Keith
23. KAPITEL
Unter normalen Umständen wäre Dante zu Fuß schneller gewesen. Aber heute Nacht brauchte er einen Wagen. Anstatt sich also an einen abgeschiedenen Ort zurückzuziehen, um sich auszuruhen, humpelte er mühselig in die Stadt, auf den Gehwegen entlang, und suchte die geparkten Wagen nach steckenden Schlüsseln ab. Lous Gürtel war fest um seinen Schenkel geschlungen, dennoch sickerte mit jedem Schritt mehr Blut aus der Wunde. Seine Jeans waren durchtränkt, und er hinterließ als sichtbare Spur ein dunkelrotes Band. Der Schmerz machte ihn völlig teilnahmslos.
Und das Schicksal schien sich gegen ihn verschworen zu haben, denn jedes Auto in seiner Umgebung war verschlossen. Kein Schlüssel in Sicht. In all den Jahren hatte er nie die Kunst des Autodiebstahls erlernt, und das bedauerte er jetzt. Wenn er überlebte, würde er sich diese Fähigkeit aneignen.
Scheinwerfer leuchteten ihm in die Augen, und Dante zog sich instinktiv in den schattigen Schutz eines Eingangs zurück. Das Auto, ein weißer Ford Mustang, rollte in einen leeren Parkplatz. Das Radio plärrte laut. Dann wurde es still, und die Lichter gingen aus.
Dante schloss die Augen und konzentrierte sich. Er warf sein Netz weit aus, suchte, siebte in seinen Gedanken durch tausend Stimmen, die in der Nähe waren, näher, noch näher, bis er sich auf den Fahrer eingestellt hatte. Der junge Mann war fröhlich betrunken und summte. Er dachte an das Mädchen auf dem Beifahrersitz, und wie willig sie war. Dachte daran, wie oft er es ihr besorgen konnte, ehe der Alkohol, den er getrunken hatte, ihn in den Schlaf lullte, und nahm sich vor, nichts mehr zu trinken, damit er das meiste aus ihr herausholen konnte.
Dante schlich sich leise wie ein Einbrecher in seine Gedanken, und jedes Mal, wenn sie sich den Schlüsseln in der Zündung zuwendeten, lenkte Dante ihn ab, indem er ihn sanft zurück zu Alkohol und Sex und der Frau neben ihm zurückführte. Es war überhaupt nicht schwer, wenn sie betrunken waren.
Innerhalb eines kurzen Augenblicks hatte der junge Mann das Auto verlassen, es lachend umrundet, einen Arm um das Mädchen geschlungen und war auf unsicheren Beinen zu einem der Gebäude an der Straße getorkelt. Dante spürte, wie sie die Treppe hinauf zu der Wohnung über einem Laden gingen. Er ließ sie hineingehen, ehe er sich aus den Gedanken des Mannes zurückzog. Allein diese einfache Anstrengung hatte ihn fast seine ganze Energie gekostet.
Er richtete sich mühsam auf und marschierte los, wobei er sein Bein hinter sich herzog. Er schaffte es bis zum Wagen und sah erleichtert, dass die Schlüssel wirklich in der Zündung steckten. Er riss die Tür auf, stieg ein, ließ den Motor an und fuhr los.
Er brauchte Blut, und seine Wunde musste genäht werden, damit er nicht verblutete, ehe der Tagesschlaf ihn heilen konnte. Fina hatte ihn verlassen. Auch wenn es sich aus ihrer Sicht sicherlich anders darstellte. Er musste es zu Belinda schaffen, der Frau, die er sich in Bangor hielt.
Eine Stunde Autofahrt benötigte er bis zu ihr. Zu ihrer Wohnung. Er hatte eine Schlüsselkarte, die ihn einließ, und schaffte es wirklich bis zum Fahrstuhl, ohne von jemandem gesehen zu werden. Zu dieser nachtschlafenden Stunde war das Haus dunkel und fast vollkommen still. Gott sei Dank. Lange würde er es nicht mehr aushalten.
Er fiel gegen ihre Tür und klopfte schwach mit der Faust dagegen. Als sie nicht antwortete, öffnete er selbst und stolperte hinein.
Belinda lag auf dem Sofa. Sie trug Rot und hieß ihn mit leeren Augen willkommen. Nein. Jetzt erst bemerkte er es. Sie trug überhaupt nichts. Ihre Pulsadern waren aufgeschnitten. Blut war über die Wände gespritzt, teilweise bis an die Decke, war in den Teppich eingedrungen und ins Sofa. Ihr ganzer Körper war beschmiert. Und es war altes Blut. Totes Blut. Verschwendet.
„Dachtest du, ich weiß nichts von ihr, Dante?“
Dante fuhr herum und geriet fast aus dem Gleichgewicht durch die plötzliche Bewegung.
Hinter ihm stand Stiles und grinste ihn mit seiner verzerrten Karikatur eines Grinsens an. „Ich konnte deine kleine lebende Blutbank nicht am Leben lassen. Du brauchtest sie zu sehr. Ich wusste, du würdest heute Nacht herkommen.“
„Sie war unschuldig. Du herzloser Bastard.“ Dante versuchte, sich auf ihn zu stürzen, brach stattdessen aber zusammen und fing sich gerade noch an einem Tisch. Er stand gebeugt da und wurde immer schwächer.
„Der Zweck heiligt in diesem Fall die Mittel. Was du nicht weißt, ist, dass ich einige der Männer, die für die DPI tätig waren, wieder zusammengebracht habe. Oh, wir sind nicht viele. Nur eine Handvoll. Überlebende des berühmten Vampiraufstands von White Plains.“
Dante schüttelte den Kopf. „Die Regierung …“
„… hat nichts mit uns zu tun. Wir werden privat unterstützt. Eure Art sollte sich in Acht nehmen, von wem sie trinken, Dante. Reiche Männer üben gern Rache, und sie können es sich leisten, dafür zu bezahlen.“
Keuchend gelang es Dante, seinen Kopf aufrecht zu halten, obwohl er ihm auf die Brust fallen wollte. „Bessere Auftragskiller“, murmelte er.
„Vampirjäger. Wenn man uns nicht bezahlt, tun wir es … einfach zum Spaß.“ Hinter Stiles traten drei weitere Männer ein, alle bewaffnet. Einer hatte eine Pistole, einer eine Armbrust, der dritte einen Pflock. Dante musste kurz die Augen schließen, so sehr bediente die dritte Waffe das Klischee, und schüttelte den Kopf. „Wie ich sehe, habt ihr einen Anfänger dabei.“
Stiles lachte. Es war ein tiefes, ehrlich belustigtes Geräusch – und doch gleichzeitig gefährlich. „Schön, dass du in so einer Situation noch Witze machen kannst“, sagte er schließlich. „Nein, Dante, das ist kein Anfänger. Der Pflock ist mit einer neuen Chemikalie ausgerüstet, von der wir glauben, dass sie das Ende deiner Art sein wird. Natürlich können wir das nicht wissen, ehe wir es nicht ausprobiert haben.“ Er trat näher und hob Dantes Kinn an. „Rate, wer unser Versuchskaninchen sein darf?“
All seine Kraft, die ihm noch blieb, legte Dante in die Faust, die er jetzt in Stiles’ Magen rammte. Stiles krümmte sich zusammen, stolperte rückwärts, doch die anderen drei traten vor.
„Bleibt genau da stehen.“
Lou Malone, der freundliche Cop, stand plötzlich mit gezogener Waffe im Türrahmen, und die Männer im Raum erstarrten.
„Fallen lassen!“, rief Lou.
Waffen fielen zu Boden.
„Gegen die Wand da hinten. Macht schon, bewegt euch. Gesicht zur Wand. Genau so“, sagte er, während er sie antrieb. „Hände hinter den Kopf. Füße auseinander, Stirn an die Wand. So ist es besser.“
Er zuckte mit dem Kopf in Dantes Richtung. Dante nickte und machte sich auf zur Tür, bückte sich aber auf dem Weg, ging auf ein Knie und hob den hölzernen Pflock auf. Sobald er seine Hand um das Holz geschlossen hatte, begann seine Haut zu brennen. Er ließ ihn schnell wieder fallen, umklammerte sein Handgelenk und starrte schockiert auf seine Handfläche, von deren verbrannter Haut Qualm aufstieg. Er kämpfte sich aufrecht und stolperte in den Flur.
„Ich habe einen Wagen draußen“, meinte Lou, „lass ihn an und warte auf mich. Ich brauche nur eine Sekunde.“ Lou schnappte sich das Telefon und wählte den Notruf.
Dante schleppte sich nach unten, um im Auto zu warten.
Lou schlug den Männern mit dem Griff seines Revolvers auf den Kopf. Dann legte er seine Handschellen um ein altes Heizungsrohr und fesselte zwei von ihnen daran. Er schloss die Tür und ließ sie liegen. Sie würden hoffentlich so bleiben, bis die Polizei ankam. Wenigstens eine kurze Weile sollte sie das aufhalten. Lange genug, um seinen übernatürlichen Gefangenen in Sicherheit zu bringen.
Wahrscheinlich war die Verfolgungsjagd damit noch lange nicht zu Ende, aber wenigstens konnte Stiles sich erst einmal nicht mehr einmischen. Es überraschte ihn, als er zurück zu seinem Wagen kam und Dante zusammengesackt darin vorfand. Er konnte nicht glauben, dass der Vampir nicht wieder geflüchtet war.
Er stieg ein, fuhr den Wagen zurück zu seinem Hotel in Easton, wo er den Hintereingang benutzte, um den Vampir hinauf in seine Suite zu bringen. Dante kam kurz wieder zu Bewusstsein, als Lou ihn mit vollem Körpereinsatz ins Hotel schleifte, in den Fahrstuhl und hoch zu seinem Stockwerk. Drinnen nahm er den ausgelaugten Vampir gleich mit ins Badezimmer und setzte ihn mit dem Rücken zur Wand auf den Boden.
Dante bewegte sich nicht. Mist. Vielleicht war er schon tot. Lou hatte keine Ahnung, wie er das feststellen sollte. Konnte man einen Puls fühlen? Hatten Vampire einen Puls?
Er fand eine Schere, eine Nadel und ein Stück Faden in Lydias Kulturbeutel. Okay. Also konnte er den Kerl wenigstens zusammennähen. Er blutete noch immer, sodass sich mittlerweile eine Lache auf dem Badfußboden gebildet hatte.
Lou benutzte die Schere, um die Jeans direkt unter der improvisierten Aderpresse abzuschneiden. Er zog das durchnässte Stück Denim ab und warf es in die Badewanne. Dann blickte er von Dantes glänzend rotem Bein zu Nadel und Faden, beides noch auf der Anrichte. „Mist.“
Er stand auf und ging in den Teil der Suite, der als Wohnzimmer diente. Dort öffnete er die Minibar und nahm zwei kleine Flaschen heraus. Whiskey und Wodka. Er drehte den Verschluss von der Whiskeyflasche ab, legte sie an seine Lippen und trank sie in einem Zug leer.
Dann schraubte er den Verschluss der Wodkaflasche ab und nahm sie mit zurück ins Badezimmer. Er schüttete etwas über die Wunde und spülte das Blut auf diese Weise aus, als Dante vor Schmerz zu stöhnen begann. Als Lou ihn ansah, waren seine Augen offen.
„Ich dachte schon, du bist tot.“
„Was zum Teufel machst du da mit mir?“
„Unterbrich mich, wenn ich falschliege, aber ich glaube, du bist dabei, bis auf den letzten Tropfen auszubluten. Wahrscheinlich ist das sogar für einen Vampir ziemlich schlecht.“
Dante schloss die Augen und nickte. „Besonders für einen Vampir.“
„Dachte ich mir.“ Lou nahm die Nadel. In ihr steckte bereits ein Stück schwarzer Faden. Er goss Wodka darüber.
„Das ist nicht nötig“, sagte Dante, „ich kann mir keine Entzündung holen.“
„Was du nicht sagst.“ Lou zuckte mit den Schultern und beugte sich über die Wunde.
„Mach dich auf was gefasst.“ Er stach die Nadel ein und zuckte dann vor Schreck über den Schmerzensschrei zusammen. „Nicht mal ich würde so schreien. Ich dachte, du kannst was vertragen.“
Mit zusammengebissenen Zähnen presste Dante eine Erklärung aus. „Bei meiner Art … sind alle Empfindungen … verstärkt.“
„Oh. Wusste ich nicht.“ Lou schaute zu ihm hinab. Sein Gesicht war vor Schmerz zu einer Grimasse verzerrt. „Soll ich aufhören?“
„Nein.“
Als er dem Mann das nächste Mal die Nadel ins Fleisch stach, zuckte Lou selber zusammen. Vier Stiche, schön eng gezogen. Mehr brauchte es nicht, um die Wunde vollkommen zu schließen. Er nickte zufrieden.
„Da ist noch eine … genau wie diese“, sagte Dante, „auf der anderen Seite.“
„Jesus.“ Lou griff nach dem Wodka, trank aus, was noch in der Flasche war, und half Dante, sich auf die andere Seite zu rollen.
Es war furchtbar, jemandem solche Schmerzen zuzufügen, egal ob Vampir oder nicht. Lou war kurz davor, sich seines Mittagessens zu entledigen, als er endlich fertig war und sein Patient kaum mehr als ein zitterndes Häuflein Elend. Dennoch, die Stiche hielten. Dante blutete nicht mehr. Nicht einmal, als Lou ihn vom Boden aufhob, ihn an den Rand der Wanne lehnte und so gut es ging das Blut von ihm abwusch. Dann trocknete er den Vampir ab und half ihm zum nächstgelegenen Bett.
Wenn Dante die Nacht überstand, würde er wahrscheinlich überleben. Lou hatte genug mitbekommen, um sich denken zu können, dass Vampire am Tag heilten, während sie schliefen. Er beseitigte die Sauerei im Badezimmer und machte es sich dann in einem Sessel neben dem Bett bequem. Er hatte vor, bis Sonnenaufgang Wache zu halten.
Es würde eine lange Nacht werden. Er seufzte, nahm das Telefon ab, rief das Krankenhaus an und bat, zu Maxine durchgestellt zu werden.
Als ihre Stimme am anderen Ende der Leitung ertönte, klang sie angespannt und müde. Alt. Viel zu alt, um von einem Mädchen wie ihr zu kommen. Er wollte etwas sagen, das alles besser machte. Sie trösten. Irgendwas. Aber er wusste verdammt noch mal nicht, was.
„Wie geht es Morgan?“ Dumme Frage. Was glaubte er denn, wie es ihr ging?
„Die geben ihr Flüssigkeit. Kein Blut. Es gibt keine Spender. Sie braucht es, sonst stirbt sie.“ Ihre Stimme brach, auch wenn sie sich alle Mühe gab, ihre Tränen zu verbergen.
„Es tut mir leid, Max.“
„Hast du ihn gefunden?“
„Dante? Ja. Er ist auch nicht gerade gut in Form. Ich habe getan, was ich konnte. Jetzt ruht er sich aus.“
„Und Stiles?“
„Er und ein paar Freunde werden heute Nacht der örtlichen Polizei einen Besuch abstatten, wenn alles so läuft, wie ich hoffe. Ich glaube nicht, dass sie uns vor morgen früh wieder in die Quere kommen. Vielleicht noch später.“
„Dann ist meine Schwester für heute Nacht sicher.“
„Soweit wir wissen, ja.“
Stille am anderen Ende der Leitung.
„Max … es tut mir so leid, dass ich dich enttäuscht habe.“
Es kam keine Antwort. Er senkte den Kopf und dachte verzweifelt darüber nach, wie er das Schweigen brechen konnte. „Ich bin in der Suite. Die Nummer hast du?“, entschloss er sich schließlich, ihr zu sagen.
„Ja.“
„Ich werde bis Sonnenaufgang ein Auge auf ihn haben. Bei Tageslicht kann er ja, wenn ich die Sache richtig verstanden habe, keinen Schaden anrichten.“
„Das stand auch so in den Akten, ja.“
„Dann verstaue ich ihn gegen Morgen irgendwo, wo es dunkel ist, und wir überlegen uns die nächsten Schritte. Okay?“
„Okay.“
„Und du rufst an, wenn du mich brauchst.“
„Ich komme schon klar.“
Das tat weh. Es fühlte sich an, als hätte sie gesagt, sie brauchte ihn nicht. Würde ihn nicht mehr brauchen. Hielt ihn nicht mehr für den Mann, dem sie immer vertrauen konnte. Er hatte sie enttäuscht. War von seinem verdammten Podest gefallen.
„Okay, na dann.“ Ein tiefer Atemzug und ein Seufzen folgten.
„Gute Nacht, Lou“, sagte sie und legte auf.
Die Stille der unterbrochenen Leitung schien ihn zu erdrücken. Er seufzte nochmals und legte den Hörer wieder auf. Noch einmal inspizierte er die Suite, überprüfte, ob auch wirklich alle Türen fest geschlossen und verriegelt waren. Hinterher fiel ihm noch ein, die leeren Fläschchen aus dem Mülleimer zu nehmen und vor die Tür zu stellen. Wenn die sich öffnete, würden sie umfallen und gegeneinander schlagen, und ihn hoffentlich wecken, falls er eingenickt war.
Endlich ging er zurück ins Schlafzimmer, setzte sich in den Sessel neben dem Bett, in dem der verwundete Vampir schlief, und erlaubte wenigstens seinen Augen etwas Ruhe, indem er sie schloss.
„Du bist schrecklich streng mit ihm, weißt du.“
Maxine drehte sich vom Telefon zum Empfangstresen, wo Lydia stand und sie beobachtete. „Ist das ein mütterlicher Rat oder nur eine Meinung?“
Lydia zuckte zusammen. Aber dann schien sie sich zu fangen. „Das habe ich wahrscheinlich verdient. Wenigstens deiner Meinung nach.“
Da war anscheinend doch so etwas wie Schuldgefühle, die ihr jetzt einen Stich gaben, doch sie ignorierte sie einfach. „Wie geht es Morgan?“
„Unverändert. Die Ärzte haben sie jetzt allerdings verkabelt. Tropfe, Monitore und so weiter.“ Sie senkte ihren Blick nicht schnell genug, sodass Maxine noch die Tränen in ihren Augen bemerkte. Sie waren tatsächlich so rot, als hätte sie die ganze Nacht geweint. „Gott, hoffentlich bekomme ich noch eine Gelegenheit, es ihr … ihr zu sagen.“
„Dass du ihre Mutter bist?“, fragte Maxine. „Die Chance hattest du bereits, Lydia. Aber du hast kein Wort gesagt. Nicht zu Morgan und zu mir auch nicht.“
Langsam hob Lydia den Kopf und sah Maxine an. „Ich hoffe, ich kann ihr noch sagen, dass ich sie liebe. Mehr nicht. Ich hatte nie vor, ihr – euch beiden – den Rest zu erzählen.“
Maxine schluckte den Knoten der Schuldgefühle, der in ihre Kehle aufstieg, hinunter. „Warum?“
„Ich dachte, das hätte ich dir erklärt. Wie gefällt es dir, zu wissen, dass deine Mutter eine Hure war?“
Dieses Mal zuckte Maxine zusammen. Die Worte saßen wie eine Ohrfeige. „Du schämst dich für deine Vergangenheit.“
„Nein. Nein, ich schäme mich nicht. Aber ich wusste, du würdest es und deine Schwester da drinnen auch, wenn sie die Wahrheit erfährt.“
„So gut kennst du uns also? Nach all den … was? Tagen?“
Eine Krankenschwester kam an den Tresen, und die Unterhaltung verstummte, während sie die Papiere durchsah und Krankenblätter zusammensammelte. Maxine wendete sich ihr zu. „Könnten Sie das Telefon im Zimmer meiner Schwester anstellen lassen, falls ich es noch einmal brauche?“
„Es tut mir leid, keine Telefone auf der Intensivstation. Aber im Warteraum gibt es ein öffentliches Telefon. Auch einen Fernseher. Der liegt dem Zimmer ihrer Schwester direkt gegenüber.“
Sie nickte. „Wenn ich noch einen Anruf bekomme, können Sie ihn dahin durchstellen?“
„Sicher.“
Maxine blickte zu Lydia, neigte den Kopf und machte sich auf den Weg den Flur hinab bis zum Wartezimmer. Als sie an der Intensivstation vorbeikamen, konnten sie durch eine große Sicherheitsglasscheibe in Morgans Zimmer sehen. David war bei ihr, hielt ihre Hand und sprach mit ihr. „Gleiche Szene, anderes Krankenhaus“, murmelte Maxine.
„Hier ist es.“
Auf der anderen Seite des Korridors war eine Tür, die Lydia für sie offen hielt. Sie ging hinein und sah sich um. Es gab drei Automaten – Snacks, kalte Getränke und Kaffee. Einen Fernseher, ein Radio, ein Telefon – kein Münzfernsprecher, ein echtes Telefon. Einige Stühle und ein paar Futons machten das Bild komplett. Maxine ließ die Tür offen und setzte sich dann so hin, dass sie ihre Schwester gegenüber genau im Blick hatte.
Lydia ließ einige Münzen in den Kaffeeautomaten fallen und wartete darauf, dass ihr Becher sich füllte.
„Du sagst, du schämst dich nicht dafür, vor all den Jahren dein Geld auf diese Art verdient zu haben“, nahm Maxine das Gespräch wieder auf. „Das interessiert mich.“
Lydia nippte an ihrem Kaffee und verzog das Gesicht. „Ich hatte keine andere Wahl.“
Geduldig wartete Maxine noch eine Weile, aber Lydia schien nicht weitersprechen zu wollen. „Komm schon, Lydia. Meinst du nicht, ich habe ein Anrecht auf die ganze Geschichte?“
Ihre Mutter ging zu einem der Stühle, setzte sich langsam, nahm noch einen Schluck Kaffee und stellte den Becher dann auf den kleinen Tisch neben dem Stuhl. „Wahrscheinlich. Es ist aber keine schöne Geschichte.“
„Das ist die Wahrheit selten.“
Lydia nickte und schien sich zusammenzunehmen. „Als ich zehn Jahre alt war, starb mein Vater. Als ich elf war, heiratete meine Mutter noch einmal. Dieser Mann, mein Stiefvater, hat mich missbraucht.“
Wie kalt und klinisch sie klang, wunderte sich Maxine. „Hat er dich geschlagen?“
„Geschlagen, vergewaltigt. Er hat mir auf jede Art wehgetan, die er sich vorstellen konnte. Meiner Mutter auch. Aber sie brachte es nicht über sich, ihn zu verlassen; ich schon.“
„Dann bist du von zu Hause weggelaufen? Wann? Wie alt bist du gewesen?“
„Vierzehn. So lange brauchte ich, um zu merken, dass meine Mutter mich nicht beschützen würde. Sie konnte sich nicht einmal selbst schützen. Und es wurde immer schlimmer. Ich wusste, wenn ich nicht bald da rauskomme, bringt er mich letzten Endes um.“
„Wohin bist du gegangen?“ Maxine betrachtete sie. Lydias Augen waren kalt. Leer.
„Nirgends. Ich konnte nirgendwo hin. Ich blieb in der Stadt, lebte auf der Straße und fand dort Freunde. Die Drogen haben geholfen, den Schmerz zu vergessen. Die Leute dort haben mir beigebracht, wie man überlebt. Am Anfang war die Vorstellung, meinen Körper gegen Geld zu verkaufen, schrecklich. Aber wenn man erst genug Hunger hat, ist es gar nicht mehr so schlimm. Es war jedenfalls viel besser als alles, was zu Hause mit mir passiert ist. Hier hatte ich die Kontrolle. Ich konnte sagen, wann und wie und wer – wenigstens machte ich mir das vor –, und ich wurde dafür bezahlt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Für eine Weile ging alles gut – dann wurde ich schwanger.“
Maxines Magen zog sich zu einem Knoten zusammen. „Hast du sie nicht … mussten sie sich nicht schützen?“
„Ich konnte die zu nichts zwingen, Max. Es ist gefährlich da draußen. Wenn man dem falschen Freier in die Quere kommt, endet das mit Narben – oder noch schlimmer.“
„Du hast Glück, dass du nur schwanger geworden bist.“
„Das stimmt.“
„Und was ist dann passiert?“
Lydia neigte ihren Kopf. „Da war diese alte Frau. Mary Agnes Brightman, aber alle nannten sie nur Nanna. Sie hatte ein großes Haus in White Plains. Es hieß, sie nimmt schwangere Teenager bei sich auf. Also bin ich hin.“
„Und sie hat dich aufgenommen?“
„Ja. Sie war nicht amtlich registriert. Sie hatte einfach ein großes Haus und ein großes Herz. Sechs von uns wohnten die ganze Zeit bei ihr, während ich dort war, und unzählige andere kamen und gingen. Nanna hat uns Essen gegeben, eingekleidet und mit uns wie mit intelligenten Menschen geredet, verstehst du?“ Sie seufzte. „Einige haben sich für eine Abtreibung entschieden, und dann hat Nanna dafür gezahlt, sie zu einem guten Arzt gebracht und dafür gesorgt, dass sie vorher und nachher zur Beratung gingen. Andere wollten ihre Babys behalten und versuchen, sie aufzuziehen. Denen hat sie geholfen, eine Wohnung zu finden, Arbeit, einen Betreuungsplatz, und sie hat für sie Unterstützung beantragt, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnten. Einige haben sich dafür entschieden, ihre Kinder zur Adoption freizugeben. Nannas Sohn war Anwalt, und er hat die Vermittlung übernommen, ohne eine Gebühr zu verlangen.“
Für Maxine setzte sich das unvollständige Puzzle ihres Lebens langsam zusammen. „Dafür hast du dich entschieden.“
„Nanna und ihr Sohn Brian haben mich zu dem Paar mitgenommen, das dich adoptieren wollte. Oh, ich habe sie nicht getroffen. Ich kannte auch ihre Namen nicht. Aber ich habe sie beobachtet. Sie waren einkaufen. Sie waren an die Spitze von Brians Warteliste gerückt, deshalb wussten sie, dass sie in weniger als einem Jahr ein Kind bekommen würden. Sie haben Möbel gekauft. Ein Bett, ein Laufgitter. Und ich habe ihnen dabei zugesehen. Sie hat jedes Mal, wenn sie ein kleines Kleidungsstück oder einen Teddybären hochgehalten hat, feuchte Augen bekommen. Echte Tränen in den Augen. Er sagte dann etwas Lustiges, machte Scherze über Kindernamen oder so etwas, bis sie wieder lächelte. Sie sahen … so gut aus. Verstehst du? Nett. Normal. Und die Frau, lieber Gott, sie hat dich so sehr gewollt.“ Mit einem Zittern in der Stimme fuhr Lydia fort. „In der Nacht hat mir Brian Fotos von ihrem Haus gezeigt, auch wenn er mir nicht sagen konnte, wo es stand. Ich hatte keine Ahnung, dass es so nahe war – mitten in White Plains.“
Endlich konnte sie Maxine wieder in die Augen blicken. „Ich wusste, dort würdest du glücklich sein.“
Maxine fühlte sich selbst etwas gerührt. „Aber sie wollten uns nicht beide?“
„Sie hatten nicht die Gelegenheit, die Entscheidung selbst zu treffen. Als wir erfahren haben, dass ich Zwillinge erwarte, hat Brian mich einfach glauben lassen, beide gingen in die gleiche Familie. Aber das war nicht der Fall. Er hat deine Schwester einer anderen Familie vermittelt.“
„Warum?“
Lydias Stimme war mittlerweile rau geworden. „Oh, er dachte, er täte etwas Gutes. Half einem guten Freund an der Westküste, der so verzweifelt ein Kind wollte. Ich glaube nicht, dass er irgendwem schaden wollte. Aber das hat er natürlich. Ich erfuhr die Wahrheit erst, als Nanna zehn Jahre später starb. Sie hatte es irgendwie herausgefunden und war deshalb stinkwütend auf ihren Sohn. Sie hinterließ mir ihr Haus, als Wiedergutmachung sozusagen.“
„Und du hast ihre Arbeit weitergeführt“, ergänzte Maxine.
„Ich bin oft dorthin zurückgegangen und habe Nanna mit den neuen Mädchen geholfen, wenn ich gerade keine Arbeit hatte. Echte Arbeit. Alle Mädchen, die zu ihr kamen, mussten versprechen, nicht zurück in ihr altes Leben zu fallen. Ich war eine der wenigen, die dieses Versprechen hielt. Kimbra war auch eine. Ich habe sie in Nannas Haus kennengelernt.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Als sie also gestorben war und mir ihr Haus hinterlassen hatte, wusste ich darüber, wie man es führen musste, bereits ebenso viel wie Nanna selber. Und Kimbra entpuppte sich als großartige Geschäftsführerin. Sie hat dabei geholfen, uns zu einer gemeinnützigen Organisation zu machen. Haven House.“
Maxine atmete tief durch und sah Lydia an. „Und du dachtest, Morgan und ich würden uns für diese Geschichte schämen?“
Ihre Mutter wendete sich ab. „Nur für den Anfang.“
„Nur gar nicht.“ In einer ganz spontanen Geste griff Maxine nach Lydias Hand. „Du hattest recht mit dem Ehepaar. Ich hatte genau die harmonische Kindheit, die du mir gewünscht hast. Und wenn dieser Anwalt Morgan nicht woanders hingebracht hätte, wäre es ihr genauso gegangen. Meine Adoptiveltern waren wunderbar, Lydia. Mir hat es nie an etwas gefehlt. Schon gar nicht an Liebe.“
Lydia schloss ihre Augen. „Du ahnst ja nicht, was es mir bedeutet, das zu hören. Dich loszulassen – es war so schwer.“
„Das kann ich mir vorstellen. Aber du hast das Richtige getan. Und ich bin dir dankbar.“
„Das Richtige … für dich, vielleicht. Aber Morgan …“
„Gib Morgan noch nicht auf, Lydia. Sie hat doch einen guten Stammbaum.“
Beide drehten sich um und sahen über den Flur, durch die Scheibe, hinter der Morgan lag. Lydia nickte. „Ich, ähm, ich werde mich eine Weile zu ihr setzen.“
„David sieht aus, als könnte er eine Pause vertragen.“
Als Lydia aufstand, trat Maxine auf sie zu, zögerte kurz und umarmte Lydia dann ein wenig ungelenk. Lydia drückte sie fest an sich und ließ sie dann wieder los.
„Ich glaube, ich rufe Lou mal zurück.“
„Gute Idee“, stimmte Lydia ihr zu. Sie nickte aufmunternd und verließ das Zimmer.
Lou schlief in seinem Sessel, den Kopf auf eine Seite geneigt, ein Ohr in seine eigene Schulter gedrückt. Etwas weckte ihn auf. Eigentlich waren es zwei Dinge. Da war Dantes Stimme. Und sie kam aus der Nähe. Sehr nahe. Er war genau vor seinem Gesicht.
„Es tut mir sehr leid, Malone. Aber mir bleibt keine andere Wahl.“
Dann klingelte das Telefon, und Lou riss die Augen auf. Dante stand über ihn gebeugt, und Lou versuchte, den Vampir von sich zu stoßen, aber der Sessel kippte stattdessen nach hinten über, und Dante fiel mit ihm zu Boden. Er versenkte seine Zähne in Lous Hals, während Lou noch versuchte, ihn abzuschütteln.
Lou schwang einen Arm und warf den Nachttisch um. Das Telefon fiel auf den Boden. Er hörte wie aus weiter Ferne eine blecherne Stimme, die seinen Namen rief.
„Jesus!“ Das Gefühl, ausgesaugt zu werden, war nicht gerade angenehm. „Ich habe dein verdammtes Leben gerettet!“ Seine Worte sollten eigentlich lautstark aus seiner Kehle erschallen, aber der Klang war eher schwach. „Ich habe dir geholfen!“
Sein Herz schlug schneller, als er es für gesund hielt, und er wehrte sich immer weiter gegen diese Kreatur; allerdings erfolglos.
Endlich hob Dante seinen Kopf und legte Lou vorsichtig auf den Boden nieder. „Du hilfst mir immer noch“, versuchte der Vampir ihn zu beruhigen, und er sah … anders aus. Stärker. Seine Augen glühten, und seine Haut schien prall mit Leben gefüllt zu sein.
Ja, dachte Lou. Mit meinem Leben.
Dante wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab, hob Lou dann vom Boden hoch, um ihn aufs Bett zu legen. Dann drehte er sich um, hob das Telefon vom Boden auf und stellte es zurück auf den Nachttisch. Den Hörer hatte er noch nicht aufgelegt. Er hielt ihn sich jetzt ans Ohr. „Dein Freund braucht dich, Maxine. Er wartet im Hotel auf dich. Du solltest dich beeilen. Ich habe ihn nicht ausgesaugt, aber ich hatte verdammten Durst.“
Dante legte auf.
Stöhnend versuchte Lou, nach dem Hörer zu greifen. Er wusste genau, was der Vampir vorhatte. Er versuchte, Max von ihrer Schwester fortzulocken, damit er zu ihr gelangen konnte. Verdammt.
Allerdings schien er wirklich ein schlechtes Gewissen zu haben. „Es tut mir wirklich leid. Es gab keine andere Möglichkeit.“
Lou versuchte, sich aufzusetzen, als Dante sich umdrehte und das Zimmer verließ, aber es gelang ihm nur, seinen Oberkörper ein kurzes Stück zu heben, ehe er zurückfiel und in der Dunkelheit versank.