{564}Die Wiederkehr des Ostens
the gods forget they made me so I forget them too
David Bowie, SEVEN
An einem der ersten Septembertage des Jahres 1914 war im Prager Staatsbahnhof eine sonderbare Szene zu beobachten. Aus einem Zug, der soeben eingefahren war, kamen Menschen hervor, wie man sie hier noch niemals gesehen hatte: zerlumpte Gestalten, die Männer mit struppigen Vollbärten, einige im Kaftan, die Frauen schwer bepackt mit Säuglingen und undefinierbaren Stoffbündeln, die zahlreichen, an den Röcken sich festklammernden Kinder allesamt schmutzig und mit hungrigen Gesichtern. Mehr als zweihundert Menschen, die sich mit ihrer gesamten Habe in der Wartehalle niederließen und die – offenbar von niemandem erwartet – nun geräuschvoll berieten, wohin sie sich wenden sollten. Reisende verlangsamten ihren Schritt, verfolgten das Spektakel. Das waren Juden, so viel war sicher. Doch man verstand sie nicht, man verstand kein Wort.
Ein Wachmann machte schließlich dem Auftritt ein Ende. Nachdem man ihm auseinander gesetzt hatte, dass dies alles Bürger der österreichisch-ungarischen Monarchie waren und dass es doch ›Stammesgenossen‹ in Prag geben müsse, die sich des Problems annehmen würden, führte er die Gruppe ins Jüdische Vereinsheim, Langegasse 41. Hier endlich, unter den erschrockenen Mitgliedern des Arbeitervereins ›Paole-Zion‹, fanden sie Menschen, die Jiddisch oder Polnisch verstanden, hier endlich gab es Tee, Brot und Waschschüsseln.
Aus Ostgalizien stammten sie, seit Tagen waren sie unterwegs. Ihr Schtetl war von den entsetzlichen Kosaken überrollt worden, in letzter Stunde waren sie geflohen, anfangs zu Fuß und auf Karren, um den Plünderungen und Vergewaltigungen zu entgehen. Zahlreiche Verwandte hatten sie zurückgelassen, deren Schicksal man sich nicht {565}auszumalen wagte. Einige Familien wurden auf der Flucht getrennt, auch Kinder ohne Eltern waren bei dem Trupp, und einige der zugehörigen Söhne und Väter dienten an der Front, man wusste nicht wo. Nur eines war gewiss: Die Zweihundert waren eine Vorhut. Es würden noch viele kommen, sehr viele.
Am Bahnhof wurden Wachen aufgestellt, um die nächsten Züge zu erwarten. Vor allem Jugendliche des jüdischen Wanderbunds ›Blau-Weiß‹ waren es, die dort mit Schildern in hebräischer Schrift viele Stunden lang ausharrten, um die desorientierten Menschen in Empfang zu nehmen. Eine Woche später waren es achthundert. Ende September, als Evakuierungen auch in Mittel- und Westgalizien begannen, waren es zweitausend. Im November sechstausend. Am Ende des Jahres waren es mehr als elftausend. [533]
Die Invasion von Kriegsflüchtlingen, mit denen Böhmen, das österreichische Kernland sowie Ungarn bereits im zweiten Kriegsmonat konfrontiert war, wirkte zunächst als politischer Schock: Niemand, auch nicht die Bestinformierten, hatte mit etwas Derartigem gerechnet. Zwar war der erste, besinnungslose Kriegsjubel schon bald einer ängstlichen Erwartung gewichen, und längst war jedem deutlich, dass dieser Krieg länger und härter werden würde, als die hochfahrenden Drohgebärden der Diplomaten und Militärs suggeriert hatten. Doch noch immer war die Presse beherrscht von Siegesmeldungen – deutsche auf Seite eins, österreichische knapp dahinter.
Die Wahrheit war, dass die k. u. k. Armeen schon zwei Wochen nach Beginn der Kämpfe eine erste, verheerende Niederlage erlitten hatten. Die Serben, die in kürzester Frist jeden verfügbaren Mann mobilisierten und auch nicht davor zurückschreckten, Kinder und Großväter an die Front zu schicken, schlugen den österreichischen Angriff zurück und überschritten sogar die Grenzen nach Bosnien und Ungarn. Dieses habsburgische Debakel wiederholte sich im Dezember in noch weit größerer Dimension: 200 000 Österreicher traten an, nur 160 000 kehrten zurück, davon viele mit Verwundungen und schweren Erfrierungen. Erreicht hatten sie nichts. Und dies war das Ende einer Strafaktion, welche von der kriegslüsternen Presse wochenlang in Metaphern der Ehre diskutiert worden war, als handele es sich um das beiläufige Verabreichen einer Ohrfeige.
Natürlich war allen bewusst gewesen, dass die Serben strategisch {566}und propagandistisch im Vorteil waren: Sie hatten es nur mit einem Gegner zu tun, während auf die Österreicher an ihrer Nordostgrenze zu Russisch-Polen noch eine ungleich größere Aufgabe wartete. Doch ungebrochen war der Wahn der österreichischen Armeeführung, die Strafexpedition auf dem unterentwickelten Balkan sei ein job, nach dessen Erledigung man sich mit gesammelten Kräften der Niederwerfung des Zarenreichs widmen werde. Zwar wurde schon in den ersten Kriegswochen deutlich, dass dies eine krasse Fehleinschätzung war: Denn die in Serbien sinnlos sich verschleißenden Einheiten wären in Galizien dringend gebraucht worden, wo eine zahlenmäßig überlegene, bestens ausgerüstete und überraschend schnelle russische Armee sich die klaffenden Lücken sofort zunutze machte. Doch in Wien wurden alle aufkeimenden Zweifel erstickt durch den realitätsfernen Ehrgeiz, dem glorreichen Vormarsch der deutschen Waffenbrüder auf Paris und den sensationellen Siegen in Ostpreußen, die ja die Verwundbarkeit der Russen augenfällig bewiesen hatten, irgendetwas ›Gleichwertiges‹ zur Seite zu stellen.
Tatsächlich war das Kampfgeschehen an der 400 Kilometer langen galizischen Front zunächst so unübersichtlich, dass es den militärischen Behörden leicht fiel, der Bevölkerung im Hinterland eine erfolgreiche Kampagne vorzuspiegeln: Die österreichischen Geländegewinne, so wurde verkündet, seien nur die ersten Schritte zur ›Befreiung‹ ganz Polens. Gleichzeitig jedoch marschierten russische Einheiten nahezu ungehindert in Ostgalizien und in der Bukowina ein und lösten eine ungeheure, über Monate anschwellende Flüchtlingswelle aus. Die Leser in Wien und Prag rieben sich die Augen: Es stünden gewaltige Schlachten um Lemberg und Przemyśl bevor, hieß es plötzlich. Das waren Festungsstädte, die tief im eigenen Territorium lagen. Was, um Himmels willen, war dort los?
Die Flüchtlinge brachten die Wahrheit mit. Allein die schiere Zahl, in der sie im Land umherirrten, belegte, dass es sich keinesfalls um geplante oder gar – wie es im Falle Lembergs hieß – um ›strategische‹ Evakuierungen handeln konnte. Zu schweigen davon, dass auch von jenseits der Grenze, aus Russisch-Polen, weitere Flüchtlinge nachrückten, aus Furcht vor Pogromen und Deportationen durch die russische Armee. Kein Zweifel: Der Feind war da, und die lokalen Behörden waren völlig überrascht von einer Situation, für die nicht die geringste administrative Vorsorge getroffen war. Sie schoben die {567}Flüchtlinge nach Westen ab, von einer Stadt in die nächste, ansonsten überließen sie die ›Evakuierten‹ ihrem Schicksal. Und wer von diesen letztendlich in irgendeiner böhmischen Kleinstadt strandete, in Prag, in Wien oder gar im Deutschen Reich (das die Bürger des verbündeten Staates noch nicht abzuweisen wagte) – das entschieden logistische Zufälle, die Hoffnung auf irgendwelche fernen Verwandten und der Bestimmungsort der nächsten verfügbaren Waggons.
Nach dem politischen kam der soziale Schock. Dass Galizien keine wohlhabende Region war, wusste man. Die ersten Menschen aber, die von dort kamen, besaßen buchstäblich nichts mehr außer den Lumpen, die sie am Leib trugen. Unter ihnen fanden sich Geschäftsleute, Hausbesitzer, Lokalpolitiker, Talmudgelehrte, die elender aussahen als die letzten Bettler. Zwischen Ekel und Mitleid riss es die Prager Bürger hin und her, und mancher fühlte sich angesichts der Physiognomien, die ihm jetzt täglich begegneten, an die geläufigen antisemitischen Karikaturen erinnert. Es gab Gelächter und Häme. »Galizien in Prag«, titelte das Prager Tagblatt und ergänzte seinen Bericht durch Porträtstudien – als seien Indianer in der Stadt. Auch Attacken von Patrioten gab es, die nicht einsehen wollten, dass Leute, die vor dem Krieg davongelaufen waren und schlechte Stimmung machten, nun auch noch auf Kosten des Steuerzahlers leben sollten. Doch es war fast ausschließlich privater Initiative zu verdanken, dass die meisten Flüchtlinge vor dem sozialen oder gar physischen Untergang bewahrt blieben.
Eine jüdische Volksküche wurde errichtet, Haushaltsgegenstände und Kleidung wurden gesammelt, Ärzte und Anwälte praktizierten ohne Honorar, Wohnungen wurden bereitgestellt. Da die staatlichen finanziellen Hilfen, obgleich schon im September zugesichert, wochen- und monatelang auf sich warten ließen, nahm die jüdische Kultusgemeinde riesige Kredite auf, um die Zahlungen vorstrecken zu können: 70 Heller pro Kopf und Tag. Die praktische Arbeit übernahmen jüdische Wohltätigkeitsorganisationen, aber auch die zionistischen Vereine (darunter der ›Verein jüdischer Mädchen und Frauen‹, dem Ottla Kafka sich angeschlossen hatte) waren fast rund um die Uhr im Einsatz. Erst gegen Ende des Jahres, als deutlich wurde, dass an eine baldige Rückkehr der Entwurzelten in ihre Heimatorte nicht zu denken war, wachten auch die Behörden auf. Sie ließen am Stadtrand Barackenlager errichten, um die mittlerweile pausenlos einströmenden Ostjuden von den Einheimischen zu trennen.
Da die tschechische Mehrheit in Prag sofort auf Distanz ging und selbst die tschechisch sprechenden Juden keinen Anlass sahen, Verantwortung zu übernehmen für Menschen, die ihnen kulturell derart fern standen [534] , blieb das Flüchtlingsproblem ganz in Händen der Deutschjuden. Auch hier freilich fühlten sich viele peinlich berührt: Ausgerechnet jetzt, da der Krieg Gelegenheit bot, die nahtlose kulturelle Integration der Juden unter Beweis zu stellen, kamen diese ›armen Verwandten‹ des Wegs, Halbzivilisierte, denen man grundlegende bürgerliche Verhaltensformen erst mühsam beibringen musste. Eigentlich wollte man mit ihnen nicht gesehen, noch weniger identifiziert werden. Vor allem in der Führung der Kultusgemeinde dürfte es angesichts der ›Gettoluft‹, die den Flüchtlingen aus den Kleidern strömte, zu lautstarken Debatten gekommen sein. Während man aber noch drei Jahre zuvor, als Kafka gemeinsam mit Jizchak Löwy in einem Saal der Gemeinde auftrat, durch Nichterscheinen hatte demonstrieren können, was man von dieser mauschelnden Sippe hielt, war ein Ausweichen diesmal unmöglich. Bezeichnend für den mehr als kühlen Empfang ist ein bilanzierender Bericht des Gemeindepräsidenten, der formuliert ist, als stamme er aus der Feder eines Gutsverwalters: Ohne die sozialen und sprachlichen Reibungsflächen auch nur mit einem Wort zu erwähnen, rechnet er den Lesern der Selbstwehr die Kosten vor, welche die »konservativen Juden« der Prager Gemeinde aufbürden: bis auf den letzten Heller. [535]
Die lebendige Tradition innerjüdischer Solidarität gab vorläufig jedoch den Ausschlag, und es lebte in Prag wohl keine deutschjüdische Familie, der das Flüchtlingsproblem nicht irgendeinen Beitrag abverlangte. Unablässig kreisten die Sammelbüchsen, und wer sich in der Synagoge nicht blicken ließ, an dessen Tür klopften die jungen ›Blau-Weißler‹, die mit Handkarren alte Kleider und Decken abtransportierten. Auch die weitgehend akkulturierten Juden konnten sich diesem Druck nicht entziehen, und viele, denen es niemals in den Sinn gekommen wäre, anstelle des Deutschen Theaters eine jener schrillen Jargonvorstellungen im Café Savoy aufzusuchen, erfuhren jetzt, dass die schäbigen ostjüdischen Schauspieler keineswegs die letzten Vertreter einer aussterbenden Spezies gewesen waren, sondern Repräsentanten eines höchst vitalen und zahlreichen Volks. Der Osten war nach Prag zurückgekehrt, diesmal jedoch nicht als Folklore.
Kafka muss eine gewisse Genugtuung darüber verspürt haben, dass endlich auch seine eigene Familie in ihrer ›westjüdischen‹ Selbstgefälligkeit erschüttert wurde. Einhundert Paar Mädchenstrümpfe hatte der Galanteriewarenhändler Hermann Kafka spendiert, ansonsten hielt man Distanz. Doch mit Almosen und abfälligen Bemerkungen allein waren die Ostjuden diesmal nicht abzutun. Denn erstaunlicherweise waren diese Leute durch keine der Errungenschaften, welche die Stadtjuden in langjähriger bewusster Anpassung sich verschafft hatten, nachhaltig zu beeindrucken. Gewiss, auch die galizischen Kinder drückten sich die Nasen platt an den Schaufenstern der Prager Innenstadt. Doch ihre Eltern sahen keinerlei Anlass, das Prager Deutsch zu erlernen oder sich den Hygienevorstellungen ihrer bürgerlichen Wohltäter anzupassen. Lieber nahmen sie gar nichts zu sich als Fleisch, das nicht aus ritueller Schlachtung stammte, und schenkte man ihnen Geschirr, so bedankten sie sich, erklärten aber mit der größten Ruhe, dass sie alles doppelt brauchten: ›milchiges‹ und ›fleischiges‹ Geschirr, wie es für Juden eben selbstverständlich war.
Kafka hat den kulturellen Schock, den die Autarkie und Unbeeindruckbarkeit der Ostjuden auslöste, sehr genau registriert. Ottla, die Familie Weltsch und andere zionistische Bekannte werden ihm manches davon berichtet haben, und da auch Brod und dessen Eltern sich an den humanitären Maßnahmen organisatorisch und handgreiflich beteiligten, bot sich ihm Gelegenheit, den Zusammenprall der Kulturen aus nächster Nähe zu beobachten.
»Gestern in der Tuchmachergasse, wo die alte Wäsche und Kleidung an die galizischen Flüchtlinge verteilt wird. Max, Frau Brod, Herr Chaim Nagel. […] Die kluge lebhafte, stolze und bescheidene Frau Kannegiesser aus Tarnow, die nur zwei Decken wollte, aber schöne, und die doch nur, trotz Maxens Protektion alte und schmutzige bekommen hat, während die neuen guten Decken in einem separaten Zimmer lagen, in dem überhaupt alle guten Stücke für die bessern Leute aufbewahrt werden. Man wollte ihr die guten auch deshalb nicht geben, weil sie sie nur für 2 Tage brauchte, ehe ihre Wäsche von Wien kam und weil man gebrauchte Stücke wegen der Choleragefahr nicht zurücknehmen darf. – Frau Lustig mit vielen Kindern aller Grössen und einer kleinen frechen, selbstsichern beweglichen Schwester. Sie sucht ein Kinderkleidchen solange aus, bis Frau Br. sie anschreit: ›Jetzt nehmen Sie aber schon endlich dieses oder Sie bekommen keines.‹ Nun antwortet aber Fr. Lustig mit noch viel grösserem Schreien und schliesst mit einer großen {570}wilden Handbewegung: ›Die Mizwe ist doch mehr wert als diese ganzen Schmatten (Hadern).‹«
Auf Hochdeutsch: Dass Sie mir Gutes tun dürfen, sollte Ihnen wertvoller sein als mir Ihre Fetzen. [536] Das saß. Unverkennbar ist Kafkas leise Schadenfreude angesichts dieser Schlagfertigkeit, unverkennbar aber auch der staunende, bewundernde Blick, den er auf diese lebhaften und alles andere als unterwürfigen Gesten richtet. Es ist derselbe Blick, den er einst auf Löwy und dessen Ensemble warf: Er sieht das Lächerliche, den Schmutz, die Unbildung, doch er sieht auch eine Würde, die dies alles überwölbt und unangreifbar macht.
Nicht nur die akkulturierten ›Dreitagejuden‹ und die Vertreter der jüdischen Gemeinde, auch die Prager Zionisten sahen sich durch den Zustrom der Flüchtlinge in Verlegenheit gesetzt. Ihre eigene Position gegenüber den Ostjuden, deren Alltag sie aus eigener Anschauung zumeist gar nicht kannten, war ja durchaus zwiespältig. Wer es mit dem offiziellen, straff organisierten Zionismus hielt, dessen große Bühne zuletzt der Kongress von Wien gewesen war, hielt das ›Mauscheljudentum‹ ohnehin für eine Degenerationserscheinung, welche die Einigung der Juden erschwerte und die allenfalls Mitleid verdiente. Viele Kulturzionisten hingegen, die unter dem Einfluss Bubers und Birnbaums standen, hatten das ostjüdische Leben poetisch verklärt und wurden jetzt zurückgeholt auf den Boden der politischen und kulturellen Tatsachen. Man hatte es hier durchaus nicht mit reinen Seelen zu tun, die darauf warteten, unter Anleitung von Prager Studenten zu einer jüdischen Nation geformt zu werden. Es waren Menschen, die beherrscht waren von jüdischer Orthodoxie, von den mystischen Strömungen des Chassidismus und von krudestem Aberglauben. Sie blieben unter sich, fürchteten den Einfluss westlicher Sittenlosigkeit auf ihre Kinder und beobachteten nur mit tiefstem Misstrauen die zionistischen Gesten der Umarmung.
Denn sie verstanden sie nicht. Sie verstanden nicht die Rede von einer angeblichen Substanz der jüdischen Seele, die über alle äußeren Unterschiede hinweg die Einheit des jüdischen Volks begründen sollte. Und nur mit Kopfschütteln vernahmen sie, dass der ›Jargon‹, die Sprache, in der sie lebten, germanischen Ursprungs sei und sie selbst darum ein östlicher Vorposten der deutschen Kultur. Das war um drei Ecken gedacht, das war Krampf. Und mit dem Gesetz und der Schrift hatte es schon gar nichts zu tun.
Es war die härteste Probe, die der Prager Zionismus bisher zu bestehen hatte, und schon in den wenigen Sätzen, die Kafka dem Konflikt widmet, wird deutlich, dass an Verständigung hier kaum zu denken war. Selbst eine Reihe gut gemeinter und stark besuchter Diskussionsabende, die der Jüdische Volksverein zum Thema ›Ost und West‹ durchführte und an denen auch Brod als Redner auftrat, brachten keine Annäherung, und mit scharfem Auge beobachtete Kafka, wie sein sonst so eloquenter Freund nervös wurde und allmählich in die Defensive geriet.
»Die Verachtung der Ostjuden für die hiesigen Juden. Die Berechtigung dieser Verachtung. Wie die Ostjuden den Grund dieser Verachtung kennen, die Westjuden aber nicht. Z. B. die grauenhafte alle Lächerlichkeit übersteigende Auffassung, mit der die Mutter ihnen beizukommen sucht. Selbst Max, das Ungenügende Schwächliche seiner Rede, Rockaufknöpfen, Rockzuknöpfen. Und hier ist doch guter und bester Wille. Dagegen ein gewisser Wiesenfeld, zugeknöpft in ein elendes Röckchen, einen Kragen, der nicht mehr schmutziger werden kann als Festkragen angezogen, schmettert Ja und Nein, Ja und Nein. Ein teuflisches unangenehmes Lächeln um den Mund, Falten im jungen Gesicht, Bewegungen der Arme, wild und verlegen. Der Beste aber der Kleine, der ganz aus Schulung besteht, mit spitzer, keiner Steigerung fähiger Stimme, die eine Hand in der Hosentasche, mit der andern gegen die Zuhörer bohrend unaufhörlich fragt und gleich das zu Beweisende beweist. Stimme eines Kanarienvogels. Füllt mit dem Filigran der Rede bis zu Qual eingebrannte labyrintartige Rinnen aus. Werfen des Kopfes. Ich wie aus Holz, ein in die Mitte des Saales geschobener Kleiderhalter. Und doch Hoffnung.« [537]
Was Brod und einige andere Prager Redner vorgebracht hatten, war dann in der Selbstwehr nachzulesen: Zwischen Zionismus und religiöser Tradition, so behaupteten sie, bestehe doch gar kein Widerspruch. Das war nicht nur »schwächlich«, das war schlichtweg falsch, und wenn die jungen, chassidischen Fanatiker tatsächlich so gut geschult waren, wie Kafka vermutete, wird es ihnen nicht schwer gefallen sein, ihren Gastgebern die passenden religionsfeindlichen Aussprüche Herzls um die Ohren zu schlagen. Es half auch nichts, dass bei einer weiteren Veranstaltung – wieder saß Kafka stumm im Saal – der aufgeregte Brod sich zusammennahm und nun vorsichtiger von einer Synthese sprach, die zwischen Zionismus und religiöser Tradition erst herzustellen sei. Wozu?, konnte man ihm entgegnen. Die in Gesetz, Tradition und Erinnerung verankerte Gemeinschaft, die Brod so salbungsvoll beschwor, war doch ein Problem nur für die angepassten {572}und dekadenten Westler: Sie waren es, die sich an solchen Vorstellungen gern erwärmten. In Galizien und Polen hingegen war es der Alltag von zweieinhalb Millionen Menschen, hier hatte man keinen Bedarf an ›Synthesen‹.
Dass die ostjüdischen Redner nicht wirklich diskutierten, dass sie vielmehr allem, was Brod einwandte und noch weiter hätte einwenden können, nicht Argumente, sondern religiöse Gewissheiten und letztlich sich selbst entgegenhielten – das alles entging Kafka nicht, und es ist wohl auch der Grund dafür, dass er im Tagebuch auf den inhaltlichen Kern der Auseinandersetzung mit keinem Wort eingeht. Es war der Mühe nicht wert, denn um Argumente ging es nicht, es ging um Identität – eine Identität, die nicht erstritten, die vielmehr in Körper und Sprache eingewurzelt war. Staunend, ohne jede Ironie beobachtete Kafka »die Art wie die Ostjüdinnen parteiisch sich entzücken«: Sie bejubelten diejenigen, die zu ihnen gehörten, ganz gleich, ob sie mit Fistelstimme in den Saal schrien, schmutzige Krägen trugen oder sich wiederholten, bis es wehtat. Sie machten sich keine Gedanken über ›Gastvolk‹ und ›Wirtsvolk‹, und sie brauchten nicht die ›jüdische Nation‹, da sie doch die Gemeinschaft hatten. Sie kannten nicht die Qual des Einerseits/Anderseits, die unendliche Reflexion des losgelösten Einzelnen. Gewiss, auch sie zahlten einen Preis: Da gab es genug Starrsinn, Beschränktheit, Obskurantismus. Doch was Kafka von diesen Bildern vor allem im Gedächtnis blieb, war »das selbstverständliche jüdische Leben«, die Unausdenkbarkeit des Selbstverständlichen. [538]
Brod hat dies gewiss ähnlich empfunden, wenngleich er, wie die meisten Prager Zionisten (doch im schroffen Gegensatz zu Kafka), den Blick lieber abwandte von Gegensätzen, die unüberbrückbar blieben. [539] Für ihn war es vor allem das Beisammensein mit den zahlreichen ostjüdischen Kindern und Jugendlichen, das ihm Jahrzehnte später, als er seine Erinnerungen verfasste, am angenehmsten vor Augen stand. Es waren jüdische ›Notschulen‹ gegründet worden – wiederum aufgrund privater Initiativen und mit Spenden der B’nai-B’rith-Logen –, die den Flüchtlingskindern einen wenigstens rudimentären Unterricht gewährleisten sollten. Unter etwa einhundert Freiwilligen hatten sich auch Brod und seine Frau zur Verfügung gestellt: Elsa unterrichtete Handarbeiten, Max war zuständig für ›Weltliteratur‹. Getreu der Devise Bubers, man müsse die Ostjuden vorsichtig {573}an westliche Bildungsstandards heranführen, sprach Brod vor 15- bis 19-jährigen galizischen Mädchen über die Werke Homers, Dantes und Shakespeares, und er behandelte biblische Stoffe als literarische. Natürlich brachte ihm das wiederum Proteste strenggläubiger Väter ein. Unerhört fanden sie es, dass ihre Töchter mit religiösen Inhalten konfrontiert wurden, die über die Kenntnis des Ritus hinausgingen: Schließlich war das jüdische ›Lernen‹ von alters her Sache der Männer. Doch diesmal reagierte Brod etwas gewitzter und sprach von den Versuchungen, denen die Kinder der Chassidim im Westen ausgesetzt seien: »Wenn Ihre Töchter nichts vom Judentum wissen, was soll sie bewegen, nicht von uns wegzugehen?« [540]
Zweifellos entsprachen die Naivität, die Wissbegier und Aufmerksamkeit der galizischen Kinder am ehesten dem kulturzionistischen Traum vom unverbildeten jüdischen Menschen. Das waren Wesen, in die man sich hineinträumen durfte, ohne über kulturellen Synthesen und geistigen Substraten brüten zu müssen, und auch Kafka konnte sich kaum satt sehen an den scheuen, doch selbstbewussten und schönen Gesichtern: »olivenbraun, gewölbte gesenkte Augenlider, tiefes Asien«. [541] Es war, als verspürte er Beruhigung, ja Heilung angesichts dieser fernen Generation, die inmitten eines Ozeans von Gewalt ihre kindliche Würde zu wahren verstand und die den Schlüssel zu besitzen schien zu einer anderen Welt. Des Öfteren besuchte er Brod bei seinem Unterricht, streckte die langen Beine unter einer Schulbank aus (natürlich in der letzten Reihe) und nahm auch an einigen der Ausflüge teil, welche die Lehrer mit den Kindern unternahmen. Offenbar wirkte der stille, stets lächelnde Herr Doktor vertrauenerweckend, denn es wurden Beziehungen geknüpft, die auch noch das folgende Jahr überdauerten: etwa zu einem »Fräulein Fanni Reiß« aus Lemberg, dessen Eltern Kafka besuchte und das er in die städtische Lesehalle und einmal gar ins Theater führen durfte. Vertrautsein mit einer jungen, ostjüdischen Frau: Es war – er ahnte es nicht – der Vorschein einer unausdenkbaren Zukunft.
Indessen blieben für die überwältigende Mehrzahl der Prager Deutschjuden die kulturellen Schranken unüberwindlich. Selbst unter den großzügigen Spendern fanden sich nur wenige, die bereit waren, das soziale Visier zu öffnen und sich auf Bekanntschaften oder gar Freundschaften einzulassen. Überdies machte sich bereits nach wenigen Monaten ein fataler sozialpsychologischer Reflex bemerkbar: {574}Das Unglück des Einzelnen rührt, das Elend der Masse weckt Abwehr, ja Abscheu. Es ist nicht schwierig, Gefühle der Solidarität zu wecken, wenn der Gebende weiß oder gar sinnlich erfährt, in wessen Hände seine Gabe gelangt und welche konkrete Wohltat sie bedeutet. Um jedoch die Versorgung einer anonymen, ständig wachsenden Menschenmenge zu bewältigen, genügt es nicht mehr, dass Wolldecken von Hand zu Hand gehen; hier müssen die Spender eine gleichsam administrative Haltung einnehmen, die von den Bedürfnissen und Eigenschaften einzelner Empfänger (vor allem von den befremdlichen oder unangenehmen) vollständig absieht – eine Leistung, die nur wenige erbringen. Überdies war die Neugier der Prager auf die unglaublichen Geschichten, welche die Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet mitbrachten, schon bald erschöpft: Die Szenarien wiederholten sich, und man hatte genug eigene Kriegssorgen.
So kam es, dass der Strom der Spenden genau dann zu versiegen begann, als nicht mehr Waggons, sondern ganze Sonderzüge mit vertriebenen Ostjuden einrollten. Es kam vor, dass inmitten des reichen Prag – reich in den Augen der Galizier – Familien auf der nackten Erde schliefen, weil sich nicht einmal Strohsäcke auftreiben ließen, und die bettelnden Kinder, die man jetzt immer häufiger sah, stießen auf zunehmend aggressive Passanten. »Wir bitten jeden, der menschlich fühlt, flehentlich um Hilfe«, hieß es Ende 1914 in der Selbstwehr, doch auch dieser letzte Notruf des ›Hilfskomitees der Israelitischen Kultusgemeinde‹ fruchtete wenig. Noch ehe auch nur die Hälfte der erforderlichen Spenden gesammelt war, hatte sich die Zahl der Ankömmlinge erneut verdoppelt, und der Gemeinde blieb nichts anderes mehr übrig, als dem böhmischen Statthalter die Erschöpfung ihrer Mittel zu melden. Am 18.Januar 1915 wurde durch Erlass des Innenministeriums die Stadt Prag für Flüchtlinge gesperrt.
Sperrung und Abschub. Das Ende des ›Burgfriedens‹. Oder besser: das Ende eines Propagandaslogans, der den Anlass seiner Beliebtheit kaum um Wochen überdauerte. In Wien und Budapest galt die freie Wahl des Wohnorts schon seit Dezember nicht mehr. Konkret hieß das: Weitere Flüchtlinge, die hier ankamen, wurden zwangsweise in Dörfer transportiert oder in Lager, für die sich allmählich der Begriff ›Konzentrationslager‹ einbürgerte.
Dass ein kriegführender Staat Tausende seiner Bürgerinnen samt {575}ihrer Kinder interniert, deren Ehemänner und Väter zur selben Zeit Kriegsdienst leisten – es ist dies ein Vorgang, der in der politischen Geschichte Europas vor 1933 wohl keine Parallele findet. Ein Schleier des Unwissens liegt darüber bis heute, und auch in den Zeugnissen der Prager Zeitgenossen überlagert die kulturelle Auseinandersetzung die soziale Katastrophe. In Kafkas nächster Umgebung aber müssen sich verzweifelte Szenen abgespielt haben. Und falls er noch immer der Gewohnheit anhing, am frühen Abend durch den Staatsbahnhof zu schlendern – die Tagebücher verraten nichts darüber –, so fand er sich dort nicht mehr in einem Brennpunkt der Urbanität, der ihn wohltuend an Berlin erinnerte, sondern an einem schmutzigen, überfüllten Umschlagplatz des Krieges. Züge mit Verwundeten. Züge mit Flüchtlingen. ›Die Wacht am Rhein‹ sang hier schon lange niemand mehr.
Die Sperrung von Prag aber blieb in Kraft – auch, nachdem im Lauf des Jahres 1915 die große Mehrzahl der Vertriebenen die Stadt wieder verlassen hatte, und erst recht, als 1916 eine neue Welle des Elends von Galizien nach Westen übergriff. Da Prag als Landeshauptstadt dem nicht unbeteiligt zusehen konnte, ließ man sich herbei, eine Ausnahme zu machen, befristet und streng kontingentiert. Eingelassen wurden jetzt 3500 neue Flüchtlinge: handverlesen, und allesamt Christen.