NEUNUNDDREISSIG

Du musstest es tun.« Damen sieht mich mit zusammengepressten Lippen an, die Stirn besorgt gefurcht. »Du hast das Richtige getan, du hattest keine Wahl.«

»Oh, es gibt immer eine Wahl«, sage ich seufzend und sehe ihn an. »Aber das Einzige, weswegen ich Schuldgefühle habe, ist deswegen, wie sie geworden ist und wegen der Art, wie sie mit ihrer Macht, ihrer Unsterblichkeit umgegangen ist. Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen meiner Entscheidung. Ich weiß, dass ich das Richtige getan habe.«

Ich lasse den Kopf auf Damens Schulter sinken und erlaube, dass er den Arm um mich legt. Und obwohl ich überzeugt davon bin, angesichts der Umstände die einzig mögliche Wahl getroffen zu haben, macht es das nicht unbedingt leichter. Aber das behalte ich für mich, da ich Damen nicht noch mehr Kopfzerbrechen bereiten möchte.

»Wisst ihr, einer meiner Schauspiellehrer hat immer gesagt, dass man eine Menge über jemanden erfährt, wenn man sieht, wie er mit extremem Stress umgeht.« Miles sieht zwischen uns hin und her. Sein Hals ist noch wund und rot und seine Stimme heiser und rau, doch zum Glück ist er bereits auf dem Weg der Besserung. »Er hat gesagt, echter Charakter zeigt sich daran, wie Menschen auf die größten Herausforderungen im Leben reagieren. Und obwohl ich ihm da absolut zustimme, glaube ich, dass man das Gleiche auch darüber sagen kann, wie Menschen mit Macht umgehen. Ich sag das ja nicht gern, aber es hat mich nicht allzu sehr überrascht, wie Haven reagiert hat. Ich glaube, wir alle wissen, dass sie es seit jeher irgendwie in sich hatte. Wir kennen uns ja schon seit der Grundschule, und soweit ich mich erinnern kann, hatte sie schon immer diese dunkle Seite. Sie war stets von ihren Eifersüchten und ihren Unsicherheiten getrieben, und was ich eigentlich damit sagen will, ist, dass du sie nicht so gemacht hast, Ever.« Er sieht mich an, und seine blutunterlaufenen Augen und das bleiche Gesicht legen Zeugnis von seinem Kummer darüber ab, seine alte Freundin verloren zu haben – ja, fast von seiner alten Freundin getötet worden zu sein –, doch er will unbedingt, dass ich ihm glaube. »Sie war einfach, wer sie war. Und als sie ihre Macht erst einmal erfasst hatte, als sie erst einmal begonnen hatte, sich für unbesiegbar zu halten, tja, da wurde sie einfach noch mehr so, wie sie war.«

Ich nicke Miles dankbar zu.

Dann werfe ich einen raschen Blick auf Jude, der sich in die Ecke verzogen hat und den dort an der Wand lehnenden Stapel Ölgemälde durchsieht, entschlossen, ruhig zu bleiben und sich im Hintergrund zu halten, da er sich verantwortlich für alles fühlt, was soeben passiert ist, und sich wieder einmal dafür ohrfeigen könnte, dass er reichlich heftig in meinen Plänen herumgepfuscht hat.

Und obwohl ich wünschte, er hätte nicht getan, was er getan hat, obwohl es zweifellos in einer Katastrophe von kolossalen Ausmaßen gipfelte, weiß ich doch auch, dass er es nicht absichtlich getan hat. Trotz seines Hangs, in meinem Leben dazwischenzufunken und es immer wieder zu schaffen, sich zwischen mich und das, was ich auf der ganzen Welt am meisten will, zu drängen, stellt er sich mir ja nicht absichtlich in die Quere. Er macht es ja nicht vorsätzlich. Ja, im Grunde hat es eher den Anschein, als würde er dazu getrieben.

Als würde ihn irgendeine höhere Macht lenken – obwohl ich gar nicht genau weiß, was das heißt.

»Tja, und was machen wir nun mit dem ganzen Rest?«, fragt Miles, nachdem er Damen und mir geholfen hat, Romans Tagebücher zu sammeln – oder zumindest die Bände, die wir finden konnten.

Es hätte uns nämlich gerade noch gefehlt, wenn jemand anders auf sie stieße und aus erster Hand den Bericht über das auffällige – und auffällig lange! – Leben einer sehr auffälligen Person lesen könnte, selbst wenn der Betreffende wahrscheinlich vermuten würde, dass es sich bloß um ein Manuskript eines völlig überspannten Autors handelt.

»Wir packen alles in Kisten und bringen es zur Wohlfahrt, würde ich vorschlagen«, sagt Damen und streicht mir mit der Hand über den Rücken, während er sich im Haus umsieht. Überall stehen unzählige Antiquitäten aus den verschiedensten Epochen. Praktisch alles, was einst eingelagert war oder im Laden gewesen ist, befindet sich jetzt hier. Keiner weiß, was Haven damit anfangen wollte. »Oder wir veranstalten einen Privatflohmarkt und spenden das Geld für wohltätige Zwecke.« Er zuckt die Achseln und scheint sich von der Aufgabe leicht überfordert zu fühlen.

Im Gegensatz zu Roman war Damen nie ein Sammler: Er hat es geschafft, sich jahrhundertelang nur auf die Dinge zu beschränken, die er aktuell brauchte, und hat nur die Sachen aufgehoben, die ihm wirklich etwas bedeutet haben. Aber Damen kann ja auch manifestieren. Er weiß um die Vielfalt des Universums. Dagegen hat Roman dieses Talent nie gemeistert, ja, wahrscheinlich wusste er nicht einmal davon, sondern wurde stattdessen immer gieriger. Er konnte nie genug bekommen und glaubte, dass wenn er sich etwas nicht gleich schnappte, es ihm jemand wegnehmen würde, daher griff er stets sofort zu. Er gab nur dann etwas her, wenn er daraus Profit schlagen konnte.

»Aber wenn du irgendetwas siehst, was du wirklich haben willst, dann bedien dich«, fügt er hinzu. »Ansonsten sehe ich keinen Grund dafür, die Sachen aufzuheben. Ich bin an nichts davon interessiert.«

»Bist du sicher?«, fragt Jude und meldet sich damit zum ersten Mal nach all den dramatischen Ereignissen wieder zu Wort. Seit ich Haven getötet und schnurstracks ins Schattenland geschickt habe. »An gar nichts? Nicht einmal daran?«

Wir drehen uns alle um und sehen Jude vor uns stehen, die gespaltene Braue hochgezogen, während er ein Bild in die Höhe hält – ein herrliches, prachtvolles Ölgemälde von einem wunderschönen Mädchen mit tizianroten Haaren, das über ein endloses Feld roter Tulpen tanzt.

Ich schnappe nach Luft, als ich in dem Mädchen auf der Stelle mich erkenne – mich in meinem Amsterdamer Leben –, jedoch ohne zu wissen, wer der Künstler gewesen sein könnte.

»Schön, nicht?« Jude sieht zwischen uns hin und her, bis sein Blick auf mir verweilt. »Falls du dich fragst, es ist von Damen signiert.« Er zeigt auf die krakelige Signatur in der unteren rechten Ecke und spricht kopfschüttelnd weiter. »Ich war gut in meinem früheren Leben, ganz zweifellos. Nach allem, was ich im Sommerland gesehen habe, besaß Bastiaan de Kool sicher ein gewisses Talent – und er führte auch ein ziemlich angenehmes Leben.« Er lächelt. »Aber trotzdem, so sehr ich mich auch angestrengt habe, konnte ich dich nie ganz so auf die Leinwand bannen wie Damen.« Er zuckt mit den Schultern. »Irgendwie hab ich einfach diese … Technik nicht beherrscht.«

Er reicht mir das Bild, und ich betrachte es genauer. Alles ist da – ich, die Tulpen, und obwohl Damen nicht darauf abgebildet ist, fühle ich einfach seine Gegenwart.

Sehe die Liebe, die er für mich hegte, in jedem Pinselstrich.

»Ich würde nicht so schnell einfach alles wegpacken, ohne wenigstens erst einen Blick darauf zu werfen«, sagt Jude. »Wer weiß, was für andere Schätze sich hier noch finden lassen.«

»Du meinst, so was wie das hier?« Miles schlüpft in den seidenen Morgenmantel, den Roman am Abend meines siebzehnten Geburtstags trug – dem Abend, der beinahe so tragisch geendet hätte –, bis ich endlich den Mut und die Kraft aufbrachte, ihn von mir wegzustoßen. »Soll ich den behalten?«, fragt er, bindet sich das Band fest um die Taille und führt ein paar Modelposen vor. »Ich meine, falls ich je eingeladen werde, für eine Rolle als Hugh Hefner vorzusprechen, hätte ich gleich das optimale Outfit!«

Ich will schon fast Nein sagen.

Will ihn schon bitten, das Ding auszuziehen und wegzupacken.

Will schon erklären, dass es viel zu viele böse Erinnerungen für mich birgt.

Doch dann fällt mir wieder ein, was Damen einst über Erinnerungen gesagt hat – dass sie einen verfolgen.

Da ich mich aber weigere, mich von meinen verfolgen zu lassen, hole ich nur tief Luft und sage lächelnd: »Also, ich finde, er steht dir richtig gut. Du musst ihn unbedingt behalten.«