EINUNDVIERZIG

Und wohin jetzt?« Damen wischt sich den Schmutz von den Jeans, während ich mich umsehe. Ich weiß, dass der Pavillon nicht infrage kommt, das wäre zu unpassend nach allem, was gerade geschehen ist, aber ich bin auch alles andere als erpicht darauf, in nächster Zeit nach Hause zu gehen …

Er sieht mich an und hat meinen unausgesprochenen Gedanken soeben vernommen, also kann ich ihn auch gleich gestehen. »Mir ist schon klar, dass ich irgendwann nach Hause gehen muss, aber glaub mir, dann ist dort die Hölle los.«

Kopfschüttelnd lasse ich die ganze hässliche Szene mit Sabine von meinem Geist in seinen strömen, einschließlich des Teils, wie ich aus dem Haus gestürmt bin und direkt vor Mr. Muñoz’ Nase einen Strauß Narzissen und einen BMW manifestiert habe, woraufhin Damen förmlich zusammenzuckt.

Auf einmal kommt mir eine ganz neue Idee, da ich aber nicht genau weiß, wie ich sie verpacken soll, sehe ich mich erst nervös um. »Aber vielleicht …«, beginne ich und halte gleich wieder inne, da ihm mein Vorschlag bestimmt nicht gefallen wird. Doch ich werde ihn trotzdem vorbringen. »Ich meine, es ist nur so ein Gedanke, aber was hältst du davon, wenn wir der dunklen Seite noch einen Besuch abstatten? «

Ich spähe zu ihm hinüber und sehe an seinem Blick, dass er glaubt, ich sei verrückt geworden, und ja, vielleicht bin ich das. Aber ich habe auch eine Theorie und will unbedingt herausfinden, ob ich Recht habe.

»Ich will nur … es gibt da etwas, was ich sehen möchte«, erkläre ich ihm und weiß genau, dass er noch lange nicht überzeugt ist.

»Nur um das mal klarzustellen«, sagt er und fährt sich mit der Hand durchs Haar. »Du willst, dass wir diesen schaurigen Teil von Sommerland besuchen, wo es keine Magie gibt, kein Manifestieren und eigentlich überhaupt kaum irgendwas anderes als ständigen Regen, Berge von totem Laub, meilenweit tiefes, matschiges Sumpfland, das auch als Treibsand durchgehen könnte, und – ach ja – eine gruselige, alte Frau, die offensichtlich völlig verrückt und zufällig auch noch total auf dich fixiert ist?«

Ich nicke. Das trifft es ziemlich genau.

»Du würdest lieber dorthin gehen, als dich mit Sabine auseinanderzusetzen?«

Ich nicke erneut und ziehe die Schultern hoch.

»Darf ich fragen, warum?«

»Sicher.« Ich lächele. »Aber ich werde wahrscheinlich nicht antworten, ehe wir dort sind, also vertrau mir einfach, okay? Ich muss zuerst etwas sehen.«

Er beugt sich sichtlich nur widerwillig meinem Wunsch, doch noch weniger will er ihn mir abschlagen, und deshalb manifestiert er rasch ein Pferd für uns, während ich die Augen schließe und ihn dränge, uns in den dunkelsten, trostlosesten Teil der Gegend zu bringen.

Und schon sind wir da. Unser Pferd kommt abrupt zum Stehen, und Damen und ich haben Mühe, uns auf seinem Rücken zu halten. Es bockt und bäumt sich auf und scharrt mit den Hufen, sodass ihm Damen sanft ins Ohr flüstern und ihm versichern muss, dass es nicht weiterzugehen braucht, bis er es so weit beruhigt hat, dass wir von seinem Rücken gleiten und uns gründlich umsehen können.

»Also, genauso wie wir es in Erinnerung hatten«, sagt Damen, begierig diesen Ort gegen einen wärmeren, helleren, angenehmeren einzutauschen.

»Wirklich?« Ich gehe auf die Stelle zu, wo der Matsch beginnt und tippe sachte mit dem Fuß dagegen. Teste, wie weich, wie tief er ist, und versuche zu ergründen, ob er sich irgendwie verändert hat.

»Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.« Damen späht zu mir herüber. »Soweit ich es erkennen kann, ist es genauso nass, kahl, matschig und deprimierend wie letztes Mal.«

Ich nicke. »Das ist alles wahr, aber erscheint es dir … nicht irgendwie größer? Als würde es irgendwie … wachsen oder sich ausbreiten?«

Er blinzelt und kann mir nicht ganz folgen, und ich weiß, dass ich Gefahr laufe, wie eine Verrückte zu klingen oder zumindest total paranoid, doch ich beschließe trotzdem, fortzufahren, da ich einfach dringend eine zweite Meinung brauche.

»Ich hab da so eine Theorie …«

Er sieht mich an.

»Na ja …« Ich hole tief Luft. »Ich bin mir irgendwie sicher, dass ich der Grund für all das hier bin.«

»Du?« Damen zieht besorgt die Brauen zusammen.

Doch ich gehe darüber hinweg und fahre rasch fort. Ich will so schnell wie möglich zum Ende kommen, die Worte aussprechen, ehe ich mir selbst zuhöre und den Mut verliere. »Ich meine, ich weiß, dass es blöd klingt, aber bitte hör mir erst mal zu.«

Nickend breitet er die Hände aus und zeigt mir so, dass er nicht vorhat, mich davon abzuhalten.

»Ich dachte mir, dass … na ja, dass dieser Ort vielleicht zu wachsen begonnen hat, als nach und nach all die schlimmen Dinge passiert sind.«

»Die schlimmen Dinge?«

»Na ja, du weißt schon, zum Beispiel, dass ich Drina getötet habe.«

»Ever …«, beginnt er, begierig, es abzutun, alle Schuld auszulöschen.

Doch bevor er weitersprechen kann, habe ich schon wieder das Wort ergriffen. »Ich meine, du kommst doch jetzt schon ziemlich lange hierher, oder?«

»Seit den Sechzigerjahren.«

»Okay, gut, und in all der Zeit hast du dich hier doch sicher gründlich umgesehen, vor allem ganz am Anfang.«

Er nickt.

»Und du hast gesagt, dass du in der ganzen Zeit noch nie so etwas gesehen hast, oder?«

Er nickt abermals und seufzt, hat aber rasch einen Einwand parat. »Allerdings ist das Sommerland aber auch sehr groß. Wahrscheinlich ist es sogar unendlich. Jedenfalls habe ich noch nie irgendwelche Mauern oder Grenzen gesehen, also ist es gut möglich, dass es schon die ganze Zeit hier ist und ich es nur übersehen habe.«

Ich wende mich ab und tue so, als wäre ich nur zu gerne bereit, die Sache fallenzulassen, wenn er das auch möchte, doch ich bin nicht im Geringsten überzeugt.

Ich habe einfach das Gefühl, dass hier etwas ist, das entweder von mir verursacht worden ist oder das dazu gedacht ist, dass ich es sehe oder beides. Ich meine, das hat mich schließlich überhaupt erst an diesen Ort geführt. Ich habe das Sommerland einfach gefragt, was es mir über sich mitteilen will, und es hat mich hierher geführt. Was ich allerdings nicht weiß, ist, warum.

Hängt es irgendwie mit all den Seelen zusammen, die meinetwegen im Schattenland gelandet sind?

Lassen sie es irgendwie wachsen?

Als ob man Dünger auf Unkraut streut?

Und wenn ja, heißt das dann, dass es sich immer weiter ausbreiten und eines Tages womöglich den Rest von Sommerland überwuchern wird?

»Ever«, sagt Damen. »Wir können Nachforschungen anstellen, wenn du willst, aber es gibt eigentlich nicht viel zu sehen, oder? Es macht ganz den Eindruck, als wäre es nur immer wieder mehr vom Gleichen.«

Ich sehe mich um und will nur ungern so schnell wieder aufgeben, weiß aber dennoch nicht, was ich eigentlich suche oder wie ich meine Theorie beweisen soll. Also wende ich mich ab. Gehe wieder auf ihn zu, als ich es höre.

Das Lied.

Es kommt von hinter mir herangeweht, als würde es von einer langen, fernen Brise getragen, und doch ist es unverkennbar.

So unverkennbar wie die Stimme – die Worte – und die schaurig-eindringliche Melodie.

Und ich weiß, ohne hinzusehen, dass sie es ist.

Als ich mich umwende, sehe ich sie mit ausgestrecktem Finger dastehen, die krumme, knorrige Hand hoch erhoben, während sie singt:

Aus dem Lehm soll es aufstehen
Sich erheben in weite Traumhöhen
Genau wie du-du-du sollst auch aufstehen …

Und dieses Mal fährt sie fort und fügt weitere Zeilen hinzu, die sie definitiv nicht gesungen hat, als wir letztes Mal hier waren:

Aus den finsteren, dunklen Tiefen
Kämpft es sich ans Licht
Sehnt sich nur nach einem
Der Wahrheit!
Der Wahrheit seines Wesens
Doch wirst du es lassen?
Wirst du es wachsen, gedeihen und blühen lassen?
Oder wirst du es in den Abgrund stoßen?
Wirst du seine müde und matte Seele verbannen?

Und gerade als ich denke, es ist vorbei, macht sie etwas ganz Merkwürdiges.

Sie streckt die Arme vor sich aus und wölbt die Handflächen, als würde sie irgendeine Gabe erwarten, während auf einmal Misa und Marco hinter ihr hervortreten und sich rechts und links von ihr aufstellen.

Die beiden flankieren sie und mustern mich eindringlich, während die alte Frau in tiefer Konzentration die Augen schließt, als wollte sie etwas Spektakuläres manifestieren.

Doch ihre Mühe bringt ihr nichts weiter ein als einen Regen aus grauer Asche, der aus der Mitte ihrer Handflächen entspringt und sanft zu ihren Füßen niederfällt.

Als sie den Blick hebt, um mich anzusehen, wirkt ihre Miene bekümmert, und sie starrt mich vorwurfsvoll an.

Damen packt mich am Arm und zieht mich eilig weg. Weg von ihr. Weg von ihnen allen. Er will dieser gruseligen Szene schnellstens entfliehen.

Wir haben alle beide keine Ahnung, wer sie ist, woher sie kam oder was das Lied bedeuten soll.

Wir haben alle beide keine Ahnung, in welcher Beziehung sie zu Misa und Marco stehen könnte.

Nur eines ist klar – das Lied ist eine Warnung.

Die Worte sind dafür gedacht, dass ich sie beherzige.

Sie höre.

Sie singt weiter, mit leiser, melodischer Stimme, und ihre Worte verfolgen uns, als wir zurück zu unserem Pferd rennen.

Zurück zum Ort der Magie und des Manifestierens und allem Guten.

Zurück zur relativen Sicherheit der Erdebene, wo wir Seite an Seite an einem menschenleeren Strand landen.

Wir strecken uns im Sand aus und ringen um Atem. Versuchen, den Sinn hinter den Worten und der verstörenden Szene, deren Zeugen wir soeben geworden sind, zu erfassen.

Wir blicken in einen schwarzen, mondlosen Himmel hinauf, an dem kein einziger Stern leuchtet.

Mein Nachtstern ist verschwunden.

Und einen Moment lang überkommt mich die schreckliche, beklemmende Vorahnung, dass er nie zurückkehren wird.

Doch dann flüstert Damen meinen Namen, und seine Stimme durchdringt die Stille, durchdringt meine Gedanken.

Und als ich mich zur Seite drehe, um ihn anzuschauen, und sein Gesicht vor mir sehe, sein Blick so voller Verehrung, so liebevoll und freundlich, überkommt mich völlige Erleichterung.

Mein Nachtstern ist nicht mehr da, weil ich ihn nicht mehr brauche.

Wir beide leuchten an seiner statt.

»Das Lied ist für mich«, sage ich und spreche damit die Worte aus, von denen ich in meinem Herzen weiß, dass sie wahr sind. »Havens Tod, das verlorene Hemd … Das alles gehört zu meinem Karma. Und jetzt gibt es offenbar noch etwas, was ich tun soll.«

Damen will etwas einwenden, mich trösten, es bestreiten, um die Besorgnis von meiner Miene zu löschen.

Doch ich gebiete ihm Einhalt, indem ich ihm einen Finger auf die Lippen lege.

Ich brauche diese Worte nicht.

Wovon auch immer die alte Frau singt, ich bin bereit, mich dem zu stellen.

Aber später, nicht jetzt.

»Wir schaffen das schon«, sage ich, meine Lippen an seiner Wange, während ich ihn an mich ziehe. »Zusammen schaffen wir alles. Aber zuerst …« Meine Lippen treffen auf seine, und ich genieße das weiche, warme Beinahe-Gefühl, sie zu spüren. »Zuerst lass uns einfach dafür dankbar sein.«