Kapitel 46

Essen

Das Mitgefühl für Lukas Hübner, das Anna drei Monate später plötzlich überwältigte, überraschte sie nicht. Schließlich hatte sein Anruf ihr damals das Leben gerettet. Jakob war für seine Taten verantwortlich, nicht Lukas.

Sie dachte an den dunklen Raum und die Blockhütte; den unwiderlegbaren Beweis, dass es in Lukas’ Vergangenheit etwas durch und durch Krankes gegeben hatte, etwas, das auf dem geraden Weg zu ihr führte. Aber Robert Hirschau und seine Frau wussten aus der Essener Klinik nur Positives zu berichten.

Der schreckliche Vorwurf, den sie Lukas in all den Jahren gemacht hatte, wurde dadurch abgeschwächt.

Sie war auf dem Weg der Besserung, und Dr. Ansgar hatte nichts dagegen, dass sie Lukas besuchte. Sie wusste, dass es sein sehnlichster Wunsch war, sie um Verzeihung zu bitten. Auch das hatte Hirschau ihr anvertraut. Und jetzt saß sie Lukas gegenüber und war erstaunt, wie leicht es war. Sie mochte ihn auf Anhieb, und sie einigten sich darauf, sich beim Vornamen zu nennen.

„Geht es Ihnen gut? Ist alles in Ordnung“, fragte er.

Anna nickte.

„Sind Sie sicher?“

Sie schaute den älteren Mann mit den großen blauen Augen an. „Ich bin mir in nichts mehr sicher, Lukas.“

„Also, meine Mama sagte früher immer, es lässt sich doch alles viel leichter ertragen mit einer guten Tasse Tee.“

Anna schmunzelte. „Einer Tasse Tee?“

Jetzt wackelte Lukas mit dem Kopf. „Ja!“

„Genau das wollte ich gerade vorschlagen. Ich gehe und hole uns einen Tee. Möchtest du auch einen?“

„Gerne, Anna. Vier Löffel Zucker und viel Milch bitte.“

„Ist gut.“

„Danke.“ Doch statt sie gehen zu lassen, umfasste er liebevoll ihre Hand. „Sagen Sie, Anna, wie gefällt Ihnen das Eheleben? Sie sehen nicht froh aus“, sagte er leise.

Sie seufzte. Eine seltsame Frage für einen inhaftierten Behinderten, dachte sie.

„Ach, weißt du, ich sehe meinen Mann ja kaum, weil er die ganze Zeit arbeitet, und wir mussten unsere diesjährige Urlaubsreise auch ausfallen lassen. Da gab’s wieder so eine Riesenkatastrophe in seiner Firma.“

„Was macht denn die Firma?“, fragte Lukas neugierig.

„Pillen.“

„S-so welche, w-wie ich sie schlucken muss?“

„Auch solche.“

„Ach, wissen Sie, Anna, irgendwann verreisen Sie bestimmt wieder. Bei meiner Mama war das genauso.“

„Ach ja?“

„Am Anfang haben meine Eltern gar nichts gehabt. Und wissen Sie, was sie dann gemacht haben? Sie haben ein bisschen was zur Seite gelegt. Jede Woche. Und als sie dann Hochzeitstag hatten, dann haben sie sich ein kleines Häuschen in Mülheim gemietet, direkt an der Ruhr.“ Er lächelte verlegen.

Anna fühlte sich plötzlich wohl in seiner Nähe. „Ach ja?“

„Das w-war ein schönes Haus. Und als ich jünger war, d-d-d-da bin ich immer einmal im Jahr hingefahren, und … u-und da … da gibt es riesige Frösche und K-k-krokodile.“

„Wirklich?“

„Es würde Ihnen bestimmt dort gefallen.“

Sie lächelte und dachte daran, was wohl Katharinas Freund Basti zu Krokodilen in der Ruhr sagen würde. „Das glaube ich auch, Lukas. Könntest du jetzt meine Hand loslassen?“

Er wackelte mit dem Kopf. „Entsch-schuldigung. Es würde Ihnen dort gefallen“, wiederholte er.

„Bestimmt, Lukas. Bestimmt.“

„Ja …“ Er grinste und sah dabei lächerlich aus.

Anna kramte in ihrer Tasche. „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Sie reichte ihm eine Tafel Schokolade. „Die magst du doch, oder?“

Mit großen feuchten Augen schaute er zuerst auf die Schokolade und dann auf sie. „Ja, ja.“

Dann sah sie, wie dicke Tränen über seine mageren Wangen rollten, und war gerührt. „Also, ich hole jetzt den Tee, und dazu naschen wir die Schokolade. Okay?“

Lukas wackelte mit dem Kopf, was Anna als Nicken auffasste.

„Bis gleich.“

„Bis gleich“, sagte Lukas. Er schaute ihr nach und flüsterte: „Hm … mein Schokoladenmädchen.“

Als sie mit zwei Bechern zurückkam, strahlte er übers ganze Gesicht. „Ich habe Sie beschützt, Anna. Ich werde Sie immer be-beschützen.“

Ihr war plötzlich seltsam zumute, aber sie sagte: „Ich weiß, Lukas. Ich weiß.“

***

Moskau

Als Pawel Kubanek zurück nach Moskau in den Schoß einer russischen Hure fuhr, wurde er von einer Wut übermannt, die stärker war als alles, was er zuvor erlebt hatte.

Der Mord an Kreiler und die Tatsache, dass er seinen Großvater gefunden hatte, hatte die schmerzliche Leere seiner eigenen Existenz gefüllt. Er hatte sein wahres Ich gefunden. Aber eines stand noch aus …

Er dachte oft an sie. Sie ging ihm nicht aus dem Kopf, und wenn er an sie dachte, hatte er ihr leuchtendes, feurig loderndes, tizianrotes Haar vor Augen, das sich in wilden Locken über ihre Schultern ergoss. Er würde ihr schreiben, denn vorerst konnte er nicht nach Deutschland zurückkehren. Man könnte ihm auf die Schliche kommen, wenn sie seinen Großvater durch die Aktenschnipsel, die er an den Tatorten hinterlassen hatte, aufspüren würden. Die Recherchen würden die Ermittler vielleicht auch zum Enkel führen. Aber irgendwann musste er zurückkehren, um sie zu töten. Er bedauerte, dass er nicht schon längst in ihr abgetaucht war.

Hier in Moskau würde er die Antwort auf die Frage finden, wann er Mathildas kirschrote Lippen kosten sollte. Vielleicht würde er sie dann auch wie die selbstgefällige Taube auf dem Terrassengeländer mit harten Tritten bearbeiten. Oder er würde mit einem Eispickel auf sie einhacken. Immer wenn er an sie dachte – und das war oft –, schwappten die Gefühle über wie die Wellen einer Brandung.

Mathilda … Ihre Schönheit berührte ihn auf magische Weise, sie weckte in ihm, was grausam war, denn aus der Begegnung mit Schönheit und Musik erwuchs seine eigene schöpferische Kraft.

In der Stille seiner Penthousewohnung in Moskau würde er das Geheimnis ihrer Schönheit entdecken und ihr Raum geben, sich zu entfalten.

Winter. Es soll Schnee geben, leere Straßen.

Ja, das würde er ihr schreiben. Er schaltete die Stereoanlage an und lauschte den Klängen der Winterreise.