SIEBZEHN
Danke für deine Hilfe.« Jude wirft sich ein feuchtes Geschirrtuch über die Schulter und lehnt sich gegen den alten Kühlschrank, der kein Vergleich zu Damens oder Sabines Gerät ist. Er ist weder aus glänzendem Edelstahl noch so groß wie ein begehbarer Kleiderschrank, sondern alt und grün und macht seltsame gurgelnde Geräusche. Jude hakt sich die Daumen in die leeren Gürtelschlaufen seiner Jeans, schlägt lässig die Beine übereinander und sieht zu, wie ich die letzten Gläser und Tassen in die Spülmaschine stelle, ehe ich die Tür zumache und auf »Start« drücke.
Ich ziehe mir den Gummi aus den Haaren und lasse mir die Mähne über den Rücken fallen, wobei ich Judes eindringliches Starren zu ignorieren suche. Er saugt mich mit seinem hungrigen Blick förmlich auf, während ich mir mit den Händen übers Kleid streiche und einen heruntergefallenen Träger hochschiebe. Er sieht mich so lange an, dass ich dem ein Ende setzen, ihn irgendwie ablenken muss.
»Das war eine schöne Trauerfeier.« Ich sehe ihm kurz in die Augen, wende mich rasch wieder ab und mache mich mit einem Lappen zu schaffen, um die geflieste Arbeitsfläche und das weiße Porzellanspülbecken sauberzuwischen. »Ich glaube, es hätte ihr gefallen.«
Er lächelt, knüllt das Geschirrtuch zusammen und wirft es auf die Arbeitsfläche. Dann geht er ins Wohnzimmer und lässt sich auf die alte, braune Couch fallen, in der Annahme, dass ich schon folgen werde, was ich kurz darauf auch tue.
»Es hat ihr tatsächlich gefallen.« Er streift die Flipflops ab und zieht die Beine hoch.
»Du hast sie also gesehen?« Ich falle auf den Sessel ihm gegenüber und stelle die nackten Füße auf die alte Holztür, die er als Couchtisch benutzt.
Er wendet sich zu mir und mustert mich geruhsam, die gespaltene Braue erstaunt in die Höhe gezogen. »Ja, ich hab sie gesehen. Warum? Du auch?«
Ich schüttele rasch den Kopf, um den Gedanken zu vertreiben, und spiele mit den Kristallen, die ich um den Hals trage, wobei mir die rauen Steine lieber sind als die glatteren. »Aber Ava.« Ich lasse das Amulett los, sodass mir die Steine warm auf die Haut fallen. »Ich kann Leute von Linas Art noch immer nicht sehen.«
»Versuchst du’s noch?« Blinzelnd setzt er sich kurz auf, schnappt sich ein kleines Kissen und steckt es sich hinter den Kopf, ehe er sich wieder zurücklehnt.
»Nein«, sage ich seufzend und voller Wehmut. »Nicht mehr. Das habe ich alles schon längst aufgegeben.«
Er nickt und mustert mich nach wie vor, allerdings auf nachdenklichere, weniger eindringliche Weise. »Tja, falls es dich tröstet, ich hab sie auch nicht gesehen. Riley meine ich. Über die reden wir doch gerade, oder?«
Ich lehne mich gegen das Polster, schließe die Augen und denke an meine wunderbare kratzbürstige, nervtötende kleine Schwester mit ihrer Begeisterung für verrückte Kostümierungen und Perücken und hoffe, dass sie – wo auch immer sie sein mag – sich königlich amüsiert.
Jude reißt mich aus meinen Gedanken und holt mich zurück ins Jetzt. »Ever, ich hab mir überlegt … Jetzt, da hier so langsam alles wieder ins Lot kommt, solltest du vielleicht mal darüber nachdenken, wieder zur Schule zu gehen.«
Ich werde steif und atme nur noch ganz flach.
»Lina hat alles mir hinterlassen – das Haus, den Laden, alles. Und da die Papiere tadellos in Ordnung zu sein scheinen, kann ich das Ganze gleich ohne Weiteres dem Anwalt übergeben und wieder Vollzeit arbeiten. Außerdem hat Ava angeboten, in den Zeiten einzuspringen, die ich selbst nicht übernehmen kann.«
Ich muss schlucken, sage aber kein Wort. Seine Miene sagt mir, dass alles bereits abgemacht und geregelt ist, dass er sich alles genau überlegt hat.
»So dankbar ich dir auch für deine Hilfe bin, und das bin ich … ich glaube, es wäre wahrscheinlich das Beste für dich …«
Sofort falle ich ihm ins Wort. »Aber es ist wirklich kein …« Eigentlich will ich sagen, dass es wirklich kein Aufwand für mich ist, doch dann beginne ich ihm zu erklären, zu welchem Schluss ich neulich in Bezug auf die Schule gekommen bin und den normalen Lebensweg, den man einschlagen soll, und dass das beides für mich nicht mehr zusammenpasst und sinnlos geworden ist.
Allerdings komme ich nicht besonders weit, denn er ergreift erneut das Wort. »Ever, wenn du auch nur einen Moment lang glaubst, dass das leicht für mich wäre, dann denk noch mal nach.« Er seufzt und schließt die Augen. »Glaub mir, in mir schreit eine ganz laute, wilde Stimme, dass ich die Klappe halten soll, solange du hier in meinem Haus bist, in greifbarer Nähe und mehr als bereit, deine Freizeit mit mir zu verbringen.« Er hält inne und ringt die Hände, ein Ausdruck des Kampfes, der in ihm tobt. »Doch es gibt auch noch einen anderen, wesentlich vernünftigeren Teil in mir, der mir rät, genau das Gegenteil zu tun. Und obwohl es wahrscheinlich verrückt von mir ist, das zu sagen, habe ich das Gefühl, ich muss es tun, also werd ich einfach … Ich glaube einfach, es wäre am besten, wenn du …«
Ich halte den Atem an, ziemlich sicher, dass ich es nicht hören will, obwohl ich weiß, dass es mir nicht erspart bleiben wird.
»Ich glaube, du solltest dich irgendwie … einfach … eine Zeit lang fernhalten, weiter nichts.«
Er öffnet die Augen, sieht mich an und lässt den Satz wie eine Barriere, die nicht überschritten werden kann, zwischen uns hängen.
»Sosehr ich es auch genieße, dich hier zu haben, und ich denke, du weißt inzwischen, dass dem so ist, wenn wir uns irgendwelche Hoffnungen darauf machen wollen, weiterzukommen, wenn du dir irgendwie irgendwelche Hoffnungen darauf machst, in absehbarer Zeit eine Entscheidung in Bezug auf deine Zukunft – oder unsere Zukunft – oder wie auch immer zu fällen, dann musst du dich einfach wieder auf den Weg machen. Du musst aufhören …« Er holt tief Luft, rutscht verlegen hin und her und muss sich die Worte offenbar mühsam abringen. »Du musst aufhören, dich im Laden zu verstecken, und dich deinem Leben stellen.«
Sprachlos sitze ich da und weiß nicht, wie ich das auffassen soll – geschweige denn, wie ich darauf reagieren soll.
Verstecken?
Glaubt er, dass ich das die ganze Woche getan habe?
Und, schlimmer noch, besteht eventuell die Möglichkeit, dass das zutrifft? Dass er etwas auf der Spur ist, das mir völlig unbewusst ist und das ich gezielt ignoriere?
Ich schüttele den Kopf, nehme die Füße vom Tisch und stecke sie wieder in die Sandalen mit dem Keilabsatz. »Irgendwie war mir nicht ganz klar …«
Doch noch ehe ich weiterreden kann, richtet sich Jude abrupt auf und setzt zu einer Erwiderung an: »Bitte, ich wollte damit gar nichts sagen, ich will nur, dass du darüber nachdenkst, okay? Denn ich weiß einfach nicht, wie lange ich noch so zurückhaltend bleiben kann.«
Er lässt die Hände in den Schoß fallen, wo sie offen und entspannt liegen bleiben, wie eine Art Opfergabe. Er hält meinem Blick so lange stand, dass mein Herz zu rasen und mein Magen Purzelbäume zu schlagen beginnt, und mir ist dermaßen schwindlig, dass ich das Gefühl habe, als sei auf einmal die ganze Luft aus dem Zimmer gesaugt worden.
Die Energie zwischen uns steigert sich immer weiter, bis sie so greifbar ist, dass ich sie beinahe zwischen seinem und meinem Körper hin und her strömen sehen kann. Ein dickes, pulsierendes Band des Verlangens, das sich ausdehnt und wieder zusammenzieht und uns zueinander drängt, uns drängt, miteinander zu verschmelzen.
Ich weiß nicht, wer verantwortlich dafür ist – er, ich oder irgendeine universelle Kraft. Ich weiß nur, dass die Anziehungskraft derart überwältigend ist, derart umfassend, dass ich wie von der Tarantel gestochen aus dem Sessel aufspringe, mir die Tasche über die Schulter schlinge und »Ich muss jetzt gehen« hervorstoße.
Ich bin bereits an der Tür und drehe den Knauf zwischen den Fingern, als er ruft: »Ever, aber zwischen uns ist doch alles in Ordnung, ja?«
Ich verlasse das Haus und atme lang und tief ein – fülle meine Lungen mit warmer, salziger Luft, während ich zu einem Nachthimmel voller Sterne aufsehe, von denen einer besonders hell leuchtet.
Ein einziger Stern, der alle anderen überstrahlt – als wollte er mich auffordern, einen Wunsch an ihn zu richten.
Also tue ich es.
Ich sehe zu meinem ganz persönlichen Stern auf und bitte um Beratung, Orientierung, irgendeine Form von Hilfe – und, falls das nicht möglich ist, wenigstens um einen Stups in die richtige Richtung.