Kapitel 29

München Polizeipräsidium

Benedikt van Cleef klopfte seinem Freund kameradschaftlich auf die Schulter.

„Dein Chef glaubt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Münchener Doppelmord und den Mordopfern in Essen, Istanbul und Florenz. Er hat mir gesagt, ich soll dir in allem behilflich sein.“

Van Cleef freute sich, dass sie zusammenarbeiten würden, denn Robert Hirschau war ein exzellenter Ermittler und Profiler. „Es soll mir eine Ehre sein, Hamlet. Okay, dann wollen wir mal. Kollege Neumann erwartet uns im Konferenzraum“, sagte van Cleef.

Als sie den Raum betraten, hörten sie Neumanns laute Stimme: „Ah, da kommt der Boss … Deine Freundin Dr. Granel am Telefon. Okay, ich stelle jetzt um auf Lautsprecher.“

„Hallo, Benedikt“, erklang Veronikas Stimme am anderen Ende der Leitung. „Ich habe die Proben vom BKA miteinander verglichen. Inzwischen liegen die Laborergebnisse auf dem Tisch. Die Daten stimmen überein. Dieselben Fasern, dieselbe DNA. Wir haben alles miteinander verglichen. Auch die Hautpartikel vom Hals waren aufschlussreich. Kein Zweifel: Es ist derselbe Täter.“

„Danke, Veronika. Robert Hirschau steht neben mir. Er wird uns unterstützen.“

„Hallo, Herr Hirschau“, hörte er Veronika sagen. „Jedenfalls war es eine verdammt gute Ermittlungsarbeit von diesem … Wie heißt er noch mal, dieser junger Mann …?“

„Neumann.“ Van Cleef sah, wie das Gesicht seines jungen Kollegen die Farbe der Morgenröte annahm.

„Ja, das war eine verdammt beeindruckende Arbeit. Ich habe den Kleinen wohl unterschätzt. Also, ihr habt, was ihr wollt. Es wäre schön, wenn du mich auf dem Laufenden halten könntest.“

„Das machen wir. Danke.“

„Bis dann, Benedikt. Und Herr Hirschau, die Obduktionsberichte aus dem Ausland sind sehr aufschlussreich und werden Ihnen einen Eindruck davon geben, mit wem wir es hier zu tun haben. Und schauen Sie doch mal auf einen Kaffee bei mir rein!“

Hirschau verzog das Gesicht, sagte aber: „Klar, mache ich. Bis dann, Dr. Granel.“

Nachdem van Cleef aufgelegt hatte, wandte sich er sich Neumann zu, der den Diaprojektor anwarf. „Robert Hirschau wird uns bei den Ermittlungen zur Seite stehen. Wir haben es mit einer Mordserie zu tun. Herr Hirschau ist auf speziellen Wunsch des BKA hier. Dieser Fall hat absolute Priorität. Alles ist streng vertraulich. Du solltest also einfach nur den Mund halten, Neumann.“

Der nickte.

„Also, Hamlet, dann gib uns mal einen Überblick.“

Hirschau räusperte sich.

„Neumann, kümmere dich mal um das Licht“, sagte van Cleef, während Hirschau das erste Dia an die Wand projizierte.

„Wir haben insgesamt fünf Morde zu klären, die miteinander in Verbindung gebracht werden müssen“, begann Hirschau.

„Fünf?“, fragte Neumann verblüfft.

„Ja. Ein Muster, das, wie wir glauben, mit dem Tod von Sedar Biljano in Essen begonnen hat. Ihr kennt die Ermittlungsergebnisse. Seine Überreste wurden im Kamin einer alten Burgruine in Essen-Kettwig gefunden. Opfer Nummer zwei hing an einem Fleischerhaken in Florenz, Opfer Nummer drei … Die Fotos der dort ansässigen Ermittlungsbehörden zeigen das ganze Ausmaß dieser Greueltaten. Vier verschiedene Orte. Es sieht so aus, als würde unser Mann willkürlich morden. Aber das ist nicht der Fall. Es gibt eine Übereinstimmung: Er tötet immer an einem Freitag. Und alle Opfer – von Essen über Florenz nach Istanbul bis München – sind mit einer Person in Berührung gekommen, die dieselbe DNA aufweist.“

„Also fährt dieser Typ quer durch Europa“, stellte Neumann fest.

Hirschau nickte. „So sieht es zumindest aus. Der Fundort war – mit Ausnahme von Michail Heptna – nicht der Tatort des Verbrechens. Offensichtlich macht es ihm nichts aus, mit einer Leiche im Kofferraum herumzufahren. An allen Tatorten wurden Papierschnipsel gefunden: das Aktenzeichen einer alten Akte aus dem Jahr 1944. Darin werden mehrere junge Männer in Aachen von einem Standgericht zum Tode verurteilt. Dem sollten wir jetzt nachgehen.“

Neumann zog die Augenbrauen hoch.

„Die Schnipsel bedeuten nicht unbedingt, dass er uns einen Hinweis geben will, damit wir ihn fassen können, sondern er weist uns lediglich auf einen Zusammenhang hin.“

„Sehe ich auch so. Keine zwingende Schlussfolgerung“, mahnte van Cleef.

„Wieso nicht?“, fragte Neumann.

Van Cleef blätterte in einer Akte. „Es gab keinen Kampf, es gab keine Zeugen. Die einzige offensichtliche Verbindung zwischen den Opfern besteht darin, dass sie alle deutsche Staatsbürger polnischer Abstammung waren und womöglich etwas mit dieser Akte zu tun haben. Aber ich habe noch etwas. Auf dem Gelände der Landesgartenschau in Leverkusen wurde die Leiche einer Frau gefunden: Lissi Kreisler, eine Prostituierte, die Biljano – unser Opfer aus Essen – vorher geordert hatte, wie wir von der Vermittlungsagentur erfahren haben. Sie wies unter ihren Fingernägeln Hautpartikel derselben DNA auf.“

„Vielleicht hat er sie gebumst und fand, dass sie ihr Geld nicht wert war“, bemerkte Neumann trocken.

„Herr Neumann, können wir bitte bei der Sache bleiben?“, fragte Hirschau höflich. „Ein so akribischer Mörder hat ganz sicher Auswahlkriterien. Sie könnte ein sechstes Opfer sein, aber sie kommt mir eher wie ein Kollateralschaden vor. Bleiben wir vorerst bei den Männern. Es muss einen Zusammenhang zwischen den Opfern geben.“

„Unsere geheimnisvolle Gerichtsakte“, sagte Neumann.

Van Cleef blätterte wieder. „Nach den Autopsieberichten wissen wir, dass die Opfer nach ihrem Tod mehrere Stunden auf dem Rücken gelegen haben. Dennoch wurden sie, mit Ausnahme von Lissi Kreisler, aufrecht sitzend gefunden. Sogar Andrej Heptna saß in der Kloake. Was sagt uns das?“

Hirschau schaute van Cleef überrascht an. „Jemand hat den Körper trotz einsetzender Leichenstarre gebogen.“

„Exakt. Und das erfordert viel Kraft und Zeit, deshalb müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass diese Handlung das letzte Glied der Motivationskette ist.“

„Welche Handlung, Benedikt? Was tut er?“

„Er setzt die Opfer in Positur.“

„Aber als was?“, warf Neumann ein.

„Was meinst du, Hamlet?“

„Ich weiß es nicht, wir werden das herausfinden. Und die Sprüche auf der Wand geben uns auch einen Hinweis. Es ist ein Zitat aus einem Märchen. Das lässt auf ein frühkindliches Trauma schließen. Das Zitat wurde in polnischer Sprache gekritzelt. Das mag ein Zufall sein, aber ist es nicht seltsam, dass alle Opfer Deutsche polnischer Abstammung waren?“

Van Cleef nickte nachdenklich.

Hirschau erhob sich – das Zeichen für die anderen, dass die Besprechung vorerst beendet war. Auch van Cleef stand auf. Neumann schaltete den Diaprojektor aus.

„Könnte ich in deinem Büro mal in Ruhe telefonieren, Benedikt?“, fragte Hirschau.

„Sicher.“

Zehn Minuten später meldete sich auf der internen Leitung die Zentrale. „Ein Gespräch für Sie, Herr Hirschau, ein Jerec Salomon aus Berlin. Soll ich durchstellen?“

„Ich bitte darum“, sagte Hirschau und verabredete sich mit Salomon.

***

Berlin

Professor Jerec Salomon, Politikwissenschaftler am Institut für Völkerkunde der Albert-Ludwig-Universität Freiburg und Gastdozent an der Freien Universität Berlin, wohnte in Dahlem im Zentrum von Berlin. Er besaß eine ansehnliche einstöckige Villa, umgeben von einer grauweißen Mauer und einem üppig bepflanzten Vorgarten. Die beiden Männer hatten sich während einer Tagung der Gesellschaft für Menschenrechte im vergangenen Herbst kennengelernt. Jerec Salomon hatte dort anlässlich der Vorbereitungen zur UN-Konferenz gegen Rassismus einen Vortrag über Juden und Menschenrechte gehalten, der Robert Hirschau sehr beeindruckt hatte.

Später hatten sie angeregt über die großen polnischen Ghettos – Warschau, Bialystok und Wilna – diskutiert, in denen sich die Juden der deutschen Aufforderung zur Deportation widersetzt und gegen eine gewaltige Übermacht gekämpft hatten, obwohl sie kaum Waffen besaßen. Natürlich kamen sie damals auch auf das älteste und bösartigste Vorurteil zu sprechen: den Antisemitismus, den man schon in so vielen Verkleidungen gesehen hatte.

Jerec Salomon schien auf seine Fragen über die Hintergründe solcher Prozesse wie dem in Aachen, in dem Maryam Krasinski zum Tode verurteilt worden war, gut vorbereitet zu sein.

„Die damaligen Richter waren nicht nur dem Nazi-Recht ergeben. Sie verband eine tiefgreifendere gemeinsame Ideologie. Es ging dabei um die Synthese des absolut Bösen“, erklärte Salomon. „Ein Akt der Barbarei, der so grausam ist, dass er einen in einen anderen Bewusstseinszustand hebt und das Tor zu einer höheren Daseinsform öffnet: Macht, grenzenloses Lustempfinden, eine gänzlich neue Definition von Heiligkeit. Das Böse ist gut, und alle Extreme werden eins.“

„So etwas Krankes habe ich noch nie gehört“, sagte Hirschau verwirrt.

Jerec nickte. „Im Grunde genommen war es ein okkulter Kreis, dem einige der gewissenlosesten Nazis angehörten. Eines der wichtigsten Mitglieder war Hitler selbst. Sie nannten ihn ihr Medium. Richard Kollmann wurde der Richter genannt. Seine Aufzeichnungen decken sich mit denen jenes Geheimbunds.“

„Hat er etwas mit unserer Mordserie zu tun?“

„Ja und nein. Ja, weil er arme Schweine wie Krasinski zum Tode verurteilte, nein, weil er Jahrzehnte später selbst ermordet wurde.“

„Weshalb weist der Mörder uns auf die Krasinski-Akte hin? Warum interessiert sich jemand dafür?“, fragte Hirschau. „Der Mann ist tot, ebenso sein Richter.“ Er überlegte, dann sah er Salomon direkt ins Gesicht. „Halten Sie es für möglich, dass Krasinski noch lebt?“

„Er wurde Ende 1944 von einem Exekutionskommando erschossen. So steht es zumindest in seiner Akte.“

„Und Kollmann wurde 1971 in seinem Haus in Aachen zusammen mit den Kriegskameraden ermordet aufgefunden. Die Getöteten gehörten dem Kriegstribunal von 1944 an, aber diese Spur wurde nicht weiterverfolgt, da Krasinski und viele andere hingerichtet wurden. Die Ermittlungen verliefen im Sande. Ob diese Morde eine perverse Installation des Bösen darstellen sollten?“

„Sie meinen“, nahm Salomon den Faden wieder auf, „dass Krasinski über metaphysische Fähigkeiten verfügte und sich postmortal wieder zu rematerialisieren vermochte?“

Hirschau lächelte. „Sie wissen, dass wir mit parapsychologisch begabten Mitarbeitern arbeiten und auch mit Spezialisten auf dem Gebiet von Psi-Phänomenen kooperieren?“, schweifte er ab.

Salomon lächelte. „Wenn’s die CIA tut, warum sollten Sie’s nicht tun?“

„Obwohl die nicht an die okkultistische Qualität der Polen rankommen“, sagte Hirschau.

„Nun, ich schlage vor, den okkultistischen Schnürboden zu verlassen und wieder das trittfeste Gelände der Realität zu betreten. Ob die Serienmorde eine okkulte Inszenierung des Bösen gewesen sein könnten … Ich will es kurz machen: Das glaube ich nicht. Nein. Und das aus einem einzigen Grund: Das würde ja bedeuten, dass eine Handvoll diabolischer Gurus die Realität kassieren und unsereinen zum Pawlowschen Hund des Bösen machen könnte.“

„Ich vermute, dass sich hinter diesen Serienmorden Vergeltung für eine entsetzlich grausame Tat verbirgt.“

Der Professor nickte. „Für mich als Politologe ist wichtig, was historisch verifiziert werden kann. In der Vergangenheit hat man immer wieder, was Richter Kollmann betraf, die moralische Frage gestellt und ausgelotet … Kollmann war nicht an irgendeinem Mann oder an irgendeiner Frau persönlich interessiert. Er war wohl eher vom Bösen fasziniert.“ Jerec Salomon erhob sich. „Kommen Sie.“

Er führte Hirschau in den beheizten Kellerraum seines Hauses, in dem er ein gewaltiges Archiv angelegt hatte.

„Dies ist eines der wichtigsten Naziarchive in Europa. Vielleicht nicht quantitativ, aber qualitativ. Es enthält eine Vielzahl seltener Originale. Der größte Teil stammt aus den Jahren 1944 und 1945.“ Salomon nahm eine Akte aus dem Regal. „Hier haben wir eine von Kollmanns ersten Veröffentlichungen. Der Artikel erschien Anfang 1943 in einem Juristenblatt. Ich lese mal vor: Die Isolation des Bösen liegt jetzt im Bereich des Möglichen, es von allen Vorurteilen zu befreien, die trügerische Schale der Humanität von ihm zu nehmen. Es geht noch weiter. Verstümmelung, Folter und Greueltaten zu begehen ist gleichsam ein Weg zur Läuterung. Gleichsam das Sakrament der Grausamkeit und Furcht.

„Was halten Sie davon?“, fragte Hirschau.

„Dieser Mann war nicht nur ein simpler Fanatiker oder dergleichen.“ Salomon schlug eine weitere Seite auf und las: „Sie sollen verloren, gebrochen und krank sein. Und sie sollen den Namen ablegen, und in dem Namen ist das Wort. Nur das Wort ist das Instrument der Lüge und der Falschheit …“

Hirschau unterbrach. „Moment mal. Was steht da? Das Wort ist das Instrument der Lüge und der Falschheit?“

„Ja.“

„Aber ist das nicht aus der Bibel und bezieht sich auf das Dasein eines Engels?“

„Richtig. Wenn sich einer als Engel bezeichnet, glaubt er, sich nicht der menschlichen Moral unterwerfen zu müssen.“

„Hm … Das ist krank, vollkommen krank.“

Salomon ignorierte die Bemerkung. „Menschen wie Kollmann waren damals in der Gesellschaft ausgesprochen angesehen. Nur verständlich, dass die ersten Gerüchte in Umlauf kamen“, fuhr er fort.

„Was für Gerüchte?“

„Nun, es heißt, überall dort, wo er den Richtervorsitz hatte, seien Menschen verschwunden. Es waren immer die Angeklagten des Verfahrens, überall. So ließ sich nie ein Zusammenhang herstellen.“

„Verstehe. Die Männer, die mit Kollmann umgebracht wurden, haben mit ihm zusammengearbeitet.“ Hirschau holte die alten Tatortfotos aus seiner Mappe. „Laut Obduktionsbericht wurden Kollmann und seine Gäste mit Genickschüssen hingerichtet, doch vorher wurden sie alle bei vollem Bewusstsein verstümmelt. Richter Kollmann und Staatsanwalt Dr. Specke hat man die Zungen herausgeschnitten, dem Beisitzer Nüsker wurden die Augen ausgestochen, Kemper wurden die Hoden entfernt und Wilhelms die Hand abgehackt. Und ihre Wunden wurden mit Säure verätzt.“

„Das ist es. Das passt doch zu dem, was uns Kollmann in seinen Aufzeichnungen hinterlassen hat.“ Salomon nickte beim Betrachten der Bilder.

Hirschau blätterte in seiner Mappe und holte das Gerichtsurteil gegen Maryam Krasinski heraus. „Die Opfer von München, Essen, Florenz und Istanbul wurden auch verstümmelt. Auf dieselbe Art und Weise. Das ist die Verbindung. Es ist eindeutig ein Vergeltungsakt. Hier geht es um Rache.“

„Aber wenn Krasinski tot ist, wer rächt sich dann an wem? In den Zeitungsartikeln darüber war noch die Rede von einem Kind“, murmelte Salomon nachdenklich. „Die Ermittlungsbeamten fanden in Kollmanns Haus ein sechsjähriges, völlig verstörtes Kind, Kollmanns Enkel Konstantin. Der Junge musste jeden einzelnen bestialischen Mord mit ansehen, und anschließend … ließen sich die Mörder an ihm aus.“

„Darüber stand nichts in den Akten. Mein Gott, das ist grässlich. Was wurde aus dem Kind?“

„Es wurde nach dem Tod seiner leiblichen Mutter von Pflegeeltern adoptiert.“

Als Salomon das sagte, beschlich Hirschau ein ungutes Gefühl. „Sie kennen nicht zufällig den Namen der Pflegeeltern?“

„Leider nicht. Dafür sind die Jugendämter zuständig, und die halten dicht.“

Am nächsten Morgen rief Hirschau Benedikt van Cleef an und bat um eine Unterredung.