Einsatz beträchtlich erhöhte. Sein erster Brief hatte noch ein ganzes Spektrum unverbindlicher Antworten zugelassen, sein zweiter nicht mehr; jener war ein origineller, wenngleich zu nichts verpflichtender Eröffnungszug gewesen, dieser war bereits ein Gambit, dessen Annahme einiges an Risikobereitschaft voraussetzte. Es war starker Tobak, jemandem ein Tagebuch, mithin die denkbar persönlichsten Mitteilungen abzuverlangen – mit der Begründung, man kenne sich ja noch gar nicht. Das war eine Finte, deren offenkundige Komik auch Kafka kaum übersehen haben wird. Doch es blieb ihm gar nichts anderes übrig als darauf zu bauen, dass die Lebensklugheit, die er an Felice diagnostiziert hatte, den wahrhaftigen Impuls hinter diesen aufgeregten und ein wenig zudringlichen Zeilen schon erkennen und würdigen werde.
Für den Augenblick hatte Kafka dieses Vertrauen; doch er war außerstande, das unsichere, provisorische Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz zu ertragen, das jede Annäherung zwischen Menschen anfänglich charakterisiert. Er wusste, dass er warten musste. Doch wenn er sich nach der glücklich verzehrenden Arbeit am HEIZER gegen zwei oder drei Uhr in der Nacht zu Bett legte, so konnte es geschehen, dass sein Gehirn endlose Briefe zu phantasieren begann, hämmernd, in immer neuen Anläufen, bis zum Morgengrauen. Zweimal hielt er diesem Druck nicht mehr stand und richtete tatsächlich ein paar Zeilen an sie: Von einer »nicht zu regierenden Pflicht«, ihr zu schreiben, war da die Rede, und für einen Augenblick enthüllte er gar den heißen Kern einer mütterlichen Imago: »Zu wem zu klagen, wäre mir jetzt gesünder als zu Ihrer grossen Ruhe?« [103]
Das konnte man unmöglich abschicken, und Kafka verschloss diese Blätter klugerweise in der Schublade seines Schreibtischs. Was war zu tun? Das Berliner Fräulein schwieg. Hatte man ihr etwa seinen zweiten Brief vorenthalten, um die gemeinsame Palästinareise zu sabotieren? Kafka verwarf diesen Gedanken, hatte er selbst doch schon diesen Plan mit einem einzigen, flüchtigen Satz auf Eis gelegt, um ihr weitere Verlegenheiten zu ersparen. Doch die glückliche Erregung der ersten Tage, die ihm zu einer vibrierenden, scheinbar unerschöpflichen Konzentration verholfen hatte, drohte nun allmählich in ein lähmendes, leeres Warten überzugehen, das den Schreibfluss wieder {128}versiegen ließ. Das durfte keinesfalls geschehen. Am 13.Oktober – seit zwei Wochen schon war sein Brief unbeantwortet – fasste Kafka den Vorsatz, sich noch einmal, und diesmal etwas energischer, in Erinnerung zu rufen:
»Warum haben Sie mir denn nicht geschrieben? – Es ist möglich und bei der Art jenes Schreibens wahrscheinlich, dass in meinem Brief irgendeine Dummheit stand, die Sie beirren konnte, aber es ist nicht möglich, dass Ihnen die gute Absicht auf dem Grunde jedes meiner Worte entgangen wäre. – Sollte ein Brief verloren gegangen sein?« [104]
Leider vermochte er diesen aufrechten Ton nicht lange durchzuhalten, und wenige Sätze später mündete auch dieser Brief in einen Tagtraum, der ihn vor die Wohnungstür der Geliebten führt, wo er, als Briefträger in eigener Sache, rücksichtslos die Türglocke malträtiert: »zu einem alle Spannung auflösenden Genuss!« Kafka wird selbst erschrocken sein über die offen sexuelle Konnotation dieses Bilds – nein, es war vergebliche Mühe, auch diesen Brief konnte man nicht zur Post bringen, ohne Gefahr zu laufen, von der womöglich mitlesenden Familie Bauer für verrückt erklärt zu werden.
Am folgenden Abend war Kafka, wie fast jeden zweiten Tag, wieder einmal zu Besuch im Hause Brod. Der vertrauten Umgebung war durch die Erinnerung an Felices Auftreten eine neue, eigentümliche Bedeutung erwachsen, und auch Brods Familie wird mehr als einmal auf jenen denkwürdigen Abend angespielt haben. Denn selbstverständlich war man unterrichtet darüber, dass Maxens bester Freund sich glücklich-unglücklich verliebt hatte, und Kafkas auffallend gesteigerte Lebhaftigkeit ließ daran auch wahrhaftig keinen Zweifel. Mit umso größerem Genuss konnte man ihm, der schon erste Zeichen von enttäuschter Hoffnung erkennen ließ, heute eine besondere Überraschung bereiten.
Die Eltern hatten einen Brief von ihrer Tochter Sophie erhalten, der in Breslau lebenden Schwester von Max, und in diesem Brief fand sich eine Bemerkung, die Kafka geradezu erstarren ließ: Felice Bauer, so hieß es dort, die Cousine ihres Mannes, stehe in »lebhafter Korrespondenz« mit Dr.Kafka. Eine Falschmeldung, ein Gerücht, ein elendes Missverständnis, kein Zweifel, aber auch eine unheimlich anmutende Fügung. Denn genau das, was Kafka so heftig imaginierte, dass ihn die Wirklichkeit zeitweilig nur noch wie ein Hintergrundgeräusch erreichte, wurde hier ganz beiläufig zum Faktum erklärt. Wenn das {129}Wort vom ›Wink des Schicksals‹ – eine Phrase, die Kafka niemals gebraucht hat – irgend Berechtigung hatte, so in diesem Fall.
Noch in derselben Nacht bat er Sophie Friedmann um Aufklärung. Er machte gar keinen Hehl daraus, dass er auf ihre Vermittlung hoffte, und um sie mit advokatorisch präzisen Fakten auszurüsten, schilderte er ihr den genauen Hergang seiner bisher eher kläglich verlaufenen Versuche, Fräulein Bauer zum Schreiben zu bewegen. Der Brief ist ein Musterbeispiel für Kafkas Fähigkeit, eine entwaffnende, scheinbar bis zur Schädigung der eigenen Interessen reichende Offenheit geschickt zu verbinden mit diplomatischer Raffinesse. Wobei ein wesentliches Moment dieser Diplomatie eben darin bestand, jene Offenheit in unaufdringlicher, ironischer Weise zu thematisieren und damit die Form der Botschaft zur eigentlichen Botschaft zu machen:
»Im Laufe dieser 16 Tage habe ich, um meine Aufrichtigkeit Ihnen gegenüber voll zu machen, noch zwei allerdings nicht abgeschickte Briefe an das Fräulein geschrieben, und sie sind das einzige, was mir, wenn ich Humor hätte, erlauben würde, von einer lebhaften Korrespondenz zu sprechen.« [105]
Ein höflich gedämpfter, doch umso wirkungsvollerer Hilferuf, den Sophie – von ihrem Bruder Max vielleicht schon auf die Dringlichkeit der Sache hingewiesen – postwendend beantwortete. Nein, es war nicht nur so dahingesagt, dass Felice Bauer eine lebhafte Korrespondenz nach Prag unterhält, vielmehr eine von ihr selbst konstatierte Tatsache. Zum Beweis zitierte Sophie wörtlich die entsprechenden Sätze aus einem Brief Felices – nicht ganz eindeutige Worte freilich, aus denen Kafka nach mikroskopischer Lektüre immerhin die Erkenntnis zu filtern vermochte, dass sein in glücklich-gedankenloser Erregung verfasster vierseitiger Briefmonolog in Berlin gnädig aufgenommen und womöglich längst beantwortet worden war, während er die eingehende Büropost seit Wochen vergeblich durchwühlte. War es denn möglich: ausgerechnet dieser Brief verloren?
Kafka und Felice Bauer haben sich später stillschweigend darauf verständigt, die Legende vom verlorenen Brief aufrechtzuerhalten. Eine Zeitlang bemühte er sich, Felice zur Rekonstruktion ihrer Antwort zu veranlassen; die überlieferte Korrespondenz bietet jedoch keinerlei Anhaltspunkt dafür, dass sie auf diese Bitten eingegangen wäre. Er musste sich mit dem Wahrscheinlichsten abfinden – und das Wahrscheinlichste war, dass sie seinen zweiten Brief wohl hatte beantworten {130}wollen und darum ein wenig voreilig bereits von einer »Korrespondenz« gesprochen hatte, dass aber dieser Brief als weniger wichtige und vielleicht auch ein wenig lästige Verpflichtung liegen geblieben und in Felices hektischem Alltag untergegangen war. Ein harmloses Versäumnis, das sie später – was blieb ihr anderes übrig? – mit einer ebenso harmlosen Notlüge kaschierte. Dass schon hier ein Verhaltensmuster sich andeutete, das Kafka im folgenden Jahr bis an den Rand seiner Leidensfähigkeit quälen würde, konnte er glücklicherweise nicht ahnen. Noch oft würde Felice Briefe ankündigen, die sie – völlig aufrichtig – für so gut wie geschrieben hielt, die sich dann aber aus den verschiedensten äußerlichen Anlässen tagelang verzögerten. In welchem Maß derartige nicht eingelöste Versprechen das äußerst fragile und immer mühsamer sich erholende Vertrauen Kafkas zerrütteten, konnte Felice, die ihre Verlassenheitsängste auf völlig andere Weise kompensierte, niemals wirklich nachempfinden.
Kafka hatte mit jenem »Regen von Nervositäten«, der ununterbrochen auf ihn niedergehe, nicht im mindesten übertrieben. Wie instabil und wie kränkbar er in jenen Tagen tatsächlich war, illustriert schockhaft ein Vorfall, der sich gleichfalls innerhalb der initialen »Wartezeit« seiner Korrespondenz mit Felice abspielte und ihn für einige Stunden auf den Grund seiner psychischen Selbstheilungskräfte führte. Es ging wieder einmal um die ›Prager Asbestwerke‹, jenes seit einem Jahr mühsam sich behauptende Kafkasche Familienunternehmen, das, statt endlich bescheidene Erträge abzuwerfen, Anlass ständiger Erregungen und Streitigkeiten war. Man hatte sich, wie schon wenige Monate nach Aufnahme der Produktion deutlich wurde, ökonomisch völlig verkalkuliert. Die Kapitalbasis war zu dünn und musste aufgestockt werden, Hermann Kafka jedoch war nicht bereit, den Spieleinsatz weiter zu erhöhen, nachdem er bereits die Mitgift Ellis und den Anteil von Franz, der ja gleichfalls aus seiner Kasse stammte, unwiederbringlich versickern sah. Nachdem auch Ellis Ehemann Karl, der sich mit der Leitung der Fabrik allein gelassen sah, keinen Rat mehr wusste, blieb schon im Mai 1912 kein anderer Weg, als den wohlhabenden ›Madrider Onkel‹ um ein Darlehen anzugehen – für die geschickte Formulierung des Bittbriefs war selbstverständlich Franz zuständig –, und hätte Alfred Löwy diesem für alle Seiten peinlichen Ansinnen {131}nicht entsprochen, wäre das Unternehmen vielleicht nicht einmal zu einer ersten Jahresbilanz gelangt.
Da man dem Schwiegersohn irgendwelche Versäumnisse nicht wirklich beweisen konnte, hielt man sich an den nächsten Schuldigen dieser Malaise, an den so fatal desinteressierten Sohn Franz. Vergeblich waren alle Mahnungen, dass er als Stammhalter und als Firmenteilhaber die Pflicht habe, darüber zu wachen, wie mit dem Kafkaschen Vermögen umgegangen wird. War nicht schließlich er es gewesen, der dem Vater geraten, ja angeblich sogar ihn gebeten hatte, Ellis Mann das nötige Startkapital zur Verfügung zu stellen? Doch nicht einmal die Tatsache, dass er juristisch mit seinem gesamten Besitz für die Verluste der Fabrik einstand, konnte ihn dazu bewegen, mehr als zwei- oder dreimal monatlich das Kontor aufzusuchen, lustlos im Kassabuch und in der Gummi-Zeitung zu blättern oder irgendwelchen amtlichen Besuch in der Werkstatt herumzuführen.
Tatsächlich zeigte Kafka wieder einmal jene »Halsstarrigkeit«, die seiner Umgebung bestens vertraut war. Die Sorgen um die Fabrik quälten ihn, doch den dröhnenden Vorhaltungen des Vaters und dem leiseren, doch umso nachdrücklicheren Jammern der Mutter begegnete er immer häufiger mit Schweigen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte man das Experiment schleunigst abgebrochen und das Geld in den Wind geschrieben. Denn der kontrarhythmische Tagesablauf, den er im September eingeführt und trotz aller Störungen beibehalten hatte, duldete keine weiteren Belastungen, und das nächtliche Schreiben, auf das nun alle anderen Aktivitäten ausgerichtet waren wie die Vektoren eines Magnetfelds, kostete körperliche und geistige Energie, die der kurze Nachmittagsschlaf mühsam genug kompensierte. Kafka nahm sich die Freiheit, zu schlafen, wenn andere arbeiteten; genau dies aber war für die Familie der unwiderlegliche Beweis dafür, dass es nichts als Trägheit war, die ihn daran hinderte, an den freien Nachmittagen für ein, zwei Stunden nach Žižkov zu fahren. Und selbst, wenn sie den Freizeitbeschäftigungen ihres Sohnes nur einen Bruchteil von deren wahrer Bedeutung beigemessen hätten: Für die am Ende ihres sechsten Lebensjahrzehnts angelangten Eltern, deren Werktag doppelt so lang war wie Kafkas Bürostunden, war schlechterdings nicht einzusehen, wieso für einen jungen Mann von 29 Jahren das tägliche Nickerchen wichtiger sein sollte als eine familiäre Verpflichtung von solchem Gewicht. Ganz zu schweigen davon, dass ja Kafka mit Problemen {132}der industriellen Produktion beruflich zu tun hatte und unmöglich so ahnungslos und praktisch unbeholfen sein konnte, wie er es gegenüber dem Schwager (und insgeheim sogar gegenüber sich selbst) darstellte.
Diese angespannte Situation drohte nun vollends zu explodieren, als Karl Hermann eine knapp zweiwöchige Dienstreise antreten und die Fabrik der Aufsicht des ›reichsdeutschen‹ Werkmeisters überlassen musste. Die Rechenschaftsberichte von Ellis Ehemann hatte Kafkas Vater von jeher mit Misstrauen aufgenommen, und hätte ihm die Agilität des jungen Geschäftsmannes nicht einen gewissen Respekt abgenötigt – im Grunde war das doch ein Schwiegersohn nach seinem Geschmack –, so wäre wohl schon im Frühjahr der Eklat unvermeidlich gewesen. Nun aber, da das ökonomische Schicksal der Familie in die Hände eines Fremden gelegt werden sollte (und gar in die eines Ausländers), war der alte Kafka überzeugt, dass das Unternehmen in kürzester Frist an Betrug und Misswirtschaft zugrunde gehen würde. Jetzt galten keine Ausflüchte mehr, Franz musste in die Fabrik, und zwar täglich, wenn die Katastrophe noch abgewendet werden sollte.
Freilich hatte sich Hermann Kafka, den das feindselige Schweigen des Sohns zur Weißglut brachte, schon seit längerem darauf verlegt, die offene Konfrontation zu meiden und stattdessen indirekten Druck auszuüben, vorzugsweise über seine Frau, die ja den ganzen Tag in seiner Nähe verbrachte und daher seinen Tiraden weitgehend ausgeliefert war. Ihre Funktion war es, diese Anklagen in einer weniger beleidigenden, dafür effektiveren, weil an das Gewissen des Adressaten appellierenden Form weiterzuleiten – eine traurige Aufgabe, deren fragwürdiger Gewinn darin bestand, dass sie ihre eigenen Interessen bisweilen mit der geliehenen Autorität des Familienpatriarchen ummanteln und auf diese Weise ex officio zur Geltung bringen konnte.
Dieses seit Jahren eingeschliffene Ritual wäre auch am Abend des 7.Oktober nicht wirkungslos, aber doch ohne äußere Folgen an Kafka vorübergezogen, hätte nicht diesmal auch Ottla in den Chor der Kläger eingestimmt. Wahrscheinlich war ihr bewusst, dass das ewige Lamento, allein der Franz sei schuld an der Verbitterung und an der schlechten körperlichen Verfassung des Vaters, ungerecht und eigentlich würdelos war. Doch warum ihr Bruder in der nun eingetretenen Notsituation nicht wenigstens für kurze Frist den Schwager vertreten konnte, wozu ja seine demonstrative Anwesenheit in der Fabrik genügt {133}hätte, das vermochte sie nicht einzusehen. Natürlich wusste sie, dass er in der Nacht an einem Roman arbeitete, und wie rasch die Intensität des Schreibens ihn dem Trübsinn des vergangenen Jahres entrissen hatte, konnte ihr nicht entgangen sein. Doch dem Argument, ohne die Einlassungen des Bruders sei dieses verfluchte Unternehmen schließlich nie gegründet worden, konnte auch sie sich nicht entziehen – zumindest für den Augenblick.
Kafka geriet in Panik. Dass Ottla, seine einzige Vertraute, sich im Beisein der Mutter in einer so wichtigen Sache gegen ihn stellte, traf ihn am empfindlichsten Punkt, repräsentierte sie doch die letzte ihm verbliebene Verbindung zum Blutkreislauf der Familie. Ihre Abkehr bedeutete endgültige Ausstoßung, ein neuerliches »Urteil«, dessen verheerende Wirkung sich wenige Wochen später zum geschwisterlichen Bannfluch der VERWANDLUNG verdichten sollte. Warum verriet ihn die Schwester? Waren womöglich seine eigenen Schuldgefühle auf sie übergegangen, um sich gleichsam zu vervielfachen und ihn fortan von innen und von außen zu peinigen? Das war eine Deutung, zu der sich Kafka allzu bereitwillig überredete, nur um die Wut, die unbezähmbar in ihm aufstieg, nicht sogleich auch gegen Ottla richten zu müssen. Warum aber konnte nicht auch ein Abglanz jenes Selbstbewusstseins auf sie übergehen, das ihm aus der Arbeit am VERSCHOLLENEN erwuchs, eines Selbstbewusstseins, das aller Schuld und Angst vielleicht eines Tages ein Ende bereiten würde?
Nachdem an jenem Abend auch der Vater nach Hause gekommen war, verschwand Kafka, ohne sich definitiv erklärt zu haben, bei erster Gelegenheit in seinem Zimmer. Sein Manuskript, sein imaginiertes Amerika allein konnte ihn jetzt retten – jener innere Kontinent, auf dem, wie ihm jetzt schien, sein eigentliches Leben sich vollzog. Noch in der Nacht zuvor hatte er den Roman glückliche zehn Seiten weitergetrieben – »ich hätte die Nacht durchschreiben können und den Tag und die Nacht und den Tag und schließlich wegfliegen« –, und nicht das Versiegen der Bilder, sondern allein Müdigkeit hatte ihn das dritte Kapitel beiseite legen lassen. Glücklicherweise befand sich die szenische Entwicklung an einem Punkt, an dem der Wiedereinstieg besonders leicht schien: Eben nämlich irrte der unschuldige Karl durch die finsteren Gänge eines amerikanischen Landhauses, eine Episode, deren Richtung unzweideutig war und deren Zielpunkt Kafka klar vor Augen gestanden haben muss. Doch diesmal täuschte er sich. Das war {134}nicht mehr der bloße Schatten der Familie, den abzuschütteln ihm neuerdings wie im Fluge gelang, das war eine förmliche Kriegserklärung, ein physisches Eindringen, der Versuch, ihn mit vereinten Kräften aus jenem imaginierten Territorium zu vertreiben.
Kafka schrieb eine Seite; dann legte er die Feder aus der Hand, stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die vom Nebel umflossenen elek trischen Lampen der Cechbrücke. Die hellsichtige Verzweiflung, die ihn in diesem Augenblick überflutete, schilderte er noch in derselben Nacht in einem langen Brief an Brod:
»[Ich sah] vollkommen klar ein, dass es für mich jetzt nur zwei Möglichkeiten gab, entweder nach dem allgemeinen Schlafengehn aus dem Fenster zu springen oder in den nächsten 14 Tagen täglich in die Fabrik und in das Bureau des Schwagers zu gehn. Das erstere gab mir die Möglichkeit, alle Verantwortung sowohl für das gestörte Schreiben als auch für die verlassene Fabrik abzuwerfen, das zweite unterbrach mein Schreiben unbedingt – ich kann mir nicht den Schlaf von 14 Nächten einfach aus den Augen wischen – und liess mir, wenn ich genug Kraft des Willens und der Hoffnung hatte, die Aussicht, in 14 Tagen möglicherweise dort anzusetzen, wo ich heute aufgehört habe.
Ich bin also nicht heruntergesprungen und auch die Lockungen, diesen Brief zu einem Abschiedsbrief zu machen (meine Eingebungen für ihn gehn in anderer Richtung) sind nicht sehr stark. Ich bin lange am Fenster gestanden und habe mich gegen die Scheibe gedrückt und es hätte mir öfters gepasst, den Mauteinnehmer auf der Brücke durch meinen Sturz aufzuschrecken. Aber ich habe mich doch die ganze Zeit über zu fest gefühlt, als dass mir der Entschluss, mich auf dem Pflaster zu zerschlagen, in die richtige entscheidende Tiefe hätte dringen können. Es schien mir auch, dass das am Lebenbleiben mein Schreiben – selbst wenn man nur, nur vom Unterbrechen spricht – weniger unterbricht, als der Tod, und dass ich zwischen dem Anfang des Romans und seiner Fortsetzung in 14 Tagen mich irgendwie gerade in der Fabrik, gerade gegenüber meinen zufriedengestellten Eltern im innersten meines Romans bewegen und darin leben werde.
Ich lege Dir mein liebster Max das Ganze nicht vielleicht zur Beurteilung vor, denn darüber kannst Du ja kein Urteil haben, aber da ich fest entschlossen war, ohne Abschiedsbrief hinunterzuspringen – vor dem Ende darf man doch müde sein – so wollte ich, da ich wieder als Bewohner in mein Zimmer zurücktreten soll, an Dich dafür einen langen Wiedersehensbrief schreiben und da ist er.« [106]
Man muss, um die Wirkung dieses Briefs auf Brod zu ermessen, die dichtgedrängte Chronologie der Ereignisse sich vor Augen führen, die ekstatische Beschleunigung von Kafkas Leben, deren staunender Zeuge {135}Brod seit einigen Wochen war. Als dieser Brief am Vormittag des 8.Oktober in seinem Büro in der Prager Hauptpost einging, waren noch nicht einmal zwei Tage vergangen, seit Kafka ihm zum ersten Mal DAS URTEIL und den HEIZER vorgelesen hatte. Seit wenigen Stunden erst hatte er eine konkrete und realistische Vorstellung davon, wozu Kafka literarisch imstande war, und wohl erst jetzt begriff er, dass es nicht das wohlbekannte vorsorgliche Understatement war, wenn Kafka die hingetupften Sätze der BETRACHTUNG zu bloßen Exerzitien erklärte.
Überdies stand Brod noch unter dem Schock von Kafkas neuer thematischer Radikalität. Denn das Porträt eines jungen Mannes, dessen scheinbar arrivierte Existenz innerhalb von Minuten in sich zusammenstürzt und der auf väterlichen Befehl Selbstmord begeht, muss auch Brod, der den Sicherheitsabstand zwischen Literatur und Leben sonst strikt zu wahren wusste, ein subkutanes Grauen eingeflößt haben, das selbst er in ästhetischen Genuss nicht vollständig aufzulösen vermochte. Und noch war ihm jenes Grauen ganz gegenwärtig, da drohte Kafka, das tödliche Szenario wahr zu machen, sich genau wie jener windige Georg Bendemann in den Tod zu stürzen. Konnte das denn sein voller Ernst sein, schreibt ein wahrhaft Lebensmüder solche Briefe, war hier nicht vielleicht doch wieder ein wenig Literatur im Spiel? Falls sich Brod – womöglich verführt von Kafkas kalt funkelnder Diktion – für den Augenblick darüber getäuscht haben sollte, so belehrte ihn spätestens das Postskriptum, das Kafka seinem »Wiedersehensbrief« am frühen Morgen anfügte, eines Besseren: »ich hasse sie alle der Reihe nach und denke, ich werde in diesen 14 Tagen kaum die Grussworte für sie fertig bringen. Aber Hass – und das richtet sich wieder gegen mich – gehört doch mehr ausserhalb des Fensters, als ruhig schlafend im Bett. Ich bin weit weniger sicher als in der Nacht.«
Das war eindeutig. Selbst wenn Brod die Dynamik der Hassliebe, in der Kafka mehr denn je gefangen war, in ihrer Gewaltsamkeit noch immer unterschätzte – immerhin wusste er nun, dass man Kafka zum »Aufgeben« seiner Depressionen nicht einfach überreden konnte –, so muss ihn dieser seltene Ausbruch offener Aggression doch aufs höchste alarmiert haben. Der stets so rücksichtsvolle und selbstbeherrschte Kafka hatte sich nicht mehr unter Kontrolle, er schien gar nicht daran zu denken, welch »kaltes Entsetzen« (so Brod in seinen Erinnerungen) er mit einem derartigen Brief auslösen würde, und dies {136}war nun allerdings ein untrügliches Indiz dafür, dass er äußerer Hilfe bedurfte.
Brod reagierte rasch und entschlossen, und er nutzte die einzige Möglichkeit der Intervention, die ihm mit den bürgerlichen Verkehrsregeln und mit seinem von jeher distanzierten Verhältnis zu Kafkas Familie noch halbwegs vereinbar schien. Mit dem von Ressentiments beherrschten Vater, der ihn längst für »meschugge« erklärt hatte, war nicht zu reden, das verstand sich von selbst. Die Schwestern zu mobilisieren war nutzlos, denn sobald es um die ernsten Dinge des Lebens, also um Geld ging, zählten deren Stimmen kaum mehr als die von Kindern. Blieb die Mutter, vergleichsweise ein Hort praktischen Menschenverstands, mit der Brod allerdings auch nicht im besten Einvernehmen stand – was kein Wunder war, verbrachte doch der angeblich so überlastete Sohn weitaus mehr Zeit bei den Brods als mit der eigenen Familie.
Doch für ein Abwägen des taktischen Für und Wider blieb Brod keine Zeit. In einem acht Seiten langen Brief – dem er möglicherweise sogar Auszüge aus Kafkas Schreiben beilegte – beschwor er Julie Kafka, vor der geheimen Verzweiflung ihres Sohns und vor dessen wahren Bedürfnissen endlich die Augen zu öffnen. Dass er es dabei an drastischen Worten nicht fehlen ließ, ist gewiss (gegenüber Felice Bauer sprach er sogar von »ganz rücksichtslosem Eingreifen«). [107] Die überlieferten Sätze aus Julie Kafkas Antwortbrief lassen jedoch vermuten, dass Brod nicht allein auf die Schockwirkung seiner Hiobsbotschaft vertraute, sondern geschickt an die Gefühle der Mutter appellierte:
»Ihren werten Brief habe soeben erhalten und Sie werden an meiner zitternden Schrift erkennen, wie mich derselbe aufgeregt hat. Ich, die ich mein Herzblut für jedes meiner Kinder hergeben würde, um sie alle glücklich zu machen, stehe hier machtlos. Aber ich werde trotzdem alles tun, um meinen Sohn glücklich zu sehen. […] Ich werde noch heute mit Franz sprechen, ohne daß ich von Ihrem Brief Erwähnung mache, daß er morgen nicht mehr in die Fabrik gehen muß. Hoffentlich wird er mir beistimmen und sich beruhigen. Ich bitte auch Sie, geehrter Herr Doktor, ihn zu beruhigen und danke Ihnen vielmals für Ihre Liebe zum Franz.«
Karge Zeilen, die doch erkennen lassen, unter welchen Druck Julie Kafka geraten war. Bezeichnend aber auch, dass sie, die in diesem Augenblick die Ferne des eigenen Sohns zwar nicht verstanden, aber doch intensiv gefühlt haben muss, gar nicht daran dachte, die ehernen {137}Regeln der innerfamiliären Amtswege wenigstens für diesmal außer Kraft zu setzen und den Patriarchen an ihrer Seite offen mit einer Situation zu konfrontieren, in der vielleicht mehr auf dem Spiel stand als ein paar tausend Kronen. Nein, schrieb sie an Brod, der Vater dürfe seiner Krankheit wegen auf keinen Fall aufgeregt werden, und daher könne es nur eine Lösung ohne ihn geben. Man werde ihm eben vorspiegeln müssen, Franz gehe brav in die Fabrik; unterdessen werde sie aber jemand anderen bitten, dieses Geschäft zu übernehmen – wobei sie an einen jüngeren Bruder Karl Hermanns dachte, den kurioserweise Kafka in seinem Brief an Brod ausdrücklich für ungeeignet erklärt hatte.
Diese banale Verschwörung, die eigentlich nur in einer stummen Familie funktionieren konnte, scheint den Konflikt um die Fabrik tatsächlich für einige Wochen entschärft zu haben. Kafka wandte sich wieder dem Roman und seiner Berliner Sehnsucht zu, und aus den erhaltenen Zeugnissen verschwindet die »Fabrik« mit befremdender Plötzlichkeit. Doch das nervenzerreißende Schweigen, mit dem dieser Aufschub erkauft war, pflanzte sich gleich einer Welle in die Zukunft fort. Monate später, am 30.Januar 1913, wird Kafka an Felice schreiben: »Nun bedenke aber, dass ich ausser der Bureauarbeit fast gar nichts mache und meinen Vater wegen meiner Vernachlässigung der Fabrik kaum anzuschauen, wie denn erst anzureden wage.«
Man stößt in Kafkas Biographie immer wieder auf Episoden, die – obgleich sie mit aller wünschenswerten Genauigkeit und häufig sogar aus mehreren Perspektiven dokumentiert sind – doch in einem eigentümlichen Zwielicht verbleiben, in einem Halbdunkel, das die Neugierde und den Zweifel wach hält, ja, den Leser womöglich zur Überzeugung gelangen lässt, es sei alles ganz anders gewesen und er sei um das Entscheidende betrogen. Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass hier offenbar so etwas wie Gegenübertragung stattfindet und man allzu leicht in die hermeneutisch zweifelhafte Position verfällt, Kafka an dessen eigenen puristischen Maßstäben zu messen: Es bleibt eine Unschärfe, ein Flimmern an den Rändern des Faktischen, das seine Ursache keineswegs allein im Auge des Betrachters hat. Es ist, als kristallisierten sich um den zerrissenen, ambivalenten Charakter Kafkas fortwährend ambivalente Ereignisse von objektiver Unauflösbarkeit.
Die ›Selbstmord‹-Episode vom Oktober 1912 bietet für dieses Phänomen {138}eines der eindrucksvollsten Beispiele. Wobei es nicht etwa um die psychologisch naive Frage gehen kann, wie nahe Kafka dem Tod ›wirklich‹ war – eine Frage, die mangels eines brauchbaren Modells solcher destruktiver Entscheidungen niemals plausibel zu beantworten ist, schon gar nicht aus der mentalen Distanz, welche die Geschichte uns aufzwingt. Doch wirft diese Episode bei näherem Zusehen Fragen auf, die weniger leicht von der Hand zu weisen sind, und sie zeigt Facetten, die man – ginge es hier nicht um Leben und Tod – als grotesk bezeichnen müsste. Was bezweckte eigentlich Kafka mit seinem Brief an Brod, oder, neutraler gefragt, welchem psychischen Impuls folgen seine Sätze? Dass er sich trotz seines verzweifelten Zustands hierüber durchaus Rechenschaft ablegte, beweist die kryptische Bemerkung, seine »Eingebungen« für den Brief gingen »in anderer Richtung«, eine Andeutung, die durch das semantische Spiel vom »Abschieds-« und »Wiedersehensbrief« keineswegs gedeckt ist. Der Gedanke (nein, nicht der ›Verdacht‹) drängt sich auf, dass Kafka in vollstem Bewusstsein einen Notruf formuliert hat, den Brod unmöglich mit bloßen Beschwichtigungen hätte beantworten können. Dafür spricht auch, dass Kafka zwar aufrichtigerweise die Vorhaltungen der Familie und besonders Ottlas als Auslöser seines Zustands nennt, dann aber ganz den Roman und dessen drohenden Abbruch in den Vordergrund stellt. Die Alternative, wie sie sich aus Brods Perspektive nun darstellen musste, lautete: Fortführung des Romans oder Tod des Autors durch Sprung aus dem Fenster – und Kafka muss gewusst haben, welcher herzklopfenden Ungeheuerlichkeit er seinen Freund und Impresario damit aussetzte, nachdem er ihm erst vorgestern den ersten Blick auf das Werk gestattet hatte.
Wie aber wäre Brod zumute gewesen, hätte er den folgenden, genau sechs Monate zurückliegenden Tagebucheintrag Kafkas gekannt: »Vorgestern Vorwürfe wegen der Fabrik bekommen. Eine Stunde dann auf dem Kanapee über Aus-dem-Fenster-springen nachgedacht.« Damals, Anfang März, beschränkte sich Kafkas literarische Produktivität auf flüchtige Vorsätze und auf das Durchblättern und Vernichten älterer Manuskripte, die ihm »widerlich« geworden waren. [108] Nichts fand sich auf seinem Schreibtisch, was einen ungestörten Tages- und Nachtrhythmus zwingend erfordert hätte. Gerade darum aber vermochte er seine Indifferenz vor der Familie und vor sich selbst noch viel weniger zu rechtfertigen. Dem fortwährenden Gepolter des {139}Vaters über die ausbleibende »Dankbarkeit der Kinder«, die auf seine Kosten »in Saus und Braus« lebten, hatte er nicht einmal stumm etwas entgegenzusetzen, und seine Gewohnheit (und ausgeprägte Fähigkeit), sich selbst in der imaginierten Perspektive anderer zu spiegeln, vermittelte ihm überscharf das Bild einer bühnenhaft absurden Familienszene: Während im Wohnzimmer Hermann Kafka und Karl Hermann, Schwiegervater und Schwiegersohn, um die Fortexistenz der ›Prager Asbestwerke‹ kämpften, lag nebenan, hinter verschlossener Tür, der verantwortliche »Teilhaber« ausgestreckt auf dem Kanapee und langweilte sich. Kafkas stets latent gegenwärtige Gefühle der Nutzlosigkeit und Nichtigkeit gelangten immer dann an die Oberfläche des Bewusstseins, wenn er genötigt war, diese Perspektive anzuerkennen und sich selbst jenseits der Tür zu sehen (eine Tür, die dann nicht zufällig in der Titelillustration der VERWANDLUNG erscheinen wird). Und dieser neurotische Mechanismus war eine Klaviatur, auf der Kafkas Familie zweifellos, wenn auch nicht völlig bewusst, zu spielen verstand.
Wenn also im März und im Oktober 1912 sich Kafka die gleichen Todesbilder aufdrängten, so deshalb, weil für ihn die beiden vorangegangenen Situationen – die im Chor klagenden Schwestern und Eltern – keine bloßen Auslöser waren, sondern Urszenen, die den Kern seiner Identität berührten. Neu war nun freilich, dass mit der Existenz eines work in progress die Spannung zwischen innerem und äußerem Leben um eine weitere Drehung zugenommen hatte. Dass gerade damit eine Handhabe gegeben war, einen entschlossenen Mitstreiter zu mobilisieren, war Kafkas Glück und Brods Pech. Denn dieser trat ja seine Advokatur unter ganz falschen Voraussetzungen an, ahnte er doch noch immer nicht (und er konnte es angesichts des besessen arbeitenden Freundes auch nicht ahnen), wie vergänglich das Selbstbewusstsein war, das Kafka aus literarischer Arbeit zu gewinnen vermochte. Ein einziges böses Wort der Schwester konnte es zum Einsturz bringen. Insofern tat zwar Brod das pragmatisch Richtige, aber er tat es vor dem Hintergrund einer unlösbaren Aufgabe.
Denn was für eine Art von ›Lösung‹ war dies eigentlich, die Brod für Kafka erwirken konnte? Die Zusage Julie Kafkas, ihren Mann ein wenig zu belügen, womit sie sich selbst, ihren Sohn und womöglich auch noch Ottla zu einer wochenlangen Verstellung nötigte – das war eine Lösung, mit der, sollte man meinen, allenfalls ein Kind zufrieden {140}zu stellen war, das glücklich ist, für den Augenblick der Faust des Vaters entronnen zu sein. Sollte es Kafka entgangen sein, wie beschämend es im Grunde war, dass er zweier Vermittler bedurfte, um dem Vater standzuhalten? Undenkbar. Spätestens, als er von der Intervention des Freundes erfuhr – die der schwatzhafte Brod nicht lange geheim zu halten vermochte –, muss ihm schmerzhaft bewusst geworden sein, dass er die momentane Entlastung keineswegs einem beherzten Gegenhieb oder auch nur seiner Hartnäckigkeit verdankte, sondern der Wiederholung eines uralten Familienrituals: Wieder einmal trat die Mutter als Moderatorin auf, verhinderte das Schrecklichste und verlängerte dadurch den Schrecken. Und dennoch genügte Kafka die mit neuen Schuldgefühlen erkaufte Atempause, um sich am Abend wiederum vor das Manuskript des VERSCHOLLENEN zu setzen, keine vierundzwanzig Stunden nachdem er nur noch einen Schritt davon entfernt war, sich gänzlich und endgültig ›fallen zu lassen‹. »Was ich jetzt will, will ich nächstens nicht«, hatte er an Felice geschrieben. Das war die Wahrheit. Wir müssen uns Kafka in jenem Augenblick, da er erneut in die Geschichte des unschuldig verstoßenen Karl versank, als selbstvergessen glücklichen Menschen vorstellen. Niemand behelligte ihn mehr, die Mutter hatte ganze Arbeit geleistet. Im Nebenzimmer die üblichen Gespräche über die Verwandtschaft, das Geschäft, die üblichen Geräusche des Kartenspiels. Der Mauteinnehmer an der Cechbrücke, den Kafka von seinem Fenster beobachten konnte, tat ruhig seinen Dienst. Der Nebel war noch dichter geworden.
An diesem selben Dienstag, den 8.Oktober 1912, feierte Nikolaus I., der König des kleinen Bergstaats Montenegro, seinen 71. Geburtstag. Der Tag wurde festlich begangen mit einer um die Mittagszeit überreichten Kriegserklärung an das Osmanische Reich. Eine unbedeutende Turbulenz am Rande des k. u. k. Imperiums. »Nicht so tragisch«, verlautete auch aus Berliner diplomatischen Kreisen. Später werden die Geschichtsbücher vom Beginn des ›Ersten Balkankriegs‹ sprechen. Leider erhielten die Redaktionen der Prager Blätter die Meldung nicht mehr rechtzeitig zur Abendausgabe.