ZWANZIG
Er ruft mich beim Namen, und ich höre seine Stimme hinter mir. Direkt hinter mir. Unwillkürlich drehe ich mich um und gehe, ohne nachzudenken, auf ihn zu.
»Du bist wieder da.« Er sieht mich an, seine Worte eine Feststellung, sein Blick eine Frage.
Ich nicke und zucke die Achseln. Und dann ringe ich darum, mir all die anderen nervösen Übersprungshandlungen zu verkneifen, während ich krampfhaft überlege, wie ich jetzt weitermachen soll.
Er ist dieser Aufgabe weitaus besser gewachsen als ich, denn schon im nächsten Moment ergreift er das Wort. »Schön, dich zu sehen.«
»Ja?« Ich kneife die Augen zusammen und bereue auf der Stelle meinen schnippischen Tonfall. Schon sehe ich, wie er zusammenzuckt und sich seine Augenwinkel nach unten bewegen, doch jetzt ist es zu spät.
»Du hast mir gefehlt.« Er streckt mir eine Hand entgegen, aber nur kurz, dann lässt er sie wieder fallen. »Ich habe deinen Anblick vermisst und deinen Duft. Ich habe einfach alles an dir vermisst.« Er lässt den Blick über mich schweifen und langsam kreisen, wie eine zärtliche Umarmung. »Und selbst wenn du beschließen solltest, nie wieder mit mir zu reden, ändert das nichts. Nichts kann je meine Gefühle für dich verändern.«
In mir scheint sich alles aufzulösen, und ich werde zu einer schwabbeligen Masse aus Entschlusslosigkeit. Hin und her gerissen zwischen Fluchtgedanken – mich so weit wie nur irgend möglich von ihm zu entfernen – und dem Wunsch, mich schnurstracks in den Schutz seiner wundervollen warmen Arme zu stürzen. Mir ist unbegreiflich, wie ich mich im Hinblick auf die Konfrontation mit Haven und ihrem ganzen Wahnsinn so absolut stark fühlen kann, so sicher, dass ich sie locker in den Griff kriege, doch das hier, die Sache mit Damen, ihn mit ihr zu sehen und ihn jetzt so direkt vor mir zu haben, also, das bringt augenblicklich noch das letzte Fitzelchen meiner alten Unsicherheiten und Selbstzweifel wieder ans Tageslicht.
Und ich frage mich zwangsläufig, warum es immer so viel einfacher ist, den Körper zu trainieren als das Herz.
Ich meine, von allen Mädchen auf der Schule, warum ausgerechnet sie? Warum Stacia? Es gibt doch garantiert noch andere, für die er den edlen Ritter spielen könnte …
Kaum habe ich das zu Ende gedacht, wird der Grund dafür klar. Ich sehe, wie sie sich geduckt aus dem Klassenzimmer schleicht und mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern den Flur hinunterläuft, den Blick auf irgendeinen Punkt in der Ferne gerichtet. Sie weicht jeglichem zufälligen Blickkontakt mit ihren Peinigern aus und sucht sich so gegen den ihr entgegenwallenden Ansturm von Hass zu wappnen – den Schwall harter Worte und gehässiger Blicke und die eine oder andere an ihren Kopf geworfene Wasserflasche.
Und obwohl es mir überhaupt nicht passt, dass Damen der Einzige ist, der sie beschützen kann, weiß ich im Grunde meines Herzens, dass ich mir um nichts Sorgen machen muss und nichts zu befürchten habe.
»Zurzeit braucht sie dringender Schutz als irgendjemand sonst«, sagt Damen und nickt zu der Szene hin, die ich soeben beobachten konnte. »Es hat sich vieles verändert, seit du zuletzt hier warst. Die ganze Schule hat sich gegen sie gestellt. Und auch wenn du vielleicht der Meinung bist, dass sie es verdient hat, glaub mir, das hat niemand verdient, niemand hat das verdient, was Haven ihr zumutet.«
Ich nicke, da er natürlich Recht hat und er wissen soll, dass mir das klar ist, doch ich bin außer Stande, es tatsächlich auszusprechen. Es tut zu weh.
»Aber, Ever.« Er hält inne und mustert mich eindringlich. »Ich kümmere mich nur hier in der Schule um sie, weiter nichts. Es ist ganz und gar nicht so, wie du glaubst oder befürchtest. Es gab immer nur dich. Ich dachte, das weißt du?«
»Das weiß ich«, sage ich, nachdem ich endlich meine Stimme wiedergefunden habe. »Aber weiß sie es auch?« Ich winde mich unter dieser Äußerung, mir ist zuwider, wie sich das anhört, der schwächliche, ekelhafte, total peinliche Klang meiner Worte. Außerdem kann ich nun wirklich nicht übersehen, wie sie ihn anglotzt. So, wie sie ihn immer anglotzt. So, wie ihn die meisten Mädchen anglotzen. Der einzige Unterschied bei Stacia ist, dass sie Damen schon einmal verführt hat.
»Sie weiß es.« Seine Miene ist ernst. »Glaub mir, ich hab’s ihr gesagt. Sie weiß es.«
Ich starre auf seine Hände, denke an all die wundervollen Dinge, die zu tun sie im Stande sind, und sehne mich danach, sie erneut zu spüren. Ihr leichtes Zittern sagt mir, dass es ihm die letzten Kräfte abverlangt, sich zu beherrschen und dort zu bleiben, wo er ist. Und dass ich, um die schreckliche Kluft zu überbrücken, die zwischen uns klafft, bloß einen einzigen Schritt auf ihn zugehen muss – einen Schritt weiter weg von der Vergangenheit, von Stacia und allem anderen.
Wenn es nur so leicht wäre.
Auch wenn ich weiß, dass unsere vergangenen Leben uns nicht definieren, kann ich noch immer keinen Frieden mit einigen der unbestreitbareren Fakten schließen. Wie etwa Damens Hang, mich von meinen liebsten Menschen wegzuzerren, damit er mich ganz für sich allein haben kann
– was er meines Wissens bereits zweimal getan hat. Und ich frage mich zwangsläufig, wie oft er das insgesamt gemacht hat und wie viele Leute darunter leiden mussten.
Es läutet, ein durchdringendes Geräusch, doch keiner von uns rührt sich vom Fleck.
Wir stehen einfach zusammen da, während um uns herum Massen von Schülern zu einem Gewirr aus Farben und Tönen verschwimmen. Unsere Blicke sind ineinander versunken, unsere Körper reglos, und Damens Geist lässt Tulpen zu mir strömen, bis ich von einem herrlichen Blumenkranz umgeben bin, den nur wir beide sehen können.
Der Bann wird gebrochen, als mich jemand – unsanft – anrempelt, eine von Havens Marionetten, die mich anscheinend massiv unterschätzt. Sie funkelt mich feindselig an und wirft mir ein paar wüste Schimpfwörter an den Kopf, bis sie Damens Blick auffängt und sich hastig verzieht.
»Verstehe.« Ich nicke und sehe zu, wie ein Papierknäuel von Stacias Kopf abprallt, woraufhin sie sich geduckt ins Klassenzimmer rettet. Ich sehe zwischen ihr und ihm hin und her, ehe ich weiterspreche. »Ehrlich, ich hab’s kapiert. Es ist nett von dir. Anständig. Und richtig. Also mach dir keine Sorgen um mich, beschütz sie einfach weiter, dann werd ich …« Ich spähe in den Flur und verfolge, wie alle rennen, um nicht zu spät zu kommen. »Dann werd ich tun, was ich kann, um zu verhindern, dass es noch schlimmer wird – und Haven unter Kontrolle zu halten.«
»Und wir? Gibt es irgendeine Hoffnung für uns?«, will er wissen.
Doch ich lasse seine Worte unbeantwortet im Raum stehen.
Seine Gedanken ziehen hinter mir her, umgeben mich und ballen sich in mir zusammen, während ich mich umdrehe und den Flur hinabgehe.
Sie sagen mir, dass er da ist.
Immer da sein wird.
Ich muss ihn nur einlassen.