ZWÖLF
Schnell lange ich über den Ladentisch. So schnell, dass Miles mich nicht aufhalten kann. Er ahnt nicht, was auf ihn zukommt. Ich knalle sein Handgelenk unsanft auf das Glas, brutaler als geplant, und lege meine Hand so über seine, dass seine Handfläche plan aufliegt und er völlig hilflos ist. Nur vage registriere ich seinen Widerstand, wie er sich windet und versucht, freizukommen.
Doch es ist zwecklos.
Sein Ringen geht mehr oder weniger an mir vorbei. Es ist nicht einmal ein Blinken auf meinem Bildschirm.
Wenn es um rohe Gewalt geht, kann sich niemand mit mir messen.
Als er das endlich begreift, stöhnt er tief auf und fügt sich, indem er seinen Geist öffnet und sich dem ergibt, was ich jetzt von ihm will.
Ich schlüpfe in seinen Kopf, locker und geschmeidig, gönne mir einen Moment, um mich zu orientieren und mich kurz umzusehen, ehe ich sämtliche belanglosen Gedanken ausblende und mich auf genau die Szene konzentriere, deretwegen ich hier eingedrungen bin.
Ich sehe Miles in Damens Wagen steigen, zuerst ganz lässig und fröhlich, voller Vorfreude auf eine Mittagspause außerhalb der Schule, ehe er sich mit weit aufgerissenen Augen und panischer Miene in Todesangst am Sitz festklammert, als Damen aus dem Schulparkplatz und weiter auf die Straße rast.
Offen gestanden, weiß ich gar nicht, was mich mehr verwundert – das, was Damen zu tun im Begriff ist, oder dass er nach wie vor sein Versprechen hält, zur Schule zu gehen und alle seine Stunden zu besuchen, obwohl ich meine hemmungslos sausen lasse.
»Keine Angst«, sagt Damen, wirft Miles einen Blick zu und verzieht das Gesicht zu einem Lächeln. »Du bist absolut sicher. Das kann ich dir fast garantieren.«
»Fast?« Miles zuckt zusammen, die Schultern nach vorn gesunken, die Augen zu Schlitzen verengt, während Damen an einer langen Reihe von Autos vorbeiprescht, die alle erheblich langsamer fahren als er mit seinem Höllentempo. Vorsichtig riskiert Miles einen kurzen Blick auf seinen Fahrer. »Tja, wenigstens weiß ich jetzt, wo du das herhast – du fährst genauso verrückt wie alle anderen in Italien!« Er schüttelt den Kopf und zuckt erneut zusammen.
Was Damen nur veranlasst, noch lauter zu lachen.
Allein dieses Geräusch lässt mein Herz in einer Weise anschwellen, die ich kaum aushalte.
Ich vermisse ihn.
Das kann ich nicht leugnen.
Ihn so zu sehen – mit der Sonne in seinem Haar, den starken, geschickten Händen, die das Lenkrad umfassen – all das macht mir klar, wie leer mein Leben ohne ihn ist.
Doch dann, ebenso rasch, halte ich inne und rufe mir all die Gründe in Erinnerung, warum ich getan habe, was ich getan habe. Es gibt noch so vieles über unsere früheren gemeinsamen Leben zu ergründen, so viele Dinge, die ich wissen muss, ehe wir weitermachen können.
Ich blinzele alles weg, entschlossen, all das hinter mir zu lassen, während ich weiter zuschaue.
Ich sehe Damen am Shake Shack halten, wo er Miles einen Kaffee-Shake mit zerkrümelten Oreo-Keksen darin kauft, ehe er ihn zu einer dieser blau lackierten Bänke führt, genau derselben, auf der er und ich einst gesessen haben. Einen Moment lang lässt er den Blick über den schönen Strand weiter unten streifen, über die bunten Sonnenschirme, die aussehen wie riesige, auf den Sand gesteckte Tupfen, über ein Grüppchen Surfer, das auf die nächste hohe Welle wartet, und eine Schar Seemöwen am Himmel über ihnen. Dann wendet er sich wieder Miles zu, der ruhig seinen Shake schlürft und darauf wartet, dass Damen beginnt.
»Ich bin unsterblich«, sagt er und sieht Miles unverwandt an.
Er wirft einfach den ersten Ball, ohne Aufwärmen, ohne Torwart. Er wirft ihn weit hinaus ins Feld mit geduldiger Miene und lässt Miles jede Menge Zeit, um aufzustehen und ins Spiel einzugreifen.
Miles verschluckt sich, spuckt den Strohhalm aus und fährt sich mit dem Ärmel über den Mund, bevor er Damen anstarrt und sagt: »Scusa?«
Damen lacht, und ich weiß nicht, ob das Miles’ Versuch zuzuschreiben ist, Italienisch zu sprechen, oder Miles’ theatralischer Geste, es hinauszuzögern und so zu tun, als hätte er nicht gehört, was er ganz eindeutig gehört hat. Trotzdem hält Damen den Blickkontakt aufrecht. »Deine Ohren haben dich nicht getrogen«, sagt er. »Es ist so, wie ich gesagt habe. Ich bin unsterblich. Ich ziehe schon seit über sechshundert Jahren über diese Erde, und bis vor Kurzem taten Drina und Roman das auch.«
Miles gafft ihn schockiert an. Er hat seinen Kaffee-Shake total vergessen, lässt den Blick über Damen schweifen und versucht, schlau aus dem Ganzen zu werden und alles zu verarbeiten.
»Entschuldige, dass ich so direkt bin – und bitte glaub mir, wenn ich sage, dass ich nicht deswegen so damit herausgeplatzt bin, um mich auf deine Kosten an einem kleinen Schockerlebnis zu ergötzen. Ich habe nur einfach die Erfahrung gemacht, dass solche Mitteilungen – völlig unerwartete Neuigkeiten – am besten schnell und schonungslos ausgesprochen werden. Den Preis dafür, mit etwas hinterm Berg zu halten, habe ich jedenfalls schon bezahlt.« Er hält inne und sein Blick ist plötzlich traurig und weit weg.
Und ich weiß, dass er von mir spricht — von damals, als er so lange gewartet hat, bis er mir die Wahrheit hinter meiner eigenen Existenz verraten hat –, und davon, wie er den gleichen Fehler noch einmal gemacht hat, indem er unsere gemeinsame Geschichte zum Teil für sich behalten hat.
»Und ich gebe zu, ich habe irgendwie vermutet, dass du darauf schon selbst gekommen bist. Nachdem Roman dafür gesorgt hat, dass du die Porträts und alles findest. Du musst ja irgendwelche Schlüsse daraus gezogen haben.«
Miles schüttelt den Kopf und sieht Damen mit einem Gesichtsausdruck an, der meilenweit über Verwirrung hinausgeht. »Aber …«, seine Stimme ist so heiser, dass er sich erst räuspern muss und dann wieder anfängt. »Also, ich glaube – na ja, ich glaube, ich kapiere es nicht.« Er kneift die Augen zusammen und betrachtet Damen eingehend. »Zuerst einmal bist du nicht kreidebleich und siehst auch nicht gruselig aus. Ja, du bist sogar eher das Gegenteil, und seit ich dich kenne, bist du knackig braun. Ganz zu schweigen davon, dass wir gerade Tag haben, für den Fall dass du es nicht gemerkt haben solltest. Und zwar mit ungefähr fünfundneunzig Prozent Tageslicht. Also entschuldige bitte, wenn ich das so sage, aber was du gerade behauptet hast, klingt reichlich unsinnig.«
Damen setzt eine Miene auf, die noch weitaus verwirrter wirkt als die von Miles. Er lässt sich Zeit, alles zu verarbeiten, ehe er den Kopf in den Nacken wirft und schallend zu lachen beginnt, bis er sich endlich genug gefasst hat, um zu einer Entgegnung anzusetzen. »Ich bin kein Unsterblicher aus dem Märchenbuch, Miles, sondern ein echter Unsterblicher. Die Sorte ohne die Last von Reißzähnen, Angst vor der Sonne und dem grässlichen Drang zum Blutsaugen.« Er sinnt still darüber nach, wobei er daran denken muss, dass ich früher einmal das Gleiche vermutet habe. »Im Grunde gibt es nur mich und meine brave Elixierflasche hier…«Er hält sein Getränk in die Höhe und schwenkt es vor Miles’ Augen hin und her, während dieser fasziniert zusieht. Die begehrte Flüssigkeit, das Elixier, nach dem die Menschheit seit jeher gesucht hat, der Trank, dessentwegen Damens Eltern ermordet wurden, glitzert und glänzt in der hellen Nachmittagssonne. »Glaub mir, das ist wirklich alles, was ich brauche, um bis in alle Ewigkeit fit zu bleiben.«
Schweigend sitzen sie da. Miles studiert Damen auf der Suche nach verräterischen Anzeichen, nervösen Ticks, Größenwahn, klaffenden Lücken in seiner Story oder irgendwelchen anderen charakteristischen Hinweisen darauf, dass er lügt, während Damen lediglich abwartet. Er lässt Miles so viel Zeit, wie er braucht, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, ihn anzunehmen und mit einer neuen Möglichkeit warmzuwerden, die er zuvor nie in Betracht gezogen hat.
Und als Miles schließlich den Mund aufmacht und fragen will, wie, nickt Damen nur und beantwortet bereitwillig die unausgesprochene Frage. »Mein Vater war in einer Zeit Alchemist, als es nichts Ungewöhnliches war, mit solchen Dingen zu experimentieren. «
» Und welche Zeit war das genau?«, will Miles wissen, nachdem er seine Stimme wiedergefunden hat und offenbar nicht glaubt, dass es tatsächlich so lange her sein kann, wie Damen behauptet.
»Gut sechshundert Jahre – mehr oder weniger.« Damen zuckt die Achseln und tut es ab, als bedeuteten ihm die Anfänge sehr wenig.
Doch ich weiß es besser.
Ich weiß, wie sehr er die Zeit mit seiner Familie in Ehren hält, die gemeinsamen Erinnerungen, die ihnen so brutal geraubt wurden.
Und ich weiß auch, wie schwer es ihm fällt, das zuzugeben, und dass er es deshalb lieber kleinredet und so tut, als könnte er sich kaum erinnern.
»Es war während der italienischen Renaissance«, fügt er rasch hinzu.
Sie sehen einander weiterhin in die Augen, und obwohl er es nicht zeigt, sich absolut nichts anmerken lässt, weiß ich, dass es Damen fast umbringt, es eingestehen zu müssen.
Sein bestgehütetes Geheimnis, das er geschlagene sechs Jahrhunderte unter Verschluss gehalten hat, sprudelt nun aus ihm heraus wie Wasser aus einem geborstenen Rohr.
Miles nickt, ohne mit der Wimper zu zucken. Er überlässt seinen Shake einer neugierigen Möwe und schiebt den Becher beiseite, ehe er zu sprechen beginnt. »Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt dazu sagen soll, außer vielleicht – danke.«
Er sieht Damen direkt in die Augen.
»Danke, dass du nicht gelogen hast. Dass du nicht versucht hast, alles zu vertuschen und zu behaupten, das auf den Porträts seien irgendwelche entfernten Verwandten von dir oder irgendein unerklärlicher Zufall. Danke, dass du mir die Wahrheit gesagt hast. So unglaublich und seltsam sie auch sein mag … «
»Du hast es gewusst?«
Ich lasse seine Hand mit einer so raschen Bewegung los, dass er einen Moment braucht, um zu begreifen, dass er nicht mehr in meiner Gewalt ist.
Er weicht ruckartig zurück, dehnt und beugt seine Finger und schüttelt die Gelenke aus, um den Blutfluss wieder in normale Bahnen zu lenken.
»Mein Gott, Ever, genug geschnüffelt?« Er schüttelt den Kopf und geht im Laden auf und ab. Zornig schlängelt er sich zwischen den Bücherregalen durch, den Engelsfiguren und den CD-Ständern. Er braucht eine Weile, um mir zu verzeihen und Dampf abzulassen, bevor er auch nur bereit ist, mir wieder in die Augen zu sehen. Er lässt den Daumen über die Rücken einer langen Reihe Bücher wandern und wendet sich schließlich zu mir um. »Ich meine, es ist eine Sache, zu wissen, dass du Gedanken lesen kannst, aber eine ganz andere, wenn du tatsächlich ohne meine Zustimmung da eindringst und herumwühlst.« Darauf folgt noch ein gemurmelter Kommentar, der jedoch unverständlich bleibt.
»Es tut mir leid«, sage ich, da ich ihm eigentlich viel mehr schuldig bin als das, aber es ist immerhin ein Anfang. »Ehrlich. Ich … ich hab mir geschworen, das niemals zu tun. Und die meiste Zeit hab ich es auch eingehalten. Aber manchmal … na ja, manchmal ist etwas so dringend, dass ich es nicht ignorieren kann.«
»Du hast es also schon mal gemacht? Willst du das damit sagen?« Er wendet sich mit verkniffenem Mund um und ballt die Fäuste. Nun vermutet er das Schlimmste, nämlich dass ich mich unzählige Male in seinem Gehirn eingenistet hätte. Und obwohl es ganz und gar nicht so schlimm ist und es mir wirklich lieber wäre, nichts davon zugeben zu müssen, weiß ich auch, dass ich an diesem Punkt ansetzen muss, wenn ich mir überhaupt Hoffnungen darauf machen will, sein Vertrauen wiederzugewinnen.
Ich hole tief Luft und sehe ihm fest in die Augen. »Ja, ich habe mich ein paar Mal unangemeldet und ohne deine Erlaubnis eingeschlichen, und das tut mir ehrlich und aufrichtig leid. Ich weiß, was für eine Verletzung deiner Privatsphäre das für dich bedeuten muss.«
Er verdreht die Augen und kehrt mir den Rücken zu. Dazu murmelt er auf eine Weise, die mich vor Scham innerlich zusammenzucken lassen soll – und das gelingt ihm auch.
Nicht dass ich ihm das übel nehmen würde. Nicht im Geringsten. Ich bin in seine Privatsphäre eingedrungen, daran lässt sich nicht rütteln. Ich hoffe nur, er kann lernen, mir zu verzeihen.
»Im Grunde sagst du mir damit also, dass ich keine Geheimnisse habe.« Er sieht mich erneut an. »Keine privaten Gedanken, nichts, auf das du nicht einen superexklusiven Blick erhaschen konntest.« Er funkelt mich an. »Und seit wann geht das schon so, Ever? Seit dem Tag, an dem wir uns kennen gelernt haben, nehme ich an?«
Ich schüttele den Kopf. Er muss mir glauben. »Nein. Ehrlich, das stimmt nicht. Ich meine, ja, ich hab schon mal deine Gedanken gelesen, das hab ich ja schon zugegeben, aber nur ein paarmal, und das auch nur, wenn ich dachte, du wüsstest etwas, das mir …« Ich hole tief Atem, sehe seine zusammengekniffenen Augen, den verkrampften Kiefer, ein sicheres Zeichen dafür, dass das hier nicht so glatt läuft, wie ich gehofft hatte. Trotzdem hat er eine Erklärung verdient, ganz egal wie wütend sie ihn macht, und so räuspere ich mich und rede einfach weiter. »Ehrlich, die einzigen Male, die ich in deinen Kopf gespäht habe, waren, um zu sehen, ob du der Wahrheit über Damen und mich auf der Spur bist – das ist alles. Ich schwör’s. Nach etwas anderem hab ich nicht geschaut. Außerdem, nur damit du’s weißt, früher hab ich ständig die Gedanken von allen gehört – Hunderte oder manchmal auch Tausende von Gedanken auf einmal. Es war ohrenbetäubend und niederschmetternd, und ich habe es gehasst. Deshalb hab ich auch die ganze Zeit Kapuzen-Sweatshirts getragen und den iPod aufgehabt. Es war nicht nur mieses Styling, weißt du?« Ich sehe, wie sein Rücken und seine Schultern steif werden. »Das war das Einzige, was mir eingefallen ist, um alles auszublenden. Ich meine, dir mag es albern vorgekommen sein, aber es hat seinen Zweck erfüllt. Erst als Ava mir gezeigt hat, wie ich mich abschirmen und alles ausblenden kann, konnte ich lockerlassen. Also hast du gewissermaßen Recht. Von dem Tag an, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich alles hören, was dir durch den Kopf gegangen ist – genau wie ich auch alles gehört habe, was allen anderen durch den Kopf gegangen ist. Doch das war nicht, weil ich es hören wollte, sondern weil ich keine andere Wahl hatte. Aber deine Angelegenheiten sind deine Angelegenheiten, Miles. Ehrlich, ich hab mir total verkniffen, dir deine Geheimnisse abzulauschen. Das musst du mir glauben.«
Mein Blick folgt ihm, als er erneut durch den Laden tigert, den Rücken zu mir gekehrt und das Gesicht auf eine Art und Weise verborgen, die ich nicht deuten kann. Seine Aura wird allerdings immer heller, leuchtender, ein sicheres Zeichen dafür, dass er allmählich einlenkt.
»Es tut mir leid«, sagt er und wendet sich schließlich zu mir um.
Ich frage mich, wofür in aller Welt er sich angesichts all dessen entschuldigen muss.
Doch er schüttelt nur den Kopf und sagt: »Was ich früher über dich gedacht habe – na ja, nicht wirklich über dich, sondern in erster Linie über deinen Kleidungsstil – aber trotzdem.« Er zieht eine Grimasse. »Nicht zu fassen, dass du das mitgekriegt hast.«
Ich zucke die Achseln, mehr als bereit, das abzutun. Für mich ist das Schnee von gestern.
»Ich meine, nach all dem warst du immer noch bereit, mit mir abzuhängen, immer noch bereit, mich Tag für Tag zur Schule mitzunehmen, und immer noch bereit, mit mir befreundet zu sein …« Er hebt die Schultern und seufzt.
»Schon gut.« Ich lächele hoffnungsvoll. »Ich will nur eines wissen: Bist du noch bereit, mit mir befreundet zu sein?«
Er nickt. Nickt, kommt auf mich zu und legt die Hände gespreizt auf den Ladentisch. »Für den Fall, dass du dich gefragt hast – eigentlich war es Haven, die es mir als Erste gesagt hat.«
Ich seufze, denn das hatte ich mir schon gedacht.
»Tja, das ist jetzt aber keine Kehrtwendung, denn sie hat es mir nur so andeutungsweise gesagt.« Er zeigt auf einen Ring in der Auslage, den ich ihm sofort reiche, damit er ihn anprobieren kann. »Sie hat mich quasi zu sich nach Hause zitiert …« Er hält inne und blickt mit prüfender Miene auf seine Hand, um den Ring zu bewundern. Dann streift er ihn ab und zeigt auf einen anderen. »Du weißt, dass sie ausgezogen ist, oder?«
Ich schüttele den Kopf. Das wusste ich nicht, aber ich hätte es mir eigentlich denken können.
»Sie wohnt jetzt in Romans Haus. Keine Ahnung, wie lange das so gehen wird, aber sie hat erwähnt, dass sie sich vor dem Gesetz für volljährig erklären lassen will, also nehme ich an, dass es ihr ziemlich ernst damit ist. Na, jedenfalls langer Rede kurzer Sinn, sie hat mich praktisch zu sich eingeladen, mir einen großen Kelch voller Elixier eingeschenkt und versucht, mich dazu zu bringen, davon zu trinken, ohne mir zu sagen, was es ist.«
Nicht zu fassen, wie verantwortungslos das ist. Nun ja, bei Haven kann ich mir das unschwer vorstellen, aber trotzdem ist es nicht gut.
»Und als ich abgelehnt habe, wurde sie gleich ganz dramatisch. Sie hat mich angeschaut und gesagt …« Er räuspert sich, bereitet sich auf die korrekte heisere Haven-Tonlage vor und trifft den Nagel auf den Kopf, als er ihre Stimme nachzumachen beginnt: »Miles, wenn dir jemand ewige Schönheit, ewige Kraft, verblüffende körperliche und geistige Kräfte anbieten würde … würdest du zugreifen?« Er verdreht die Augen. »Und dann hat sie mich angesehen, wobei mich der blaue Saphir, den sie sich irgendwie auf die Stirn gepappt hat, regelrecht geblendet hat, und hat total empört nach Luft geschnappt, als ich ›Äh, nein danke‹ geantwortet habe.«
Ich muss schmunzeln, während ich mir die Szene ausmale.
»Und dann dachte sie natürlich, dass ich nicht ganz kapiere, worauf sie hinauswill, und hat es noch einmal erklärt, diesmal ausführlicher. Aber ich habe immer noch Nein gesagt. Daraufhin hat sie sich erst richtig aufgeregt und mir so ziemlich alles erzählt, was mir später auch Damen erzählt hat – von dem Elixier und davon, wie er dich verwandelt hat und du sie. Und dann hat sie noch ein paar Sachen erzählt, die mir Damen nicht gesagt hat, davon, wie du letztlich Drina und Roman umgebracht hast …«
»Ich habe … das habe ich nicht …« Ich wollte eigentlich sagen, dass ich Roman nicht umgebracht habe, sondern dass Jude dafür verantwortlich ist. Doch ebenso schnell gebe ich es wieder auf. Miles weiß ohnehin schon mehr, als er eigentlich sollte. Es ist nicht meine Aufgabe, ihm noch mehr zu verraten.
»Egal«, sagt er beiläufig, als ginge es um völlig normale und unspektakuläre Dinge. »Als sie dann jedenfalls noch mal probiert hat, mich zum Trinken zu bewegen, habe ich wieder Nein gesagt. Und als sie dann sauer geworden ist, und zwar richtig sauer, so wie eine Zweijährige kurz vor einem Tobsuchtsanfall, hab ich gesagt: ›Äh, hal-lo, pass mal auf, wenn das Zeug wirklich funktionieren würde, wären Drina und Roman doch noch hier, oder? Da sie das aber nicht sind, nehme ich an, dass sie letztlich nicht ganz so unsterblich waren, stimmt’s?‹« Er sieht mich mit durchdringendem Blick an. »Und dann hat sie gesagt, dass dieses kleine Problem ein für alle Mal gelöst sein wird, sobald sie dich beseitigt hat. Dass ich ihr bloß vertrauen soll, dass ihr Elixier viel besser sei als deins und ich nur ein paar Schlucke trinken bräuchte, dann wären mir ewige Gesundheit, ewiges Wohlergehen, ewige Schönheit und ewiges Leben für, na ja, alle Ewigkeit eben, garantiert.«
Ich studiere seine Aura, die jetzt in einem leuchtenden Hellgelb erstrahlt. Die einzige Versicherung, die ich dafür habe, dass er den Köder nicht geschluckt hat – oder zumindest noch nicht.
»Und ich kann dir sagen, sie war so überzeugend mit ihrer Werbebotschaft, dass ich ihr gesagt habe, ich würde es mir überlegen. Hab ihr gesagt, ich würde selbst noch ein paar Erkundigungen anstellen und mich dann in einer Woche oder so wieder bei ihr melden.«
Ich zögere, da mir so viele Gedanken durch den Kopf rauschen, dass ich keine Ahnung habe, wo ich anfangen soll.
Doch da bricht er auf einmal in lautes, hemmungsloses Lachen aus und sieht mich kopfschüttelnd an. »Entspann dich. Das war nur ein Witz. Ich meine, Mann, wofür hältst du mich – einen eitlen, oberflächlichen Blödmann?« Er verdreht die Augen und reißt sich wieder zusammen. »Entschuldige. War nicht böse gemeint. Doch der Punkt ist, ich habe Nein zu ihr gesagt. Ein klares, unmissverständliches Nein. Und sie hat erwidert, dass das Angebot immer noch gilt, und der Jungbrunnen mein ist, falls ich es mir irgendwann anders überlege.«
Plötzlich sehe ich ihn in einem ganz neuen Licht. Bin erstaunt, dass er ein derartiges Angebot rundweg abgelehnt hat. Ich meine, Jude behauptet auch immer, er sei nicht scharf darauf, unsterblich zu sein, aber schließlich hat ihm auch noch niemand das Elixier angeboten, also wer kann da schon sagen, wie er sich entscheiden würde, wenn es wirklich darauf ankäme? Und Ava – tja, Ava war sehr, sehr nahe dran, den Schritt zu machen, doch letztlich hat sie verzichtet. Trotzdem fallen mir neben Miles und Ava nicht viele Leute ein, die ein solches Angebot ablehnen würden.
Er sieht mich mit gespielt beleidigter Miene an. »Was? Warum so erstaunt? Etwa deshalb, weil du gedacht hast, jemand wie ich – jemand der schwul und Schauspieler ist
– würde die Gelegenheit sofort ergreifen?« Er schüttelt den Kopf. »Das ist Klischeedenken, Ever. Schäm dich.« Er wirft mir einen Blick tödlicher Verachtung zu, der mir ein so schlechtes Gewissen macht, dass ich mich gleich verteidigen will. Doch noch ehe ich dazu ansetzen kann, winkt er ab und lächelt triumphierend. »Ha! Und genau das nennt man schauspielern!« Er lacht, wobei sein ganzes Gesicht aufleuchtet und seine Augen schalkhaft blitzen. »Oder zumindest der allerletzte Teil war gespielt – der Teil mit dem Klischeedenken. Alles andere war absolut wahr. Siehst du, wie sehr ich mein Können verbessert habe?«
Er fährt sich mit den Fingern durchs Haar, stützt die Ellbogen auf den Tresen und beugt sich zu mir. »Es ist nämlich so – das Einzige, was ich will auf der Welt, der einzige Traum, den ich habe, ist Schauspieler zu werden.« Er sieht mich durchdringend an. »Ein richtiger, seinem Handwerk der Bühnenkunst verpflichteter Mime. Das ist mein einziges Ziel. Meine einzige Sehnsucht. Ich will gar kein großer, unechter, aufgeblasener Filmstar sein. Ein wandelndes Fotomotiv. Ich bin nicht scharf auf die Partys, die Skandale oder die ständigen Aufenthalte in Entziehungskliniken – ich will es um der Kunst willen. Ich will Geschichten zum Leben erwecken, eine Vielzahl verschiedenster Figuren verkörpern. Ich kann dir gar nicht sagen, was für ein Gefühl es ist, wenn ich in einer Rolle aufgehe – es ist … es ist sagenhaft. Und es ist etwas, was ich immer wieder und wieder erleben will. Und ich will alle möglichen Rollen spielen – nicht nur die jungen und schönen Typen. Und um zu lernen, mich zu entwickeln und immer besser zu werden, muss ich das Leben kennen lernen. Ich muss es in vollen Zügen leben, in all seinen Phasen – Jugend, mittleres Alter, Greisenalter
– , ich will alles. Du kannst das Leben nicht spielen, wenn du dir versagst, es zu erleben.« Er hält einen Moment lang inne und studiert mein Gesicht. »Die Angst vor dem Tod, die ihr praktischerweise abgeschafft habt? Ich will sie. Mann, ich brauche sie. Sie ist eine der grundlegendsten, ursprünglichsten Triebkräfte, die wir haben – wie sollte ich auch nur auf die Idee kommen, mir das selbst zu rauben? Die Erfahrungen, die ich mir selbst gönne, werden allesamt meiner Kunst zugutekommen – aber nur, wenn ich sterblich bleibe. Nicht, wenn ich mich absichtlich zu einem in der Zeit festgefrorenen, ultra-glamourösen Schönling verwandele, der sich nie verändert, egal, wie viele Jahrhunderte verstreichen.«
Ich sehe ihm in die Augen und weiß nicht, ob ich erleichtert oder beleidigt sein soll, aber angesichts der Sachlage entscheide ich mich für erleichtert.
»Tut mir leid.« Er zuckt die Achseln. »Ehrlich, ist nicht böse gemeint. Ich versuche nur, meine Sicht der Dinge zu erklären. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich gern esse. Ja, ich esse sogar so gern, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, auf Dauer von Flüssignahrung zu leben. Außerdem mag ich die Veränderungen, die jedes Jahr, das verstreicht, mit sich bringt, die Eindrücke, die es hinterlässt. Und, ob du’s glaubst oder nicht, ich will auch nicht, dass meine Narben verschwinden. Sie gehören zu mir, zu meiner Geschichte. Und eines Tages, wenn ich das Glück habe, ein alter Mann zu werden, ein wahrscheinlich impotenter, seniler, dicker und glatzköpfiger Mann, während ihr alle gleich geblieben seid, tja, dann werde ich mich an meinen Erinnerungen erfreuen. Ich meine, vorausgesetzt, sie sind nicht alle verschwunden wegen Alzheimer oder so. Aber bevor du jetzt anfängst, dich zu verteidigen …« Er nimmt die Hand vom Ladentisch und hebt sie in die Höhe, da er spürt, dass ich drauf und dran bin, ihn zu unterbrechen. »Ehe du mir jetzt erzählst, dass Damen genug Erinnerungen für uns alle angehäuft hat und dass er sagenhaft vielseitig und zufrieden ist – hier ist das Eigentliche, worauf ich hinauswill: Was ich mir mehr als alles andere wünsche, ist, mit einem soliden Vorher-Nachher-Bild, auf das ich zurückblicken kann, am Ende meines Lebens anzukommen. Zeigen, dass ich im Rahmen meiner Möglichkeiten mein absolut Bestes getan und mein Leben gut gelebt habe.«
Ich starre ihn an, versuche, meine Stimme zu finden und irgendeine Antwort zu murmeln, doch ich kann nicht. Meine Kehle ist heiß und zugeschnürt. Und noch bevor ich es verhindern kann, bevor ich meinen Blick auf etwas anderes als Miles richten kann, kommen mir die Tränen.
Sie laufen über mein Gesicht und werden immer mehr, bis ich mich überhaupt nicht mehr beherrschen kann, das Schluchzen und die bebenden Schultern mich überwältigen und ich auch die tiefe Verzweiflung nicht mehr ignorieren kann, die mir wie ein schwerer Klumpen im Magen liegt.
Ich registriere, dass Miles um den Ladentisch herumgeht, mich in die Arme nimmt, mir übers Haar streicht und sich nach Kräften bemüht, mich zu beruhigen, indem er mir tröstende Worte ins Ohr flüstert.
Doch ich weiß es besser.
Ich weiß, dass das alles überhaupt nicht stimmt.
Und es wird nicht wieder alles gut.
Zumindest nicht in der Form, wie er behauptet.
Ich mag ja ewige Jugend und Schönheit besitzen – ich mag ja über die Gabe des ewigen Lebens verfügen –, doch ich werde nie wieder die Art von wunderbarer, herrlicher Normalität genießen, wie sie Miles soeben geschildert hat.