Keith

12. KAPITEL

Lou bekam einen Anruf, ehe Maxine ihm zeigen konnte, was sich auf der CD befand, und dann gelang es ihm, sie für ein paar Tage zu meiden – verdammt, sie war sich nicht einmal sicher, warum, es sei denn, er stellte selber einige Nachforschungen an.

Sie erwischte ihn endlich, indem sie nach seiner Schicht vor seiner Wohnung auf ihn wartete. Und dann zwang sie ihn, sich hinzusetzen und auf seinen Computer zu starren, während sie die Maus betätigte und ihm die Vampirakten der Organisation zeigte, die sie als DPI kannte.

Als sie fertig waren, sah Lou Maxine an, als hätte sie ihm mit einem Knüppel zwischen die Augen geschlagen. Noch lange, nachdem sie die Datei schon geschlossen und die CD aus dem Laufwerk genommen hatte, starrte er auf den Bildschirm.

„Glaubst du, wenn du diese Ausgeburt von Bill Gates Gehirn lange genug anstarrst, findest du den Weg zurück in die logische Welt, in der alles einen Sinn ergibt?“

Er warf ihr einen unsicheren Blick zu.

„Glaub mir, das funktioniert nicht. Ich habe selber ein paar Stunden das Windowslogo angestarrt, nachdem ich gesehen habe, was auf der CD ist. Hat kein bisschen geholfen.“

„Das ist Wahnsinn. Das muss ein übler Scherz sein.“

„Der Mann, den ich in der Nacht, als das Feuer ausbrach, gesehen habe, war kein Scherz, Lou. Er war echt. Und er hat die CD und den Ausweis fallen lassen. Dieser Ort, dieses sogenannte Forschungszentrum – da wurde wirklich geforscht, und wie. An Vampiren.“

Mit einem Kopfschütteln versuchte Lou diese Möglichkeit abzuwehren.

„Ich habe dir nie gesagt, was am nächsten Morgen passiert ist. Am Morgen nach dem Feuer.“

„Am nächsten Morgen ist etwas passiert?“

„Mir wurde ein Umschlag vor die Tür gelegt.“

Lou hob seine Augenbrauen, während er sie betrachtete. „Was war drin?“

„Fotos. Meine Freunde, Jason Beck schlafend im Bett und Stormy in ihrer Dusche. Und es gab auch eines von meiner Mutter, in der Garage von ihrer Arbeit. Es wurde am selben Morgen aufgenommen.“

„Irgendeine Nachricht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, er hat angerufen.“

„Er hat dich angerufen?“

Maxine nickte. Lou wurde jetzt richtig aufgebracht. Das hatte sie gewusst. Er war der gelassenste Typ auf dem Planeten, bis jemandem, den er mochte, ein Schaden zugefügt wurde. Dann wurde er auf einmal verdammt gefährlich. Und er mochte sie, auch wenn er zu schwer von Begriff war, um es zu merken.

„Der Mann, den du in der Nacht gesehen hast?“

„Ich glaube schon, ja. Ich meine, er muss es gewesen sein.“

„Was hat er zu dir gesagt, Max? Wusste er, dass du die Sachen genommen hast?“

Langsam schüttelte Maxine den Kopf. „Nein. Aber er wusste, dass ich ihn dort gesehen habe. Er hat deutlich gemacht, dass er meine Freunde und meine Mutter erreichen kann, wann er will, hat mir befohlen, zu vergessen, dass ich jemals dort gewesen bin, und wenn ich auch nur erwähne, dass ich ihn gesehen habe oder selber beim Feuer war, dann würde er es herausfinden, und ich müsste es bereuen.“

„Er hat gesagt, er tut deiner Mutter etwas an.“

Sie nickte. „Und ich habe ihm geglaubt. Das tue ich noch. Ich habe übrigens eine Aufnahme von dem Gespräch gemacht, Lou. Du kannst es dir selbst anhören.“ Niemand konnte behaupten, sie sei nicht für alles vorbereitet. Sie nahm die Kassette aus dem Umschlag, legte sie in Lous Anlage und drückte den Startknopf.

Lou murmelte leise ein paar saftige Flüche. „Ich brauche ein Bier“, meinte er, als die Aufnahme zu Ende war.

„Ich könnte selbst eins gebrauchen.“ Sie ließ ihn sitzen, wo er war – auf dem Rand seiner Couch, die Ellenbogen auf seine Knie gestützt –, ging in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Wie sie erwartet hatte, war er gut gefüllt. So viel Bier, Aufschnitt und Käse, wie ein Mann essen konnte. Ein paar Flaschen Ketchup, Senf, Salsa, scharfe Sauce und Meerrettich. Meerrettich? Sie nahm zwei Flaschen, öffnete sie und nahm sie mit zurück in das Wohnzimmer der Dreizimmerwohnung. Sie gab ihm eine der Flaschen, ließ sich dann auf die Couch neben ihn sinken und nahm einen langen Zug aus ihrer eigenen.

Lou sah sie merkwürdig an.

„Was?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe dich noch nie Bier trinken sehen.“

„Das darf ich schon seit Jahren, Lou.“

„Ist mir klar. Ich sehe dich nur einfach nicht so.“

„War mir gar nicht aufgefallen“, sagte sie und versetzte ihre Worte mit so viel Sarkasmus, wie sie aufbringen konnte.

Einen ewigen Augenblick lang sagte er gar nichts, nippte an seinem Bier und beobachtete sie dabei, wie sie an ihrem nippte. Wie sie das hasste. Endlich stellte er die Flasche auf seinen Couchtisch und fügte dabei zweifellos seiner Sammlung aus angetrockneten Wasserringen einen frischen hinzu. „Du musst halb gestorben sein vor Angst, Max.“

Maxine nahm noch einen Schluck, bevor sie antwortete. „Hat mich ein wenig aufgewühlt, das schon.“

„Du hättest es mir erzählen sollen.“

„Und was hättest du machen können, Lou? Einen Bericht einreichen? Dieser Typ arbeitet für einen Zweig der CIA, Lou. Die verdammte CIA.“

Er seufzte. „Selbst wenn das stimmen sollte …“

„Es stimmt. Und wenn ich dir davon erzählt hätte, hätte er es gewusst. Wenn du einen Bericht eingereicht hättest, hätte er es rausgekriegt, und vielleicht wäre auch dir gedroht worden – oder noch schlimmer.“

„Du hast mich beschützt.“ Lou sagte das völlig emotionslos.

„Nicht nur dich. Mich, meine Mutter, Stormy und Jason.“

„Und mich.“

Es stimmte tatsächlich, deshalb wendete sie ihren Blick ab. „Vielleicht vertraue ich euch Cops einfach nur nicht.“

„Ich weiß, du vertraust Cops nicht. Aber du vertraust mir.“

Sie lächelte nur ein bisschen. „Ja, und du vertraust mir doch auch, oder nicht?“

Seine Antwort kam spontan. „Du bist klug. Du lügst nicht, und es ist verdammt schwer, dir eine Lüge aufzutischen. Wie soll man da kein Vertrauen haben?“

„Du vertraust mir“, sagte sie nachdrücklich. „Also musst du mir auch in dieser Sache vertrauen. Es gibt in der gesamten zivilisierten Welt keine als bei Verstand geltende Person, die an Vampire glaubt. Wenn sie es aber nicht tun, warum hat die Regierung dann ganze Bände vollgestopft mit Nachforschungen über sie? Warum kennt die Regierung ihre Namen und die Lebensgeschichte von so vielen von ihnen? Das ist echt, Lou. Es gibt sie wirklich.“

„Das will mir einfach nicht in den Kopf, Max.“

„Das kommt schon noch. Bei mir hat es ja auch fast fünf Jahre gedauert. Dir bleibt bloß leider nicht so viel Zeit.“

Er warf ihr einen Blick zu, und sie wusste, er wünschte sich, sie würde den Gedanken nicht zu Ende führen, aber sie musste. „Lydia Jordans Freundin wurde von einem von denen umgebracht, Lou. Daran führt kein Weg vorbei.“

Das alles wollte nicht in seinen Kopf. „Sie war mehr als eine Freundin. Und du kannst Lydia trotzdem nichts von der ganzen Sache erzählen.“

„Warum nicht? Was bringt es, die Geschichte geheim zu halten?“

„Ich weiß nicht, was es bringt, aber irgendetwas muss dran sein, sonst würde die Regierung sich ja nicht die Mühe machen, es zu tun!“

Sie riss die Augen auf und nickte ihm zu.

„Verdammt, Max … lass mich nachdenken, okay?“

„Klar.“ Sie trank ihr Bier aus, lehnte sich zurück, griff ohne nachzudenken nach einer Zeitung, die auf dem Couchtisch ausgebreitet lag, und blätterte sie durch. Sie wählte die Boulevardseite, die sie immer zuerst las. Sie schlug sie auf, hielt inne und lachte irritiert. „Wenn man vom Teufel spricht.“

„Was?“

Sie hielt ihm die Seite hin, damit er den Titel des Artikels lesen konnte. „Vampirthriller erhält begehrte Nominierung.“

Er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. „Passt ja prima.“

Der Artikel berichtete über den Film und die zurückgezogen lebende Drehbuchautorin. Als Maxine zur Zusammenfassung des Inhalts kam, stutzte sie. „Ähm … Lou!“

„Ich denke immer noch nach.“

„Ja, okay, dann denk mal über das hier nach. War nicht einer der Namen auf dieser CD, ‚Dante‘?“

Er warf ihr einen scharfen Blick zu. „Ich glaube schon. Warum?“

„Vielleicht sollten wir uns seine Akte noch mal ansehen. Und, ähm – dann sollten wir zwei bald mal ausgehen. Vielleicht ins Kino.“

Im Kino entspann sich der Film, eine Vorgeschichte zu den beiden ersten Teilen, auf der Leinwand. Ein junger Mann, ein Zigeuner, lag auf dem Boden. Sein improvisierter Verband war zerrissen und blutig. Aber er verspürte keine Schmerzen mehr, und seine Kraft kam langsam zurück. Nein, das war falsch, sie durchflutete ihn und sang in seinen Adern wie tausend Violinen. Er riss sich den Verband vom Leib, ballte ihn zusammen und warf ihn auf den Boden. Dann starrte er seine Tante Sarafina an. Ihre schwarzen Augen leuchteten in der Nacht, auch wenn es kein Licht gab, das sie reflektieren konnten. Und er sah jetzt mehr, als er vorher gesehen hatte, als sähe er alles durch neue Augen. Wie er etwas so Offensichtliches nicht hatte bemerken können, war ihm schleierhaft.

Sarafina war kein Mensch. Ihre Haut war zu glatt. Keine Poren, keine Unreinheiten. Ihre Lippen waren zu dunkel, und ihre Augen hatten dieses Glühen, dieses Licht, genau wie ihre Haare. Da war noch etwas. Ohne es zu wollen, legte er instinktiv den Kopf in den Nacken und nahm einen Duft an ihr wahr. Etwas Stechendes und Exotisches, wie eine Mischung aus Sex und Blut. Ihr Duft.

„Auch dein Duft“, erklärte sie ihm leise. Ihre Stimme war eine vieltönige Mischung aus harmonischen Klängen, nicht so flach, wie er Stimmen immer empfunden hatte. Es war, als hätte er nie vorher richtig gehört.

Sein Erstaunen wandelte sich in Abneigung, als ihm klar wurde, dass sie seine Gedanken gelesen haben musste. Mit weit aufgerissenen Augen drehte er sich von ihr fort und rannte in die Wälder.

„Und wo willst du deiner Meinung nach hin, Dante?“

„Nach Hause. Zurück ins Dorf. Wo ich hingehöre.“

„Du kannst jetzt nicht mehr dorthin zurück.“ Sie folgte ihm nicht. Sie blieb stehen, wo sie war, und sie schrie auch nicht. Wieso konnte er sie so deutlich hören, egal, wie weit er von ihr entfernt war? „Du bist jetzt ein Ausgestoßener. Genau wie ich.“

„Du lügst“, brüllte er und rannte schneller und schneller.

Als er sich dem Dorf näherte, wunderte sich der junge Mann, weil er keine Musik hörte. Es war ihre letzte Nacht in diesem Lager. Am Morgen wollten sie weiterziehen. Alles, was gepackt werden konnte, war gepackt. Heute Nacht sollte es ein riesiges Feuer geben, mit Musik und Tanz und Geschichten von früheren Abenteuern, erzählt mit der aufgeregten Erwartung von neuen, die in der Zukunft lagen.

Stattdessen war es still. Er hörte das Feuer knistern und roch es lange, ehe er es hätte riechen sollen. Aber Stimmen hörte er kaum. Nur dann und wann ein Flüstern und das leise Rascheln von Stoff, wenn einer aus seinem Volk sich im Lager bewegte.

Er trat aus den Bäumen und blieb ungläubig stehen. Seine Großmutter kniete neben einem großen Findling und rieb Kräuter mit Mörser und Stößel. Seine Vettern rannten nicht herum und spielten wie sonst, sie saßen einfach da und sahen ihr zu, die Augen feucht, die Schultern gebeugt. Die Männer hatten sich am anderen Ende des Lagers zusammengerottet und murmelten leise mit wütenden Gesichtern. Dante fragte sich, was sie so aufgebracht hatte. Sie sahen aus, als hätten sie etwas Gewalttätiges vor. Die Frauen scharten sich um das Zelt, das Dante und seiner Mutter gehörte. Und durch sie alle hindurch konnte er das leise, gebrochene Schluchzen seiner Mutter hören, das aus dem Zelt drang.

Er fühlte sich vom Licht der Flammen angezogen. „Mutter?“, rief er. „Ihr alle, was ist geschehen?“

Köpfe fuhren herum, Augen wurden aufgerissen und wendeten sich in seine Richtung. Er hörte, wie seine Mutter seinen Namen mit bebender Stimme aussprach, und dann schob sie sich durch die Frauen hindurch und trat aus dem Zelt.

Im selben Moment trat die Großmutter ihr in den Weg und stellte sich genau zwischen die beiden. „Bleib fort!“, befahl sie Dante und hielt die Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger und kleinem Finger empor. Sie zischte, während sie das Zeichen mehrmals in seine Richtung stach. „Bleib fort, sage ich!“

Dante blickte sie erschreckt an. „Großmutter … was ist los? Ich bin es, Dante. Was …?“

Seine Mutter schob die alte Frau zur Seite und kam näher. „Bist du es wirklich, mein Sohn? Dimitri hat gesagt, sie haben dich getötet. Erschossen, als du versucht hast, eine Ziege zu stehlen.“

„Wenn du uns deswegen belogen hast …“ Die tiefe Drohung kam von Dimitris Vater.

„Ich habe nicht gelogen! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Er wurde erschossen. Der alte Mann hat beide Läufe seiner Flinte auf ihn abgefeuert.“

„Du warst nicht einmal dabei!“, fauchte Dante seinen Freund an und verleugnete instinktiv die Wahrheit. Er wusste aus irgendeinem Grund, seine Familie würde ihn für eine Art Dämon halten, wenn er zugab, was wirklich geschehen war. Für einen Vampir würden sie ihn halten, wie auch Sarafina es behauptet hatte. Aber das stimmte nicht. Es stimmte einfach nicht!

„Ich bin dir gefolgt, Dante.“ Dimitri sah ihn jetzt mit zusammengekniffenen Augen an, misstrauisch, vielleicht sogar ängstlich. „Ich wusste, dass du auf ein Abenteuer aus bist. Ich wollte mich dir anschließen, als ich gesehen habe, wie der alte Mann aus dem Haus gekommen ist. Ich habe gesehen, wie er geschossen hat. Ich habe gesehen, wie du gefallen bist.“

„Und dann bist du weggerannt, nicht?“, fragte Dante und klammerte sich an den Gedanken wie ein Ertrinkender an einen Baumstamm. „Gib es zu. Du hast das Gewehr gehört, bist weggerannt und hast mich dort sterben lassen.“

„Ich bin weggerannt.“ Dimitri neigte beschämt sein dunkles Haupt.

„Seht ihr?“ Dante zwang sich zu einem nervösen Lächeln, als er zu seiner Mutter und seiner Großmutter blickte und dann zu den Männern, die sich um sie herum versammelt hatten. Die Frauen hatten ihre Kinder zu sich geholt und standen so weit von ihm entfernt wie möglich. Es waren so viele große braune Augen auf ihn gerichtet. „Er ist nicht lange genug geblieben, um zu sehen, dass der Schuss des Mannes mich gar nicht getroffen hat. Ich habe mich nur erschreckt, deshalb bin ich hingefallen. Ich bin nicht einmal getroffen, schon gar nicht getötet worden.“

Einige von ihnen blickten zu Dimitri auf der Suche nach Bestätigung. Der hob langsam seinen Kopf und starrte Dante an. „Ich habe das Blut gesehen. Du bist wie ein Bruder für mich, Dante, und ich liebe dich, aber ich habe das Blut gesehen.“

Dante zitterte. Er wusste, wie viel Angst Dimitri gehabt haben musste, Zeuge bei einer solchen Sache gewesen zu sein. Er sah sich Hilfe suchend nach den anderen Männern um, fand in ihren Augen aber nur Misstrauen. Und ihm fiel auf, dass einige von ihnen nicht einmal anwesend waren.

„Dreh dich um, Dante“, befahl ihm die Großmutter. „Lass mich deinen Rücken sehen.“

„Dort wirst du nichts finden.“

„Dreh dich um!“

Niemand verweigerte der Großmutter den Gehorsam. Dante drehte sich um, betete, dass sie nichts finden möge, und wünschte sich, seinen eigenen Rücken sehen zu können. Alle starrten ihn an. Er reckte seinen Hals, um über die Schulter nach den anderen zu sehen, und sah, wie seine Mutter ihn genau untersuchte. „Da ist keine Wunde“, sagte sie, „und ich sehe auch kein Blut, allerdings klebt hier so viel Dreck, dass man sich kaum sicher sein kann.“

„Warum könnt ihr nicht einfach meinem Wort glauben?“, fragte Dante. „Dimitri hat sich geirrt. Mutter, du hast um mich geweint, als du geglaubt hast, ich wäre tot. Kannst du dich nicht freuen, jetzt, wo du siehst, ich lebe?“

Sie starrte ihn an, und in ihren Augen begann Hoffnung zu flackern. Sie hob eine bebende Hand an sein Gesicht, und er schloss die Augen in Erwartung ihrer warmen Berührung.

Der Wald neben ihm erwachte zum Leben, als Männer daraus hervortraten, die Männer, die er vorher in der Menge vermisst hatte. Als sie ihn sahen, fuhren sie zusammen, als erblickten sie einen Geist, und Dante blickte fragend zu seiner Mutter.

„Wir haben sie ausgeschickt, damit sie uns deine Leiche bringen, Dante“, erklärte sie ihm.

„Sagt uns“, befahl die Großmutter, „was habt ihr bei der Hütte des Bauern gefunden?“

Der Gruppenälteste, Alexi, hob seine Hände. Er hielt einen Ball aus Stoff darin, und als er ihn ausbreitete, wusste Dante, was es war. Er konnte Alexi nicht davon abhalten, ihn hochzuhalten und allen zu zeigen. Dantes Hemd, mit einem Loch im Rücken, in Fetzen zerrissen und vollkommen durchtränkt von getrocknetem Blut.

„Der Bauer war tot“, sagte Alexi leise. „Zwei Löcher, genau hier.“ Er benutzte seine Finger, um sich selbst gegen den Hals zu stechen, und der junge Dante erinnerte sich daran, wie seine Tante, Sarafina, den alten Mann durch einen Biss in die Kehle ausgesaugt hatte.

„Nosferatu!“, kreischte die Großmutter, schob seine Mutter hinter sich und stach wieder mit ihren Fingern nach ihm. „Verlasse uns, Dämon! Geh deinen Weg und verlasse uns!“

Wie ein Mann wich das gesamte Dorf vor Dante zurück und näher ans Feuer. Er schüttelte den Kopf und hob flehend eine Hand. „Bitte! Ich bin kein Dämon! Ich bin genau wie vorher. Ich bin Dante.“ Er fand die Augen seiner Mutter in der Menge. „Ich bin dein Sohn!“

„Mein Sohn ist tot.“ Die Worte waren leise, tief und vibrierten vor Schmerz.

„Nein!“

„Es war Sarafina, nicht wahr, Junge?“, fragte die Großmutter ihn. „Sie ist zu dir gekommen, als du im Sterben lagst. Sie hat ihren Fluch auf dich übertragen. Stimmt es nicht?“

„Nein!“

Die Großmutter spuckte auf den Boden. „Das werden wir sehen, junger Teufel. Denn die Sonne wird bald aufgehen. Die Seele unseres Dante wird Frieden finden, wenn dein Körper brennt!“

Dantes Mutter fuhr gen Osten herum und starrte in den blasser werdenden Himmel. Dann rannte sie zu ihm, legte ihre Hände auf seine Brust und schob ihn fort. „Geh, Dante! Geh jetzt. Ich kann es nicht ertragen, dich zweimal zu verlieren.“

„Mutter? Ich kann nicht –“

„Geh! Bedeck dich!“

„Du tust ihm keinen Gefallen, Kind“, murmelte die Großmutter.

Dann spürte Dante es. Eine Hitze, die aus seinem tiefsten Inneren aufloderte, als die ersten Sonnenstrahlen den Himmel erleuchteten. Die Strahlen drangen wie Pfeile tief in ihn ein und verbrannten ihn. „Ah!“ Er schlang seine Arme um sich und biss die Zähne zusammen. Dünne Rauchsäulen begannen aus seinem Fleisch aufzusteigen.

„Lauf! In die Wälder. Such dir Schutz!“, schrie seine Mutter.

Das Brennen wurde unerträglich. Dante drehte sich um und rannte los. Die Bäume boten nur für Sekunden Erleichterung, während er sich kopfüber in den Wald stürzte und nach Schutz vor der Sonne suchte. Sein Herz brach, seine Gedanken rasten, aber all das trat an zweite Stelle hinter den lodernden Schmerz seines brennenden Fleisches. Er warf sich in einen Haufen Laub und vergrub sich immer tiefer darin, verteilte die Blätter und Zweige über und um sich, während er sich bis ganz auf den Grund des Haufens arbeitete.

Und dann saß er ganz still da und wartete darauf, dass der Schmerz verging, wartete ab. Er musste nachdenken. Er musste verstehen, warum das alles mit ihm geschah.

Doch plötzlich war sein Kopf so schwer. Viel zu schwer, und seine Augen, obwohl sie mit Tränen gefüllt waren, fielen ihm zu. Er kämpfte darum, wach zu bleiben. Gott, wie konnte er schlafen, wenn seine ganze Welt gerade auf den Kopf gestellt worden war? Aber diesem Schlaf konnte er nicht widerstehen. Im Grunde fühlte es sich gar nicht an wie Einschlafen. Es schien, dachte er, und Panik ergriff sein Herz, als würde er sterben …

Morgan stand auf und rannte aus dem Kinosaal. Dante, der zugesehen hatte, wie sein eigenes Leben sich auf der Leinwand entfaltete, und dabei immer ungläubiger und wütender geworden war, bemerkte, dass sie ging, stand langsam auf und folgte ihr. Sie hatte das getan. Irgendwie war diese Frau an seine Geheimnisse gekommen. Und sie hatte sie der ganzen Welt verraten.

Dafür musste sie bezahlen. Noch heute Nacht.

Lou hatte die gesamte DPI-Akte über den angeblichen Vampir, der sich Dante nannte, gelesen, ehe sie ein Kino fanden, in dem der Film noch lief, den Mad Max unbedingt sehen wollte. Er war vor ein paar Monaten herausgekommen, aber jetzt, wo er die Nominierung für das beste Drehbuch bekommen hatte, war er von einigen Kinos wieder ins Programm genommen worden. Während er noch las, machte Maxine ein Kino aus, in dem der Film lief, und dann kam sie und las über seine Schulter mit, weil noch zwei Stunden Zeit waren bis zur nächsten Vorstellung.

Also waren sie beide ganz gut auf dem Laufenden über den Mist in der Akte, als sie endlich im Kino saßen. Was bedeutete, er wusste es, und er wusste, dass sie wusste, dass da auf der Leinwand so ziemlich genau das passierte, was auch in der Akte stand. Natürlich nicht so trocken. Eigentlich sogar verdammt fesselnd.

Aber die Höhepunkte waren die gleichen. Zigeunerkind, erschossen, weil es eine Ziege gestohlen hatte, zu einem Vampir verwandelt von der exotischen Tante, die nicht älter wurde. Klar. Die Fiktion auf der Leinwand waren harte Fakten, wenn es nach dieser Regierungsbehörde ging. Der einzige Unterschied war, dass der Film Sympathie für diese Kreatur weckte. Er schien verwundet und einsam, verflucht und gejagt. In der Akte handelte es sich dagegen um ein wildes Tier, das geschlachtet werden musste.

Lou wusste verdammt genau, er konnte Maxine jetzt nie mehr davon überzeugen, dass beide Versionen Mist waren. Jetzt nicht mehr.

„Verstehst du jetzt, wovon ich rede, Lou?“

Er ging neben ihr die mit Teppich ausgelegte Rampe des Kinos hinauf. Jemand rempelte sie an, brachte sie aus dem Gleichgewicht, und er griff automatisch nach ihrem Oberarm. „Alles, was ich sehe, ist, dass deine streng geheimen Informationen anscheinend doch nicht so streng geheim sind.“

„Wenn das der Fall wäre, wüsste die Öffentlichkeit davon. Irgendein Reporter hätte schon längst alles herausgefunden.“

„Was, hast du die letzte Ausgabe des Enquirer verpasst? Ich bin mir sicher, die haben darüber geschrieben. Gleich neben dem Baby, das in einem Kürbis gefunden wurde, der noch an der Ranke hing, und der Häufung von Entführungen durch Außerirdische in Nirgendwo, Nebraska.“

Sie warf ihm einen spöttischen Blick zu. „Wenn die Öffentlichkeit davon wüsste, stünde es in der Times.“

„Ja sicher.“

„Lou, die Sache ist echt. Wir haben die gleichen Fakten aus zwei verschiedenen Quellen. Diese Frau, diese Drehbuchautorin, weiß mehr darüber als wir beide zusammen. Wir müssen mit ihr sprechen.“

Er führte sie zu seinem Wagen, hielt ihr die Tür auf und setzte sich dann hinter das Steuer. „Ich will nicht mehr mit dir darüber sprechen. Morgen früh werde ich ein paar Leute anrufen, die mir noch einen Gefallen schulden.“

„Nein.“

„Ich habe einen Kumpel, der bei der CIA arbeitet. Kein hohes Tier, aber trotzdem … er wird wissen, wen man fragen muss wegen dieser … diesem DPI-Mist.“

„Lou, nein.“

„Ich bin ein Cop, Max. Ich schlucke keinen Fetzen von dieser Geschichte. Das ist einfach nicht meine Art. Nicht ohne Beweise.“

Sie nahm sein Gesicht zwischen ihre flachen Hände und drehte ihn zu sich. Sie war ihm so nah. Nah genug, dass er ihren Atem auf seinen Lippen spüren konnte. Er roch nach heißem, gebuttertem Popcorn und war genau so verlockend.

„Sag es niemandem. Lou, bitte. Es ist zu gefährlich.“

Er sah sie an. Sie hatte diese riesigen grünen Augen, und im Augenblick stand die Angst darin. Er hatte noch nicht oft gesehen, dass Maxine Stuart Angst hatte. Verdammt, wenn sie ihm bloß nicht so nahe kommen würde. Er seufzte, hob eine Hand, fuhr ihr durch die kurzen roten Haare und brachte dabei Abstand zwischen ihr Gesicht und seines. „Okay, in Ordnung. Gut. Ich sage nichts.“

„Und wir versuchen, die Drehbuchautorin zu finden. Morgan De Silva. Nur um mit ihr zu reden.“

Er seufzte und parkte seinen Wagen vor Maxines Haus-Schrägstrich-Büro. „Ich denke darüber nach.“

„Ich mache es mit dir oder ohne dich, Lou.“

„Jetzt hör mir zu, Max. Du musst etwas mehr Geduld haben. Gib mir ein paar Tage, um die Sache durchzusehen.“ Er fuchtelte mit dem erhobenen Zeigefinger, wie ein Vater. „Und in der Zwischenzeit kein Wort zu Lydia. Verstanden?“

„Kein Wort zu Lydia über was, Lou?“, fragte eine Stimme.

Er fuhr herum und sah Lydia selbst, die neben seinem Wagen stand. Anscheinend hatte sie darauf gewartet, dass Max nach Hause kam.

„Kommen Sie mit rein, Lydia“, rief Maxine, stieg aus Lous Wagen und ging zum Haus hinauf. „Ich erkläre Ihnen dann alles. Bis später, Lou.“

„Aber …“

„Bye, Lou“, verabschiedete Lydia ihn lächelnd.

Lou schüttelte kurz den Kopf und fragte sich, wie zum Henker er so schnell die Kontrolle über die Situation verloren hatte. „Hör zu, Lydia, alles was sie dir erzählt, ist reine Spekulation. Das musst du von Anfang an wissen.“

Lydia verdrehte die Augen und schloss sich Maxine an. Gemeinsam gingen sie die Treppen der Veranda zur Eingangstür hinauf.

„Und keine von euch macht irgendetwas, ohne mich vorher anzurufen. Verstanden?“

Maxine blickte über die Schulter zu ihm zurück und zwinkerte ihm zu. „Natürlich nicht. Ohne dich macht es doch keinen Spaß.“

Dann öffnete sie die Tür, und die beiden gingen gemeinsam ins Haus.

Lou fuhr nicht nach Hause. Stattdessen machte er sich auf den Weg zur Wache, denn dort bewahrte er alle seine Telefonkontakte auf. Er suchte sich die Nummer seines Kumpels bei der CIA heraus und rief den Mann an. So vage wie möglich bat er seinen Freund, etwas über eine angebliche geheime Unterabteilung der CIA herauszufinden, die als DPI bekannt war.

Dann fuhr er zurück zu Maxines Haus und beobachtete es für den Rest der Nacht.