DREIZEHN

Am späten Samstagnachmittag kann ich ihnen schließlich nicht mehr aus dem Weg gehen. Sabine steht in der Küche und schneidet Gemüse für einen griechischen Salat, während Mr. Muñoz an ihrer Seite Putenhackfleisch zu üppigen Hamburgern formt.

»Hey, Ever.« Er sieht auf und lächelt mich kurz an. »Willst du mit uns essen? Es ist mehr als genug da.«

Ich werfe einen Blick auf Sabine, sehe, wie sich ihre Schultern verkrampfen und ihr Messer ein bisschen heftiger aufs Brett aufschlägt, während sie eine Tomate zerteilt, und ich weiß, dass sie noch weit davon entfernt ist, mir zu verzeihen, mich zu akzeptieren, und damit kann ich im Moment einfach nicht umgehen.

»Nein, ähm, ich muss leider gleich los«, antworte ich und sehe an ihm vorbei, in der Hoffnung, nicht stehen bleiben und mit ihm plaudern zu müssen, da ich viel zu sehr darauf brenne, schnellstens das Haus zu verlassen.

Ich eile auf die Haustür zu und habe es fast schon geschafft, als er mit den Hamburgern fertig wird und mich ansieht. »Würdest du mir bitte die Tür aufhalten?«

Ich bleibe stehen, obwohl es natürlich gar nicht ums Türaufhalten geht. Es geht darum, dass er an einem ruhigen und abgeschiedenen Ort mit mir reden will, wo uns seine Freundin nicht belauschen kann. Da mir klar ist, dass ich mich nicht ohne Weiteres verweigern kann, folge ich ihm nach draußen und an den Grill, wo er mit dessen Abdeckung kämpft, die Regler aufdreht und sich den allgemeinen Vorbereitungen zum Hamburger-Braten widmet.

Er ist derart in seine Aufgabe vertieft, dass ich schon gehen will, in der Annahme, ihn völlig falsch verstanden zu haben, als er zu sprechen anhebt. »Und, wie läuft’s dieses Jahr mit der Schule? Ich hab dich nicht oft gesehen – wenn überhaupt.« Er wirft mir einen raschen Blick zu, ehe er sich wieder seinem Fleisch zuwendet und irgendeine geheime Gewürzmischung darauf streut, während ich daneben stehe und versuche, mir eine Antwort einfallen zu lassen.

Da es vermutlich zwecklos ist, jemanden anzulügen, der genauso gut in die Anwesenheitslisten schauen kann, sage ich nur: »Tja, das liegt wahrscheinlich daran, dass ich abgesehen vom ersten so gut wie jeden Tag geschwänzt habe. Offen gestanden bin ich seither überhaupt nicht mehr hingegangen.«

»Ah.« Er nickt und stellt das Gewürzdöschen auf die Granitplatte, wendet sich zu mir um und lässt seinen Blick über mich schweifen. »Schlimmer Fall von Oberstufenblues, was?«

Ich kratze mich am Arm, obwohl es nicht juckt, und versuche, meinen Widerwillen einigermaßen unter Verschluss zu halten. Drüben am Fenster hält Sabine Wache, und allein ihr Anblick drängt mich zur Flucht.

»Normalerweise bricht es erst im letzten Halbjahr aus, wenn nach und nach alles in die Binsen geht. Aber anscheinend hast du dich schon früh angesteckt. Kann ich dir irgendwie helfen?«

Ja, Sie können Ihrer Freundin sagen, dass sie nicht über mich urteilen soll – Sie können Haven sagen, dass sie nicht versuchen soll, mich umzubringen – Sie können Honor sagen, dass sie mich nicht bedrohen soll – und Sie können die lange verborgene Wahrheit über Damen und mich ausgraben. Ach, und in Ihrer Freizeit könnten Sie noch ein gewisses weißes Hemd mit Flecken besorgen und es zur Analyse ins kriminaltechnische Labor schicken – das wäre super!

Aber natürlich sage ich nichts davon, sondern zucke nur die Achseln und seufze noch einmal, diesmal lauter, in der Hoffnung, dass er es hört und die alles andere als stille Botschaft vernimmt, die sich darin verbirgt.

Doch falls er sie vernommen hat, so ignoriert er sie geflissentlich. »Weißt du, nur für den Fall, dass du glaubst, du bist ganz allein mit alldem – das bist du nicht.«

Ich blinzele und frage mich, worauf er hinauswill.

»Ich habe mit ihr geredet, weißt du. Ihr von den Forschungsergebnissen über Leute mit Nahtoderlebnissen erzählt, auf die ich gestoßen bin.«

Obwohl ich eigentlich unbedingt weg will, stemme ich die Hände in die Hüften und frage ihn: »Und wie sind Sie auf diese Forschungsergebnisse gestoßen? Ich meine, mal im Ernst. Sind das nicht Sachen, nach denen man gezielt suchen muss?«

Er konzentriert sich auf das Fleisch und legt es von der Platte auf den Grill. Seine Stimme ist leise und gelassen, als er es mir erklärt. »Ich habe einmal einen Beitrag im Fernsehen darüber gesehen und ziemlich faszinierend gefunden. So faszinierend, dass ich mir ein Buch zu dem Thema gekauft habe, das mich zu weiteren Büchern geführt hat und so weiter.« Er drückt den Pfannenwender auf die Burger, dass der Saft austritt und aufzischt. »Aber du – du bist die Erste, die ich kenne, die tatsächlich so etwas erlebt hat. Hast du dir mal überlegt, an einer dieser Forschungsgruppen teilzunehmen? Ich habe gehört, dass sie ständig nach neuen Forschungsobjekten suchen.«

»Nein«, erwidere ich, kaum dass er zu Ende gesprochen hat. Meine Antwort ist endgültig, unerschütterlich und lässt keinen Spielraum für Überlegungen. An einer bescheuerten Fallstudie teilzunehmen wäre das Letzte, was ich täte.

Doch er lacht nur, hebt die Hände mit den Topfhandschuhen in gespielter Ergebenheit in die Höhe und sagt: »Nicht schießen. Ich hab nur gefragt.«

Er wendet die Burger, einen nach dem anderen, wobei ein prasselnder, zischender Grill-Soundtrack entsteht, dem wir beide schweigend lauschen.

Dann, sobald sie fertig sind, schabt er sie herunter und legt sie wieder auf die Platte, wobei er lange genug innehält, um mich anzusehen und noch etwas zu sagen. »Pass auf, Ever, lass ihr einfach etwas Zeit, damit sie sich mit dem Gedanken anfreunden kann. Es ist nicht leicht, wenn das ganze Glaubenssystem eines Menschen auf die Probe gestellt wird, weißt du? Aber wenn du einfach mal ein bisschen nachgibst, wird sie schon einlenken. Ganz sicher. Ich verspreche, dass ich sie weiter bearbeite, wenn du auch das Deine beiträgst. Und ehe du dich’s versiehst, ist alles wieder in Butter. Du wirst sehen.«

Ist das Ihre Prophezeiung?, will ich fragen, doch zum Glück verkneife ich es mir. Er will ja nur helfen, und es geht gar nicht darum, ob ich ihm glaube oder nicht und ob Sabine je einlenkt oder nicht. Er versucht nur, zu vermitteln, und das kann ich ihm nicht verwehren.

»Aber was die Schule und deine Anwesenheit angeht …« Er wirft mir einen strengen Blick zu. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es mitkriegt. Also versuch doch, dir das Leben nicht noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist, okay? Oder denk wenigstens mal darüber nach. Außerdem hat ein Schulabschluss noch niemandem geschadet, soweit ich weiß. Ja, er ist sogar ziemlich nützlich.«

Ich murmele irgendeine halbherzige Antwort, winke kurz und gehe zum Tor. Ich habe keine Ahnung, ob das Gespräch tatsächlich beendet war, aber mir reicht es jedenfalls. Dieses ganze Zeug, die Regeln, von denen er gesprochen hat, gelten nicht mehr. Das ganze Tamtam um den Schulabschluss ist etwas für andere Leute.

Normale Leute.

Sterbliche.

Nicht für mich.

Ich lasse telepathisch mein Auto an, lange bevor ich es erreicht habe. Dann rase ich los zu dem Ort, wo ich mich mit Jude verabredet habe.