Kapitel 45
Graz
Anna Gavaldo und Dr. Carlos Ansgar saßen im gemütlichen Besprechungszimmer des Chefarztes der Psychiatrie der Universitätsklinik Graz.
Dr. Ansgar wirkte ratlos, als er Anna über seine randlose Brille hinweg ansah. Schließlich verschränkte er die Arme vor der Brust und gestand: „Ich weiß nicht, wie ich weiter vorgehen soll. Ihre Neigung zur Dissoziation nimmt eher zu als ab.“
„Wirklich?“
Anna selbst hatte das Gefühl, seltsam munter zu sein und die Welt durch eine zartrosa getönte Brille zu sehen. Jetzt war das Gefühl allerdings verschwunden. Auch wenn die freudige Erregung über ihr Wohlbefinden allmählich nachließ, so verhielt es sich mit ihrer neu gewonnenen Klarsichtigkeit anders. Alles kam ihr größer und heller vor, die Farben intensiver und die Klänge lauter und präziser.
Dr. Ansgar legte die Hände zusammen wie bei einem Gebet, dann beugte er sich vor und sagte: „Ich würde es gern mit Sodium Pentothal probieren.“
Anna sah ihn überrascht an. „Das ist doch ein chemischer Lügendetektor, oder?“
Dr. Ansgar zuckte mit den Achseln. „Eine kleine Dosis. Mir fällt sonst nichts mehr ein. Natürlich können wir einfach abwarten, aber im Moment komme ich so nicht weiter. Sie blockieren.“
„Inwiefern?“
„Ich finde keinen Zugang zu Ihnen. Sie sind wie eine Blackbox. Jedes Mal, wenn ich Ihre Vergangenheit erkunden will, lande ich vor einer Mauer. Und ich weiß nicht, warum.“
„Und Sie glauben, ein Barbiturat …“
„Wird helfen? Ja, das glaube ich.“
„Wieso sind Sie so sicher, dass das, was Sie bei mir sehen, Widerstand ist und kein organischer Schaden?“
„Weil ich meine Hausaufgaben gemacht habe“, erwiderte Dr. Ansgar. „Nichts deutet auf einen Hirnschaden hin, rein gar nichts. Wir haben es hier mit einer pathologischen Aversion zu tun.“
„Gegen …?“
„Sie selbst.“
Anna trank einen Schluck Kaffee.
„Aber das ist nicht das Einzige, was mir Kopfschmerzen bereitet.“ Er hielt inne. „Sie werden depressiv.“
Bevor sie die Diagnose von sich weisen konnte, fuhr der Psychiater rasch fort. „Also, Depressionen sind ganz und gar nichts Ungewöhnliches nach einem durchlittenen Trauma, aber in Ihrem Fall ist es doch schwerwiegender, als ich erwartet habe.“
Anna schüttelte den Kopf. „Das sehe ich nicht so. Im Gegenteil: Ich fühle mich durch Ihre Therapie wieder richtig lebendig.“
„Ich weiß. Ich sehe es in Ihrem Gesicht. Aber dann verschwindet der glückliche Ausdruck wieder und …“ Er zögerte. „Sie verlieren jeden Affekt. Ich will ehrlich mit Ihnen sein“, fuhr er fort. „Ich befürchte, dass Sie manisch-depressiv werden könnten und dass sich dieser Zustand manifestiert.“
„Oh!“
Dr. Ansgar nickte und räusperte sich. „Und, äh … was ist mit Max?“
Anna war von der Frage überrascht. „Was soll mit ihm sein?“
„Ich habe mich schon gefragt, in welcher Beziehung Sie jetzt zueinander stehen.“
Anna blickte finster. „Er ist der Kläger, ich die Beklagte.“
Dr. Ansgar lächelte. „Max sagt, er hat die Klage zurückgezogen“, sagte er humorvoll.
„Ja, wir verstehen uns jetzt besser. Es war für uns eine sehr schwere Zeit. Unsere Ehe hat unter diesem Wahnsinn sehr gelitten.“
Ansgar verarbeitete die Information einen Moment, dann sagte er: „Wie wär’s, wenn wir es heute Nachmittag mit dem Pentothal probieren?“
„Okay.“
***
Nachdem sie die erste Injektion erhalten hatte, fühlte Anna sich immer unwohler. Sie wollte auf der Couch ihre Position verändern, aber sie konnte es nicht.
Die Angst, an die vergangene Woche erinnert zu werden, ließ sie erstarren. Sie war wie in Eis eingeschlossen. Sie hatte Angst, sich zu bewegen und etwas loszureißen. Aber warum? Ein logischer Teil ihres Verstands setzte sich diesen Reaktionen noch immer entgegen und missbilligte ihr Unbehagen.
„Ganz ruhig“, sagte Dr. Ansgar. „Sie sind hier sicher.“
„Ich kann nicht denken. Da ist kein Platz zum Denken.“ Sie empfand nur noch Druck und Kälte. „Es ist sein Zimmer. Dieses weiße Zimmer. Ich liege auf der Couch. Er redet mit mir.“ Das Sprechen schien sie gewaltig anzustrengen.
„Was sagt er?“ Dr. Ansgar flüsterte fast, aber seine Worte klangen beschwingt. „Was sagt er?“, wiederholte er, diesmal lauter, mit einer Stimme, die deutlich, wenn auch verhalten, einen triumphierenden Beiklang hatte, einen Beiklang, der Anna mit Grauen erfüllte.
„Er … Er …“
„Ja?“
„Er … sagt, ich bin Katharina. Er sagt, Anna liegt in dem Grab. Er …“ Plötzlich wurden mit einem Mal große Teile ihrer Vergangenheit so klar, dass ihr das Herz stockte.
Dann schmolz das Eis, und das bedrohliche Bild verschwand so schnell, wie es gekommen war. Ihre Augen öffneten sich jäh, und sie war da, wo sie die ganze Zeit gewesen war, auf der Couch gegenüber von Dr. Ansgar, erfüllt von Freude, weil sie sich endlich erinnerte. Und erfüllt von einer frostigen Mischung aus Staunen und Entsetzen über das, was ihr widerfahren war, unter Zwang, doch auch … freiwillig.
Schön zu wissen, wer
du bist, dachte sie.
***
Es folgten weitere Sitzungen. Jetzt, da die Gestalt ihrer Alpträume ein Gesicht bekommen hatte und sie sich daran erinnerte, was in dem dunklen Raum geschehen war, war sie verblüfft, wie schnell sich das Puzzle zusammensetzte. Und jeden Tag kamen neue Teile hinzu.
Trotzdem konnte sie kaum verkraften, was geschehen war. Sie schrie, wurde von hysterischen Weinkrämpfen und Wutausbrüchen geschüttelt, sie lachte zu laut, zu leise.
Dr. Ansgar ertrug ihre Emotionen mit der Gelassenheit, die sie brauchte, um zu genesen.
Nur bei jener nächtlichen Erinnerungssequenz, in der Jakob plötzlich im Schlafzimmer aufgetaucht war und sie im Schlaf geliebt hatte, war sie ruhig und gelassen geblieben, obwohl Dr. Ansgar alles versucht hatte, sie mit seinen Fragen aus der Reserve zu locken.
Es war in einer jener Sequenzen gewesen, als Anna plötzlich spürte, dass sie nicht mehr allein war. Der Keller war dunkel. Sie schaute sich um, doch sie konnte nichts erkennen. Es war, als starre sie in eine dunkle Höhle.
„Die Dunkelheit stört dich, nicht wahr?“, hörte sie ihn sagen.
Dann ein scharfes Klicken, die Deckenlampe flammte auf und tauchte alles in sanftes Licht.
Jakob saß auf einem Stuhl, hatte die Füße auf den Stahltisch gelegt und sich mit verschränkten Armen im Sessel zurückgelehnt. Seine Größe beherrschte den Raum. Sein Gesicht sah schroff aus und sein Unterkiefer hart.
Sie bemerkte den Tragriemen, der in der Ecke von der Decke hing. Er beobachtete sie mit hochgezogener Augenbraue und fragendem Blick, dann schwang er die Füße vom Tisch, erhob sich und kam quer durch den Raum auf sie zu, eine Spritze in der Hand. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er starrte mit blutunterlaufenen Augen auf sie herab und legte seine Hand auf ihren Arm.
„Macht dir dieser Ort hier Angst?“, fragte er. „Oder bin ich es?“
Sie schauderte. Wenig später war die Welt voller bunter Farben.
Ihr Unterleib verkrampfte sich, und sie wusste: Noch war Zeit. Noch war die Reise nicht beendet. Er sah sie eine Weile nachdenklich und schweigend an, dann brachte er sie zu dem Tragriemen hinüber. Er hob sie hoch und legte sie mit dem Rücken darauf.
Ihr Herz schlug schnell, der Raum schwelgte in tanzenden Farben. Er legte Ledermanschetten um ihre Handgelenke und befestigte sie an den oberen Ketten neben ihrem Kopf.
„Heb deine Beine an“, sagte er. „Zieh sie hoch.“
Er versah auch ihre Knöchel mit Manschetten und hakte sie außen an den unteren Ketten fest.
„Ist es bequem?“, fragte er.
Sie nickte.
„Gut. Du wirst hier vielleicht eine Weile ausharren müssen.“
Er zog sich aus. „Wir werden heute etwas Neues machen“, sagte er.
Sofort durchfuhr sie sowohl Angst als auch Erregung, ein gesteigertes Gefühl von Gefahr.
Er streichelte über die Innenseite ihrer Oberschenkel. „Allerdings“, sagte er, „ist es nicht ganz so neu. Du hast das schon mal gemacht. Anfangs mochtest du es überhaupt nicht. Es hat dir Angst gemacht.“
Ihre Muskeln verspannten sich spürbar.
„Keine Angst. Du wirst keinen Schmerz spüren. Da du es schon einmal gemacht hast, kannst du es auch wieder tun.“
Sie war weit offen und ihm hilflos ausgeliefert. Nein, dachte sie. Nein! Sie wollte sprechen, aber es kamen keine Worte heraus. Ihre Lippen und ihr Unterkiefer zitterten. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Wieder seufzte er, diesmal fast mitfühlend, und legte den Kopf auf ihre Brust.
„Atme mit mir“, flüsterte er.
Sie horchte auf den gleichmäßigen Rhythmus seines Atems. Sie versuchte sich zu entspannen und ihren Atem zu verlangsamen und sich ihm anzupassen. Sein Haar fühlte sich weich an auf ihrer Haut, und sein Atem war warm.
Minutenlang verharrte sie so.
Sein Kopf lag noch immer auf ihrer Brust, als er mit ruhiger Stimme sagte: „Beweise mir deinen Gehorsam. Ich verlange es.“
Er hob den Kopf und sah sie an. Eine schwarze Locke war ihm über die breite Stirn gefallen, als er mit dem Skalpell über ihr Schambein ritzte.
„Ich halte nichts von Mittelmäßigkeiten, Anna. Du musst entweder den ganzen Weg gehen oder aufhören.“
„Es tut mir leid, dass ich mich dir widersetzt habe“, flüsterte sie.
Wieder traten Tränen in ihre Augen. Er küsste ihren Hals, berührte ihre Augenlider mit den Lippen und schmeckte ihre Tränen.
Dann stieß er in sie hinein. Sie war unfähig zu sprechen. Der Druck verringerte sich, und das Gefühl, das sie jetzt hatte, ähnelte nichts, was sie je empfunden hatte – ein Gefühl kompletter Fülle und Durchdrungenheit, als seien zwei Menschen durch ein geschlechtliches Band miteinander verbunden, eine intensive Verschmelzung, deren Energie unfassbar war.
Er lächelte, und sie fand, dass er toll aussah mit seinem strammen, gebräunten, muskulösen Körper. Und sie dachte, dass er ihr gehörte – oder eher sie ihm –, und Stolz ergriff sie …
„Ich werde alles tun, was du möchtest“, sagte sie leise.
Sie wusste: Jakobs Berührungen waren jetzt unauslöschliche Erinnerungen. Und Dr. Ansgar wusste es auch, doch er würde schweigen wie ein Grab.
Sie musste lernen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Sie hatte Jakobs Berührungen genossen, obwohl es nicht sein durfte. Sie dachte an all das Unbekannte in ihrem Leben: an die Wahrheit ihrer im Verborgenen liegenden Wünsche, die durch Jakob geweckt worden waren, an das Ziel ihrer Reise, die sie mit diesem Mann, dem sie hörig gewesen war, unternommen hatte. Sie hatte ihn so sehr gewollt, und doch …
Überzeugt, dass ihre Tochter in dieser Nacht
gezeugt worden war, wollte sie dieses Wissen mit niemandem teilen.
Sie musste ihr Kind schützen. Sie war sicher, dass man sie, was das
Resultat des Gentests betraf, belogen hatte. Vielleicht, weil man
sie schützen wollte. Max durfte jedenfalls niemals erfahren, dass
Katharina nicht seine Tochter war. Niemals! Und ebenso wenig durfte
er erfahren, dass sie nicht die war, die sie vorgab zu
sein.
***
Zehn Wochen später saß sie an einem Nachmittag in Dr. Ansgars Praxis. Er hatte einen Kaffee kommen lassen. Mehrmals fragte er sie, ob sie müde sei und lieber aufhören wolle, doch die seltsame Mattigkeit, die sie so lange Zeit befallen hatte, war verschwunden. Bis auf die Angst, die immer noch in ihr lauerte, fühlte sie sich frisch und brannte darauf, sich an möglichst viel zu erinnern. Sie sprachen über ihre Kindheit, über Max und Katharina. Sie hatte das Gefühl, als würde in ihrem Bauch ein kleiner Vogel Purzelbäume schlagen.
Sie war glücklich, endlich wieder glücklich.
„Ich kann Sie jetzt mit ruhigem Gewissen entlassen, Anna. Sie haben keine posthypnotischen Suggestionen mehr. Aber ich will ehrlich zu Ihnen sein. Nach dem, was Sie durchgemacht haben, wird es noch einige Zeit dauern, bis Sie wieder auf dem Damm sind.“ Er lächelte aufmunternd.
Anna nickte. „Sie meinen, Sie müssen keine Teufelsaustreibung mehr vornehmen?“
„Sie werden dem Teufel widerstehen. Da bin ich mir sicher. Und jetzt lade ich Sie zu einer Pizza ein, und wir feiern Ihre Entlassung. Ihr Mann und Ihre Tochter werden sich freuen.“
Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber irgendwie wirkte Dr. Ansgar heute größer, sportlicher und entspannter. Und da war etwas in seinem Blick. Seine Augen sagten ihr: Sie sind okay, Anna.
„Ja, ich bin wieder okay. Ich danke Ihnen für
alles, und … ich nehme Ihre Einladung natürlich gerne
an.“
***
Als seine Frau am nächsten Morgen aufwachte, stand Max bereits an ihrem Bett.
„Mit dir nehme ich Abschied von allem“, sagte sie leise. „Die Reise ist vorbei, und ich bin angekommen. Sie endet bei dir, Max.“
Er küsste sie zärtlich. „Ich wollte seit unserer ersten Begegnung nie mehr ohne dich sein“, sagte er leise.
„Ich hatte Angst“, sagte Anna leise.
„Ich weiß.“
Für einen Moment vergaß er die hässlichen Szenen in seinem Mailänder Labor, der Streit mit seinem Wissenschaftler, die embryonale Frucht, deren winziger Leib sich in rasenden Zuckungen im Reagenzglas bewegte. Er hatte den Fötus sterben sehen, hatte ihm in die riesigen Augen gesehen, sah, wie er seine Strafe bekam. Ja, so hatten die Pharmakologen sich ausgedrückt: wie er seine Strafe bekam!
Die Wissenschaftler gingen entschieden zu weit. Er würde der Sache nachgehen und Lösungen finden. Die fand er immer, wie auch bei Anna. Seine Frau wusste nicht, dass Katharina Jakobs Tochter war und nicht seine. Er hatte den Test manipuliert. Aber er liebte die Kleine wie sein eigenes Kind. Niemals durfte Anna das erfahren. Und das war auch gut so. Er wollte sie nicht verlieren.
Anna schloss die Augen, ergriff seine Hand und führte sie unter das Nachthemd zu ihrer Brustwarze, die vor Erregung hart wurde.
Er spürte die andersartige Aura, die nun von ihr ausging, und stürzte sich wie ein Adler auf seine Beute.
Ja, dachte er, so hatte er es immer gewollt.