Kapitel 37
Starnberg
Anna stellte die Einkaufstüten auf der Küchenanrichte ab und sah sich ihre Merkzettel auf der Pinnwand an.
„Erledigt, erledigt, erledigt“, sagte sie und warf die einzelnen Zettel in den Papierkorb. „Dazu habe ich keine Lust. Ach ja. Genau …“
Sie riss die Notiz von der Pinnwand, nahm ihr Handy und wählte eine Rufnummer.
„Praxis Dr. Kreiler“, meldete sich die Stimme am anderen Ende.
„Biggi, ich bin es, Anna Gavaldo.“
„Sie haben heute das Krankenhaus verlassen, ohne mir Bescheid zu sagen.“
„Ach wirklich? Nein, Biggi, ich habe die Klinik sehr früh verlassen und Ihnen einen Zettel auf den Tisch gelegt.“
Sie verschwieg, dass sie in Kreilers Zimmer gewesen war und die Videoaufzeichnungen ihrer Sitzungen mitgenommen hatte. Jörg hatte sie achtlos auf dem Schreibtisch liegenlassen, jeder hätte sie nehmen können. Vor einer halben Stunde hatte sie sie Benedikt van Cleef gegeben, der sie von Robert Hirschaus neuer Freundin Alexandra Cordes überprüfen lassen wollte. Sie vertraute Hamlet.
Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Leider muss ich alle geplanten Termine absagen, Biggi.“
„Das haben Sie schon getan.“
„Das habe ich schon getan? Wann denn? Dann muss ich wohl die Zettel vertauscht haben. Oje! Entschuldigung. Ich habe auch vergessen, Milch für Katharina zu kaufen. Dabei bin ich extra deswegen zu dem Laden zurückgefahren. Die ganze Zeit schreibe ich diese blöden Zettel, damit ich mich überhaupt noch an etwas erinnern kann.“
„Das geht vorbei, glauben Sie mir“, sagte Biggi etwas versöhnlicher.
„Gut zu wissen. Grüßen Sie Doktor Kreiler von mir. Auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen, Frau Gavaldo.“
Anna machte sich einen Espresso und dachte dabei an die kleinen Zwerge in ihrer Klasse. Sie liebte ihre Arbeit. Es war der einzige Ort, an dem sie sich halbwegs sicher fühlte und sich nicht von Jakob verfolgt wähnte. Und doch überkam sie auch dort manchmal das Gefühl – wie heute –, dass sie sich beobachtet fühlte. Auch die Kinder bekamen ihre Stimmungsschwankungen mit und drückten sie in ihren Zeichnungen aus: kleines Mädchen in den Fängen eines Wolfes, dunkle Wolken am Himmel, ein schwimmendes Klassenzimmer mit spielenden Kindern, die ihre Lehrerin nicht vor dem Ertrinken retten konnten. Seltsam, dachte Anna. Ich sollte Jörg die Zeichnungen mal zeigen. Er wusste, was Kinder damit sagen wollten.
Sie sah den Stapel Post durch. Außer einer Zeitschrift und einer Rechnung fand sie einen Umschlag mit ihrem Vornamen darauf.
Sie war neugierig, von wem der Brief stammte,
stand auf, ging ins Esszimmer, schenkte sich den Espresso ein und
öffnete ihn.
Liebe Anna …
Heute, als ich in der Klinik vor Deinem leeren Bett stand, wusste ich, dass ich Dich verloren habe.
Anna, ich muss
vorsichtig sein: Lukas beobachtet mich. Die Stimme in meinem Kopf
sagt, dass Lukas seine Hand morgen auf Deinen kalten Leib legen
wird. Diese Stimme ist ein wahrer Freund. Du solltest sie
kennenlernen. Sie gehört mir …
Wer hatte diesen Brief auf den Tisch gelegt? Sie starrte mit angehaltenem Atem auf die letzten Zeilen, dann ließ sie die Blätter fallen, rannte in die Küche und übergab sich ins Waschbecken. Ich muss Mathilda anrufen, dachte sie. Und Benedikt und … nur keine Panikattacke, versuch dich zu beruhigen.
Nur jemand, der von der Existenz dieses Briefs, den Jakob ihr vor Jahren geschrieben hatte, wusste, hatte ihr das antun können. Wer war so grausam? Wer wollte, dass alte Wunden wieder aufgerissen wurden? Erneut stieg Brechreiz in ihr auf. Mit der Hand tastete sie die vernarbte Stelle über ihrer linken Brust ab. Nein, hör auf, du darfst nicht zurückblicken, nur nach vorne.
Das Telefon klingelte, und sie nahm mit zittriger Hand den Hörer ab.
„Anna?“, hörte sie Mathilda sagen.
Sie begann zu weinen.
„Anna, was ist denn los? Sag mir sofort, was los ist.“
„Jemand war schon wieder hier im Haus“, schluchzte sie. „Als ich nach Hause kam, fand ich Jakobs Brief vor. Jemand treibt ein grausames Spiel mit uns, mit mir. Wer tut uns das an? Wer?“
„Ich komme sofort zu dir. Ich rufe Benedikt an. Katharina bleibt vorerst hier, bis Max zurück ist. Frau Heldmann wird auf sie aufpassen. Beruhige dich, Liebes. Alles wird gut.“
„Ich habe Angst, Mathilda. Es ist wie damals. Der, der mir das antut, muss von der Existenz dieses Briefs wissen.“
„Da kommen nicht viele in Frage, Anna.“
„Ja, ich weiß. Ich fürchte mich.“
Plötzlich war die Leitung tot. Sie starrte regungslos auf den Telefonhörer. Da legte sich ihr eine Hand von hinten auf die Schulter, die andere Hand erstickte ihren aufkommenden Schrei. Dann spürte sie den Einstich der Nadel …
„Willkommen zu Hause, Anna“, flüsterte seine Stimme, kalt, dunkel und nahe an ihrem Ohr.
Er flüsterte die Worte von damals, oder es war
bloß Einbildung, dass er sagte: „Du bist mal wieder davongelaufen,
aber jetzt bin ich an deiner Seite. Und niemand wird uns
stören.“
***
Kreiler biss die Zähne zusammen, um den aufkommenden Schrei zu unterdrücken. Dann ließ er sich auf den weichen Teppich fallen und blickte zu Anna, die bereits am Boden lag. Er küsste ihre warmen, weichen Lippen. Heftig atmend legte er sich auf sie und rieb seinen Körper an ihrem.
„Anna?“
Er sah sie an und dachte an Katharina, an die glücklichen Augen und ihr sanftes Lächeln, wenn sie ihn begrüßte. Er stand auf und hob sie hoch, um sie in sein Haus zu bringen, dorthin, wo er sie schon immer haben wollte …
„Komm, mein Mädchen“, flüsterte er, „dort haben wir alle Zeit der Welt.“
Anna öffnete die Augen. „Jörg?“
„Du gehst über den Pfad, den Bach entlang …
Zwei …“
***
München
Kreilers Blick haftete auf Anna, die in tiefer Trance auf seinem Bett im Schlafzimmer lag. „Wo sind wir?“, fragte er sie.
„In Jakobs Haus, wir sind in seinem Keller.“
„Erzähl mir mehr davon.“
„Du kennst es doch.“
„Erzähl es mir trotzdem, Anna.“
Ihre Stirn legte sich in Falten. „Es riecht hier nach Farbe. Jakob hat Beschwörungskreise auf den Boden gemalt, mein Name mitten darin. Vier große Kreise, quadratisch angeordnet, in der Mitte mit einem zusätzlichen kleinen Kreis. Ich habe Angst.“
„Warum? Du bist bei mir sicher.“
„Er zieht darunter einen kleinen Kreis. Er sagt, es ist das letzte und sechste Ritual: der Todeskreis.“ Sie bewegte sich auf dem Bett, ihre Abwehr verlor sich jetzt in Furcht und Elend. „Er sagt, ich werde in drei Tagen sterben.“
Kreiler lächelte und beugte sich näher zu ihr. „Sagt er: Quando a vida perde o seu sentido, a morte nao mais assustara?“
Sie umklammerte die Bettdecke. „Ja, und jetzt geht er weg. Ich höre ihn. Besteck klappert.“ Ihr Brustkorb hob und senkte sich. „Er wird mich töten, wie er meine Schwester getötet hat. Wie lange dauern drei Tage in seinem kranken Geist?“
Kreiler ignorierte ihre Frage. „Wen wird er töten?“
„Katharina“, sagte sie atemlos.
„Dann ist Anna die Schwester, die er bereits ermordet hat? Dann bist du Katharina? Bist du Katharina?“
„Ja, die bin ich.“
Kreiler konnte sein Glück kaum fassen.