ZWEIUNDDREISSIG
Na, wie ist es gelaufen?«, frage ich Damen, während er auf dem Beifahrersitz Platz nimmt.
»Gut.« Er nickt und schließt einen Moment lang die Augen, ehe er telepathisch das Dach herunterfahren lässt und genüsslich die kühle Abendluft einatmet. »Wir gehen dieses Wochenende surfen«, sagt er.
Ich bin mehr als überrascht, das zu hören. Ich meine, ursprünglich dachte ich, er könne von Glück sagen, wenn er den Waffenstillstand bekommt, auf den er aus war, doch ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie Freunde werden könnten.
»Ist das dann so was wie ein Date?«, spöttele ich und frage mich, seit wann Damen eigentlich keinen Freund mehr hatte – einen richtig guten Kumpel, der auch die Wahrheit über ihn weiß.
»Noch nie.« Er sieht mich an. »Ich hatte noch nie einen Freund, der die Wahrheit über mich wusste. Offen gestanden, ist es auch schon sehr, sehr lange her, dass ich überhaupt versucht habe, eine solche Freundschaft zu schließen.« Er wendet den Blick ab und betrachtet die Läden, die Bäume und die Passanten, die auf Gehwegen unterwegs sind, bevor er wieder mich anblickt. »Für mich waren Freundschaften immer nur kurzlebig, da ich nach einer Reihe von Jahren gezwungenermaßen weiterziehen musste. Die Leute werden argwöhnisch, wenn du genau gleich bleibst, während sie altern, und da erscheint es einem irgendwann eben einfacher, so etwas von vornherein zu vermeiden.«
Ich schlucke heftig und konzentriere mich auf die Straße. Obwohl er das nicht zum ersten Mal gesagt hat, macht es das nicht leichter. Vor allem, wenn ich es auf mich und mein Leben beziehe und auf die lange Liste von Abschieden, die mir bevorstehen.
»Macht es dir was aus, mich nach Hause zu fahren?«, fragt er und reißt mich mit seiner Bitte so abrupt aus meinen Gedanken, dass ich ihn perplex ansehe. Ich hätte darauf gewettet, dass er mich wieder in den Pavillon entführen würde, was ich ihm nicht verweigert hätte.
»Miles kommt nachher bei mir vorbei. Ich hab ihm versprochen, ein bisschen Text aus dem Stück mit ihm zu proben, für das er vorsprechen will.«
Ich biege lachend auf den Coast Highway ein. »Hast du auch noch ein bisschen Zeit für mich eingeplant, bei all den Verabredungen, die du getroffen hast?«, frage ich nur halb im Spaß und trete aufs Gas, während ich die vielen Kurven entlangpresche.
»Immer.« Er beugt sich lächelnd herüber, um mich zu küssen, lenkt mich dadurch indes derart ab, dass wir beinahe von der Straße abkommen.
Ich schubse ihn weg und nehme das Lenkrad wieder fest in die Hand. Dann sehe ich aufs Meer hinaus, wo die Wellen sich am Strand mit weiß schäumender Gischt brechen, und räuspere mich. »Damen, was machen wir in Bezug auf das Gegengift?« Er strafft die Schultern, und ich spüre, wie seine Energie wankt und sich verlagert, doch ich rede weiter, weil es eben gesagt werden muss. »Ich meine, ich stehe absolut hinter dir, hinter uns, ich glaube, das weißt du inzwischen. Und so sehr ich unsere Stunden im Pavillon genieße, also …« Ich halte kurz inne, denn ich konnte noch nie gut über so etwas reden, sondern werde jedes Mal zu einem verlegenen, stotternden Etwas, trotzdem bin ich fest entschlossen, auf den Punkt zu kommen. »Du fehlst mir. Es fehlt mir, dich in diesem Leben berühren zu dürfen. Ganz zu schweigen davon, dass ich gehofft hatte, wir könnten eines Tages diese vierhundertjährige Trockenzeit durchbrechen und …«
Ich halte vor seinem Tor und nicke Sheila zu, die uns hineinwinkt. Dann fahre ich den Hügel hinauf, parke in seiner Einfahrt und drehe mich zu ihm um.
Ich will gerade meinen Gedanken zu Ende führen, als er mir zuvorkommt. »Ever, ich weiß. Glaub mir, ich weiß es.« Er streckt den Arm nach mir aus, umfasst mit einer Hand mein Gesicht und sieht mir fest in die Augen. »Und ich habe auch noch nicht aufgegeben. Ich habe mittlerweile sogar den Weinkeller zu einem Chemielabor umfunktioniert und jede freie Minute darin verbracht, in der Hoffnung, dich überraschen zu können.«
Ich mache große Augen, während ich nachzurechnen versuche, wie lange ich mich nicht mehr in Damens Haus umgesehen habe, und merke, dass es eine ganze Weile her ist. Wenn ich ihm nicht aus dem einen oder anderen Grund aus dem Weg gegangen bin, dann haben wir entweder trainiert oder im Pavillon geknutscht.
»Wenn der Weinkeller jetzt ein Labor ist, wo lagerst du dann das Elixier?«, frage ich, während ich versuche, selbst auf die Antwort zu kommen.
»Im neuen Weinkeller, dort, wo früher der Waschkeller war.«
»Und der Waschkeller?«
»Weg.« Er lacht. »Ich habe den Sinn ohnehin nie verstanden, wenn ich mir ganz einfach frische, neue Sachen manifestieren kann, wann immer ich sie brauche.« Doch sein Lächeln schwindet sogleich, als er weiterspricht. »Ever, du darfst dir aber keine großen Hoffnungen machen. Ich habe meine Versuche zwar noch nicht aufgegeben, doch bis jetzt bin ich nur ziemlich schleppend vorangekommen. Ich habe keine Ahnung, was Roman in diesen Trank gemischt hat, aber alles, was ich bisher probiert habe, ist fehlgeschlagen. «
Ich seufze, schmiege die Wange fest an seine Handfläche und kann beinahe seine Haut auf meiner spüren. Ich sage mir, dass das genug ist, dass es immer genug sein wird, doch obwohl ich mich daran klammere, wünsche ich mir trotzdem mehr.
»Wir müssen dieses Hemd in die Finger kriegen.« Ich fange seinen Blick auf. »Wir müssen es finden. Ich weiß, dass sie es immer noch hat. Ausgeschlossen, dass sie es weggeworfen hat. Entweder hebt sie es aus sentimentalen Gründen auf oder weil sie weiß, welchen Wert es für mich hat oder beides. Aber so oder so, es ist mehr oder weniger die einzige Hoffnung, die wir momentan haben.«
Er sieht mich genauso an wie letztes Mal, als wir das diskutiert haben – ganz meiner Meinung, dass es wichtig ist, aber absolut nicht bereit, all unsere Hoffnungen darauf zu setzen.
»Das ist aber doch nicht unsere einzige Hoffnung?«, fragt er.
Ich schüttele den Kopf. So viel Geduld wie er habe ich nicht. Ich will die nächsten Jahre nicht damit verbringen, kurze Ausflüge in die verschiedenen Kostümierungen meines früheren Ichs zu machen, nur damit wir ab und zu einen keuschen Kuss wechseln können, während er nebenbei in seinem neuen Chemielabor herumexperimentiert. Ich will das Leben genießen. Das Leben, in dem ich jetzt bin.
Ich will es so normal und umfassend genießen wie jedes andere Mädchen auch.
Und ich will es mit ihm genießen.
»Ich kann dir das nicht ausreden, oder?«, stellt er resigniert fest und seufzt.
Ich schüttele erneut den Kopf.
»Dann begleite ich dich.«
»Wohin? Ich habe nicht gesagt, dass ich irgendwo hingehe. «
»Na ja, das vielleicht nicht, aber du schmiedest gerade einen Plan. Das sehe ich dir an. Also rechne mal lieber mit einer Person mehr, ich komme nämlich mit.«
»Nein, du bleibst bei Miles, ich komm schon klar. Ehrlich. «
Doch trotz meiner Proteste zückt er bereits sein Handy, schreibt Miles eine SMS und teilt ihm mit, dass er noch etwas zu erledigen hat und ein bisschen später kommt.
»Also, wo fangen wir an?«, fragt er und steckt sein Handy ein.
»Im Laden.« Ich nicke, wie um es mir selbst zu bestätigen. »Aber du brauchst mich ehrlich nicht zu begleiten. Ich komme bestens alleine zurecht«, füge ich hinzu, um ihm eine letzte Gelegenheit für einen Rückzieher zu geben.
»Vergiss es.« Er schnallt sich wieder an. »Ich komme mit, ob es dir passt oder nicht. Und nur damit du es weißt, von dieser ganzen Zurückweisung kriege ich langsam Komplexe. «
Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht und sehe ihn fragend an.
»Letztes Mal? Als du bei Haven eingebrochen bist und Miles mitgeschleppt hast statt mich?«
Ich sehe ihn an und denke, dass ich Miles wohl kaum mitgeschleppt habe, ganz abgesehen davon, dass ich gar keine Möglichkeit gehabt hätte, Damen zum Mitkommen aufzufordern, weil er Stacia bewacht hat. Aber das ist auch gar nicht der Punkt. Was mich eigentlich interessiert, ist, woher er das überhaupt weiß, obwohl ich noch gar nicht dazu gekommen bin, ihn über sämtliche Einzelheiten zu informieren.
»Miles hat es erwähnt«, sagt er, indem er den Gedanken in meinem Kopf beantwortet.
Ich sehe mit schmalen Augen aus dem Fenster. »Läuft es jetzt darauf hinaus, seit du bei all deinen neuen Freunden superbeliebt bist?«, frage ich. »Verbringst du nun deine ganze Freizeit damit, sie zu bequatschen, damit sie meine Geheimnisse ausplaudern?«
»Nur die guten.« Damen lächelt und drückt kurz seine Lippen auf meine, während ich rückwärts aus seiner Einfahrt stoße und zum Tor zurückfahre. »Nur die Dinge, die ich wirklich wissen muss.«