Kapitel 10

München – Freitag, 13. Oktober 2006

Im Traum wanderte Konstantin Kollmann immer wieder als fünfjähriges Kind durch den Garten seines Großvaters. Er begegnete seiner Mutter, wenn sie an der Flussbiegung entlangschlenderte, wo die Rosen wuchsen. Sie lächelte ihn an und streckte die Hand nach ihm aus, und alles war wieder gut.

Nein, nichts war wieder gut, dachte er, wenn er erwachte. Seine Widersacher waren schon hinter ihm her und würden ihn vernichten, noch bevor er sie beseitigen konnte.

Seine Mutter war weg, schon lange. Mandy Kollmann hatte ihn in der Nacht des 20. Juli 1971 auch nicht beschützen können. Sie war gar nicht da gewesen. Die Stimmen in seinem Kopf tuschelten, dass sie mit irgendeinem unbedeutenden Niemand durchgebrannt war und ihn, ihren Sohn, zurückgelassen hatte. Doch das stimmte nicht. Sie war zu seinem Vater, Georg Kollmann, gefahren, der in dieser Nacht im Krankenhaus einer Lungenentzündung erlegen war.

Gestern hatte er endlich eine Nachricht vom Polen bekommen. Noch waren nicht alle Widersacher beseitigt, dennoch verschaffte die detaillierte Beschreibung der Tötung ihm tiefe Genugtuung. Wie gerne hätte er gesehen, wie nicht identifizierbare Insekten Eier in den Wunden ablegten, doch leider hatte man die Leiche bereits am nächsten Tag entdeckt.

Sein Gehirn saugte jedes Wort des geschriebenen Tötungsprotokolls auf. Es war eine kleine Entschädigung für all die Jahre qualvoll drängender Erinnerung. Nur so konnte alles ins Gegenteil verkehrt werden, umgedreht, zurückgedreht. Was geschehen war, schien lange her zu sein, länger, als es eigentlich war, denn die Zeit verging nicht gleichmäßig. Bald würde er dem Polen mitteilen, auf welche Weise die nächsten Opfer sterben sollten. Der Killer wartete bereits auf seine Anweisungen. Er würde seine Arbeit machen, danach würde er für immer aus seinem Gedächtnis verschwinden. Jetzt zahlte er es den Bestien mit gleicher Münze zurück.

Inzwischen hatte der Pole den Mann ausfindig gemacht, der damals im Haus seines Großvaters behauptet hatte, dass seine Mutter in dieser Nacht mit einem anderen durchgebrannt sei. Sein Name war Mirko Selicz.

Er sah Selicz in den Armeestiefeln herumpoltern, ein grober, kantiger Klotz, dessen Schirmmütze eine lächerliche Glatze verdeckte und dessen Uniform über dem Wanst spannte. Er war immer wieder überrascht, wie sehr das strahlende Bild eines militärischen Helden von der Wirklichkeit abwich. Seine Schritte waren alles andere als lautlos gewesen, er war überaus hörbar, laut und polternd, ein Männerlachen, das den Himmel aufreißen konnte und sogar die Wolken zum Zittern brachte. Ein Mann, dessen Stiefeltritte er als Kind erdulden musste und die noch heute wie Feuer brannten. Aber noch schlimmer als das Feuer des Schmerzes brannten die Lügengeschichten, die Selicz seinem Großvater, dem früheren Kriegsgerichtsrat und späteren Richter am Landgericht Aachen, Richard Kollmann, aufgetischt hatte, denen zufolge seine Mutter ihren Sohn der großväterlichen „Obhut“ überlassen hatte, um im stadtbekannten Bordell anschaffen zu gehen. Dabei hatte sie sich ihrem fünfjährigen Sohn nie entzogen und auch niemals als Prostituierte gearbeitet.

Er stand am Ufer des kleinen Sees und trat ans Wasser. Bestimmt war das Wasser warm, so warm wie das Lächeln seiner Mutter und weich wie ihre Haut. Die Nacht verschattete seine Augen, bis sie die dunkle Farbe seiner Mutter annahmen.

„Hallo.“

Erstarrt blieb er am rutschigen Ufer stehen. „Mama?“

Sie eilte auf ihn zu, schob sich durch die Weidenwedel, ihr Haar in dunklen Locken über die Schultern gebreitet. Sein vom Kummer betäubtes Herz erwachte mit einem wilden Satz.