JUSTIN
Zurück im Lager macht Justin nur eine sehr kurze Pause und geht dann sofort weiter, denn er hat eine Entscheidung getroffen: Er wird seinen Jungen nach John Day schaffen und mit einem Ranger zurückkehren. Binnen einer Stunde kann er hin und zurück sein. Während er über die Wiese zu dem nur wenige hundert Meter entfernten Bronco läuft, sieht er, dass die Sonne gerade erst am Untergehen ist, und kurz betrachtet er das Schauspiel, die langsam schwindende Helligkeit, und wünscht sich, sie würde bleiben, es würde Tag bleiben, weil dann alles ungefährlicher wirkt, auch wenn es das nicht ist.
Und da steht der Bronco. Die Reifen sind aufgeschlitzt. Die Fenster sind eingeschlagen. Die Motorhaube steht offen, Drähte ragen verdreht aus dem Motorblock wie fremdartiges Unkraut. Falls er es schafft, die Drähte abzuisolieren und wieder an den richtigen Stellen zu befestigen, springt der Bronco vielleicht stotternd an, aber es gibt nur einen Reservereifen, und wie sehr er auch am Lenkrad kurbeln würde, die Räder würden nur durchdrehen und Halbmonde in den Kiesweg graben.
Wie erstarrt von dem Anblick stehen sie da – schreckensstarr ist das richtige Wort –, sie trauen ihren Augen kaum. Einen kurzen Augenblick springt Justins Verstand zurück in die Kindheit, er ist wieder vier Jahre alt. Ein Monster hat das getan, da ist er sich ganz sicher. Ein Bär, der mehr ist als ein Bär. Er geht aufrecht und spricht mit gutturaler Stimme und giert nach Jungenfleisch. Er ist besessen vom Geist des Waldes. Im Augenblick beobachtet er ihn, ganz aus der Nähe, aber unsichtbar.
Doch als er dann die zerdrückte PBR-Dose im Gras funkeln sieht, löst seine Vision sich auf, und er wird wieder vierzig. Natürlich hat Seth das getan. In seiner Panik hat Justin ganz vergessen, dass er überhaupt existiert, aber jetzt sieht er ihn deutlich, als würde er direkt vor ihm stehen: das Grinsen auf dem Gesicht, als er das Brecheisen in die Scheiben jagt und sein Messer in die Reifen stößt, sich an den Geräuschen erfreut, dem Klirren und Zischen, das orchestriert wurde von einer Wut, die von nirgendwoher zu kommen scheint, tatsächlich aber von der Zukunftsangst eines Mannes kommt, der zu ertrinken meint, während die anderen bequem in ihren Vergnügungsbooten schwimmen. Es ist eine Angst, die Justin jetzt nicht mehr nachempfinden kann. Er will, dass Seth arbeitslos, zwangsvollstreckt und von himmelhoher Grundsteuer aus seiner Heimatstadt vertrieben wird. Er will eine neonhelle Raststätte aus Glas und Beton anstelle dieser beschissenen Hütte von Tankstelle und Köderladen, in der sie sich kennenlernten. Er will diesen Canyon ausgeweidet, niedergebrannt und in ein Einkaufszentrum verwandelt, in dem jeden Morgen Großmütter in lilafarbenen Trainingsanzügen schlendern.
Justins Herz klopft heftig. Sein heißes Gesicht fühlt sich an wie unter Strom und sein Schädel wie voller feuchtflügeliger Wespen. Jetzt merkt er, wie sehr diese letzten Tage ihn mitgenommen haben, auf zunehmende Weise, doch diese akkumulative Wirkung spürt er erst jetzt – mit absoluter Angst.
Einen entsetzlichen Augenblick lang taucht er in einen verschwommenen Gemütszustand, in dem er fürchtet, plötzlich zusammenzubrechen, niedergedrückt von Erschöpfung, Schock, Entsetzen, all diesen schlechten Sachen, und mit dem Oberkörper zu schaukeln und den Kopf zu schütteln und die Augen zusammenzukneifen und für lange Zeit nicht mehr zu sprechen – Monate, vielleicht Jahre –, und wenn, dann nur mit der Hilfe von Medikamenten. Die Aussicht erscheint ihm attraktiv, verglichen mit der Alternative, sich dem Zucken im Gesicht seines Sohnes zu stellen, der versucht, seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen.
Tränen laufen dem Jungen über die Wangen. Er hat seine Jagdkappe abgenommen, als würde er etwas betrauern. Und Justin weiß, seinem Jungen das Leben zu retten ist wichtiger, als sein eigenes zu retten; dazu muss er sich seinen klaren Verstand bewahren. Eine schwarze Wolke hat sich über sie gesenkt, und um sie zu vertreiben, muss er etwas sagen, sie mit tröstenden Worten wegfegen. »Es wird alles gut«, sagt er, mehr schafft er im Augenblick nicht.
»Oh.« Die Stimme seines Sohns klingt unsicher, aber sein Gesicht entspannt sich und er schaut hoch zum Canyonrand, als wäre das Weggehen jetzt eine vorstellbare Möglichkeit. Mit beiden Händen wischt er sich die Tränen weg. »Aber das Auto ist hin.«
Justin kann nur widerwillig nicken.
»Und was machen wir jetzt?«
Das ist eine Frage mit vielen Verzweigungen. Werden wir überleben? ist eine davon. Wird es wehtun, wenn ich sterbe? Das sind die Fragen, die wichtig sind, und es gibt Antworten, die Justin vermeiden muss, um die Angst außen vor zu halten und Mut und Entschlossenheit zu erzeugen.
»Mach dir keine Sorgen.«
»Aber was machen wir?« Er klebt an diesen Worten, ihrem kargen Potential. »Es ist diese Gespenstergeschichte, die Opa uns erzählt hat, nicht? Passiert das alles deswegen? Weil wir nicht hier sein sollten? Weil sie den Canyon kaputt machen?«
Das ist die Reaktion eines Kindes, und Justin liebt ihn dafür. Trotz allem, was passiert ist, bleibt er ein Kind und hat noch den kindlichen Aberglauben daran, wie die Welt Glück und Pech unter den Menschen verteilt. »Nein.« Justin drückt ihn so fest an sich, dass ihm fast die Luft wegbleibt. Als sie sich wieder voneinander lösen, bemüht Justin sich sehr, er schenkt ihm ein optimistisches Lächeln und zupft an seinem Hemdkragen und zieht an seinen Ärmeln, sowohl um seine Hände zu beschäftigen wie um Graham herzurichten. »Alles okay bei dir?«
Graham nickt, schaut Justin jedoch nicht an, sondern strafft die Schultern und stellt die Füße zusammen, um aufrecht zu wirken. Um den Eindruck zu vermitteln, dass er okay ist.
»Gut«, sagt Justin. »Das ist gut. So brauche ich dich. Und jetzt wollen wir ins Lager zurückgehen. Und dort auf Opa warten.«
Graham setzt seine Kappe wieder auf und geht los, und Justin folgt ihm ins Lager, wo er Holz auf das schwelende Feuer legt, bis die Flammen wieder lodern. Dann legt er noch ein großes Scheit obendrauf, um die hereinbrechende Nacht mit hellem orangenem Licht zu vertreiben.
Neben Justin wächst eine Distel. Ohne groß nachzudenken zieht er sie aus dem Boden und schüttelt die Erde von den Wurzeln und öffnet die zusammengeballte Blüte und zermanscht die lila Krone der Sporen zu einer Paste. Seine Hände brauchen eine Beschäftigung und seine Augen etwas, worauf sie sich konzentrieren können, und deshalb macht er weiter, er reißt die Blätter vom Stängel und lässt sie eins nach dem anderen zu Boden fallen und hört erst damit auf, als er einen Eisack entdeckt, der in Seide eingesponnen in der schmalen Gabel zwischen Stamm und einem Blatt hängt, damit Bienen und Vögel ihn nicht zerstören können. Ungeschickt versucht er, die Distel wieder in den Krater zu stecken, aus dem er sie gezogen hat, doch nach wenigen Sekunden fällt sie wieder um, und er lässt sie dort liegen.
Ein Geräusch lässt Justin hochfahren. Es kommt aus der Nähe, aus dem Wald. Ein dumpfer Schlag. Fast mehr eine Vibration als ein Geräusch, als würde das stumpfe Ende einer Axt einen Baum treffen oder ein Vogel in vollem Flug gegen ein Fenster prallen. Ein Geräusch, das Justin an Barrieren und den Schmerz ihrer gewaltsamen Kollision erinnert. Eine Warnung?
Er versucht, sich ein glückliches Ende des Tages vorzustellen. Es ist nicht einfach. Sein Vater kommt entweder zurück oder er kommt nicht. Wenn er nicht zurückkehrt, wenn er bis Mitternacht nicht wieder da ist, werden sie aufbrechen und den Kiesweg entlanggehen, bis er in eine Asphaltstraße mündet, die in die Stadt führt. Und wenn sein Vater zurückkehrt – ist das nicht noch immer möglich? Ist es? Vielleicht sogar mit Boo an seiner Seite –, dann werden sie sich gegenseitig auf den Rücken klopfen und sich auf den Weg machen nach John Day und sich vollstopfen mit Burger und Fritten, die in Ketchup ertrinken. Graham wird ihnen die Fotos zeigen, die er geschossen hat, und sie werden sich gegenseitig versichern, dass es ein Abenteuer war, von dem man noch in zehn Jahren beim Thanksgiving-Essen erzählen wird. Das ist das glückliche Ende, das er in seinen Gedanken bewahrt, als er zum Fluss geht und in dem Steinkreis herumtastet und eine Pepsi herausfischt und sie seinem Sohn bringt. »Sieht aus, als könntest du eine gebrauchen.«
Graham nimmt die Dose und stellt sie sich zwischen die Füße.
Aus dem nahen Wald kommen wieder Geräusche. Beim Rascheln von Bewegungen im Unterholz schaut Graham schnell zu Justin. Sein Gesicht ist schmutzig und rot. Die Panik in seinen Augen steckt Justin an, der sein Gewehr packt und verkniffen in den Wald starrt und dort einen sich bewegenden Umriss aus schwarzen Schatten entdeckt. Daraus werden zwei Opossums, die einander jagen, zischend von Ast zu Ast springen und dann den Stamm hinunter zum Waldboden rennen, wo sie stehen bleiben, um Justin mit ihren schwarzen Augen anzustarren, wie um ihn daran zu erinnern, dass er vor ihnen keine Angst haben muss.
»Es ist nichts.« Justin lehnt sich, das Gewehr auf den Schenkeln, in seinem Stuhl zurück.