Hebammenmesse

»Schirmherrin des XIII. Hebammenkongressses ist Frau Manuela Schwesig, Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales des Landes Mecklenburg-Vorpommern.«

Party Night Fever. Einen behämmerteren Titel für die Sendung am Freitagabend hätte sicherlich nur eine Fokusgruppe aus zwölf Schwachsinnigen beschließen können. Die abrufbare Playlist enthält ausschließlich Titel, die mir nichts sagen, von Künstlern, die ich nicht kenne. Mache ich irgendwas falsch, weil ich mein Leben ohne »Promises« im Remix von Skrillex und Nero führe? Wäre ich glücklicher, wenn ich mehr Zedd hören würde? Und wer zum Teufel ist Nicky Romero?

Ich bin den ganzen Samstag damit beschäftigt, mich durch die aktuellen Dancecharts zu hören. Erschreckend ist vor allem, dass die meisten Songs auch in den Neunzigern hätten produziert werden können. Musikkenner würden mich sicherlich für diese Vermutung steinigen, ich selbst finde den Bumm-Bumm-Brei eintönig und ermüdend. Es muss mir also gelingen, vor dem Party Night Fever am Ende der Woche eine sensationelle Radioshow hinzulegen.

Wie gewohnt habe ich mir ein Notizbüchlein gekauft, um darin Ideen für Moderationen und Themen zu sammeln, es beschriftet, mir ein System überlegt, nach dem ich meine Gedanken darin sortieren möchte. Auf die linke Seite kommen jeweils nur Themen, Unterthemen und Stichworte, auf die rechte dazu passende Sätze, Gedanken und Moderationsansätze. Ein dämliches System, wie sich nach kurzer Zeit herausstellt, da schon nach den ersten drei Ideen links die entsprechende rechte Seite voll ist. Dazu ist nicht mehr nachzuvollziehen, was womit korrespondieren sollte.

Auch ein kurzes Gespräch mit Malea in der Küche hilft mir nicht weiter. Da sie perfekt in die Zielgruppe des Senders passt, hatte ich mir erwartet, von ihr mit Themen nur so zugeschissen zu werden. Tatsache ist leider, dass sie sich für »keine Ahnung« interessiert und es cool fände, wenn man im Radio mehr über »weiß nicht« sprechen würde.

»Vielleicht Abtreibung, Pille danach und so«, schlägt sie noch vor. »Darüber unterhalten sich die Tussen auf der Toilette im P1 halt immer. Oder Ficken.«

»Danke, Malea. Das sind top Ideen.«

»Echt? Weil, ich will eigentlich auch was mit Radio machen, also mehr so Fernsehen, aber mir hat mal einer gesagt, dass halt viele erst beim Radio anfangen.«

»Das stimmt. Wenn du willst, kann ich ja fragen, ob die da gerade Volontäre suchen.«

»Wen?«

»Auszubildende.«

»Nee, ich will da keine Lehre machen oder so. Ich fänd’s halt cool, wenn ich da einfach so ablabern könnte. Oder abspasten. Ich kann auch voll lustig sein.«

Eine würdigere Tochter hätte sich Hondo nicht mal selbst zeugen können. Meine Unterhaltung mit ihr hatte trotzdem etwas Gutes, da sie mir am Ende noch verriet, welche Zeitschriften sie so liest. Kurz darauf stehe ich in einem kleinen Laden mit der aktuellen Joy, Glamour und InStyle in der Hand, dazu die aktuelle Neon, um vor der Verkäuferin wenigstens nicht ganz mein Gesicht zu verlieren. Glücklicherweise ist die ohnehin knapp sechzig, wird mir in meinem Leben sicher nicht mehr begegnen und würde sich selbst dann bestimmt nicht daran erinnern, dass ich einmal in ihrem Shop einen Stapel Schrottmagazine gekauft habe. Das wird eher Lutz, der überraschend den Zeitungsladen betritt und mich überschwänglich begrüßt.

»Hey, Jens! Was machst du denn hier?«

»Lutz?«

»Bingo.«

Was für ein Hirbel.

»Ich kauf Zeitschriften.«

»Für Jessi?«

»Nein, für die Arbeit.«

»Was machst du denn?«

»Du, ich hab’s leider total eilig.«

»Schade. Gut, dann sehen wir uns morgen! Tschüssi.«

Mit einem leisen »Ciao« packe ich meine Heftchen und gehe. Auf der Straße atme ich tief durch und danke Gott und seinesgleichen für diese Begegnung. Morgen ist der Partnertag des Geburtsvorbereitungskurses, und ich hätte es beinahe vergessen.

Am Sonntagmorgen warte ich vor der Hebammenpraxis in der Thomas-Koch-Straße auf Jessi, die überrascht scheint, dass ich da bin. Sie sieht fantastisch aus, der Bauch ist noch mal gewachsen, ich würde am liebsten sofort auf die Knie fallen, losweinen und ihr erklären, dass nun alles gut ist. Dass ich meine Perspektive gefunden habe. Dass wir uns keine Sorgen machen müssen, nie wieder. Dass ich einen Job habe und unsere kleine Familie versorgen kann. Bloß ist dem leider nicht so – ich bin bis jetzt keinen Schritt weiter.

»Du siehst prächtig aus«, begrüße ich sie, Jessi lächelt und antwortet: »Trächtig trifft es eher. Willkommen im Club der fetten Muttertiere.«

»Ich find’s schön.«

»Und ich pack’s nicht mehr. Ich will mal wieder auf dem Bauch schlafen. Oder wenigstens mal eine Nacht nicht aufwachen, weil ich keine Position finde, in der es wenigstens halbwegs gemütlich ist.«

»Auf meiner Schulter schläfst du immer wie ein Baby.«

»Aber die ist gerade nicht da.«

»Wenn du sie so vermisst, kannst du sie ja fragen, ob sie heute Abend mit zu dir kommt.«

Dumm, dass ich das gesagt habe, denn sofort dreht sich Jessi von mir weg und geht zum Eingang der Hebammenpraxis.

»Hoffentlich kommt uns keine Schwangere entgegen«, witzle ich ins Leere. Keine Reaktion. Also stapfe ich hinter meiner Verlobten her, die mir noch nie so fern war. Vielleicht bringen die gemeinsamen Atemübungen in den folgenden Stunden uns ja wieder ein wenig näher. Ich habe mich auf jeden Fall vorbereitet und kann Jessi auf dem Weg in die erste Etage des Hauses erzählen, dass Robert Koch ein Mediziner und der Begründer der Bakteriologie war, was sie absolut nicht interessiert. Sie ist nur mit mir hier, weil die werdenden Väter eben einen Tag mit beim Kurs sein müssen, alleine aufzukreuzen war ihr wegen der damit verbundenen Fragen zu doof.

»Dass die ihre verdammte Praxis nicht im Erdgeschoss haben, ist eigentlich Grund genug, nicht herzukommen«, schließt Jessi ihr kurzes Auskotzen. »Am Ende läuft’s dann eh auf einen Kaiserschnitt raus, und der ganze Scheiß war umsonst.«

»Jetzt schauen wir uns das halt mal an«, versuche ich sie wieder ein wenig zu beruhigen, werde aber mit einem verächtlichen Blick abgestraft. Das müssen die Hormone sein. Oder dass ich nicht bedacht habe, dass Jessi seit Wochen jeden Dienstagnachmittag hier verbringt.

»Okay, also willkommen, liebe Papis«, beginnt die schwangerste Frau von allen. Sie wirkt wie ein trächtiger Wal. Obwohl ich gar nicht sicher bin, ob Walweibchen tatsächlich dicker werden. Sie stellt sich als Sybille vor und muss natürlich betonen, dass sie kommende Woche ihren Geburtstermin hat, aber ihre Lieblingsgruppe hier nicht an eine Kollegin abgeben wollte. Die Gruppe giggelt, wir Männer freuen uns mit ihnen, und dann geht es auch schon ans Eingemachte – die Papis sollen sich vorstellen.

»Hi, ich bin Lutz«, beginnt Lutz, dem ich irgendwann noch mitteilen werde, wie dämlich sein Name ist, »und ich freue mich, heute hier zu sein. Irina hat mir schon so viel erzählt, und euch alle jetzt mal richtig live zu erleben, finde ich super.«

Der nächste werdende Vater hat auch einen Namen, den ich jedoch als nicht erinnerungswürdig einordne, da der Typ gleich erzählt, dass er mit seinem Schatz eine Hausgeburt plant. Da er eine Thermohose trägt, heißt er für mich auch fortan so, seine Frau entsprechend Thermoflasche.

Vater 3 heißt Karl und ist eigentlich ganz sympathisch. Immerhin erklärt er: »Ich bin hier, weil es hieß, dass ich einen Tag mitkommen muss.«

Damit spricht er mir aus der Seele, obgleich ich sofort Jessis Hand ergreife, um ihr zu signalisieren, dass ich besser bin. Dass ich heute neben ihr sitze, weil ich Vater werde und meiner Frau während der Geburt beistehen möchte. Jessi lässt diese zaghafte, zärtliche Berührung zu, ich kann dem Drang widerstehen, sofort zu ihr zu blicken, und genieße den Moment. Dadurch verpenne ich allerdings meinen Einsatz.

»Und wie heißt der nächste Papi?«, weckt mich der Wal aus meinem Sekundenschlaf.

»Ach ja. Jens. Fischer. Und ich bin hier, weil Maren schwanger ist.«

Bäng! Das saß. Ich habe keine Ahnung, wie ich auf Maren gekommen bin, spüre aber, wie Jessi ihre Hand aus meiner löst. Alle Frauen starren mich an, die Männer, denen Jessi ja noch nicht namentlich vorgestellt wurde, können nur erahnen, dass ich gerade in einen Napf gelatscht bin, dessen Ausmaß für die Summe aller anwesenden Füße reichen würde.

»Jessi«, korrigiere ich mich. »Jessi ist schwanger, und ich werde Papa. Und da will ich natürlich alles tun, um sie dabei zu unterstützen. Also, mental jetzt, nicht wirtschaftlich. Das auch, aber hier bin ich jetzt, um da zu sein, wenn es so weit ist.«

Lutz schüttelt ungläubig seinen Kopf, die anderen Papis verziehen die Gesichter, teils aus Fremdscham, teils aus Mitgefühl. Alle haben begriffen, dass ich derjenige bin, den sie in Zukunft als Beispiel heranziehen werden, wenn sie was Falsches gesagt oder getan haben. Im Vergleich zu mir wird alles harmlos erscheinen, ich bin ihre Carte blanche für die kommenden Wochen.

Das Einzige, was mir noch helfen kann, ist eine lupenreine Performance für den Rest des Tages. Wenn ich von nun an nur noch das Richtige sage, jede der anstehenden Übungen perfekt durchführe und Jessi wiederholt zum Lachen bringe, könnte mein Mega-Fauxpas entschuldbar werden. Natürlich bin ich jetzt total verspannt und es fällt mir sehr schwer, die restliche Vorstellungsrunde wahrzunehmen.

»Mein Name ist Axel«, sagt derweil schon Papi Nummer vier, »und mir geht’s eigentlich wie den anderen hier. Ich freu mich auf den Tag und weiß sogar, wie meine Frau heißt.«

Der kleine Wichser muss richtig Dreck am Stecken haben, dass er jetzt schon den Jens-Joker zieht. Wahrscheinlich gab es heute schon einen Riesenkrach, weil er den Termin vergessen hatte oder sich extrem auf das Abfahrtsrennen der Männer in Irgendwo gefreut hat. Er ist mit Abstand der Jüngste von uns, ich schätze ihn auf maximal einundzwanzig, und bin mir nicht sicher, ob ich ihn bemitleiden oder beneiden soll. Wahrscheinlich weder noch. Dafür hasse ich ihn.

Nach den letzten beiden Papis, die mir noch gleichgültiger sind als Thermohose, beginnt der Wal über die Geburt zu sprechen. Uns wird mitgeteilt, dass wir bei einem Kaiserschnitt die Neugeborenen nach dem Waschen und Wiegen in die Hand gedrückt bekommen und uns das garantiert emotional überfordern wird. Dass die Mamis durch das PDA leicht sediert sein werden und erst mal Schlaf brauchen. Und dass es vollkommen egal ist, wie und wo man sein Kind zur Welt bringt, Hauptsache, es geht danach allen gut.

Es folgen zig Fragen zum Thema Hausgeburt, und ich muss mich zurückhalten, diesen Teil nicht mit der einzig angemessenen Frage abzubrechen, nämlich der, wie man die erste kritische Situation im Leben seines Kindes nicht in einer darauf spezialisierten Klinik, umgeben von Experten verbringen kann. Mich würde interessieren, ob die Hausgeburtfreunde auch ihre Winterreifen selbst wechseln, sich selbst gegenseitig die Haare schneiden und jeden Freitag beim Spieleabend mit den Freunden russisches Roulette spielen, oder ob sie in all diesen Fällen Bedenken hätten, dass womöglich was schiefläuft.

Ich beherrsche mich, flüstere meine Fragen aber Jessi zu, die meine Ansichten diesbezüglich teilt. Dann geht es endlich weiter zum Ablauf einer Geburt in der Klinik. Nichts von dem, was der Wal berichtet, ist sonderlich überraschend, doch ich mime den Interessierten, um ein paar Punkte zu machen. Ich hake nach, frage, welche Form der Anästhesie denn am besten sei und wann man von sich aus einen Kaiserschnitt vorschlagen sollte, und erkundige mich, wie oft sich Männer während der Geburt kurz verabschieden, weil sie überfordert sind. Top Fragen, wie der dicke Meeressäuger einräumt.

Danach wird gekniet, geschnauft und massiert, gebeugt, gestreckt, informiert. Nach drei Stunden sind die meisten so erschöpft wie nach einer Geburt, scherzt die Walartige und entlässt uns in die Kälte zum Mittagessen. Jessi und ich versuchen uns abzuseilen und alleine in den Liebighof zu schleichen, wo allerdings schon Lutz, Irina und das Thermopärchen sitzen. Der Anstand nötigt uns, uns ihrer Runde anzuschließen.

Draußen konnte ich Jessi wenigstens kurz erklären, dass mein Blackout damit zu tun hatte, dass mir Ralf vor ein paar Tagen ein Foto von seinem und Marens Sohn geschickt hat und ich mich daran genau in dem Moment erinnert habe, als mich die dicke Kursleiterin angesprochen hat. Ich bin zwar unsicher, ob ich in meiner Erklärung alle Zeiten richtig getroffen habe, Jessi schien aber zufriedengestellt und versöhnlich gestimmt. Immerhin war ich der einzige anwesende Mann, der etwas mehr als »da kommt dann ein Baby bei der Frau unten raus« zum Thema Geburt wusste. Und der einzige, mit dem sie über die anderen Kursteilnehmer ablästern konnte.

Thermohoses Thermohose war Jessi auch sofort aufgefallen, und ich musste sie während ihres Lachanfalls stützen, den meine Imitation des wärmeliebenden Männchens bei der Rückenmassage seines Weibchens im Vierfüßlerstand bei ihr auslöste. Wir hatten uns schon im Kurs zurückhalten müssen, da Thermohoses Massagetechnik schwer an eine Luftzither-Einlage erinnerte, das alpenländische Gegenstück zur Luftgitarre.

Das zweite Opfer unserer Häme unterwegs war Irina, die sämtliche Anwesende wieder mit anerkennenswert dämlichen Fragen und Behauptungen irritieren konnte. Vorrangig ging es der minderbehirnten Frau von Lutz immer wieder um das Thema Betäubung. Sie hat nämlich von Fällen gehört, in denen die PDA nicht gewirkt hat und den Gebärenden bei vollem Bewusstsein und Schmerzempfinden der Bauch aufgeschnitten wurde. Oder von denen, die durch eine falsch gesetzte Kanüle querschnittsgelähmt wurden. Traumatische, schreckliche Schicksale, die Jessi eigentlich so weit wie möglich verdrängen möchte, da ihrer Meinung nach bei einer Geburt kein Hilfsmittel ausgeschlossen werden kann oder sollte. Und da Irina zu jedwedem Thema ein paar Horrorgeschichten parat hat (Sturzgeburt auf der Damentoilette! Fünfunddreißig Stunden Wehen!), reicht es meiner Freundin langsam. Entsprechend froh sind wir, genau diese vier nun auch noch beim Mittagessen um uns zu haben.

»Wer ist eigentlich Maren?«, fragt Lutz, der als König sicher den Beinamen »Der Sensible« getragen hätte.

»Eine gemeinsame Freundin«, antwortet Jessi kühl.

»Ist gerade Mutter geworden«, ergänze ich.

»Wie war die Geburt?«, will Irina natürlich wissen.

»Schrecklich«, kommt es unisono von uns, und Jessi setzt nach: »Hat allergisch auf die PDA reagiert, ist dann komplett zusammengesackt, Not-Kaiserschnitt, das volle Programm. Sie heult noch immer los, wenn man sie auf die Geburt anspricht.«

Und obwohl das mit Abstand das Mieseste ist, was ich je über Jessis Lippen habe kommen hören, verkneife ich mir ein Lachen. Immerhin gibt es Frauen, die genau das durchlebt haben. Irina bestätigt das auch gleich.

»Das passiert öfter, als man mitbekommt. Ich hab ja gelesen –«

»Behalt’s einfach für dich«, fährt Jessi Irina an. »Es reicht, dass eine gute Freundin das erlebt hat.«

»Ich mein ja nur«, mault Irina, ist aber schlau genug, das Thema zu wechseln. »Was machst du eigentlich beruflich, Jens? Irgendwas mit Zeitschriften?«

Dass sie damit nicht nur meinen wunden Punkt auf den Tisch packt, sondern auch noch riskiert, dass Jessi von meiner zufälligen Lutz-Begegnung erfährt, die sie garantiert erahnen lassen würde, wie ich tatsächlich an den Kurs heute erinnert wurde, kann die Arme nicht wissen. Ich reiße mich zusammen und antworte brav und wie aus der Pistole geschossen, dass sie mit der Vermutung falsch liegt und ich auf Messen herumkaspere. Auch bei den anschließenden immer gleichen Folgefragen (Kann man denn davon leben? etc.) verhalte ich mich sehr höflich. Hauptsache, meine Verlobte wird von weiteren RTL-Storys verschont, und ich fliege nicht auf.

Dafür erfahren wir mehr über Thermohose und seine heiße Freundin, als uns lieb ist. Er heißt Tim – mein Jessi zugehauchtes »Tim Thermo« führt bei ihr beinahe zum Einsetzen der Wehen – und ist gelernter Detailhandelsassistent. Wir brauchen eine Weile, um zu begreifen, dass damit einfach der Beruf des Verkäufers umschrieben wird. Tim hat diverse Hobbys, unter anderem seine zwei Dobermänner, mit denen er den Hundesport Agility betreibt. Fotos werden herumgereicht, Irina steuert ein paar Geschichten bei, die um Hunde und Kleinkinder kreisen und in denen der Hund gewinnt. Danach wird eine Weile geschwiegen.

Der zweite Teil des Seminars ist, Gott sei Dank, kürzer angelegt. Unser Leitwal macht uns noch mit einigen Gebärmethoden und praktischen Geräten wie Gebärstühlen und Geburtshockern vertraut. Danach weist sie die Papis ein, wie sie den Mamis auf dem jeweiligen Gerät assistieren können. Jessi und ich machen alles brav mit, lachen und verstehen uns wie eh und je. Von einer Krise ist nichts mehr zu spüren, und als wir endlich kurz vor fünf aus der Hebammenpraxis entlassen werden, halte ich es für angebracht, sie über die neusten Entwicklungen zu informieren. Irinas Angebot, noch mit allen eine Schorle trinken zu gehen, haben wir elegant ausgeschlagen.

Stattdessen sitzen wir zu zweit in der Roosevelt Bar, in der ich das letzte Mal mit Hondo und Sven nach unserem Einbruch in die Praxis von Dr. Parisius, meinem Ex-Samenarzt, gewesen bin. Da Jessi die Geschichte nicht kennt, erzähle ich ihr von Svens Fehlbestellung – er hatte damals statt eines Campari Soda versehentlich einen Bacardi Soda geordert und prompt serviert bekommen, den einzigen Drink in der Welt, der noch abscheulicher schmeckt als Svens Eigenkreation »Der kleine Fick«. Zu dem ihn der Bacardi Soda inspiriert hat.

Ich will ihre Hand nehmen, doch Jessi zieht sie weg, spielt lieber an ihrem Strohhalm herum und schweigt. Ihr brennt was auf der Seele, und ich versuche das Feuer mit dem Bericht von meiner anstehenden Radiokarriere zu löschen.

»Pass auf – ab morgen gehe ich jeden Abend zu Hip FM. Die haben mir angeboten, Moderator zu werden, wenn ich ihnen zeige, dass ich das draufhabe.«

»Einfach so?«

»Na ja, ich hab schließlich Erfahrung.«

Da Jessi nur in sich gekehrt lächelt, fahre ich fort: »Das ist was, wo ich mir schon vorstellen kann, also, dass es Zukunft hat. Und ein Job, bei dem ich täglich nur ein paar Stunden weg bin. Was ideal ist, wenn du auch wieder arbeiten gehst. Vielleicht kann ich ’ne Show am Abend moderieren, dann könnte ich tagsüber auf das Baby aufpassen.«

»Schön.«

»Eben. Das ist genau das, was ich gesucht habe.«

»Und bin ich das auch?«

»Wie meinst du das?«

Der heimtückischste Unterschied zwischen mir und allen Frauen, mit denen ich je liiert war, ist der, dass sie Konflikte für ein paar Stunden ausblenden können. Sie schaffen es, dass man sich wieder wohlfühlt und überzeugt ist, dass, was immer man vorher an Mist gebaut hat, vergessen und verziehen wurde. Um es einem genau dann vor die Füße zu spucken, wenn es gerade gemütlich wird.

»Was sollte das mit Maren?«

»Nichts. Das ist mir rausgerutscht. Freudscher Versprecher.«

»Das ist mir schon klar.«

»Ja, also. Ist doch nicht schlimm.«

»Dann google mal Freudscher Versprecher.«

Jessi steht auf, nimmt ihre Jacke und geht. Ich zögere kurz und überlege, ob ich nicht tatsächlich besser erst mal googeln sollte oder doch ihr hinterherlaufen. Für alle Fälle zücke ich schon mal meinen Geldbeutel, entdecke jedoch, dass dessen Inhalt leider nicht wertvoll genug ist, um die Rechnung zu begleichen. Trotz Happy Hour. Ich stehe auf und gehe vor an die Bar, wo mich derselbe Barkeeper erwartet, der vor einem guten Dreivierteljahr von Hondo in meiner Anwesenheit eingeschüchtert wurde, nachdem ich ihn ein Arschloch genannt habe, wenn ich mich recht erinnere. Kann auch Sven gewesen sein. Fakt ist, dass er mich anschaut, erkennt und verachtet.

»’tschuldige, meine schwangere Freundin, der ist schlecht, ich muss ihr schnell hinterher«, lüge ich ihn an.

»Kennen wir uns nicht?«

»Nee.«

»Doch. Du warst doch im Frühjahr da und hast Bacardi Soda gesoffen.«

»Nee, ich war noch nie hier. Ich bin nur wegen ’nem Kurs in der Gegend. Geburtsvorbereitung.«

»Ich bin mir nicht mehr sicher, ob du oder dein einer Freund Arschloch zu mir gesagt hat. Also, der kleinere, nicht der, der mich zusammenschlagen wollte.«

»Ich hab keine Ahnung, wovon du sprichst«, versuche ich noch, mich aus der Affäre zu ziehen, obwohl ich so aus der Nummer bestimmt nicht rauskommen werde.

»Natürlich hast du Ahnung. Ich bin gut mit Gesichtern.«

Es ist sinnlos, und irgendwo kann ich den Kerl auch verstehen. Wir haben uns wirklich absolut danebenbenommen, und zwar nur, weil er Sven bei seiner dämlichen Bestellung nicht korrigiert hat.

»Pass auf, das war damals ein Freudscher Versprecher. Mein Kumpel wollte bestimmt keinen Bacardi Soda, und da hättest du ihn ruhig drauf aufmerksam machen können.«

»Also warst du es doch?«

»Ja, Mann. Und es tut mir leid, das war alles eine Verkettung blöder Missverständnisse.«

»Und du bist sicher, dass das ein Freudscher Versprecher war?«

»Ja, klar.«

»Dann hab ich mir nichts vorzuwerfen. Gib mir einfach elf Euro und lass dich hier nicht wieder sehen, okay?«

Da vor der Tür gerade die Straßenbahn in Richtung Maxmonument abfährt, in der garantiert Jessi sitzt, zücke ich meine ec-Karte.

»Mach elf draus.«

Vor der Tür google ich endlich die verdammte Freudsche Fehlleistung und kapiere, was ich nun schon wieder verkehrt gemacht habe. Beziehungsweise wie Jessi meinen Versprecher interpretiert. Sie glaubt, dass ich mir im Grunde wünschte, mit Maren in dem Kurs gesessen zu haben. Was Unsinn ist. Maren und ich haben keinerlei Basis, nichts Gemeinsames und völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie unser Leben aussehen soll. Ihre ist sehr präzise, meine nicht vorhanden, das ist der größtmögliche Unterschied. Ich versuche Jessi anzurufen, erreiche jedoch nur die Mailbox. Für einen Moment erwäge ich, einfach den ganzen Weg nach Hause für sie Nachrichten zu hinterlassen, ihr zu erzählen, was gerade in mir vorgeht, entscheide mich dann aber dagegen, da sie sicher nicht scharf ist auf fünfzig Nachrichten, die sich nur um mich drehen und nicht mal chronologisch richtig abgespielt werden. Ich müsste mir schon genau überlegen, was ich in Nachricht fünfzig sage, um mich dann langsam zu Nachricht eins vorzuarbeiten. Unmöglich.

Als wir noch frisch verliebt waren, musste ich auch mal nach Hause laufen, da ich den letzten Bus vom Messegelände in die Stadt verpasst hatte. Ich habe Jessi angerufen und die ganze Zeit mit ihr gesprochen, bis zur Haustür. Danach haben wir miteinander geschlafen und noch bis in die frühen Morgenstunden weitergeredet. In den vergangenen Wochen ist diese damals unermüdlich scheinende Konversationslust bei uns etwas eingeschlafen. Größtenteils liegt das daran, dass ich im Grunde alles über mich erzählt habe und meinen Alltag langweilig finde, wenn ich ihn nicht mit Jessi verbringe. Sie selbst hat mit dem Sommersemester ihr Studium abgeschlossen, hat nun einen Master in Kommunikationswissenschaften und eigentlich viel vor, wäre da nicht die Schwangerschaft, die ihr weit mehr bedeutet. Durch den Wegfall des Studiums passiert aber leider sehr viel weniger in ihrem Alltag, und wir reden inzwischen vor allem über die Organisation der kommenden Wochen, über unsere ungeborene Tochter. Natürlich ist das nicht schlimm, wir haben auch so viel Freude miteinander, lachen jeden Tag mehr als der Durchschnittsdeutsche in seinem ganzen Leben. Allein die Suche nach einem guten Namen für die Kleine hat uns wiederholt über den Boden kullern und nach Luft japsen lassen. Und das, obwohl es schlicht albern und am nächsten Tag kaum noch komisch ist, die Tochter Hochsee (Fischer), Pattrischa (Fischer) oder Eugen nennen zu wollen.

Trotzem vermisse ich unsere Gespräche über uns. Und mir fallen auf dem Weg nach Hause Dutzende Geschichten ein, die ich Jessi noch nicht erzählt habe. Allein im Hofgarten, den ich gerade durchquere, habe ich genug für einen Abend erlebt. Anfang der Neunziger gab es im kleinen Pavillon einige Partys, die immer erst sehr spät von der Polizei aufgelöst wurden. Und wenn die Bullen kamen, sind wir in alle Richtungen geflohen. In einer besonders warmen Nacht bin ich in einem der Brunnen untergetaucht und sah danach aus wie das Ding aus dem Sumpf (und roch auch entsprechend), ein anderes Mal habe ich mich mit einem Flechtsessel aus dem Café im Hofgarten aufs Rad geschwungen und wurde erst an der Münchner Freiheit von einer Zivilstreife aufgegabelt.

Vielleicht sollte ich in Zukunft wieder etwas mehr durch die Stadt spazieren und meine Erinnerungen an mein eigenes Leben auffrischen. Meiner Beziehung zu Jessi würde das nicht schaden. Solange ich nicht durch die Jahnstraße laufe und ihr dann von der Zeit erzähle, in der ich glaubte, unsterblich in Maren verliebt zu sein.