Fahrradmesse

»2011 wurde die BIKE EXPO mit dem neuen Namen ISPO BIKE in die neue ISPO Familienmarke integriert.«

Nach achtundvierzig Stunden Auszeit ist Jessi wieder in unsere Wohnung zurückgekehrt, und ich habe drei Kreuze geschlagen, dass sie mich nicht komplett verkatert erwischt hat. Andererseits sehe ich unter dem Einfluss von Restalkohol immer extrem gebrochen und erbärmlich aus, was ihr möglicherweise die Augen für das Leid geöffnet hatte, das ich momentan empfinde. Sie war tatsächlich bei Mina, ihrer besten Freundin und Trauzeugin. Mina hat eigentlich nur einen Fehler: Sie will schon seit Wochen meinen Trauzeugen kennenlernen, um mit ihm gemeinsam etwas für den großen Tag vorzubereiten. Ich kann mir nicht vorstellen, was das sein soll, und vermute vielmehr, dass Jessis beste Freundin rollig ist. Jedenfalls werde ich dank ihres unbefriedigenden Singledaseins mal wieder mit der Frage nach meinem Trauzeugen konfrontiert.

Da ich mich noch nicht entschieden habe, ob ich die Ehre einem Chaoten wie Sven zukommen lassen kann, allerdings keine Alternativen zur Auswahl habe, weiche ich wie immer aus. So geht es eben Typen wie mir, die ihren Bekannten stets mit einer gewissen Unverbindlichkeit begegnen. Ich habe mir das sehr früh angeeignet, da ich schon im Alter von vier Jahren lernen musste, wie es sich anfühlt, vom besten Freund zu erfahren, dass er jetzt einen neuen besten Freund hat.

In unserem Kindergarten gab es einen kleinen Hügel im Garten, und derjenige, der in der Pause als Erster oben war, durfte für die ganze Pause der Bestimmer sein. Ich hatte es endlich mal geschafft, alle anderen abzuhängen, freute mich auf meine Zeit als Bestimmer und hatte auch schon ein paar tolle Idee, was ich bestimmen würde: Es dürfte nur mein bester Freund Sakis mit mir ganz oben stehen, die anderen Kinder müssten dann um den Hügel als Wachen aufpassen, dass nichts passiert. Doch kaum stand Sakis neben mir, kam ganz gegen meine Bestimmung auch Kai den Berg herauf, weil Sakis bestimmt hatte, dass er sein neuer bester Freund war und an seiner Seite kämpfen sollte. Dass ich der erste Bestimmer war, galt offenbar nichts, ebenso wenig, dass ich als Erster Sakis bester Freund gewesen war. Kai war fortan mein größter Feind, Sakis nicht mehr mein Freund und ich für den Rest meiner Tage Freundschaften gegenüber höchst skeptisch.

Auf meine Erklärung, dass mein Trauzeuge eine Überraschung werden soll, bemüht sich Jessi, nicht enttäuscht zu reagieren. Sie geht sogar so weit, Neugier vorzutäuschen, hakt nach, für wen ich mich denn entschieden haben könnte. Da sie jedoch keine besonderen Freunde aus meiner Vergangenheit kennt, wird aus der angestrebten angenehmen Suspense eher ein angespanntes Schweigen. Ich empfinde höchstes Unbehagen, schließlich weiß ich, wie wichtig ihr die Hochzeit ist, spüre, wie wichtig sie mir sein sollte, und verachte mich für meine Unfähigkeit, nicht mehr Enthusiasmus für den (meiner Meinung nach vielleicht, ihrer Meinung nach sicher) wichtigsten Tag meines Lebens entwickeln zu können. Ich freue mich zwar wahnsinnig darauf, bin aber trotzdem wie gelähmt, ein Zustand, den ich sonst nur von mir kenne, wenn es um Arbeit geht. Und auf die freue ich mich sicherlich nie so sehr. Ich stecke in einem Loch aus Selbstfrust, das von Jahr zu Jahr größer wird, schwimme in einem See der Selbstunzufriedenheit, kein Land in Sicht.

»Ich hab in den letzten Tagen auch nachgedacht«, beginne ich daher, »und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich dich wirklich verstehen kann.«

»Wie jetzt?«

»Deine Zweifel.«

»Was denn für Zweifel?«

»Na, an mir. Deine Angst, deine berechtige Angst davor, mit einem wie mir durchs Leben zu gehen.«

Jessi mustert mich leicht irritiert und schlägt dann vor, das in der Küche zu besprechen. Ich fühle mich ebenfalls etwas verunsichert, denn Küchen sind einer der Orte, an denen man sich trennt, wenn man vernünftig ist und die Trennung wohlüberlegt geschieht. Nicht umsonst ist eins der beliebtesten Beziehungsdelikte das gute alte Messer in Bauch, Brust oder Birne. Jessi hatte zwei Tage Zeit, sich über uns Gedanken zu machen, jetzt werde ich wohl mit dem Ergebnis konfrontiert und spüre schon, wie sich mein Magen zusammenzieht.

Um ihr zuvorzukommen, eröffne ich den Showdown mit der Zusicherung, dass ich zuverlässig sein kann. Ja, ich habe mich in den letzten Monaten etwas gehen lassen, eigentlich in den letzten Jahren. Ich kann ihr nicht genau sagen, wie und wovon wir in fünf Jahren leben werden, denn ich befinde mich beruflich in einer Sackgasse. Insofern kann ich verstehen, wenn sie Schwierigkeiten hat, sich auf mich zu verlassen. Wie man am Trauzeugenbeispiel erkennen kann, mache ich es ihr ja auch extrem schwer. Aber, und darauf kommt es doch an, ich kann mich in Mister Zuverlässig verwandeln, wenn sie das von mir verlangt. Keine Ablenkungen mehr, sondern volle Konzentration auf uns, auf die Arbeit, auf die Zukunft. Ich schwöre, gelobe, beteuere. Dass ich die nötige Selbstdisziplin habe, mich zu ändern, habe ich ihr schließlich schon bewiesen, indem ich in den vergangenen vier Monaten weder geraucht noch getrunken habe. Bis auf ab und zu mal ein Bier oder eine geschnorrte Kippe, was ich ihr gegenüber nicht erwähnenswert fand. Bis heute. Jetzt muss alles auf den Tisch, beschließe ich, und beichte im gleichen Atemzug auch noch meinen Komplettabsturz mit Sven.

Doch damit will ich nun Schluss machen, erkläre ich, muss nur noch meinen Fokus finden. Obwohl ich merke, dass ich in Worthülsen abgleite und mir Jessi nicht mehr so richtig folgt, schwöre ich, dass es bei mir klick gemacht hat und ich sicherlich bald finden werde, was ich schon immer machen wollte und für immer machen kann. Ich stehe vor meiner Reinkarnation als Vater, Familienmensch, Versorger. Einzig den Termin, zu dem mich der Geschäftsführer von Hip FM am Freitag eingeladen hat, enthalte ich ihr vor, um einem eventuellen Scheitern dort und der damit verbundenen neuen potenziellen Krise vorzubeugen.

Als ich meinen Monolog beende, währenddessen ich Jessis Blicken tunlichst ausgewichen bin, bemerke ich, dass bei ihr schon wieder die Tränen laufen. Es müssen Freudentränen sein, singt Bobby Solo in meinem Kopf, und vor Erleichterung lache ich kurz auf. Sie hat mich verstanden, vergibt mir, es wird alles gut. Ich stehe auf, will Jessi umarmen, mein Weiterentwicklungsgelübde mit einem Kuss besiegeln, doch sie drückt mich von sich.

»Nein. Lass mich.«

Mit dieser Reaktion habe ich nicht gerechnet. Meine männliche Logik hatte eigentlich prognostiziert, dass uns alles, was ich gerade gesagt habe, wieder vereinen würde. Dass mein Geständnis und das schonungslose Offenlegen meiner Schwächen, zusammen mit dem wilden Entschluss, nun all das zu ändern, die alte Verbundenheit wieder aufkeimen lassen würde. Dass männliche Logik im Umgang mit Frauen völlig wertlos ist, hatte ich leider nicht bedacht. Also bin ich gezwungen, nachzufragen, was denn los ist.

»Gute Frage. Aber …« Jessi stockt. »Hast du gedacht, dass ich dich verlassen will?«

Ich nicke.

»Warum?«

»Weil ich so bin, wie ich es gerade beschrieben habe.«

»Aber so kenne ich dich gar nicht. Du sagst doch immer, dass alles in Ordnung ist. Dass ich mir keine Sorgen machen muss. Und jetzt erklärst du mir, dass das alles gelogen war?«

»Ja, nee, gelogen würde ich jetzt nicht sagen.«

»Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen, und jetzt reißt du das Haus ein! Ich hab dir doch erklärt, dass ich ein Problem mit mir habe und dich liebe. Wie kommst du da drauf, dass ich mich von dir trennen will? Vertraust du mir überhaupt?«

Ich weiß keine Antwort. Gut, ich habe vielleicht etwas überreagiert. Aber das muss doch erlaubt sein. Man hört ständig von Paaren, die kurz vor der Hochzeit kalte Füße bekommen. Oder zumindest ein Teil. Und natürlich vertraue ich Jessi. Mehr als mir zumindest.

»Echt, wenn du Panik hast, dass ich dich nicht gut genug kenne und eines Tages enttäuscht vor dir stehen werde, um einen Schlussstrich zu ziehen, dann stimmt was mit deinem Vertrauen nicht, Jens. Und dein Ausbruch gerade hat jetzt auch nicht gerade mein Vertrauen in dich gestärkt.«

»Jetzt häng dich doch nicht am Vertrauen auf. Ich habe mich gerade extrem verletzbar gemacht, indem ich dir meine Ängste verraten habe. Und nichts anderes ist Vertrauen.«

»Aber nicht, wenn du damit meine Vertrauensgrundlage komplett zerstörst.«

Wenn ich in meinen ganzen Beziehungen eins gelernt habe, dann ist es, dass Vertrauen gerade von Frauen extrem hoch angesehen und viel zu leicht zerstört wird. Was immer wieder zu Problemen führt, da man sich auf der einen Seite nie zu sicher sein darf, nicht verlassen zu werden, auf der anderen aber hart abgestraft wird, wenn man die Möglichkeit nicht kategorisch ausschließt. Könnte mal wieder ein Catch-22 sein. Mir fehlt jedoch die Zeit, mich gedanklich damit auseinanderzusetzen. Grundsätzlich ist es jedenfalls so, dass ein Mann die Vertrauenskeule gegen seine Frau nur auspackt, wenn er absolut nicht mehr weiter weiß.

»Und jetzt?«, frage ich und ahne schon, was nun auf mich zukommt.

»Ich denke, dass es das Beste ist, wenn wir beide noch mal in uns gehen. Wenn du so große Zweifel hast, ob du mit der neuen Situation zurechtkommst, ist es bestimmt das Beste, in Ruhe darüber nachzudenken.«

»Nee, Quatsch. Ich pack das schon. Ich hab gerade bloß ein bisschen übertrieben«, wehre ich mich halbherzig gegen eine Verlängerung des Trennungszustands.

»Und deswegen wirst du es auch packen, für eine Woche oder so mal allein zu sein und dir genau zu überlegen, wie du deinen Scheiß auf die Reihe kriegst.«

Womit besiegelt ist, dass ich für eine Woche unsere Wohnung verlasse. Ich kann Jessi schließlich nicht zumuten, weiter bei ihrer Freundin zu übernachten. Und ich will auch nicht, dass sie irgendwo anders ist, denn hier wird sie ständig an mich erinnert. Immerhin war das meine Wohnung, die erst mit ihren Möbeln angereichert zu unserer geworden ist. Außerdem kann ich so bestimmen, wann ich Jessi sehe. Ich muss nur behaupten, irgendwelche Dinge zu brauchen, meinen Ausweis vergessen zu haben oder ein altes Zeugnis zu suchen.

»Bitte denk an alle Sachen, die wichtig sind, weil die ganze Übung sinnlos ist, wenn du hier jeden zweiten Tag antanzt.«

»Klar. Bin ja nicht blöd. Ausweis, Zeugnisse, Laptop, kann alles mit.«

»Was für Zeugnisse?«

»Abi?«

»Willst du dich an der Uni einschreiben?«

»Nö. Aber braucht man das nicht, wenn man sich zum Beispiel irgendwo bewirbt?«

»Quatsch.«

»Okay, dann lass ich das da.«

»Musst du nicht. Ich hab mich nur gewundert.«

»Worüber?«

»Zum Beispiel, dass du dich irgendwo bewerben willst.«

»Ja, nee, hast ja recht. Werde ich vermutlich auch gar nicht.«

»Es geht mir nicht ums Recht, Jens. Ich hab mich nur gewundert, verstehst du?«

Jetzt redet sie mit mir, als wäre mein IQ eine 30-er-Zone, was eines der wenigen Dinge ist, womit man mich in Bruchteilen einer Sekunde zur Weißglut bringen kann. Allein dass sie meinen Namen verwendet, lässt das Gesagte wie einen an ein Kleinkind gerichteten Vorwurf klingen. Es gelingt mir jedoch, mich am Riemen zu reißen und sie einfach nur leicht debil anzugrinsen, in mein Zimmer zu gehen und mich ans Packen zu machen. Jessi folgt mir. Vermutlich spürt sie, dass ich kurz vor dem Platzen bin, und will das mal erleben.

»Willst du nicht erst schauen, ob du irgendwo unterkommen kannst?«

»Nee, bei meinen Eltern geht es sowieso. Und woanders, klar, könnte ich fragen, muss aber nicht sein.«

»Nicht, dass du jetzt in ein Hotel oder so gehst.«

»Werde ich nicht, das könnte ich mir eh nicht leisten.«

Sie beobachtet, wie ich meine wichtigsten Kleidungsstücke in einen alten Armeerucksack stopfe. Socken, Shorts, die beiden Pullover. Mit jedem Teil werde ich gereizter. Warum, zum Teufel, muss ich weg, wenn sie Abstand braucht? Ich hätte kein Problem damit, auf der Couch zu schlafen und ihr tagsüber aus dem Weg zu gehen.

»Wahrscheinlich denkst du jetzt, dass das alles eine totale Scheißidee von mir ist, oder?«

»Natürlich ist das eine Scheißidee, aber ich gestehe sie dir zu, weil ich verhindern will, dass du plötzlich uns, unsere Hochzeit und unser Kind für eine Scheißidee hältst«, platzt es aus mir heraus. »Ich kann dich sogar verstehen, weil ich eh nicht verstehe, wie du dich überhaupt in mich verlieben konntest. Gut, es ist das Beste, was mir je passiert ist, und ich werde sterben, wenn das hier kaputtgeht, einfach so sterben, weil ich, ach … egal.«

Sie geht selbstverständlich nicht auf diese wunderbare, emotionale Liebeserklärung ein, sondern fragt nur: »Also ziehst du inzwischen zu deinen Eltern?«

»Vermutlich. Wenn es sonst nirgends klappt.«

»Was wären denn die Alternativen?«

»Keine Ahnung. Sven?«

»Wäre das der richtige Einfluss, also ich meine, gerade jetzt?«

»Okay, vielleicht nicht.«

Wir stehen für einen Moment still, ich fühle, dass sie mir gerade einfach so alles verzeihen könnte, sich jetzt mit ihrem dicken Bauch am liebsten auf mich werfen würde, um mit mir zu schlafen – abgesehen davon, dass sie sich aus Angst um das Baby garantiert nicht auf mich werfen würde. Aber das Läuten des Festnetztelefons zerstört den Augenblick; Jessi läuft los, um das Gespräch entgegenzunehmen. Sie geht wahrscheinlich wie ich davon aus, dass ihre Mutter dran ist, um sich zum dritten Mal heute nach dem Befinden ihrer Tochter zu erkundigen. Der Knall der Wohnzimmertür bestätigt meine Vermutung.

Nachdem ich in voller Montur und mit gepacktem Rucksack unterm Arm für ein paar Minuten vor der Wohnzimmertür herumgestanden habe, unsicher, ob ich Jessi nun noch Tschüss sagen soll oder nicht, habe ich die Wohnung verlassen. Ihr gut zu vernehmendes Schluchzen am Telefon war ein recht deutlicher Indikator dafür, dass es mit einer schnellen Versöhnung und dem gemeinsamen Verdrängen der ganzen Geschichte erst mal nichts wird. Trotzdem habe ich ihr noch eine SMS geschickt (»Wir schaffen das schon. Vor allem ich.«), bevor ich dann Sven angerufen habe.

Mein ehemaliger Mitbewohner attestiert mir einen Dachschaden, beziehungsweise unter Jessis Pantoffel zu stehen, was einfach nur dumm ist. Diese Pantoffelheldenkacke wird immer gerne als Vorwurf von Singles benutzt, die sich selbst so unsagbar frei wähnen und dann mit ihrer großartigen Freiheit einen Scheißdreck anfangen.

»Das mag auf den ein oder anderen Single zutreffen, aber du könntest jetzt immerhin nicht beschließen, einfach mal um die Welt zu radeln«, hält Sven dagegen.

»Genau das meine ich. Das macht nämlich keiner.«

»Weil es extrem extrem ist.«

Ich muss lächeln, weil Sven der einzige Mensch auf der Welt ist, der meinen Witz mit den doppelt gesetzten Adjektiven versteht.

»Und deswegen mache ich’s«, fährt er fort.

»Wie jetzt?«

»Ja, einmal rum halt. Das machen inzwischen viele. Ich nenne es Die kleine Fick-Tour, schreibe dazu ein Tagebuch im Internet, so ein Blogdings, und, ja, komm halt irgendwann wieder. Das ist super PR für das Gesöff.«

Ich bin erst mal sprachlos, ein Zustand, in dem es empfehlenswert ist, gar nichts zu sagen. Also redet Sven weiter: »Keine Sorge, ich hab das alles so geplant, dass ich bis zu eurer Hochzeit noch in bezahlbarer Flugnähe bin. Vermutlich irgendwo am Schwarzen Meer.«

»Wie? Du willst jetzt schon los?«

»Klar. Übermorgen, um genau zu sein. Deswegen finde ich es auch ganz nett, dass wir uns noch mal sehen.«

»Aber dir ist schon klar, dass Winter ist, oder?«

»Ja, ja. Das wird bis zum Schwarzen Meer ’ne harte Tour, aber danach wird’s ideal.«

»Wann hast du denn diesen ganzen Schwachsinn beschlossen?«

»Vor ein paar Wochen. Ich hätte dir auch davon erzählt, wenn du dich mal gemeldet hättest.«

Da ich diesen Satz nicht zum ersten Mal in meinem Leben höre (wenn auch das erste Mal von Sven), ignoriere ich ihn. Mir ist es schon immer schwergefallen, Kontakt zu Freunden zu halten. Besonders, wenn ich in einer Beziehung stecke. Ich und meine Zeit werden dann ziemlich exklusiv meiner Freundin gewidmet, und wenn diese schwanger ist und kurz darauf zu meiner Verlobten wird, erfordert das verständlicherweise meine gesamte Aufmerksamkeit. Seit jeher beschweren sich vor allem meine männlichen Bekannten, dass ich sie stiefmütterlich behandle – anstatt sich zu freuen, einen gleichgeschlechtlichen Konkurrenten weniger im Rennen um die paar akzeptablen Andersgeschlechtlichen zu haben. Dennoch schreit Svens vorwurfsvoller Unterton nach einer sofortigen Retourkutsche. Leider fällt mir ganz spontan keine ein.

»Top Plan«, erwidere ich stattdessen mau. »Dann kann ich ja für ein paar Tage bei dir die Wohnung sitten.«

»Nee«, antwortet Sven ernst. »Die ist ab morgen ein Biker-Point. Also, offen für jeden, der die Welt umradelt. Wir sind alle vernetzt, und so kann man in fast jeder Metropole weltweit umsonst übernachten.«

»Ach, komm.«

»Ich hab’s auch erst nicht geglaubt. Aber ich hab da ein Forum im Netz gefunden, in dem fast einhundert Freaks mitschreiben. Die meisten sind gerade unterwegs und stellen ihre Wohnungen oder zumindest ein Zimmer für die anderen bereit. Außerdem gibt’s da Karten, Wegbeschreibungen, Tipps für Unterkünfte – das ist der neue Jakobsweg.«

»Bedeutet das nicht, dass ich einfach bei dir pennen kann, wenn ich mit dem Fahrrad komme?«

»Nein, du Schwachmat.«

»Und das ist sicher? Ich meine, wenn du, keine Ahnung, ein Jahr unterwegs bist, dann schlafen ein Jahr lang immer wieder wildfremde Leute in deiner Wohnung.«

»Nicht wildfremd. Und ich penne ja dafür bei denen.«

»Tut mir leid, aber das klingt nach einer schlechten schlechten Idee. Verwaltet wenigstens irgendwer den Schlüssel, damit nicht jeder Penner in deine Wohnung kann?«

»Es gibt keine Schlüssel mehr. Wir haben alle dieselben Schlösser mit Zahlencode. Und der ist bei allen, die mitmachen, derselbe.«

Obwohl ich Sven schon immer für zu kurz entschlossen und unüberlegt eingestuft habe, überrascht mich seine Naivität doch immer wieder. Ich persönlich hätte bereits ein Problem damit, nur einen einzigen Unbekannten für lediglich eine Nacht in meine Wohnung zu lassen. Aber ich ekle mich auch von Urlaub zu Urlaub mehr vor Hotelzimmern und -betten. Selbst Bekannten auf Durchreise lege ich nur ungern eine Matratze ins Wohnzimmer, und verzichte im Gegenzug rücksichtsvoll darauf, mich selbst bei ihnen einzunisten, wenn ich mal in der Stadt bin.

»Das klingt alles ziemlich seltsam«, gebe ich Sven zu bedenken, doch das interessiert ihn nicht.

»Nein, ich lese und schreibe da seit Wochen mit – die sind echt alle total in Ordnung. Freaks eben. Und, ganz ehrlich, was sollen die in meiner Wohnung schon kaputt machen?«

»Ich halt mich da raus. Dass ich deswegen nicht bei dir pennen kann, finde ich trotzdem kacke.«

»Wohnen deine Eltern nicht irgendwo hier?«

»In Feldmoching.«

»Ist doch perfekt. Da fährt sogar ’ne U-Bahn hin.«

»Ja, aber wie du schon festgestellt hast, wohnen meine Eltern dort.«

»Verstehe. Und wenn du Hondo fragst? Der haust recht gediegen.«

»Was meinst du mit ›gediegen‹?«, frage ich, und wundere mich heimlich, dass mir der Möchtegern-Konvertit schon wieder als Gastgeber vorgeschlagen wird. Alles in mir schreit, dass es eine schlechte Idee wäre, mit Hondo in einer WG zu leben – selbst wenn es nur für ein paar Nächte wäre. Länger kann Jessi mir den Zutritt zu unserer Wohnung ja nicht ernsthaft verwehren.

»Der hat von irgendeiner Jüdin eine Vier- oder Fünf-Zimmer-Wohnung bekommen, spottbillig, für seine zukünftige Familie«, erklärt Sven, und ich bin baff. »Ruf ihn doch an, er mag dich schließlich.«

Ich lehne dankend ab und lasse mich stattdessen lieber über Hondo und sein Vorhaben, umzuglauben, aus. Es gehört nämlich etwas mehr dazu, Jude zu werden, als einfach einem Rabbiner mit der Bitte, mitspielen zu dürfen, auf die Schulter zu klopfen. Man muss von ihm als Schüler angenommen, zwei bis drei, manchmal sogar zehn Jahre lang unterrichtet und von der gesamten Gemeinde als Mitglied akzeptiert werden. Vor allem aber bedarf es einer glaubwürdigen religiösen Motivation dahinter. Hat zumindest meine Recherche ergeben. Eine Jüdin zu heiraten und mit ihr jüdische Kinder zu zeugen, steht jedem frei. An diesem Punkt habe ich jedoch mein Gegoogel abgebrochen, weil mir das Thema Heiraten sofort Tränen in die Augen trieb. Hat gut getan, geht Sven aber nichts an.

Statt sich nun mit mir über Hondos Wandel zu amüsieren, stellt Sven ihn zu meiner Überraschung als gelungenes Vorbild für mich hin. Er ist sich zwar nicht sicher, ob die Redensart »vom Saulus zum Paulus« in Hondos Fall angemessen ist, da er ja eher den umgekehrten Weg geht, also vom Paulus zum Saulus, rät mir aber dringend, den Kontakt zu meinem alten Bademeistermeister zu suchen. Ich freue mich über den doppelten Meister, bestehe aber darauf, erst mal in einer hondoreduzierten Umgebung in mich gehen zu dürfen. Sven nennt mich einen Idioten und legt auf.

Ich will gerade in die U-Bahn nach Feldmoching steigen, als mein Telefon erneut bimmelt. Hondo ist dran und sagt, dass er mich selbstverständlich bei sich aufnehmen möchte. Sven hat ihm offenbar direkt nach unserem Gespräch von meiner misslichen Lage berichtet. Hondo erklärt, er sei Abrahams Gastfreundschaft verpflichtet und würde obendrein auch gerne ein Zeichen für die jüdisch-deutsche Freundschaft setzen. Meine Ausrede, schon bei meinen Eltern eingeladen zu sein, wird von ihm als antisemitistisch ausgelegt, und auf meine Korrektur des Wortes antwortet er nur: »Langweil mich halt, du Korrekturnazi.«

»Entschuldige, Hondo, ich wollte dir nur helfen, weil es in deiner Gemeinde vielleicht komisch wirkt, wenn du Begriffe wie Antisemitismus falsch aussprichst.«

»Was weißt du Nazikind schon von meiner Gemeinde? Wahnsinn, ey!«

»Dann sag antisemitistisch, mir soll’s wurscht sein.«

»Ja, und dann dem dummen Juden falsches Deutsch beibringe, ich glaub, es –«

Bevor er sich weiter aufregen und mir noch mit einer fürchterlichen Folter- oder Todesart (»Ich mach Schweinfutter aus dir!«) drohen kann, lege ich einfach auf und wünsche Sven in Gedanken Pest, Cholera und Mumps an den Hals. Und alle drei Kilometer einen platten Reifen.