SECHZEHN

Am Montag schwänze ich erneut die Schule, damit ich zu Linas Trauerfeier gehen kann.

Doch das ist bloß eine Ausrede. Ich hätte ohnehin geschwänzt.

Trotz der Behauptung von Mr. Muñoz, dass ein Abschlusszeugnis mir zu einer schöneren, sichereren, strahlenderen Zukunft verhelfen kann, bin ich da leider anderer Meinung.

Vielleicht hilft es normalen Leuten, wenn sie so ein Zeugnis bei Bewerbungen an Colleges oder bei potenziellen Arbeitgebern vorlegen können, aber all das bedeutet mir nichts. Obwohl es noch vor einer Woche auch für mich wichtig war, erkenne ich jetzt meinen Irrtum. Ich habe nämlich die offenkundige Tatsache geleugnet, dass es sinnlos ist, den normalen Gang der Dinge einzuhalten, weil ich ein Leben – und eine Zukunft – habe, das alles andere als das ist.

Und es ist höchste Zeit, sich nichts mehr vorzumachen.

Und ja, wenn ich schon ganz ehrlich sein soll, dann muss ich auch zugeben, dass Damen bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt hat – wenn nicht sogar die ausschlaggebende. Es ist nämlich so, dass ich einfach noch nicht bereit bin, mich ihm zu stellen. Noch nicht. Vielleicht eines Tages, vielleicht schon bald, doch im Moment hat es den Anschein, als läge dieser Tag in weiter Ferne.

Ich muss ihm allerdings zugutehalten, dass er damit völlig einverstanden ist. Er lässt mir jede Menge Zeit und Raum, um mir selbst über alles klar zu werden. Die gelegentlich manifestierte rote Tulpe, die aus dem Nichts erscheint, ist seine einzige Einmischung und dient als sanfte Erinnerung an die Liebe, die uns einst verband.

Die uns noch immer verbindet.

Glaube ich.

Ich drehe an der Kappe meiner Flasche und sehe mich im Wohnzimmer um, auf der Suche nach wenigstens einem vertrauten Gesicht in einer sehr großen Menschenmenge. Jude zufolge hatte Lina keinen Mangel an Freunden, und soweit ich sehe, stimmt das. Was er allerdings nicht erwähnt hat, ist, wie verschieden sie alle sind. Ich meine, so gern ich auch hier lebe, Laguna Beach ist nicht gerade bekannt dafür, ein Schmelztiegel zu sein, und trotzdem ist jede Ethnie hier vertreten, die man sich nur denken kann. Aus den zahlreichen Akzenten, die um mich herum ertönen, schließe ich, dass viele von weither gekommen sind, um sich von Lina zu verabschieden.

Ich bleibe weiterhin einfach stehen, lasse verlegen die Wasserflasche baumeln und überlege, wie ich Jude finden könnte, um ihm zu sagen, dass ich gehe, oder ob ich der Höflichkeit halber noch ein bisschen dableiben soll, als mir Ava von der anderen Seite des Zimmers zuwinkt. In Gedanken überschlage ich, wie lange es her ist, dass wir uns zum letzten Mal gesprochen haben, da kommt sie schon auf mich zu, und ich frage mich, ob sie auch zu den Leuten gehört, die sich von mir im Stich gelassen fühlen.

»Ever.« Sie lächelt und nimmt mich kurz und herzlich in die Arme. Ihre mit vielen Ringen geschmückten Finger umfassen immer noch meine Arme, ihre großen braunen Augen blicken forschend in meine, ehe sie sich schließlich wieder losmacht. »Du siehst gut aus«, sagt sie und lacht ein leichtes, perlendes Lachen. »Aber das tust du ja immer, nicht wahr?«

Ich sehe auf das lange, violette Kleid herab, das ich extra für diese Gelegenheit entworfen und manifestiert habe, da Jude streng verboten hat, Schwarz zu tragen. Er hat behauptet, es wäre Lina ein Gräuel gewesen, eine Gruppe von Leuten zu sehen, die alle die gleiche deprimierende Farbe tragen. Sie wollte nicht, dass die Leute ihr Leben betrauerten, sondern sie sollten es stattdessen feiern. Und da Lila ihre Lieblingsfarbe war, wurden wir gebeten, in einer Schattierung davon zu erscheinen.

»Und, ist sie hier?«, frage ich, während Ava die Augen aufreißt und sich das wellige, kastanienbraune Haar hinter die Ohren steckt. Ihre gesamte Miene verändert sich, da sie das Schlimmste vermutet, nämlich dass ich Haven meine. »Lina«, sage ich, ehe sie sich total hineinsteigert. Haven ist das Letzte, worüber ich hier sprechen will. »Ich habe Lina gemeint. Hast du sie gesehen?« Ich betrachte den Anhänger aus Zitrin, den sie immer trägt, die bestickte violette Baumwolltunika, die enge weiße Jeans und die schicken goldenen Sandalen an ihren Füßen, ehe ich ihr wieder in die Augen schaue. »Du weißt, ich kann diejenigen nicht sehen, die übergetreten sind, ich kann nur die sehen, die noch dazwischen verweilen.«

»Versuchst du eigentlich je, mit ihnen zu sprechen, sie zu überreden, weiterzuziehen?« Sie schiebt den Riemen ihrer lila Umhängetasche ein Stück weiter die Schulter hinauf.

Ich sehe sie an, als wäre sie verrückt geworden, denn das wäre mir niemals eingefallen. Es hat mich so viel Zeit gekostet zu lernen, sie zu ignorieren, sie auszublenden, dass ich nicht im Traum darauf käme, sie jetzt wieder herbeizuholen. Außerdem habe ich genug eigene Probleme, da hätte es mir gerade noch gefehlt, mich mit einem Haufen irregeleiteter Geister einzulassen.

Doch Ava lacht nur und lässt den Blick durch den Raum schweifen. »Glaub mir, Ever, sie finden alle den Weg zu ihren eigenen Trauerfeiern. Der Geist, der da widerstehen konnte, ist mir noch nicht begegnet! Die Gelegenheit zu sehen, wer erscheint, wer was sagt, wer was anhat und wer wirklich trauert, im Gegensatz zu denjenigen, die nur heucheln, ist enorm verführerisch.«

»Trauerst du wirklich?«, frage ich, wobei ich es gar nicht so meine, wie es klingt, als ob sie etwa heucheln würde oder so. Ich meine, ich bin in erster Linie hier, um Jude zu unterstützen und eine Frau zu ehren, die so nett war, mir zu einer Zeit beizustehen, als ich es wirklich nötig hatte. Doch obwohl ich weiß, dass Lina Avas Arbeitgeberin war, habe ich keine Ahnung, ob die Beziehung tiefer ging und sie richtig befreundet waren.

»Wenn du mich fragst, ob ich den Verlust einer freundlichen, großzügigen, mitfühlenden, wachen Seele betrauere«, sie sieht mich unverwandt an, »dann ist die Antwort Ja, natürlich, warum auch nicht? Aber wenn du fragst, ob ich mehr ihretwegen oder mehr meinetwegen trauere, dann lautet die Antwort leider Nein. Der größte Teil meiner Trauer ist rein egoistisch.«

»Genau das hat Jude auch gesagt«, murmele ich wehmütig, während ich mich umsehe und ihn zu erspähen suche.

Ava nickt und wirft sich ihre Lockenpracht über die Schultern. »Und als du deine Familie verloren hast, um wen hast du da am meisten getrauert?«

Ich sehe sie an, überrascht von der Frage. Und obwohl ich sagen will, dass ich um meine Eltern, um Buttercup und um Rileys geplatzten Traum davon, dreizehn zu werden und ein richtiger Teenager zu sein, unendlich getrauert habe, kann ich es nicht. Es ist einfach nicht wahr. Obwohl ich ihren Verlust auf ganz furchtbare, intensive, herzzerreißende Art gespürt habe, muss ich zugeben, dass der größte Teil meiner Trauer der Tatsache galt, dass ich allein zurückgeblieben war, während sie alle weitergezogen sind – weg von mir.

»Na, egal«, sagt Ava achselzuckend. »Um auf deine ursprüngliche Frage zurückzukommen, ja, ich habe sie gesehen. Es war kurz, eigentlich nur eine Sekunde lang, aber Mann, war das schön.« Sie lächelt, ihre Miene heitert sich auf, die Wangen laufen rosig an, und ihre Augen glänzen angesichts der Erinnerung. Ich will gerade ein bisschen genauer nachfragen, da spricht sie schon weiter. »Es war genau in dem Moment, als Jude aufgestanden ist und zu reden angefangen hat. Erinnerst du dich, wie er ins Stocken geraten ist und nicht mehr weiterreden konnte? Wie ihm die Stimme brach und er einen Moment lang innehalten musste, bevor er fortfahren konnte?«

Ich nicke. Das weiß ich noch genau. Und auch, dass mir das Mitgefühl mit ihm in diesem Moment fast das Herz gebrochen hätte.

»Tja, genau da ist sie direkt hinter ihm erschienen und ein bisschen über ihm geschwebt. Sie hat ihm die Hände auf die Schultern gelegt, die Augen zugemacht und ihn mit einer wunderschönen Blase aus Liebe und Licht umgeben. Und ich sage dir, kaum eine Sekunde später war er wieder in der Spur und konnte seine Lobrede ohne Probleme fortsetzen, während sie verschwand.«

Ich versuche, mir vorzustellen, wie das ausgesehen haben mag, und wünschte, ich hätte es selbst sehen können. »Glaubst du, dass er ihre Anwesenheit tatsächlich gespürt hat?«, frage ich Ava. »Ich meine, offenbar muss er es ja gemerkt haben, weil es ihm geholfen hat, weiterzureden, aber glaubst du, dass es ihm bewusst war? Glaubst du, er wusste, dass sie es war, die ihm geholfen hat, die Rede zu Ende zu führen?«

Ava zuckt erneut mit den Schultern und tritt durch die Glastüren auf den Grasstreifen, wo Jude steht und mit einem Grüppchen von Linas Freunden spricht. Die langen Haare fallen ihm über den Rücken und über die Ärmel seines violetten T-Shirts, auf dessen Vorderseite das Bild einer mir vage bekannt vorkommenden Hindu-Gottheit aufgedruckt ist.

»Warum fragst du ihn nicht selbst?«, meint sie. »Ich habe gehört, ihr zwei seid euch in letzter Zeit viel nähergekommen. «

Ich stutze und frage mich, ob sie das wirklich so gemeint hat, wie ich vermute, und wer sie wohl davon unterrichtet haben könnte.

»Tja, offenbar hast du die Schule geschwänzt, um im Laden aushelfen zu können, obwohl ich deutlich – und zwar immer wieder – gesagt habe, dass ich jederzeit mit Freuden einspringe. Und dann ist da noch die Tatsache, dass Damen zurzeit ziemlich trübsinnig wirkt – zumindest hatte ich den Eindruck bei den wenigen Malen, die ich ihn gesehen habe, und die Zwillinge haben es außerdem bestätigt. Sie sehen ihn ja viel öfter als ich, weißt du. Er schleppt sie andauernd ins Kino, auf die Gokartbahn, zum Shoppen ins Fashion Island oder zu den Wasserfahrgeschäften in Disneyland – mittlerweile haben sie so ungefähr jede Attraktion von Orange County durch, die man sich denken kann, und das mindestens zweimal. Und auch wenn es den beiden noch so viel Spaß macht und das alles noch so lieb und großzügig von ihm ist, muss man weiß Gott nicht tief graben, um zu begreifen, was hinter diesem plötzlichen Ausbruch von Nächstenliebe steckt.« Sie hält inne und sieht mich an. »Er sucht eindeutig nach Ablenkung. Bemüht sich verzweifelt darum, ständig beschäftigt zu sein, damit er nicht über dich und die Tatsache nachgrübeln muss, dass du nicht mehr so wie früher für ihn da bist.«

Meine Schultern sacken nach unten, alles an mir sackt nach unten, und ich muss daran denken, dass mein altes Ich jetzt ganz schön wütend geworden wäre und irgendein lächerliches Argument zu meiner Verteidigung angeführt hätte, oder sie zumindest unterbrochen hätte, ehe sie dazu gekommen wäre, all das auszusprechen.

Doch ich bin nicht mehr diese Person. Ganz zu schweigen davon, dass alles, was sie gerade gesagt hat, wahr ist.

Ich habe Damen traurig gemacht.

Und einsam.

Und begierig nach Ablenkung.

Und das lässt sich nicht leugnen.

Aber so einfach ist es nun auch wieder nicht. Es steckt noch wesentlich mehr dahinter, und ich bezweifle, dass ihr das überhaupt klar ist.

Doch wie sie gesagt hat, bin ich Jude tatsächlich nähergekommen. Allerdings nicht in romantischem Sinne, wie sie vermutet.

Während zweifellos eine unleugbare Anziehung zwischen uns besteht, die uns auf ewig zu verbinden scheint, ist es ironischerweise diesmal Jude, der auf die Bremse tritt. Womit er unmissverständlich klarmacht, dass er keinerlei Interesse daran hat, mich nur vorübergehend für sich zu gewinnen.

Er will mich richtig haben.

Er will mich für immer.

Er will sichergehen, dass ich eine klare Trennung von Damen und von allem, was uns verbindet, vollzogen habe.

Will, dass ich aus Überzeugung auf ihn zugehe, ohne einen einzigen Blick zurück auf das, was ich einst hatte.

Erklärt, dass er die Art von Liebeskummer nicht noch einmal ertragen kann.

Und dass es dadurch, dass es im Lauf der Jahrhunderte schon öfter passiert ist, nicht leichter wird.

Doch da ich ihm das jetzt noch nicht geben kann – trotz allem, was er mir über unser früheres Leben in den Südstaaten erzählt und womit er meine schlimmsten Vermutungen bestätigt hat, nämlich dass Damen mich gekauft, aus meiner Familie herausgerissen und jeglichen Kontakt zu ihnen abgebrochen hat, damit er mich für sich allein hatte. Das kann ich noch immer nicht an mich heranlassen.

Selbst nachdem er alles Weitere enthüllt hatte – dass er, kurz nachdem Damen mich mitgenommen hatte, zusammen mit meiner Familie bei einem schrecklichen Feuer ums Leben kam, dem sie nie ausgesetzt gewesen wären, wenn sich Damen die Mühe gemacht hätte, sie zu retten. Was mehrere tragische Todesfälle zur Folge hatte, für die es eigentlich keine Entschuldigung gibt.

Ich meine, wenn man seinen immensen Reichtum und seine gewaltigen Kräfte in Betracht zieht, dann ist eine solche Handlung, ein so eiskaltes, berechnendes und herzloses Verhalten seinerseits, das in einer solchen Tragödie geendet hat, einfach völlig unverzeihlich.

Trotzdem bin ich noch nicht bereit, ihn aufzugeben.

Allerdings auch noch nicht bereit, ihn wiederzusehen.

Jedenfalls habe ich nicht vor, Ava irgendetwas davon anzuvertrauen, und so schüttele ich einfach nur den Kopf. »Es steckt wesentlich mehr dahinter«, sage ich und sehe ihr direkt in die Augen.

Sie nickt, fasst nach meiner Hand und drückt sie sanft. »Das bezweifle ich nicht, Ever. Ganz und gar nicht.« Sie hält inne und vergewissert sich, dass sie meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat, ehe sie fortfährt. »Aber pass auf, dass du nichts überstürzt. Nimm dir die Zeit, tief zu graben und alles wirklich durchzudenken. Und wenn du ins Zweifeln kommst, tja, du kennst ja mein bevorzugtes Heilmittel …«

»Meditation«, murmele ich lachend und verdrehe die Augen, dankbar für den Lichtstrahl, den sie auch in den finstersten Zeiten immer zuverlässig liefert. Als sie sich gerade entfernen will, ziehe ich sie zu mir zurück. Ich bin noch nicht bereit, mich schon jetzt von ihr zu trennen und sehe ihr fast flehend in die Augen. »Ava, weißt du was?«, sage ich. Ich packe sie fest am Arm und sehne mich auf einmal verzweifelt nach ihrem Rat, nach ein paar erhellenden Worten. »Weißt du irgendwas darüber? Über Damen, Jude und mich? Darüber, wen ich wählen soll?«

Sie sieht mich mit teilnahmsvoller Miene an, schüttelt aber trotzdem langsam den Kopf. Eine kastanienbraune Locke fällt ihr über die Stirn und verdeckt einen Moment lang ihre Augen, ehe sie die Haare wieder zurückstreicht. »Ich fürchte, das ist deine Reise, Ever«, sagt sie. »Deine und nur deine. Nur du kannst herausfinden, welchen Weg du einschlagen musst. Ich stehe dir bloß freundschaftlich zur Seite.«