EINS

Du wirst mich nie schlagen. Diesmal gewinnst du garantiert nicht, Ever. Ausgeschlossen. Das schaffst du nicht. Also, warum verschwendest du deine Zeit?«

Ich mustere sie aufmerksam – erfasse ihr kleines, blasses Gesicht, ihren dunklen Haarwust und das Fehlen jeglichen Lichts in ihren hasserfüllten Augen.

Mit zusammengebissenen Zähnen antworte ich bedächtig: »Sei dir da nicht so sicher. Du läufst massiv Gefahr, dich zu überschätzen. Ja, das tust du ganz bestimmt. Das weiß ich hundertprozentig.«

Sie schnaubt höhnisch. Laut und verächtlich, sodass das Geräusch durch den ganzen leeren Raum hallt, von dem hölzernen Dielenboden bis zu den kahlen weißen Wänden, die mir Angst machen oder mich zumindest einschüchtern und mich von meinem Kurs abbringen sollen.

Doch das wird nicht funktionieren.

Es kann nicht funktionieren.

Dazu bin ich zu konzentriert.

Meine ganze Energie ist auf einen einzigen Punkt fixiert, bis alles andere in den Hintergrund tritt und es nur noch mich gibt, meine geballte Faust und Havens drittes Chakra – auch das Solarplexus-Chakra genannt –, den Sitz von Zorn, Furcht, Hass und dem Hang, zu viel Gewicht auf Macht, Anerkennung und Rache zu legen.

Mein Blick ist auf dieses Ziel gerichtet wie auf eine Schießscheibe, genau auf die Mitte ihres in Leder gehüllten Oberkörpers.

Und ich weiß, dass es nur einen schnellen, gut gezielten Schlag braucht, um ein jämmerliches Stückchen Geschichte aus ihr zu machen.

Ein warnendes Beispiel für missbrauchte Macht.

Weg.

Im Handumdrehen.

Ohne mehr zurückzulassen als ein Paar schwarze Stiefel mit Stiletto-Absätzen und ein kleines Häufchen Staub – die einzige reale Erinnerung daran, dass sie je hier war.

Obwohl ich nie wollte, dass es so weit kommt, obwohl ich versucht habe, die Sache zu klären, versucht habe, mit ihr zu reden und sie zur Vernunft zu bringen, damit wir uns irgendwie einigen, irgendeine Abmachung treffen können, hat sie sich schließlich geweigert, einzulenken.

Sich geweigert, nachzugeben.

Sich geweigert, von ihrem irregeleiteten Rachedurst abzulassen.

Mir keine andere Wahl gelassen, als zu töten oder getötet zu werden.

Mich nicht im Zweifel darüber gelassen, wie das Ganze ausgehen wird.

»Du bist zu schwach.« Sie umkreist mich. Bewegt sich langsam, vorsichtig und ohne je den Blick von mir abzuwenden. Ihre Stiletto-Absätze attackieren den Fußboden, während sie sagt: »Du kannst dich nicht mit mir messen. Konntest du nie und wirst du auch nie können.« Sie bleibt stehen, stemmt die Hände in die Hüften, neigt den Kopf zur Seite, und eine üppige Welle dunkel glänzender Haare fällt ihr über die Schulter bis zur Taille. »Du hättest mich schon vor Monaten sterben lassen können. Du hast deine Chance gehabt. Aber stattdessen hast du dich dafür entschieden, mir das Elixier zu geben. Und jetzt bereust du es? Weil dir nicht gefällt, was aus mir geworden ist?« Sie hält inne und verdreht die Augen. »Tja, Pech gehabt. Das hast du nur dir selbst zuzuschreiben. Du bist doch diejenige, die mich so hat werden lassen. Ich meine, welche Schöpferin tötet schon ihre eigene Schöpfung?«

»Ich mag dich ja zur Unsterblichen gemacht haben, aber den Rest hast du alleine zu verantworten«, sage ich, indem ich meine Worte fest und verbissen hervorstoße, obwohl mir Damen eingeschärft hat, ruhig zu bleiben, die Konzentration zu wahren, es schnell und sauber hinter mich zu bringen und mich nicht unnötig von ihr in ein Gespräch verwickeln zu lassen.

Spar dir deine Reue für später auf, hat er gesagt.

Doch die Tatsache, dass wir hier aufeinandergetroffen sind, bedeutet, dass es in Bezug auf Haven kein Später gibt. Und trotz allem, was geschehen ist, versuche ich immer noch mit allen Mitteln, zu ihr durchzudringen, sie zu erreichen, ehe es zu spät ist.

»Wir müssen das nicht tun.« Ich fixiere sie mit meinem Blick, in der Hoffnung, sie zu überzeugen. »Wir können auf der Stelle aufhören, augenblicklich. Es muss nicht so weitergehen.«

»Ha, das hättest du wohl gern«, höhnt sie genüsslich. »Ich sehe es dir doch an. Du schaffst es nicht. Ganz egal, wie sehr du auch davon überzeugt bist, dass ich es verdient habe, du bist zu weich. Also wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass es dieses Mal anders sein könnte?«

Weil du jetzt gefährlich bist – und zwar nicht nur für dich selbst, sondern auch für alle anderen. Dieses Mal ist es anders, ganz anders. Wie du noch erkennen wirst …

Ich balle die Fäuste so fest, dass meine Knöchel ganz weiß werden, und gönne mir eine Sekunde, um mich zu sammeln, mein Gleichgewicht zu finden und mich erneut mit Licht zu erfüllen – genau wie Ava es mich gelehrt hat – und zugleich meine Hände ruhig unten zu lassen. Dabei halte ich den Blick weiterhin fest auf sie gerichtet, den Kopf von sämtlichen überflüssigen Gedanken befreit, das Gesicht von sämtlichen überflüssigen Gefühlen befreit – so wie es mir Damen kürzlich beigebracht hat.

Das Wichtigste ist, nichts preiszugeben, hat er mir erklärt, und schnell und gezielt zu agieren. Den Schlag zu setzen, bevor sie ihn überhaupt kommen sieht, sodass sie erst, wenn es längst zu spät ist, begreift, was mit ihr passiert ist.

Wenn ihr Körper sich aufgelöst hat und ihre Seele an jenen düsteren, trostlosen Ort weitergezogen ist.

Ihr jede Möglichkeit nehmen, einzugreifen oder sich zu wehren.

Eine auf einem lange zurückliegenden Schlachtfeld gelernte Lektion, von der ich nie gedacht hätte, dass sie sich auf mein Leben anwenden ließe.

Doch obwohl mich Damen davor gewarnt hat, kann ich es mir nicht verkneifen, mich zu entschuldigen. Kann es nicht lassen, die Worte Verzeih mir von meinem Geist zu ihrem zu senden. Ich sehe, wie kurz Mitleid in ihrem Blick aufwallt, ehe es von der gewohnten Mischung aus Hass und Verachtung schnell wieder ausgelöscht wird.

Sie hebt die Faust und zielt auf mich, aber es ist zu spät. Meine ist bereits in Fahrt und bewegt sich mit voller Kraft vorwärts. Trifft sie mitten in den Solarplexus und schickt sie schwankend und in Auflösung begriffen direkt in den unendlichen Abgrund.

Das Schattenland.

Die ewige Heimat für verlorene Seelen.

Ich schnappe hastig nach Luft, während ich zusehe, wie schnell sie sich auflöst. Sie zerfällt so mühelos, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sie je von fester Gestalt war.

Mein Magen rebelliert, mein Herz rast und mein Mund ist so trocken und ausgedörrt, dass mir keine Worte über die Lippen kommen. Mein Körper reagiert, als wäre das, was soeben vor meinen Augen abgelaufen ist – die Tat, die ich gerade begangen habe –, nicht nur eine Manifestation gewesen, sondern schreckliche Realität.

»Gut gemacht. Du hast dein Ziel getroffen, mitten ins Schwarze«, sagt Damen und durchquert in einem Sekundenbruchteil den Raum, ehe er seine starken Arme um mich schlingt und mich dicht an sich zieht. Mit leiser Stimme flüstert er mir noch ins Ohr: »Allerdings solltest du dir das mit dem Verzeih mir aufsparen, bis sie weg ist. Glaub mir, ich weiß, dass du ein schlechtes Gewissen hast, Ever, und ich kann dir das nicht einmal zum Vorwurf machen, aber es ist eben, wie wir schon besprochen haben. In einem Fall wie diesem heißt es du oder sie. Nur eine kann überleben. Und falls du nichts dagegen hast, wäre es mir lieber, wenn du diejenige wärst.« Er fährt mir mit der Fingerspitze über die Wange und schiebt eine meiner Haarsträhnen hinters Ohr. »Du kannst es dir nicht leisten, ihr in irgendeiner Weise zu signalisieren, was kommt. Also bitte spar dir die Entschuldigung für hinterher auf, okay?«

Ich nicke und löse mich aus seinen Armen, wobei ich immer noch damit zu kämpfen habe, meine Atmung zu beruhigen. Dann sehe ich mich um und betrachte den Haufen aus schwarzem Leder und Spitze auf dem Fußboden. Das, was von der Haven geblieben ist, die ich manifestiert habe. Schließlich blinzele ich alles weg und lösche sämtliche Spuren aus.

Ich dehne den Hals nach beiden Seiten und schüttele meine Gliedmaßen, was man entweder als Dampf ablassen oder als Vorbereitung auf die nächste Runde auffassen kann. Damen schließt Letzteres daraus und lächelt mich an. »Noch ein Testlauf?«

Doch ich sehe ihn nur an und schüttele den Kopf. Ich habe genug für heute. Genug davon, die gespenstische, seelenlose Hülle meiner einst besten Freundin zu töten.

Es ist unser letzter Sommertag, unser letzter Tag der Freiheit, und es gibt wesentlich bessere Arten, ihn zu verbringen.

Ich betrachte die Mähne aus langen, welligen dunklen Haaren, die ihm über die Stirn und bis in seine erstaunlichen braunen Augen fallen, lasse den Blick über seine Nasenwurzel und die hohen Wangenknochen bis zur Wölbung seiner Lippen wandern, wo ich lange genug innehalte, um mich daran zu erinnern, wie wundervoll sie sich auf meinen anfühlen.

»Gehen wir doch zum Pavillon«, sage ich, während ich seinen Blick suche und schließlich erneut sein schlichtes schwarzes T-Shirt mustere und das Seidenband mit den Kristallen, das unter dem Stoff verborgen ist, und weiter über seine ausgebleichte Jeans und die braunen Flipflops an seinen Füßen sehe. »Gehen wir uns amüsieren«, dränge ich ihn, schließe die Augen und manifestiere mir ein komplett neues Kostüm. T-Shirt, Shorts und Sneakers, die ich zum Training getragen habe, weichen der Kopie eines der schönsten tief dekolletierten Korsagenkleider aus meinem Pariser Leben.

Ein kurzer Blick in seine verträumten Augen genügt mir, um mir zu versichern, dass es so gut wie abgemacht ist. Der Zauber des Pavillons ist praktisch unwiderstehlich.

Es ist der einzige Ort, wo wir uns richtig berühren können, ohne den störenden Energieschild – wo unsere Haut aufeinandertreffen und sich unsere DNA vermischen darf, ohne dass Damens Seele unmittelbare Gefahr droht.

Der einzige Ort, wo wir in eine andere Welt verschwinden können, die keine der Gefahren derer birgt, in der wir leben.

Und obwohl ich nicht mehr mit den Beschränkungen unseres hiesigen Lebens hadere und keine große Notiz mehr von ihnen nehme, seit ich weiß, dass sie eine direkte Folge dessen sind, dass ich die richtige Wahl getroffen habe, die einzige Wahl, und dass meine Entscheidung, Damen dazu zu zwingen, Romans Elixier zu trinken, die einzige Ursache dafür ist, dass er heute noch an meiner Seite ist – das Einzige, was ihn vor einem ewigen Dasein im Schattenland gerettet hat –, bin ich froh über jede seiner Berührungen, egal in welcher Form.

Doch nun, da ich einen Ort kenne, an dem es noch um so Vieles besser ist, will ich unbedingt dorthin, und zwar am liebsten jetzt gleich.

»Aber was ist mit den Übungen? Morgen fängt die Schule an, und ich will nicht, dass du unvorbereitet erwischt wirst«, sagt er, bemüht, das Gute und Richtige zu tun, auch wenn klar auf der Hand liegt, dass unser Ausflug zum Pavillon so gut wie abgemacht ist. »Wir haben keine Ahnung, was sie vorhat, also müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen. Außerdem haben wir noch kein Tai Chi gemacht, und ich finde, dass sollten wir noch tun. Du wirst erstaunt sein, wie sehr es dir dabei hilft, deine Energie ins Gleichgewicht zu bringen – sie auf eine Art und Weise aufzuladen, dass …«

»Weißt du, was außerdem gut ist, um meine Energie aufzuladen?«, frage ich lächelnd und lasse ihm keine Zeit zu antworten, sondern drücke meine Lippen auf seine und versuche, ihm seine Einwilligung abzuringen, damit wir den Ort aufsuchen können, an dem ich ihn richtig küssen kann.

Sein warmer Blick erfüllt mich mit jenem herrlichen Gefühl von prickelnder Hitze, das nur er hervorrufen kann. Er macht sich von mir los und sagt: »Gut. Du hast gewonnen. Aber das tust du ja eigentlich immer, oder?« Er lächelt und strahlt mich glücklich an.

Dann nimmt er meine Hand und schließt die Augen, und wir treten gemeinsam durch einen schimmernden Schleier aus weichem, goldenem Licht.