BRIAN
Brian wacht von einem erregten Murmeln auf – eine Stimme, wie er merkt, am Rand der Panik. Nicht aus einem Fernseher oder einem Radio oder von einem verärgerten Sunniten, der die Arme hochreißt und sich den Bart rauft und einen Schuh wirft –, obwohl er benebelt all diese Möglichkeiten in Betracht zieht –, sondern von der Frau, Karen. Er sitzt aufrecht in der Dunkelheit, die Knie an die Brust gedrückt, die Arme um die Beine geschlungen, eine Kugel. Wer bin ich, denkt er. Nein, nicht wer – das ist das falsche Wort. Wo meint er. Sein Verstand ist so weit weg, dass er die richtigen Worte nicht finden kann. Wo bin ich?
Seine Augen sind schon eine Weile offen, aber erst als ihre Stimme anschwillt – »Hören Sie mir zu? Kapieren Sie die Wörter, die mir aus dem Mund kommen?«, sagt sie –, blinzelt er die Reste seines Traums weg und bemerkt die Kleidungsstücke, die im Dunkeln um ihn herumhängen, und begreift, wo er ist, und spürt eine elende Panik in sich aufsteigen. Er beugt sich erschrocken vor, durch das Rankengewirr der Hosenbeine und auf die Lichtschlitze zu, die durch die Schranktüren dringen. Bei der schnellen Bewegung wird ihm schwindelig, und in seiner Stirn breitet sich sternförmig ein Schmerz aus, der sich in die Zähne und die Arme entlang bis in die Finger vortastet. Sein Mund schmeckt metallisch. Seine Zunge ist eine vertrocknete Schnecke. Seine Haut, die so lange in Fell eingehüllt war, fühlt sich klebrig und wund an. Sein Schritt ist triefnass, und er riecht Pisse – er hat sich angepisst. Er atmet einmal tief durch und wartet, bis der Schmerz nachlässt, bevor er seine Augen an einen Schlitz zwischen zwei Türlamellen presst und ins Zimmer späht.
Sonnenlicht fällt durchs Fenster. Das Zimmer ist leer. Die Migräne hat ihn die ganze Nacht umgehauen, das wird ihm jetzt bewusst. Das passiert manchmal; Stunden, die in einem Nebel aus Schmerz vergehen. Und jetzt ist sie wach, und vielleicht sind ihr Mann und der Sohn zu Hause. Und jetzt sitzt er in der Falle.
Sein Blick wandert zur offenen Tür, von wo er das Poltern von Schritten hört und spürt. Karen geht vorbei und dann noch einmal, offensichtlich voller Unruhe. Sie trägt eine Jogginghose und ein weißes T-Shirt. Ihre Haare sind zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst, sie drückt sich ein Telefon ans Ohr. »Ich weiß, dass sie in Ordnung sind – das haben Sie bereits gesagt –, aber ich will mit ihnen sprechen. Warum kann ich nicht mit ihnen sprechen?« Ihr freier Arm saust durch die Luft, als wollte sie etwas stechen. »Wann werden sie entlassen? Wann können sie nach Hause kommen?« Auf dem Weg zur Küche seufzt sie schwer. Sie redet weiter, aber ihre Stimme klingt weit weg und undeutlich. Er kann sie nicht mehr verstehen.
Er mustert das Zimmer. Das Bett ihm gegenüber hat eine Tagesdecke mit Motiven aus Krieg der Sterne. Action-Helden marschieren über die Kommode in der Ecke. Auf dem Bücherregal steht Fantasy und Science Fiction. Hier sieht es ein bisschen aus wie in seinem Zimmer, erkennt er betrübt. Als er seine Haltung verändert, hört er das nasse Reiben seiner vollgepissten Hose, er verzieht das Gesicht über das Geräusch und hätte am liebsten über seinen erbärmlichen Zustand geflennt. Er ist erbärmlich. Er ekelt sich vor sich selber.
Er kann träumen so viel er will, davon, eine Frau zu seiner zu machen, tatsächlich aber weiß er nicht, wie. Er hat nur mit einer Handvoll Frauen geschlafen, und alle haben ihm nach ein paar Tagen den Laufpass gegeben. Es gab immer nur ein Lebewohl für ihn, und tief drinnen weiß er bereits, dass auch das jetzt ein Lebewohl ist.
Seine versteckte Natur wurde plötzlich enthüllt, wie in diesen 3D-Büchern, die er als Kind hatte, Seiten voller scheinbar beliebiger Muster, die ein Bild versteckten –, einen Schädel, einen Zug, einen Schwarm Vögel im Flug –, das aber plötzlich sichtbar wurde, wenn man den Blick unscharf machte. Er ist ein Tier. Nichts anderes ist er. Er braucht sich doch nur anzusehen. Wie zum Beweis streckt er seinen Arm aus. Er sieht aus wie ein Spielzeugtier, das in einer Familie vererbt wurde, das man immer wieder grob behandelt und zerrissen und wieder zusammengenäht hat und das schließlich hinten in irgendeinem Schrank landete, ein vergessener Staubfänger. Er ist Abschaum.
Der Motor der Gier, die ihn hierhergebracht hat, gibt den Geist auf. Er hält sich die Hände vor die Augen und versteckt sich in der Dunkelheit, die er damit erzeugt. Er will weg von hier, jetzt sofort, aber was sonst erwartet ihn? Wohin soll er gehen und worauf soll er sich dort freuen? Er sollte einfach in die Wand kriechen, durch die Gipsplatten hindurch und zwischen die Balken, wo er sich Stöpsel aus Isoliermaterial in Augen und Ohren stopfen könnte, wo er für den Rest seiner Zeit verschwinden könnte.
In einem Zustand völliger Leere, in dem er nicht mehr darüber nachdenkt, was er hätte tun können und was er tun könnte, nur noch daran denkt, was er mit offenen oder geschlossenen Augen sieht – mit letzteren die Farbe schwarz –, wartet er, bis er Wasser rauschen hört – sie hat zu duschen angefangen – und schleppt sich dann aus dem Schrank.
Die Kopfschmerzen lärmen noch immer wie eine Glocke an seiner Schläfe, als er im Gang stehen bleibt. Rechts von ihm warten die Haustür und links das Elternschlafzimmer, das Elternbad, die Dusche, sie. Er geht erst in eine Richtung, überlegt es sich dann anders und geht in die entgegengesetzte, tritt so leise auf wie er kann, prüft die Dielen, bevor er sein Gewicht daraufdrückt, mit einem behutsamen Schritt nach dem anderen bewegt er sich geräuschlos den Gang entlang.
Ihre Kleidung liegt auf dem Boden des Zimmers verstreut, eine Fährte, die zur offenen Tür des Bads führt. Dampf quillt heraus, weiße Tentakel des Dampfs, die durch die Luft tasten und ihn heranwinken. Direkt vor sich sieht er durch den klaren Plastikvorhang sie. Ihre Nacktheit ist vernebelt, unscharf, wie etwas aus einem Traum.
Einen Augenblick lang bleibt er so stehen, und in diesem Zögern stellt er sich vor, wenn er nur lange genug bleibt, wenn er ihren Körper eingehend genug mustert, wenn er sich verzweifelt nach seinen Haaren in diesem Waschbecken und seinen Magazinen neben der Toilette und seiner Zahnbürste mit dem blauen Griff über diesem Waschbecken sehnt, dann würde dieses Leben vielleicht Gestalt annehmen.
Im Augenwinkel hat er eine kleine blinkende Schwärze, wie der Puls eines Cursors auf einem Monitor. Er dreht den Kopf, um dem Blinken zu folgen, sieht aber nur die Leere des Gangs, der sich bis zur Haustür erstreckt. Er denkt daran, wie er erst vor Kurzem auf der anderen Seite kauerte und ihr Schloss bearbeitete, sich einen Weg in ihr Leben erarbeitete. Jetzt geht er darauf zu, und dann hindurch, in die schmerzhafte Helligkeit des Tages, mit dem Wissen, dass es, wenn man in sich selbst hineinschaut, ein bisschen so ist, als würde man in ein Schloss schauen – man findet Dunkelheit und wirres Durcheinander.
Weg. Dorthin will er. Tief in den Wald hinein, weit entfernt vom Schein der Straßenlaternen und Fernseher, dem Blick menschlicher Augen. Sich die Weite des Walds vorzustellen beruhigt ihn etwas, gibt ihm wieder ein wenig Vertrauen zu sich selbst und seiner Fähigkeit zu leben.
Als er zwischen die Bäume taucht, als er tief gebückt vorwärtsschleicht und sich von seinen Händen wie von den Füßen führen lässt, weg von seinem Haus, weg von Bend, wird er zum Wald, was heißt, er muss nichts anderes mehr sein, ist unsichtbar, verschwunden.