{32}Junggesellen, alte und junge

… so ist das bisweilen das schwerste Leben, das von Nichts handelt.
Kierkegaard, STADIEN AUF DEM LEBENSWEG

Franz Kafka ist der Junggeselle der Weltliteratur. Niemand, auch nicht der aufgeklärteste Leser, kann sich ihn an der Seite einer ›Frau Doktor Kafka‹ vorstellen, und das Bild eines weißhaarigen Familienvorstands, zu dessen Füßen die Enkel spielen, ist vollends unvereinbar mit jener schmalen, verlegen lächelnden, früh vollendeten und früh verlöschenden Figur, die wir Kafka nennen. Kafka als Offizier, als Hofrat, als Nobelpreisträger – noch das Unwahrscheinlichste schiene uns wahrscheinlicher.

Es gibt dafür gute und falsche Gründe. Zu den falschesten zählt gewiss die Projektion des ästhetischen und moralischen Anspruchs, den Kafka verfochten hat, in sein wirkliches, gelebtes Leben – Ansprüche, die er selbst immer wieder unter den vielwertigen Begriff der ›Reinheit‹ gefasst hat. Doch er war weder unschuldig noch rein, weder körperlos noch sexuell neutral. Kafka hatte während seiner Universitätsjahre nicht weniger sexuelle und erotische Affären als andere bürgerliche Männer seines Alters, und die Halbwelt der Prager Weinstuben mit ihren unscharfen Übergängen zwischen Entertainment und Prostitution war ihm bestens vertraut. Dass Kafka auch Bordelle aufsuchte, hätte vielleicht die Schwestern, wohl kaum aber seine Eltern überrascht, denen ein in jeder Hinsicht ›normaler‹ Sohn gewiss lieber gewesen wäre als ein Asket. ›Sich die Hörner abstoßen‹, wie der geläufige Euphemismus lautete, war eine schulterzuckend akzeptierte und für eine bestimmte männliche Lebensphase sogar sozial erwünschte Tätigkeit: Denn dadurch wurde vermieden, so hoffte man, dass sich sexuelle Begierden allzu störend in das verantwortungsvolle Geschäft der Eheschließung einmischten. Dass Kafka so bewährte Lebensstrategien {33}dann doch verwarf und eine Begehrte heiraten wollte, anstatt sich bei einer ›Dirne‹ abzukühlen, hat ihm der Vater in späteren Jahren ausdrücklich vorgeworfen – vor den Ohren der Mutter.

Doch auch unter feinsinnigen Freunden galten Bordellbesuche durchaus nicht als peinlich. In einer Zeit, da selbst die flüchtigste sexuelle Beziehung entweder in eine Verlobung oder in einen Skandal zu münden drohte, brauchte kein junger, unverheirateter ›Freier‹ die Frage zu fürchten, ob er das denn nötig habe. Selbst Kafka, dessen Schamgefühl leicht zu erregen war, fand nichts dabei, gemeinsam mit Max Brod Freudenhäuser in Prag, Mailand und Paris aufzusuchen. Das war aufregender, moralisch aber kaum verwerflicher als jede andere Art von ›billiger‹ Unterhaltung.

Freilich: ›Alles zu seiner Zeit‹ – dieses Gesetz wirkte auch in Kafkas sexuell liberalisierter Umgebung ungebrochen fort. Auch wenn seine Freunde dies wohl kaum illusionslos zu reflektieren vermochten, so war doch allen schmerzlich bewusst, dass es sich um einen Zustand des Übergangs handelte, um ein Moratorium, an dessen Ende ein anderer Umgang mit Sexualität stehen musste. Selbst für Max Brod, der ausgesprochen promiskuitiv lebte, wäre es eine schwer erträgliche Vorstellung gewesen, mit vierzig oder fünfzig Jahren noch immer die Nächte in den Weinstuben zu verbringen, auf dem Schoß ein bezahltes ›Mädchen‹ und am Nebentisch einige grinsende Gymnasiasten. Nein, peinlich war nicht der Bordellgeher, peinlich war der alternde Junggeselle, denn der hatte es tatsächlich ›nötig‹. Und so sehr Brod die erotische Beengtheit der Ehe fürchtete, so wenig mochte er auf die Aussicht verzichten, sich eines Tages sozial wie sexuell zu konsolidieren.

Nicht viel anders sahen die Perspektiven eines anderen nahen Freundes aus, des Bibliothekars Felix Weltsch, der häufig mit Brod zusammentraf, um philosophische Texte zu lesen, wobei sich bisweilen Kafka mit sparsamen Einwürfen beteiligte. Auch Weltsch, ein Jahr jünger als Kafka und bereits zweimal promoviert, war Junggeselle, betrieb jedoch die Überwindung dieses Zustands mit neurotischer Akribie. Seit Jahren durchlitt er eine Liaison, deren Höhen und Tiefen er genau protokollierte und deren mögliches Scheitern er offenbar mehr als moralisches denn als emotionales Debakel fürchtete. »Man muss das Unmögliche wollen«, antwortete er auf entsprechende Vorhaltungen und stellte damit seine Existenz auf ein Gleis, das – für alle {34}sichtbar und erwartbar, nur für ihn selbst nicht – in eine quälend konfliktreiche Ehe führen musste. Weltsch sammelte Liebesbriefe, Briefabschriften und stenographische Gesprächsnotizen, ordnete und bündelte sie wie Gerichtsakten, las sogar Kafka und Brod daraus vor. Und obwohl Einzelheiten dieser unglückseligen Geschichte nicht überliefert sind, ist doch unschwer zu erraten, dass Weltsch gerade wegen dieser beklemmenden Zwanghaftigkeit der Sinn des ganzen Unternehmens irgendwann aus dem Blick geriet. Da er nur ein mageres Gehalt bezog, keine Aufstiegschancen hatte und auch von seinen philosophischen Schriften niemals würde leben können, war dem flüchtigsten Blick erkennbar, dass Weltsch in eine soziale Falle lief. Sein trockener Humor täuschte darüber hinweg, dass es ums Ganze ging, täuschte bisweilen auch die Freunde. Doch in dem Augenblick, da Weltschs Heirat beschlossen war, erkannte Kafka mit Schrecken sein Spiegelbild.

Brods chaotisches Liebesleben war reicher an Genüssen, zeigte aber im Grunde dieselbe Entropie, dasselbe Gefälle, und so ekstatisch er den Augenblick zu feiern vermochte, so wenig verstand er die Trauer der unausweichlichen Integration, die alles grundierte. Er wich dieser Trauer aus, bekämpfte sie durch Aktivität. Dabei sorgte sein beständiges womanizing, vor dem auch die Dienstmädchen der Familie nicht sicher waren, immer wieder für bühnenhafte Verwicklungen – zum einen, weil er trotz eigener vielfacher Unaufrichtigkeiten seiner Eifersucht nicht Herr zu werden vermochte, zum anderen wegen der kleinstädtischen Übersichtlichkeit des Prager Lebensraums, wo sich unwillkommene Begegnungen nicht immer vermeiden ließen. Auch Brod wohnte noch bei den Eltern, doch für sexuelle Affären hatte er eigens ein Zimmer gemietet (das auch sein Bruder Otto gerne nutzte) und verfügte damit, anders als Kafka, über einen geschützten Winkel außerhalb des familialen Blickfelds. Seine privaten Aufzeichnungen zeigen ihn noch in der Mitte seiner zwanziger Jahre als erotisch schwankende Gestalt, hin und her gerissen zwischen Lust, Hass, sentimentaler Reizbarkeit und pubertären Erregungen, die sich an verweigerten Küssen ebenso entzünden konnten wie an einer Geste weiblicher Selbstbestimmung. Nicht zu vergessen die beständige Furcht vor Schwangerschaften, die jedes ›Erlebnis‹ zu einem Spiel mit hohem Einsatz machte und damit das Erregungspotenzial noch steigerte.

Auch Brod aber verfolgte inmitten all dieser Wirren, nicht anders als der systematisch unglückliche Weltsch, einen erotischen Hauptplan: die Liebschaft mit einer bildungshungrigen, daher bildbaren jungen Frau namens Elsa Taussig, die klassische Konzerte besuchte, Fremdsprachen erlernte, von einem Universitätsstudium träumte und sogar eigene literarische Versuche unternahm. Nur in Bezug auf sie spricht er hin und wieder das Wort ›Heirat‹ aus, ohne dass zu erkennen wäre, wodurch sie sich für diesen besonderen Status qualifizierte. Denn die Gefühle, die er für sie hegte, schwankten ebenso unberechenbar wie die gegenüber allen übrigen Frauen: Er verfolgte sie mit eifersüchtigen Launen, war versöhnt durch ein neues Frühlingskleid, verbrachte mit ihr glückliche Stunden ›im Zimmer‹ und fand sie am nächsten Tag wieder unscheinbar, blass und mager. Mal begeisterten ihn ihre szenischen Einfälle – seine humoristische Erzählung AUS EINER NÄHSCHULE geht auf Erlebnisse Elsa Taussigs zurück –, dann wieder fand er ihre wiederkehrenden Melancholien nervtötend, ihre Bemerkungen zu seinen Werken gänzlich ahnungslos und ihre eingestandene Unfähigkeit, mit Kafka »natürlich zu reden«, geradezu kindisch. Doch er verfolgte ein Projekt, das Ehe hieß und das – genau wie in der Generation der Eltern – einer gleichsam überpersönlichen Logik folgte. Und so empfand es auch der erotische Lyriker Brod als seine selbstverständliche Pflicht, zu Hause eine Erklärung über die finanziellen Verhältnisse der Erwählten abzugeben, samt Vorlage von Fotos.

Kafka verfolgte dieses Treiben als wohlwollender Zuschauer und Ratgeber, ohne indessen den von Weltsch und Brod eingeschlagenen Weg selbst zu betreten. Er durchschaute die Freiheiten des Junggesellen als kontrolliertes Geschehen: Im Grunde war es nicht anders als bei den saufenden Jurastudenten, denen es auch im wüstesten Exzess nicht eingefallen wäre, Sinn und Notwendigkeit des Staatsexamens grundsätzlich in Frage zu stellen. Alles zu seiner Zeit. Kafka aber, als Einziger im engeren Freundeskreis, wurde von wachsenden Zweifeln bedrängt. Gewiss, aus der Sicht der Gesellschaft und der Familie war die Ehe ein ›Examen‹, das irgendwann fällig wurde, und diese Erwartung war völlig legitim. Andererseits aber war die Ehe eine Leistung, die ihm keinesfalls selbstverständlich schien, da sie bestimmte psychische Ressourcen forderte. Würde er diese Prüfung bestehen? Die Erfahrungen der vergangenen Jahre deuteten darauf hin, dass seine Stärken {36}hier gewiss nicht lagen. Noch niemals war ihm eine längerfristige Bindung an eine Frau geglückt. Die erotischen Ekstasen Brods konnte er nur bestaunen, ohne sie wirklich nachzufühlen. Und er kannte auch die Qual noch nicht, die den Eifersüchtigen zu unwürdigen Nachstellungen treibt und seinen Geist steril macht. War dies ein Mangel, eine habituelle Unfähigkeit? Vielleicht. Doch als Kafka sich Rechenschaft abzulegen suchte, fühlte er, dass es ihn nicht wirklich dorthin zog. Die anderen füllten einen vorgezeichneten Radius aus. Er selbst blickte auf einen einzigen Punkt.

»In mir kann ganz gut eine Koncentration auf das Schreiben hin erkannt werden. Als es in meinem Organismus klar geworden war, dass das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens sei, drängte sich alles hin und liess alle Fähigkeiten leer stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Essens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen diesen Richtungen ab. Das war notwendig, weil meine Kräfte in ihrer Gesamtheit so gering waren, dass sie nur gesammelt dem Zweck des Schreibens halbwegs dienen konnten. Ich habe diesen Zweck natürlich nicht selbständig und bewusst gefunden, er fand sich selbst und wird jetzt nur noch durch das Bureau, aber hier von Grund aus gehindert. Jedenfalls darf ich aber dem nicht nachweinen, dass ich keine Geliebte ertragen kann, dass ich von Liebe fast genau so viel wie von Musik verstehe und mit den oberflächlichsten angeflogenen Wirkungen mich begnügen muss … « [18]  

Kafka notierte dies Anfang 1912: die für ihn typische Bilanz zum Jahreswechsel. Von Ehe ist keine Rede, selbst Sexualität erscheint hier nur als libidinöse Leistung unter gleichberechtigten anderen. Es ist sein Lebensprogramm, das Kafka hier erstmals präzis formuliert, zugleich die Keimzelle eines inneren Mythos, an dem er festhalten und den er konsequent entfalten wird: Nicht er selbst ist es, der die letzte Entscheidung trifft, sondern sein ›Organismus‹, also seine Konstitution, also etwas Unabänderliches. Diese Entscheidung aber ist bereits gefallen, Kafka buchstabiert sie nach, verliest sie gleichsam – mit vernehmbarem Stolz auf die eigene Entschlossenheit, die geforderten Opfer klaglos zu erbringen.

Das erscheint frivol. Ein Achtundzwanzigjähriger mag den Genüssen des Lebens abschwören, in Form eines mehr oder weniger gewaltsamen Willensakts: Das haben aus religiösen Gründen Tausende vor ihm getan. Kafka aber gründet seinen Verzicht auf nichts als ein inneres Selbstbild. Ob gut oder schlecht: So bin ich, und darum kommt all {37}dies für mich nicht mehr in Frage. Eine fahrige, vorschnelle Geste, die auch dadurch nicht überzeugender wird, dass Kafka das Vakuum sofort auffüllt und seinem Leben einen ganz anderen Sinn zuordnet. Er spricht vom »Nachweinen«. Das klingt nicht, als wisse er den Wert dessen, was er verwirft, wirklich einzuschätzen.

Tatsächlich hatte Kafka noch keine konkrete Erfahrung mit einem Leben, das auf den Akt des Schreibens radikal zugespitzt war; er kannte weder die Qualen endgültigen Verzichts, noch konnte er ahnen, wie nahe ihm die große Probe schon bevorstand. Doch es kann keine Rede davon sein, dass er die langfristigen Konsequenzen nicht durchdacht hätte. Er hatte sie, was mehr ist, imaginativ längst durchlebt, er hatte sie abgewogen gegen seine Sehnsucht nach sozialer und intimer Nähe, und er hatte es sich auch nicht erspart, eine Außenansicht von forcierter Trostlosigkeit zu entwerfen.

»Es scheint so arg, Junggeselle zu bleiben, als alter Mann unter schwerer Wahrung der Würde um Aufnahme zu bitten, wenn man einen Abend mit Menschen verbringen will, krank zu sein und aus dem Winkel seines Bettes wochenlang das leere Zimmer anzusehn, immer vor dem Haustor Abschied zu nehmen, niemals neben seiner Frau sich die Treppe hinaufzudrängen, in seinem Zimmer nur Seitentüren zu haben, die in fremde Wohnungen führen, sein Nachtmahl in einer Hand nach Hause zu tragen, fremde Kinder anstaunen zu müssen und nicht immerfort wiederholen zu dürfen: ›Ich habe keine‹, sich im Aussehn und Benehmen nach ein oder zwei Junggesellen der Jugenderinnerungen auszubilden.
So wird es sein, nur daß man auch in Wirklichkeit heute und später selbst dastehen wird, mit einem Körper und einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.«

DAS UNGLÜCK DES JUNGGESELLEN lautet der Titel dieses Prosastücks; verfasst hat es Kafka bereits im November 1911, Wochen vor seiner Lebensbilanz im Tagebuch. Es ist ein Selbstporträt im strengen Sinn des Wortes: nicht ›so werde ich sein‹, sondern ›so werde ich aussehen‹. Ausgespart bleibt alles, was die Einsamkeit kompensieren könnte: Dieser imaginierte Junggeselle ist völlig unschöpferisch, er schreibt nicht, liest nicht, musiziert nicht, und über klägliche Hobbys werden auch Kafkas künftige Helden, allesamt Junggesellen, niemals hinauskommen. Denn nichts vermag an die Stelle des Lebens zu treten.

Kafka hält sich einen Spiegel vor, doch er versagt sich jeden Appell. Er weiß, die soziale Gemeinschaft ist keineswegs verpflichtet, sein {38}»Unglück« zu lindern. Denn die Gemeinschaft spricht mit der Stimme des Lebens selbst, der Junggeselle aber hat dem Leben gekündigt. Diese Drohung, eines Tages nicht mehr als Mitglied der menschlichen Familie betrachtet zu werden, stand Kafka längst vor Augen und war keineswegs die hypochondrische Marotte des Jünglings, der sich Sorgen um seine Rente macht. Ein ›älterer‹ oder ein ›alter‹ Junggeselle: Darunter verstand man nicht unbedingt einen biologisch alten Mann, sondern jemanden, der den richtigen Zeitpunkt versäumt hatte, eine Familie zu gründen. Blumfeld, jener »ältere Junggeselle«, dessen Aufstieg zu seiner trostlosen Kammer Kafka in einem längeren Fragment schildern wird, hat zwanzig Jahre Büroarbeit hinter sich und rechnet mit weiteren drei Jahrzehnten Einsamkeit: ein etwa Vierzigjähriger also. Noch in Hofmannsthals DER SCHWIERIGE, entstanden 1921, wird der neununddreißigjährige Protagonist als »ältlicher Junggeselle« bezeichnet: ein Brandzeichen, eine Art sozialer Schuld, die früh zu wachsen beginnt und niemals vergeben wird.

Kafka hatte Zweifel, so alt überhaupt je zu werden. Da er mit demographischen Statistiken häufig zu tun hatte, wusste er, dass er sich der Mitte seines Lebens näherte; es war hohe Zeit, an die zweite Hälfte zu denken. Doch »mit einem solchen Körper lässt sich nichts erreichen«, notierte er im Tagebuch nur eine Woche nach dem UNGLÜCK DES JUNGGESELLEN. [19]  Er empfand sich als schwächlich, störanfällig, zermürbt von fortwährenden, über den ganzen Körper wandernden Spannungen und Insuffizienzen, und dass er kein Mann in der Blütezeit seiner Entwicklung war, sah anscheinend jeder ihm an. Kafka wirkte jugendlich, es kam vor, dass man ihn, den promovierten Beamten, für einen Schüler hielt. Das war komisch, aber es war auch widernatürlich. Ein Junggeselle in Gestalt eines Kindes: ein soziales Monstrum.

Kafka hat dieses Brandzeichen nicht nur bereitwillig empfangen, er hat sich auch in solchem Maße damit identifiziert, dass ein radikaler Wechsel der Lebensperspektive ihm schließlich undenkbar wurde. Er war noch nicht dreißig, da er das Schreckbild des älteren Junggesellen auf sich selbst projizierte. Die Furcht davor, bis ans Ende allein zu bleiben, schlug um in die Gewissheit, dass er nicht die Kraft hatte, diesem Schicksal auszuweichen. Dabei entging ihm keineswegs das Moment von Autonomie, das die Gemeinschaft insgeheim denen neidet, die nur für sich selbst sorgen – es war ja keineswegs ausgemacht, dass {39}Junggesellen und ›alte Jungfern‹ allesamt so freudlose, blutleere und lächerliche Wesen waren, wie die Witzblätter sie gern zeichneten. Doch es war ein fundamentales Gefühl der Leere, das Kafka bedrängte, die Furcht, sein Leben aus dem Leben selbst hinauszusteuern, und er ahnte, dass Autonomie, die sich zum Selbstzweck erhob, dagegen nichts ausrichten würde. »Gefühl des Kinderlosen« nannte er es, vertraut war es ihm schon lange, neu aufgebrochen war es mit den Hochzeiten der Schwestern, doch die letztgültige Formel fand er erst zwei Jahre vor seinem Tod: »immerfort kommt es auf Dich an ob Du willst oder nicht, jeden Augenblick bis zum Ende, jeden nervenzerrenden Augenblick, immerfort kommt es auf Dich an und ohne Ergebnis. Sisyphus war ein Junggeselle.« [20]  


Gab es Gegenbilder? Gewiss, doch nur selten blitzten sie auf, und als ›Vorbilder‹ schienen sie Kafka nicht übertragbar. Die Energie, mit der Brod seinen tatsächlich schwachen, sogar sichtbar verwachsenen Körper bewohnte, staunte Kafka an, als handele es sich um eine sportliche Leistung. Das Unmögliche zu wollen, wie Weltsch es verlangte – das war ein schöner Gedanke, auf den man jedoch nur verfallen konnte, wenn einem das ›Mögliche‹ leicht von der Hand ging. Er habe mit Weltsch »eine Art junggesellenhafter Bruderschaft gebildet«, resümierte Kafka später, »die wenigstens für mein Gefühl geradezu gespensterhaft war in manchen Augenblicken«. [21]  Für sein Gefühl: Er wusste, dass Weltsch dies ganz anders erlebte. Der Kampf mit der Braut würde einmal enden. Und dann kam die Ehe, und vielleicht weitere Kämpfe. Doch nicht das Leben des Sisyphus, das nicht.

Kafkas sozialer Radius war viel zu begrenzt, als dass er planvoll nach Vorbildern hätte Ausschau halten können. Ein philosophischer Salon, den die Apothekergattin Berta Fanta führte, war bisher die einzige Bühne gewesen, auf der er eine Gruppe mit breit gefächerten intellektuellen Interessen beobachtet hatte. Doch über private Sorgen wurde dort niemals verhandelt, und Kafka, den theoretische Diskussionen zunehmend langweilten, zog sich zurück. Seither beschränkte er sich auf zwei, drei Vertraute, die er häufig traf und bei denen er auch unangemeldet läuten durfte. Allein im Jahr 1911 sind siebzig Tage nachweisbar, an denen er mit Max Brod beisammen war, einschließlich einer gemeinsamen Reise durch die Schweiz nach Mailand und nach Paris. Dazu kamen etliche Verabredungen mit Weltsch sowie die {40}allwöchentlichen Treffen bei dem Schriftsteller Oskar Baum, wo sich die Freunde aus ihren Arbeiten vorlasen – eine seit Jahren festgehaltene Gewohnheit.

Baum war der Einzige in diesem engen Kreis, der verheiratet war und auch schon einen kleinen Sohn hatte. Doch an seinem Schicksal konnte Kafka das seinige nicht messen, denn Oskar Baum war blind. Er brauchte technische Hilfe beim Schreiben (einen Braille-Apparat führte er ständig mit sich), und auf das Vorlesen war er weitaus mehr angewiesen als alle anderen. Ins Kaffeehaus und zu kleinen Ausflügen musste man ihn abholen, Weinstuben, Chantants und Theater blieben ihm verschlossen (obwohl er auch für die Bühne schrieb). Für Urlaubsreisen wiederum fehlte das Geld. Baum ernährte seine Familie fast ausschließlich als Organist und durch Klavierstunden, und er fieberte jeder literarischen Einladung, jedem Verlegerbrief entgegen, der diesen Zustand zu beenden versprach. Da er jedoch in seinen beiden ersten Büchern mit dem Schicksal der Blindheit abrechnete (und vor allem mit der Blindenfürsorge) [22]  , wurde er mit diesem Genre noch lange Zeit identifiziert, und Brod, der zu vermitteln suchte, hatte Mühe, diesen Vorbehalt auszuräumen.

Baums Ehefrau war fast stets gegenwärtig, daher kam es zur Besprechung von heiklen persönlichen Problemen wohl nur selten, und eine Innenansicht dieser Ehe gewann Kafka vorläufig nicht. Noch im Jahr 1911 sprach er den Freund mit ›Sie‹ an; er beriet ihn bei der Korrektur von Manuskripten, sparte wohl auch nicht mit Klagen über sein tagnächtliches Doppelleben, doch dass auch der psychisch weitaus robustere Baum das Zusammenleben mit Frau und Kind allmählich als unvereinbar empfand mit der Konzentration des schöpferischen Prozesses, ahnte Kafka zu dieser Zeit offenbar noch nicht. Immerhin, es waren nicht nur Junggesellen, nicht nur Gespenster, mit denen er seine freie Zeit verbrachte. Seine Mutter war beinahe glücklich darüber. Ein Musiklehrer mit Familie: Das erweckte Vertrauen, und vielleicht war das jemand, den auch ihr Sohn sich hätte zum Vorbild nehmen können. Und so schrieb sie Anfang März 1911 – besorgt über die zunehmend wunderlichen Züge ihres Sohnes – einen Brief an Oskar Baum, in dem sie ihn bat, dem Franz doch endlich einmal »den Kopf zurechtzusetzen«. Ein »rührender Brief«, wie Brod im Tagebuch vermerkt.

Die Welt der Prager Juden war übersichtlich, das Netz der Beobachtung eng geknüpft, die Stimme der Eltern niemals fern. Und doch leuchtete auf dieser engen Bühne eine Utopie auf, die so etwas wie Erlösung versprach, ein Leben jenseits von Junggesellentum und Ehe, ein tänzelndes, schwebendes Leben allein für die Kunst. Diese Utopie hieß Werfel. Seit langem schon bestaunte Kafka diesen Knaben, dem alles, wonach er selbst vergeblich die Arme reckte, gleichsam ohne Bewusstsein zuzufallen schien. Zwar gab Werfel kein Vorbild ab, dem Kafka hätte folgen, dem er sich hätte anvertrauen wollen; der Altersunterschied von sieben Jahren bedeutete ein Gefälle von Erfahrung und Verantwortung, das heilende Nähe nicht aufkommen ließ. Doch allein Werfels Vitalität, die erstaunliche Tatsache, dass man derart auftrumpfen konnte, ohne dass die Welt zurückschlug, bedeutete einen Trost.

Werfel, dem Gymnasium kaum entwachsen, war ein Kind im Garten Eden: dicklich, mit hervortretenden Augäpfeln, laut und vorlaut, naiv bis zur Lächerlichkeit, gefühlsselig, von notorischem Optimismus, leicht erregbar, ein Nutznießer mütterlicher overprotection und zugleich deren Opfer, materiell gut versorgt und mit Aussicht auf ein reiches Erbe. Werfel strahlte eine gleichsam physische Begeisterung aus, die sich auf den geringfügigsten Gegenstand ebenso zu richten vermochte wie auf die ganze Menschheit und die mitriss durch schiere Intensität. Kein Kellner schritt ein, wenn Werfel im Café Arco plötzlich aufsprang und seine neuesten Gedichte deklamierte, mit einem Pathos, das sämtliche Gespräche im Raum verstummen ließ; und selbst das Personal in Prags legendärem Edelbordell, dem ›Gogo‹ in der Gemsengasse, klatschte begeistert, wenn der erstaunliche Knabe mit schöner Tenorstimme Arien vortrug, die er alle auswendig kannte.

Werfel war eine Entdeckung Max Brods, der sich bei seinem Berliner Verleger Axel Juncker für den Debütanten nachhaltig einsetzte. Brod liebte die Rolle des öffentlichen Mentors, war jedoch unfähig, die Selbständigkeit und damit auch Fremdheit literarischer Leistungen anzuerkennen, geschweige denn gelassen zuzusehen, wie seine Protegés allmählich ihren Weg fanden. Werfel war selig, als er im April 1911, ein halbes Jahr vor seinem ersten Buch DER WELTFREUND, eigene Gedichte in der von Karl Kraus herausgegebenen Fackel entdeckte: Das war der Ritterschlag, den Brod ihm nicht bieten konnte. Und eine {42}Bestätigung eigentlich auch für Brod, dessen literarisches Urteil von unabhängiger Instanz bestätigt wurde. Doch zum Mitfeiern war Brod nicht zumute. Denn ausgerechnet jetzt hatte er sich auf eine publizistische Kontroverse mit Kraus eingelassen, der die ungleich wirkungsvolleren Waffen führte und Brod mit einer Reihe unrühmlicher Zitate aus dessen eigenen Werken blamierte. Brod war außer sich, doch niemand in Prag erhob die Stimme für ihn, und auch Werfel sah natürlich keinen Anlass, sich in den Streit seiner Förderer einzumischen.

Sowohl in Brods hilflosen Reaktionen als auch – noch Jahrzehnte später – in seiner Autobiographie STREITBARES LEBEN wird die schockhafte Desillusionierung spürbar, mit der er sich aus dem imaginierten Zentrum der Prager Literatur hinauskatapultiert sah. »Wie schön ist es«, hatte er im Mai 1911 im Tagebuch notiert, »seinen Einfluß in einem ebenso begabten feurigen Geist fortblühn zu sehen, zu ganz neuen, und doch mir innerlich verwandten Ausdrücken kommen!« Da glaubte er noch, sein TAGEBUCH IN VERSEN (1910) sei für Werfels Hymnik von entscheidender Bedeutung gewesen. Als er wenige Tage später die Fackel aufschlug, fand er diese Genealogie durchtrennt: »Geist auf Brod geschmiert ist Schmalz«, wetterte Kraus und druckte ausgerechnet auf der Seite gegenüber ein weiteres Gedicht Werfels ab. [23]  Dafür konnte Werfel nichts, doch es kümmerte ihn auch nicht. Während Brod seine Heimatstadt am liebsten zur Sperrzone für den Wiener Satiriker erklärt hätte, lud Werfel den ›Fackelkraus‹, als sei nichts geschehen, zu Lesungen nach Prag und führte ihn gar bei seiner Familie ein. Das war nicht nur Undankbarkeit, das war Verrat. Und daran hielt Brod fest bis an sein Lebensende; er überzeichnete Werfels Dankesschuld, ja, er schreckte nicht einmal davor zurück, Kafkas Tagebücher zu manipulieren, um den Verdacht des schieren Neids zu entkräften. [24]  

Dieser Verdacht lag auch den Zeitgenossen schon nahe genug, und im Gegensatz zu Brod zögerte Kafka nicht, sich der Selbsterkenntnis zu beugen.

»Ich hasse W., nicht weil ich ihn beneide, aber ich beneide ihn auch. Er ist gesund, jung und reich, ich in allem anders. Außerdem hat er früh und leicht mit musikalischem Sinn sehr Gutes geschrieben, das glücklichste Leben hat er hinter sich und vor sich, ich arbeite mit Gewichten, die ich nicht loswerden kann und von Musik bin ich ganz abgetrennt.« [25]  
{43}

Vor allem aber genoss Werfel eine Geborgenheit, die in krassem Gegensatz stand zu der wachsenden Entfremdung von der eigenen Familie, die Kafka durchlitt und die spätestens seit der Gründung der Asbestfabrik unumkehrbar schien. Werfels Mutter entschuldigte die schlechten schulischen Leistungen ihres Sohnes mit dem Argument, die wunderschönen Gedichte, die er mache, ließen ihm zu wenig Zeit zum Lernen – war etwas Derartiges aus dem Munde der Kafkas auch nur denkbar? Gewiss, auch der Kommerzialrat Rudolf Werfel verharrte lange Zeit in dem Glauben, dass jede Pubertät ein Ende finden und Franz eines Tages die familieneigene Handschuhfabrik übernehmen werde, was denn sonst? Er schickte ihn in ein Handelskontor nach Hamburg, wo er die notwendigen Grundkenntnisse erwerben sollte, und nach dem baldigen Scheitern dieser Exkursion bestand er darauf, dass Franz seinen Militärdienst ableistete. Doch obwohl keine dieser späten erzieherischen Maßnahmen fruchtete, beobachteten die Eltern schließlich mit Stolz seine literarischen Erfolge und kümmerten sich sogar um die Wahrnehmung seiner Verlagsinteressen.

Kafkas »Hass« wich sehr bald der unmittelbaren Wirkung von Werfels Sprache. »Einen Augenblick fürchtete ich die Begeisterung werde mich ohne Aufenthalt bis in den Unsinn mitfortreissen«, schrieb er im Dezember 1911, wenige Tage nach Erscheinen des WELTFREUNDS – einer der seltenen Fälle, da er mit dem literarischen Urteil der gesamten Prager Szene einig ging. [26]  Werfels erster Gedichtband war eine Sensation, 4000 Exemplare wurden schon im ersten Monat abgesetzt, und gleichsam wie im Traum öffneten sich dem Jüngling die Türen in Wien, Leipzig und Berlin – während er fortfuhr, zu Hause und am liebsten gemeinsam mit Gleichaltrigen die Ekstasen der spontanen Schöpfung zu zelebrieren. Sein engster Freund Willy Haas, der die Herderblätter herausgab; der Dramatiker Paul Kornfeld, damals noch spiritistisches Medium; Ernst Deutsch, der geborene Schauspieler: allesamt Klassenkameraden, die gespannt zuschauten, wenn Werfel nach einem Bleistiftstummel und einem noch unbeschriebenen Zettel kramte.

Mein einziger Wunsch ist, Dir, oh Mensch, verwandt zu sein!
Bist Du Neger, Akrobat, oder ruhst Du noch in tiefer Mutterhut,
Klingt Dein Mädchenlied über den Hof, lenkst Du Dein Floß im Abendschein,
Bist Du Soldat oder Aviatiker voll Ausdauer und Mut.
Trugst Du als Kind auch ein Gewehr in grüner Armschlinge?
Wenn es losging, entflog ein angebundener Stöpsel dem Lauf.
Mein Mensch, wenn ich Erinnerung singe,
Sei nicht hart und löse Dich mit mir in Tränen auf! [27]  

Die Vorstellung, dass der blonde, schweißglänzende Werfel, in seiner Uniform als ›Einjährig-Freiwilliger‹, an der Seite den Säbel, im Café Arco solche Zeilen zum Besten gab, scheint mit seinem frühen Dichterruhm nur schwer zu vereinbaren: Es ist Kitsch, und es ist komisch. Tatsächlich wurde solche ›Oh Mensch‹-Lyrik auch zahlreichen frühen Bewunderern zum Gegenstand des Gespötts – nach dem Krieg allerdings, und vielfach ohne Erinnerung daran, dass vor der großen Katastrophe diese einfache, bewegliche und scheinbar jeden künstlichen Aufwand scheuende Sprache die Hörer förmlich emporriss über das alltägliche Nationalitäten-, Parteien- und Religionsgezänk. Hier schienen sich neue Horizonte der Versöhnung zu öffnen, eine wunderbare Aufwertung der kindlichen Natur, eine Macht des Gefühls jenseits von Psychologie, schiere Intensität des Lebens, das keiner Argumente bedurfte.

Freilich bedurfte es der Exaltation, die Werfel immer und überall zu Gebote stand, um diesen Rausch stetig zu erneuern, und mehrfach benutzte Kafka den Begriff des ›Ungeheuren‹, um Werfels beispiellose Präsenz zu beschreiben. »Ein Ungeheuer!« notierte er im August 1912 im Tagebuch. »Aber ich sah ihm in die Augen und hielt seinen Blick den ganzen Abend.« »Werfel ist tatsächlich ein Wunder«, heißt es bald darauf in einem Brief. »Der Mensch kann Ungeheueres.« Und auch am Ende des Jahres kann sich Kafka von diesem Anblick noch immer nicht losreißen: »Werfel hat mir neue Gedichte vorgelesen, die wieder zweifellos aus einer ungeheueren Natur herkommen. […] Und der Junge ist schön geworden und liest mit einer Wildheit (gegen deren Einförmigkeit ich allerdings Einwände habe)! Er kann alles, was er je geschrieben hat, auswendig und scheint sich beim Vorlesen zerfetzen zu wollen, so setzt das Feuer diesen schweren Körper, diese große Brust die runden Wangen in Brand.« Kafka richtete zeitweilig einen beinahe verliebten Blick auf Werfel, und selbst die ersten Zweifel an dessen allzu ›einförmigen‹ Ausbrüchen änderten nichts daran, dass er ihn als menschliche Erscheinung idealisierte: »Geduckt, selbst im Holzsessel halb liegend, das im Profil schöne Gesicht an sich gedrückt, vor Fülle (nicht eigentlicher Dicke) fast schnaufend, {45}ganz und gar unabhängig von der Umgebung, unartig und fehlerlos.« Selbst noch ein Jahrzehnt später, als Kafka von Werfels literarischer Entwicklung längst ernüchtert war, verteidigte er dessen auffallende äußere Erscheinung. Nein, Werfel sei keineswegs dick, schrieb er an Milena Jesenská, und wenn schon: Vertrauenswürdig seien ohnehin nur die Dicken. »W. wird mir schöner und liebenswerter von Jahr zu Jahr … « [28]  

Und doch ein Junggeselle und, wie Kafka sehr bald begriff, ein ebenso wurzelloser ›Westjude‹ wie er selbst. Hatte er niemals daran gedacht? Konnte man sich einen alternden, treusorgenden, verantwortungsbewussten Familienvater Werfel überhaupt vorstellen? Oder einen Werfel, der mühselig die Treppen zu seiner einsamen Dachkammer erklimmt, in einer Hand das spärliche Nachtmahl? ›Werfel, ein älterer Junggeselle … ‹ – nein, solchen Drohungen schien er von Kindesbeinen entronnen, hier leuchtete ein nicht erkämpftes, vielmehr verliehenes Glück auf, eine Art Erwähltsein, das Werfels Hässlichkeit gleichsam von innen durchstrahlte. Ein Geschenk, ein Gewinn. Werfel war ein Hauptgewinner. Und darum war es nur natürlich, dass er reiche Eltern und schöne Schwestern hatte, dass sein Kinderzimmer auf den Stadtpark blickte, dass die Damen im ›Gogo‹ ihn liebten, dass er nicht zu studieren und keine Bürostunden abzusitzen brauchte, dass er lyrische Bestseller schrieb, dass er im Jahr 1912 zu einem jungen, großzügigen und literarisch gebildeten Verleger wechselte – Kurt Wolff in Leipzig – und dass er schließlich dort, wo seine Werke erschienen, auch Lektor wurde, im einzigen bedeutsamen deutschsprachigen Verlag, der mit einem solchen Lektor hätte arbeiten können. The winner takes all.


»Das geht niemals über Bodenbach hinaus«, sagte Werfel, als Brod ihm das erste Mal kleine Prosastücke Kafkas vorlas. Bodenbach, das war die böhmische Grenzstation, hinter der das Deutsche Reich begann. Dort, so glaubte Werfel, würde dieses Prager Geheimdeutsch kein Mensch verstehen. Brod war gekränkt und packte die Manuskripte weg. Später versammelte Kafka seine frühen Texte in einem schmalen Band, dessen Produktion Werfel überwachte, jenseits der Grenze. Kafka schenkte ihm ein Exemplar. Und auf dem Titelblatt notierte er: »Der große Franz grüßt den kleinen Franz.«

Kafka: Die Jahre der Entscheidungen
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