SIEBENUNDDREISSIG
Wisst ihr«, sagt Haven, »ich habe das Hemd die ganze Zeit bei mir getragen. Es überallhin mitgenommen. In die Schule, in den Laden, ja, ich habe sogar damit geschlafen, um immer von Romans Geruch umgeben zu sein. Ich habe es mehr oder weniger als meine letzte Verbindung zu Roman gesehen – das einzig Bleibende, was ich je wirklich von ihm besitzen würde. Aber jetzt weiß ich es besser. Alles, was ihr hier seht, gehört mir. Roman hat nie mit seinem Tod gerechnet, also hat er nie ein Testament gemacht. Was bedeutet, dass niemand sonst ein Recht auf seine Sachen hat, und wer anderer Ansicht ist, soll sich ruhig mit mir anlegen. Das hier ist meine Verbindung zu Roman.«
Sie schwenkt das Hemd durch die Luft, und der Stoff weht sanft hin und her, während sie auf die Antiquitätensammlung zeigt. Mit der anderen Hand krallt sie sich fester um Judes Arm und spricht weiter. »Dieses Haus, diese Sachen, alles, einfach alles, gehört mir. Ich hab Erinnerungen an ihn, wohin ich auch schaue, also brauch ich echt nicht unbedingt irgendein blödes weißes Hemd. Nein, du bist diejenige, die es braucht, Ever. Es geht nur um den Fleck, stimmt’s? Er ist von dem berüchtigten Gegengift übrig geblieben, das du beinahe in die Finger gekriegt hättest, wenn der Typ hier nicht gewesen wäre.«
Sie packt Jude fester, sodass er zusammenzuckt, sich jedoch den Aufschrei verkneift und ihr die Genugtuung darüber verweigert, dass sie ihm tatsächlich Schmerzen zugefügt hat. »Und jetzt hat er es offenbar wieder geschafft.« Sie wendet sich an Jude und schnalzt kopfschüttelnd mit der Zunge. »Wenn dir dieser Typ nicht in die Quere gekommen wäre, würdest du jetzt für immer glücklich und in Freuden leben, was? Oder zumindest ist das deine Version der Geschichte. Deshalb frage ich dich – stehst du immer noch dazu? Willst du immer noch ihn für alles verantwortlich machen?«
Ich mustere sie mit festem Blick, die Muskeln angespannt und auf alles vorbereitet, gebe ihr jedoch keine Antwort, um nicht in die Falle zu tappen, die sie mir vermutlich gestellt hat.
Doch sie verdreht nur die Augen, von meinem Schweigen ganz und gar nicht entmutigt. »Tja, aber das spielt sowieso keine Rolle, denn was passiert ist, ist passiert, und du brauchst nicht zu wissen, was sich hier wirklich abspielt. Du hast dir ja mit aller Gewalt eingeredet, dass sämtliche Antworten hier zu finden sind.« Sie wedelt mit dem Hemd vor meinen Augen herum. »In einem großen, grünen Fleck auf einem weißen Leinenhemd. Hast du allen Ernstes vor, es bei einem kriminaltechnischen Labor abzugeben oder noch besser ins Chemielabor der Schule mitzunehmen, damit du Extrapunkte für die Analyse der genauen Bestandteile kriegst und daneben noch das Rezept dafür, dass Damen und du es endlich — wie Roman sagen würde – nach Herzenslust miteinander treiben könnt?«
Lachend schüttelt sie den Kopf, wobei ihr Ouroboros-Tattoo mehrfach sichtbar wird und wieder verschwindet. Mitleidig sieht sie mich an, als könnte sie die Unsinnigkeit des ganzen Vorhabens kaum fassen. »Sag mal, Ever, wie schlage ich mich bis jetzt? Hab ich Recht? Bin ich auf der richtigen Spur?«
Doch obwohl sie mich weiterhin unbeirrt anfunkelt und obwohl sie den Nagel quasi auf den Kopf getroffen hat, gebe ich ihr keine Antwort, um mich nicht zu verraten. Ich stehe einfach nur da und warne Jude mit Blicken davor, etwas so Unüberlegtes zu tun wie letztes Mal. Dabei achte ich genau auf Haven, die noch immer alles andere als in Bestform ist, aber garantiert trotzdem jede Menge Ärger und Chaos verursachen kann.
Ich passe genau auf, dass sie mich nicht dabei erwischt, wie ich heimlich um Verstärkung bitte, indem ich Damen eine telepathische Botschaft schicke, die aus nichts weiter besteht als dem Bild, das sich vor mir zeigt.
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er erscheint.
Ich muss nur bis dahin durchhalten.
»Hör mal, Haven …«, beginne ich, doch damit komme ich nicht weit.
Sie hat es gesehen.
Die Veränderung in mir registriert.
Und deshalb ist sie absolut nicht bereit, mir auch nur noch den kleinsten Gefallen zu tun.
Ehe ich sie aufhalten kann, hat sie Jude erneut am Hals gepackt und den Kaminschirm vor dem Feuer weggetreten und lässt nun Romans Hemd direkt über den Flammen baumeln.
In ihren zitternden Fingern schwankt das Hemd gefährlich hin und her. Die Flammen sprühen Funken und lecken an dem bereits schwarz gewordenen Saum, während sie mich triumphierend ansieht. »Ist doch sinnlos, noch mehr Zeit zu vergeuden, oder? Also was hältst du davon, wenn wir gleich zur Sache kommen? Die Stunde der Entscheidung, Ever. Du hast die Wahl, nur du allein. Was soll werden – ein langes, fröhliches Sexleben oder ein langes Leben für Jude?«
Jude schnappt nach Luft und kämpft gegen sie an, aber als er mich ansieht, liegt in seinem Blick kein Flehen um Hilfe, sondern nur die Bitte um Vergebung. Allmählich geht ihm unter Havens festem Griff der Sauerstoff aus, dennoch lässt er mich in seinen Kopf blicken.
Er ist meinetwegen hierhergekommen.
Nur meinetwegen.
Er wollte sein Versprechen halten und beweisen, dass er tatsächlich nur mein Glück will. Er wollte alles wiedergutmachen, was er in den Monaten zuvor angerichtet hatte, genau hier in diesem Haus. Und jetzt ist er bereit, dafür zu sterben, falls es so weit kommen sollte. Er ist absolut bereit, sich selbst zu opfern, damit ich endlich bekomme, was ich will, damit es endlich geschieht.
Tu es!, drängt er mich mit seinem Blick, der sich so warm und so liebevoll anfühlt, dass es mir den Atem raubt. Bitte, ich will doch nur, dass du glücklich bist. Und weil du mir alles gezeigt hast und ich im Sommerland so viel gelernt habe, bin ich frei von jeder Angst. Betrachte es als mein letztes Geschenk an dich. Ich habe mir den Kopf zerbrochen und versucht, mir etwas einfallen zu lassen, um dich für alles zu entschädigen, als mir Romans Hemd wieder eingefallen ist, als mir eingefallen ist, wie du an dem Tag reagiert hast, als ich meinen Kaffee verschüttet und ihn mit dem Ärmel aufgewischt habe. Und nachdem ich zwei und zwei zusammengezählt habe, war mir klar, dass das der ideale Weg wäre, um meine Fehler ungeschehen zu machen.
Er schließt die Augen, doch damit hören die Gedanken nicht auf zu fließen. Aber jetzt hab ich alles nur noch schlimmer gemacht, denkt er weiter, und das tut mir so leid. Ganz ehrlich. Du sollst wissen, dass meine Liebe immer aufrichtig war und meine Absichten gut gewesen sind. Ich wollte dir nie wehtun.
Ich unterdrücke ein Schluchzen und schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter, blinzele die brennenden Tränen weg und schaue zwischen ihm und dem Hemd hin und her, das Haven dicht über die Flammen hält.
Und da weiß ich, dass ich, um das zu bekommen, was ich schon so lange ersehne, die Wahl treffen muss, die sie mir alle beide abverlangen.
Jude hat seine Einwilligung bereits gegeben. Er bettelt mich praktisch darum, es endlich zu tun.
Und Haven, tja, Haven kann ihre Freude kaum verhehlen. Das ist genau die Art von Ding, für die sie lebt.
Genau die Art von Ding, die ihr auf der ganzen Welt am meisten Spaß macht.
Und so hole ich tief Luft, lasse die Worte vergib mir aus meinem Geist in Judes Geist strömen und wende mich an Haven. »Weißt du, das ist genau das gleiche blöde Spiel, das Roman immer gespielt hat. Und was ich ihm schon gesagt habe, sage ich jetzt auch dir: Ich spiele dieses Spiel nicht mehr.«