Sportwarenmesse
»Auf der Website der ispo 2013 finden sich 51 Aussteller von Trainingsanzügen.«
Vor mir stehen ein Cappuccino und ein viel zu gutes Schokocroissant, ich habe die tz aufgeschlagen und überfliege die Nachrichten. Zum Lesen komme ich nicht, da ich ständig an der Zeitung vorbei durch das große Fenster vom robetti auf die Straße schaue, um ja nicht Jessi auf ihrem Weg zum Brunch zu verpassen. Ich weiß zwar nicht, ob Leo ihr noch zugesagt hat, gehe aber dank ihrer fünf Sterne davon aus.
Sven müsste sich inzwischen im Café Eisbach positioniert haben, falls die beiden sich schon vor zehn Uhr getroffen haben. Es ist mir geglückt, ihn unauffällig davon zu überzeugen, dort nicht mit dem Rad hinzufahren, was nicht leicht war. Letztlich hat mich das Argument gerettet, dass sein Rad extrem auffallend sei und so eine mögliche Verfolgung gefährden würde. Ich selbst will Jessi einfach nur im Auge behalten, um sicherzugehen, dass die zwei nicht spontan ihre Brunchlokalität geändert haben. Ja, ich habe an alles gedacht. Solange sich die beiden nicht im Glockenbachviertel treffen, muss Jessi hier vorbei.
Es ist kurz nach zehn, Robert, der Betreiber des kleinen Cafés weiß, dass ich meiner Freundin auflauere, und findet das alles sehr komisch. Er nimmt an, dass ich Jessi überraschen und deswegen nicht von ihr entdeckt werden will. Wir kennen uns, da ich fast täglich hier bin. Wir wohnen in Katzensprungentfernung, und ich bin den schon genannten Schokocroissants hoffnungslos verfallen. Vom Cappuccino ganz zu schweigen.
»Und sonst? Alles gut bei euch?«, fragt Robert, der gerade eine Horde Schüler mit Quarkbällchen und Brezen glücklich gemacht hat.
»Ach, ja, passt.«
»Und was wird das für eine Überraschung?«
»Eine große, hoffe ich.«
Robert lacht und schenkt seine Aufmerksamkeit dann einem neuen Kunden. Ich widme mich mit halbem Auge einem Artikel zur Wohnsituation in München. Kann ja sein, dass ich mir in den kommenden Wochen eine neue Bleibe suchen muss.
Es vergehen weitere zehn Minuten, bis ich plötzlich die Silhouette einer Hochschwangeren auf die Straße treten sehe. Ich erkenne die Mütze und den Schwangerschaftsmantel, spüre einen Stich im Herzen. Sie hat sich wahrhaft auf den Weg gemacht, Leo zu treffen. Ich hebe die Zeitung, damit Jessi mich nicht durchs Fenster entdecken kann; dass sie hereinkommt, schließe ich aus, vor einem späten Frühstück wird sie bestimmt nichts zu essen kaufen.
Fehleinschätzung.
Jessi betritt das robetti, ich ducke mich hinter meiner tz und hoffe, dass Robert mich nicht verrät.
»Ja, servus«, begrüßt er meine … ja, was eigentlich?
»Hi, Robert. Eine Rosinensemmel, bitte.«
»Geht aufs Haus. Weißt ja, jede zweiundsiebzigste ist eine Treuesemmel«, sagt der spendierfreudige Cafébesitzer.
»Schon, aber das ist erst die achtundsechzigste«, scherzt Jessi zurück. »Oder hat Jens heimlich welche gekauft?«
»Wahrscheinlich.«
Beide machen Hahaha, weil sie wissen, dass ich keine Rosinensemmeln mag. Ich höre das Rascheln der Papiertüte, in die Robert die Semmel steckt, dann raschelt es etwas beherzter, als Jessi danach greift.
»Du, grüß ihn von mir. Ich glaub, er hat auch langsam wieder ein Schokocroissant frei«, verabschiedet Robert Jessi. Kaum hat sie das Café verlassen, luge ich über die Zeitung und sehe sie in Richtung Rumfordstraße weitergehen. Ich springe auf, lege Robert vier Euro hin, er schiebt einen zurück.
»Das stimmt so.«
Ich bedanke mich, lobe ihn noch für sein gelungenes Mitspielen, und er freut sich, die Überraschung nicht verdorben zu haben. Schon bin ich aus der Tür und gut einhundert Meter hinter der Frau, die ich liebe. Es geht vorbei am Waschsalon Wash & Coffee, wo ich mich zuerst auf die Lauer legen wollte, weil Jessi den Laden dank eigener Waschmaschine nur betritt, wenn sie Lust auf Ben & Jerry’s Eiscreme hat. Was an einem Vormittag im März unwahrscheinlich ist. Ein Posten dort wäre also zwar sicherer gewesen, aber weniger genussreich.
Sie überquert die Rumfordstraße, und ich bleibe stehen, da ich ein Detail nicht bedacht hatte. Eine beschissene Kleinigkeit, die mich nun teuer zu stehen kommen wird: den Bülander. Sein Dreckscasino liegt auf dem Weg, den Jessi eingeschlagen hat. Auf dem Weg, den auch ich gewählt hätte. Ich war nur zu dämlich, ihn in Gedanken durchzugehen. Intuitiv überquere ich die kleine Straße, um auf der gegenüberliegenden Seite am Café Benz vorbeizulaufen, dessen Scheiben auf Blickhöhe milchig sind, sodass man weder rein- noch rausschauen kann.
Mein Plan geht erst mal auf, ich komme bis zur nächsten Ecke. Dort jedoch hält der durchgepimpte Mercedes, den ich schon auf dem Bülander-Plakat gesehen hatte. Der Versuch, einfach um den Wagen zu laufen, scheitert am Fahrer, der das Auto in dieselbe Richtung bewegt, in die ich steuere. Bülent lässt außerdem das Beifahrerfenster herunter und befiehlt mir, in die Karre zu steigen. Niemals zuvor ist mir etwas in diesem Ton aufgetragen worden, Bülent hat mir wohl meinen ersten wirklichen Befehl erteilt, dem ich prompt eingeschüchtert folge. Sven ist nun auf sich selbst angewiesen.
»Hast du mein Auto nicht erkannt?«, wundert sich Bülent.
»Nee, woher soll ich das kennen?«, halte ich unschuldig dagegen.
»Schau dich mal in meinem Büro um.«
»Mach ich. Pass auf, bei mir ist was Blödes passiert, und ich kann jetzt nicht.«
»Was?«
»Meinst du, was mir passiert ist, oder …?«
»Ich will wissen, was mit dir abgeht.«
»Meine Freundin, die ist gerade auf dem Weg –«
»Hab ich gesagt, du sollst mir deine Lebensgeschichte erzählen?«
»Nein.«
»Also, was? Bist du mein Buchhalter oder nicht?«
»Nein. Ich kann nicht.«
»Dann schuldest du mir zehntausend Euro.«
»Was?«
»Ja, ich muss schließlich einen Ersatzmann zahlen. Und auf die Schnelle kostet das extra. Wann zahlst du?«
»Ich kann nichts zahlen, du weißt genau, dass ich blank bin.«
»Du redest wie ein Buchhalter. Jetzt komm. Das dauert nicht lange. Und es tut nicht weh. Aussteigen schon.«
Ich bin ihm ausgeliefert. Nein: mir. Es war meine Entscheidung, mich nicht um Jessi zu kümmern, sondern verzweifelt zu versuchen, schnelles Geld zu machen, damit ich mir vorgaukeln kann, dass alles in Ordnung ist. Ich hasse späte Einsichten. Ich hasse nichts mehr auf der Erde. Höchstens Bülent und sein Scheißcafé Benz.
Wir fahren einmal um den Block, dann stellt Bülent sein Auto vor dem Casino auf den Bürgersteig. Er steckt sich eine Zigarette an, offeriert mir auch eine. Ihm ist wichtig, dass ich entspannt in den Laden gehe, die »Prüfer« sind angeblich schon da. Mit seinen Fingern malt er um das Wort Prüfer Gänsefüßchen in die Luft, den Apostrophus digitis (lat. Apostroph mit den Fingern), ohne näher darauf einzugehen, um wen es sich denn bei den vermeintlichen Prüfern handelt.
»Denen sagst du, dass du verpennt hast, tut dir leid, dann zeigst du ihnen die Bücher. Die sind in meinem Schreibtisch in der Schublade rechts.«
»Rechts, wenn ich davor stehe oder wenn ich sitze?«
»Rechts ist rechts, egal, ob du sitzt oder stehst.«
»Ich meine, wenn ich auf der anderen Seite stehe.«
»Rechts.«
»Also links, wenn ich sitze.«
»Was ist mit dir verkehrt?«, schreit Bülent plötzlich. »Du gehst zum Schreibtisch und machst die rechte Schublade auf. Links ist gar keine!«
»Ach so. Also die Schublade.«
»Rechts.«
»Genau.«
»Okay. Viel Glück.«
Das war’s also. Denkt Bülent. Ich hingegen hätte da noch etliche Fragen. Was, wenn die »Prüfer« Fragen stellen? Wenn sie irgendwelche Zahlen erklärt haben wollen? Wenn –
»Dann erzähl irgendwas, aber sag immer, dass wir keine Kohle waschen. Darum geht’s. Wenn die das rausbekommen, bist du tot!«
»Ey, mach mal halblang, solche Drohungen sind übertrieben. Wenn was schiefläuft, können wir über das Geld reden, das ich dafür bekommen soll. Aber tot oder so, nee. Ist nicht.«
»Vergiss es. Sollte keine Drohung sein. Mehr eine Warnung. Die Prüfer sind manchmal etwas grob. Mach einfach.«
Ich drehe mich zur Tür, öffne sie, steige aus dem Ludenschlepper und schnippe meine Zigarette weg. Ich will den ganzen Dreck nur noch hinter mich bringen. Die ganze Aktion ist an Merkwürdigkeit kaum zu überbieten – ich kann mit Buchhaltung so viel anfangen wie ein Buchhalter mit Messemoderationen. Und das wird jeder Finanzbeamte innerhalb weniger Sekunden erkennen. Doch ich verzichte lieber darauf, Bülent zu erklären, wie kacke sein Plan ist. Mit unfassbar viel Glück funktioniert der Schmarrn, und ich gehe mit einem Batzen Kohle nach Hause.
Noch ahne ich nicht, wie falsch ich mit dieser naiven Vorstellung liege. Mein Bild von München ist zu harmlos, zu schön, zu ungetrübt. Dass es hier Typen geben könnte wie diejenigen, denen ich gleich begegnen werde, war für mich nicht denkbar. Hondos und Bülents, klar. Halbstarke Sprücheklopfer, die auch mal jemandem wehtun. Aber sonst, nee. Die schweren Verbrechen finden hier doch meistens familienintern statt. Und damit meine ich keine Familie im italienischen Sinn. Ich kann mich gut an einen Messehelfer erinnern, der eigentlich Drehbuchautor werden wollte und unbedingt eine krasse Mafiaserie in München spielen lassen wollte. Er konnte gar nicht genug betonen, wie krass es in Neuperlach zugeht. Bis ich dann mal mit ihm hingefahren bin. Als uns ein Polizist mit Fahrradhelm entgegengeradelt kam, trug er seine Idee zu Grabe. Oder nach Freiburg. Da soll es ja total gefährlich sein.
Im Café Benz erwarten mich überraschenderweise keine Beamten, die hier eine behördliche Kontrolle durchführen, sondern fünf Typen in Trainingsklamotten. Ich vermute, dass einem von ihnen der matt olivgrün lackierte Cayenne gehört, der um die Ecke im Halteverbot geparkt steht. Mattlackieren ist das neue Tieferlegen; wer sehr viel auf sich hält, kombiniert beides und lenkt einen glanzlosen SUV durch die Stadt, der bei jeder zweiten Bodenwelle aufsetzt.
»Geschlossene Gesellschaft«, ruft einer von den Männern. Ich halte kurz inne, denn noch könnte ich einfach auf der Stelle umkehren. Wäre da nicht Serkan, der mich sofort als »der Buchmacher« vorstellt. Serkan hat eine blutige Lippe, sein rechtes Auge ist geschwollen. Die fünf Fremden haben ihn wohl gefragt, wo Bülent oder derjenige steckt, der die Bücher macht. Jetzt steht er in Form von mir vor ihnen und hat ein äußerst schlechtes Gefühl.
Der Typ, der mich nicht reinlassen wollte, mustert mich, rümpft seine Nase, schaut zu seinen vier Kollegen. Es werden Blicke getauscht, mit Sicherheit wird schweigend meine Glaubhaftigkeit geprüft. Danach fallen ein paar Worte in einer Sprache aus dem Osten, eine mit »tsches«, »itschs«, aber auch »ows«. Hinter und unter Dresden kommt eigentlich jedes Land als Heimat der fünf wilden Kerle in Frage. Dass drei von ihnen Plastiktüten in der Hand tragen, realisiere ich erst in dieser kurzen Pause.
»Wo sind die Bücher?«, fragt dann einer von ihnen in gutem Deutsch mit einer leichten Einfärbung, die ich ebenfalls nicht zuordnen kann. Bulgarien, Rumänien, Weißrussland – nur Polen schließe ich aus.
»Im Schreibtisch, rechte Schublade.«
Mir wird signalisiert, dass ich mich bewegen soll. Mache ich, Serkans verquollene Visage mahnt mich, alles zu tun, was die Trainingscrew von mir verlangt. Ich gehe in Bülents Büro, hinter mir betreten drei der »Prüfer« das Zimmer, tuscheln und lachen leise, ich wette, wegen des Posters. Kurz darauf sitze ich am Schreibtisch, und bevor ich zur Schublade greife, weise ich die drei noch darauf hin, dass ich genau das nun tun werde, damit sie nicht denken, ich würde eine Waffe aus dem Schubfach holen und hier ein Massaker starten. Der Deutschsprechende nickt.
Wenigstens herrscht in Bülents Schublade nicht das Chaos, das ich in jeder von meinen ausbrechen lasse, sobald ich sie öfter als einmal in der Woche öffne. Ich entdecke sofort das dicke, schwarze Buch, von dem er gesprochen haben muss, schnappe es mir und händige es den Männern aus. Da ich momentan nicht in der Lage bin, ihnen im Geiste irgendwelche witzigen Spitznamen zuzuweisen, beginne ich, sie mittels der Farben ihrer Anzüge zu unterscheiden. Der mit dem weißen Streifen an den Hosen schlägt das Buch auf und schaut es sich an. Ich habe leider nicht hineingeblickt, weiß insofern nicht mal, was für Zahlen drinstehen. Offenbar sind sie jedoch interessant. Und der mit dem weißen Streifen geübt darin, sie schnell zu verstehen. Er nickt, reicht das Buch dann dem mit den gelben Reißverschlüssen. Weißstreifen, Gelbverschluss, gute Namen. Der Dritte hat einen Bart, so werde ich ihn nennen.
Bart ist der Furchteinflößendste. Seine Augen stehen zu nah beieinander, die Pupillen sind geweitet, das Gesicht knochig und hart. Über dem rechten Auge erinnert eine Narbe an einen Kampf oder Unfall, vielleicht auch einen Krieg. Doch er ist derjenige, der mit mir kommuniziert, nachdem ihm Weißstreifen und Gelbverschluss ein paar mir fremde Worte zugeflüstert haben.
»Gut, gut. Gute Zahlen. Oder was sagst du?«
»Ja, doch. Sehe ich auch so.«
»Und warum?«
Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich habe keine Antwort auf die Frage. Mir fällt spontan nichts ein. Ich schlucke, atme durch und ergebe mich.
»Ich weiß es nicht. Ich sage einfach nur, was Sie sagen.«
Ich sieze Bart, diesen brutal wirkenden, eiskalten Billigturnschuhträger, gegen den sogar ein Hondo lammfromm wirkt. Bart übersetzt meine jämmerlichen Sätze, Weißstreifen und Gelbverschluss keuchen ein paar Lacher in meine Richtung.
»Ich frage nur, weil ihr pleite seid, wenn das stimmt, was hier steht.«
»Ja.«
»Stimmt es?«
Ich nicke eifrig, denn das würde bedeuten, dass hier eher kein Geld gewaschen worden ist. Geld von Menschen, die Bart nicht mag, folgert mein gestresstes Hirn.
»Gut.«
Bart winkt mit seiner rechten Hand in meine Richtung, worauf die beiden anderen mit ihren Plastiktüten zu mir kommen und den Inhalt auf Bülents Schreibtisch kippen. Es ist Geld. Mehr Geld, als ich je gesehen habe, sprich weit über siebentausendzweihundertdreißig Euro. Damit hat sich mal ein Bekannter ein gebrauchtes Auto gekauft und mich mitgenommen, damit ich im Anschluss sein Altfahrzeug zum Verschrotten fahre. Gelbverschluss verlässt danach kurz den Raum, um noch zwei weitere Tüten hereinzubringen.
»Das sind einhundertdreißigtausend.«
»Soll ich das nachzählen? Oder einen Beleg schreiben?«
»Nein, glaub es mir.«
»Gut.«
»Arbeite es in das Buch ein. Wir warten an der Bar.«
Bart reicht mir das schwarze Buch, dann verlassen er und seine zwei Handlanger Bülents Büro. Mir fällt ein Stein vom Herzen – ich lebe noch, ich bin schmerzfrei, bis jetzt läuft mein Auftrag gut. Die Chancen, dass ich mir heute fünftausend Euro verdiene, sind allerdings mit der neuen Aufgabenstellung von Bart extrem gesunken. Ich kann keine Zahlen, nicht mal die eigene Steuererklärung bekomme ich hin. Schon das Vorsortieren meiner Belege ist eine Herausforderung, der ich kaum gewachsen bin. Meinen Steuerberater freut’s, mich macht es fertig. Die einfachste Aufgabe der Welt, einmal die Woche für drei Minuten meine vier Belege in einen Ordner zu stecken, ist für mich unlösbar. Einhundertdreißigtausend Euro in ein schwarzes Buch voll verwirrender Zahlenreihen zu arbeiten, nein, da lasse ich mir lieber von den fünf Joggern an der Bar ein paar aufs Maul hauen. So arg kann es nicht sein, Serkan sah bestimmt schlimmer aus, als er sich selbst gefühlt hat. Schmerz geht vorbei, man vergisst nur in der Phase, in der es weh tut, wie man sich ohne ihn gefühlt hat, und bezweifelt, dass man sich je wieder normal fühlen könnte. Das ist bei Grippe so, das wird bei einem blauen Auge nicht anders sein.
Ein rückversichernder Blick in das schwarze Buch bestätigt meine Vermutung, dass es nur Zahlen enthält, deren Anblick mich sofort schwindelig macht. Ich stehe auf, gehe zur Tür, atme tief ein.
»Ich schaffe das nicht auf die Schnelle«, verkünde ich, als ich Bart und Co. entgegentrete. Bart mustert mich.
»Wenn du das nicht machst, schneiden wir dir die Eier ab.«
»Bringt nichts, da hat mir vor einem Jahr ein Frettchen reingebissen und mich kastriert.«
»Außerdem ist er schwul«, fügt Serkan hinzu, der mit seiner Homophobie mal wieder ein paar Sympathiepunkte zu erhaschen sucht.
»Was hast du gesagt?«
Da Bart weder Serkan noch mich ansieht, meine Geschichte aber einen höheren potenziellen Erklärungsbedarf in sich birgt, antworte ich.
»Also, das war ’ne blöde Geschichte.«
»Ich meinte den da.« Bart deutet auf Serkan. »Ist der blöd?«
»Keine Ahnung.«
»Und bist du schwul?«
»Nein.«
»Dann lügt er.«
»Na ja, er findet das lustig.«
»Ich nicht«, meint Bart und gibt seinen Schergen ein Zeichen, die sich sofort Serkan schnappen und über die Bar zerren. Dazu sagt Bart etwas mit »itsch« am Ende, und ich drehe mich weg, weil ich nicht mit ansehen will, was jetzt passiert. Ich fand schon als kleiner Junge die lustigen Homevideos nicht amüsant, in denen Kinder Medizinbälle auf den Kopf geschmissen bekommen, mich widern die Nachrichten privater Fernsehsender an, die in einem zweiminütigen Beitrag fünfmal zeigen, wie Jugendliche einen Fremden halbtot schlagen – da kann ich auf eine Live-Schlägerei gut verzichten. Erst rumpelt es gewaltig, dann folgt ein Klirren. Und dann steht plötzlich Bart vor mir.
»Eine Woche, dann sind wir wieder da. Sag Bülent, es tut uns leid, aber der Scheißkerl hat es verdient.«
Dafür bekommt Bart von mir zwei erhobene Daumen, des Buchhalters maximales Zustimmungsbekenntnis. Hinter ihm fliegt Serkan gegen die Scheibe des Café Benz, ich bin sicher, sein Flug hatte eine Landung auf dem Trottoir als Reiseziel, wurde aber mit einem lauten »Plonk!« von der Scheibe abgefedert. Bart ruft seinen Schlägern etwas zu, dann verlässt er mit ihnen das Café Benz. Ich laufe zu Serkan, der malträtiert auf dem Boden liegt, versuche mich an meinen ersten und letzten Erste-Hilfe-Kurs zu erinnern, stabile Seitenlage, keine Ahnung, wie das ging. Arm knicken, drehen, das obere Bein stützend anwinkeln, oder so. Während ich das versuche, rede ich auf Serkan ein, sage ihm, dass der Schmerz vorbeigeht, es wird alles gut. Und schon denke ich an Leo.
Da Serkan atmet, lasse ich erst mal von ihm ab, um nachzusehen, wo Bülent steckt. Sein Auto steht nicht mehr vor der Tür, er muss sich aus dem Staub gemacht haben. Also frage ich Serkan, ob ich den Notarzt rufen soll, er stöhnt: »Nein. Geht schon. Eis, hinter der Bar.«
Mein Handy klingelt, als ich Eiswürfel in einen Champagnerkühler schaufle, Sven meldet sich mit einem Update. Jessi sei grade ins Eisbach gekommen und habe sich zu einem wirklich attraktivem Kerl gesetzt, einem, der im Vergleich zu mir, also, echt.
»Sven! Stop! Ich weiß, wie er aussieht. Er ist perfekt. In den muss man sich verlieben. Und ich kann nur hoffen, dass genau das seine Schwäche ist.«
»Versteh ich nicht.«
»Vielleicht ist er sich zu gut für eine Beziehung. Für Monogamie, ein geordnetes, spießiges Leben, wie meins im Grunde ist.«
»Oder er sehnt sich danach.«
»Das ist jetzt nicht grade hilfreich. Warte kurz.«
Ich reiche Serkan den edlen Eimer voll Eis. Er hat sich inzwischen aufgesetzt und scheint langsam wieder zu sich zu kommen, denn er schaut mich an.
»Du hast gelogen! Du bist es doch!«
Ich überlege kurz, was er meint, und komme drauf, dass er mich gerade von Leo schwärmen gehört hat. Kein Wunder also, dass er seine Schwulenvermutung fälschlicherweise bestätigt sieht.
»Nein, ich spreche von einem Typ, der gerade mit meiner Freundin unterwegs ist und sie mir vielleicht ausspannt.«
»Was?«
»Jens? Mit wem redest du?«, fragt Sven am Telefon.
»Mit einem Bekannten. Warte«, antworte ich.
»Darf ich ihn für dich aufmischen?«, bietet Serkan an, und ich bin überfordert. »Ich brauche das jetzt, ich schwör.«
»Nein, Serkan. Lass gut sein. Und entschuldige, dass ich nicht schwul bin.«
»Is okay.«
»Also, da liegen hundertdreißigtausend Euro auf Bülents Tisch. Keine Ahnung, wo ihr so was aufbewahrt. Ich will damit aber nichts mehr zu tun haben, richte Bülent aus, dass er das in seine Bücher einarbeiten soll, ich kann das nicht. Und dass ich kommende Woche noch mal vorbeischaue, wenn Bart und die Joggingbubis wiederkommen.«
»Wer?«
»Die Typen.«
»Okay.«
Das sollte reichen. Ich habe ihn mit Eis verarztet und ihm alles andere übergeben. Zeit, den Laden zu verlassen.