VIERUNDZWANZIG

Ich sehe Jude flehend an, damit er wegläuft und sich versteckt, tut, was immer nötig ist, um vor ihr zu flüchten. Ich weiß, wir haben nur eine, höchstens zwei Sekunden Zeit, ehe sie auf uns losgeht – ehe es zu spät für ihn ist, um zu verschwinden.

Und obwohl ich absolut nicht scherze, obwohl ich ihm einen Blick zuwerfe, der ihm sagt, dass ich es hundertprozentig ernst meine, rührt er sich nicht vom Fleck. Er bleibt hinter dem Ladentisch stehen, hinter mir, weil er irrtümlicherweise annimmt, unser kurzer, kaum vollzogener Kuss würde ihn irgendwie dazu verpflichten, dazubleiben und mich zu beschützen.

Haven hat bereits den Raum durchquert und baut sich mit wildem, wahnsinnigem Blick und völlig außer Kontrolle vor uns auf.

Ich stelle mich schützend vor Jude, während sie lächelt, sich langsam mit der Zungenspitze über die Lippen fährt und mir über die Schulter späht. »Tu dir selbst einen Gefallen und hör nicht auf Ever. Du bist wesentlich besser dran, wenn du genau da bleibst, wo du bist. Du kannst mir nie entkommen, ganz egal, wie sehr du dich auch bemühst. Außerdem brauchst du deine Energie dringend für später.«

Sie macht einen schnellen Schritt nach rechts, als wollte sie um mich herumfassen und ihn sich schnappen, doch ich stelle mich ihr in den Weg. Aus schmalen Augen fixiere ich sie und muss an unsere unselige Begegnung auf dem Schulklo denken, als sie mich in der Hand hatte und gegen meinen Willen an die Wand klatschen konnte, und wenn ich ihr schon kaum gewachsen bin, wird Jude es niemals überleben.

»Tut mir leid, dass ich eure kleine Knutscherei unterbrochen habe.« Sie lacht, und ihre rot geränderten Augen sehen hektisch zwischen uns hin und her. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass ihr zwei in der Richtung weitermachen wolltet. « Sie greift nach mir und bohrt mir die scharfe Spitze ihres langen, blau lackierten Nagels in die Schulter, ehe sie wieder zurückweicht. Die eisige Kälte ihrer Energie brennt noch lange, auch wenn nicht zu übersehen ist, welche Anstrengung es sie gekostet hat, das Zittern ihrer Hand auf ein Minimum zu reduzieren.

Sie legt den Kopf schief, packt eine dicke Haarsträhne, die über ihre Schulter wallt, und dreht sie immer wieder um ihren erhobenen Zeigefinger, während sie den Blick nicht von Jude nimmt. »Bevor du dich allzu sehr darüber freust, dass du sie küssen durftest, solltest du wissen, dass Ever dir nur erlaubt hat, ihr so nahezukommen, weil Damen sie wegen Stacia verlassen hat. Mal wieder.« Sie schüttelt den Kopf, schürzt die Lippen und sieht zwischen ihm und mir hin und her. »Na ja, ich schätze, sie sucht eben sozusagen jemanden, auf den sie zurückgreifen kann, du weißt schon.«

Ich sehe rasch zu Jude hinüber und hoffe, dass er nicht wirklich auf das hört, was sie sagt, und sie nicht ernst nimmt, doch sein Blick ist so umwölkt, so undurchschaubar, dass er fast unmöglich zu deuten ist.

»Wirst du es nie leid?« Sie lässt die Haarsträhne los, um stattdessen die unzähligen Ringe zu bewundern, die sie an jedem Finger trägt. »Ich meine, dass Ever dich seit jeher als Schulter zum Ausweinen benutzt und dich die Drecksarbeit für sie erledigen lässt? Also, ganz im Ernst, wenn du mal darüber nachdenkst, ist ein Kuss ja wohl so ziemlich das Mindeste, was sie dir gönnen kann, da sie doch der Hauptgrund dafür ist, dass dein Leben ein so tragisch frühes Ende nehmen muss.«

Doch obwohl sie offenbar ewig weiterreden und die Sache so lange hinauszögern könnte, wie es ihr passt, habe ich genug gehört. Jude hat genug gehört. Und ich will nicht, dass er sich von ihr ablenken lässt oder dass er ihr womöglich am Ende noch glaubt.

»Was willst du?« Ich atme ganz ruhig, finde meine Mitte und bereite mich auf das vor, was sie mit uns vorhat.

»Oh, ich glaube, das weißt du.« In ihren Augen blitzen die Iriden, die einst ein wunderschöner Wirbel aus Bronze- und Goldtönen waren, die nun aber dunkel, düster und voller roter Flecken sind. »Ich denke, das habe ich ausreichend klargemacht.« Sie grinst. »Ich kann mich nur nicht entscheiden, wen von euch ich als Ersten umbringe. Vielleicht kannst du mir ja dabei helfen. Was wäre dir denn lieber – du oder Jude?«

Ich halte ihrem Blick stand und tue, was ich kann, um Judes immer aufgewühltere Energie zu besänftigen, während ich ihre Aufmerksamkeit und ihre Wut auf mich ziehe. »Das ist also alles? Dein großer Plan, dein großer, beängstigender Schachzug, den du schon seit – wie lange, Wochen, Monaten – androhst?« Ich hebe die Schultern, als wäre es die Sache kaum wert, sich daran zu erinnern. »Das soll sich also alles in einer kleinen Buchhandlung abspielen?« Ich schüttele den Kopf, als könnte ich über ihre spießige Ortswahl nicht enttäuschter sein. »Ich muss schon sagen, Haven, das wundert mich ein bisschen. Ich meine, ich hätte echt gedacht, dass du dir etwas mit wesentlich mehr Dramatik und Flair aussuchst. Du weißt schon, ein kühner Überraschungsschlag in einem überfüllten Einkaufszentrum oder so was. Aber andererseits siehst du ein bisschen – was war noch das Wort, das Roman immer gebraucht hat?« Ich kneife die Lider zusammen, als müsste ich wirklich angestrengt nachdenken, und schlage mir sogar noch demonstrativ an die Stirn, ehe ich weiterrede. »Ach ja, genau – ausgehungert. Du siehst zurzeit ein bisschen ausgehungert aus.« Ich sehe sie an. »Du weißt schon, ausgepowert, müde, ein bisschen nervös sogar. Als bräuchtest du dringend was Nahrhaftes zu essen – und ja, vielleicht auch einfach mal eine Umarmung.«

Sie mustert uns finster und verdreht grollend die Augen, bevor sie einen unsicheren Schritt auf mich zumacht. »Oh, ich hatte jede Menge Umarmungen in letzter Zeit, mach dir da mal keine Sorgen. Und falls ich noch eine brauchen sollte, kann ich jederzeit eine von Jude kriegen.« Sie grinst ihn anzüglich an, mit so gruseligem Gesicht und so raubtierhaftem Blick, dass ich spüre, wie sich seine Energie hinter mir verkrampft. »Ach, und was den Mangel an Dramatik und Flair angeht, mach dir auch darüber keine Sorgen, Ever, davon wird es mehr als genug geben. Außerdem ist es nicht die Kulisse, die den Ausschlag gibt, sondern die Szene, die davor gespielt wird. Und obwohl ich den Clou nicht verraten werde, weil es ja wirklich viel mehr Spaß macht, dich zu überraschen, sagen wir einfach, dass ich dich auf jeden Fall für all die schrecklichen Gemeinheiten büßen lasse, die du mir angetan hast, einschließlich deiner letzten …«

Ich blinzele und habe keine Ahnung, worauf sie hinauswill.

Doch sie funkelt mich nur an. »Ja, da hast du’s. Glaubst du etwa, ich weiß nicht, dass du in mein Haus eingebrochen bist und mein Elixier gestohlen hast?«

Ich sehe sie an, schockiert darüber, dass sie überhaupt auf die Idee kommt, das könnte ich gewesen sein.

»Glaubst du vielleicht, ich habe keinen Überblick über meine Vorräte?« Sie hebt empört die Stimme. »Glaubst du, ein fast leerer Kühlschrank würde mir nicht auffallen? Hältst du mich für schwachsinnig?« Sie schüttelt den Kopf. »Es liegt ja auf der Hand, warum du das getan hast. Du bildest dir ein, mir auf die Art ebenbürtig werden zu können. Aber stell dir vor, Ever, du wirst mir nie ebenbürtig sein. Niemals. Auch nicht, wenn du mein Elixier trinkst.«

»Warum soll ich dein Elixier trinken, wenn ich mein eigenes habe?« Ich spüre, dass Jude noch immer hinter mir steht, spüre, wie er die Muskeln anspannt und seine Energie zu schwanken beginnt, zwei sehr schlechte Anzeichen dafür, dass er irgendetwas Dummes plant, das ich ihn nicht durchführen lassen darf.

Ich versetze ihm einen Schubs nach hinten, darauf bedacht, es vor Haven zu verbergen, aber dennoch mit so viel Wucht, um ihm hoffentlich klarzumachen, dass er sich zurückhalten und mich die Sache regeln lassen soll.

»Sieh’s doch ein, Ever.« Sie schaut mir kurz in die Augen, während ihre Gliedmaßen zu schlottern beginnen. »Meins ist besser, stärker und deinem haushoch überlegen. Aber es wird dir trotzdem nichts helfen, ganz egal, wie viel du trinkst, du wirst dich nie mit mir messen können.«

»Warum sollte ich das wollen, wenn es dich so hat werden lassen?«, sage ich mit verächtlichem, schneidendem Tonfall. »Ehrlich, Haven, schau dich doch an.« Ich zeige auf ihre blutunterlaufenen Augen, die zuckenden Finger und das beängstigend bleiche Gesicht. Mit dem Finger ziehe ich eine Linie über ihren ganzen abgemagerten Körper nach unten und wieder nach oben. Und plötzlich, nachdem ich sie richtig angesehen habe, begreife ich, dass ich das nicht fortführen kann. Dass ich das nicht durchziehen kann, ganz egal, womit sie auch droht.

Das hier ist Haven.

Meine alte Freundin Haven.

Die Haven, mit der ich meine Zeit verbracht und herumgealbert habe. Die Einzige außer Miles, die mich an meinem allerersten Tag neben sich hat sitzen lassen.

Sie steckt eindeutig in Schwierigkeiten, braucht dringend Hilfe, und es ist meine Aufgabe, irgendwie an sie heranzukommen, ihr zu helfen und sie von ihrem Vorhaben abzubringen, ehe es zu spät ist und ich sie für immer verliere.

»Haven, bitte.« Ich halte ihr die offenen Handflächen entgegen und lasse sowohl meinen Blick als auch meinen Tonfall weicher werden. Ich will ihr klarmachen, dass ich umgeschaltet habe, dass ich es ehrlich meine und ihr nichts Böses will. »Es muss doch nicht so laufen. Du musst das nicht tun. Wir können auf der Stelle aufhören, jetzt sofort. Was du vorhast, wird nur in einer schrecklichen Tragödie enden und alles noch schlimmer machen. Also denk bitte, bitte wenigstens darüber nach.«

Ich hole tief Luft und fülle mich mit so viel Licht, wie ich nur fassen kann, bevor ich langsam ausatme und es zu ihr hinüberschicke. Ich hülle sie in weiche, beruhigende Wogen aus grüner Heilenergie, sehe zu, wie sie sich um sie legt und versucht, in sie einzudringen, nur um augenblicklich zurückzuprallen – abgewiesen von ihrer hasserfüllten, wutschnaubenden äußeren Hülle.

»Es ist noch nicht zu spät für einen Waffenstillstand«, sage ich mit ruhiger, fester Stimme, als müsste ich sie von einem Fenstervorsprung herunterbetteln, wobei ich hoffe, dass ich damit auch Jude beruhigen und daran hindern kann, sich in was weiß ich für einem selbstmörderischen Plan auf sie zu stürzen. »Du siehst nicht besonders gut aus. Du hast völlig die Kontrolle verloren. Lass dir das von jemandem gesagt sein, der das auch schon durchgemacht hat; es muss nicht so sein, es gibt einen Ausweg, und ich würde dir wirklich gern dabei helfen, ihn zu finden, wenn du mich lässt.«

Trotz meiner vernünftigen, beruhigenden Worte lacht sie mir ins Gesicht. Ein hartes, aggressives Geräusch. Ihr Blick jagt unstet umher, außer Stande, zur Ruhe zu kommen. »Du? Mir helfen? Bitte.« Sie verdreht die Augen und wackelt mit dem Kopf. »Wann hast du mir jemals geholfen? Du hast mir immer nur etwas genommen. Wieder und wieder. Aber mir helfen? Na klar. Du machst wohl Witze.«

»Gut.« Ich zucke die Achseln, entschlossen, zu ihr durchzudringen und sie daran zu hindern, sich selbst zu zerstören. »Wenn du das Gefühl hast, mir nicht vertrauen zu können, dann lass dir von jemand anders helfen. Du hast immer noch eine Familie, weißt du. Du hast immer noch Freunde. Echte Freunde. Menschen, die dich mögen, im Gegensatz zu denen, die du dazu manipuliert hast, deine Freunde zu sein.«

Sie sieht mich hektisch blinzelnd an und schwankt kaum merklich hin und her. Unsanft fährt sie mit der Hand tief in ihre Tasche und wühlt nach ihrem Elixier, doch sie findet nur mehr und mehr leergetrunkene Flaschen, die sie links und rechts von sich wirft.

Jetzt weiß ich, dass ich schnell sein, schnell zur Sache kommen muss. Wir haben nicht mehr viel Zeit, sie kann jede Sekunde explodieren. Hektisch beginne ich zu sprechen. »Wie wär’s mit Miles – er wäre nur zu gern bereit, dir zu helfen. Und dein kleiner Bruder Austin, er sieht total zu dir auf, er hängt unheimlich an dir. Mann, ich wette, sogar Josh ist nach wie vor verrückt nach dir. Hast du mir nicht erzählt, dass er dir sogar einen Song geschrieben hat, um dich zurückzugewinnen? Also, von daher bezweifele ich doch sehr, dass er dich schon vergessen hat. Er wäre garantiert im Handumdrehen da, wenn du ihn anrufen würdest. Und …« Ich will gerade ihre Eltern erwähnen, aber ebenso rasch verkneife ich es mir. Sie sind nie wirklich für sie da gewesen, und das macht auch einen großen Teil der Gründe dafür aus, warum wir jetzt hier stehen.

Doch ich zögere zu lange, lange genug für sie, um mich böse anzufunkeln und mir ins Wort zu fallen. »Und wer, Ever? Wen willst du noch zu dieser Liste hinzufügen? Die Haushälterin?« Sie verdreht kopfschüttelnd die Augen. »Tut mir leid, aber darüber sind wir längst hinaus. Du hast mir den einzigen Menschen genommen, der mir je wirklich wichtig war, den einzigen Menschen, der das Gleiche für mich empfand. Und dafür wirst du jetzt bezahlen. Ihr werdet beide dafür bezahlen. Denn täuscht euch nicht, keiner von euch kommt hier anders raus als in einem Leichensack! Oder, in deinem Fall, Ever, in einer Mülltonne.«

»Das bringt ihn nicht zurück.« Doch meine Worte kommen zu spät. Ich habe sie verloren. Sie ist weit weg und hört nicht mehr zu. Sie ist bereits tief in die finstersten Abgründe ihres gestörten Geistes abgetaucht.

Das sehe ich daran, wie ihr Blick verschwimmt, daran, wie ihr ganzer Körper ruhig wird, während sie sich auf die lodernde Wut einstimmt, die in ihr tobt.

Ich sehe es daran, wie die Wände zu wackeln beginnen.

Daran, wie die Bücher aus den Regalen fallen.

Daran, wie mehrere Engelsfiguren durch den Raum segeln, gegen die Wände prallen und krachend zu Boden stürzen.

Ich dringe nicht zu ihr durch.

Es gibt kein Zurück.

Sie steht mit flammendem Blick vor mir, und ihre Haare sträuben sich, während ihr gesamter Körper vor Wut bebt. Mit geballten Fäusten stellt sie sich auf die Zehenspitzen und greift nach Jude.

Und ich will sagen: Renn davon!

Will sagen: Stell dir das Portal vor und dann verschwinde verdammt noch mal von hier!

Doch noch ehe ich die Worte aussprechen kann, ist er schon hinter mir hervorgehechtet.

Schon auf sie losgegangen.

Hat unüberlegt seinen Plan umgesetzt, mich auf seine Kosten zu beschützen.

Als ich nach ihm greife, um ihn schnellstens an weiteren unüberlegten Handlungen zu hindern, fasst Haven nach mir.

Sie reißt mir das Amulett vom Hals und sieht mich mit verzerrter Miene und glühenden Augen an. »So, Ever«, sagt sie grinsend, »und wie willst du dich jetzt verteidigen?«